A. Schneider/M. Dusikova: Leb wohl, Chaja! - I. Hermann/C. Solè-Vendrell: Du wirst immer bei mir sein. - Eine vergleichende Analyse zum Thema Sterben und Tod im Kinderbuch


Examensarbeit, 2003
107 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I Einleitung

II Buchanalyse ‚Leb wohl Chaja’
1. Inhaltliche Analyse
1.1 Inhaltsangabe
1.2 Authentizität der Sterbe- und Todesdarstellung
1.3 Veranschaulichungsgrad von Stimmungswerten
1.4 Lösungs- und Bewältigungsstrategien
1.5 Kommunikations- und Interaktionsstrukturen
1.6 Offenheitsgrad bezüglich religiöser Wertmaßstäbe
2. Stilistische Analyse
2.1 Äußere Aufmachung
2.2 Aufbau/Struktur
2.3 Sprache
2.4 Bildbetrachtung
3. Stellungnahme und didaktische Überlegungen

III Buchanalyse ‚Du wirst immer bei mir sein’
1. Inhaltliche Analyse
1.1 Inhaltsangabe
1.2 Authentizität der Sterbe- und Todesdarstellung
1.3 Veranschaulichungsgrad von Stimmungswerten
1.4 Lösungs- und Bewältigungsstrategien
1.5 Kommunikations- und Interaktionsstrukturen
1.6 Offenheitsgrad bezüglich religiöser Wertmaßstäbe
2. Stilistische Analyse
2.1 Äußere Aufmachung
2.2 Aufbau/Struktur
2.3 Sprache
2.4 Bildbetrachtung
3. Stellungnahme und didaktische Überlegungen

IV Vergleich der beiden Bücher

V Schluss

VI Literaturverzeichnis

VII Eidesstattliche Erklärung

I Einleitung

Ganz allein mit sich und der Welt steht das Mädchen mit dem Rücken vor dem Bett ihrer toten Mutter. Nicht Trauer, sondern Entsetzten steht ihr ins Gesicht geschrieben. Mit großen, aufgerissenen Augen starrt es nach vorn – den Betrachtern des Gemäldes ‚Die tote Mutter’ von Edvard Munch direkt ins Gesicht. Mit beiden Händen hält es sich die Ohren zu. Wohin mit dem Schmerz, wohin mit der Angst, wohin mit der Hilflosigkeit dem Tod zu begegnen?

Auch wenn der Tod der Mutter, der Schwester Sophie und des Vaters für Edvard Munch schon lange zurückliegen, sind die Erfahrungen der Kindheit doch so lebendig geblieben, dass sie ihn zum Malen des Bildes ‚Die tote Mutter’ drängten.[1] Kinder vergessen nicht!

Ein ungesunder oder fehlender Umgang mit Tod und Sterben kann dazu führen, dass einen der Schmerz ein Leben lang begleitet. Mehr noch, er kann auf Dauer so krank machen, dass ein ‚normales’ Leben nicht mehr möglich ist. „Persönliche Beziehungen werden leicht brüchig. Soziale Isolierung und Einsamkeit fördern eine depressive Entwicklung, die von schier endlos erscheinender Trauer nicht mehr loskommt. Am Ende mag das Leben des heil- und hilflosen Trauernden durch Selbsttötungsgedanken vielleicht selbst gefährdet sein.“[2]

So muss das kleine Mädchen auf Munchs Bild ‚Die tote Mutter’ die Trauer durchleben und durchleiden. Nur so wird sie ihren Schmerz und ihre Hilflosigkeit überwinden. Der Tod ist allgegenwärtig. Er zieht sich wie ein Kette vieler kleiner Tode in Form von Abschied, Trennung und Verlust durch unser gesamtes Leben. Weglaufen ist somit nicht möglich und auf gar keinen Fall gesund.

Ich selbst weiß, dass mir, durch ein Ereignis in meiner Kindheit, der gesunde Umgang mit dem Thema Tod sehr schwer gemacht wurde und dass ich dadurch bis heute große Schwierigkeiten mit Abschied, Trauer, Tod und Sterben habe. Gerade darum ist es mir wichtig, mich mit dem Thema in Form von Bilderbüchern auseinander zu setzten. Sicherlich zum Teil, um mir selbst ein Stück Stärke zu geben, um zu verarbeiten und die Gefühle in mir zu ordnen, doch im Wesentlichen, um später im Berufsleben den Kindern in der Schule die Möglichkeit zu geben, ein gesundes Verhältnis zum Thema Tod aufzubauen.

Obwohl die Darstellung von Sterben und Tod in der Kinderliteratur und in anderen Medien längst kein Tabuthema mehr ist, hat der Tod nahestehender Menschen nichts von seinem Schrecken eingebüßt.[3]

„Die Mediengesellschaft bringt den Tod zwar täglich massenhaft ins Haus; durch die Abgrenzung der Lebensbereiche voneinander sind jedoch die unmittelbaren Erfahrungsmöglichkeiten mit Sterben und Tod im sozialen Umfeld weitgehend verlorengegangen.“[4]

Um so wichtiger ist es, das Schweigen zu durchbrechen und Kindern so die Gelegenheit zu geben ihren Fragen und Ängsten Ausdruck zu verleihen. Bilderbücher können hier eine gute Brücke bilden, indem sie mit ihren Geschichten und ihren Bildern Kindern und Erwachsenen helfen die richtigen Worte zu finden.

Vor jedem Einsatz eines Buches zur Bearbeitung von Trauer und Tod steht jedoch eine genaue Analyse und Betrachtung, da nicht jedes Buch geeignet ist und ein falsches Buch die Angst und den Schrecken von Kindern vor dem Tod noch verstärken kann.

Im Folgenden werde ich das Buch ‚Leb wohl, Chaja!’ von Antonie Schneider und Maja Dusíková sowie das Buch ‚Du wirst immer bei mir sein’ von Inger Hermann und Carme Solé-Vendrell auf genau diesen Nutzen im Umgang mit Trauer, Sterben und Tod hin überprüfen und vergleichen.

Die genaue Analyse der Bilderbücher werde ich jeweils in drei Teile staffeln: die inhaltliche, die stilistische und die didaktische Analyse.

Für die inhaltliche Analyse nutze ich größtenteils die Kriterien zur Analyse von Bilderbüchern aus dem Buch ‚Kind und Tod’ von Martina Plieth. Die Kriterien beziehen sich auf Todesdarstellung, Gefühlsdarstellung, Bewältigungsstrategien, Kommunikations- und Interaktionsstrukturen ebenso wie auf die Verträglichkeit mit religiösen Wertmaßstäben. Ich halte die Kriterien für sehr gelungen und denke, dass sie die wichtigsten Punkte zur Analyse von Bilderbüchern beinhalten.

In der stilistischen Analyse werde ich mich mit dem Aufbau / der Struktur, der Sprache und der Analyse der Bilder beschäftigen. Gerade in der Betrachtung der Bilder (sowohl der sprachlich-symbolischen als auch der bildlichen) liegt in Bilderbüchern ein besonderes Gewicht.

Schließen werde ich die Analysen mit meinen didaktischen Überlegungen bezüglich des jeweiligen Bilderbuches. Der Punkt der didaktischen Überlegungen beinhaltet meine Stellungnahme zum Nutzen des Buches bezüglich der Stärkung von Kindern zum gesunden Umgang mit dem Thema Tod.

Am Ende der Arbeit steht, nach dem Vergleich der beiden Bilderbücher, der Schluss gefolgt vom Literaturverzeichnis und der Eidesstattlichenerklärung.

Um Übersichtlichkeit zu gewährleisten, werde ich im folgenden lediglich die männliche Form verwenden. Die weibliche Form ist selbstverständlich darin eingeschlossen.

II Buchanalyse ‚Leb wohl Chaja’

1. Inhaltliche Analyse

1.1 Inhaltsangabe

Das Bilderbuch ‚Leb wohl, Chaja!’ von Antonie Schneider und Maja Dusíková, beschreibt den Tod eines geliebten Haustieres und einer Großmutter sowie den Umgang der hinterbliebenen Verwandten mit der Trauer.

