Seelenwanderung und Schamanismus. Pythagoras zwischen Wissenschaft und Religion


Bachelorarbeit, 2011

51 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellenlage zu Pythagoras

3. DieSeelenwanderungslehre

4. Die gesellschaftliche Nachhaltigkeit des Pythagoras

5. Der Kult um Pythagoras
5.1 Derpolitische Einfluss des Pythagoras
5.2 „Ahxog §90“: Pythagoras und seine Anhanger

6. Schluss

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Von der Wissenschaftsgeschichte als Scharlatan verworfen, aber dennoch als enorm einflussreicher Vorsokratiker und Wissenschaftler anerkannt und bis heute prasent: Pythagoras von Samos.[1]

Die Uberlieferung seiner Biographie beschrankt sich bei der schon fruh beginnenden Legendenbildung, hauptsachlich auf die altesten Zeugnisse bis Aristoteles und dessen Schule.[2] Pythagoras lebte im 6. Jahrhundert v. Chr.; aus historischer und systematischer Sicht zahlt Pythagoras somit zu der „Grunderzeit“ der Philosophie und hatte einen bedeutenden Einfluss auf Platon.[3]

Pythagoras kann nicht als reiner Philosoph und Mathematiker betrachtet werden, denn so wurde ein unvollstandiger Eindruck entstehen. Pythagoras war viel mehr als das: Er war vordergrundig ein religioser Prophet.[4] Darin liegt bereits eine gewisse Problematik begrundet. Die Grenzuberschreitung zwischen Religion, Mentalitat und Wissenschaft scheint also fur den Denker und seine Lehren charakteristisch zu sein.[5] Daher ist die Einschatzung des Pythagoras nicht nur unter Historikern der Antike gespalten, sondern war es bereits in den seiner eigenen Lebenszeit nahe stehenden Perioden.[6]

Orientiert man sich an Burkerts Standardwerk „Weisheit und Wissenschaft“ zu dieser Thematik, so wird der Eindruck erweckt, dass der angebliche Begrunder des „Satz des Pythagoras“ nur ein Schamane war, welcher sich mit einem religiosen Kult und mystischen Erscheinungen, anstatt mit mathematischen Beweisen einen Namen machte.[7]

Doch Pythagoras hatten einen grofien Einfluss auf die ihm folgenden Denker. So war beispielsweise Aristoteles der Meinung, Platon folge den Pythagoreern in den wesentlichen Grundzugen seiner Philosophie.[8] Weiterhin gibt Aristoteles mit seinen Kommentaren uber den Pythagoreismus Diskussionsstoff.[9] Ob er mit dem Ausspruch: „die sogenannten Pythagoreer“,[10] wirklich eine Distanzierung aufzeigen will, ist nicht klar heraus zu lesen.[11]

Im Gegensatz zu Aristoteles gab es fur die Gemeinschaft der Pythagoreer, die sich rund um Pythagoras entwickelte, keinen Zweifel an seinen Fahigkeiten. Fur seine Schuler war er ein bedeutender Mentor mit einem Wissen, welches sich selber zu gottlicher Weisheit transzendiert und die das Faszinierende des Religiosen mit der Sicherheit exakter wissenschaftlicher Beweise vereinen sollte. Dieses Idealbild wirkt bis in unsere Gegenwart.[12] Pythagoras hatte in der Bruderschaft der Pythagoreer eine unumstrittene Autoritat. Der Ausspruch: ,,Er selbst hat es gesagt.“[13] wurde in der weiteren Uberlieferung der Pythagoreer zum unbestreitbaren Abschlussjeder „Argumentation“.[14]

Es stellt sich die Frage, woraus sich seine Macht und sein Ansehen legitimierte. Wie wurde er von Zeitgenossen wahrgenommen? Wie erreichte er eine so enorme Anziehungskraft, um massenhaft Schuler und Gelehrte von sich zu uberzeugen, obwohl er bereits bei einigen Denkern seiner Zeit als Scharlatan verrufen wurde?[15] Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, die Position des Pythagoras nicht nur in seiner Zeit naher zu beleuchten, sondern auch die Forschungsliteratur zu berucksichtigen.[16]

