Das Werk der Hamburger Schriftstellers Uwe Timm ist mit diversen Romane zu den unterschiedlichsten Themen, von Kinderbüchern über die Ost-West-Problematik und den 2. Weltkrieg hin zur 86-Bewegung, breit und vielfältig angelegt. Doch gibt es viele sich wiederholende Motive, von denen eines besonders hervorsticht: Das Motiv des Erzählens. In Uwe Timms Romanen spielt das Erzählen eine zentrale Rolle. So wird das Romanschreiben thematisiert, Figuren erzählen und lassen sich erzählen, es wird um Geld und Liebe erzählt. Immer wieder taucht eine Szene auf, die auch als „Urszene“ beschrieben wird: das Zusammensitzen in der Küche und Geschichtenerzählen (vgl. Steinecke 2005: 253)
Uwe Timm ist ein so genannter „Schriftsteller der mittleren Generation“, d.h. er gehört einer Gruppe von Schriftstellern an, die auf die Generation folgte, die direkte Zeitzeugen des 2. Weltkrieges waren und ihre Erfahrungen literarisch verarbeitet haben. Uwe Timm und seine Zeitgenossen folgten auf Schriftsteller, die Teil dieser prägenden Erlebnisse waren und hatten mit dem daraus resultierenden Vorwurf, nichts Neues schreiben zu können, zu kämpfen. Das historische Ereignis, das Uwe Timms Leben und seine Schriftstellergeneration prägte, war die Studentenbewegung und der damit verbundene Aufstand gegen die Vätergeneration, der gleichzeitig ein Aufstand gegen die Generation der Nachkriegsschriftsteller war (vgl. Durzak 1995). Timm ist somit mit seinem ersten Roman Heißer Sommer berühmt geworden, in dem es um die 68er-Bewegung geht und hat andere Werke zu diesem Thema verfasst. Die Thematik der Studentenbewegung macht einen Großteil der Diskussion um Uwe Timm aus. Doch hat er gleichzeitig mit seiner Poetik-Vorlesung, die er im Wintersemester 1991/92 an der Universität Paderborn gehalten hat und die in dem Buch Erzählen und kein Ende festgehalten ist, viel Raum für eine Diskussion und Forschung um sein Erzählmodell geboten. Viele der Erkenntnisse, die Uwe Timm in Erzählen und kein Ende gewinnt, sind auf seine Werke anzuwenden und lassen interessante Rückschlüsse zu. Dies soll in der vorliegenden Arbeit getan werden. [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Alltagserzählungen und literarisches Erzählen
1.1. Abgrenzung von literarischem und alltäglichem Erzählen durch Timm
1.2. Literarisches und alltägliches Erzählen in Die Entdeckung der Currywurst
2. „Der wunderbare Konjunktiv“
2.1. „Der wunderbare Konjunktiv“ – Uwe Timms Definition
2.2. Lüge und Wahrheit in Die Entdeckung der Currywurst
2.3. Möglichkeiten der Wahrheit in Kopfjäger
2.3.1. Der Erzähler
2.3.2. Die Geschichten
3. Wirkung und Funktion des Erzählens in Johannisnacht und Kopfjäger
3.1. Johannisnacht
3.2. Kopfjäger
4. Selbstreferenz und Thematisierung des Erzählens
4.1. Johannisnacht
4.2. Die Entdeckung der Currywurst
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das zentrale Motiv des Erzählens in den Romanen Johannisnacht, Die Entdeckung der Currywurst und Kopfjäger von Uwe Timm. Dabei wird analysiert, wie Timm unterschiedliche Erzählformen und Funktionen des Erzählens inszeniert, wie er seine Figuren erzählen lässt und inwieweit das Erzählen als machtvolles Instrument sowie als Mittel der Identitätsstiftung fungiert.
- Die Differenzierung zwischen alltäglichem und literarischem Erzählen
- Die Bedeutung des „wunderbaren Konjunktivs“ als literarisches Gestaltungsmittel
- Die Macht des Erzählens in zwischenmenschlichen Beziehungen und im Berufsleben
- Selbstreferenzielle Aspekte und die Thematisierung des Schreibprozesses
- Die Funktion des Erzählens zur Identitätskonstruktion in Umbruchszeiten
Auszug aus dem Buch
2.3.2. Die Geschichten
Geschichten spielen in Kopfjäger eine wichtige Rolle. Nicht nur steht der Onkel des Erzählers, ein Schriftsteller und somit Geschichtenerzähler, oftmals im Zentrum der Gedanken des Erzählers; auch sind die Geschichten, die er selber erzählt, von zentraler Bedeutung.
