„Besonders nachhaltig ist der Eindruck, den das Jüngste Gericht auf dem Tympanon von Conques in seiner Gesamtstruktur wie in einzelnen Szenen hinterlässt. Hier kommt die unerschöpfliche Originalität eines zuversichtlichen Weltbildes in Sicht, das zum eigentlichen Thema des romanischen Fassadenschmucks wurde.“ (Strecke 2002: 9)
Diese Aussage von Reinhart Strecke deutet bereits an, welche Faszination bis heute von dem Tympanon der Klosterkirche Sainte-Foy de Conques ausgeht. Das Tympanon erzählt Geschichten; es vermittelt seinen Betrachtern eine Botschaft. Sicherlich mag es sein, dass diese Botschaft im Laufe der Jahre unterschiedlich interpretiert worden sein mag, sei es aus theologischer, kunstgeschichtlicher oder zeithistorischer Perspektive. Seit mehreren Jahrhunderten spricht das Tympanon nun schon zu seinen Betrachtern. Daher kann es als eine „sinnliche Mitteilung aus der Geschichte“ gesehen werden und wird somit zu einer „historische(n) Quellengattung eigener Art“ (Sauerländer in: Strecke 2002: 10). Dennoch kann man dem Tympanon von Conques auch eine gewisse Allgemeingültigkeit und Universalität zusprechen, da sich die Botschaft allen seinen Betrachtern, ob im 12. oder 21. Jahrhundert, offenbart und für sie alle relevant war, ist und bleibt: alles Gute wird letztlich belohnt, alles Böse bestraft. Dies ist jenes „zuversichtliche(n) Weltbild(es)“, welches im Eingangszitat angesprochen wird.
Ziel dieser Arbeit ist es nun, die Bildersprache des Tympanons der Sainte-Foy de Conques zu untersuchen und zu klären, inwiefern die einzelnen Skulpturen und die angewandten gestalterischen Mittel seine Botschaft transportieren und vermitteln. Im ersten Teil wird zunächst die Klosterkirche Sainte-Foy selbst vorgestellt, um somit den historischen Hintergrund zu skizzieren und eine allgemeine Ausgangsbasis für den anschließenden Hauptteil zu schaffen. Hier soll dann der Fokus auf das Tympanon selbst gerichtet sein. Bei dieser Analyse werde ich mich nach den drei großen thematischen Einheiten richten, aus denen sich das Tympanon zusammensetzt: das Jüngste Gericht, die Welt des Guten sowie die des Bösen. Durch welche Mittel ist es den Bildhauern seinerzeit gelungen, die eine Welt gut und erstrebenswert, die andere hingegen grausam und beängstigend erscheinen zu lassen? Diese Fragen sollen im Verlauf dieser Arbeit geklärt werden, indem die Skulpturen des Tympanons der Sainte-Foy de Conques `zum Sprechen gebracht werden`.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Klosterkirche Sainte-Foy de Conques
III. Das Tympanon der Sainte-Foy de Conques
III.I. Die Darstellung des Jüngsten Gerichts
III.II. Die Darstellung der Welt des Guten
III.III. Die Darstellung der Welt des Bösen
IV. Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Bildersprache des Tympanons der Klosterkirche Sainte-Foy de Conques zu analysieren und zu untersuchen, durch welche gestalterischen Mittel die Skulpturen ihre religiöse Botschaft der moralischen Einteilung in Gut und Böse für den Betrachter vermitteln.
- Historische Einordnung der Klosterkirche Sainte-Foy de Conques
- Analyse der bildhauerischen Gestaltung des Tympanons
- Kontrastreiche Darstellung von Paradies und Hölle
- Die Rolle von Jesus Christus als oberster Richter
- Symbolik der Einzelszenen und ihre pädagogische Funktion im Mittelalter
Auszug aus dem Buch
III.III. Die Darstellung der Welt des Bösen
Besonders signifikant für die Schrecken, die von der Hölle ausgehen, ist eine Szene im Tympanon, welche sich im dritten Register, direkt unter der Szene der Seelenwägung befindet: die Erretteten sind zur geöffneten Tür zum Paradies gerichtet, wo sie empfangen und eingelassen werden. Einer von ihnen jedoch wirft noch einmal einen furchtsamen Blick zurück, welcher von einem Dämon mit schwingender Keule auf der anderen Seite bedrohlich erwidert wird. Man kann sich geradezu vorstellen, wie schnell der Errettete dann zur Tür des Paradieses drängen mag, wenn er einmal gesehen hat, welch grausiges Schicksal die Sünder auf der anderen Seite erwartet. Am Eingang zur Hölle werden die Sünder hier in den Schlund des Leviathan, ein biblisches Ungeheuer, gesteckt, welcher sie dann verschluckt und direkt in die Hölle ausscheidet (Brockman 2011: 111). Nur sein überdimensional großer Kopf, mit weit geöffnetem Maul und großen Zähnen, ist hier dargestellt und erinnert in seiner Gestaltung an einen Höllenhund. Leviathan scheidet die Sünder in die Hauptszene des dritten Registers hinein aus, welche wieder, wie auf der linken Seite, durch dreieckig angeordnete Bänder abgegrenzt ist. Hier ist Satan die zentrale Figur, auch er thront inmitten seiner vielen teuflischen Helfer und Dämonen, die um ihn herum im chaotischen Gedränge ihre grausame Arbeit verrichten.
