Die Gründung der Gesamthochschule Kassel

Ein Blick auf die Entstehung und ihren Einfluss auf Stadt und Region


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rahmenbedingungen der Entstehung der GHS Kassel

3. Ein neuer Campus entsteht in Kassel

4. Die Universität Kassel und ihr Einfluss auf die regionale Ökonomie
4.1 Die Universität Kassel und ihr Einfluss auf das Stadtbild
4.2 Die Universität Kassel und ihr Einfluss auf die sozialen Strukturen der Nordstadt

5. Fazit

1. Einleitung

Als die Gesamthochschule Kassel (folgend: GHS Kassel) 1971 gegründet wurde war sie die erste ihrer Art in der Bundesrepublik Deutschland und fand dementsprechend viel Beachtung. Begleitet wurde ihre Gründung von der Begeisterung der neuen Studenten, Reformpädagogen und Mitgliedern der Bürgerinitiative, welche sich für die Errichtung einer GHS eingesetzt hatten. Unter Federführung des damaligen Kultusministers Ludwig von Friedeburg beschloss der Hessische Landtag 1970 die Gründung formal (vgl. Oehler 1981: 21f.). Die Stadt Kassel selbst hatte nicht nur unter bildungspolitischen Aspekten Interesse an dem Bau einer eigenen Universität, sondern plante auch, „Impulse zur Aufwertung der umliegenden strukturschwachen Stadtteile zu setzen“ (vgl. Fischer, Naefe, Pristl 2004: 91f.) und erhoffte sich durch die Neuansiedlung von Geschäften und Lokalen eine Verbesserung in den umliegenden Gebieten. Dem gegenüber standen jedoch auch Bedenken, dass die 1975 festgelegte Nutzung der Fläche der ehemaligen „Henschelei“ dazu führen könnte, dass der für sozial schwächer Familien vorhandene Wohnraum in der Nordstadt durch die akademische Neubesiedlung durch Studenten verloren gehen könnte (vgl. ebd.).

Mittlerweile hat die Universität Kassel ihr 40-jähriges Jubiläum gefeiert und es stellt sich in Anbetracht der Tatsache, dass sich der Campus am Holländischen Platz bis 2014 noch einmal wesentlich vergrößern soll (vgl. Pipke 2012) die Frage, ob von der noch jungen Institution die von der Landesregierung erhofften Impulse im sozialen wie im wirtschaftlichen Bereich eingetreten sind und in welcher Weise die Stadt selbst in ihrem Erscheinungsbild durch den Auf- und fortlaufenden Ausbau Universität verändert wurde.

Um die genannten Fragen zu klären wird diese Arbeit zunächst auf die Entstehung der GHS Kassel eingehen, wobei besonders die Gründungsphase und die Auswahl des innerstädtischen Standorts im Vordergrund stehen. Ausgehend von der Darstellung der baulichen Veränderungen im Stadtbild Kassels wird im Anschluss betrachtet, ob die soziokulturellen Strukturen der Stadtbevölkerung einen Wandel erfahren haben und ob ein ökonomischer Fortschritt, wie ihn die Stadt bewirken wollte, in den angrenzenden Stadtteilen und der Region nachzuweisen ist. Abschließend folgt ein Resümee, welches die gewonnenen Erkenntnisse in einem kurzen Überblick darstellt.

2. Rahmenbedingungen der Entstehung der GHS Kassel

Bevor am 26.05.1970 der Beschluss zur Errichtung der GHS in Kassel rechtskräftig gefasst wurde, gab es in den hochschul- wie landespolitischen Gremien weitreichende Diskussionen. Bereits nach Ende des zweiten Weltkriegs begann die Landesregierung Hessens mit dem Aufbau von fachhochschulischen Einrichtungen, indem zunächst die Kunsthochschule wieder ihren Betrieb aufnahm (vgl. Oehler 1981: 18f.). In Anlehnung an diese Entwicklung wurden die in Kassel historisch verwurzelten Ingenieurschulen stark unterstützt und weitere Bereiche wie bspw. die Betriebswirtschaft oder die internationalen Agrarwissenschaften als neue Komponenten der Fachhochschulbildung in Kassel aufgefasst; aber auch Studienbereiche wie die Sozialpädagogik komplementierten das akademische Angebot (vgl. ebd.). Dennoch gab es in Kassel noch keine Möglichkeit einer universitären Ausbildung für Schulabgänger, was dazu führte, dass es in Hessen keine Großstadt gab, aus der mehr Studienwillige abwanderten, um sich an einer Hochschule außerhalb Nordhessens einzuschreiben (vgl. Heise 1981: 58).

