Autobiographisches Schreiben?

Zur Poetologie von Jenny Alonis Roman 'Zypressen zerbrechen nicht'


Masterarbeit, 2013
129 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Autobiographiegeschichte:
Identitätskonzeptionen von 3000 v. Chr. bis in die 1970er Jahre
2.1 Das Alte Ägypten
2.2 Die Antike
2.3 Die Zeit zwischen Antike und dem 18. Jahrhundert
2.4 Die Frühe Neuzeit
2.5 Die Zeit zwischen Ende des 18. und Mitte des 19. Jahrhunderts
2.6 Die Moderne
2.7 Die 1970er Jahre

3 Jenny Aloni: 'Zypressen zerbrechen nicht':
Gültigkeit autobiographiegeschichtlicher Identitätskonzepte
3.1 Zeugenschaftsliteratur als ein Teil der Shoah-Literatur
3.2 Erinnerungskritik im Shoah-Diskurs
3.3 Rechtfertigung versus Erklärung
3.4 Reflexion versus Selbstkritik
3.5 Individualismus bei einer Romanfigur?
3.6 Die Rolle der Körperlichkeit
3.7 Geschichtlichkeit der Figur oder geschichtliche Rahmenhandlung?
3.8 Historische versus stilistische Moderne
3.9 Judentum ohne Religion?

4 Jüdische Autobiographie: Besondere Merkmale
4.1 Begriffsgeschichte: Von der 'Assimilation' zu 'transkulturellen Bereichen'
4.2 Auswirkungen verschiedener Traditionen
4.3 Auswirkungen von Diaspora und Exil
4.4 Erinnerung im jüdischen Kontext
4.5 Sonderstatus der jüdischen Autobiographie

5 Autobiographietheorie: G. Misch, G. Gusdorf, P. Lejeune und H. Heissenbüttel
5.1 Einteilung nach M. Holdenried
5.2 Frühe Autobiographietheorie: G. Misch
5.3 Mittlere Phase: G. Gusdorf
5.4 Aktuelle Phase: P. Lejeune und H. Heissenbüttel

6 Die Protagonistin: Veränderung der Figur im Laufe des Romans
6.1 Die Überfahrt (Abschnitt 1, S. 5-20)
6.2 Zum ersten Mal in der Stadt (Abschnitt 2, S. 20-28)
6.3 Wohnen bei Neomi Rose (Abschnitt 3, S. 28-33)
6.4 Die Universität (Abschnitt 4, S. 33-42)
6.5 [Beim Mittagstisch I (Abschnitt 5, S. 42-48)]
6.6 Arbeit in der Druckerei / Arbeit bei einer Abendgesellschaft (Abschnitt 6 , S. 48-56)
6.7 Beim Mittagstisch II / Gespräch mit Thomas Katz I (Abschnitt 7, S. 56-64)
6.8 Wohnen bei Lea (Abschnitt 8, S. 64-72)
6.9 [Einkauf mit Lea in der Altstadt (Abschnitt 9, S. 72-75)]
6.10 Die Studentenfeier (Abschnitt 10, S. 75-80)
6.11 Arbeit an der Universität (Abschnitt 11, S. 80-85)
6.12 Wohnen im eigenen Mietzimmer / Arbeit als Tellerwäscherin (Abschnitt 12, S. 85-95)
6.13 Der Ausflug (Abschnitt 13, S. 95-100)
6.14 Besuch bei Abschalom I (Abschnitt 14, S. 100-108)
6.15 Die ehemalige Freundschaft mit Elisabeth (Abschnitt 15, S. 108-112)
6.16 [Besuch bei Abschalom II (Abschnitt 16, S. 112-118)]
6.17 Elisabeths Suizid / Die versuchte Vergewaltigung durch Abschalom (Abschnitt 17, S. 118-128)
6.18 Der Zusammenbruch / Die Genesung (Abschnitt 18, S. 128-133)
6.19 Das Unterrichten der verwahrlosten Kinder (Abschnitt 19, S. 133-136)
6.20 Zusammensein mit Freunden (Abschnitt 20, S. 136-139)
6.21 Werben für den Unterricht / Ausflug mit den Kindern (Abschnitt 21, S. 139-143)
6.22 Das Kriegsgeschehen rückt näher / Planungen für die Zukunft (Abschnitt 22, S. 143-145)
6.23 Gespräch mit Thomas Katz II (Abschnitt 23, S. 145-149)
6.24 Die Protagonistin meldet sich zum Militärdienst (Abschnitt 24, S. 149-153)
6.25 Besuch bei Neomi Rose / Zusammensein mit Freunden (Abschnitt 25, S. 153-159)
6.26 Gespräch mit Assaf (Abschnitt 26, S. 159-162)
6.27 Aufbruch (Abschnitt 27, S. 162)