Als Oma zu Papa, Mama, Mira und Valentin zieht, bringt sie in einer Schachtel den kleinen Vogel Chaja, übersetzt ‚Leben’, mit. Die Kinder und die Oma haben viel Spaß mit Chaja, bis der kleine Vogel eines Tages plötzlich nicht mehr so munter auf der Stange in seinem Käfig sitzt wie sonst. Die Oma baut Chaja ein Nest aus Watte und Wolle und bettet ihn darin, doch am nächsten Morgen wacht der Vogel nicht mehr auf. Chaja ist tot. Die Kinder begraben Chaja, zusammen mit der ganzen Familie, im Garten. Valentin und Mira sind sehr traurig, aber die Oma tröstet sie und erklärt ihnen, dass Chaja in den Erinnerungen weiterlebt, weil ihn alle in der Familie sehr lieb gehabt haben.

Mit der Zeit wird die Oma immer schwächer und müder, sie kann sich kaum noch zum Fenster bewegen. Die Kinder verbringen sehr viel Zeit mit ihr. Sie spielen, reden oder hören ihren Geschichten zu. Doch eines Tages liegt sie ganz still im Bett - ‚Sie schläft, wie Chaja’. Valentin und Mira sind sehr traurig und weinen. Als Trost gibt ihnen die Mutter ein von der Oma selbst hergestelltes und extra für die Kinder hinterlassenes Heft mit Geschichten und Fotos von Chaja. Mit den Worten, dass sie ihre Oma lieb habe, setzt sich Mira mit ihrem Bruder Valentin in den Sessel und schaut sich mit ihm das Erinnerungsheft an.

1.2 Authentizität der Sterbe- und Todesdarstellung

Im folgenden Abschnitt werde ich das Buch ‚Leb wohl, Chaja!’ anhand der Fragen untersuchen, wie die Einführung von Sterben und Tod erfolgt, welche typisch kindlichen Erfahrungsformen sie widerspiegelt und ob die im Buch vermittelte Wirklichkeit der physisch-psychologischen Realität von Kindern entspricht.[5]

Im Laufe der kindlichen Entwicklung bildet sich ein vierdimensionales, erwachsenes Todeskonzept heraus. Dazu gehören die Nonfunktionalität , welche die Erkenntnis beinhaltet, dass alle lebensnotwendigen Funktionen mit dem Eintritt des Todes aufhören. Des weiteren drückt die Irreversibilität die Unumkehrbarkeit des Todesereignisses aus. Die Universalität ist das Bewusstsein, dass alle Menschen ausnahmslos sterblich sind. Als letztes ist die Kausalität zu nennen, die auf das Wissen der Todesursache abhebt.[6]

Im Buch werden zwei Sterbe- bzw. Todesdarstellungen aufgeführt, zum einen die des Vogels Chaja und zum anderen die der Oma. Beide werden durch sogenannte Todesvorankündigungen vorbereitet. So verliert Chaja mehr Federn als sonst (S.9)[7], kann die Augen nicht mehr ganz öffnen und frisst und badet nicht mehr (S.11). Schließlich endet der Kräfteverlust in einer kurzen Agonie, bevor sie letztendlich in der Nacht stirbt.[8] „Plötzlich pickte Chaja wie wild um sich, und Valentin erschrak.“ (S.11).

Die Oma wiederum ist oft müde, dass Gehen fällt ihr so schwer, dass sie sich beim Spazieren gehen auf den großen Regenschirm stützen muss. Sie schläft länger als sonst, hört nicht mehr so gut, liest selbst langsamer als der kleine Valentin und erzählt Mira immer wieder die gleichen Geschichten neu (S.9). Nach und nach geht sie nur noch selten raus, als ob sie förmlich auf den Tod wartet (S.11). Sie zieht sich umständlich an und muss lange nach ihrem Regenschirm suchen, bevor sie ihn findet. Sie geht sehr langsam und stockend die Treppe herunter und letztendlich schwer wieder hinauf (S.19). Nur noch selten sitzt sie wie einst am Fenster. Stattdessen liegt sie meistens auf dem Sofa (S.21).

All diese Todesvorankündigungen weisen gezielt platziert auf zunehmende Schwäche und Hilflosigkeit hin. Sie zeigen sowohl allmähliche Veränderungen im Lebenslauf wie auch deren erwartbarer Kulminationspunkt an, welcher sich letztendlich im Sterben bzw. Tod des Betroffenen darstellt.[9] Der Ausfall von bestimmten Körperfunktionen (Nonfunktionalität) wird von Kindern, ungefähr ab dem sechsten Lebensjahr, intuitiv und sukzessiv als herandrängende Todeswirklichkeit erfasst und kommt als ‚Vorstufe’ des Todes in den Blick.[10]

Doch nicht nur durch die Betonung von schwindenden Körperfunktionen, auch durch die Symbolik der Jahreszeiten wird die Vorbereitung auf den Tod des Vogels Chaja und der Oma unterstützt. So fallen im Herbst (S.9/10) mit den ersten Blättern auch die ersten Federn von Chaja. Bei der Oma hingegen stellen sich die ersten Schwächeanzeichen ein. Ebenso wird mit dem ersten Schnee im Winter (S.11) und der somit einbrechenden Kälte Chajas Tod (S.13) bzw. der erste Kälteeinbruch in den Herzen der Kinder angekündigt. Der Todeszeitpunkt der Oma hingegen rückt zwar durch den dichter werdenden Winter hindurch immer näher, wird letztendlich jedoch nicht mit der Jahreszeitensymbolik angekündigt. Vielmehr wirkt hier diese Symbolik verwirrend, da die Oma im Frühling und somit im übertragenden Sinne zum Zeitpunkt des Neubeginns stirbt (S.23/24).

Die aufgeführten Todesvorankündigungen bereiten die lesenden bzw. hörenden Kinder auf den Tod des Vogels und der Oma vor und machen es ihnen einfacher, den selbigen nachzuvollziehen. Gleichzeitig schafft es einen realen Übertrag zu ihrer Wirklichkeit. Denn auch sie werden, wenn sie hinschauen, merken, dass die Großmutter oder der Großvater nicht mehr alles mitmachen können, einen Stock brauchen, Medikamente nehmen müssen, immer wieder die gleichen Geschichten erzählen, länger schlafen– dem Lebensabend immer näher kommen.

Die Geschichte bestätigt somit die Vorstellung drei- bis sechsjähriger Vorschulkinder, dass alte Menschen sterben. Die Kausalität des Todes wird von jüngeren Kindern zunächst ausschließlich im Zusammenhang mit dem Lebensfaktor wahrgenommen und dementsprechend nur eingeschränkt verstanden; es erscheint plausibel, dass in kindlicher Sicht Erwachsene deshalb sterben, weil sie ihr Lebensziel erreicht haben.[11] Der Tod der Oma ist somit für Kinder dieses Alters gut nachzuvollziehen. Unterstützt wird die Kausalität durch die schon beschriebenen Todesvorankündigungen.

Schwierigkeiten sehe ich bei der Todesvorankündigung des Vogels Chaja im Punkt des Federn Verlierens. Das Vögel während der Mauser Federn verlieren, ist normal. So erklärt auch die Mutter den Kindern ganz selbstverständlich, dass Chaja ihre Federn verliert, da sie in der Mauser ein neues Winterkleid bekommt (S.9). Die Mauser letztendlich dann jedoch als erstes Todesanzeichen aufzuführen, empfinde ich als deplaziert und unüberlegt. Kinder könnten die Mauser als Todesanzeichen überbewerten und auf ihre eventuell vorhandenen Vögel zuhause übertragen. Dies würde unnötige Angst und Sorge um das geliebte Haustier mit sich bringen.

Gerade in Bezug auf Tod ist ein bewusster und genauer Sprachgebrauch sehr wichtig. Unbedachte Äußerungen können bizzare, erschreckende, befremdende oder auch verklärende Vorstellungen bei Kindern hervorrufen.[12]

Die Todesdarstellung des Vogels an sich entspricht der Lebenswirklichkeit von Kindern. „In den meisten Fällen wird das erste Erlebnis des Todes für Kinder mit dem Tod eines Haustieres verbunden.“.[13] Die Möglichkeit, sich mit Valentin und Mira in Bezug auf die Trauer und den Tod des Vogels Chaja wiederzufinden und zu identifizieren ist für Kinder allgemein somit gegeben und sehr wahrscheinlich.

