Das politische System der USA gilt als verhältnismäßig durchlässig für gesellschaftliche Ideen und Präferenzen zu den politischen Entscheidungsträgern. Im Bereich der Außenpolitik gehen die Meinungen über den tatsächlichen sowie den wünschenswerten Einfluss der Gesellschaft weit auseinander. Während die einen im Sinne der Demokratie einen solchen Einfluss gutheißen, argumentieren andere, darunter Hans Morgenthau, die zu große Emotionalität der Gesellschaft sei eine Gefährdung für stabile und effektive Außenpolitik. Während die „mood theory“ der Öffentlichkeit unterstellt über keine stabile und konsistente Ansicht zu internationalen Belangen zu verfügen und lediglich auf Krisen und Bedrohungen zu reagieren, misst Jeffrey W. Legro gesellschaftlichen Einstellungsmustern große Bedeutung zu. Die ideational structure hat demzufolge nicht nur einen großen Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger, sondern ist geradezu handlungsleitend und substantiell für die generelle Orientierung der Außenpolitik eines Staates.
Legro erprobt seine Theorie anhand des Wechsels von der isolationistischen Außenpolitik, die lange Zeit charakteristisch für die Vereinigten Staaten von Amerika war, hin zu einer internationalistischen Ausrichtung nach dem zweiten Weltkrieg. Der Kern seiner Argumentation ist die Frage, weshalb sich dieser Wandel nicht schon nach dem ersten Weltkrieg vollzogen hat, da die Ereignisse und Konsequenzen in beiden Fällen sehr ähnlich waren. Die Antwort findet Legro in der Rolle der ideellen Struktur in der Gesellschaft, die maßgeblich verantwortlich war für die isolationistische Kontinuität nach dem ersten und den Wandel zum Internationalismus nach dem zweiten Weltkrieg.
Nach dem Ende des Kalten Kriegs sind die USA die letzte verbliebene Supermacht. Ihre Außenpolitik unterliegt nicht mehr den Zwängen des bipolaren Systems, die zuvor den Handlungsspielraum begrenzten. Dennoch ist durch die zunehmende Globalisierung und wirtschaftliche Interdependenz eine Rückkehr der Vereinigten Staaten zum Isolationismus undenkbar. Der Handlungsspielraum der Supermacht liegt nun mehr in einer unilateralen, internationale Verpflichtungen meidenden, oder einer multilateral orientierten, die Interessen der anderen Staaten wahrenden, Außenpolitik auf der einen und einer idealistischen, das heißt westliche Werte fördernden und verbreitenden, oder realistischen, also an nationalen Interessen ausgerichteten, Außenpolitik auf der anderen Seite.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1. AUFBAU DER ARBEIT
1.2. LITERATURBERICHT
2. JEFFREY W. LEGROS „EPISTEMIC APPROACH“
2.1. THEORETISCHE VERORTUNG DES ANSATZES
2.2. LEGROS „EPISTEMIC APPROACH“
2.3. METHODEN UND OPERATIONALISIERUNG
2.4. KRITIK AM „EPISTEMIC APPROACH“
3. IDEATIONAL STRUCTURE UND US-AUßENPOLITIK NACH DEM KALTEN KRIEG
3.1. DIE GESCHEITERTE HUMANITÄRE INTERVENTION IN SOMALIA
3.1.1. Ideational structure vor Somalia
3.1.2. Kollaps und Änderung der Außenpolitik?
3.2. DIE TERRORANGRIFFE VOM 11. SEPTEMBER 2001
3.2.1. Ideelle Struktur vor 9/11
3.2.2. Kollaps der ideational structure nach 9/11?
4. FAZIT: EINGESCHRÄNKTE ERKLÄRUNGSKRAFT, ZUSÄTZLICHER FAKTOR
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Erklärungskraft von Jeffrey W. Legros „Epistemic Approach“ für außenpolitische Veränderungen der USA nach dem Ende des Kalten Krieges, insbesondere im Kontext von Unilateralismus, Multilateralismus sowie Idealismus und Realismus.
- Analyse des „Epistemic Approach“ nach Jeffrey W. Legro
- Untersuchung der humanitären Intervention in Somalia (1993)
- Analyse der US-Außenpolitik nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001
- Evaluierung der Rolle gesellschaftlicher Erwartungen und ideeller Strukturen (ideational structure)
- Diskussion über die Grenzen der Theorie in der praktischen Außenpolitik
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Terrorangriffe vom 11. September 2001
Kein Ereignis seit dem Angriff auf Pearl Harbor war so weitreichend für die amerikanische Außenpolitik wie die terroristischen Angriffe auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington D.C. am 11. September 2001. Im folgenden Abschnitt wird untersucht, ob der veränderten außenpolitischen Handlungsweise im „Krieg gegen den Terror“ ein Wandel in der ideational structure zugrunde liegt.