7 Originalmanuskript versus Werkausgabe: Veränderungen und Streichungen
7.1 Originalmanuskript S. 1-1d versus Werkausgabe S. 5
7.2 Originalmanuskript S. 2-9 versus Werkausgabe S. 5-11
7.3 Originalmanuskript S. 9-12 versus Werkausgabe S. 11
7.4 Originalmanuskript S. 12-24 versus Werkausgabe S. 16-17
7.5 Originalmanuskript S. 25-47 versus Werkausgabe S. 36
7.6 Originalmanuskript S. 47-176c versus Werkausgabe S. 76-111

8 Protagonistin des Romans und Autorin der Tagebücher: Inhaltliche Unterschiede bzw. Überschneidungen
8.1 Auswirkungen und Probleme der Editierung
8.2 Tagebucheinträge aus dem Jahr 1939
8.3 Tagebucheinträge aus dem Jahr 1940
8.4 Tagebucheinträge aus dem Jahr 1941
8.5 Tagebucheinträge aus dem Jahr 1942

9 Schluss

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

The knowing self in contrast to the sovereign or representative self does not ask who am I, but how can the relations in which I live, dream, and act be reinvented through me?[1]

Gilmore spricht von verschiedenen Verständnissen des Selbst und behauptet, ein ‚Ich‘ könne sich selbst neu erfinden. Fragt man einen Menschen danach, wer er[2] sei, werden Antworten wie die folgende gegeben:

Ich bin aus Paderborn und 1917 im Ersten Weltkrieg geboren. Mein Vater war Kaufmann; wir stammen aus einer Familie, die schon viele Jahrhunderte im Sauerland gewohnt hat. Bis 1935 habe ich in Paderborn die Klosterschule besucht; die habe ich mit der Unterprimareife verlassen und bin in ein Vorbereitungslager für Palästina gegangen; Gut Winkel war das. – Dann habe ich aber noch die Erlaubnis bekommen, von der Jugendbewegung, das Abitur nachzumachen, auf einer orthodoxen jüdischen Schule. Dann habe ich an einem Intensivkurs für Jugendleiter teilgenommen und anschließend im Vorbereitungslager der Jugend-Alijah[3] gearbeitet, bis Dezember 1939, nach Ausbruch des Krieges. Und dann sind wir hierher gekommen [sic], an die Universität von Jerusalem. Ich habe mich mit allen möglichen Gelegenheitsarbeiten ernährt: Waschfrau, Reinemachen… Dann bin ich in die britische Armee eingetreten und habe in einem Krankenhaus und bei einem Zahnarzt gearbeitet. Nach dem Krieg habe ich einen Kurs für Sozialarbeiterinnen mitgemacht und dann in der Gewerkschaft, Trade Unions, gearbeitet, auf einem Arbeitsamt für Jugendliche. - 1948 haben wir geheiratet, und 1950 wurde unsere Tochter geboren; da habe ich aufgehört zu arbeiten. Später habe ich noch einmal gearbeitet, aber nur kurz.[4]

