Determinanten für die politische Nachfrage nach Wohlfahrtsstaatsexpansion?

Spezifität von Humankapital, De-Industrialisierung und das Streben nach komparativen Vorteilen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzepte der Neuen Institutionenökonomik als Grundlage ‚rationalistisch-funktionalistischer‘ Theorien des Wohlfahrtsstaates

3.Humankapitalspezifität und Wohlfahrtsstaatsentwicklung: Argumentationslinien des ‚VoC‘-Ansatzes und der ‚De-Industrialisierungsthese‘
3.1 Der ‚Varieties of Capitalism‘ (VoC)-Ansatz
3.1.1 Grundüberlegungen des ‚VoC‘-Ansatzes
3.1.2 Zentrale Argumentationslinien des ‚VoC‘-Ansatzes in Bezug auf die Herausbildung und Varianz in der Konfiguration von Humankapital
3.2 Die De-Industrialisierungsthese

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Durch die Relativierung klassentheoretischer ‚Machtressourcenansätze‘ (Esping-Andersen 1990; Korpi 1978, 1983) als der lange Zeit dominierenden Denkschule (vgl. Iversen 2005: 7; Mares 2003: 2) und ihre Fokussierung auf die Rolle und Bedeutung von Humankapital zur Erklärung der unterschiedlichen institutionellen Konstitution nationaler Wohlfahrtsstaaten initiierten ‚rationalistisch-funktionalistische‘ Theorien der vergleichenden Wohlfahrtsstaats- und Kapitalismusforschung (siehe Streeck 2010: 21-23) „in den vergangenen Jahren eine der lebhaftesten Debatten der Politischen Ökonomie“ (Höpner 2009: 4). Folglich hatten sie entscheidenden Anteil daran, dass „[b]erufliche Qualifikationen und berufliche Bildung […] ein zentrales Thema gegenwärtiger politisch-ökonomischer Forschung [sind]“ (Streeck 2011: iii). Die zentrale Hypothese dieser „neue[n] Theorieschule“ (Höpner 2009: 4; z.B. Cusack et al. 2006; Hall/Soskice 2001a; Iversen 2005; Iversen/Cusack 2000; Iversen/Soskice 2001; Mares 2003) in Bezug auf soziale Sicherungssysteme besagt “that different types of social protection are complementary to different skill equilibria” (Estevez-Abe et al. 2001: 145). Folglich sind es gemäß der “economistic reinterpretation of the welfare state” (Streeck 2010: 32) gerade die ‘Transportabilität’ und ‚Spezifität‘ von Humankapital, mittels derer sich im OECD-Ländervergleich die (fortbestehende) Varianz und Divergenz nationaler Wohlfahrtsstaatsinstitutionen erklären lasse (vgl. Estevez-Abe et al. 2001: 161). ‚Transportierbar‘ sind demnach „allgemeine Qualifikationen“ („general skills“), deren wesentliches Merkmal darin bestehe, dass ein Individuum dieses Wissen und diese Fertigkeiten auch firmen- und branchenübergreifend einsetzen könne (vgl. Hall/Soskice 2001b: 25). Im Gegensatz dazu, “industry-specific skills normally have value only when used within a single industry and firm-specific skills only in employment within that firm” (ebd.).

Ziel dieser Hausarbeit ist es erstens, die zentrale Bedeutung der ‚Spezifität‘ von Humankapital in ‚rationalistisch-funktionalistischen‘ Theorien anhand zweier besonders einflussreicher Ansätze (vgl. Höpner 2009: 4; Manow 2010: 1) darzulegen – namentlich anhand des ‚Spielarten des Kapitalismus‘-Ansatz (‚Varieties of Capitalism‘, VoC) (Hall/Soskice 2001a) sowie der ‚De-Industrialisierungsthese‘ (Iversen/Cusack 2000; Iversen 2001). Zweitens werde ich aufzeigen, dass sich beide Ansätze trotz offensichtlicher Unterschiede (z.B. in Bezug auf Forschungsfrage und Schwerpunktsetzung) in ihren Grundüberlegungen sehr ähnlich sind. Dies liegt daran, dass sie einerseits eine identische konzeptionelle Unterscheidung zwischen ‚spezifischem‘ und ‚allgemeinem‘ Humankapital vornehmen und dass andererseits dieser Unterscheidung jeweils eine ähnlich zentrale Rolle zukommt für die Erklärung des Zusammenhangs zwischen beruflichen Qualifikationen und politisch-ökonomischen Institutionen (vgl. Streeck 2011: 1) sowie daraus abgeleitet zur Erklärung der Varianz zwischen nationalen Wohlfahrtsstaaten und kapitalistischen Systemen. Aufgrund der weitreichenden Übereinstimmungen in den Grundannahmen vertrete ich daher die These, dass die ‚De-Industrialisierungsthese‘ abweichend zur Einordnung bei Höpner (2009: 2-3) ebenfalls zur ‚VoC‘-Literatur bzw. zur ‚rationalistisch-funktionalistischen‘ Theorieschule (Streeck 2010, 2011) als eigenständige Schule der vergleichenden Staatstätigkeitsforschung (vgl. Höpner 2009) gezählt werden sollte.

