Aufgabe dieser Studien ist es, zwei Texte vorzustellen, die dem Labyrinth auf verschiedenen Ebenen Ausdruck verliehen haben. Es sollen sowohl die Ausprägung als auch die Konnotationen der erwähnten Labyrinthe analysiert und dabei immer wieder Bezüge zu dem antiken Substrat gezogen werden, um so den Umgang beider Schriftsteller mit diesem uralten Symbol deutlich machen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der antike Basistext
2.1. Zwei überlieferte Komplexe
2.2. Drei Perspektiven auf das Labyrinth
3. Jorge Luis Borges: El jardín de los senderos que se bifurcan
3.1. Rolle und Funktion des Mythos in Borges` narrativem Werk
3.2. Das Labyrinth
4. Italo Calvino: Il castello dei destini incrociati
4.1. Das Tarot und die Moderne
4.2. Das Labyrinth und die strukturalistische Erzähltheorie
5. Vergleich
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Labyrinth als ein zentrales, symbolisches Konstrukt in den Werken von Jorge Luis Borges und Italo Calvino. Im Fokus steht dabei die Forschungsfrage, wie die beiden Autoren das antike Labyrinth-Motiv aufgreifen, interpretieren und als Metapher für die komplexe Struktur von Literatur und die Wahrnehmung der Welt in der Moderne nutzen.
- Die Analyse des Labyrinths als literarisches und metaphysisches Symbol.
- Die Untersuchung der narrativen Strukturen bei Borges und Calvino.
- Der Vergleich von Zeit-Labyrinthen (Borges) und Intertextualitäts-Labyrinthen (Calvino).
- Die Reflexion über Literatur als ein geschlossenes System (Intertextualität).
- Die Bedeutung der Sprache bei der Konstruktion von Weltbildern.
Auszug aus dem Buch
3.2. Das Labyrinth
Eine seiner Erzählungen, die das Labyrinth zum Thema hat, ist die in der Erzählsammlung Ficciones 1941 erschienene Kurzgeschichte El jardín de los senderos que se bifurca. Man kann dabei von einer Meta-Erzählung über Labyrinthe sprechen, da explizit von einem labyrinthischen Buch die Rede ist: Der einstige Gouverneur von Yunnan Ts´ui Pên verlässt seine berufliche Position, um sich der selbst gestellten Aufgabe zu widmen, einen Roman zu schreiben und ein Labyrinth zu bauen. Allerdings wird er nach dreizehn Jahren hingebungsvoller Arbeit an seinem Projekt in dem „Pabellón de la Límpida Soledad“ ermordet und niemand findet das Labyrinth, dafür aber einen Roman, der jedes logischen Sinnes entbehrt.
Eingebettet ist diese Erzählung in eine Kriminalgeschichte, in der ein deutscher Agent namens Ju Tsun, der Urenkel jenes Ts´ui Pên, den Namen der genauen Stellung des neuen Artillerieparks am Ancre an seinen Auftraggeber in Berlin weitergeben soll, er aber von einem englischen Agenten namens Captain Richard Madden verfolgt wird und deshalb sowohl um sein Leben fürchtet, als auch um die Übermittlung der Information. Die einzige Möglichkeit, diese weiterzugeben, besteht darin, den Sinologen Dr. Stephen Albert zu tötet, da dessen Nachname mit dem Namen des gesuchten Ortes übereinstimmt. Diese Erzählung wird gerahmt durch einen einleitenden Absatz, der sie als historisches Dokument zu Zeiten des ersten Weltkrieges vorstellt, das von dem Dozenten Yu Tsun selbst beglaubigt worden ist. Borges betreibt hier ein Spiel mit Rahmenkonstruktionen und Beglaubigungen.