Jenny Aloni[5] beantwortet auf diese Weise die Frage nach ihrer Herkunft, Familie und Jugend. Ihr Selbstverständnis gründet sich bei dieser Schilderung auf die Bereiche 'Paderbornerin', Schülerin, Jugendleiterin, Studentin, Arbeiterin, Mitglied der britischen Armee, Sozialarbeiterin, Gewerkschaftsmitglied, Ehefrau und Mutter. Das heißt, auf die Frage, wer sie sei, antwortet sie mit einer Zuordnung zu verschiedenen, sozialen Rollen. Obwohl nur nach ihrer Jugend gefragt wurde, zählt Aloni einige Ereignisse aus ihrem Erwachsenenleben auf. Diese scheinen der Befragten also sehr wichtig für die Konstitution ihres Selbst zu sein. Eine Selbstbeschreibung wie diese reicht nicht aus, um eine Person zu charakterisieren. Es werden lediglich bestimmte Informationspunkte auf einer Lebenslinie geschildert, so, dass kein mehrdimensionales Bild eines Menschen entstehen kann. In einem solchen Bild konstituiert sich das Selbst nicht nur in sozialen Rollen, sondern auch aus den Beziehungen zu seinen Mitmenschen und zu sich selbst.

Aber wie können die Beziehungen, in welchen jemand lebt, träumt und handelt durch das Selbst gefunden bzw. erfunden werden? Wie wird das Selbst zu einem, das weder für sich alleine steht noch nur repräsentativen Charakter hat? Ein helfendes 'Werkzeug' präsentiert McEntyre Chandler:

[…] autobiography appears to be a two-edged tool: it serves to differentiate and validate individual experience against the backdrop of the whole culture, and at the same time to provide new possibilities or precedents by deriving general world views from personal experience.[6]

Seine Autobiographie zu schreiben, kann also u.a. dem Selbst helfen, sich unter Erhaltung seiner Individualität in der Welt zu verorten. Brunner / Weisser gehen noch weiter: „It is only by textualisation that one can ‚know‘ one’s life.“[7] Diese Arbeit verbindet beide Thesen und analysiert, was Autobiographik in Bezug auf Jenny Alonis Leben und Werk bedeutet.

Der in dieser Arbeit untersuchte Roman wird inhaltlich auf der Werkausgabe mit folgendem Klappentext eingeführt:

Das ist die Geschichte einer jungen deutschen Jüdin, die noch 1939 nach Israel fliehen kann, aber innerlich nur schwer den Weg von Europa in die alte Heimat ihres Volkes findet. Unter harten äußeren Lebensbedingungen überwindet sie kaum ihre Fremdheit, bis endlich ‚die Schatten von gestern und drüben‘ versinken – als sie sich, gehalten von der Zuneigung eines Mitstudenten, hinwendet zur bewußten[8] Teilhabe am Schicksal ihres Volkes. Sie beginnt mit der Arbeit an verwahrlosten Kindern der aus vieler Herren Länder zusammenströmenden Juden und meldet sich schließlich zum Dienst in der Armee, zum Schutz ihres vom Kriege bedrohten Landes.

Die Untersuchung wird v.a. im Interpretationsteil zeigen, inwieweit diese Beschreibung den Romaninhalten angemessen ist.