Dadurch, dass Chaja erst mit der Oma ins Haus einzieht, können die Kinder, sowohl die Protagonisten als auch die Rezipienten, leider nicht das Aufwachsen des Vogels miterleben. Das Aufwachsen des Vogels, und somit die allmähliche Entwicklung zum Lebensende hin, würde die Kausalität des Todes noch unterstützen und somit den Tod noch verständlicher und nachvollziehbarer machen.[14]

Die Darstellung von Tod als unvermeidlich und folgerichtig, so wie es im Buch, durch den selbstverständlichen Umgang der Protagonisten mit dem Lebensende der Oma und der Vogels, angeführt wird, bestätigt die Todesvorstellung von sechs- bis zehnjährigen Kindern (Grundschulalter). In dieser Phase akzeptieren Kinder, dass der Tod für alles Lebendige, sich selbst einschließend, unvermeidbar ist (Universalität).[15] Daher zeigen Kinder dieser Altersstufe eine große Aufmerksamkeit für das Thema Tod. Belege für den selbstverständlichen Umgang der Protagonisten mit dem Tod finden sich im Verhalten der Oma, der Mutter und des Vaters. Ganz selbstverständlich nimmt die Familie die Oma auf, um sie auf ihrem letzten Weg begleiten zu können (S.5/6), sie kümmern sich um sie und gehen mit ihr spazieren (S.10). Als sich Chajas Tod abzeichnet, ist es selbstverständlich, dass Chaja jetzt ebenso Beistand braucht (S.11) und so machen sie auch Chaja die letzten Stunden so angenehm wie möglich (S.13). Ganz selbstverständlich wird Chaja von der ganzen Familie begraben (S.15/16). Auf die Frage des kleinen Valentin, ob die Oma auch einmal sterben wird, reagiert die Oma mit Kopfnicken und erklärt ihm ganz ruhig, dass auch, wenn ein Lebewesen stirbt, es in unseren Erinnerungen und Herzen weiterlebt (S.17). Auch wird der Tote nicht einfach vergessen und aus dem Leben verdrängt, sondern durch Grabbesuche (S.19) und Erinnerungsfotos (S.17/18) bzw. –hefte (S.25-28) als Teil des eigenen Lebens aufrechterhalten. Als die Oma stirbt, wird dies nicht tabuisiert oder von den Kindern fern zu halten versucht, um sie zu schützen. Vielmehr werden die Kinder bewusst und aktiv, durch die Aufforderung der Mutter: „Kommt zu Oma“ (S.24), mit dem Tod in Berührung gebracht. Sie stehen gemeinsam im Zimmer und können somit behutsam Abschied nehmen (S.23).

Der Umstand, dass die Oma von ihrer Familie aufgenommen und bis zum Tod umsorgt und gepflegt wird, entspricht der Erlebniswelt weniger Kinder. Die Familie ist als pflegende und sich kümmernde Einrichtung gegenwärtig mehr und mehr zurückgetreten. Das Altern und Sterben zeichnet sich heute immer mehr durch Vereinsamung, Ausgrenzung und gesellschaftliche Entfremdung aus.[16] Nur noch selten gibt es Familien, die ihre gebrechlichen und sterbenden Angehörigen bei sich aufnehmen und bis zu ihrem Tod pflegen. „Dort, wo es möglich ist, wird dies für beide Seiten zu einer reichen, beglückenden Zeit – Trotz aller Trauer und allen Schmerzes.“[17]

So nimmt auch die Familie im Buch ‚Leb wohl, Chaja!’ die bald immer mehr abbauende und letztendlich sterbende Oma auf, um sich um sie kümmern zu können. Zwar wird dies im Buch nicht explizit erwähnt, jedoch durch den Zusammenhang und Formulierungen, wie „So begann das Zusammenleben von Chaja und Oma, Mama, Papa, Mira und ihrem kleinen Bruder Valentin“ (S.7) verdeutlicht.

Die Aufnahme der Oma erfolgt ganz selbstverständlich. Es wird als etwas schönes und bereicherndes dargestellt. So „schien die Sonne“ am Tag von Omas Einzug (S.5), die Familie begrüßt die Oma mit einem Lächeln (S.6) und der von der Oma mitgebrachte Vogel Chaja bringt zwar, durch sein morgendliches Zwitschern den Papa anfangs zur Aufregung (S.7), bereichert letztendlich jedoch die Familie und wird schnell auch selbst zu einem Teil derselben.

Elisabeth Kübler-Ross schreibt dazu: „Die Pflege zu Hause macht es möglich, dass die letzten Tage oder Wochen, bevor ein Angehöriger stirbt, nicht zu einem Alptraum, sondern zu einer gemeinsamen, schönen Erfahrung werden, die zum inneren Annehmen führt. Auch Kinder können sich an der Pflege beteiligen. Sie können dadurch helfen, dass sie eine geliebte Musik auf einem Kassettenrecorder spielen oder einfach zur Verfügung stehen, um den Kranken zu besuchen.“[18]

So kümmern sich in ‚Leb wohl, Chaja!’ Valentin und Mira ganz besonders um die Oma. Sie spielen mit ihr Dame (S.21/22), hören ihren Geschichten zu (S.9, 22), kümmern sich mit ihr zusammen um Chaja (S.7, 8, 11, 12) und besuchen mit ihr gemeinsam Chajas Grab (S.19, 20).

In dem vorliegendem Buch wird kein Sterbeprozess geschildert, da die Oma, als sie zu ihren Verwandten, zieht ihren nahen Tod bereits erkannt und akzeptiert hat. Bezogen auf den Sterbeprozess eines Menschen, so wie Elisabeth Kübler-Ross ihn erforscht hat, würde sie sich demnach in der letzten Phase, der Phase der Annahme, befinden. Bei der Phase der Annahme handelt es sich um einen mittlerweile friedlichen Zustand. Er ist geprägt von Erschöpfung, Gelöstheit und großer Sensibilität.[19] Der Tod ist akzeptiert und angenommen.

Die Oma ist sich bewusst, dass sie sterben wird. So antwortet sie auf Valentins Frage, ob sie auch einmal sterben werde, mit einem Kopfnicken (S.17). Sie ist ruhig und ausgeglichen, sie kann sich ganz gefasst und entspannt mit Valentin über den Tod unterhalten (S.17). Sie geht nur noch selten aus dem Haus, es scheint fast schon, als ob sie auf den Tod warten würde (S.11).

Nur einmal zeigt sie bezüglich ihres Todes bzw. des Sterbens eine gewisse Angst oder Sorge. So sagt sie einmal plötzlich zu Mira und Valentin: „Ihr lasst mich doch nicht allein?“ (S.21). Die Oma gibt hier eine typische Äußerung der fünften Phase wieder. Übersetzt sagt sie soviel wie „Bleib bei mir!“.[20]

Die Angst vor der Einsamkeit, vor dem Sterben ganz alleine, ist eine speziell auf das Sterben und nicht auf den Tod bezogene Angst. Im Vier-Dimensionen-Modell der Angst vor Sterben und Tod, in Anlehnung an Collett und Lester, stellt die Angst vor der Einsamkeit, neben der Angst vor körperlichem Leiden, der Angst vor Demütigung und der Angst vor dem Verlust der persönlichen Würde, einen natürlichen Punkt im Bereich Angst vor dem eigenen Sterben dar.[21]

Als Valentin auf diese Frage erschrocken reagiert, beruhigt sie ihn mit den Worten: „Es ist alles gut“(S.21), ebenfalls eine typische Äußerung in der letzten Phase des Sterbeprozesses[22] - Alles ist gut, ich habe den Tod angenommen.

