Die Geschichte der Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland ist eng mit der Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit verknüpft. Die Unterscheidung in ein weibliches und ein männliches Geschlecht sowie die Zuschreibung damit einhergehender charakterlicher Eigenschaften und Fähigkeiten sind die Grundlage für eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts vollzieht sich im Deutschen Reich ein Wandel vom „ganzen Haus“, also einer „sozialen Einheit von Produktions- und Familienleben“ im bäuerlichen und handwerklichen Bereich, hin zur bürgerlichen Kleinfamilie. Dieser Wandel begründete sich in der zunehmenden Ausbreitung der kapitalistischen Arbeitsweise im Rahmen der Industrialisierung und der damit einhergehenden Trennung von Arbeits- und Wohnstätte (vgl. ebd.: 18). Im Zuge dieses Wandels entsteht zunächst im wohlhabenden und gebildeten Bürgertum das Idealbild, dass Frauen sich ganz der Hausarbeit und der Kindererziehung zu widmen haben, während der Mann die Rolle des Ernährers und des Familienoberhauptes inne hat (vgl. Rinken 2010: 64; vgl. Peuckert 2008: 18ff.).
Das bürgerliche Modell des männlichen Familienernährers wird zwar Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend auch in Arbeiterschichten populär, eine schichtübergreifende Etablierung und Durchsetzung dieses Familientyps bleibt jedoch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts aus (vgl. Gildemeister/Hericks 2012: 48). Die Mehrheit der Bevölkerung kann aufgrund der schwachen sozio-ökonomischen Lage (niedrige Löhne, hohe Arbeitslosigkeit) nicht auf das Einkommen der Frauen verzichten (vgl. Peuckert 2008: 19, Klenner et al. 2012: 25).
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Geschichte der Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland im Wandel der Ernährermodelle
2 Frauen und Karriere im Deutschland des 21. Jahrhunderts
2.1 Frauen in Führungspositionen – Zahlen und Fakten
2.2 Gründe für den geringen Anteil von Frauen in Führungspositionen
2.2.1 Geschlechterstereotypen und Geschlechtsrollenorientierung
2.2.2 Vereinbarkeit von Karriere und Kindern – Die doppelte Vergesellschaftung von Frauen
2.2.3 Einfluss von Partnerschaft auf die Karriere
2.2.4 Statistische Diskriminierung
2.2.5 Zugang zu informellen Netzwerken
2.2.6 Innerbetriebliche Segmentation
2.3 Zwischenfazit
3 Politische Maßnahmen zur Erhöhung des Anteils von Frauen in Führungspositionen
3.1 Gleichstellungspolitik in der EU und Deutschland
3.2 Lösung Frauenquote? – Eine Übersicht über den aktuellen Stand der Verhandlungen in der EU und in Deutschland
3.3 Vorbild Norwegen?
3.4 Alternative Maßnahmen zur Erhöhung der Quote von Frauen in Führungspositionen
4 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob die Einführung einer verbindlichen Frauenquote in Deutschland eine geeignete Maßnahme darstellt, um den Anteil von Frauen in Führungspositionen nachhaltig zu erhöhen, und welche weiteren politischen Instrumente hierfür erforderlich sind.
- Historische Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit und Wandel von Ernährermodellen.
- Analyse der Ursachen für die Unterrepräsentanz von Frauen in Top-Management-Positionen.
- Diskussion aktueller politischer Vorschläge zur Frauenquote auf EU- und nationaler Ebene.
- Evaluation der norwegischen Quotenregelung als Vorbild für Deutschland.
- Bewertung alternativer Maßnahmen wie Ausbau der Kinderbetreuung und flexiblere Arbeitszeitmodelle.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Geschlechterstereotypen und Geschlechtsrollenorientierung
Geschlecht ist zum einen ein biologisches Merkmal („Sex“), zum anderen aber auch ein soziales Merkmal („Gender“), welches in der Gesellschaft kontinuierlich durch ein „Doing Gender“ konstruiert wird (vgl. Binder 2007: 50; vgl. Busch/Holst 2012: 83). Die Unterscheidung zwischen Mann und Frau basiert in ihrer Ursprünglichkeit auf den differierenden, biologischen Merkmalen beider Geschlechter. Die biologische Geschlechtszugehörigkeit einer Person aktiviert jedoch bei anderen Personen eine entsprechende Außenperspektive, welche geprägt ist durch kognitive Strukturen, die sozial geteiltes Wissen über die charakteristischen Merkmale von Frauen und Männern enthalten (vgl. Eckes 2004: 165; vgl. Abele 2002a: 51). Diese kognitiven Strukturen und Eigenschaftszuschreibungen werden als Geschlechterstereotype bezeichnet (vgl. Eckes 2004: 165).