Als Grundlage dieser Betrachtung dient das bereits erwahnte Buch „Weisheit und Wissenschaft“ von Walter Burkert, welcher als ein Verfechter der Schamanismusthese gilt.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Frage, ob Pythagoras es geschafft hat Philosophie, Mentalitat, Religion und Wissenschaft zu vereinen. Ziel dieser Arbeit soll es sein, eine klare Position zur Problematik erkennbar zu machen und ausweichende Antworten zu vermeiden.

Um auf die eben genannten Fragestellungen eingehen zu konnen, ist es notwendig, zunachst die Quellenlage um Pythagoras und die damit verbundenen Probleme naher zu betrachten. Aufierdem ist es erforderlich die Lehren des Pythagoras genauer zu beleuchten, um die Problematik um sein Gedankengut und seine Person verstehen zu konnen. Der Vorsokratiker lehrte und forschte in den verschiedensten Bereichen der Wissenschaft. Einige Schwerpunkte waren dabei die Akustik und Harmonik, die Botanik, die Astronomie, die Philosophie und naturlich die Mathematik.[17] Die philosophische Wissenschaft soll in dieser Arbeit die Hauptrolle spielen. Dabei wird insbesondere auf die Lehre der Metempsychose eingegangen, da diese zur Beantwortung der Fragen eine grofie Rolle spielt. Vor allem die Lehre um die Seele spaltet die Meinungen uber den Mann aus Samos stark. Daher soll es im anschliefienden Kapitel um die Nachhaltigkeit Pythagoras in der Gesellschaft gehen. Es sollen besonders die Sichtweisen anderer Gelehrter und zeitlich nahestehenden Personen uber Pythagoras und dessen Lehren an Hand verschiedener Quellen erlautert werden, damit die Uneinigkeit bezuglich seiner Theorien verstanden werden kann. Darauf aufbauend handelt der letzte Abschnitt der Arbeit von der pythagoreischen Gemeinschaft und deren Errungenschaften in Unteritalien. In diesem letzten Kapitel soll es weiterhin um die „Akusmata“ der pythagoreischen Gemeinschaft und deren Einfluss auf das Leben der Schuler des Pythagoras gehen.

2. Quellenlage zu Pythagoras

Die Aussagen uber das Leben und die Person des Pythagoras sind so enorm legendenhaft gepragt, dass es fast unmoglich erscheint Verifiziertes uber seine Personlichkeit und seine Lehren zu ermitteln. Eine eigenstandige Schrift soil der Vorsokratiker nicht uberliefert haben.[18]

Doch sowenig an dem historischen Dasein des Pythagoras zu zweifeln ist, so durftig erscheinen die wirklich gesicherten Nachweise uber ihn und sein Gedankengut.[19] Vor der Zeit des Philolaos gab es nur eine mundliche Tradition der eigentlichen Schule. Die Lehren des Pythagoras waren also ausdrucklich mundlich formuliert und wurden somit auch mundlich uberliefert.[20] Es entstand ein leerer Raum, ohne Informationen uber diesen bedeutenden Denker. Dieses Vakuum wurde mit vielen legendenhaften Erzahlungen und Geruchten gefullt, welche sich als historische Quelle fur die Wissenschaft schwierig gestalten.[21]

Jedes Bestreben pythagoreische Philosophie und Wissenschaft so weit wie moglich zuruck zu datieren, muss sich ,,Rechenschaft geben uber seine Vereinbarkeit mit den religios-kultischen, ja magisch-primitiven Seiten des Pythagoreismus; so Burkert. Daher ist es notwendig, dass jede Studie uber Pythagoras bestrebt sein muss, auch die spatere Entwicklung der pythagoreischen Wissenschaft verstandlich darzustellen. Entscheidende und unverzichtbare Elemente sind dabei die Quellen. Nur sie konnen uber die historischen Fakten entscheiden, denn Mathematik und Philosophie konnen, ahnlich wie die Religionswissenschaft, immer nur verschiedene Moglichkeiten aufzeigen und nicht den einen richtigen Weg vorgeben.[22]

