Borges und Calvino im Labyrinth

Ursprung und Vergleich eines Urbildes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der antike Basistext
2.1. Zwei überlieferte Komplexe
2.2. Drei Perspektiven auf das Labyrinth

3. Jorge Luis Borges: El jardín de los senderos que se bifurcan
3.1. Rolle und Funktion des Mythos in Borges` narrativem Werk
3.2. Das Labyrinth

4. Italo Calvino: Il castello dei destini incrociati
4.1. Das Tarot und die Moderne
4.2. Das Labyrinth und die strukturalistische Erzähltheorie

5. Vergleich

6. Fazit

7. Bibliographie

1. Einleitung

Me había llevado muy poco comprender que a la Maga no había que plantearle la realidad en términos metódicos, el elogio del desorden la hubiera escandalizado tanto como su denuncia. Para ella no había desorden, […].[1]

Bis heute wird darüber spekuliert und diskutiert, ob nun das Labyrinth Chaos oder etwa ein „Zuviel an Ordnung”[2] ist. Der Mangel einer klar umrissenen Definition gründet sicherlich in seiner semantischen Polyvalenz und seinem „festen Platz in der Umgangssprache“[3]. Wenn schon kein Konsens über die verschiedenen Typen und Funktionen des Labyrinths besteht, so ist dessen ambivalente Wirkung eindeutig: Der Mensch schwankt zwischen den Polen Schrecknis und Faszinosum, zwischen Angst vor dem Verlust der Orientierung, aber auch der Lust nach dem Wagnis. Diese Liste von Paradoxa ist beliebig verlängerbar durch Begriffspaare wie Tod-Geburt, Terror-Spiel, Selbstverlust-Selbstfindung, wobei sich zwischen beiden Polen immer ein Spannungsverhältnis aufbaut.

Die Mehrdeutigkeit des Labyrinth-Begriffs wird durch die Tatsache verstärkt, dass man ihn ebenfalls für Phänomene verwendet, die eigentlich keine Labyrinthe im typologischen Sinne darstellen, man sich den Begriff also im metaphorischen Sinne zu Nutzen macht. Mit diesem Gebrauch sind semantische Implikationen wie etwa Desorientierung, Beunruhigung, Rätsel und Komplexität verbunden, die natürlich auch für den Gebrauch im Sinne räumlicher Strukturen gelten gemacht werden können.

Aufgrund dieser Vieldeutigkeit ist es sinnvoll, bei einer Schematisierung auf den Kernbereich des Labyrinth als räumliche Struktur zurückzukommen.[4] Erst im zweiten Schritt wird diese topologische Struktur nämlich zu einer metaphysischen und kann so im weitesten Sinne als Gleichnis für anderes dienen. Monika Schmitz-Emans hat dabei drei Typen unterschieden: das Labyrinth als Gleichnis für andere räumliche Strukturen, als Gleichnis für Handlungen und als Gleichnis für das künstlerisch-ästhetische Werke.[5] Auf der typologischen Ebene hat Umberto Eco versucht Ordnung zu stiften und drei Grundtypen unterschieden: Der erste Grundtypus, das kretische Labyrinth, findet sich in dem antiken Mythos um Minotaurus, ist linear und besitzt ein Zentrum. Der zweite Typus meint manieristische Irrgärten, die nur einen Weg zum Zentrum und viel Sackgassen besitzen. Den dritten Typus bezeichnet Eco als Rhizom oder auch Netz, in dem jeder Punkt mit jedem anderen Punkt verbunden werden kann: „Il rizoma é fatto in modo che ogni strada puó connettersi con ogni altra.“[6] In diesem Ordnungsschema spiegelt sich auch gleichsam die diachrone Entwicklung des Begriffs Labyrinth und seinen Konnotationen.

Die früheste schriftliche Äußerung des Begriffs Labyrinth findet sich auf einer mykenischen Tontafel aus Knossos aus der Zeit um 1400 v. Chr. und bezeichnet eine Kultstätte oder auch einen „Tanzplatz mit labyrinthischer Gangführung“[7]. Erwähnung findet das Labyrinth ebenfalls in Homers Ilias als Tanz in Knossos und in der Überlieferung der Heldentat des Theseus, woraus Kern schließt, dass „Labyrinthos ursprüngliche einen Tanz bezeichnete, dessen Bewegungsform in der beschriebenen graphischen Figur fixiert wurde.“[8] In der Folge brach die Tradition dieses Tanzen ab, wodurch er als konfus, undurchschaubar und irreführend empfunden wurde. In der Spätantike überlagerte sich dann die Idee des unübersichtlichen Labyrinth-Tanzes mit der ebenfalls verbreiteten „Vorstellung von Labyrinthen als ein komplexes, ingeniöses, bewundernswertes Gebäude“[9] und provozierte die Idee des Irrgartens. Jahrhunderte später sah das Mittelalter in dem Labyrinth nicht mehr den Ort der Bewältigung von Aufgaben wie etwa in dem Mythos um Theseus, sondern einen Ort negativer Erfahrungen. Weitere Jahrhunderte später korrespondieren die Zweifel des modernen Menschen an einen für jedes Individuum vorgezeichneten Weg mit der Idee der Irrgärten. Dieser existiert nicht mehr, sondern muss von dem Individuum jeweils selbst gewählt werden, wobei viele Wege gleichsam zum Zentrum führen und deshalb gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Postmoderne schließlich negiert die Existenz der Mitte und macht das Labyrinth ohne Mitte damit zu einem „Gleichnis einer Welt die keinen ´Grund`“[10] hat. Dieses an allen Punkten hypothetisch vernetzbare Gebilde ähnelt dem bereits erwähnten Rhizom.

