"Horror aequi". Doppel und Tripel–ing im Englischen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
24 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Die große Komplementverschiebung

3. Gerundien und Partizipien

4. Horror aequi als universelle Regel? – Die Entwicklung der Forschung
4.1 Ross 1972
4.2 Milsark 1972
4.3 Emonds 1973
4.4 Pullum 1974
4.5 Bolinger 1979
4.6 Milsark 1988
4.7 Pullum & Zwicky 1999
4.8 Rhodenburg 2003
4.9 Vosberg 2006

5. Zwischenfazit

6. Tripl-ing

7. Doubl-ing in der neuseeländischen Presse
7.1 Getrennte –ing Doppelungen
7.2 Non-verbale –ing Formen
7.3 Doubl-ing
7.3.1 Doubl-ing im Fernsehen

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Als Sprecher hegt man eine natürliche Abneigung gegen wiederholte Laute. Ist eine Doppelung vorhersehbar, so wird in den meisten Fällen versucht sie zu vermeiden. Diese Vermeidungsstrategie, welche „gleiche oder gleichartige grammatische Formen“ (Vosberg, 2006: 40) zu verhindern versucht, wird als horror aequi bezeichnet. Der Begriff , zu Deutsch Angst vor dem Gleichen, wird für verschiedene Arten von Wiederholungsvermeidung in der grammatischen Sphäre verwendet (Vosberg, 2003: 315) und geht zurück auf Brugmann (1909), der damit „eine Empfindungs- und Gefühlswirkung der zu produzierenden Lautung” in Dissimilationsvorgängen beschreibt (Vosberg, 2006: 49).

Horror aequi ist ein übereinzelsprachlicher Faktor, der die Aufteilung der Komplemente festlegt und die morpho-syntaktische Form des nachgeordneten (unterworfenen) Elements beeinflusst (Vosberg 2003: 315).

Im Deutschen wird die Aufeinanderfolge zweier identischer Formen durch eine veränderte Satzgliedstellung vermieden, wie an Satz (2) gesehen werden kann (Vosberg, 2006: 51).

(1) …it was thus pointless to attempt to analyse it. (ebd.)
(2) … es war daher zwecklos zu versuchen, es zu analysieren. (ebd.)

Horror aequi Effekte sind in Standard- sowie in Nichtstandard gleichermaßen anzutreffen (ebd.: 49). Tritt eine Doppelung von –ing Formen auf, so wird im Folgenden der Begriff Doubl-ing verwendet. Dieser geht auf Ross zurück, der 1972 erstmals eine Regel zur Einschränkung der –ing Doppelung auf einer rein formalen Grundlage entworfen hat.

In der englischen Sprache beeinflusst horror aequi nicht nur die in dieser Arbeit untersuchte Doppelung von –ing Formen, sondern zeigt auch eine Abneigung gegenüber nicht-koordinierten to-Infinitiven (Vosberg, 2006, 41) und der Wiederholung gleichartiger Wörter aus verschiedenen Klassen. Letzteres wird intuitiv durch synonyme Ausdrücke behoben (ebd.), wie in (3) zu sehen ist.

(3) You didn’t have to assert it so positively /*assertively. (ebd.)

In der vorliegenden Arbeit soll das Prinzip des Horror aequi als Abneigung gegen die Doppelung von –ing Formen im Englischen beschrieben werden. Zunächst wird die Entwicklung der –ing Form im Englischen sowie der Unterschied zwischen Gerundien und Partizipien kurz erläutert um anschließend einen Überblick über die Entwicklung der Forschung und ihrer Ergebnisse zu geben. Im zweiten Teil soll das Auftauchen von –ing Doppelungen anhand von Beispielen aus der neuseeländischen Presse, sowie einem kurzen Ausblick zur Verwendung von Doubl-ing im Fernsehen, näher betrachtet und anhand der gewonnen Erkenntnisse aus dem Forschungsüberblick genauer erläutert werden.

2. Die große Komplementverschiebung

Die Grundsätze der Komplementauswahl haben sich besonders über die letzten 300 Jahre graduell verändert (Rudanko, 2003: 662). Dieses unter der Bezeichnung The Great Complement Shift bekannte Phänomen beschreibt die Entwicklung der –ing Form neben dem to-Infinitiv wie in (4) und den finiten Formen in (5) (Beispiele aus Vosberg, 2006: 17 übernommen).

(4) And then he faine would haue remembred to haue forgot himselfe. (Sir Philip Sidney, The Countesse of Pembrokes Arcadia, 1593)
(5) I do remebre that I haue red of a certain noble gentleman, […] (William Painter, The Palace of Pleasure, Tome 2, 1567)

Im Laufe der Jahrhunderte veränderte sich die Verwendung der Komplemente hin zu einer Bevorzugung der –ing Form welche die Infinitive sämtlich oder nur teilweise verdrängte – „so ist eine Infinitergänzung wie in (4) heute nicht mehr zulässig“ (Vosberg, 2006: 17).

Während im 18. Jahrhundert die Form des Komplements noch kontextabhängig war und sich an die grammatische oder morphologische Umgebung angepasst hat, übt im heutigen Englisch die Umgebung weniger Einfluss auf das Komplement aus. Es ist direkt mit dem Matrixverb verbunden und somit kontextunabhängig oder auch lexikalisch getrieben (Rudanko, 2003: 662). Die Komplementauswahl hat sich also von der Kontextabhängigen zur Lexikalischen entwickelt. Dennoch gibt es auch im heutigen Englisch noch immer die kontextabhängige Auswahl.

Typisch für diese Auswahl ist das in dieser Arbeit behandelte Phänomen des horror aequi. Es ist diachron wie synchron ein wichtiger außersemantischer Faktor, der die Verteilung struktureller Varianten betrifft (Vosberg, 2003: 323). Um zu untersuchen, wie das horror aequi Prinzip arbeitet wird ein Matrixverb identifiziert das Komplemente von zwei verschiedenen syntaktischen Typen auswählt ohne dass sich die Bedeutung des Verbs ändert – also ein Verb das mit beiden Komplementen seine Bedeutung beibehält. Ist ein potentielles Matrixverb gefunden, werden als nächstes die verschiedenen Komplementtypen identifiziert (Rudanko, 2003: 663). Laut Rudanko (ebd.) tritt das horror aequi Prinzip in den folgenden Umgebungen in Kraft: In der Umgebung eines to-Infinitivs wird erwartet, dass anstatt ein –ing Komplement gegenüber eines to-Infinitivs bevorzugt wird und in der Umgebung einer –ing Form wird erwartet, dass die Wahl eines to-Infinitivs statt eines -ing Komplements präferiert wird.

Da horror aequi jedoch bei weitem nicht immer in Kraft tritt, kann es auch zu einer Doppelung von to-Infinitiven oder -ing Formen kommen. Unter welchen Umständen die Aufeinanderfolge von zwei Wörtern mit –ing Suffixen akzeptabel ist und unter welchen Umständen nicht, soll im Nachfolgenden anhand eines Überblicks über die Ergebnisse der Forschung behandelt werden. Zunächst soll jedoch zum besseren Verständnis kurz auf Gerundien und Partizipien eingegangen werden.

3. Gerundien und Partizipien

Die –ing Form von Verben kann entweder als Gerundium (6) oder als Partizip Präsens (7) realisiert werden.

(6) [Watching junk videos] is no fun. (Vosberg, 2006: 25)
(7) [Watching videos last Friday], I quite forgot the time. (ebd.)

Da Gerundien und Partizipien formal identisch sind kann es zu Schwierigkeiten bei der Unterscheidung kommen. Gerundien sind infinit und werden wie ein verbales Nomen behandelt. Sie werden von einer NP dominiert, während das Partizip von einer Verbalphrase dominiert und für den Aspekt flektiert ist. Sätze können mehrdeutig sein, je nachdem ob man die –ing Form als Partizip oder Gerundium interpretiert. So zu sehen am Beispielsatz (8).

(8) Painting children can be difficult.

Nimmt man an, dass painting ein Partizip ist, so werden die Kinder gemalt. Ist painting jedoch ein Gerundium, malen die Kinder selbst.

Wie im Folgenden gezeigt wird, kann der Unterschied zwischen Gerundium und Partizip ausschlaggebend sein für die Akzeptanz der Doppelung von –ing Formen.