Legros „Episteme Approach“ lässt erwarten, dass sich die ideelle Struktur seit der Mitte der 1990er Jahre bis zu den verhängsnisvollen Ereignissen des 11. September 2001 mangels unerwarteter negativer Konsequenzen außenpolitischer Ereignisse und Entscheidungen und deshalb nicht erfolgter kollektiver Reflexion und Neubewertung der dominanten episteme nicht wesentlich verändert hat.
Tatsächlich herrschten um das Jahr 2000 in der Hauptsache dieselben Ideen über die US-amerikanische Rolle in der internationalen Politik in der Öffentlichkeit vor, die bereits im vorangegangen Kapitel dargestellt wurden. Dies bezieht sich vor allem auf die Ablehnung einer hegemonialen Stellung, die Zurückweisung der Rolle der Vereinigten Staaten als Welt-Polizist, die Präferenz für multilaterales Vorgehen und die Abneigung gegen Demokratieförderung und nation building, insbesondere mittels militärischer Interventionen. Nach wie vor existierte eine stabile internationalistisch ausgerichtete Mehrheit von 61%, die eine aktive Außenpolitik der USA wünschte. Eine Gallup-Umfrage aus dem Mai 1999 ermittelte, dass 60% der Amerikaner der Ansicht waren, dass die USA nicht die führende Rolle bei der Lösung internationaler Probleme einnehmen sollte, während sich nur 38% der Befragten dafür aussprachen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der gesellschaftlichen Einflussnahme auf die US-Außenpolitik und Vorstellung der Fragestellung zur Prüfung von Legros Theorie.
2. JEFFREY W. LEGROS „EPISTEMIC APPROACH“: Detaillierte Darstellung des theoretischen Rahmens, der Rolle der ideellen Struktur sowie der methodischen Vorgehensweise und der Kritik am Ansatz.
3. IDEATIONAL STRUCTURE UND US-AUßENPOLITIK NACH DEM KALTEN KRIEG: Empirische Analyse zweier Fallbeispiele – die Somalia-Intervention und die Ereignisse nach dem 11. September 2001 – zur Überprüfung der Theorie.
4. FAZIT: EINGESCHRÄNKTE ERKLÄRUNGSKRAFT, ZUSÄTZLICHER FAKTOR: Zusammenfassende Bewertung, in der festgestellt wird, dass der „Epistemic Approach“ zwar eine theoretische Alternative bietet, jedoch als dominanter Erklärungsfaktor für die US-Außenpolitik nach 1990 unzureichend ist.
Schlüsselwörter
USA, Außenpolitik, Epistemic Approach, Jeffrey W. Legro, ideational structure, Somalia, 11. September 2001, Kalter Krieg, Internationalismus, Isolationismus, Multilateralismus, Unilateralismus, Idealismus, Realismus, Rally-Effekt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert, inwieweit Jeffrey W. Legros „Epistemic Approach“ geeignet ist, die außenpolitischen Richtungsentscheidungen der USA nach dem Ende des Kalten Krieges zu erklären.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Themenfelder umfassen die Rolle der öffentlichen Meinung, das Konzept der „ideational structure“, internationale Interventionen und die Veränderung von außenpolitischen Strategien der USA.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird untersucht, ob sich die außenpolitischen Veränderungen der USA mithilfe von Legros Ansatz erklären lassen und wie hoch dessen Erklärungskraft in diesem Kontext einzuschätzen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer empirisch-interpretativen Studie, die historische Primär- und Sekundärliteratur sowie Umfragedaten nutzt, um die Passung zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und staatlichem Handeln zu evaluieren.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil analysiert zwei konkrete Fallbeispiele: die humanitäre Intervention in Somalia in den 1990er Jahren und die Neuausrichtung der US-Außenpolitik nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Epistemic Approach, ideational structure, US-Außenpolitik, Multilateralismus und das Spannungsfeld zwischen Idealismus und Realismus.
Warum konnte die Somalia-Intervention nach Legros Theorie nicht vollständig erklärt werden?
Obwohl die Mission als Fehlschlag wahrgenommen wurde, kollabierte die ideelle Struktur nicht. Die Zurückhaltung der Regierung war eher eine Reaktion auf die geringe Verlusttoleranz der Öffentlichkeit bei Einsätzen ohne vitales US-Interesse.
Welche Bedeutung hat der „Rally-Effekt“ im Zusammenhang mit dem Irakkrieg?
Der Autor argumentiert, dass die US-Regierung in Krisenzeiten den „rally ‘round the flag“-Effekt nutzte, um ihre unilateralen außenpolitischen Präferenzen durchzusetzen, ohne dass ein fundamentaler Wandel in der gesellschaftlichen Ideengeber-Struktur stattgefunden hätte.
- Arbeit zitieren
- Philipp Seelinger (Autor:in), 2009, Whence U.S. Foreign Policy Change?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232600