Im ersten Kapitel werde ich zunächst die wesentlichen Konzepte der Neuen Institutionenökonomik vorstellen, um deutlich zu machen, welche Annahmen und Definitionen dem für ‚asset theories‘ charakteristischen effizienzorientierten Verständnis politisch-ökonomischer Institutionen (vgl. Thelen 2004: 3-4) zugrunde liegen. Im zweiten Kapitel werde ich sowohl die wesentlichen Argumentationslinien des ‚VoC‘-Ansatzes (in der Version von Hall/Soskice 2001a) als auch der ‚De-Industrialisierungsthese‘ (Iversen 2001; Iversen/Cusack 2000) in Bezug auf nationale Wohlfahrtsstaaten erläutern und zeigen, dass es die Unterscheidung zwischen ‚spezifischen‘ und ‚allgemeinen‘ Qualifikationen ist, die im Zentrum dieser Ansätze steht. Abschließend erfolgt ein Fazit, in dem die wesentlichen Ergebnisse der Analyse vorgestellt und vor dem Hintergrund der wohlfahrtsstaatlichen Forschungsliteratur kurz diskutiert werden.

2. Konzepte der Neuen Institutionenökonomik als Grundlage ‚rationalistisch-funktionalistischer‘ Theorien des Wohlfahrtsstaates

Laut Thelen und Kume (2001: 200) herrscht in der Literatur ein „strong consensus“ darüber, dass die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen auf dem Weltmarkt “hinges crucially on the quantity and quality of skills their workers command“. Institutionalistischen Theorien zufolge (für eine Übersicht über verschiedene Ansätze siehe Streeck 2010: 17-22) spielen bestimmte Institutionen (bzw. deren Abwesenheit) eine zentrale Rolle für den Erwerb beruflicher Qualifikationen in modernen kapitalistischen Ökonomien. Inwiefern es möglich ist, Art und Niveau der in einer bestimmten Volkswirtschaft benötigten beruflichen Fertigkeiten in ausreichendem Maße zur Verfügung zu stellen, hängt demzufolge entscheidend von der Zuträglichkeit eines spezifischen ‚institutionellen Arrangements‘ ab, d.h. von einem „arrangement between economic units that governs the ways in which these units can cooperate and/or compete” (Williamson 1991: 287; vgl. Busemeyer 2009: 397-398). Institutionen können mit Douglass C. North (1990: 3) folgendermaßen definiert werden: “[i]nstitutions are the rules of the game in a society or, more formally, are the humanly devised constraints that shape human interaction”. Wie North betont, umfassen Institutionen „both informal constraints (sanctions, taboos, customs, traditions, and codes of conduct), and formal rules (constitutions, laws, property rights)” (ebd. 1991: 97; vgl. Hall/Soskice 2001b: 9).

Rationalistisch-funktionalistische Ansätze in der vergleichenden Kapitalismus- und Wohlfahrtsstaatsforschung sind theoretisch fundiert und stark beeinflusst durch die Konzepte und Erkenntnisse der Neuen Institutionenökonomik. Unter anderem Hall und Soskice (2001a) „draw extensively on the conceptual apparatus of transaction cost economics“ (Streeck 2010: 23). Deshalb werde ich im nun folgenden Abschnitt die wesentlichen Konzepte der “[t]wo branches within the efficiency approach to contract” (Williamson 1985b: 190) darlegen, namentlich jene der Agenturtheorie als Teil der “incentive alignment literature” (ebd.) sowie jene der Transaktionskostenökonomik.[1]