Im Einzelnen wird in dieser Arbeit folgendermaßen vorgegangen: Den Ausgangspunkt bildet eine Analyse der verschiedenen Ich-Konstruktionen ausgewählter Beispiele aus der Geschichte der Autobiographie. Die Gültigkeit dieser autobiographischen Identitätskonzepte wird danach in Bezug auf den Roman 'Zypressen zerbrechen nicht' überprüft, wobei nur auf die naheliegendsten konstruktiven Elemente der Ich-Gestaltung eingegangen wird. Dabei wird besonders herausgearbeitet wie sich das Ich in der Geschichte der jüdischen Autobiographie darstellt. Komplettiert werden die Informationen über Autobiographie mit ausgewählten theoretischen Konzeptionen. Deren Thesen werden dann in Bezug auf das Korpus dieser Arbeit fruchtbar gemacht. Der Roman wird anschließend auf seine autobiographischen Elemente hin untersucht. Dafür wird mit der Analyse der Figur Helga/Hagar[9] begonnen, wiederum fokussiert auf die Konstruktion des Ichs. Anschließend wird der Romaninhalt mit Tagebuchaufzeichnungen der Autorin verglichen, um herauszuarbeiten, in welcher Intensität Fiktivitäts- und Fiktionalitätsmarker benutzt wurden. Dafür ist es notwendig zunächst die Veränderungen, die am Originalmanuskript dargestellt wurden, aufzuzeigen. Ziel ist es, darzustellen, dass 'Zypressen zerbrechen nicht' ein fiktionales Konstrukt ist, das nur in geringem, durch diese Arbeit genau bestimmtem Maße, autobiographische Elemente enthält.[10]

„Vom Autor, der das Werk schafft, finden wir die Spur nur im Werk selbst“[11], konstatiert Goldschmidt. Die vorliegende Arbeit distanziert sich von lediglich textimmanenter Interpretation und plädiert für einen Mittelweg. Das bedeutet, die Werkinhalte nur dann auf die Biographie zu beziehen, wenn es zu nachweisbaren Übereinstimmungen kommt. Trotzdem können positivistische Elemente wie die Kenntnis der Biographie der Autorin und der Umstände der literarischen Schöpfung, produktiv einbezogen werden. Eine Absage wird allerdings einem übertriebenen Biographismus erteilt, der – oft in Kombination mit psychoanalytischen Erwägungen – versucht, Werkimmanentes autobiographisch zu deuten. Die Methodik der Autorin erstreckt sich über rezeptionsästhetische Zugriffsweisen sowie psychologische Deutungen und nimmt auch Bezug auf andere Teile von Jenny Alonis Gesamtwerk. Auch intertextuelle Zusammenhänge werden v.a. in Bezug auf die in 'Zypressen zerbrechen nicht' erwähnten Bibelstellen geklärt. Die Vorgangsweise ist hermeneutisch und wendet sich damit von dekonstruktiven Theorien und vielen postmodernen Ansätzen ab. Vereinzelt wird, z.B. um die Auswirkungen der Diaspora darzustellen, auf kulturwissenschaftliche Theorien zurückgegriffen. Auf feministische Interpretationen und gender-theoretische Zugangsweisen muss in dieser Arbeit noch verzichtet werden, weil sich das Werk in Bezug auf solche Aspekte in so besonderem Maße zur Analyse anbietet, dass eine separate Untersuchung angebracht ist. Wenn es um das Thema Literaturkanon geht, wird vereinzelt im Sinne des New Historicism argumentiert.

Jenny Aloni zählt leider nicht zu den an deutschen Schulen und Universitäten standardmäßig behandelten Autorinnen, obwohl ihre Werke „exemplarisch für bedeutende Themen und Inhalte moderner Literatur“[12] seien. „Immer wieder fiel die selten so eindrucksvoll geleistete Objektivierung [Hervorhebung im Original] autobiographischer Details in überpersönliche, von aller privaten Aufdringlichkeit freie Darstellungszusammenhänge auf“, schreibt Kienecker und betont weiter: „Die Dichterin hat keine fertigen 'Lösungen' anzubieten, aber ihr Werk ist ein Versuch und ein Impuls, verantwortungsbewußt nach einer humanen Lösung zu suchen […].“[13] Er bezeichnet es als Ehrenpflicht, „die literarische Öffentlichkeit und darüber hinaus unsere Gesellschaft insgesamt auf eine Persönlichkeit und ein Werk hinzuweisen, in denen sich künstlerische Kompetenz mit vollem Engagement für den homo humanus verbinden.“[14]