Schon der Weg, der zu dem Haus der besagten Person führt, mutet labyrinthisch an. Auf den Rat von ein paar Jungen hin muss er an jeder Kreuzung links abbiegen, um zu dem Haus zu gelangen und kann sich, dieser Anwesung folgend, gar nicht verirren. Doch eben dieser Weg ist der, der üblicherweise direkt in das Zentrum eines Labyrinthes führt: „El consejo de siempre doblar a la izquierda me recordó que tal era el prodecimiento común para descubrir el patio central de ciertos laberintos.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die semantische Vieldeutigkeit des Labyrinth-Begriffs und führt in die wissenschaftliche Zielsetzung ein, das Symbol bei Borges und Calvino zu analysieren.
2. Der antike Basistext: Dieses Kapitel erarbeitet das mythologische Fundament um Minotaurus, Theseus und Dädalus, die als Ausgangspunkt für die Labyrinth-Rezeption dienen.
3. Jorge Luis Borges: El jardín de los senderos que se bifurcan: Hier wird untersucht, wie Borges den Mythos in seinem Werk verwendet und das Labyrinth als Zeit-Struktur in seiner Kurzgeschichte inszeniert.
4. Italo Calvino: Il castello dei destini incrociati: Das Kapitel analysiert den Einsatz von Tarockkarten als strukturelle Basis, die bei Calvino zu einem Labyrinth der Intertextualität führt.
5. Vergleich: Der Vergleich stellt die unterschiedlichen Labyrinth-Konzeptionen der beiden Autoren gegenüber und zeigt Gemeinsamkeiten in der Reflexion von Welt und Literatur auf.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass beide Autoren das Labyrinth als Gleichnis für die menschliche Konstruktion von Welt und die Möglichkeiten der Literatur einsetzen.
Schlüsselwörter
Labyrinth, Jorge Luis Borges, Italo Calvino, Literaturtheorie, Intertextualität, Mythos, Zeit-Labyrinth, Tarockkarten, Erzählstruktur, Metaphorik, Konstruktivismus, Sprachkrise, Moderne, Strukturalismus, Erzählkomplex.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Labyrinth-Motiv in der Literatur und untersucht, wie dieses antike Symbol in den Werken von Jorge Luis Borges und Italo Calvino neu interpretiert wird.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themenfelder umfassen die literarische Mythos-Rezeption, die Philosophie des Raumes und der Zeit, sowie die strukturalistische Betrachtung von Texten und Erzählsystemen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Borges und Calvino das Labyrinth als Metapher nutzen, um sowohl die Welt als Konstrukt des Menschen als auch die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache und Literatur darzustellen.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Es wird eine komparatistische literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die intertextuelle Bezüge und strukturalistische Theorieansätze verknüpft.
Was steht im inhaltlichen Mittelpunkt der Arbeit?
Im Mittelpunkt steht die detaillierte Analyse der Kurzgeschichte von Borges sowie der Erzählkomplexe von Calvino, um deren spezifische Labyrinth-Strukturen herauszuarbeiten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Intertextualität, Labyrinth, Weltkonstruktion, Erzählmodell und moderne Literaturtheorie geprägt.
Wie unterscheidet sich das Zeit-Labyrinth bei Borges von dem Karten-Labyrinth bei Calvino?
Borges' Zeit-Labyrinth spiegelt die Simultanität von Ereignissen und die Unmöglichkeit der linearen Sprache wider, während Calvinos Karten-Labyrinth als kombinatorisches System der Intertextualität fungiert, in dem Karten als Grundbausteine für verschiedene Erzählstränge dienen.
Warum wird das Labyrinth bei Calvino als "Labyrinth der Intertextualität" bezeichnet?
Weil Calvino Tarockkarten verwendet, die bereits als Symbole für bekannte Mythen und Geschichten stehen, und diese zu immer neuen Geschichten verknüpft, wodurch das Werk zu einem Netz aus bestehenden literarischen Traditionen wird.
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- Maria Dschaak (Author), 2008, Borges und Calvino im Labyrinth, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232150