Peter Walter zeichnet sich durch ein besonderes Erzähltalent aus, das ihn in allen Berufen, die er ausgeübt hat, geholfen hat. Schon zu Beginn seiner Karriere wird klar, dass es sich auch in Walters Berufsleben um Geschichten dreht. Als Zeitschriftenvertreter bekommt er den Rat von seinem Vorgesetzten: „Man muss den Stein steinig machen. [...] Gemeint ist der Kern einer Geschichte, sagte Berthold“ (KJ, S. 105). Weiter heißt es bei der Versicherung, für die Walter als nächstes, wieder als Verkäufer, tätig ist: „Kommt ja nicht drauf an, daß Geschichten wahr sind, sie müssen nur stimmen [...]“ (KJ, S. 137) In beiden Jobs ist Walter als Verkäufer tätig, er muss Menschen davon überzeugen, für das Produkt, das er verkauft, Geld auszugeben. Nichts anderes tut er später als Anlageberater. Mit seinen Geschichten überzeugt Walter die jeweiligen Kunden: „Man könnte sagen, daß Walter durch Geschichten zu seinem Vermögen gekommen ist. Geschichten nämlich verkaufen sich [...]“ (Horn 1995: 201) Wie Walters Geschichten funktionieren und welche Rolle der „wunderbare Konjunktiv“ dabei spielt, soll im Folgenden geklärt werden.
„Jemand [...], dem es gelang, ihn [...] fast eine Stunde mit einer Geschichte von der Arbeit abzuhalten, der verstehe etwas von den geheimen Wünschen der Leute [...]“ (KJ, S. 255). Walters Beruf ist es, seine Kunden dazu zu bringen, ihm möglichst viel Geld zu überlassen. Er muss Überzeugungsarbeit leisten und dieses tut er in Form von Geschichten, in denen er auf geheime Wünsche und/oder Ängste der jeweiligen Gesprächspartner eingeht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Werk Uwe Timms und die zentrale Rolle des Motivs des Erzählens als Basis für die Untersuchung.
1. Alltagserzählungen und literarisches Erzählen: Theoretische Abgrenzung zwischen notwendigem Alltagsgeschichten und dem freiwilligen, strukturierten literarischen Schreiben.
2. „Der wunderbare Konjunktiv“: Analyse des von Timm geprägten Konzepts, das Erzählen als Entwurf von Wirklichkeitsmöglichkeiten jenseits starrer Chronologie begreift.
3. Wirkung und Funktion des Erzählens in Johannisnacht und Kopfjäger: Untersuchung der Macht des Erzählens, sei es als Mittel erotischer Verführung oder zur Sicherung von Identität und materiellen Interessen.
4. Selbstreferenz und Thematisierung des Erzählens: Reflexion über die Meta-Ebene der Romane, in denen das Erzählen und der Schreibprozess selbst zum Gegenstand der Handlung werden.
Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Bestätigung, dass das Erzählen die treibende Macht in Timms Romanen darstellt.
Schlüsselwörter
Uwe Timm, Erzählen, Literaturwissenschaft, Johannisnacht, Die Entdeckung der Currywurst, Kopfjäger, wunderbarer Konjunktiv, Alltagserzählung, Identitätsstiftung, Macht des Erzählens, Selbstreferenz, Erzähltheorie, Narratologie, Schreibprozess, Wirklichkeitskonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Motiv des Erzählens in drei ausgewählten Romanen von Uwe Timm unter Einbeziehung seiner Poetik-Vorlesung „Erzählen und kein Ende“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Unterscheidung zwischen Alltag und Literatur, das Konzept des „wunderbaren Konjunktivs“, die Macht des Erzählens sowie dessen identitätsstiftende Funktion.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Bedeutung und Funktion des Erzählens als zentrales Motiv in den Werken Johannisnacht, Die Entdeckung der Currywurst und Kopfjäger herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Analyse stützt sich auf Uwe Timms eigene Poetik, ergänzt durch erzähltheoretische Ansätze nach Wolf Schmid, um die Funktionsweise des Erzählens im Text direkt zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Erzählformen, die Analyse des „wunderbaren Konjunktivs“ an konkreten Beispielen, die Machtwirkungen des Erzählens und die Reflexion über selbstreferenzielle Strukturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Uwe Timm, Erzähltheorie, wunderbarer Konjunktiv, Alltagserzählungen, Selbstreferenz und Identitätsstiftung.
Wie unterscheidet Timm laut der Arbeit das alltägliche vom literarischen Erzählen?
Alltagsgeschichten sind für Timm „das Ferment des Zusammenlebens“ und notwendig, während das Schreiben literarischer Texte einen freiwilligen, strukturierten und experimentellen Prozess darstellt.
Welche Funktion hat das Erzählen in Kopfjäger spezifisch für den Protagonisten?
In Kopfjäger dient das Erzählen dem Protagonisten Peter Walter als Mittel, um Kunden zu überzeugen, Vermögen zu generieren und gleichzeitig die Deutungshoheit über seine eigene Lebensgeschichte gegenüber seinem Onkel zu verteidigen.
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- Janina Diamanti (Author), 2008, Das Motiv des Erzählens in den Romanen "Johannisnacht", "Die Entdeckung der Currywurst" und "Kopfjäger" von Uwe Timm, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232476