Die geschichtliche Entwicklung der Psychiatrie in Deutschland

Mit Schwerpunkt auf die Sozial- und Gemeindepsychiatrie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die historische Entwicklung der Psychiatrie im 18. und 19. Jahrhundert

3. Die Entwicklung der Psychiatrie nach dem 2. Weltkrieg
3.1. Die Gemeindepsychiatrie auf dem Hintergrund der Psychiatrie-Enquête
3.2. DieSozialpsychiatrie

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Viele Menschen mit einer psychischen Erkrankung leben heutzutage in der Gemeinde und nehmen, soweit es ihnen möglich ist, an dem gesellschaftlichen Leben teil, wobei keine Verdrängung dieser Menschen mehr stattfindet. Vielmehr hat eine fast vollständige Partizipation stattgefunden. Das Sozialgesetzbuch I § 10 besagt, dass „Menschen, die körperlich, geistig oder seelisch behindert sind oder denen eine solche Behinderung droht, ... unabhängig von der Ursache der Behinderung zur Förderung ihrer Selbstbestimmung und gleichberechtigten Teilhabe ein Recht aufHilfe [haben] (...)“ (Stascheit 2008, S. 77). Diese Hilfen sind zu gewähren, damit sich die körperlich, geistig oder seelisch behinderten selbst entwickeln können und so weit wie möglich von Hilfen unabhängig werden. Weiter heißt es in § 10 Absatz 4 des SGB I, dass „ihre Entwicklung zu fördern [ist] und ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und eine möglichst selbständige und selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen oder zu erleichtern [sei]“ (Stascheit 2008, S. 77). Diese Integration von u.a. psychisch kranken Menschen fandjedoch nicht immer mit dem gleichen Selbstverständnis wie heute statt, sondern in der Geschichte der Psychiatrie war die räumliche Isolierung und Ausgrenzung psychisch kranker Menschen üblich und bei einem Großteil der Gesellschaft akzeptiert und anerkannt.

Gegenstand dieser Arbeit soll deshalb „Die geschichtliche Entwicklung der Psychiatrie in Deutschland mit Schwerpunkt auf die Sozial- und Gemeindepsychiatrie“ sein. Bei der Bearbeitung dieser Thematik sollen zwei Fragekomplexe im Vordergrund stehen:

1. Wie entwickelte sich die Psychiatrie im 18. und 19. Jahrhundert und welche Veränderungen traten nach dem 2. Weltkrieg ein?
2. Wie veränderte sich die Psychiatrie auf dem Hintergrund der Psychiatrie- Enquête und welche Ansätze verfolgt die Sozialpsychiatrie?

Dazu werde ich zunächst unter Punkt 2., durch einen knappen geschichtlichen Abriss, die historische Entwicklung der Psychiatrie im 18. und 19. Jahrhundert darlegen. Im Anschluss daran werde ich unter Punkt 3. näher auf die Entwicklung der Psychiatrie nach dem 2. Weltkrieg eingehen. Mit der professionellen Kritik an den menschenunwürdigen Verhältnissen in den Anstalten, begann in den Jahren um 1970 die Psychiatriereform. Hierzu werde ich unter Punkt 3.1. die Gemeindepsychiatrie auf dem Hintergrund der Psychiatrie-Enquête näher beleuchten. Für den maßgeblichen Erfolg der Psychiatrie-Enquête war das theoretische und praktische Instrument der Sozialpsychiatrie von entscheidender Bedeutung. Die moderne Sozialpsychiatrie drängte zu einem Umdenken der Handelnden, sowohl der Professionellen als auch der Betroffenen. Dazu werden unter Punkt 3.2. die Inhalte und Ansätze der Sozialpsychiatrie veranschaulichen. Zum Abschluss der Arbeit werde ich unter Punkt 4. schlussendlich ein Resümee ziehen und die Ergebnisse noch einmal zusammenfassend reflektieren.

2. Die historische Entwicklung der Psychiatrie im 18. und 19. Jahrhundert

Der folgende Teil der Arbeit befasst sich zunächst mit der historische Entwicklung der Psychiatrie im18. und 19. Jahrhundert.