Das meiste Quellenmaterial uber das Leben und Wirken des Vorsokratikers ist im 8. Buch des Diogenes Laertius, in der Pythagorasvita des Porphyrios und vor allem bei Iamblichos zu finden. Letzterer stellte sich die Aufgabe, in einem auf 10 Bucher - bei Pythagoras die vollkommene Zahl - berechneten Werk, die Kaxa nuOayopav ^ikooo^la, darzustellen.[23]

Diese Schrift ist ein anschauliches Beispiel fur die Problematik der Glaubwurdigkeit der Quellen. Bei dem Werk des Iamblichos ,,De Vita Pythagorica Liber“ handelt es sich um eine der ausfuhrlichsten antiken Schriften uber Pythagoras und dessen Schule. Doch bevor diese Darstellung als historische Quelle benutzt werden kann, muss zunachst beachtet werden, dass den Verfasser acht Jahrhunderte von seinem Gegenstand trennten. Weiterhin ist es sehr wichtig zu erkennen, dass auch die Gewahrsleute des Iamblichos von unterschiedlicher Vertrauenswurdigkeit sind.[24] Bei den Berichten des Iamblichos fallt aufierdem schnell auf, dass es sich hierbei nicht um eine nuchterne Betrachtung eines Historikers handelt, sondern um eine Heiligenlegende:

,,Die ganze Fahrt uber - zwei Nachte und drei Tage - verharrte er in ein und derselben Stellung, ohne Speise, ohne Trank und ohne Schlaf [...] Dabei verlief die Seefahrt wider Erwartungen ununterbrochen, beschwingt und gradlinig, als ware ein Gott anwesend [...]“[25]

Diese Art und Weise des Schreibens durchzieht das gesamte Werk und erscheint nicht nur sehr langatmig, sondern auch stark ausgeschmuckt.[26]

Franz Schupp macht ebenfals darauf aufmerksam, dass die beruhmteste Pythagoras - Biographie der Antike mit Vorsicht zu geniefien sei. Das Werk entstand im 3. und 4. Jahrhundert nach Christus. Daher ist es sehr schwer zu sagen, uber wie viel authentische Nachrichten Jamblichos tatsachlich verfugt hat.

Schupp geht vor allem auf das Interesse des Autors ein:

„Er will fur Pythagoras, den grofien Vorlaufer Platons, der somit gleichzeitig eine Grunderfigur seines eigenen religiosen Platonismus darstellt, eine Lebensbeschreibung im Stil eines Evangeliums oder einer Heiligenlegende verfassen. Wir erfahren aus dieser Biographie daher wohl mehr uber Jamblichos und seine Idealvorstellung eines Verkunders der Wahrheit als uber Pythagoras.“[27]

Zeller erkannte einen Zusammenhang zwischen der zeitlichen Entfernung zu Pythagoras, der Menge der Quellen und ihrer Glaubwurdigkeit: Je weiter die Schriften zeitlich von Pythagoras entfernt sind, desto mehr nimmt ihre Unglaubwurdigkeit zu.

Die Forschungsgeschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, dass noch immer Risiken existieren, in spatantiken Uberlieferungen verlassliche Quellen zu finden. Das Problem ist dabei weniger, „neues“ Material zu entdecken. Viel mehr liegt der Schwerpunkt darin, die Uberlieferung, die als glaubhaft gilt, sehr kritisch und so genau wie moglich zu untersuchen.[28]

Hieraus wird deutlich, dass die Fragen nach dem Alter und der Glaubwurdigkeit der Quellenberichte die wichtigsten Voraussetzungen der Pythagoras - Forschung darstellen. Daruber hinaus ist es naturlich enorm bedeutsam zu unterscheiden, ob es sich bei den vorliegenden Texten um Wahrheit oder Dichtung, Geschichte oder Legende handelt.