Etwas schwierig finde ich die Frage „Worauf wartet sie?“ (S.11), da sie rhetorisch „Auf den Tod!“ als Antwort mit sich bring. Auch wenn man den Tod angenommen und akzeptiert hat, sollte man meiner Meinung nach versuchen, weiter bis zum Ende sein Leben zu nutzen und nicht nur auf den Tod zu warten. Der Tod kommt schon von alleine, ohne auf ihn warten zu müssen. Auch wenn das Warten hier lediglich als Mittel der Verdeutlichung für das Sterbebewusstsein der Oma angeführt wird und die Oma im vorliegenden Buch nicht, wie man denken könnte, kraft- und lustlos, ohne Freude im Bett liegt und sich umsorgen lässt, sondern mit ihrer Familie die verbleibende Zeit nutzt, finde ich den Ausdruck des Wartens hier nicht wirklich gelungen.

Als Valentin Chaja tot im Käfig liegen sieht, geht er davon aus, dass sie schläft. Kurze Zeit später wird ihm jedoch klar, dass sie nicht mehr aufwachen wird (S.13). Der „Tod wird [somit] zunächst als vorrübergehender Schlaf fehlinterpretiert, kann dann aber als irreversibler Zustand erfasst werden“.[23]

Monate später, steht er am Totenbett der Oma. Er spricht sie an und streichelt ihre blassen Hände. Auf die Aussage der Mutter, dass Oma schlafe, so wie Chaja, reagiert Valentin mit Rufen, dass die Oma aufwachen solle (S.24). Durch die Gleichsetzung von Chajas Schlaf mit dem der Oma ist unausgesprochen klar, dass auch die Oma nicht mehr aufwachen wird.

Die „Tatsache, dass die ‚Schlaf-Metapher’ nicht nur von dem kleinen Valentin [...], sondern auch von seiner Mutter (einer Erwachsenen, die um den Unterschied zwischen Schlaf und Tod weiß) verwendet wird, [ist] kritisch zu betrachten“.[24]

Denn Kinder wissen, dass Einschlafen zum Leben gehört. Sie schlafen jeden Tag ein – und wachen wieder auf. Wird das Einschlafen mit dem Tod in Verbindung gebracht, können leicht Einschlafängste ausgelöst werden oder die sichere Erwartung, die/der Verstorbene würde wieder aufwachen. Das Begreifen der ohnehin schon schwer zu verstehenden Endgültigkeit (Irreversibilität) wird erschwert.[25] Bevor nämlich die Unwiderrufbarkeit des Todes vollständig verstanden, d.h. mit all seinen Konsequenzen erfasst werden kann, sehen Kinder den Tod als einen vorübergehenden und deshalb nicht dauerhaft negativ zu bewertenden Zustand an. Die Assoziation von Schlaf und Traum in Verbindung mit dem Tod geschieht häufig von selbst. Damit knüpft sich die Vorstellung an, dass derjenige, der nicht mehr tot sein möchte, einfach wieder aufwacht und weiterlebt.[26] Die Tatsache, dass die ‚Schlaf-Metapher’ im Buch verwendet wird, trifft zwar die Erlebniswelt der Kinder und beruhigt gleichzeitig die Angst vor Schmerzen und Leid in Verbindung mit Sterben, trägt jedoch, sowohl bei Valentin, als auch bei Kindern, denen die Geschichte vorgelesen oder erzählt wird, nicht zur Klärung des kindlichen Missverständnisses bei, sondern vertieft dieses womöglich noch.

Verstärkt wird die Möglichkeit des Missverstehens, durch die Tatsache, dass das Wort ‚Tod’ im Buch ‚Leb wohl, Chaja!’ nicht vorkommt. Lediglich der Begriff des Sterbens wird an einer Stelle des Buches, abgesehen vom Klappentext, aufgegriffen. Hier fragt Valentin seine Oma, ob sie auch einmal sterben wird (S.17).

Auf Seite 9 fragt Valentin die Oma: „Bleibst du jetzt immer bei uns?“ Die Oma reagiert darauf mit Kopfnicken. Ihre Reaktion kann kritisch gedeutet werden. Sie verleitet hier unabsichtlich zur Annahme, dass sie nie gehen wird, somit folglich auch nie sterben wird. Die Universalität des Todes wird somit verschleiert, speziell wenn man bedenkt, dass Kinder fast selbstverständlich davon ausgehen, dass bestimmte Personengruppen, besonders welche, die ihnen nahe stehen, gegen den Tod immun sind.[27]

Das Begräbnis „ist ein Ritual, ein formeller Abschied, eine Gelegenheit für die Nächsten, sich zu versammeln, um gemeinsam von den sterblichen Überresten nach Eintritt des Todes Abschied zu nehmen.“[28] „Es ist ein Ritual, welches das Annehmen dieser Realität signalisiert und dem physischen Körper eine letzte Ruhestatt zuweist, die man später besuchen kann, um die Trennung nach und nach zu vollziehen.“[29]

In dem mir vorliegenden Buch wird lediglich das Begräbnis von Chaja dargestellt (S.15/16). Dabei handelt es sich um eine sehr einfach und schlicht gehaltene Beerdigung im Garten der Familie. Der Vater gräbt ein tiefes Loch vor einer schneebedeckten Fichte. Valentin legt Chaja behutsam in die Erde und der Vater deckt sie anschließend mit Erde und Schnee zu. Es wird weder eine sargähnliche Kiste, in welcher der Vogel liegen könnte noch eine Grabrede erwähnt. Auch wird nicht, wie sonst bei einer Beerdigung üblich, schwarze Kleidung von den Trauernden getragen.[30] Auf dem Bild ist zu sehen, wie Valentin und Mira gemeinsam am Grab hocken und wahrscheinlich gerade das kleine abgebildete Holzkreuz auf das Grab gesteckt haben.

Die Autorin bietet hier eine Möglichkeit eines Gartenbegräbnisses von Haustieren. Viele Haustiere werden entweder auf Tierfriedhöfen oder im Garten der einstigen Besitzer begraben.

Dadurch, dass nur die Beerdigung von Chaja und nicht die von der Oma thematisiert wird, und zuvor durchgehend Vergleiche zwischen dem Tod von Chaja und dem Tod der Oma dargestellt werden, besteht die Gefahr, dass auch automatisch von lesenden Kindern Parallelen zwischen den Beerdigungen hergestellt werden. Die Beerdigung der Oma könnte somit von Kindern, die noch nie eine richtige Beerdigung miterlebt haben, mit der Beerdigung von dem Vogel Chaja gleichgesetzt werden. Da jedoch zwischen der dargestellten Haustierbeerdigung im Garten und einer richtigen Beerdigung auf einem Friedhof mehrere förmliche und ritualisierte Unterschiede bestehen, bleiben wichtige Punkte offen, die mit den lesenden Kindern zu besprechen sind.

Die Darstellung als Leichnam ist sowohl von dem Vogel Chaja (S.14), als auch von der Oma (S.23) zu finden. Beide werden morgens gezeigt, wie sie in ihrem Nest aus Watte oder ihrem Bett ‚noch immer schlafen’.

Die Abbildung des Leichnams vereinfacht es den Trauernden den Toten leichter gehen zu lassen. Der Tod wird greifbar und realistisch, wodurch die Irreversibilität unterstützt wird. Für Kinder ist es daher wichtig, dass sie, wenn sie es wollen, den Leichnam noch einmal sehen können, am besten in Begleitung einer Person ihres Vertrauens, der sie ohne Scheu Fragen stellen können.[31] Im Buch haben sowohl Mira und Valentin als auch lesende Kinder die Möglichkeit, die Oma und den Vogel Chaja ein letztes Mal zu sehen und somit gezielt Abschied zu nehmen.

Valentin geht, indem er die blassen Hände der Oma berührt (S.24) und Chaja noch einmal über sein goldgelbes Gefieder streichelt (S.13), einem normalen Bedürfnis von Kindern nach. Viele Kinder möchten die Leiche noch einmal berühren, zum einem, um dem Toten noch einmal ganz nah zu sein und sich verabschieden zu können, zum anderen jedoch auch, um der Neugierde dem Tod gegenüber nachzukommen.[32]

Die Aktion der Oma, ein Spitzentaschentuch zu holen und es über Chaja auszubreiten (S.13), gleicht einer für Kinder, zumindest aus dem Fernsehen, bekannten Tradition. So werden Tote, sobald sie gestorben sind, mittels eines Tuches abgedeckt. Dies geschieht zum einen, um Hinterbliebenen den Schmerz des Abschieds zu erleichtern und Unbeteiligte mit dem Anblick einer Leiche nicht zu verstören, zum anderen jedoch auch, um die Würde des Toten nicht zu verletzten. Kinder kennen die ‚Tradition der Totendecke’ aus jedem zweiten Kriminalfilm. Sie entspricht somit der Erlebniswelt der Kinder.