Im 18. Jahrhundert wurden etwa 25% der Bevölkerung in Deutschland ausgegrenzt. Zu diesen Ausgegrenzten gehörten beispielsweise Bettler, Arme oder „Irre“. Unterschiedliche Einrichtungen in denen die Ausgegrenzten untergebracht waren, wie Zucht-, Verwahrungs- oder Korrektionshäuser, dienten dazu diese auszugliedern und wegzusperren. Gleichzeitig zerfielen geistliche Stifte und Klöster sowie gesellschaftliche Strukturen, wie Nachbarschaften oder Zünfte, welche sich der vorhandenen Not annahmen um diese zu verringern. Die „Irren“ waren immer weniger Teil der Gesellschaft, sodass selbst Familienangehörige sich nur noch um die nächsten Angehörigen kümmerten. Die Lebensart der Menschen wandelte sich immer mehr von Opferbereitschaft und Wohltätigkeit zu Eigennutz und Egoismus. Dadurch das sich das

Merkmal der Leistungsfähigkeit in der Gesellschaft immer mehr verbreitete und die Gesellschaft sich wirtschaftlich und rechtlich gegen Störungen formierte, kam es dazu, dass die „Irren“ immer häufiger als sozial unbrauchbar abgestempelt wurden. Personen die von den festgelegten Regeln der Sitte, der Arbeit oder der Vernunft abwichen, wurden zu Fremden, Ausgegliederten und Entrechteten, da sie nicht mehr in die gesellschaftlichen Normen passten. Aufgrund ihres normwidrigen Verhaltens, welches in der Öffentlichkeit als Störung der Ordnung empfunden wurde, wurden die „Irren“ oftmals in speziellen Gefängnissen für „Irre“ in Gewahrsam genommen. Durch die freie Lohnarbeit und die gestiegenen Hürden für den Zugang zum Arbeitsmarkt, wurden Menschen mit Handicap auch in der Arbeitswelt immer öfter ausgeschlossen. In dieser Zeit der Ausgrenzung kamen jedoch auch erste Reformversuche zustande. So kam es beispielsweise 1784 in Wien erstmalig zur Angliederung eines Irrenturms an das Hauptspital, wodurch erstmals eine Abteilung mit einem psychiatrischen Hintergrund in einem Krankenhaus entstanden ist. Des Weiteren wurde 1785 im Juliusspital bei Würzburg ein Heilungsmotiv berücksichtigt, wobei die „Irren“ als nicht heilbar bzw. heilbar eingestuft wurden. Dabei wurde die Anwendung von unmittelbarem Zwang als ersterVersuch einer Behandlung gewertet (vgl. Dörner 1999, S. 185-192).

Die Anfänge der modernen Psychiatrie wurden in Deutschland schließlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts gemacht, wobei die deutsche Psychiatrie zu diesem Zeitpunkt eine international führende Position einnahm. Insgesamt wurden in Deutschland mehr als 30 psychiatrische Anstalten eröffnet und es wurde erstmals eine „Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie“ veröffentlicht. Zudem wurden aktive Behandlungsmethoden wie z.B. die „Ekel- und Schmerztherapie“ oder der „Drehstuhl“ angewendet. Dabei war Wilhelm Griesinger (1817-1868) einer der bedeutsamsten Reformer der deutschen Medizin im 19. Jahrhundert. Griesinger war ein deutscher Psychiater sowie Internist und gilt als einer der Begründer der modernen, (natur-)wissenschaftlichen Psychiatrie. Er war der Auffassung, dass psychischen Erkrankungen Gehimkrankheiten sind, die mit Störungen des Vorstellens und des Wollens Zusammenhängen. Außerdem vertrat Griesinger die Ansicht, dass sich im Gehirn die Kognition und Vorstellungen befinden (vgl. Ackerknecht 1985, S. 62/63).