2 Autobiographiegeschichte:
Identitätskonzeptionen von 3000 v. Chr. bis in die 1970er Jahre

Die Definition der Autobiographie gibt es nicht. Es existiert eine Reihe von Standardwerken in verschiedenen Jahrhunderten seit der Antike, anhand derer Strukturmerkmale sich verschiedene autobiographische Identitätskonstruktionen herleiten lassen. Da sich viele Autoren von Autobiographien an den kanonischen Vorbildern nicht nur orientiert, sondern teilweise auch dezidiert auf diese bezogen haben, ist es möglich, deren Definitionen auf eine große Anzahl von Werken aus den jeweiligen Epochen auszuweiten. Natürlich gibt es immer wieder Autobiographien, die nach einer Definition, die sich an einem Literaturkanon orientiert, ihrer Zeit voraus oder hinterher sind und deshalb mit einer solchen Kategorisierung nur bedingt erfasst werden können.

In diesem Kapitel der Arbeit soll lediglich ein Überblick verschiedener Autobiographie-konzeptionen im Laufe der Jahrhunderte gegeben werden. Dabei fokussiert die Verfasserin nur diejenigen Merkmale, die unbedingt erwähnt werden müssen, um die Unterschiede innerhalb der verschiedenen Zeitperioden[15] nachvollziehbar zu machen sowie Inhalte, die für die Analyse des Romans 'Zypressen zerbrechen nicht' essentiell sind.

2.1 Das Alte Ägypten

Nach Misch beginnt die historische Entwicklung des Autobiographischen im alten Ägypten mit den biographischen Inschriften aus der Zeit um 3000 v. Chr., die das Leben und die Taten Verstorbener zusammenfassen.[16] Die ägyptische Idealbiographie sieht nach Wagner-Egelhaaf ein ausgewogenes Verhältnis von Integration und Distinktion vor, wobei mit der Zeit das Bedürfnis nach Distinktion in den Vordergrund tritt. Dies bedeutet, dass es bei der Darstellung der Person zunächst um die Ausgewogenheit ihrer Lebensart, d.h. ihrer Interessen, Charakterzüge und Leistungen geht, es dann aber immer mehr zu einer Hervorhebung der besonderen Eigenschaften, der Position innerhalb der Gesellschaft oder die Vorzüge bzw. Errungenschaften der Person kommt. Zwar gibt es keinerlei Vorstellung von einem sich entwickelnden Ich, aber es lässt sich durchaus von einer beginnenden Entdeckung der Persönlichkeit sprechen. Im Zuge dieser Entwicklung und mit dem aufkommenden Glauben an ein jenseitiges Totengericht bildet sich inhaltlich immer mehr eine Art Rechtfertigungsgestus heraus. Die Texte verdeutlichen, warum welche Handlungen so und nicht in anderer Weise durchgeführt werden bzw. welche Taten des Verstorbenen dazu geeignet sein könnten, die Gunst der Götter zu erwerben.[17] Einen Begriff für das spezifisch Autobiographische in ihrer Darstellung haben die Ägypter der damaligen Zeit noch nicht, ein solcher bildet sich erst in der Antike heraus.