Vor allem die Angaben aus den Quellen des 3. und 4. Jahrhunderts v. Chr., darunter Aristoteles und seine Schuler, sowie der Historiker Tiamaios von Tauromenion, gehoren zu den als besonders wertvoll geltenden Hinweisen. Doch auch an dieser Stelle ist Vorsicht geboten, da bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. unterschiedliche Gruppierungen Pythagoras fur sich beanspruchten und er mehr und mehr zu einem idealen Philosophen stilisierten.[29]

Weiterhin werden Pythagoras und seine Schulergemeinschaft von Aristoxenos sehr ausfuhrlich behandelt, welcher sich auf die Bekanntschaft mit den „letzten“ Pythagoreern berief.

Aristoxenos hielt zum Beispiel die Zahlentheorie der Intervalle, welche durch Platon und Aristoteles als spezifisch pythagoreisch bezeugt wird, fur nicht glaubhaft und falsch. Ebenso hielt er die Unsterblichkeit der Seele fur unglaubwurdig. Aristoxenes bezeichnet die Pythagoreer, welche er personlich kannte, als die „letzten“. Mit diesen Schulern der pythagoreischen Gemeinschaft ware die Schule erloschen.[30]

Weiterhin behauptet er, dass Pythagoras nichts lieber als Bohnen gegessen hatte. Dies kann nur als ,,versteckte Polemik“ gegen das bezeugte Bohnentabu[31] von Aristoteles und Herakleides verstanden werden.

Selbst die Annahme, die ihm bekannten Pythagoreer hatten sich von den alten Ritualen gelost, bleibt immer noch das Ignorieren der Gegentradition. Es ist nicht davon auszugehen, dass Aristoxenes all seine Aussagen erfunden hatte. Er muss uber verschiedene Informationen verfugt haben, hat aber den Pythagoreismus nach seinem eigenen Bild interpretiert. Er beschreibt die Pythagoreer als sehr vernunftig, fern ab von Mystik, Kult und Magie. Dies erscheint einigen Forschern sympathisch, den anderen wiederum als sehr verdachtig. Da Aristoxenes eine ausfuhrliche Quelle fur den Pythagoreismus liefert, ist das Problem seiner Glaubwurdigkeit besonders wichtig und daher auch besonders umstritten.

Hier zeigt sich das Grundproblem, welches sich aus der Quellenanalyse ergibt: da die spate Uberlieferung auf die Schreiber des 4. Jh. v. Chr. zuruckgefuhrt wird, ,,gelangt man nicht auf festen Boden, sondern auf den schwankenden Grund aktueller Kontroversen.“, so Burkert. Auf Grund der vielfaltigen Zeugnisse sollte man konkret unterscheiden: Fundamente der historischen Forschung mussen die vorplatonischen Schriften sein, weil die der Zeit voraus liegen, ,,in der das Pythagoreische in den Sog der Schuldebatten hineingeriet“, so Burkert weiter.[32]

Nicht nur die fehlenden Primarquellen stellen ein Problem fur die Darstellung seiner Person dar, sondern auch die unumstrittene Autoritat, die er bei seinen Schulern genoss. Die spaten Pythagoreer schrieben Pythagoras selbst beinahe alles zu, was ihnen gelehrt wurde.[33]

Somit ergibt sich das Problem, dass es sehr schwierig ist zu unterscheiden, was tatsachlich auf Pythagoras und was auf seine Nachfolger zuruckgeht. Bereits Aristoteles spricht nie von den Lehren des Pythagoras selbst, sondern nimmt eine klare Trennung vor: Er unterscheidet die Pythagoreer von ihrem Lehrer Pythagoras und bezeichnet sie als ,,diejenigen, die man Pythagoreer nennt“.[34] Wahrscheinlich tut er das, um zu verdeutlichen, dass dies zwar der ihnen normalerweise gegebene Name ist, aber es sich nicht genau durchleuchten lasst, in welcher Verbindung sie zu ihrem Meister stehen.[35]