4. Horror aequi als universelle Regel? – Die Entwicklung der Forschung

Im Laufe der Jahre wurde das Prinzip des horror aequi von zahlreichen Forschern untersucht und beschrieben. Um einen Überblick über die Ergebnisse der Forschung zu geben, sollen im Folgenden einige Ergebnisse und aufgestellte Regeln vorgestellt sowie anhand von Beispielen beschrieben werden. Um einen besseren Überblick liefern zu können soll außerdem aufgezeigt werden, in welchen Punkten sich die Forscher mit ihren Arbeiten wiedersprechen. Abschließend soll im Zwischenfazit eine kurze Zusammenfassung über die bisher gewonnenen Erkenntnisse gegeben werden.

Begonnen werden soll mit Ross (1972), welcher als Erster eine Regel für die Doppelung von –ing Wörtern auf einer rein formalen Ebene entworfen und den Begriff Doubl-ing, eingeführt hat.

4.1 Ross 1972

Laut Ross (1972: 68ff) gibt es verschiedene Möglichkeiten und grammatikalische Prozesse, die das Auftauchen einer –ing Doppelung verhindern können. Diese sind unter anderem Topikalisierung, die Bildung eines Pseudospaltsatzes, Anaphoric Complement Deletion, und Negative Incorporation. Im Folgenden sollen sie zum besseren Verständnis kurz vorgestellt werden.

Die Topikalisierung kann Doubl-ing Strukturen „reparieren“, indem sie die Dopplung der zwei Formen des Partizip Präsens auseinanderbricht und an verschiedenen Stellen des Satzes platziert, wie in Beispiel (9) zu sehen (Ross, 1972: 68).

(9) a. *I’m not particularly keen on trying kissing this moray eel.
b. Kissing this moray eel I’m not particularly keen on trying. (ebd.)

Eine Verhinderung von Doubl-ing wird auch durch die Bildung eines Pseudospaltsatzes (auch: Sperrsatz; engl. Pseudo-Cleft Formation) geleistet, wie in Beispiel (10) zu sehen ist.

(10) a. *I was attempting playing the “Minute Waltz” with my nose.
b. What I was attempting was playing the “Minute Waltz” with my nose. (Ross, 1972: 69)

Unter dem Dritten von Ross genannten Prozess, Anaphoric Complement Deletion, versteht man die Löschung eines wiederholten Komplements, siehe dazu (11), übernommen aus Ross (1972: 70).

(11) a. *You can go on watching this if you want, but I’m stopping watching it.
b. You can go on watching this if you want, but I’m stopping.

Beim letzten von Ross erwähnten Prozess handelt es sich um Negative Incorporation. Der Begriff geht auf Klima (1964) zurück (Ross, 1972: 71) und man versteht darunter die Verschiebung eines negativen Elements nach rechts während es zusätzlich mit einem Element wie any oder ever verbunden wird.

(12) a. *He is beginning signing no radical petitions.
b. ?He is beginning not signing any radical petitions.

Zwar hebt Negative Incorporation den horror aequi Effekt nicht vollständig auf, allerdings wird die Stärke der Verletzung deutlich reduziert (Ross, 1972: 71).

Für Fälle in denen Doubl-ing durch die oben beschriebenen Vorgänge jedoch nicht verhindert werden kann, stellt Ross (1972: 78) schließlich eine universelle Regel auf, die er anhand einer Baumstruktur darstellt. Er bezeichnet horror aequi als eine die Tiefenstruktur betreffende Einschränkung und stellt die Behauptung auf, dass es eine universelle Regel geben muss, da horror aequi die Tiefen- und Oberflächenstruktur miteinander verbindet (Ross, 1972: 74).

(13) The Doubl-ing Constraint (Ross 1972: 78)

All surface structure containing a subtree of the form,

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in which the node corresponding to Va in remote structure was immediately dominated by Si, and the node corresponding to Vb in remote structure was immediately dominated by Sj, and in which no S node intervened in remote structure between Si and Sj, are ungrammatical.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
"Horror aequi". Doppel und Tripel–ing im Englischen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V232054
ISBN (eBook)
9783656480655
ISBN (Buch)
9783656480525
Dateigröße
814 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Horror aequi, great complement shift, grammatical variation, new zealand, neuseeland, doppel ing
Arbeit zitieren
Helena Müller (Autor), 2012, "Horror aequi". Doppel und Tripel–ing im Englischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232054

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