In ihrer wegweisenden klassischen Definition haben die Mitbegründer der Agenturtheorie, Jensen und Meckling (1976: 308), eine ‘Agenturbeziehung’ definiert als: „a contract under which one or more persons (the principal(s)) engage another person (the agent) to perform some service on their behalf which involves delegating some decision making authority to the agent“.[2] Die Ausarbeitung und Durchsetzung solcher Verträge verursache jedoch ‚Transaktionskosten‘.[3] Die Agenturtheorie beruht hinsichtlich der Verhaltensannahmen der Akteure auf der Transaktionskostentheorie und unterstellt den Akteuren somit u.a. begrenzte Rationalität, individuelle Nutzenmaximierung sowie die grundsätzliche Bereitschaft zu opportunistischem Verhalten (vgl. Metten 2010: 43).[4] Darüber hinaus wird im Gegensatz zur traditionellen neoklassischen Ökonomik angenommen, dass die Informationsverteilung zwischen Transaktionspartnern nicht immer symmetrisch sein muss, sondern aufgrund schwer zu bestimmender Attribute des Transaktionsgegenstandes (z.B. berufliche Qualifizierungsmaßnahme) oder der Transaktionspartner (z.B. Unternehmen und Auszubildender) auch asymmetrisch sein kann (vgl. Serries 2005: 24). Die in Vertragsbeziehungen inhärenten Informationsasymmetrien können somit ‚Agenturprobleme‘ verursachen, etwa wenn unter Anwendung von Betrug, List oder Täuschung eine eigennutzorientierte (Re)Interpretation vereinbarter Vertragsgegenstände erfolgt oder vereinbarte Leistungen zurückgehalten werden (vgl. ebd.).[5]

Während beide Ansätze als “complementary” (Williamson 1985b: 190) angesehen werden, unterscheiden sie sich dadurch, dass bei der Agenturtheorie die „ex ante side of contract“ (ebd.) im Vordergrund steht; die Transaktionskostenökonomie hingegen „places greater emphasis on the ex post – or execution – side of contract” (ebd.). Informationsasymmetrien können insbesondere entstehen, erstens, ex ante infolge von ‚adverser Selektion‘ aufgrund mangelnden Wissens über individuelle Qualifikationen und Leistungsfähigkeit (z.B. spezifische Kenntnisse, Risikobereitschaft, Erfahrung) („hidden charateristicis“) und, zweitens, ex post aufgrund unvollständiger Informationen über opportunistische Absichten („hidden intentions“), durch Ungleichgewichte in Bezug auf Expertenwissen („hidden knowledge“) oder in Situationen, in denen versteckte Handlungen gar nicht oder nur zu prohibitiv hohen Kosten beobachtet werden können („hidden action“) (vgl. Ebers/Gotsch 2006: 23; Meinhövel 2005: 68).

Wichtig ist zudem, dass dem Prinzipal meist ein risikoneutrales Verhalten, dem Agenten hingegen Risikoaversion unterstellt wird (vgl. Metten 2010: 44; Serries 2005: 39). Die Risikoneigung spielt eine bedeutende Rolle im Hinblick auf Transaktionen, die ‚spezifisches‘ Kapital betreffen. Dies kann anhand von Williamson’s Konzept der Faktorspezifität („asset specificity”) veranschaulicht werden, definiert als “the degree to which an asset can be redeployed to alternative uses and by alternative users without sacrifice of productive value” (Williamson 1991: 281).[6] Dementsprechend wird ein inverser Zusammenhang vernutet zwischen der ‘Spezifität’ von Kapital und dessen ‘Transportabilität’, wodurch Faktoreigner von ‚spezifischem Kapital‘ anfällig seien für sog. ‚hold-up’ Probleme, sprich “the withdrawal of active cooperation to back up demands” (Hall/Soskice 2001b: 25).[7] Dem Transaktionskostenansatz zufolge besteht somit ein negativer Zusammenhang zwischen der Wahrscheinlichkeit der Durchführung spezifischer Investitionen und dem hierdurch implizierten Risikograd, opportunistisch ausbeutet zu werden (vgl. Streeck 2010: 32). Die Unterstellung, dass rationale Akteure solche „problems of uncertain returns“ (Thelen 2004: 13) bereits ex ante antizipieren, impliziert, dass keine transaktionsspezifischen Investitionen (z.B. in ‚spezifische‘ berufliche Qualifikationen) durchgeführt werden, es sei denn, den Akteuren (z.B. auszubildendes Unternehmen und Auszubildender) können glaubhafte Zusicherungen (‚credible commitments‘) zur Reduktion von Unsicherheit und zur Absicherung langfristiger Vertragsbeziehungen gemacht werden, die geeignet sind, die kollektiven Handlungsprobleme zu lösen (vgl. ebd. 18; Thelen/Kume 2001: 200; Hall/Soskice 2001b: 14). In wenigen Worten: Der Neuen Institutionenökonomik zufolge ist ein ‚institutionelles Arrangement‘, das durch die Generierung von Vertrauen sowie das Setzen institutioneller Schranken eine Versicherungsfunktion ausübt und es somit ökonomischen Akteuren ermöglicht, glaubhafte Zusicherungen zu leisten, eine notwendige Voraussetzung für Investitionen in ‚spezifisches‘ Kapital (z.B. ‚firmen-‘‚ oder ‚branchenspezifisches‘ Humankapital).

