Fragestellung und Zielsetzung
„Das merkwürdige am Grammatikunterricht ist, daß [sic!]es ihn immer noch gibt.“ (Köller, 1997, S.9)
Kein anderer Arbeitsbereich des Deutschunterrichts in der Grundschule ist so umstritten wie der Grammatikunterricht. Mit der Begründung, dass unzählige Menschen in der Vergangenheit ihre Muttersprache auch ohne grammatische Kenntnisse richtig erworben haben, wird schon im 19.Jahrhundert von den ersten Philologen eine Abschaffung des Grammatikunterrichts verlangt (vgl. Rauscher, 1982, S.64). Und doch, wie aus dem obigen Zitat hervorgeht, auch wenn der Grammatikunterricht nach wie vor zur Diskussion steht, ist er bis heute fester Bestandteil des Deutschunterrichts.
Der Grammatikunterricht erfährt jedoch in seiner Jahrhunderte langen Geschichte vielfältige Modifikationen und Variationen. Die Grundlage für die maßgeblichen Veränderungen des Grammatikunterrichts der vergangenen 40 Jahre bildet die kommunikative Wende in der Fachdidaktik Anfang der 70er Jahre, die den Weg für die Übernahme aktueller linguistischer und kommunikationswissenschaftlicher Erkenntnisse in den Deutschunterricht ebnet (vgl. Homberger, 2009, S.204).
Daraufhin erhalten zum ersten Mal sprachwissenschaftliche Grammatiktheorien und -modelle Einzug in Bildungspläne und damit auch in den Deutschunterricht und die Sprachbücher (vgl. ebenda). Durch die Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse wird eine grundlegende Veränderung des Grammatikunterrichts angestoßen, die bis heute eine umfassende Entwicklung des Arbeitsbereichs nach sich zieht.
In der vorliegenden Arbeit soll diese diachrone Entwicklung des Grammatikunterrichts in der Grundschule von den 70er Jahren bis heute dargestellt werden. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, welche sprachwissenschaftlichen und später auch didaktischen Grammatiktheorien und -modelle Einfluss auf den Grammatikunterricht und seine Methodik genommen haben und bis heute nachhaltig nehmen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
ERSTER TEIL
2. GRAMMATIKMODELLE UND -THEORIEN SOWIE IHRE AUSWIRKUNGEN AUF DIE KONZEPTIONEN DES GRAMMATIKUNTERRICHTS VON 1970 BIS HEUTE
2.1 TRADITIONELLE GRAMMATIK
2.2 STRUKTURELLE GRAMMATIK
2.3 GRAMMATIK NACH HANS GLINZ
2.4 FUNKTIONALE GRAMMATIK
2.5 DEPENDENZGRAMMATIK
2.6 GENERATIVE GRAMMATIK
2.7 SITUATIONSORIENTIERTE - SITUATIVE GRAMMATIK
2.8 HANDLUNGSORIENTIERTE GRAMMATIK - GRAMMATIKWERKSTATT
3. AUSSAGEN DER BILDUNGS- BZW. LEHRPLÄNE ZUR KONZEPTION VON GRAMMATIKUNTERRICHT
3.1 BILDUNGSPLAN FÜR DIE GRUNDSCHULE 1977 - KLASSE 3
3.2 BILDUNGSPLAN FÜR DIE GRUNDSCHULE 1984 - KLASSE 3
3.3 BILDUNGSPLAN FÜR DIE GRUNDSCHULE 1994 - KLASSE 3
3.4 BILDUNGSPLAN 2004 GRUNDSCHULE - KLASSE 3/4
ZWEITER TEIL
4. ANALYSEMATERIAL
5. UNTERSUCHUNGSKRITERIEN DER SPRACHBUCHANALYSE
5.1 BEZUG ZU GRAMMATIKMODELLEN UND -THEORIEN
5.2 KLASSIFIZIERUNG DER SATZGLIEDER
5.2.1 Semantisches Kriterium
5.2.2 Pragmatisches Kriterium
5.2.3 Formales Kriterium
5.2.4 Syntaktisches Kriterium
5.3 DIDAKTISCH-METHODISCHES VORGEHEN
5.4 TERMINOLOGIE
5.5 VERKNÜPFUNG ZU ANDEREN ARBEITSBEREICHEN DES DEUTSCHUNTERRICHTS
5.6 BEZUG ZU DEN JEWEILIGEN BILDUNGS- BZW. LEHRPLÄNEN
6. SPRACHBUCHANALYSEN