Aristoteles setzt sich an verschiedenen Stellen darstellend und kritisch mit den Pythagoreern auseinander. Wie bereits einleitend erwahnt, spricht Aristoteles distanziert von den „so genannten Pythagoreern“.[36]

Er nennt also nicht direkt Pythagoras, sondern spricht nur von den Pythagoreern. Aristoteles war sich wohl daruber im Klaren, dass ganz und gar nicht alles, was die Pythagoreer lehrten, auch tatsachlich auf Pythagoras zuruckgefuhrt werden kann.[37]

Auf Grund dessen benutzt wahrscheinlich auch Thesleff den Begriff der ,,pseudopythagoreischen Schriften“[38]: Einerseits unterteilt er diese in Dokumente, die Pythagoras selbst oder einem seiner nahestehenden Verwandten zugeschrieben wurden. Zu dieser Kategorie gehoren auch Quellen, die Pythagoras oder seine personliche Lehre betrafen. Auf der anderen Seite fuhrt er Texte auf, welche andere Pythagoreer oder andere, unbekannte Autoren zu dieser Thematik verfasst haben.[39]

Ein weiteres Problem der Uberlieferung stellt die Soziologie der Schule selbst dar. Pythagoras betrachtete fur die Vermittlung seiner sophia eine geheime politisch - religiose Kommunitat als gut geeignete Form der Organisation. Die antiken Dokumente stimmen in diesem Punkt uberein:

Der Vorsokratiker gab in Analogie zu Mysterienkulten seine Lehren nicht anjede interessierte Person weiter, sondern machte die Weitergabe seines Wissens abhangig von einer durch den Ritus gepragten Lebensfuhrung.[40]

Darunter fallt unter anderem auch die Schweigepflicht der Schuler, auf die im Verlauf der Arbeit naher eingegangen wird.

Zwar mogen viele Quellendokumente spat und wenig vertrauenswurdig erscheinen, so kann dem Ganzen kein blofies Nichts zu Grunde liegen! Der gesamte Kult der Pythagoreer ist ohne einen Anfuhrer, wie Pythagoras, nicht vorstellbar. Und ohne chronologische und geistesgeschichtliche Fixierung ware wissenschaftliches Forschen definitiv nicht moglich.

Die Schriften sollten daher zwar kritisch betrachtet und hinterfragt, doch nicht grundlegend als falsch betrachtet werden, denn ,,der Minimalismus, der alle Uberlieferungen streicht, die irgend fragwurdig erscheint, gibt notwendigermafien ein falsches Bild.“, so Burkert.[41]

Nachdem nun die verschiedenen Probleme der Quellenlage zu Pythagoras beleuchtet wurden, wird sehr deutlich, dass die entstehenden Lucken zu Spekulationen und eventuell auch zu eigenstandigen Erganzungen fuhrten. Daraus entstanden die „pseudoepigraphischen Schriften, die spatestens seit dem Hellenismus in immer grofierer Zahl verfasst wurden und meist mit platonischen und aristotelischen Philosophemen durchsetzt sind.“, so Riedweg in seinem Vorwort.[42]

3. Seelenlehre

Im Allgemeinen gilt es als die sicherste Tatsache in der Geschichte des Altpythagoreismus, dass Pythagoras die Lehre der Seelenwanderung unterrichtete.[43] Die bekannten Verse des Xenophanes, welche das alteste Zeugnis uber Pythagoras darstellen, spielen auf die Seelenlehre an:

Kai aoxs piv oxo^sAi^opsvou oKukaKog aapiovxa ^aoiv saoiKxipai Kai xobs ^aobai saog. aaboai ppbs paai^' , sasi p ^ikou avspog soxiv ynxp, xpv syvwv ^bsy^apspog aiwv.[44]