[...]


[1] Hall und Soskice (2001b: 5, 14-15) bezeichnen die Transaktionskostenökonomik in ihrem ‘Varieties of Capitalism’-Ansatz auch als ‚new microeconomics‘ und ‚new econmics of organization‘.

[2] Im Kontext von Unternehmungen ist die Beziehung zwischen Arbeitgeber (Prinzipal) und Arbeitnehmer (Agent) ein typisches Beispiel für eine solche ‚Agenturbeziehung (vgl. Kieser/Walgenbach 2007: 50).

[3] ‘Transaktionskosten’ können definiert werden als „ex ante costs of contracting, including costs of drafting, negotiating, and safeguarding agreements, and ex post costs, including the maladaptation cost incurred through haggling, monitoring, dispute settling, and bonding expenses” (Moschandreas 1997: 40).

[4] Williamson (1985a: 47) definiert Opportunismus folgendermaßen: „By opportunism I mean self-interest seeking with guile. This includes but is scarcely limited to more blatant forms, such as lying, stealing and cheating. Opportunism often involves subtle forms of deceit […] more generally, opportunism refers to the incomplete or distorted disclosure of information, especially to calculated effort to mislead, distort, disguise, obfuscate, or otherwise confuse. It is responsible for real or contrived conditions of information asymmetry [...]”.

[5] Williamson (1985a:64) stellt aber auch klar, dass es keinesfalls zu opportunistischem Verhalten kommen muss: “I do not insist that every individual is continuously or even largely given to opportunism. To the contrary, I merely assurne that same individuals are opportunistic same of the time and that differential trustworthiness is rarely transparent ex ante. As a consequence, ex ante screening efforts are made and ex post safeguards are created”. [Hervorhebungen im Original]

[6] Williamson (1991: 281-282) unterscheidet sechs Arten transaktionsspezifischer Investitionen; neben spezifischem Wissen bzw. Humankapitalspezifität („human capital specificity“) sind dies Anlagenspezifität („site specifity“), Sachkapitalspezifität („physical asset specifity“), Spezifität von Markennamen („brand name capital“), Abnehmerspezifität („dedicated assets“) und Terminspezifität („temporal specifity“).

[7] Der Begriff ‚hold-up ‘ stammt von Williamson und bezeichnet eine Situation, in der ein Auftraggeber zunächst Anreize zur Realisierung transaktionsspezifischer Investionen bereit stellt, die ex post durch die Verwandlung dieser Investitionen in ‚versunkene Kosten‘ eintretende Abhängigkeitssituation des Auftragnehmers allerdings erpresserisch ausbeutet, indem er die aus den Investitionen erwachsende Quasirente abschöpft (vgl. Metten 2010: 42-43).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Determinanten für die politische Nachfrage nach Wohlfahrtsstaatsexpansion?
Untertitel
Spezifität von Humankapital, De-Industrialisierung und das Streben nach komparativen Vorteilen
Hochschule
Universität Bremen  (Zentrum für Sozialpolitik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V232074
ISBN (eBook)
9783656487074
ISBN (Buch)
9783656493464
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Große Prüfungsleistung im Modul M5 "Theorien des Wohlfahrtsstaates", MA Sozialpolitik an der Uni Bremen.
Schlagworte
Varieties of Capitalism, VoC, De-Industrialisierungsthese, vergleichende politische Ökonomie, Esping-Andersen, Wohlfahrtsstaat, Humankapital, asset specificity
Arbeit zitieren
Christian Menz (Autor), 2012, Determinanten für die politische Nachfrage nach Wohlfahrtsstaatsexpansion?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232074

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