6.1 SPRACHBÜCHER AUS DEM VERLAG HERDER/ OLDENBOURG
6.1.1 Wir sprechen Wir schreiben Wir lesen 3. Schuljahr (Herder, 1978)
6.1.2 Wir sprechen Wir schreiben Wir lesen 3. Schuljahr (Herder, 1885)
6.1.3 Wir sprechen schreiben lesen 3 (Oldenbourg, 1996)
6.1.4 Leseschule 3 Lese-Sprach-Buch (Oldenbourg, 2005)
6.2 SPRACHBÜCHER AUS DEM VERLAG DIESTERWEG
6.2.1 Sprachbuch für die Grundschule 3. Schuljahr (1978)
6.2.2 Bausteine Deutsch Sprachbuch 3. Jahrgangsstufe (1987)
6.2.3 Bausteine Sprachbuch 3. Neubearbeitung (1997)
6.2.4 Bausteine Sprachbuch 3 (2005)
7. SCHLUSS
7.1 ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE
7.2 GRUNDSÄTZLICHE ENTWICKLUNGEN
7.3 AUSBLICK
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die diachrone Entwicklung des Grammatikunterrichts in der Grundschule von den 1970er Jahren bis zur Gegenwart. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sprachwissenschaftliche sowie didaktische Grammatiktheorien und -modelle den Grammatikunterricht und dessen methodische Ausgestaltung in Lehrplänen und Schulbüchern nachhaltig beeinflusst haben.
- Analyse einflussreicher Grammatikmodelle (von der traditionellen über die funktionale Grammatik bis hin zur handlungsorientierten Grammatik).
- Auswertung von Bildungs- und Lehrplänen Baden-Württembergs hinsichtlich ihrer methodischen und inhaltlichen Vorgaben.
- Empirische Untersuchung exemplarischer Sprachbuchreihen der Verlage Herder/Oldenbourg und Diesterweg.
- Beurteilung der Integration grammatischer Themen in andere Bereiche des Deutschunterrichts.
- Reflexion über die Verwendung und Eignung verschiedener grammatischer Fachtermini in der Grundschule.
Auszug aus dem Buch
2.5 Dependenzgrammatik
„Man kann so das Verb mit einem Atom vergleichen, an dem Häkchen angebracht sind, so daß [sic!] es je nach der Anzahl der Häkchen eine wechselnde Zahl an Aktanten an sich ziehen und in Abhängigkeit halten kann. Die Anzahl der Häkchen, die ein Verb aufweist, und dementsprechend die Anzahl der Aktanten, die es regieren kann, ergibt das, was man die Valenz des Verbs nennt. (Tesnière, 1980, S.161)
Der Begründer der Dependenzgrammatik, Lucien Tesnière, prägt den Begriff der Valenz, also der Wertigkeit des Verbs in seinem Werk Grundzüge der strukturalen Syntax, aus dem auch obiges Zitat entnommen wurde. Tesnière vergleicht in diesem das Verb mit einem chemischen Atom, das je nach Element verschieden viele weitere Atome an sich binden kann. Ein Verb kann ebenfalls, je nachdem um was für ein Verb es sich handelt, mehrere Ergänzungen an sich binden und in Abhängigkeit bringen.
Diese Wertigkeit der Verben bezeichnet Tesnière als die Valenz des Verbs, die den Wert null bis drei annehmen kann. Die Aktanten sind Wesen oder Dinge, die am Geschehen teilhaben (vgl. Dürscheidt, 2010, S.107). In Lexikoneinträgen wird die Valenz von Verben häufig durch unbestimmte Pronomen angegeben (hier in Klammern)(vgl. Schlobinski, 2003, S.62).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Arbeit beleuchtet die historische Entwicklung des Grammatikunterrichts unter Einbeziehung sprachwissenschaftlicher Modelle und leitet die Untersuchungsmethodik der Sprachbuchanalysen her.