Stereotype sind, allgemein ausgedrückt, Verhaltenserwartungen an eine Person, die einer bestimmten sozialen Gruppe – in unserem Falle einem bestimmten Geschlecht – angehören (vgl. Brettschneider 2008: 66). Sie sind ein beständiges menschliches Phänomen, geben Orientierung und Sicherheit und werden auch benutzt, um bestehende soziale Rollenzuschreibungen zu rechtfertigen (vgl. ebd.). Geschlechtsstereotype in Bezug auf Führung beinhalten für Frauen z. B. die Attribute sanft, einfühlsam, abhängig, emotional und reaktiv und für Männer die Attribute dominant, unabhängig, rational, selbstsicher, emotionsarm und konkurrenzfreudig (vgl. ebd.: 67). Mit dem Berufsbild „Manager“ werden immer noch hauptsächlich männliche Attribute verbunden, woran sich in den letzten Jahrzehnten kaum etwas geändert hat (vgl. ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Geschichte der Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland im Wandel der Ernährermodelle: Dieses Kapitel zeichnet den historischen Wandel der Erwerbsbiografien von Frauen nach und beleuchtet die Entwicklung vom bürgerlichen Ernährermodell bis zu modernen Familienmodellen.
2 Frauen und Karriere im Deutschland des 21. Jahrhunderts: Hier wird der Status quo der Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen belegt und theoretisch durch betriebliche sowie sozialpolitische Faktoren wie Rollenbilder und Diskriminierung erklärt.
3 Politische Maßnahmen zur Erhöhung des Anteils von Frauen in Führungspositionen: Das Kapitel analysiert Pro- und Contra-Argumente für eine Frauenquote, bewertet das norwegische Modell sowie aktuelle deutsche und europäische Gesetzesinitiativen.
4 Fazit und Ausblick: Die Autorin resümiert, dass eine Frauenquote als „exogener Schock“ notwendig ist, um festgefahrene Pfadabhängigkeiten zu durchbrechen, jedoch zwingend von flankierenden familienpolitischen Maßnahmen begleitet werden muss.
Schlüsselwörter
Frauenquote, Führungspositionen, Deutschland, Gleichstellungspolitik, Geschlechterstereotype, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Erwerbsunterbrechung, gläserne Decke, Männerbünde, Mentoring, Norwegen, Karriereplanung, Arbeitszeitmodelle, Diskriminierung, Pfadabhängigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Problematik der Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen in deutschen Unternehmen und analysiert, ob eine gesetzliche Frauenquote als wirksames Instrument zur Förderung der Gleichberechtigung dienen kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die historische Entwicklung der Erwerbsmodelle, die soziologischen Gründe für den geringen Frauenanteil im Management (z. B. Geschlechterstereotype) und die aktuelle politische Debatte um verpflichtende Quoten.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet, ob die Einführung einer Frauenquote in Deutschland eine sinnvolle und effektive Maßnahme ist, um den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literatur- und forschungsbasierte Analyse, die bestehende Studien, Statistiken (z.B. vom Statistischen Bundesamt, IAB) sowie rechtliche Rahmenbedingungen und internationale Vergleiche (Norwegen-Modell) auswertet.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Untersuchung im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine umfassende Ursachenanalyse (betriebliche Faktoren wie Diskriminierung und informelle Netzwerke) und eine detaillierte Diskussion politischer Instrumente, insbesondere der Frauenquote.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zentrale Begriffe sind Frauenquote, Führungspositionen, gläserne Decke, Geschlechterstereotype, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie politische Gleichstellungsmaßnahmen.
Inwiefern ist das „norwegische Modell“ relevant für die Arbeit?
Norwegen dient als weltweit erster Vorreiter für eine gesetzliche Geschlechterquote als Vergleichsobjekt, um die Wirksamkeit und mögliche Probleme bei der Umsetzung solcher Vorgaben zu erörtern.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der „Männerbünde“?
Die Autorin sieht in sogenannten Männerbünden und informellen Netzwerken ein signifikantes Hindernis für den Aufstieg von Frauen, da diese Strukturen Machträume sichern und Frauen den Zugang zu entscheidenden Karrierewegen erschweren.
- Quote paper
- Britta Küthen (Author), 2013, Die Frauenquote in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232608