Obwohl der Name Pythagoras nicht genannt wird, bezieht sich Diogenes Laertios auf diesen; es ist der Beginn der ganzen Elegie. In dieser Quelle wird bereits deutlich, dass nicht alle Zeitgenossen den „Grofimeister“ Pythagoras so ernst genommen haben wie die Schuler seines Geheimbundes:

Die Seelenwanderungslehre schien den Griechen sehr fremd. Das kann man an der oben angefuhrten, fast spottischen, Anekdote erkennen.[45]

Fur Aufienstehende war die Vorstellung einer wandernden Seele neu und befremdlich und viele sahen Pythagoras als einen Schamanen an. Fur Andere wiederum war dieses Gedankengut eine geistige Bereicherung und somit wurde der Denker von jenen mit Respekt behandelt und bewundert. Diese beiden Pole zeigen sehr klar: Die Seelenlehre des Pythagoras verdeutlicht am starksten die gespaltenen Meinungen um seine Person.

Weiterhin ist aus den Versen des Xenophanes erkennbar, dass in Grofigriechenland die Reinkarnation der Seele zwischen dem 6. zum 5. Jahrhundert v. Chr. weitestgehend bekannt gewesen sein muss und mit dem Namen des Pythagoras in Verbindung gebracht wurde. Dies sind die Grunde, weshalb im Folgenden auf diese Theorie des Vorsokratikers naher eingegangen werden soll. Was verstand Pythagoras unter dem Begriff der Seele und was lehrte er uber sie und ihre Entwicklung? Und wie wichtig war diese Lehre fur das Leben der Pythagoreer?

In der pythagoreischen Seelenlehre steht der Glaube an die Seelenwanderung an primarer Stelle. Der Gedanke, dass ein bestandiges „Etwas“ in allem Leben steckt, egal ob Mensch, Tier oder Pflanze, war zu dieser Zeit vollig neu.[46] Von dieser Grundannahme ausgehend kam es auch zu einem vollig neuartigen Verstandnis uber den Begriff „Lebewesen“: „empsychon“. Dies bedeutet soviel wie ,,darin ist eine psyche[44]. Diese Psyche ist bei Pythagoras „anathos“, das heifit: Ohne Tod.[47],,Dass diese Bezeichnung, die seit Homer die Gotter charakterisiert, nun mehr zum Wesensmerkmal der menschlichen Person wird, ist in der Tat eine Revolution", so Walter Burkert.[48]

Schon Ion von Chios erwahnt Pythagoras, als denjenigen, der alles uber das Schicksal der Seele weifi:[49]

wg o psv pvopsp ts KSKaopsvog p5s Kai aiboi Kai ^0ipsvog ynxp Tsp^vov sxsi pioTOv, smsp Ho0ay6p'ng sropwg oo^og, 5g rcspi tc&vtwv av0pwnwv yvwpag si5s Kai s^spa0sv...[50]

Weiterhin bringt die Tradition der Griechen am Schwarzen Meer und Hellespont, welche Herodot weitergibt, die TsTai a0avan^ovTsg in einen Zusammenhang mit Pythagoras. Auch wenn in beiden Fallen der Begriff der „Seelenwanderung“ nicht erwahnt wird, so ist aber der Name Pythagoras prasent. Er scheint der Bekannteste in diesem Bereich des Denkens zu sein und wird scheinbar automatisch mit Lehren uber die Unsterblichkeit und des Jenseits in Verbindung gebracht.

Diogenes Laertius berichtet, Pythagoras habe gelehrt: „Die Seele sei unsterblich, da auch das, wovon sie losgerissen ist, unsterblich ist.“[51]

Pythagoras erhob diese Vorstellung auf eine philosophische Ebene. Der zentrale Gedanke fur seine Lehre war, dass die Seele das wirklich „wahre“ Wesen eines Lebewesen darstelle. Weiterhin relevant war fur ihn die Annahme, dass durch die Verbindung mit dem Korper die Reinheit des „wahren“ Wesens beeintrachtigt wurde.

[...]


