Entwicklung oder Erkenntnis? Parzivals Weg im Epos von Wolfram von Eschenbach


Seminararbeit, 2002
25 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die ritterliche Erziehung

III. Parzivals Erziehungsgrundlagen und die ersten zwei Lehren

IV. Parzivals Lebensweg von der Mutter bis zum ersten Besuch auf der Gralsburg
IV.1. Soltane
IV.2. Gurnemanz
IV.3. Pelrapeire 10 IV.4. Die Suche nach der Mutter

V. Die Gralsburg
VI. Wie Parzival sich seiner Schuld bewusst wird
VI.1. Sigune
VI.2. Die drei Blutstropfen im Schnee

VII. Die Begegnung mit dem Artushof

VIII. Die Beschuldigung durch Kundry

IX. Die Beichte bei Trevrizent – Die dritte Lehre

X. Parzivals Weg zum Gralkönig

XI. Resümee

XII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach wird als eine der großen Arbeiten der westlichen mittelalterlichen Literatur angesehen. Die Geschichte von Parzival und dem Gral gehört zum Stoffkreis der keltischen Sagen um König Artus und seinen Rittern. Sie zählt zu den zentralen Mythen des Abendlandes.

Über Wolfram von Eschenbach wissen wir sehr wenig. Seine vermutlich berühmteste Dichtung „Parzival“ ist um ca. 1200-1210 entstanden. Sie ist in den Handschriften als fortlaufender Text überliefert, die Einteilung auf 16 Bücher gehen auf Lachmann zurück.[1]

Wolfram beschreibt in seiner Erzählung den Werdegang des jungen und unerfahrenen Parzival zunächst zum Ritter und dann zum Gralkönig. Doch bevor er Gralkönig wird, lässt der Autor seinen Helden einen langen, mühseligen Weg gehen, damit er lernt, was Demut bedeutet.

Parzival wird am Anfang seines Weges als unschuldiger Tor dargestellt, der im weiteren Verlauf der Erzählung ohne Absicht zum tragischen Held wird. Das Motiv der Schuld zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte.

In der Fachliteratur wird „Parzival“ gern als ein Entwicklungs-, oder als ein Erziehungsroman bezeichnet.[2] Dieser Aussage stehe ich, genau wie der deutsche Philologe, Peter Wapnewski, kritisch gegenüber. In Wolfram von Eschenbachs Dichtung steht nämlich nicht Parzivals persönliches Schicksal im Vordergrund, sondern das Schicksal aller Menschen. Parzival erwacht von Stufe zu Stufe durch die Begegnung mit Schuld und Tod zu dem Bewusstsein seiner Selbst und zum Bewusstsein der menschlichen Tragik.[3]

In meiner Arbeit möchte ich gerne aufweisen, dass der Weg, den Parzival gehen muss und der den Prozess der Selbsterkenntnis beinhaltet, von seinem Schicksal vorhergesehen ist. Ich werde analysieren, ob Parzival eine Entwicklung durchläuft, oder ob seine Persönlichkeitsänderungen die Folgen von Selbsterkenntnissen sind.

II. Die ritterliche Erziehung

Das aufstrebende Rittertum im 11.-12. Jahrhundert hatte nach und nach ein neues Verständnis zu Lehre und Erziehung gefunden. Für die Ritter kamen neben den Herren- und Gottesdiensten noch der Frauendienst, der Dienst an der Welt und der Dienst für das Reich hinzu. Dies verlangte von den Rittern eine bessere geistige Ausbildung, als es bisher der Fall war. Der Ritter wollte nicht gelehrt sein wie ein Geistlicher, aber wissend, kundig und auf seine Art gebildet.

Die ritterliche Bildung hatte auf dem Gebiet der körperlichen Gewandtheit und ihrer Künste eine Parallele zu den septem artes liberales. So soll Petrus Alfonsi das System, welches Schwimmen, Reiten, Pfeilschiessen, Fechten, Jagen, Schachspielen und Versemachen beinhaltet, als septem probitates bezeichnet haben.