Verwirrend scheint jedoch dazu die bildliche Darstellung auf dem zugehörigen Großbild auf Seite 14. Hier befindet sich das Tuch nicht direkt über Chaja, sondern über dem Käfig. Chaja ist somit trotz des Tuches zu erkennen. Der Sinn des Tuches in der Darstellung ist somit fraglich.

1.3 Veranschaulichungsgrad von Stimmungswerten

Dieser Abschnitt verfolgt die Fragen, ob und wie emotionale Beteiligung der im Buch handelnden Protagonisten ausgedrückt wird, welche inner-psychischen Reaktionen angesprochen und welche darauf Bezug nehmenden Identifikationsangebote gemacht werden.[33]

Unterschiedlichste Stimmungswerte kommen sowohl sprachlich-verbal als auch bildhaft vermittelt sinnfällig und nachvollziehbar zum Ausdruck. Näheres dazu folgt auch im Punkt Bildanalyse.

Die beiden Kinder Valentin und Mira stellen für lesende Kinder die Identifikationsfiguren dar. Dadurch, dass es sich bei den Geschwistern um einen Jungen und ein Mädchen handelt, haben alle Kinder, egal welchen Geschlechts, eine realistische Chance sich in den beiden Kindern wieder zu finden.

Ein weiterer Identifikationspunkt, der die jeweiligen Stimmungswerte noch verstärkt, findet sich in den Kuscheltieren. Die Teddybären, die Giraffe und die Kasperlepuppe spiegeln die jeweiligen Stimmungswerte der Protagonisten durch ihre Körperhaltung und ihren Gesichtsausdruck wieder. Sie erleben ebenso die Trauer über den Tod (S.14, 23), die Freude über das Spiel mit dem Vogel Chaja (S.8) als auch den Trost und die Spannung, während die Oma Valentin Geschichten über Chaja erzählt (S.18). Kuscheltiere, als Vertraute der Kinder, bilden hier somit eine gute Möglichkeit zur Identifikation.

Im Buch ‚Leb wohl, Chaja’ werden im Laufe der Geschichte unterschiedlichste Stimmungswerte sowohl sprachlich-verbal als auch bildhaft dargestellt.

Freude zeigt sich bildlich beim Spielen der Kinder und Oma mit Chaja (S.8). In den Gesichtern der Kinder und der Oma ist fast schon eine verträumte Spannung zu erkennen. So schaut Mira, mit dem Kopf auf ihrer Hand abgestützt, mit offenem, fröhlichem Mund zu Chaja, während Valentin seine Hand zum Vogel streckt und es so scheint, als würde er am liebsten in den Käfig zu Chaja hineinkriechen. Die Oma, beide Hände auf Miras Schulter gelegt, lächelt erfreut zu ihren Enkeln und Chaja hinunter, während der Teddybär, mit offenen Armen und Blick auf Chaja, die Freude der Kinder und der Oma am Vogel teilt.

Weiterhin zeigt sich die Freude auch im Spiel der Kinder mit der Oma auf Seite 21. Valentin und Mira schauen gebannt auf das Dame-Spielbrett. Valentins Mundwinkel sind leicht zu einem Lächeln nach oben gezogen, während Mira, mit der Hand überlegend am Kinn, konzentriert ihren nächsten Zug durchdenkt. Die Oma, gerade aktiv beim nächsten Spielzug, lächelt mit leicht geöffneten Lippen. Ihr Gesicht strahlt geradezu voller Fröhlichkeit.

Auch beim Schwelgen in Erinnerungen rund um Chaja auf Seite 18 ist Freude sichtbar. Sowohl Valentin, als auch die Oma haben ihre Mundwinkel zum Lächeln leicht nach oben gezogen. Sie erfreuen sich an den Erinnerungen.

Auf den Fotos im Erinnerungsbuch (S.27/28) lässt sich ebenfalls Freude wiederfinden. Doch auf selbiges werde ich später noch genauer eingehen.

Weiterhin wird auch Streitbarkeit und Vertragen erwähnt: „Wenn Mira mit Valentin stritt, zwitscherte Chaja aufgeregt. Dann mussten sie lachen und vergaßen ihren Streit.“ (S.7).

Sorge findet sich sowohl in Bezug auf Chaja als auch in Bezug auf die Oma.

So fragt Valentin besorgt, was mit Chaja los sei, bevor er sie in einem von der Oma liebevoll erstellten Nest ganz vorsichtig überall mit sich herum trägt (S.11). Auch die Oma weiß, dass Chaja jetzt besondere Pflege braucht. Vielleicht ahnt sie auch schon, dass Chaja streben wird. Die Familie macht alles, damit Chaja es so angenehm wie möglich hat (S.11). Die Sorge um Chaja zeigt sich auch bildlich in den Gesichtern der Familie auf Seite 12. Alle stehen im Kreis, während Valentin mit Chaja, im Nest auf seiner Hand, in der Mitte steht. Die Köpfe sind betroffen und schwer nach unten gesenkt. Die Münder sind mit ernst und leichtem Druck geschlossen. Die Mundwinkel scheinen starr.

Die Sorge um die Oma zeigt sich deutlich in Valentins Blick, als er mit ihr, zurück von Chajas Grab, durch den Schnee stapft (S.19). Sein Kopf ist leicht geneigt, seine Augen groß und deutlich auf die Oma gerichtet. Zusammen mit dem Text auf dieser Seite, welcher die Gebrechen und die zunehmenden Schwierigkeiten bezüglich des Kräfteverlusts beschreiben, ist Valentins Blick als voll von Sorge und Fürsorglichkeit zu begreifen.

Liebe kommt besonders in den Worten der Oma auf Seite 17 zum Ausdruck. Mit den Worten: „Chaja lebt, weil wir sie so lieb haben“ macht sie deutlich, welche Macht die Liebe hat. Sie kann den Tod überwinden. Und so ist auch Chaja noch bei ihnen, weil sie sie so lieben.

Doch nicht nur Chaja wird geliebt. „Jeden Tag spürten Mira und Valentin mehr und mehr, wie lieb sie Oma hatten“ (S.22). Und so bleibt auch sie, nach ihrem Tod noch lebendig, denn Mira schließt die Geschichte mit den Worten: „Wir haben dich lieb, Oma“ (S.25).

Auch in Bezug auf den Tod und die Trauer werden, durch die Darstellung von Mira und Valentin, unterschiedliche, für den Trauerprozess typische Gefühle aufgeführt. Zu nennen sind hier Angst, Schock, Sehnsucht, Kummer, Liebe, Dankbarkeit und Schmerz. Gefühle, wie Abgestumpftheit, Wut, Hilflosigkeit, Schuldgefühle, Gleichgültigkeit, Erleichterung, Selbstmitleid, Einsamkeit, Hass und Minderwertigkeit sind leider nicht zu finden.[34]

Als Chaja stirbt, reagiert Valentin zuerst mit Schock (S.13). Er rennt in die Küche und ruft: „Chaja schläft immer noch!“. Der folgende Satz: „Vor dem Fenster stürmte und schneite es.“, verdeutlicht Valentins aufgewühlte und von einbrechender Kälte gezeichnete Stimmung. Er hat die Endgültigkeit des Verlustes noch nicht realisiert, den Tod des Vogels als solches noch nicht vollends verstanden.

Nachdem Valentin erkennt, dass Chaja nicht mehr aufwachen wird (S.13), nachdem er folglich indirekt, trotz der schon erwähnten Schlaf-Methapher-Problematik, den Tod mit seiner Endgültigkeit erkannt hat, fängt er an zu weinen und Chajas goldgelbes Gefieder zu streicheln. Er lässt seiner Traurigkeit freien Lauf, muss seine Tränen nicht verstecken.