[1] Aristox. Fragm. 11A Wehrli; Diog. Laert. 8,1. Die folgenden Diog. Laert. Quellen werden entnommen aus: Reich K. (Hrsg) 2008. Diogenes Laertius, Leben und Meinungen beruhmter Philosophen. 2 Bande, ubersetzt von O. Apelt, unter Mitarbeit von H.G. Zerkl, Hamburg.

[2] Diels, H. / Kranz, W.(Hrsg.) 1966. Die Fragmente der Vorsokratiker. 12.unveranderte Auflage, 1.Band. Dublin/Zurich.S.96. Im Folgenden wird Diels/Kranz mit DK abgekurzt.

[3] Schupp, F. 2003. Geschichte der Philosophie im Uberblick. Band 1 Antike, Hamburg.S.61. Biographie des Pythagoras siehe auch: Kirk, G.S. / Raven, J.E. / Schofield, M. 2001. Die Vorsokratischen Philosophen. Einfuhrung, Texte und Kommentare, ubersetzt von Karl - Heinz Hulser, Stuttgart oder auch Mansfeld, J. 2001. Die Vorsokratiker. Milesier, Pythagoreer, Xenophanes, Heraklit, Parmenides, Band 1, Stuttgart.

[4] Van der Waerden, B.L. 1979. Die Pythagoreer. Religiose Bruderschaft und Schule der Wissenschaft, Zurich / Munchen.S.6.

[5] Burkert, W. 1962. Weisheit und Wissenschaft. Studien zu Pythagoras, Philolaos und Platon (Erlanger Beitrage zur Sprach- und Kunstwissenschaft. Band 10), Nurnberg.S.11.

[6] Schupp: Geschichte der Philosophie im Uberblick.S.63.

[7] Burkert: Weisheit und Wissenschaft.S.7.

[8] Frank, E. 1962. Plato und die sogenannten Pythagoreer. Ein Kapitel aus der Geschichte des griechische Geistes, 2.unveranderte Auflage, Darmstadt.S.3; so wie Kirk / Raven / Schofield: Die Vorsokratischen Philosophen.S.238.

[9] Burkert: Weisheitund Wissenschaft.S.28.

[10] Aristot. cael. B13,293a18 (DK 58B37); Kirk/Raven / Schofield: Die Vorsokratischen Philosophen.S.374 und auch in: Aristot. metaph. A5.

[11] Frank setzt das „sogenannte“ bewusst in den Titel seines Werkes ,,Plato und die sogenannten Pythagoreer. Ein Kapitel aus der Geschichte des Griechischen Geistes.“; Carl A. Huffmann: Die Pythagoreer. In: Friedo Ricken (Hrsg.): Philosophen der Antike. Band 1. Stuttgart/Berlin/Koln, 1996.S.57.

[12] Burkert: Weisheitund Wissenschaft.S.11.

[13] Altgriechisch: „anx6^ e^aA Es gibt verschiedene Ubersetzungen fur diesen Ausspruch: Bei Schupp: Geschichte der Philosophie im Uberblick.S.63: ,,Er selbst hat es gesagt“, bei Diog. Laert. 8,46: ,,Er hat es selbst gesagt“ und bei Mansfeld auch mit ,,Der Meister hat es gesagt.“ ubersetzt.

[14] Gomperz, T.41996. Griechische Denker. Eine Geschichte der antiken Philosophie, 1.Band, Frankfurt am Main.S.91.

[15] Siehe ab S.20 (Herakl. Fragm. 129).

[16] Vor allem das schon erwahnte Werk von Burkert ,,Weisheit und Wissenschaft“ soll dabei im Vordergrund stehen. Weiterhin werden Quellen nach Kleinem Pauly abgekurzt: Ziegler, K. / Sontheimer, W. (Hrsg.) 1964. Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike, auf der Grundlage von Pauly's Realencyclopadie der classischen Altertumswissenschaft unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter, Erster Band (Aachen bis Dichalkon), Stuttgart.