Aufgabe dieser Studien ist es nun, zwei Texte vorzustellen, die dem Labyrinth auf verschiedenen Ebenen Ausdruck verliehen haben. Es sollen sowohl die Ausprägung als auch die Konnotationen der erwähnten Labyrinthe analysiert und dabei immer wieder Bezüge zu dem antiken Substrat gezogen werden, um so den Umgang beider Schriftsteller mit diesem uralten Symbol deutlich machen zu können.

2. Der antike Basistext

2.1. Zwei überlieferte Komplexe

Mit dem Schlagwort Labyrinth wird in der abendländischen Kultur auch immer der Mythos um Minotaurus, Theseus und den Faden der Ariadne verbunden, dessen Abenteuer von dem griechischen Philosophen und Biographen Plutarch erstmals schriftliche fixiert wurden, aber auch in Homers Ilias Erwähnung finden.

Leider handelt es sich bei dem mythologischen Komplex um keine abgeschlossene Erzählung. Sie setzt sich vielmehr aus mehreren Teilgeschichten zusammen, die sich mitunter auch widersprechen.[11]

Manfred Schmeling hat versucht, die narrativen Bestandteile zu gruppieren, indem er sie den drei Figuren Theseus, Dädalus und Dionysos zuordnet, woraus zwei unterschiedliche Erzählkomplexen resultieren.

Der Erzählkomplex um die Hauptfigur des Dädalus als Erschaffer des Labyrinthes ist zeitlich vor dem Theseus-Komplex anzusiedeln, da er die Erschaffung des Labyrinthes und die Zeugung des Minotaurus behandelt. Minos, der von Poseidon einen weißen Stier erhalten hat, um ihn ihm zu opfern, behält diesen bei sich in seiner Herde. Aus Rache bewirkt Poseidon, dass Pasiphae, die Gattin des Minos, sich in den Stier verliebt. Um die Vereinigung beider ermöglichen zu können, entwirft Dädalus ihr eine hölzerne Kuh, in die sie schlüpfen kann, um den Stier so von ihrem wahren Wesen täuschen zu können. Ergebnis dieser widernatürlichen und listigen Verbindung ist Minotaurus. Auf Anweisung Minos´ lässt Dädalus ein Labyrinth bauen, in dessen Zentrum Minotaurus verborgen gehalten wird. Als Strafe für sein Mitwirken sperrt Minos auch Dädalus und seinen Sohn Ikarus in dem Labyrinth ein. Allerdings gelingt es ihnen zu fliehen, indem sie Flügel bauen und über den Luftweg aus den Schlingen des Labyrinthes entkommen. An dieser Stelle setzt das Theseus-Mythologem an, das besagt, dass Minos von den Athenern alle neun Jahre vierzehn Menschenopfer fordert, sieben männlichen und sieben weiblichen Geschlechts, um den Hunger des im Labyrinth gefangenen Minotaurus zu stillen. Doch als sich bei der dritten Tributleistung auch Theseus unter den Jünglingen befindet, beschließt er, Minotaurus zu töten. Auf Kreta angekommen, verliebt sich Ariadne, die Tochter des Minos, in Theseus und verhilft ihm, sich nicht in dem Labyrinth zu verirren, indem sie ihm einen Wollknäuel schenkt. Nachdem Theseus Minotaurus getötet hat, entführt er Ariadne und segelt mit ihr auf die Insel Naxos, von der er heimlich, während sie schläft, flüchtet und nach Delos segelt, wo er dem Gott Apollo zu ehren einen Tanz aufführt, der labyrinthische Formen nachbildet.[12]

2.2. Drei Perspektiven auf das Labyrinth

Entgegen der Differenzierung Schmelings erscheint es sinnvoller, folgende drei Hauptfiguren zu wählen: Theseus, Dädalus und Minotaurus, der zusammen mit dem Labyrinth den locus communis bildet. Aus jeder dieser drei Perspektiven wird dem Labyrinth unterschiedliche Bedeutung zugesprochen.