In der Berührung des Gefieders zeigt sich Valentins Liebe und Verbundenheit zu Chaja.

Mit den leisen Worten: „Du lieber goldener Vogel“ (S.15) nimmt Valentin liebevoll Abschied von Chaja. In den Worten ist Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit und Wärme spürbar.

Beim Blick auf Chajas Grab schleicht sich die Angst bei ihm ein, dass auch die Oma irgendwann sterben und ihn verlassen könnte und so fragt er die Oma gezielt: „stirbst du auch einmal?“ (S.17). Die Verlustangst bzw. Trennungsangst gehört zu den sogenannten Urängsten. Im Bereich von Sterben und Tod wird sie ausgelöst, wenn Lebewesen, die als Kontaktgaranten fungiert haben, scheinbar grundlos fortgehen und nicht mehr zurückkehren. Die Verunsicherung, die dadurch ausgelöst wird, ist zumeist tiefgreifend und wirkt nachhaltig negativ.[35] Die Reaktion der Oma wirkt somit beruhigend (S.17). Sie beschwichtigt die Verlustangst, indem sie Valentin erklärt, dass man nach dem Tod in den Erinnerungen der Menschen, die einen lieb haben, weiterlebt und somit immer bei einem ist.

Als die Oma die Kinder auf Seite 21 plötzlich fragt: „Ihr lasst mich doch nicht allein?“ reagiert Valentin erschrocken. Er sieht sich erneut mit der Angst konfrontiert, ein geliebtes Wesen verlieren zu können. Mit den Worten: „Nie, Oma, nie!“ macht er mit aller Kraft deutlich, dass er die Oma nicht verlieren will und gleichsam, dass er dies auch nicht zulassen wird.

Auch Freude gehört zu den Gefühlen, die nach dem Verlust eines Menschen als eine von vielen verschiedenen, oft einander widersprechenden Empfindungen ausgelöst werden.[36] So ist auf dem Bild auf Seite 18, als Valentin und die Oma zusammen in Erinnerungen rund um Chaja schwelgen, eine gewissen Freude und Entspanntheit zu erkennen. Valentin hat den Ellenbogen lässig-verträumt auf den Teddybär gestützt. Seine Augen sind gespannt auf Omas Lippen gerichtet. Die Mundwinkel sind leicht hochgezogen. Er erfreut sich an den gemeinsamen Erinnerungen, die der Traurigkeit entgegenwirken. Sie erhalten Chaja ‚lebendig’.

In der Frage „Kommst du mit zu Chaja?“ (S.19), die Valentin an die Oma richtet, zeigt sich Valentins Sehnsucht nach Chaja. Er möchte sie besuchen, ihr wieder nah sein. Die Oma gibt ihm dabei den nötigen Halt, um das durchzustehen.

Schade finde ich, dass Miras Trauerreaktion auf Chajas Tod leider nicht dargestellt wird. Die Autorin beschränkt sich hier auf die Trauerdarstellung von Valentin.

Weitere Trauerreaktionen der Familie in Bezug auf Chajas Tod sind neben dem Satz: „Alle waren traurig.“ auf Seite 13, nur noch bei der Beerdigung auf Seite 15 bzw. 16 zu finden. Die Mutter, die Oma und der Vater haben den Kopf voll Traurigkeit gesenkt. Die Mundwinkel sind starr. Die Augen der Oma sind von Trauer, Schmerz und Betroffenheit gekennzeichnet. Verstärkt wird die Stimmung durch den fallenden Schnee, der die Kälte im Herzen, durch den entstandenen Verlust, und ebenso die Taubheit des Moments verdeutlicht.

Auf den Tod der Oma dagegen reagieren beide Kinder sehr unterschiedlich. Während Valentin mit Angst, Nähe, Verzweiflung und Unglauben reagiert, kommt bei Mira die Traurigkeit und letztendlich auch die Liebe zum Ausdruck.

Als Valentin, von der Mutter an die Hand genommen, die tote Oma in ihrem Bett liegen sieht, spricht er sie erst leise, dann etwas bestimmter an. Anschließend streichelt er ihre blassen Hände (S.24). Valentin reagiert in dieser unklaren Situation vorerst mit Nähe. Noch hat er nicht vollends verstanden, dass die Oma wirklich tot ist, obwohl die Situation und die Stimmung im Raum für sich selbst sprechen.

Erst als die Mutter mit den Worten: „Sie schläft, wie Chaja“ den Vergleich zu Chajas Tod bring, realisiert er, dass nun auch die Oma gestorben ist. Doch in seiner Angst, seiner Verzweiflung und seinem Unglauben ruft er die Oma, dass sie aufwachen solle (S.24). Er hat die Situation erkannt, doch kann bzw. will noch nicht akzeptieren, dass die Oma wirklich nicht wiederkommt.

Als er von der Mutter das Erinnerungsheft bekommt (S.25), ist er ruhig und gefasst. Zwar ist sein Kopf auf dem Bild gesenkt, doch sein Gesichtsausdruck weißt keinerlei Traurigkeit oder Verzweiflung auf. Er scheint gefasst und mit zaghafter Freude das Erinnerungsheft entgegen zu nehmen.

Mira hingegen reagiert vorerst mit Traurigkeit. Nachdem die Mutter den Vergleich zu Chajas Tod erbringt und Valentin die Oma ruft, auf dass sie aufwachen möge, muss Mira weinen (S.24).

Auch bei ihr weist der Gesichtsausdruck, als sie das Erinnerungsheft von der Mutter erhält (S.25), keinerlei Traurigkeit oder Verzweiflung auf. Ihr Kopf ist gehoben, so dass sie der Mutter direkt in die Augen sieht. Ihr Blick ist voller neugieriger Erwartung auf das Erinnerungsheft gerichtet.

Nachdem sie das Buch aufgeschlagen haben, sagt Mira leise „Wir haben dich lieb, Oma“ (S.25). Sie drückt hier ihre Liebe und Zuneigung zur Oma aus. Sie spricht sie sogar direkt an, als ob die Oma im Raum wäre und sie hören könnte. Mira zeigt hier ein normales Verhalten bei Trauernden. Das Sprechen mit dem Verstorbenen gehört zu den Gedanken und Phantasien, die bei Trauernden auftreten können.[37]

In der unterschiedlichen Reaktion beider Kinder zeigt sich ein wichtiger Grundsatz in der Trauerthematik. Denn Trauer ist nicht gleich Trauer. Trotz bestimmter Gesetzmäßigkeiten des Trauerprozesses, kann man nicht von ‚dem Trauern schlechthin’ reden. Jeder Mensch hat seine persönlichen Eigenheiten, seine besondere Art mit dem Verlust eines geliebten Wesens umzugehen.[38]

„Jedes Kind trauert anders und in einem je anderen Zeittakt. Selbst dann, wenn bestimmte Typiken auftauchen, müssen nicht notwendigerweise alle möglichen Verhaltensweisen in streng geordneter Reihenfolge zutage treten. Die kindlichen Trauerreaktionen entsprechen vielmehr der aktuell-gewordenen Persönlichkeitsstruktur und der früheren und gegenwärtigen Umwelt des jeweiligen Kindes“.[39]

Die Tatsache, dass auch die Mama, am Totenbett der Oma, Tränen in den Augen hat (S.24), macht lesenden Kindern deutlich, dass Trauer nicht nur Kinder betrifft, sondern auch Erwachsene. So wird auch auf Seite 13 betont, dass alle traurig waren, als Chaja starb, und nicht nur die Kinder. Diese beiden Punkte unterstreichen die Legitimation der Traurigkeit und der Tränen. Niemand schämt sich für seine Traurigkeit, für seine Tränen, sie werden wahr- und angenommen.

Das kindliche Trauerverhalten allgemein wird maßgeblich von der Einstellung und Haltung der Erwachsenen geprägt. Eltern, die ihre eigene Trauer, ihren Schmerz und ihr Leid tabuisieren und verstecken, wirken negativ auf die Trauer der Kinder. Viele Kinder reagieren auf todbezogene Bagatellisierungsversuche Erwachsener folglich mit gesteigerter Realitätsverleugnung. Durch Verlagerung der Affekte von innen nach außen, erreichen sie so unbewusst Symptombildungen im psychosomatischen Gebiet. Symptome wären hier z.B. Schlaf- und Essstörungen, Bauchkrämpfe, Blasenschwäche etc..[40]

Die Darstellung der Trauer vorlebenden Mutter bzw. Familie ist daher sehr vorbildlich und wünschenswert.

Nachdem Mira und Valentin das Erinnerungsheft von der Mutter bekommen haben (S.25), setzten sie sich zusammen in den Sessel und betrachten das Heft (S.26). Die Stimmung dieser Situation wird primär durch die Teddybären, der Giraffe und der Kasperlepuppe geprägt, die während des ganzen Buches hindurch, wie schon oben erwähnt, eine wichtige und starke Funktion in Bezug auf Vermittlung von Stimmungswerten und Identifikation inne haben.

Alle Kuscheltiere bzw. Puppen haben fröhliche und zufriedene Gesichter. Die Kasperlepuppe grinst über das ganze Gesicht, der große Teddybär schaut interessiert und mit neugierigen Augen nach rechts, die Giraffe schaut mit leicht gekipptem Kopf, zwischen Mira und Valentin sitzend, interessiert und mit großen Augen in das Erinnerungsheft und der kleine Teddybär hält, zufrieden grinsend, verspielt ein Windrad in der linken Pfote. Auch die rosa Kaninchenschuhe lassen zufriedene Freude erkennen. So ist bei dem auf dem Bild rechts abgebildeten Kaninchenschuh ein zufriedenes Lächeln zu sehen.

Die allgemeine Stimmung dieser Szene ist somit von tiefer Zufriedenheit und Freude geprägt.

Verwunderlich scheint, wie schnell sich Mira und Valentin von dem Schock des Todes der Oma zu erholen scheinen. Während sie auf Seite 23 bzw. 24 noch traurig, verzweifelt und voller Trauer sind, so sind sie auf Seite 25 bzw. 26 hingegen schon wieder relativ neutral im Gesichtsausdruck und in der Sprache dargestellt.

Bei den Kuscheltieren ist selbiges zu beobachten. So sitzt der große Teddybär auf Seite 23 noch traurig an die offenen Tür gelehnt. Sein Kopf ist nach unten geknickt. Sein Blick scheint schwer von Traurigkeit geprägt. Auf Seite 26 hingegen sind die Kuscheltiere, wie schon oben ausgeführt, zufrieden und freudig dargestellt.

Eine Erklärung könnte man hier in der schnell wechselnden Gefühlswelt von Kindern finden. Auch nach schwerer Traurigkeit und Schmerz ist es für Kinder nicht untypisch, dass sie bald darauf schon wieder ausgelassen spielen und albern sind. Dies ist für diese Kinder wichtig, um wieder neue Lebenskraft zu gewinnen. Wichtig ist, dass Kinder erfahren, dass auch diese Trauerreaktion in Ordnung ist und sie nicht zwangsläufig leise und traurig durch die Wohnung schleichen müssen.[41]

Valentin und Mira werden zwar nicht tobend oder lachend dargestellt, jedoch als schnell durch das Erinnerungsheft getröstet (S.25/26).

Die in der Literatur beschriebenen Trauerphasen nach V. Kast sind hier, auf Grund der verkürzten Trauerdarstellung, nicht wieder zu finden. Ich werde daher erst bei der Analyse des Buches ‚Du wirst immer bei mir sein’ auf selbige eingehen.

Der Tatbestand, dass die Mutter den Käfig nach Chajas Tod in den Schuppen stellt (S.17), kann als bedenklich gedeutet werden. Die Aktion gleicht einer Vermeidungsstrategie. Ganz nach dem Motto ‚Aus den Augen, aus dem Sinn’ wird der Käfig und somit auch die direkte Erinnerung an Chaja weit weg in dem Schuppen verstaut. Sie umgeht somit dem immer wieder auftretenden Schmerz des Erinnerns. Es ist unsicher, ob sie dies für sich oder den Rest der Familie macht. Fest steht jedoch, dass dieses Verhalten der Mutter im Widerspruch zu ihrer, sonst dem Tod und dem Sterben gegenüber so selbstverständlichen und annehmenden, Haltung steht. Es steht ebenso im Widerspruch, zur sonst dem Tod aufgeschlossenen Haltung des Buches bzw. der Autorin selbst.

Gerade die Tatsache, dass Valentin und Oma auf selbiger Seite ein Bild von Chaja betrachten und dabei in Erinnerungen schwelgen, scheint widersprüchlich und kann somit für Kinder verwirrend wirken. Für Kinder ist es wichtig, sich den Erinnerungen und dem Schmerz zu stellen. Das Wegstellen von Gegenständen oder Bildern des Toten wirkt verdrängend und somit negativ.[42] Verdrängung hat immer die Verlagerung von Symptomen zur Folge, daher ist es wichtig sich einer schmerzhaften Situation, wie den Verlust eines geliebten Menschens oder Tieres, zu stellen und somit gesund zu verarbeiten.[43]

1.4 Lösungs- und Bewältigungsstrategien

In diesem Abschnitt betrachte ich, ob angesichts des Schreckens und der Verunsicherung, die durch Sterben, Tod und Trauer ausgelöst werden können, genügend Tröstliches zum Ausdruck gebracht wird und ob die einzelnen Trost- und Hoffnungselemente auf Dauer überzeugen können. Dies bezieht sich insbesondere auch auf mögliche dargestellte Jenseitsvorstellungen, die sich auf nachtödliche Existenz beziehen.[44]

Im Bilderbuch ‚Leb wohl, Chaja!’ wird als Trostelement und somit als Ausweg aus dem Trauerzustand hauptsächlich das Erinnern vorgestellt. Trost vermittelnde Erinnerungen beziehen sich auf gemeinsame Erlebnisse mit dem Toten, deren Fähigkeiten und Eigenschaften ebenso wie konkrete Taten, Worte und Gedanken.[45] Gemeinsame Erlebnisse, sowie Eigenschaften und Fähigkeiten finden sich im Erinnerungsheft, welches die Oma Mira und Valentin hinterlässt (S.27/28). Hier wird Chaja jeweils im Spiel mit dem Teddybären, Valentin, Mira und der Oma dargestellt. So singt Chaja zusammen mit dem Radio, wie schon auf Seite7 erwähnt, zu den von der Oma so geliebten Opern, pickt, auf dem Kopf von Mira sitzend, nach deren Haaren, vergießt den Kaffee auf eine Zeitung, sitzt ruhig auf Valentins Hand oder schläft zufrieden auf ihrer Vogelkäfigschaukelstange.

Die Konzentration auf den Bereich mnemosynischen Totengedächtnisses findet weiterhin überaus liebevoll in der Betrachtung von Fotos zusammen mit gegenseitigem Erzählen von Erinnerungsgeschichten seinen Platz. Das Durchleben gemeinsamer Erinnerungen mit dem Toten verbunden mit Fotos ist gerade für Kinder zwischen fünf und neun eine gute und sinnvolle Art, mit der Trauer umzugehen.[46] Demgemäß schenkt die Oma Valentin auf Seite 17 nach Chajas Tod ein Bild von Chaja. Sie setzen sich beide gemütlich in einen Sessel und erzählen sich Geschichten von Chaja. Auch später noch wird erwähnt, dass Mira und Valentin zusammen mit der Oma über Chaja sprechen (S.22).

Als die Oma dann stirbt, bekommen Mira und Valentin das Erinnerungsheft welches die Oma für Mira und Valentin angefertigt hat, von der Mutter überreicht (S.25). „Omas Erinnerungen an Chaja werden somit zu Erinnerungen an Oma und Chaja“.[47] Auf Seite 26 sieht man, wie Valentin und Mira zusammen in einem Sessel sitzen und gemeinsam das Erinnerungsheft betrachten.

Die Einbettung der Erinnerungen in das Grundgefühl tiefer Verbundenheit und Liebe ist von übergeordneter Bedeutung. Die Liebe gilt als ein den Tod überdauerndes Bindeglied zwischen Verstorbenen und Hinterbliebenen. Es schließt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer beständigen und kraftgebenden Einheit zusammen.[48]

Die Erinnerungen, sowohl in Bezug auf den Vogel Chaja, als auch in Bezug auf die Oma werden alle erst durch die Liebe der Kinder lebendig und als todüberdauerndes Trostelement relevant. Demgemäß erklärt die Oma Valentin, dass Chaja trotzdem noch lebt, weil sie geliebt wird (S.17). Die Liebe bedingt hier somit die Beständigkeit der Erinnerungen. Durch die Worte „Jeden Tag spürten Mira und Valentin mehr und mehr, wie lieb sie Oma hatten.“ (S.22) wird schon vor dem Tod der Oma ihre erinnerungsbedingte Unsterblichkeit angedeutet. Bestätigung findet sie letztendlich nach dem Tod der Oma durch Miras Worte: „Wir haben dich lieb, Oma“ (S.25).

Die Kinder erfahren, durch das beständige Trostelement der Erinnerung, dass das Ende von Trauer nicht bedeutet, dass man den Toten vergisst, sondern dass der Tote durch Erinnerungen immer bei einem ist. „Der darin enthaltene Trost ist dauerhaft und kann immer wieder neu zum Zug kommen.“[49]

[...]


[1] Vgl. Hubertus Halbfas: Religionsunterricht an Sekundarschulen. Lehrerhandbuch 10. Düsseldorf: Patmos-Verlag, 1992. S. 373f.

[2] Daum, Egbert/Johannsen, Friedrich: Werte und Normen. Ethik/Religion. Band 6.

Leben – Sterben – Tod. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1993

(Künftig zitiert als: Daum/Johannsen: Leben - Sterben - Tod) S. 15

[3] Vgl. Deutscher Verband Evangelischer Büchereien (hrsg.): „Vom Weinen kriegt man keinen Durst.“ Sterben und Tod im Kinderbuch. Als Beilage in: Der Evangelische Buchberater. Heft 3/2002. DEVB: Göttingen, 2002. S. 2

[4] Daum/Johannsen: Leben - Sterben – Tod. S. 9

[5] Vgl. Plieth, Martina: Kind und Tod: zum Umgang mit kindlichen Schreckensvorstellungen und Hoffnungsbildern. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 2001.

(Künftig zitiert als: Plieth: Kind und Tod) S. 150

[6] Vgl. Böcker, Werner: Gesellschaftliche und religionspädagogische Aspekte zum Umgang mit Sterben und Tod. In: Der evangelische Erzieher, Heft 6, 45. Jg., 1993, Frankfurt/Main: Diesterweg, 1993. S. 660

[7] Die Bilderbuchseiten haben keine Seitenzahlen. Daher beginnt meine Zählung auf der vorderen Umschlaginnerenseite mit S.1.

[8] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 160

[9] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 154

[10] Vgl. Itze, Ulrike/Plieth, Martina: Tod und Leben. Mit Kindern in der Grundschule Hoffnung gestalten. Donauwörth: Auer Verlag GmbH, 2002. (Künftig Zitiert als: Itze/Plieth: Tod und Leben) S.16

[11] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 58

[12] Vgl. ebenda. S. 41ff

[13] Brocher, Tobias: Wenn Kinder trauern. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1985. (Künftig zitiert als: Brocher: Wenn Kinder trauern) S.59

[14] Vgl. Itze /Plieth: Tod und Leben. S. 16

[15] Vgl. Ramachers, Günter: Entwicklung und Bedingungen von Todeskonzepten beim Kind. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH, 1994. S. 32

[16] Daum/Johannsen: Leben - Sterben – Tod. S. 93

[17] Specht-Tomann, Monika/Tropper, Doris: Wir nehmen jetzt Abschied. Kinder und Jugendliche begegnen Sterben und Tod. Düsseldorf: Patmos-Verlag, 2000. (Künftig zitiert als: Specht-Tomann/Tropper: Wir nehmen jetzt Abschied) S. 174

[18] Kübler-Ross: Kinder und Tod. München, Knaur: 2000. (Künftig zitiert als: Kübler-Ross: Kinder und Tod) S.93

[19] Vgl. Specht-Tomann/Tropper: Wir nehmen jetzt Abschied. S. 95

[20] Ebenda. S. 95

[21] Vgl. Schlagheck, Michael (Hg): Theologie und Psychologie im Dialog über Sterben und Tod. Paderborn: Bonifatius, 2001. (Künftig zitiert als: Schlagheck: Theologie und Psychologie im Dialog über Sterben und Tod) S. 15

[22] Specht-Tomann/Tropper: Wir nehmen jetzt Abschied. S. 95

[23] Plieth: Kind und Tod. S. 160

[24] Ebenda. S. 161

[25] Vgl. Specht-Tomann/Tropper: Wir nehmen jetzt Abschied. S. 134

[26] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 54ff

[27] Vgl. ebenda. S. 61

[28] Kübler-Ross: Kinder und Tod. S. 250

[29] Vgl. ebenda. S. 21

[30] Vgl. Daum/Johannsen: Leben - Sterben – Tod. S. 32f

[31] Vgl. Kübler-Ross: Kinder und Tod. S. 251f

[32] Vgl. Kübler-Ross: Kinder und Tod. S.22

[33] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 150

[34] Vgl. Specht-Tomann/Tropper: Wir nehmen jetzt Abschied. S. 40

[35] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 51

[36] Vgl. Tausch-Flammer, Daniela/Bickel, Lis: Wenn Kinder nach dem Sterben fragen. Freiburg im Breisgau: Herder Verlag, 1997. (Künftig zitiert als: Tausch-Flammer/Bickel: Wenn Kinder nach dem Sterben fragen) S. 48

[37] Vgl. Specht-Tomann/Tropper: Wir nehmen jetzt Abschied. S. 41

[38] Vgl. ebenda. S. 36

[39] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 104

[40] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 131

[41] Vgl. Tausch-Flammer/Bickel: Wenn Kinder nach dem Sterben fragen. S. 109

[42] Vgl. Tausch-Flammer/ Bickel: Wenn Kinder nach dem Sterben fragen. S. 46

[43] Vgl. Leuzinger-Bohleber, Marianne: Traumatisierung von Kindern. In: Die Grundschulzeitschrift. Heft 158. Thema Tod. Seelze: Erhard Friedrich Verlag GmbH, 2002. (Künftig zitiert als: Leuzinger-Bohleber: Traumatisierung von Kindern) S. 44

[44] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 150f

[45] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 157

[46] Vgl. Specht-Tomann/Tropper: Wir nehmen jetzt Abschied. S. 145f

[47] Plieth: Kind und Tod. S. 162

[48] Vgl. ebenda. S. 157

[49] Ebenda. S. 162

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
A. Schneider/M. Dusikova: Leb wohl, Chaja! - I. Hermann/C. Solè-Vendrell: Du wirst immer bei mir sein. - Eine vergleichende Analyse zum Thema Sterben und Tod im Kinderbuch
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
107
Katalognummer
V23252
ISBN (eBook)
9783638264143
Dateigröße
892 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Was tun, um mit Kindern den Tod zu besprechen, das Tabu zu brechen und nicht unnötige und folgenschwere Schreckensbilder zu erzeugen? Bilderbücher sind da ein gutes Mittel. Doch nicht jedes Buch ist geeignet. Vor der Nutzung von Büchern im Unterricht oder privat sollte stets eine genaue und kritische Analyse stehen. Diese findet sich hier - ebenso wie didaktische Überlegungen. Die Arbeit soll Hilfe und Anreiz geben, wie man sich dem Thema Sterben und Tod konstruktiv stellen kann.
Schlagworte
Schneider/M, Dusikova, Chaja, Hermann/C, Solè-Vendrell, Eine, Analyse, Thema, Sterben, Kinderbuch
Arbeit zitieren
Heike Grobel (Autor), 2003, A. Schneider/M. Dusikova: Leb wohl, Chaja! - I. Hermann/C. Solè-Vendrell: Du wirst immer bei mir sein. - Eine vergleichende Analyse zum Thema Sterben und Tod im Kinderbuch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23252

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