[17] Die verschiedenen Wissenschaften, mit denen sich Pythagoras auseinandergesetzt hat, werden sowohl bei Zhmud, L. 1997. Wissenschaft, Philosophie und Religion im fruhen Pythagoreismus. Berlin, als auch bei Burkert: Weisheit und Wissenschaft, ausfuhrlich erlautert.

[18] Josephus contra Apionem 1, 163 (DK 14,18); Schupp: Geschichte der Philosophie im Uberblick.S.61.

[19] Capelle, W. 1935. Die Vorsokratiker. Die Fragmente und Quellenberichte (Kroners Taschenausgabe Band 119), Leipzig.S.98.

[20] DK: Die Fragmente der Vorsokratiker. S. 96.

[21] Kirk / Raven / Schofield: Die Vorsokratischen Philosophen.S.239.

[22] Burkert: Weisheitund Wissenschaft.S.12.

[23] Burkert: Weisheitund Wissenschaft.S.86f.

[24] Iamblichos, 1963. Vita Pyth., Iamblichos. Vom pythagoreischen Leben, Text und Ubersetzung von M. von Albrecht (Titel: Pythagoras: Legende - Lehre - Lebensgestaltung).Zurich.S.7.

[25] Ebd.S.16.

[26] Ebd.S.11-19.

[27] Schupp: Geschichte der Philosophie im Uberblick.S.62.

[28] Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im fruhen Pythagoreismus.S.27.

[29] Riedweg, C. 2002. Pythagoras. Leben-Lehre-Nachwirken, Munchen.S.10.

[30] Aristot. Fragm.18,19 Burkert: Weisheitund Wissenschaft.S.95; Vgl. Fr.1; Burkert: Weisheit und Wissenschaft.S.192,194.

[31] Burkert: Weisheit und Wissenschaft.S.164ff.

[32] Ebd.S.95ff.

[33],,Er hat es selbst gesagt.(autos epha)“ (Diog. Laert. 8,46).

[34] Capelle: Die Vorsokratiker.S.99.

[35] Brunschwig, J. / Lloyd, G. (Hrsg.) 2000. Das Wissen der Griechen. Eine Enzyklopadie, Munchen.S.831.

[36] Aristot. cael. B13,293a18 (DK 58 B 37)

[37] Schupp: Geschichte der Philosophie im Uberblick.S.72.

[38] Tesleff,H.1961. An introduction to the pythagorean writings of the hellenistic period, Acta Academiae Aboensis HumanoriaXXIV. 3, Basel.

[39] Schubert, Ch. 2010. Die pseusopythagoreische Hippodamos - Schrift rcepi rcoktxelaq bei Stobaios und ihr Vermachtnis zur hippodamischen rcoArxela bei Aristoteles.S.4.

[40] Riedweg: Pythagoras.S.10.

[41] Burkert: Weisheitund Wissenschaft.S.10.

[42] Riedweg: Pythagoras.S.11.

[43] Burkert: Weisheitund Wissenschaft.S.98.

[44] Xenophan. Fragm. 7 = Diog. Laert. 8, 36 (Capelle: Die Vorsokratiker.S. 100).

[45] Schupp: Geschichte der Philosophie im Uberblick.S.65.

[46] Diog. Laert. 8,28.

[47] Ries: Die Philosophie der Antike.S.26.

[48] Burkert, W. 1997. Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche. Stuttgart. S.455.

[49] Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im fruhen Pythagoreismus.S.32.

[50] DK: Ion von Chios 36 B4.

[51] Diog. Laert. 8,28.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Seelenwanderung und Schamanismus. Pythagoras zwischen Wissenschaft und Religion
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Alte Geschichte)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
51
Katalognummer
V232024
ISBN (eBook)
9783656487517
ISBN (Buch)
9783656492948
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
seelenwanderung, schamanismus, pythagoras, wissenschaft, religion
Arbeit zitieren
Anne-Katrin Frenzel (Autor), 2011, Seelenwanderung und Schamanismus. Pythagoras zwischen Wissenschaft und Religion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232024

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