Mit dem gesellschaftlichen Umsturz im Zuge der französischen Revolution kam es zu einem Umbruch und Umdenken, wodurch den „Irren“ eine humanitäre Behandlung in Aussicht gestellt wurde. Dafür Paradigmatisch ist die vom franzözischen Psychiater Philippe Pinel (1745-1826) durchgeführte „Befreiung der angeketteten Irren am 24.05.1793 in der Pariser Irrenanstalt Bicêtre. Pinel hat aber nicht nur die Bürgerrechte der Irren eingefordert, sondern auch die sozialen Privilegien der Krankheitsrolle. (...) Wenigstens dem Ziel nach wurde damit den Irren jenes Maß an Schutz und Hilfe eröffnet, das die bürgerliche Gesellschaft für ihre kranken Mitglieder damals anzubieten hatte“ (Häfner 2001, S. 75). Dabei setzte Pinel selber ärztliche Behandlungen ohne weitere Zwangsnahmen durch. Insgesamt wurden mehrere unterschiedliche Theorien zu psychischen Erkrankungen von verschiedenen Gelehrten aufgestellt. Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) lehrte beispielsweise, dass die Heilung im Bereich der Psychiatrie die Aufgabe von Philosophen und nicht die von Ärzten sei, da die Psychiatrie auf die Entordnung der Vernunft zurückzuführen ist. Im Gegensatz dazu lehrte der Heidelberger Psychiater C.F.W. Roller (1802-1878), dass die Entordnung der Vernunft durch eine verkehrte Erziehung bzw. einen regellosen Umgang innerhalb der Familie und der Umwelt zustanden gekommen ist. Infolgedessen wurden die Kranken von ihren Familien getrennt, räumlich sowie sozial ausgeschlossen und häufig über mehrere Jahre oder auch lebenslänglich in maroden Anstalten weggesperrt. In den Anstalten selbst, welche sich meistens außerhalb der Städte befanden, gab es in der Regel keine aktive Tagesgestaltung und auch Entlassungsprogramme oder eine organisierte Nachsorge waren kaum vorhanden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es einen extremen Anstieg von hospitalisierten psychischen Kranken, wobei davon ausgegangen wurde, dass sich die Anzahl von Geisteskrankheiten aufgrund von genetischen Abweichungen kontinuierlich erhöhte. Da diese Annahme von einer Vielzahl von Wissenschaftlern und Bürgern geteilt wurde, diente sie der psychologischen sowie politischen Vorbereitung zum Bruch der Menschenrechte, wie beispielsweise der Zwangssterilisation. So ließ Hitler etwa 300.000 angeblich Erbkranke sterilisieren und ab 1939 etwa 200.000 psychisch Kranke Menschen töten (vgl. Häfner 2001, S. 75-79).

3. Die Entwicklung der Psychiatrie nach dem 2. Weltkrieg

Nach dem zweiten Weltkrieg kam es aufgrund des verheerenden Ausmaßes des Holocausts zu einem tiefgreifenden Umdenken in Bezug auf die Menschen- und Bürgerrechte. Diese Neubesinnung der Menschen wurde erstmals in der 1948 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Menschenrechtsdeklaration umgesetzt, wobei in den Folgejahren weitere Beschlüssen zur Stärkung der Rechte von psychisch Kranken Menschen in der BRD verabschiedet wurden. So wurde beispielsweise das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht zum Schutz der Freiheit psychisch Kranker Menschen umgesetzt. Die „endgültige Wende der Psychiatrie in Deutschland ... [hat allerdings erst] fast 20 Jahre später nämlich mit der Enquete von 1975, eingesetzt...“ (siehe Kapitel 3.1.); (Häfner 2001, S. 83). In den Jahren nach 1950 war es den Psychiatern durch die Entdeckung und Verbesserung von Psychopharmaka das erste Mal möglich ein stationäres sowie ambulantes Behandlungsinstrument anzuwenden. Außerdem kam es zur Entwicklung von neuen Psychotherapiemethoden. Dadurch wurden die Psychiater zu aktiv handelnden Ärzten, wobei sich die Psychiatrie von einer aufbewahrenden zu einer therapeutischen Disziplin wandelte. Es war nunmehr möglich leichte psychotische Störungen ambulant zu behandeln, Rückfällen entgegenzuwirken und psychotische Episoden schnell einzudämmen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die geschichtliche Entwicklung der Psychiatrie in Deutschland
Untertitel
Mit Schwerpunkt auf die Sozial- und Gemeindepsychiatrie
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V232498
ISBN (eBook)
9783656489078
ISBN (Buch)
9783656492450
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, psychiatrie, deutschland, schwerpunkt, sozial-, gemeindepsychiatrie
Arbeit zitieren
Michel Stade (Autor), 2011, Die geschichtliche Entwicklung der Psychiatrie in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232498

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