Neben den körperlichen Tüchtigkeiten und den schulmäßigen Kenntnissen waren die charakterlichen Tugenden von großer Wichtigkeit. Man sprach in diesem Zusammenhang von einem Tugendsystem[4]. Die triuwe[5], die zuht[6], die milte[7], die salde[8] waren Ziele der ritterlichen Erziehung. Die Grundtugend, die maze[9] umgriff das ganze System, und wehrte einseitige Übersteigerungen ab. Die staete, das Festhalten am Guten, konnte als Grundlage der gesamten Morallehre betrachtet werden. [10]

Abstammung und Leibesschön waren zwar natürliche Grundlagen, mussten aber durch Pflege, Arbeit und durch eine bewusste Haltung bewahrt werden.

Charakterliche, körperliche und geistige Ausbildung verschmolzen in den ritterlichen Zeiten zu einem Bildungsideal. Der Ritter sollte im Dienst der Schwachen und Hilfsbedürftigen, im Dienst Gottes, und der geliebten oder bedrohten Frau stehen und leben, was als Minnedienst bezeichnet wurde. Die Minne wurde in der gesamten abendländischen Literatur als „Quelle und Ursprung aller Güter“[11], dargestellt.[12] Weidelener spricht von der Minne „als Ziel ritterlichen Schulungsweges“.

„Der Sinn dieser ritterlichen Erziehung liegt in der Entwicklung des inneren Wesens des jungen Menschen zu einen bestimmten Ziel und zugleich in der Heranbildung der nach außen tendierenden Kräfte zu diesem Ziel. Dieses Ziel trägt in dem mittelalterlichen Sprachgebrauch den Namen Minne.“[13]

Die Ritter, welcher zu den wichtigsten Mitgliedern der mittelalterlichen Gesellschaft gehörten, können wir nicht ohne einen Blick auf den Klerus betrachten. Die ritterliche Erziehung verlief ähnlich der Erziehung von Mönchen. Beide hatten das Ziel, die höchste Vollkommenheit, die von Gott stammt, zu erreichen. Der Weg dahin ist in der Regel des Heiligen Benedikt beschrieben. Dieser Schrift übte im Mittelalter enorme Auswirkungen auf die Gesellschaft und somit auch auf die Ritterschaft aus. Die Demut nimmt den ersten Platz unter den Rittertugenden ein und ist auch eine der wichtigsten Punkte der Regel von Benedikt.

„ Der erste Schritt zur Demut ist Gehorsam ohne zu Zögern.“[14]

Ritterliche Demut offenbarte sich in der Erkenntnis, dass die eigene Tüchtigkeit nichts vermochte ohne den Segen Gottes. Gegenüber den Menschen bewies der Ritter seine Demut als Mitleid und Barmherzigkeit.

Benedikt stellt 12 Stufen der Demut dar, wodurch es ersichtlich wird, wie lange der Weg zur Vollkommenheit ist. Diesen langen Weg muss auch Parzival durchlaufen.

III. Parzivals Erziehungsgrundlagen und die ersten zwei Lehren

Die Erziehung und Ausbildung von Parzival fängt in einem Wald bei Soltane an, wo Königin Herzeloyde, seine Mutter, versucht, ihn vom Rittertum fernzuhalten. Damit möchte sie verhindern, dass Parzival das gleiche Schicksal erleidet wie seines Vaters. Dieser ist nämlich als Ritter auf einem Kreuzzug verstorben.

Seine Mutter lehrt ihm, dass er „immer recht höflich sein und der Welt Grüße“[15] bieten soll. Außerdem erfährt er von Gott, und von Gut und Böse. Die Lehre über Gott fasst er aber wortwörtlich auf, was dazu führt, dass er Ritter, die ihn begegnen, als Gott betrachtet.

Die wichtigste Lehre seiner Mutter ist, dass er immer auf einen alten Mann hören soll. Das ist die Lehre von Gehorsamkeit.