Satan selbst ist wie eine Fantasiefigur gestaltet. Seine Haare stehen in einzelnen Büscheln vom Kopf ab, sein Gesicht ist eine verzerrte Grimasse mit weit aufgerissenen Augen, sein Körper wirkt ausgemergelt, worauf die ausgestalteten Rippen an seinem Rumpf hinweisen. Um seine dünnen Beine wickeln sich mehrere Schlangen, welche in der christlichen Tradition ein „Unheil stiftendes Wesen“ sind, da sie im engen Zusammenhang mit dem Sündenfall der Menschheit stehen (Forstner/ Becker 1991: 248). Die Doppelzüngigkeit der Schlange spiegelt sich in dem Dämon wieder, der sich an die rechte Schulter des Satans lehnt und ihm etwas einflüstert. Dass dies nur unheilbringende Worte sein können, liegt nahe. Besonders bemerkenswert erachte ich die Gestaltung aller Teufelshelfer und Dämonen, da diese unwahrscheinlich detailliert ist und somit Zeugnis eines beachtlichen handwerklichen Könnens des Bildhauers ist.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Thematik des Tympanons von Conques, das als bildgewaltige „sinnliche Mitteilung aus der Geschichte“ und als Instrument religiöser Erziehung analysiert wird.
II. Die Klosterkirche Sainte-Foy de Conques: Darstellung der Entstehungsgeschichte des Klosters, seiner wirtschaftlichen und spirituellen Bedeutung sowie der architektonischen Einordnung als bedeutende Pilgerstation.
III. Das Tympanon der Sainte-Foy de Conques: Analyse der Struktur und der 124 Skulpturen des Tympanons, unterteilt in die drei thematischen Bereiche des Jüngsten Gerichts, der Welt des Guten und der Welt des Bösen.
III.I. Die Darstellung des Jüngsten Gerichts: Untersuchung der zentralen Christusfigur, ihrer ikonografischen Bedeutung als Weltenrichter und der Rolle der begleitenden Engel sowie der Seelenwaage.
III.II. Die Darstellung der Welt des Guten: Betrachtung der rechten, geordneten Seite des Tympanons mit der Darstellung des himmlischen Jerusalems und der Rolle der Heiligen und historischen Wohltäter des Klosters.
III.III. Die Darstellung der Welt des Bösen: Analyse der detaillierten und grausamen Höllenszenen sowie der symbolischen Bestrafung der sieben Todsünden unter der Herrschaft Satans.
IV. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung des Tympanons als ein kunstgeschichtlich bedeutsames „mittelalterliches Bilderbuch“, das auch heute noch durch seine lebendige Bildersprache fasziniert.
Schlüsselwörter
Sainte-Foy de Conques, Tympanon, Jüngstes Gericht, Romanik, Pilgerkirche, Reliquien, Ikonografie, Bildersprache, Seelenwaage, Hölle, Paradies, Christus, Mittelalter, Skulptur, Gottesfriedensbewegung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Bildersprache und die künstlerische Gestaltung des Tympanons der Klosterkirche Sainte-Foy de Conques, um die vermittelte religiöse Botschaft der mittelalterlichen Skulpturen zu entschlüsseln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Weltgericht, die Gegenüberstellung von Tugend und Laster sowie die historische und architektonische Bedeutung der Klosterkirche Conques.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist zu klären, wie die Skulpturen und gestalterischen Mittel des Tympanons die moralische Botschaft der Belohnung des Guten und Bestrafung des Bösen transportieren.
Welche methodische Herangehensweise wird gewählt?
Die Arbeit verwendet eine kunsthistorische Analyse der bildhauerischen Qualität und der ikonografischen Szenen im Kontext des mittelalterlichen Weltbildes und der christlichen Tradition.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Kirche als historischer Ort und die detaillierte Analyse des Tympanons, unterteilt in die Darstellung des Richters Christus sowie der Welten des Guten und des Bösen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern gehören Conques, Tympanon, Jüngstes Gericht, Ikonografie und Mittelalter.
Welche Bedeutung kommt der Seelenwaage im Tympanon zu?
Die Seelenwaage symbolisiert die himmlische und irdische Gerechtigkeit; sie fungiert als entscheidendes Element, das den Weg der Verstorbenen entweder in das Paradies oder in die Hölle weist.
Warum wirkt die Darstellung der Hölle laut der Autorin lebendiger als die des Paradieses?
Die Autorin argumentiert, dass die Seite der Hölle deutlich detailreicher, szenenreicher und dynamischer gestaltet ist, was eine stärkere visuelle Aufmerksamkeit beim Betrachter hervorruft.
- Quote paper
- Wiebke Pietzonka (Author), 2012, Das Jüngste Gericht in Kalkstein. Die Bildersprache des Tympanons der Klosterkirche Sainte-Foy de Conques , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232042