Aus der Sicht des Theseus erweist sich das Labyrinth als beängstigendes und desorientierendes Gebilde, aber auch als „Symbol der Bewältigung einer Aufgabe und der heroischen Bewährung gegenüber einer Herausforderung.“[13] Diese besteht eben darin, Minotaurus zu töten, wodurch er den Initiationsritus eines Atheners auf der Suche nach seinem Standort in der Gesellschaft vollzieht.[14] Das Ziel, den Mittelpunkt des Labyrinthes zu finden, um so den Minotaurus töten zu können, impliziert also die Überwindung desselbigen, wobei Theseus dem Rezipienten als fragwürdiger Held erscheinen muss angesichts der Tatsache, dass er sich des Fadens als Orientierungshilfe bemächtigt hat.

Minotaurus hingegen sieht in Theseus den „todbringenden Eindringling“[15] und in dem Labyrinth seine Behausung, die einem Gefängnis gleicht, aus dem er nicht entkommen kann. Er gilt je her als Symbol der „preeminencia de lo bestial sobre lo humano“[16], als das gefährliche Monster, als das Böse, vor dem der Mensch sich schützen muss.

In Dädalus erkennbar ist nicht nur der listige Kuppler, der Unrecht tut, sondern auch der Künstler, der gegen die Natur aufbegehrt, indem er sich das Recht des Schöpfers anmaßt und Pasiphae zu der widernatürlichen Vereinigung verhilft. Dieses Unheil versucht er nun auszugleichen durch ein anderes Unheil, das der Bau des Labyrinthes nach sich zieht, nämlich die Fütterung des Minotaurus. So ist Dädalus nicht nur der ingeniöse Schöpfer, der „mythologische Prototyp des Künstlers“[17], sondern auch ein destruktiver Unheilbringer. Der Mythos verweist hier bereits auf die ambivalente Doppelfunktion des künstlerisch-intellektuellen Schaffens als „Sakralisierung und Dämonisierung der Kunst-Idee“[18]. Signifikant ist auch, dass selbst Dädalus nicht auf natürlichem Wege aus dem Labyrinth entkommt, sondern den Luftweg wählt. Es scheint, als habe der Künstler sich selbst in seinem Werk verloren.

[...]


[1] Cortázar, Julio: Rayuela. Madrid: Catedra 2005. S. 134.

[2] Röttgers, Kurt: Die Welt, der Tanz, das Buch, das Haus, das Bild, die Liebe, Die Welt. In: Labyrinthe. Philosophische und literarische Modelle. Hrsg. v. Kurt Röttgers und Monika Schmitz- Emans. Essen: Die blaue Eule 2000 (= Philosophisch-literarische Reflexionen Band 2). S. 34.

[3] Schmitz-Emans, Monika: Labyrinthe: Zur Einleitung. In: Labyrinthe. Philosophische und literarische Modelle. Hrsg. v. Kurt Röttgers und Monika Schmitz-Emans. Essen: Die blaue Eule 2000 (= Philosophisch-literarische Reflexionen Band 2). S. 9.

[4] Vgl. Ebd. S. 17.

[5] Vgl. Schmitz-Emans, M.: Labyrinthe: Zur Einleitung. S. 17.

[6] Eco, Umberto: Postille a il nome della rosa. Tascabili: Bonpiani 1983. S. 32.

[7] Kern, Hermann: Labyrinthe. Erscheinungsformen und Deutungen. 5000 Jahre Gegenwart eines Urbildes. München: Prestel Verlag 1982. S. 17.

[8] Ebd. S. 19.

[9] Ebd. S. 19.

[10] Schmitz-Emans, M.: Labyrinthe: Zur Einleitung. S. 24.

[11] Vgl. Ebd. S. 25.

[12] Borges hat den Mythos selbst in seinem Kompendium El libro de los seres imaginarios unter dem Stichwort Minotauro zusammengefasst.

[13] Schmitz-Emans, M.: Labyrinthe. Zur Einleitung. S. 20.

[14] Vgl. Schmeling, Manfred: Der labyrinthische Diskurs. Frankfurt am Main: Athenäum 1987. S. 32.

[15] Schmitz-Emans, M.: Labyrinthe. Zur Einleitung. S. 20.

[16] Huici, Adrián: El mito clásico en la obra de Jorge Luis Borges. El Laberinto. Sevilla: Ediciones Alfar 1998. S. 132.

[17] Schmitz-Emans, M.: Labyrinthe. Zur Einleitung. S. 22.

[18] Schmeling, M.: Der labyrinthische Diskus. Vom Mythos zum Erzählmodell. S. 40.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Borges und Calvino im Labyrinth
Untertitel
Ursprung und Vergleich eines Urbildes
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (AVL )
Veranstaltung
DIe Erfindung der Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V232150
ISBN (eBook)
9783656480624
ISBN (Buch)
9783656480808
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
borges, calvino, labyrinth, ursprung, vergleich, urbildes
Arbeit zitieren
Maria Dschaak (Autor), 2008, Borges und Calvino im Labyrinth, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232150

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