„Wenn Dich ein grauer, weiser Mann Zucht lehren will, und das kann er wohl, so sollst Du ihm gerne folgen, und sei ihm nicht widerspenstig.“[16]

Nach dem mütterlichen Rat soll Parzival nur gebahnte Wege gehen. Diesem Rat kann er aber nicht folgen, wenn er den Gral finden will. Bei seiner zweiten Gralbegegnung kann er nicht einmal mehr den Weg benutzen, den er sich bei seiner ersten Begegnung gebahnt hatte. Parzival, wie jeder andere, soll in seiner Entwicklung bewusst und aktiv teilnehmen, und soll seinen eigenen Weg finden. Pädagogen versuchen ebenfalls die Schüler oder anderes pädagogisches Klientel dazu zu motivieren, dass jeder seine Individualität erkennt und auslebt. Dazu braucht man Selbstbewusstsein, das bei Parzival zu Beginn der Erzählung noch nicht ausgeprägt ist. Parzival folgt der Lehre seiner Mutter, wie wir später sehen werden, und kommt in den Hof des Gurnemanz, wo er die nächste Lehre erteilt bekommt.

Der Fürst Gurnemanz lehrt ihn die Rittertugenden, wie Erbarmung gegenüber der Bedrängten (milte), und das rechte Maß zwischen Geiz und Freigiebigkeit (maze). Für Parzivals Schicksal ist die Lehre von dem „unziemliche Daherreden“ von großer Bedeutung.

„Ihr sollt nicht viel fragen. Auch sollt Ihr Euch eine wohlbedachte Antwort nicht verdrießen lassen, sondern gebt sie so, dass sie richtig auf die Frage dessen trifft, der Eure Meinung und Art mit Worten erkunden will.“[17]

Hier wird ihm auch die körperliche Ausbildung erteilt. Er lernt Ritterkunst und Ritterkampf, wie reiten und tjostieren[18].

Die natürlichen Grundlagen, die ein Ritter aufweisen muss, wie Schönheit und Abstammung (wovon ihm erst später Trevrizent berichtet), sind bei Parzival vorhanden. Schönheit als Gottesgabe hatten bereits die Ritter im Wald von Soltane in dem Jungen gesehen.

„Gottes Gunst war offenbar an ihm. [...] nie wurde vor ihm ein schönerer Mann gesehn „(!)“ seit Adams Zeit.“[19]

Diese Schönheit wird im Epos öfters betont, um hiermit gleichzeitig auf seine adelige Abstammung hinzuweisen. Dabei werden ihm reale Details des Aussehens im Bereich des Ethischen zugeschrieben. Diese Schönheit zeigt schon zu Beginn der Erzählung, dass Gott ihn für eine wichtige Aufgabe auserwählt hat.

IV. Parzivals Lebensweg von der Mutter bis zum ersten Besuch auf der Gralsburg

IV. 1. Soltane

Herzeloyde hat aufgrund ihres Schicksals, welches ihr durch den Tod ihres Mannes widerfahren ist, ein ganz bestimmtes Leitbild für die Erziehung ihres Kindes. Sie versucht im Wald ihren Sohn vom Rittertum fernzuhalten, aber kein Mensch kann seinen Schicksal entgehen! Damit bereitet sie Parzival auf sein Schicksal vor, obwohl sie eigentlich dessen Erfüllung verhindern wollte. Herzeloyde¢s Lehren sind nötig dazu, dass Parzival das für ihn vorgesehene Schicksal erfüllen kann.

[...]


[1] Garnerus 1999. S. 15.

Im Gegenteil zu anderen Autoren vernachlässigt Lampe diese Aufteilung auf 16 Bücher in seiner Arbeit, und liegt bei seiner Interpretation die St. Galler-Handschrift, die durch 24 Großinitialen den Text gliedert, zugrunde.

[2] „[...] es geht im Parzival [...] um die exemplarische Darstellung des Glaubenssatzes, dass die menschliche Seele unter dem Gesetz unerforschlicher Gnade steht, der sie sich in Demut anzuvertrauen hat.“ Wapnewski 1990.S. 62.; Auslassung: M. D.

