Das ökonomisch geprägte Subjekt in "Alles was zählt"

Textanalyse unter Berücksichtigung der Theorien zum regierbaren Menschen von Weiskopf und Bröckling


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gouvernementabilität in “Alles was zählt”
2.1. Objektivierung
2.2. Der Mensch - ein “Fall”
2.3. Subjektivierung

3. Transaktionskostenökonomik

4. Identität durch Arbeit

5. Moral und die Oberflächlichkeit großbürgerlicher Distinktionsmechanismen

6. Fazit

7. Literaturliste

1. Einleitung

Über fast alle großen Themen des menschlichen Lebens, egal ob Liebe, Reichtum, Sex oder Tod, gibt es unzählige Literatur. Es gibt jedoch einen Bereich, der von der Literatur lange Zeit fast komplett ausgeblendet wurde und auch heute noch ein relatives Nischendasein fristet: die Ökonomie, die “Bedingungen, unter denen Menschen ihre Lebens-Mittel erzeugen”[1]. Obwohl Ökonomie ein elementarer Bestandteil unseres Lebens ist, und obwohl der Roman allgemein als “Spiegel […] der bürgerlichen Gesellschaft”[2] gilt, fand die Ökonomie in der deutschen Literatur und im deutschen Roman lange Zeit kaum Erwähnung.[3]

Scherf stellt, nachdem er die Literatur der Vor- und Zwischenkriegsjahre analysiert hat, angesichts der Lage von 1992 nur noch eine rhetorische Frage:

“Überrascht es noch, wenn auch nach 1945 die ökonomische Wirklichkeit, Ökonomik systematisch nicht im deutschsprachigen Raum auftaucht?”[4]

Mag diese enttäuschende Feststellung anfangs der neunziger Jahre noch zugetroffen haben, so hat sich das Bild mittlerweile doch etwas gewandelt. Die Thematik der Ökonomie scheint interessanter geworden zu sein, und immer mehr Autoren binden sie als literarisches Motiv in ihre Werke ein. Die Technisierung der Arbeitswelt und die veränderten Lebensbedingungen werden Thema der Literatur.[5] So sind in den letzten Jahren unter anderem Werke wie “Top Dogs“, “Alles was zählt”, “Ego” oder “Wenn wir sterben” erschienen. Das gestiegene Interesse an der Ökonomie kann zum Teil dadurch erklärt werden, dass eine “Zeit der Ökonomen”[6] angebrochen ist, in der sich die einzelnen Menschen immer mehr als Marktteilnehmer wahrnehmen. Das Thema “Ökonomie” erfährt ein größeres Interesse als noch vor einigen Jahren, was sich auch in der Literatur niederschlägt.

Dass das ökonomische Denken dabei allerdings zur “universelle[n] Theorie zur Erklärung des Rechts, der Gerechtigkeit, der Demokratie [und] der Ethik”[7] geworden ist, wie Blum verkündet, erscheint dann doch etwas überzogen.

Interessant und untersuchenswert ist in diesem Kontext jedoch, wie die Autoren bei der Beschreibung der Ökonomie vorgehen und inwiefern sie die aktuellen ökonomischen Theorien berücksichtigen. Im Folgenden soll untersucht werden, ob die Anwendung von ökonomischen Theorien wie die von Weiskopf oder Bröckling[8] zu sinnvollen Resultaten führen kann und wie der Autor Oswald versucht, die Figuren in “Alles was zählt” als ökonomisch geprägte Subjekte darzustellen.

2. Gouvernementabilität in “Alles was zählt”

2.1. Objektivierung

Ein erstes Instrument zur Herstellung ökonomischer Subjekte findet sich in der Objektivierung.

Richard Weiskopf stellt in seinem Aufsatz über Gouvernementabilität fest, dass “´der regierbare` Mensch” keine “Naturbegebenheit”[9] sei, sondern dass er erst durch verschiedene Techniken und Prozesse produziert werden könne, die unter dem Begriff der “Menschenregierungskünste” zusammengefasst werden können.[10]

Der Unterworfene wird während dieses Verfahrens objektiviert, er wird zum Objekt, dessen der Machtinhaber sich bedienen kann.

Solche Künste gibt es seit jeher, die Praktiken wurden nur mit der Zeit immer raffinierter und sind heute für den “Regierten” oft kaum noch sichtbar. Die ersten Regierversuche gelangen durch das Mittel der reinen körperlichen Gewalt: ich bin stärker als du, also solltest du mir gehorchen, wenn du keine physischen Schmerzen erleiden willst. Dass dieses, das einfachste aller Mittel, nicht nur in Urzeiten, sondern auch heute noch zum Einsatz kommt, zeigt sich regelmäßig unter anderem in Kneipen, bei Fußballspielen, in Familien, aber auch auf der Makroebene, zum Beispiel bei Herrschern in totalitären Staaten.

[...]


[1] Scherf, Harald: Die Rolle der Wirtschaft im deutschen Roman des 20. Jahrhunderts.In: Schefold, Bertram (Hrsg.): Studien zur Entwicklung der ökonomischen Theorie XI. Die Darstellung der Wirtschaft und der Wirtschaftswissenschaften in der Belletristik [Schriften des Vereins für Socialpolitik, Bd.115/XI]. Berlin 1992, S.257-278, S.257.

[2] Scherf 1992, S.257.

[3] Vgl. Scherf 1992, S.257, S.264 u. S.269. Siehe auch Kremer, Christian: Milieu und Performativität. Deutsche Gegenwartsprosa von John von Düffel, Georg M. Oswald und Kathrin Röggla. Marburg 2008, S.56-58.

[4] Scherf 1992, S.269.

[5] Vgl. Kremer 2008, S.70.

[6] Blum, Reinhard (Hrsg.): Wirtschaft in Wissenschaft und Literatur. Drei Perspektiven aus historischer und literaturwissenschaftlicher Sicht von Johannes Burkhard, Helmut Koopmann und Henning Krauß [Augsburger Universitätsreden, Bd.23]. Augsburg 1993, S.2.

[7] Blum 1993, S.2.

[8] Siehe Weiskopf, Richard: Gouvernementabilität: Die Produktion des regierbaren Menschen in post-disziplinären Regimen. In: Zeitschrift für Personalforschung 19, 2005, Heft 3, S.289-311 und Bröckling, Ulrich: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt am Main 2007.

[9] Weiskopf 2005, S.289.

[10] Siehe Weiskopf 2005, S.289.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das ökonomisch geprägte Subjekt in "Alles was zählt"
Untertitel
Textanalyse unter Berücksichtigung der Theorien zum regierbaren Menschen von Weiskopf und Bröckling
Hochschule
Universität Trier
Note
2,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V232066
ISBN (eBook)
9783656487104
ISBN (Buch)
9783656490845
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ökonomie, Gegenwartsliteratur, Oswald, Alles was zählt, Weiskopf, Bröckling, ökonomisch
Arbeit zitieren
MA Paul Diederich (Autor), 2009, Das ökonomisch geprägte Subjekt in "Alles was zählt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232066

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das ökonomisch geprägte Subjekt in "Alles was zählt"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden