Handreichung für den Deutschunterricht zu Gerhart Hauptmann: "Bahnwärter Thiel"


Unterrichtsentwurf, 2013
70 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Interpretation

Didaktische Überlegungen

Stundenskizzen
Sequenz 1 Das soziale Umfeld der Hauptfigur
Sequenz 2 Familie Thiel
Sequenz 3 Minna
Sequenz 4 Thiel – ein gespaltener Mensch
Sequenz 5 Thiels Weg in den Wahnsinn
Sequenz 6 Darstellung und Bedeutung von Natur und Technik
Sequenz 7 Erzähltechnische und sprachliche Mittel
Sequenz 8 Das Menschenbild
Sequenz 9 Literaturepoche „Naturalismus“ und literaturhistorische Einordnung von Bahnwärter Thiel

Materialien
Literarische Epoche „Naturalismus“
Arno Holz und Johannes Schlaf: Die papierne Passion (Olle Kopelke)
Gerrit Engelke: Lokomotive
Felix Hollaender im Jahre 1892 über Bahnwärter Thiel

Themenvorschläge für Klassenarbeiten und Klausuren

Hinweise auf audiovisuelles Material und Sekundärliteratur

Die Seitenangaben beziehen sich auf die in Reclams Universal-Bibliothek 2011 erschienene Ausgabe.

Diese Handreichung ist die überarbeitete und erweiterte Fassung einer erstmals 1988, als 4. Druck einer 2. Auflage 2003 im Cornelsen Verlag erschienenen Veröffentlichung.

Interpretation

In seiner novellistischen Studie Bahnwärter Thiel aus dem Jahre 1887 erzählt Hauptmann etwas mehr als zehn Jahre aus dem Leben eines Bahnwärters.

Der Autor gliedert seine Erzählung in drei Abschnitte. Der erste Abschnitt ist eine Art Exposition, mit der der Erzähler in sehr groben Strichen eine Kurzbiografie der Hauptfigur Thiel zeichnet. Der Leser/Die Leserin erfährt, dass Thiels erste Ehefrau Minna im Wochenbett verstorben ist; aus dieser Ehe stammt Tobias. Thiel heiratet erneut. Seine zweite Frau Lene, die Mutter seines zweiten Sohnes, ist ihrem Äußeren und ihrem Wesen nach das genaue Gegenteil von Minna. Thiel lebt mit ihr in einer gespannten Beziehung, unter anderem auch deshalb, weil er, ein an sich gutmütiger, ordnungsliebender und eher phlegmatischer Mann, zunehmend wegen seiner sexuellen Hörigkeit unglücklich ist und aus dem seelischen Gleichgewicht gerät.

Im zweiten Abschnitt folgen ausführliche Schilderungen des Tagesablaufs im Hause Thiel; so wird erzählt, dass Thiel, als er überraschend nach Hause zurückkehrt, miterleben muss, wie Lene seinen geliebten Tobias züchtigt. Thiel ist erschüttert, setzt seiner Frau aber keine Grenzen, weil ihn Lenes sexuelle Ausstrahlung lähmt. Wortlos macht er sich wieder auf den Weg zu seiner Arbeitsstelle mitten im Wald. Erwähnt wird in diesem Abschnitt die Überlassung eines Ackers, der in unmittelbarer Nähe des Bahnwärterhäuschens liegt und der im dritten Abschnitt zum Ort der Katastrophe wird. In diesem dritten Abschnitt berichtet der Erzähler verstärkt von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen Thiels. Der Bahnwärter sucht Zuflucht in Visionen, in denen ihm seine erste Frau Minna als Mahnende erscheint. Zum Unglück kommt es, als Lene mit den beiden Kindern Thiel zu seiner Arbeitsstelle begleitet, um den Kartoffelacker zu bestellen. Tobias wird vom Zug überfahren, Thiel verfällt in Wahnsinn; er bringt Lene und seinen zweiten Sohn um und wird in die Irrenanstalt eingewiesen.

Im ersten Kapitel fasst der Erzähler zehn Jahre aus Thiels Leben zusammen; er erzählt sehr gedrängt und gibt diesem Teil der Novelle durch die berichtende Erzählweise den Charakter einer Chronik. Weil der Erzähler sich auf wenige Ereignisse konzentriert, bekommen die ausgewählten Begebenheiten für das Verständnis der folgenden Teile wie auch für die Einschätzung der Gesamtaussage der Novelle ein besonderes Gewicht. Die Sonderstellung des ersten Abschnitts wird noch dadurch verstärkt, dass der Erzähler – anders als in den folgenden beiden Abschnitten, wo er stärker auf epische Objektivität bedacht ist – wesentliche Ereignisse aus dem Leben Thiels kommentiert. Dem Leser/Der Leserin werden so in unverschlüsselter Form Hinweise gegeben, wie er/sie Personen und Handlungen einzuschätzen hat. Insofern ist der erste Abschnitt nicht nur Bericht, sondern auch reflektierende und kommentierende Mitteilung.

Mit Beginn des zweiten Abschnitts, in dem die unmittelbare Vorgeschichte der Katastrophe erzählt wird, ändert sich die Erzählweise. Die exakte Zeitangabe „An einem Junimorgen gegen sieben Uhr“ signalisiert, dass einzelne Handlungsphasen ausführlicher und mit größerer Akzentuierung behandelt werden, und in der Tat werden in den beiden folgenden Kapiteln Ereignisse erzählt, die sich innerhalb von nur vier Tagen abspielen. Die Erzählweise wechselt zum Szenisch-Dramatischen – teilweise unter Verwendung des historischen Präsens -, der Erzähler beschränkt sich aufs Darstellen, er tritt hinter den Geschehnissen zurück. Die szenische Erzählweise dominiert bis weit in das dritte Kapitel, um nach dem Tod des Tobias und den daraus erwachsenden Erschütterungen Thiels zu einem sachlich-beschreibenden Stil zurückzukehren, wodurch der Eindruck erweckt wird, als ob der Erzähler dem Ende Thiels distanziert gegenüberstünde.

Betrachtet man die Handlungslinie und erzählerische Gestaltung, dann fällt auf, dass die eigentlichen Handlungshöhepunkte, auf die zielstrebig hin erzählt wird, der Tod des Tobias, die Mordtat Thiels und seine Einweisung in die Irrenabteilung der Berliner Charité, keineswegs die erzählerischen Gipfel bilden, sondern nur als das konsequente Ende eines vorher angelegten zwangsläufigen Prozesses und wie beiläufig erzählenswert erscheinen. Statt dessen ragen zwei Ereignisse, die im Vorfeld der Katastrophe angesiedelt sind, deutlich heraus, nämlich Begegnungen mit zwei vorbeifahrenden Zügen, für einen Bahnwärter an sich alltägliche Vorgänge, die zudem im Vergleich etwa mit dem Tod des Tobias, mit den Mordtaten oder dem Wahnsinn Thiels wenig dramatisches Potenzial enthalten, die aber durch erzählerische und sprachliche Gestaltung ins Zentrum der Novelle gerückt werden. Alles deutet darauf hin, dass Hauptmann den Akzent nicht vorrangig auf das Ergebnis eines Prozesses, sondern auf den Prozess selbst, auf die entscheidenden Stationen während des Weges zu einem Verbrechen zielt.

Um was geht es bei den beiden Ereignissen, was hebt sie so stark heraus? Thiel befindet sich nach seiner überraschenden Rückkehr zu Lene, während der er erleben musste, wie sehr Tobias von seiner Stiefmutter drangsaliert wurde, wieder an seinem Arbeitsplatz. Er verrichtet dort die üblichen monotonen Tätigkeiten. Dabei ist „sein Geist mit dem Eindruck der letzten Stunden beschäftigt“. In dieser Situation gibt der Erzähler eine ausführliche Schilderung der natürlichen und technischen Umwelt Thiels, die unmittelbar übergeht in die Schilderung der Vorbeifahrt eines Zuges. Das Ereignis findet eine Dopplung. Dem Passieren eines zweiten Zuges, das Thiel nicht weniger dramatisch erlebt, geht ebenfalls ein Naturereignis voraus – diesmal entlädt sich ein Gewitter -, dem nochmals ein Traum des Bahnwärters vorangestellt ist, dessen Inhalt Thiel aber erst nach der Durchfahrt des Zuges bewusst wird. Beide Ereignisse werden mit Thiels erster Frau Minna verknüpft; nach der ersten Vorbeifahrt denkt Thiel an Minna („‘Minna‘, flüsterte der Wärter, wie aus einem Traum erwacht, …“, S. 20), vor der zweiten erscheint ihm Minna im Traum; ihr Erscheinen beschäftigt ihn im Weiteren nachdrücklich und bedrängend. Die dichte Verknüpfung der unterschiedlichen Bereiche Natur, Traum und Technik und eine große sprachliche Expressivität zeichnen beide Textstellen aus; sie haben insofern eine Gelenkfunktion, als sie nicht nur auf Zukünftiges vorausdeuten, sondern zuvor Erzähltes, das zum Teil peripher wirkte, in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Eine genauere Betrachtung der Schilderung zeigt, dass Thiel den Zug als ein geradezu dämonisches Wesen erfährt, dessen Ungeheuerlichkeit, bestehend vor allem in Fülle und Intensität der Bewegungsabläufe, das erste Mal akustisch, das zweite Mal dagegen als eine überwiegend optische Erscheinung erlebt. Die Personifizierung der leblosen Technik lässt sie gefährlich und unheimlich erscheinen. Mit der Beschreibung der Technik stehen Beschreibungen der Natur in enger Beziehung. Natur im Einflussbereich der Technik hat ihre romantischen Reize verloren. Natur strahlt zwar Erhabenheit aus, aber die Komposition der Einzelbeobachtungen, die Verben und die Farbadjektive ebenso wie das Ineinander von Natur und Bahnstrecke geben der Natur Eigendynamik, lassen die Technik als belebte Materie erscheinen, betonen das Gefährliche. Das Bedrohungspotential von Natur und Technik wird greifbar, als sich unmittelbar vor der Ankunft des zweiten Zuges ein Gewitter entlädt. Wie bewusst Hauptmann seine Naturbeschreibungen als Mittel der Aussageabsicht einsetzt, erkennt man, wenn man zum Vergleich seine Darstellung der Natur während Thiels Spaziergang mit Tobias an den Gleisen heranzieht (S. 29 f.), wo das Glücksgefühl des Vaters und die Freundlichkeit der Natur aufs Engste harmonieren und so für Augenblicke der Eindruck einer Idylle entsteht.

Beide Textstellen gehen weit über die Beschreibung von Realität hinaus. Durch die Expressivität der Darstellung, durch leitmotivische Verknüpfungen innerhalb des Gesamttextes und durch deren unmittelbare Zuordnung zu den Figuren Minna und Lene entfaltet sich die Bahnstrecke zum Dingsymbol. Benno von Wiese schreibt: „Einmal spiegeln sich in dieser Bahnstrecke die Seelenvorgänge des Bahnwärters und seine mystischen Neigungen, zweitens spiegelt sich in ihr und durch sie die ganze, weit mehr dämonische als idyllische Natur und drittens wird sie zum Spiegel für eine zufällige Katastrophe, die sich an diesem realen Ort vollzieht, ihre Zufälligkeit aber angesichts der beiden anderen Spiegelungen verliert und eine dunkle, höhere, schicksalhafte Bedeutung gewinnt.“[1] In der Tat steht die Bahnstrecke für die psychische Krise der Hauptfigur: Sie spiegelt deren chaotische seelische Verfassung, ihre Zerrissenheit und ihre Unfähigkeit, mit dieser Krise umzugehen.

Für den Verfall der Persönlichkeit Thiels gibt es – die Novelle ist durchaus auf Kausalität angelegt – Gründe, von denen die beiden folgenden besonders wichtig sind.

Größte Bedeutung hat Thiels Verhältnis zu Lene. Sein Leben ändert sich mit seiner erneuten Eheschließung radikal. Thiel, dem eine gefühlsmäßige Bindung an Lene fehlt, der Lene aus utilitaristischen Gründen (Sicherung der Versorgung von Tobias, Arbeitskraft Lenes, geregeltes Leben) geheiratet hat und der anfangs manche ihrer Eigenarten mit Hilfe seines „unverwüstlichen Phlegmas“ über sich ergehen lässt, verliert angesichts der sexuellen Reize seiner zweiten Frau sein emotionales Gleichgewicht. Durch Lenes sexuelle Anziehungskraft erfährt er sich als ein triebhaftes Wesen. In dem Maße, wie er in Abhängigkeit von Lene gerät, vernachlässigt er Tobias, hält nicht die Minna gegebenen Versprechungen, verstößt gegen die selbst gesetzten sittlichen Normen und gerät so in eine ausweglose Situation. Deshalb ist es vertretbar, die Novelle in erster Linie als eine psychologische Studie zu deuten. Heerdegen ist zuzustimmen, wenn sie „eine psychologische Problemstellung“ in Bahnwärter Thiel betont. „Der Bahnwärter, der durch die ‚Macht der rohen Triebe in die Gewalt seiner zweiten Frau‘ gerät und vor einer seelischen Bewährungsprobe steht, interessiert vor allem als psychologischer Typ. Trieb und Krankheit sind die treibenden Momente der Handlung. Auch die Frage nach den ‚Hilfsmitteln‘ in einer Situation seelischer Bedrängnis stellt Hauptmann als psychologische.“[2]

Der zweite wesentliche Grund für das Scheitern Thiels liegt in dessen sozialer Lage. Hauptmann gestaltet nicht die psychische Krise eines Menschen, der im luftleeren Raum lebt, sondern der durch seine berufliche Tätigkeit definiert ist. Der Verzicht auf den Vornamen und die Nennung der Berufsbezeichnung „Bahnwärter“ an dessen Stelle im Titel der Novelle haben programmatische Bedeutung. – Hauptmann wählt eine Figur, der alles Heldenhafte abgeht und die in vielerlei Hinsicht, vor allem in Bezug auf ihre Kommunikationsfähigkeit, retardiert wirkt. Thiel hat durchaus positive Züge. Menschlichkeit, ein ausgeprägtes, wenn auch weitgehend verborgenes Gefühlsleben, Gemüt, Verantwortungsbewusstsein zeichnen ihn aus. Sein freundlicher Umgang mit Kindern, seine Liebe zu Tobias, sein fürsorgliches Verhalten ihm gegenüber wirken rührend, machen ihn sympathisch und verraten die Zuneigung des Erzählers zu seiner Figur. Dem stehen jedoch Eigenschaften gegenüber, die wesentlich dominanter sind und die die Widersprüchlichkeit im Wesen Thiels sichtbar machen: Kontaktarmut, Sprachlosigkeit, Pedanterie, mangelnde Spontaneität, Phlegma. Diese Charakterzüge wie auch die Tatsache, dass Thiel jegliches Bewusstsein von der Brüchigkeit seiner Existenz fehlt und dass es ihm an der Fähigkeit zu Reflexion und Artikulation mangelt, machen ihn ohnmächtig und handlungsunfähig und prädestinieren ihn geradezu als Opfer. Inwieweit Thiel als Produkt von vererbten Anlagen und/oder des ihn prägenden Milieus verstanden werden muss, lässt sich aus dem Text nicht erschließen. Die novellistische Form setzt der Darstellung von Entwicklungslinien Grenzen. Aber erkennbar ist, dass die Gleichförmigkeit und Stupidität der beruflichen Tätigkeit und der durch sie geförderte Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben – die weitgehende Isolierung Thiels von anderen Menschen ist besonders auffallend – eng mit Thiels Einfalt und Beschränktheit zusammenhängen.

In diesem Zusammenhang darf nicht unbeachtet bleiben, dass Thiel bei der Ausübung seines Berufs mit moderner Technik konfrontiert wird. Bisher wurde die Technik ausschließlich als Symbol für die inneren Vorgänge Thiels gedeutet; sie nur als ein Sinnbild zu begreifen, hieße, der Novelle ihr naturalistisches Gedankengut zu nehmen. Der Leser/Die Leserin erlebt in Bahnwärter Thiel auch die Begegnung eines berufstätigen Menschen mit den Bedingungen der modernen Arbeitswelt. Die Bahn und das ihr zugehörige Beiwerk, Gleise und Telegrafenstangen, werden von Hauptmann nicht wie so häufig in der Literatur der Gründerjahre als Sinnbild eines positiv zu beurteilenden technischen Fortschritts, sondern hinsichtlich der Auswirkungen auf den Menschen als eher negativ, ja destruktiv gesehen. Thiel erlebt die technische Umwelt seines Berufs als etwas, was den Menschen überwältigt, was alle Sinne beansprucht, als zur Materie gewordene Bewegung, die in ihrer akustischen und optischen Ausprägung als Bedrohung empfunden wird. „Ein Keuchen und Stoßen schwoll stoßweise von fernher durch die Luft. Dann plötzlich zerriss die Stille. Ein rasendes Tosen und Toben erfüllte den Raum, …“ (S. 20) und „Zwei rote, runde Lichter durchdrangen wie die Glotzaugen eines riesigen Ungetüms die Dunkelheit. Ein blutiger Schein …“ (S. 25) – Die Wirkung, die die Technik auf Thiel ausübt, wird konkret benannt: „Thiel fühlte ein Grauen und, je näher der Zug kam, eine umso größere Angst …“ (S. 25) Der Mensch scheint der Technik hilflos preisgegeben. Die negative Darstellung der Beziehung des Menschen zur Technik zieht sich durch die ganze Novelle. In Thiels Leben gibt es kaum Abwechslung; die wenigen unvorhersehbaren Ereignisse stehen in einem Zusammenhang mit der Bahn und stellen für die Menschen eine Gefahr dar. Die Bahn erweist sich am Schluss als alles zerstörende Macht.

Die Gründe für Thiels Scheitern liegen nicht ausschließlich in psychischen Störungen oder in seiner privaten Existenz, etwa seiner gestörten Beziehung zu Lene, sondern auch in seiner sozialen Lage. Deutungen, Hauptmann lasse seine Hauptfigur den Mächten des Schicksals unterliegen[3], können nicht unwidersprochen bleiben. Die Hauptfigur scheitert an den ihr durch individuelle Dispositionen und durch Milieu gesteckten Grenzen. Es muss Hauptmann als Verdienst zugerechnet werden, dass er solche Zusammenhänge wenn nicht ausdrücklich formuliert, so doch nahelegt, dass er für die Katastrophe des in proletarischem Milieu lebenden Kleinbürgers Thiel Ursachen aufzeigt, somit den Ereignissen ihre Zufälligkeit nimmt und das Scheitern Thiels nicht als individuell verschuldet, sondern als sozial beeinflusst begreifbar macht.

Gibt es in der Novelle positive Gegenkräfte? Heerdegen formuliert dieses Problem als „die Frage nach einem Ausweg“.[4] Die religiöse Überzeugung Thiels könnte ein möglicher Ausweg sein; sie ist in der Novelle erkennbar, bleibt aber letztlich wirkungslos. Thiel versucht, mit fortschreitender Handlung Halt im Bereich des Mystischen, der durch Minna repräsentiert wird, zu finden. Minna, ein asexueller Frauentyp, bildet den Gegenpol zu Lene und zu der Welt der täglichen Arbeit, in der der Mensch funktionalisiert wird. Es fällt auf, dass Thiels Beziehung zu der lebenden Minna vom Erzähler kaum gewürdigt und auch ihr Tod nicht als großer Verlust erwähnt wird. Herausragende Bedeutung erlangt die Verstorbene erst, als der Bahnwärter durch die Heirat mit Lene eine andere Form menschlicher Beziehung erfährt; von da an wird Minna idealisiert und zur Kultfigur. Die räumliche Trennung von Wohnung und Arbeitsplatz, zunächst ein Faktum ohne größere Bedeutung, wird von Thiel in dem Maße gesucht, wie Minna für ihn wichtig wird. Sein Arbeitsplatz, das Bahnwärterhäuschen, wird für ihn zu einer Zufluchtsstätte. Bewusst lebt er in zwei Welten. Diese Form von „Religiosität wird im Dasein des Bahnwärters zu einem Lichtblick, sie hat für ihn die Bedeutung einer Art von Utopie, in der er Zuflucht sucht. Das Versenken in seine von ihm geschaffene religiöse Vorstellungswelt aktiviert in ihm seelische Kräfte in der Abwehr der ihn bedrohenden Mächte“[5]. Es mag durchaus zutreffen, dass – wie Heerdegen weiter feststellt – „Hauptmann … die Form seines [Thiels] religiösen Erlebens überhaupt benützt, um ansatzweise die Ideologie des religiösen Menschen gleichsam aus der alten Kirchlichkeit herauszulösen“, aber es kann nicht übersehen werden, dass dieser Versuch misslingt und sich der Ausweg für Thiel als Irrweg erweist.

Zu einer Zeit, als fundierte Theorien über die menschliche Gesellschaft vorlagen, und etwa gleichzeitig mit Vorstudien zur Entwicklung der umfassendsten Theorie über die Psyche des Menschen, nämlich der Psychoanalyse Freuds, schreibt Hauptmann seine Novelle. Sie kann geradezu als Fallstudie zur Veranschaulichung des Freudschen Strukturmodells der Psyche gelten. In der Terminologie Freuds symbolisiert Minna das „Über-Ich“ Thiels; sie belastet ihn mit Schuldgefühlen, indem sie ihn an das nicht eingehaltene Versprechen, sich um Tobias zu kümmern, an die Übertretung eines bereits verinnerlichten Gebots erinnert. Die Aufgabe des „Ich“, der bewussten Persönlichkeit, liegt darin, zwischen den Forderungen des „Über-Ich“ und denen des „Es“, dem Bereich, in dem Triebe, Bedürfnisse und Gefühle, die nach direkter Befriedigung verlangen, beheimatet sind, zu vermitteln. „Es“ und „Über-Ich“ werden für Thiel so bedrohlich und übermächtig, dass das „Ich“ seine Aufgabe nicht mehr wahrnehmen kann und der Weg in die Krankheit geebnet ist. In der Psychoanalyse wird das Pathologische im Wesentlichen darin gesehen, dass es nicht gelingt, das richtige Gleichgewicht zwischen „Es“ und dem „Ich“, zwischen triebhaften Wünschen und den Anforderungen der Realität, zu finden. Genau dieser Ausgleich misslingt Thiel. Konfliktverschärfend wirkt sich aus, dass Thiel seine erste Frau mit fortschreitender Handlung idealisiert und in eine Traumwelt flüchtet, deren Mittelpunkt Minna ist. Damit gewinnt sie als Repräsentantin des „Über-Ich“ eine solche Macht, lädt ihm ein solches Maß an Schuldgefühlen auf, das sein Aggressionstrieb immer stärker seine gesamte Triebstruktur, also den Es-Bereich seiner Psyche, bestimmt und sich am Schluss gegen Lene richtet, die er für seine vermeintlich ausweglose Lage verantwortlich macht.

Thiels Weg in die Katastrophe scheint von Beginn an unausweichlich. Zorn über die Passivität dieses einfachen Menschen kommt auf, Trauer über den Leidensweg Thiels stellt sich ein, Verständnis für eine schreckliche Tat wird geweckt. Einsichten in die sozialen Bedingungen einer psychischen Erkrankung werden vermittelt, aber letztlich bleibt doch „nur“ Mitleid mit einer Kreatur, der jegliche Willensfreiheit fehlt. Unter anderem aus diesem Grund sind Literaturkritiker, die der Arbeiterbewegung nahestanden, mit dem Naturalismus im Allgemeinen und mit Hauptmann im Besonderen scharf ins Gericht gegangen. Mehring konstatiert zum Beispiel: „Die bürgerlichen Naturalisten sind sozialistisch gesinnt, wie die feudalen Romantiker bürgerlich gesinnt waren, nicht mehr und nicht weniger; bei ihren zahllosen Experimentierereien halten sie sich mit heiliger Scheu von jeder künstlerischen Darstellung fern, die sich auch nur von fern mit dem proletarischen Emanzipationskampfe berühren könnte.“[6] An anderer Stelle sagt Mehring, es sei der Ruhm des Naturalismus, „dass er sich von den Lebensbedingungen der kapitalistischen Gesellschaft zu emanzipieren sucht, aber es … sein Verhängnis (wurde), dass er auf halbem Weg stehen blieb. Er sah in der herrschenden Misere nur das Elend von heute, aber nicht die Hoffnung von morgen“.[7] Auch Lukács bemängelt, Hauptmann reproduziere wahllos und naiv alle Widersprüche der gesellschaftlichen Lage der liberalen Bourgeoisie Deutschlands, ohne diese Widersprüche als widerspruchsvoll zu erkennen. Hauptmann sei zwar in liberaler Opposition zum wilhelminischen Deutschland geblieben, habe sich gegen die Auswüchse des Systems gestellt, nicht aber gegen das System selbst.[8]

Hauptmann erweist sich mit seiner novellistischen Studie Bahnwärter Thiel in vielerlei Hinsicht als Repräsentant jener literarischen Epoche, die als Naturalismus bezeichnet wird. Die Wahl des Sujets, das vorherrschende Menschenbild, das die determinierte und in seiner Willensfreiheit eingeschränkte Kreatur zeichnet, die Verknüpfung menschlichen Daseins mit gesellschaftlicher Wirklichkeit, die kritische Sicht auf die sozialen Verhältnisse, die Entfremdung des modernen Individuums, die Vorliebe für das Alltägliche, für das Kranke und Triebhafte – das alles verrät Hauptmanns Skepsis gegenüber einer idealistischen Sicht des Menschen und ist Ausdruck seiner Verbundenheit mit der Programmatik des Naturalismus. Aber auch die den Naturalisten zugeschriebenen Schwächen, dass sich ihre Werke in Larmoyanz über die sozialen Verhältnissen erschöpften, dass sie unfähig seien, Einzelschicksale in politische Zusammenhänge zu stellen, dass am Ende stets Fatalismus und Ausweglosigkeit stünden, nicht aber eine programmatisch-kämpferische Perspektive eröffnet werde, gilt für Bahnwärter Thiel. Unübersehbar ist, dass Hauptmann teilweise in der Tradition Büchners steht, den er – wie er in seiner Autobiografie bekennt – sehr verehrt hat. Vor allem die Nähe zu Büchners Woyzeck ist offensichtlich. Beiden Werken gemeinsam ist, dass sie den sprachlosen und gedemütigten Menschen darstellen. Aber Büchner zeigt ‒ anders als Hauptmann ‒ viel eindeutiger den von der Gesellschaft abhängigen und den Determinanten seiner sozialen Existenz ausgelieferten Menschen und benennt als Verantwortliche die Repräsentanten der bürgerlichen Ordnung. Bei Büchner werden die Widersprüche in der bürgerlichen Gesellschaft klar gestaltet, im Bahnwärter Thiel allenfalls angedeutet.

Kann man unter thematisch-inhaltlichen Gesichtspunkten Bahnwärter Thiel durchaus als ein Werk betrachten, das Zeugnis für die geistige Strömung, die den Namen Naturalismus trägt, ablegt, so muss dies für die künstlerische Gestaltung der Novelle verneint werden. Erzählweise, Sprache und Stil sind weit entfernt davon, dem zu entsprechen, was die Naturalisten gefordert haben. Sie streben eine weitgehende Übereinstimmung von Natur und Kunst an. Die berühmte Formel, die Arno Holz entwickelt hat, lautet: Kunst = Natur ‒ X, wobei X für die Subjektivität des Künstlers steht, die so weit wie irgend möglich, minimiert werden soll.[9]

Ganz im Gegensatz hierzu ist in Bahnwärter Thiel die Subjektivität des Erzählers deutlich spürbar. Allein die Wahl der novellistischen Form, „deren Gestaltungsprinzipien […] kein naturalistisches Zerfließen zulassen, ja sogar in einem gewissen Widerspruch zur naturalistischen Doktrin stehen, verweist auf eine realistische Grundlage des Werkes“[10]. Zwar folgt der Erzähler der Chronologie der Ereignisse, aber er verfügt doch sehr frei über deren Auswahl. Erzählzeit und erzählte Zeit decken sich nicht annähernd, besonders am Anfang springt die starke Raffung ins Auge. Für die deutliche Präsenz des Erzählers sprechen die Erzählerkommentare, bei denen eindeutig wertende und erklärende Aussagen des Erzählers von solchen zu unterscheiden sind, in denen er sich der handelnden Personen als Medium bedient („An dem Wärter hatte man, wie die Leute versicherten, kaum eine Veränderung wahrgenommen.“ – S. 4), um so den Eindruck größerer Objektivität zu erwecken. Auf den ersten Blick könnte die Liebe zum Detail als Annäherung an naturalistisches Erzählen verstanden werden, aber bei genauerer Betrachtung wird schnell klar, dass viele Details eine Funktion für die Gesamtaussage haben. Der Gestaltungswille des Erzählers ist unverkennbar. Am deutlichsten tritt er zutage im metaphorischen Stil, in den leitmotivischen Verknüpfungen und in der ausgeprägten Symbolik. Die Darstellungen von Thiels Umwelt bilden nicht nur die Wirklichkeit ab, sondern verdichten sich zu subjektiv gefärbten Schilderungen, die die psychischen Krisen der Hauptfigur offenbaren. Außenwelt wird dadurch vom Erzähler bewusst funktionalisiert. Hauptmanns Umgang mit der empirischen Welt zeigt, dass ihm die naturalistischen Darstellungstechniken nicht genügten. Mit seiner symbolischen Erzählweise schafft sich Hauptmann ein Instrument, die Innensicht des sprachlosen und zur Reflexion kaum fähigen Thiel zur Geltung bringen zu können; Martini weist zu Recht darauf hin, dass der Erzähler hierbei „aus einer Realitäts- und Gefühlsebene (spricht), die Thiel ohne weiteres nicht zugänglich ist. Es ist unwahrscheinlich, dass Thiel so ‚poetisch‘ sehen kann und zu erleben vermag, wie es mit dem Einsatz erheblicher künstlerischer Mittel dem Autor gelingt. Der Erzähler ist klüger als das Medium, durch das und für das er zu sprechen beabsichtigt.“[11]

Einzelne Schwächen in der künstlerischen Gestaltung sind unübersehbar und weisen die novellistische Studie als ein Frühwerk Hauptmanns aus. Einige Vergleiche zum Beispiel stiften wegen ihrer Einfachheit keine originelle Bildhaftigkeit, zum Teil sind sie abgegriffen, die Wiederholungen von Metaphern, durch die der Erzähler Leitmotive schafft und ein Geflecht von sprachlichen Bezügen über die Novellenhandlung legt, wirken vereinzelt stereotyp und anspruchslos.[12]

Bei aller Kritik an der naturalistischen Weltsicht, insbesondere an der resignativen, fatalistischen Grundstimmung, und an einzelnen Elementen der künstlerischen Gestaltung kann kein Zweifel daran bestehen, dass Hauptmann mit seiner novellistischen Studie nach Gehalt und Form ein herausragendes und, gemessen etwa an anderer naturalistischer Epik, meisterhaftes Stück Prosa gelungen ist. Die Auslotung menschlicher Psyche, die intensive Gestaltung der Vereinsamung und der Zerstörung eines Menschen, die Einbettung individuellen Verhaltens in soziale Verhältnisse, aber auch die Art und Weise, wie die Novelle „über eine detaillierte Milieuschilderung und psychologische Seelenstudie hinauswächst und in der zum Symbolischen verdichteten Bahnstrecke eine novellistische Silhouette gewinnt“[13], geben der Novelle Bahnwärter Thiel ihren besonderen Rang.

Didaktische Überlegungen

Seit ihrem Erscheinen im Jahre 1888 hat Gerhart Hauptmanns novellistische Studie Bahnwärter Thiel durch Literaturkritik und Literaturwissenschaft große Beachtung gefunden. Schon zu Lebzeiten des Autors gehörte die Novelle zu den verbindlichen Schullektüren.

Es muss erstaunen, dass eine Novelle, die von einem kleinbürgerlich-proletarischen Leben erzählt, vom Bildungsbürgertum und dessen bevorzugter Bildungsinstitution, dem Gymnasium, das sich vornehmlich an den tradierten Idealen des Humanismus orientierte, so intensiv goutiert wurde. Allein diese Tatsache stellt wenn nicht die Novelle so doch deren Rezeption unter Ideologieverdacht. Tatsächlich tragen wichtige wissenschaftliche Arbeiten, die nach 1945 erschienen sind, nicht dazu bei, diesen Verdacht zu entkräften. Unübersehbar ist, dass die außergewöhnlich erfolgreiche Wirkung der Novelle sowie ihre frühzeitige Berücksichtigung im Literaturkanon der Schulen damit zusammenhängen, dass man die soziale Dimension der Novelle weitgehend ausgeklammert bzw. verdrängt, statt dessen vorrangig den ästhetischen Reiz betont und/oder die Ursachen für das Unglück, das Thiel widerfährt, einseitig in irrationalen inneren oder äußeren Mächten gesehen hat – mit der Folge, dass Thiels Ende als schicksalhaft und allenfalls als Ergebnis individuellen Versagens, gewissermaßen als Konsequenz einer zufälligen psychischen Deformation, erscheint.

Hauptmann entwirft mit seiner novellistischen Studie ein einfaches, leicht überschaubares Psychogramm eines Menschen, der in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet ist; der Mensch wird als Produkt von milieubedingten Einflüssen und psychischen Gegebenheiten verstanden. Die materiellen Bedingungen beeinflussen die geistige und psychische Befindlichkeit. Der Mensch erscheint durch Umwelt und Psyche determiniert. Eine idealistische Sicht des Menschen, wie sie für die vorausgegangenen Epochen noch mehr oder weniger Gültigkeit besaß, ist bei Hauptmann überwunden. Martini hat Recht, wenn er feststellt: „Was Hauptmanns Erzählung entschieden von der Tradition des Realismus im 19. Jahrhundert abhebt: er hat das Gestaltungsschema der älteren Novelle umgekehrt. Die Novelle des 19. Jahrhunderts – seit Goethe – führte durch krisenhafte Gefährdung, durch den Sturz ins Ungeordnete und Chaotische, zu einer versöhnenden Ordnung des Lebens zurück. Hauptmann erzählt hingegen den unaufhaltsamen Weg eines auf Ordnung, Friedlichkeit und Güte angelegten Menschen zum Mord …“[14] Insofern kann die Novelle auch als eine Einführung in Fragestellungen und Themen gewählt werden, mit denen sich die neuzeitliche Literatur beschäftigt.

Angesichts einer heute vorherrschenden Ideologie von der Freiheit des Individuums – alle empirischen Erhebungen sprechen gegen deren Berechtigung ‒ erscheint es durchaus sinnvoll, eine Lektüre zu besprechen, die in einer einfachen und anschaulichen Weise menschliche Freiheit in Frage stellt und die Abhängigkeit des Menschen von sozialen, psychischen und biologischen bzw. genetischen Faktoren verdeutlicht und die radikal ein versöhnliches Ende verneint. Hauptmann zeigt in seiner novellistischen Studie, dass die moderne Lebenserfahrung keine – wie Martini sagt – versöhnende Ordnung mehr zulässt.

Wegen ihrer Thematik eignet sich die Novelle ebenfalls besonders, die SchülerInnen mit der allgemeinen Tatsache vertraut zu machen, dass es literarische Strömungen gibt, und in die literarische Epoche „Naturalismus“ einzuführen. Weil jedoch im Falle der Literatur das Besondere (hier die Novelle Bahnwärter Thiel) allein das Allgemeine (die Epoche) nicht vollständig repräsentieren kann, findet sich im Materialienteil ein Text von Holz/Schlaf (S. 57), der einen Vergleich mit anderen Werken der Epoche erlaubt. Damit wird nicht nur eine vertiefende Einführung in die Epoche „Naturalismus“, sondern auch eine Abgrenzung der Novelle von einigen typischen Merkmalen eben dieser Epoche ermöglicht.

Die Novelle zeichnet sich durch eine klare Struktur (Komposition, Anordnung der Figuren und Handlungsorte) aus und ist in ihrer weiteren künstlerischen Ausformung so reich an sprachlichen Mitteln – ob ihr Einsatz immer gelungen ist, sei dahingestellt ‒ , dass eine Einbeziehung ästhetischer Gesichtspunkte nötig und in Hinblick auf das Ziel des Literaturunterrichts, bei den SchülerInnen ästhetische Sensibilität und Kompetenz für einen Zugang zur Poesie zu wecken bzw. sie sukzessive zu erweitern, zwingend ist. Die sprachlichen und erzähltechnischen Mittel sind so bewusst eingesetzt und ihre Funktionalität ist so offensichtlich, dass die Behandlung ästhetischer Aspekte nicht zum Selbstzweck werden kann. Die Schü-lerInnen können also vielfältige Beobachtungen sammeln und ein Fundament an sprachanalytischer Kompetenz und Einsichten in die kontextabhängige Funktionalität sprachlicher Erscheinungen gewinnen. Den Sequenzen 3, 4, 6 und 7 kommt bei der Realisierung solcher Unterrichtsziele besondere Bedeutung zu.

Sprachanalyse, Auseinandersetzung mit der ästhetischen Gestalt und Einordnung der Novelle in die Epoche des Naturalismus greifen eng ineinander. Während unter inhaltlichen Aspekten die Novelle epochenspezifische Anforderungen erfüllt und somit ohne Schwierigkeiten der Epoche des Naturalismus zugeordnet werden kann, trifft dies für die künstlerische Gestaltung nicht zu. Hier finden sich deutliche Unterschiede zum Programm des Naturalismus. Durch die Analyse eines Textes, der naturalistische Forderungen geradezu mustergültig realisiert, kann die Andersartigkeit, das Nichtnaturalistische, der novellistischen Studie besser erkannt werden.

Bewusst ist darauf verzichtet worden, eine Sequenz zur Rezeption der novellistischen Studie Bahnwärter Thiel aufzunehmen, weil u. E. eine Rezeptionsanalyse für SchülerInnen der Sekundarstufe I zu schwierig wäre.

Die Planung des Unterrichtsverlaufs stellt den Versuch dar, die oben angesprochenen Überlegungen in konkrete Unterrichtsschritte umzusetzen. Die Unterrichtsplanung steht vor der Schwierigkeit, dass die SchülerInnen dazu neigen, die Novelle ausschließlich als Krankheitsgeschichte zu verstehen. Es ist schwer, den Facettenreichtum der Hauptfigur und des Textes zu vermitteln und eine Sequenzialität herzustellen. Um einer oberflächlichen Betrachtung (monokausale Kette: abnorme Persönlichkeit > Krankheit > Verbrechen) entgegenzuwirken und um den gesellschaftskritischen Aspekt der novellistischen Studie von Anfang an den SchülerInnen bewusst zu machen, wird in Sequenz 1, zum Teil auch in Sequenz 2 versucht, den Blick frühzeitig für die sozialen Determinanten der Thielschen Existenz zu schärfen. Die SchülerInnen sollen Thiel zunächst gewissermaßen als homo oeconomicus und homo sociologicus sehen und den Text als Milieustudie lesen. Erst danach werden sie sich intensiver mit den inneren Konflikten der Hauptfigur befassen.

Die Schwierigkeiten für SchülerInnen der Sekundarstufe I sollten nicht unterschätzt werden. Vor allem das Thema der sexuellen Hörigkeit liegt – trotz Aufklärung und Sexualkundeunterrichts – außerhalb ihres Erfahrungshorizonts und sollte behutsam angegangen werden.

Die soziologischen und psychologischen Betrachtungen werden in Sequenz 8, in der das in der Novelle vermittelte Menschenbild thematisiert wird, zusammengeführt.

Die Handreichung beinhaltet das Konzept einer abgeschlossenen Unterrichtseinheit, in der es aber zu inhaltlichen Überschneidungen kommt. Die Lehrkraft kann bzw. muss aus dem umfangreichen Angebot auch mit Blick auf ihre SchülerInnen und je nach eigener Intention eine Auswahl treffen. Das Herauslösen einzelner Sequenzen oder einzelner Aspekte aus dem Gesamtzusammenhang ist möglich und erwünscht. Reihenfolge und Auswahl der Themen sind nicht zwingend festgelegt. So ist zum Beispiel denkbar, dass der/die Unterrichtende mit Fragestellungen beginnt, wie sie in Sequenz 8 formuliert sind.

[...]


[1] Benno von Wiese: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Düsseldorf: Bagel 1959, S. 272

[2] Irene Heerdegen: Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel. – In: Zeitschrift für deutsche Literaturgeschichte. Weimar 1958, S. 359

[3] Zimmermann etwa spricht von „schicksalhaften Es-Mächten“, sieht elementare Kräfte am Werk. Vgl. Werner Zimmermann: Deutsche Prosadichtungen der Gegenwart. Teil I. Düsseldorf: Schwann 1962, S. 51. – von Wiese bemüht immer wieder das Schicksalhafte, spricht davon, dass „die ganze Erzählung aus dem Wirklichen ins Geisterhafte, aus dem Zufälligen ins Schicksalhafte … hinüberwächst.“ Vgl. Benno von Wiese, a.a.O., S. 272. Bei Martini heißt es: „… durch die Symbole spricht das Schicksal.“ Fritz Martini: Gerhart Hauptmann . Bahnwärter Thiel. Das Wagnis der Sprache. Stuttgart: Klett 31958, S. 66

[4] Heerdegen, a.a.O., S. 353

[5] Heerdegen, a.a.O., S. 355

[6] Franz Mehring: [Naturalismus und proletarischer Klassenkampf] – In: Franz Mehring: Gesammelte Schriften. Bd. 11. Berlin: Dietz 1961, S. 224

[7] Franz Mehring: Naturalismus und Neuromantik. – In: Franz Mehring, a.a.O., S. 229

[8] Georg Lukács: Gerhart Hauptmann. – In: Die Linkskurve 4 (1932), S. 5 – 12. Zitiert aus G. L.: Werke. Bd. 4. Neuwied: Luchterhand 1971, S. 82 ff.

[9] Vgl. auch die ausführliche Darstellung im Materialienteil.

[10] Gerhart Hauptmann. Berlin: Volk und Wissen 41961, S. 74 (Reihe „Schriftsteller der Gegenwart“)

[11] Fritz Martini: Gerhart Hauptmann. Bahnwärter Thiel. – In: Martini: Das Wagnis …, a.a.O., S. 94

[12] Kritische Anmerkungen zum Stil finden sich unter anderen bei Krämer, der zusammenfassend zur sprachlichen Gestaltung schreibt: „Bedeutung und Rang der Erzählung … liegen kaum im Bereich sprachlicher und stilistischer Innovationen und Originalität, doch sollte trotz aller stilistischen Detailkritik nicht unterschlagen werden, dass die Erzählung von überzeugender Bildlichkeit, von großer Anschaulichkeit und Stimmigkeit ist.“ – Herbert Krämer: Gerhart Hauptmann. Bahnwärter Thiel. München: Oldenbourg 1980, S. 48

[13] von Wiese, a.a.O., S. 283

[14] Martini: Gerhart Hauptmann. Bahnwärter Thiel. - In: Martini: Das Wagnis …, a. a. O., S. 94

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Handreichung für den Deutschunterricht zu Gerhart Hauptmann: "Bahnwärter Thiel"
Autoren
Jahr
2013
Seiten
70
Katalognummer
V232552
ISBN (eBook)
9783656501985
ISBN (Buch)
9783656502036
Dateigröße
4585 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Bahnwärter, Deutschunterricht, Deutschdidaktik, Gerhart Hauptmann, Lektüre Sekundarstufe I, Lektüre Sekundarstufe II, Literatur, Literaturunterricht, Naturalismus, Novelle
Arbeit zitieren
Dieter Seiffert (Autor)Georg Völker (Autor), 2013, Handreichung für den Deutschunterricht zu Gerhart Hauptmann: "Bahnwärter Thiel", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232552

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