2. GRAMMATIKMODELLE UND -THEORIEN SOWIE IHRE AUSWIRKUNGEN AUF DIE KONZEPTIONEN DES GRAMMATIKUNTERRICHTS VON 1970 BIS HEUTE: Dieses Kapitel erläutert theoretische Grundlagen der Grammatikmodelle, von traditionellen Ansätzen bis hin zur handlungsorientierten Grammatik, und deren Einfluss auf die didaktische Praxis.
3. AUSSAGEN DER BILDUNGS- BZW. LEHRPLÄNE ZUR KONZEPTION VON GRAMMATIKUNTERRICHT: Eine Analyse der offiziellen Lehrplanvorgaben des Landes Baden-Württemberg über vier Jahrzehnte hinweg zur Identifikation verbindlicher Lernziele für den Grammatikunterricht.
4. ANALYSEMATERIAL: Begründung für die Auswahl der untersuchten Sprachbücher aus den Verlagen Herder/Oldenbourg und Diesterweg, um die Entwicklung über 40 Jahre hinweg exemplarisch darzustellen.
5. UNTERSUCHUNGSKRITERIEN DER SPRACHBUCHANALYSE: Definition des Kriterienrasters für die Analyse der Sprachbücher, welches Aspekte wie Grammatiktheorien, Klassifizierung, Methodik und Verknüpfung der Arbeitsbereiche umfasst.
6. SPRACHBUCHANALYSEN: Konkrete Anwendung des Kriterienrasters auf die ausgewählten Sprachbücher aus verschiedenen Jahrzehnten zur Dokumentation der diachronen Entwicklung.
7. SCHLUSS: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Diskussion der zukünftigen Entwicklung des Grammatikunterrichts unter Berücksichtigung der veränderten Schülerschaft.
Schlüsselwörter
Grammatikunterricht, Grundschule, Sprachbuchanalyse, Didaktik, Bildungsplan, Satzglieder, Dependenzgrammatik, funktionale Grammatik, handlungsorientierte Grammatik, Satzgegenstand, Satzaussage, linguistische Modelle, Grammatikwerkstatt, Deutschunterricht, Terminologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die diachrone Entwicklung des Grammatikunterrichts in der Grundschule über einen Zeitraum von 40 Jahren (1970 bis heute) anhand von Sprachbuchanalysen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der Einfluss wissenschaftlicher Grammatikmodelle auf schulische Konzepte, die methodische Umsetzung in Schulbüchern sowie die Auswirkungen offizieller Lehrplanvorgaben.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, welche sprachwissenschaftlichen und didaktischen Modelle Einfluss auf den Grammatikunterricht genommen haben und wie sich diese in der methodischen Gestaltung von Sprachbüchern widerspiegeln.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es werden eine Literaturanalyse zu Grammatiktheorien sowie eine komparative Sprachbuchanalyse anhand eines festgelegten Kriterienrasters durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen der Grammatikmodelle, eine Analyse der Bildungspläne von 1977 bis 2004 und eine detaillierte Auswertung ausgewählter Sprachbücher.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Grammatikunterricht, Grundschule, Sprachbuchanalyse, Satzglieder, didaktische Modelle und Lehrplanvorgaben.
Warum wird im Anhang zwischen "Satzgegenstand" und "Satzaussage" unterschieden?
Diese Begriffe werden in vielen Grundschul-Lehrbüchern als didaktische Entsprechungen für Subjekt und Prädikat verwendet, um den abstrakten lateinischen Termini eine semantische Bedeutung für Kinder zu geben.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Rolle von Grammatik in der Grundschule?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Grammatik weiterhin ein fester Bestandteil des Deutschunterrichts bleiben wird, sich jedoch in Richtung eines integrativen, handlungsorientierten Modells entwickelt hat, das Sprache als Werkzeug betrachtet.
- Arbeit zitieren
- Evelyn Wink (Autor:in), 2011, Darstellung der Entwicklung des Grammatikunterrichts von den 70er Jahren bis heute anhand von Sprachbuchanalysen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232244