[3] Vgl. Weidelener IV. 1998. S. 36.

[4] Der Begriff stammt von Gustav Ehrismann. Nach Bumke¢s Meinung ist es missverständlich, weil eine Systematik der höfischen Morallehre nie gegeben hat. Vgl. Bumke 1999. S, 416.

[5] „ aufrichtigkeit(!), zuverlässigkeit(!), treue ([...] das sittliche pflichtverhältnis(!) zwischen allerhand einander zugehörigen)“ In: Lexer 1876. Band 2. S. 1520

Auslassung und Einfügungen: M. D.

[6] Erziehung u. Selbstzucht

[7] „ Freundlichkeit, Güte, Gnade, Barmherzigkeit, Freigiebigkeit“ In: Lexer 1876. Band 1. S. 2139.

[8] „ Güte, Wolgeartetheit(!), Glück (von Gott)“ In: Lexer 1876. Band 2. S. 579. Einfügung: M. D.

[9] „das masshalten(!), die mässigung(!), anstandsvolle bescheidenheit(!)“ In: Lexer 1876. Band 1. S. 2064. Einfügungen: M. D.

[10] „Beherrschung u. Gleichgewicht“ In: Dolch 1982. S. 133.

[11] Ballauff 1969. S. 437.

[12] „Das mittelalterliche Wort mit der Grundbedeutung einer positiven mentalen und emotionalen Zuwendung „freudliches Gedenken“, wurde für die Beziehung der Menschen zu Gott und für die Beziehung der Menschen untereinander in karikativer, freudschaftl.(!), erot.(!) Und sexueller Hinsicht verwendet und erfuhr im SpätMA eine Bedeutungsverengung auf den letzten Aspekt, die zu dem heut noch gültigen Ersatz von Minne durch „Liebe“ geführt hat.“ In: Lexikon des Mittelalters Band VI. S. 639-640. Einfügungen: M. D.

[13] Weidelener geht davon aus, dass Minne mit der Liebeshandhabung von heute nichts zu tun hat. Liebe entsteht in Zusammenhang mit Leidenschaft, und diese Liebe ist nichts anderes, als eine Flucht - die Flucht von sich selbst in einen anderen. Die Minne macht dagegen den Mensch einsam. Alles, was dazu gehört, wird durch den Begriff, der Beherrschung gekennzeichnet. Vgl. Weidelener III. 1998. S. 8.

[14] Die Regel des Heiligen Benedikt – Kapitel 5. Siehe www.kloster-ettal.de/regel

[15] Wolfram 1998. S. 67.

Herzeloyde können wir als eine Hindernis der Entwicklung sehen. Ihre Lehren sind missverständlich, sie werden zum Verhängnis, weil sie nur äußerlich und naiv verstanden und ausgeführt werden.

[16] Ebd. S. 67.

[17] Wolfram 1998. S.90.

[18] Tjost: ein ritterlicher Zweikampf mit der Lanze im Tunier oder im ernsthaften Kampf. Es ist im Epos für den höfischen Ritter die eigentliche Gelegenheit, sich kämpferisch auszuzeichnen. In: Garnelus 1999. S.29-30.

[19] Wolfram 1998. S. 65.; Einfügung und Auslassung: M. D.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Entwicklung oder Erkenntnis? Parzivals Weg im Epos von Wolfram von Eschenbach
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Fachbereich Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Bildungsbegriffe aus der Antike und dem Mittelalter
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V2324
ISBN (eBook)
9783638114264
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es war sehr mühsam, so viel Literatur zusammenzusuchen, und das Epos aus pädagogischer Sicht zu bearbeiten. 340 KB
Schlagworte
Entwicklung, Erkenntnis, Parzivals, Epos, Wolfram, Eschenbach, Seminar, Bildungsbegriffe, Antike, Mittelalter
Arbeit zitieren
Marianna Dreska (Autor), 2002, Entwicklung oder Erkenntnis? Parzivals Weg im Epos von Wolfram von Eschenbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2324

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