Kassels bisheriges Image war das eines Wirtschaftsstandorts, in dem die verarbeitende Industrie dominierte, dicht gefolgt von der Dienstleistungsbranche. Schnell erkannte man in der Nachkriegszeit jedoch, dass ein weiterer Ausbau der Ökonomie nur durch einen Zuwachs an Fachkräften machbar war und deshalb die Gründung einer naturwissenschaftlich-technischen Universität, wie sie die Stadtverordnetenversammlung bereits am 23.05.1966 eingefordert hatte, hierbei die bestmögliche Lösung darstellte (ebd. und Oehler 1981: 19). Nach langen Diskussionen, der Gründung eines Arbeitskreises zur Errichtung einer Universität in Kassel und der 1969 von Urbach geäußerten Idee einer Stiftungsuniversität, welche jedoch wieder verworfen wurde, erteilte die Stadt den Auftrag innerhalb ihres Gebietes einen möglichen Standort für eine Hochschule zu prüfen. (vgl. Heise 1981: 59f.). Die Entschlossenheit der Stadt zeigte sich bei der Suche nach einem geeigneten Ort durch die schnelle Arbeit des Baudezernats, welches 1969 nach bereits knapp zwei Monaten Ende Februar einen Bericht über die zwei favorisierten Standorte „Dönche“ und „Langes Feld“ ablieferte (vgl. ebd.). Obwohl es zwischen Stadt und Arbeitskreis noch keine Entscheidung für einen endgültigen Standort gab, wurde im Februar 1971 das Aufbau- und Verfügungszentrum (folgend: AVZ) in Oberzwehren, nahe dem Truppenübungsgelände „Dönche“ gelegen errichtet; es sollte Platz für bis zu 1000 Studierende bieten (vgl. Ludwig (2011) und Heise 1981: 61). Noch bevor sich die beteiligten Akteure auf einen endgültigen Standort für den Neubau einer GHS entschieden hatten wurde am 13.07.1971 der Ausbau dieser gesetzlich beschlossen (vgl. Nagel 1981: 45). Auf der Grundlage dieses Gesetzes und vor dem Hintergrund der Tatsache, dass noch kein geeigneter Bauplatz für einen Campus gefunden war, wurden zunächst die vorhandenen Einrichtungen in Form der Ingenieur- und Wirtschaftsschulen zusammengefasst und am 02.08.1971 um die Lehrerausbildung, sowie die staatliche Kunsthochschule zur GHS Kassel ergänzt (vgl. ebd.).

Diese nahm ihren Lehrbetrieb zum Wintersemester 1971/72 auf, da der Kultusminister entschieden hatte noch im Gründungsjahr mit einer neuen “Stufenlehrerausbildung“ zu beginnen. Im Mittelpunkt der Arbeit der neu berufenen Dozenten stand in den Folgejahren die Entwicklung neuer Konzepte für die Studiengänge und besonders das Lehramtsstudium zu reformieren. Dabei herrschte im Zuge der allgemeinen Euphorie über die in den 60er und 70er Jahren begonnene Bildungsreform eine Aufbruchstimmung unter den Professoren. „Es waren bescheidene Umstände, aber große Pläne wurden ausgeheckt, als sei der Sternenrat der Weltweisen versammelt“ fasste der 1971 zur Gründung der GHS berufene Dozent Prof. Dr. Rudolf Messner die damalige Lage zusammen (vgl. Messner 2010: 58). Verstärkt wurde der durch die Entscheidung entstandene Organisationsdruck durch das vom Gründungsbeirat verfolgte Konzept, dass mit Entstehung der GHS alle zusammengefassten Institutionen „unter ein organisatorisches Dach“ (vgl. Heise 1981: 67) gestellt werden und ihre Eingliederung in den Verwaltungsapparat der GHS nicht schrittweise erfolgen sollte.

Insgesamt gelang es der GHS trotz der Forderungen aus Wiesbaden doch auch gerade mit Hilfe der in der Landeshauptstadt entwickelten Konzepte schnell, einen funktionierenden Hochschulbetrieb aufzubauen, auch wenn es durch Auflösung des ersten Gründungsbeirats und den starken ideologischen Auseinandersetzungen zwischen den „Kasseler Reformern“ und dem ab 1972 entstandenen zweiten Gründungsbeirat zunächst grundsätzliche Debatten über die organisatorische und curriculare Ausgestaltung des Studiums gab (vgl. Heise 1981: 68f.).

3. Ein neuer Campus entsteht in Kassel

Da das 1971 in Rekordzeit errichtete AVZ, welches hauptsächlich für die Lehrerausbildung genutzt wurde, nur Platz für ca. 1000 Studierende bereitstellte und die Stadtverwaltung von den ursprünglichen Plänen, einen Campus auf dem Truppenübungsgelände „Dönche“ außerhalb der Innenstadt zu errichten, abgerückt war, wurde ein zentraler Standort gesucht. Eine aus Sicht der Stadt ideale Möglichkeit bot das 1970 aufgegebene Gelände der Firma Henschel, welches im Norden Kassels liegt (vgl. Ickler 2004: 61). Bei der Errichtung der neuen Hochschulgebäude erhofften sich viele Kasseler den weitgehenden Erhalt der alten Fabrikbauten, was jedoch nur in einigen Fällen wie dem Verwaltungssitz K10, dem heutigen Sitz des Hochschulrechenzentrums in der Mönchebergstraße und der dort angesiedelten Cafeteria realisiert wurde, während die größten Montagehallen K8 und K9 komplett abgerissen wurden (vgl. Ickler 2004: 62f.).

Um den Neubau eines Campus weiter voranzutreiben, veranstaltete die Stadt Kassel 1977 einen Wettbewerb zur Gestaltung des neuen GHS-Geländes, welcher Ende 1978 zu Gunsten der Stuttgarter Architekten Höfler und Kandel entschieden wurde (vgl. ebd.). Da viele Bewohner der Stadt Kassel, insbesondere die ehemaligen „Henschelaner“, wie die Mitarbeiter der Firma Henschel im Volksmund genannt wurden, noch eine enge Bindung zu dem verfallenden Werk hatten, standen sie der geplanten Demontage skeptisch gegenüber. Da Henschel für sie mehr als nur ein reiner Arbeitgeber war, der ihnen u.a. eine eigene Betriebskrankenkasse zur Verfügung stellte und einen eigenen Fond einrichtete, der in finanzielle Not geratene Arbeiter unterstützte, nahm die Firma einen erheblichen Einfluss auf das private Leben der Arbeiter und führte zu einer engen Bindung an das Unternehmen Henschel (vgl. Schmidt 2004: 23). Mit dem Kauf des Geländes 1974 durch die Stadt Kassel und dem Vorschlag der beiden Architekten Höfler und Kandel wurde 1980 der endgültige Bauplan festgelegt und es rückte schweres Abbruchgerät an, welches die noch vorhandenen, aber nicht für die weitere Verwendung vorgesehenen Gebäudekomplexe abreißen sollte (vgl. Ickler 2004: 62f.). Von vielen Bewohnern und Fachkundigen wurde der Plan, einen Großteil der alten Fabrikbauten abzureißen sehr kritisch kommentiert, da viele Bürger der Stadt die geplante Zerstörung von historischer Bausubstanz ablehnten. Michael Wilkens, Professor für Architekturtheorie, bezeichnet den damaligen Abriss des Großteils der Gebäude als „(...) Kasseler Art, Geschichte zu entsorgen“ (vgl. Wilkens 2004: 73) und beschreibt zudem, wie innerhalb einer Nacht Abrissarbeiten durchgeführt wurden, die die vorhanden Fabrikbauten so weit beschädigten, dass sie nicht mehr zu retten waren (vgl. ebd.). Aufgrund dieses Vorgehens ebbten jegliche Diskussionen über eine Umnutzung der „Henschelei“ ab und die Bauarbeiten zur Errichtung des neuen, offenen Campus konnten beginnen. Die Umnutzung einiger bestehender Gebäude wie der Verwaltung der GHS im ehemaligen K10 wurde während der Bauarbeiten fortgeführt. 1982 war der erste Neubau in Gestalt des Bereichs Technik I/II fertiggestellt und wurde bezogen, während zeitgleich der Bau einer Sporthalle am Auestadion begonnen wurde (vgl. Armbruster 2004: 98). Der Ausbau des Geländes am Holländischen Platz schritt über die Jahre immer weiter fort; die Bibliothek als größtes Gebäude wurde 1985 fertiggestellt. Bis 1995 waren alle Großprojekte abgeschlossen, dennoch hatte die Universität ihre Kapazitäten mittlerweile schon längst überschritten und 1991 war eine Überbelegung von mehr als 200% erreicht (vgl. Armbruster 2004: 99). Angesichts des anhaltenden Anstiegs der Studierendenanzahl und durch das Bestreben, die Universität zu zentralisieren, wurde 2011 mit dem Ausbau des Campusgeländes begonnen, indem das angrenzende ehemalige Werk von Gottschalk & Co sowie die Gebäude K18 und Teile von K19 abgerissen wurden. An dieser Stelle sollen bis zum Wintersemester 2013/14 neue Räume für Vorlesungen und den Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung entstehen (vgl. Pipke 2012).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Gründung der Gesamthochschule Kassel
Untertitel
Ein Blick auf die Entstehung und ihren Einfluss auf Stadt und Region
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Fachbereich 05 Gesellschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Kassel im 20. Jahrhundert
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V232249
ISBN (eBook)
9783656484394
ISBN (Buch)
9783656484332
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gründung, gesamthochschule, kassel, blick, entstehung, einfluss, stadt, region, Universität
Arbeit zitieren
Christopher Hauck (Autor), 2013, Die Gründung der Gesamthochschule Kassel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232249

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