2.2 Die Antike

Für die Antike ist der Begriff 'Biographie' nachgewiesen.[18] Selbstdarstellungen wurden vornehmlich als Verteidigungsreden vor Gericht verfasst, d.h. der Rechtfertigungsgestus [19] als einer der Gründe für autobiographisches Schreiben überwog. Die Verteidigungsreden wurden entweder wirklich vor Gericht gehalten oder aber wie im Falle von Isokrates,[20] außergerichtlich publiziert, um Gerüchtebildungen entgegenzuwirken. Inhaltlich waren fiktive Elemente damals ein gängiges Mittel der Wahl wie z.B. in Platons 'Apologie des Sokrates'[21]. Maßstäbe für die antike Menschendarstellung waren zwei der Rhetorik entnommene Begriffe, nämlich das 'Ethos' und das 'Pathos'.[22] Mit dem 'Ethos' wird der Charakter einer Person dargestellt. Maßgebliche Elemente sind hier die drei „ethischen Qualitäten Einsicht, Tugend und Wohlwollen, d.h. Lebenserfahrung, eine moralisch-sittliche Haltung und die tolerante Aufgeschlossenheit dem Publikum gegenüber.“[23] 'Einsicht' mit 'Lebenserfahrung' gleichzusetzen, ist auf den ersten Blick problematisch und suggeriert die erst im Mittelalter gängige Vorstellung, eine Autobiographie solle erst aus der Perspektive des fortgeschrittenen Lebensalters verfasst werden. In der Antike hingegen werden die biographischen Darstellungen schon von jungen Männern für den politischen Aufstieg genutzt. Auch der Begriff von Moral und Sitte ist zu dieser Zeit ein anderer, als z.B. im Mittelalter. Während es der christlichen Lehre nach vor allem auf ganz bestimmte innere Werte wie Gottesfurcht und Demut, ankommt, konzentriert man sich in der Antike vor allem darauf wie eine Person nach außen wirkt, d.h. welche Funktion sie wie gut erfüllen kann. Die Rolle, die jemand im Leben innehat, also im antiken Verständnis der Stand, der Beruf oder die Position innerhalb der Familie, wird als „Wesenskern des Menschen“[24] verstanden.

Was den dritten Punkt der antiken Charakterdarstellung betrifft, die wohlwollende Aufgeschlossenheit dem Publikum gegenüber, muss hier auf das oben erwähnte 'Pathos' rekurriert werden: Das 'Pathos' beschreibt die Affekte, also Zorn, freundliche Gesinnung, Liebe, Scham, Mitleid u.a.[25] Wer in der Lage ist, seine Zuhörer oder eben Leser an seinen Gefühlen teilhaben zu lassen, genießt hohes Ansehen. Die literarische Qualität einer Biographie wird in der Antike auch an diesem Kriterium gemessen.

In Rom entsteht im ersten Jahrhundert v. Chr. ein Beispiel für eine Selbstdarstellung, die „die eigene Person in einer Weise in den Mittelpunkt rückte, wie es in den Jahrhunderten zuvor nicht möglich gewesen wäre […]“[26], die 'Hypomnemata' des L. Cornelius Sulla. Er stilisiert sich darin als „Günstling des Glücks und der Götter“[27]. Es geht hier nicht mehr nur um die teilweise auch faktisch nachprüfbaren politischen Erfolge und persönlichen Errungenschaften, sondern auch um gleichsam schicksalshafte Fügungen, die vom Verfasser stilistisch so zusammengefügt werden, dass er in einem besonders guten Licht erscheint. Ein Rechtfertigungsgestus ist hier, wenn überhaupt, dann nur am Rande spürbar. Es geht vielmehr um eine möglichst 'glorreiche' Selbstdarstellung. Dieses Beispiel wurde gewählt, um die langsame inhaltliche Verschiebung darzustellen, die das selbstdarstellerische Schreiben erfährt. Während die 'Autobiographik' der griechischen Antike eher als 'selbstverfasste Verteidigungsbiographik' und 'philosophische Reflexion'[28] erscheint, wandelt sich das autobiographische Schreiben im vorchristlichen Rom hin zu einer selbstdarstellerischen Helden-Biographik. So geht es in den Biographien römischer Kaiser „durchweg um Selbstdarstellung in politischer Absicht […].“[29] Der Terminus 'Autobiographie' wird an dieser Stelle bewusst vermieden, da er erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts auftaucht.[30]

2.3 Die Zeit zwischen Antike und dem 18. Jahrhundert

Wie das autobiographische Schreiben in der Zeitperiode zwischen Antike und 18. Jahrhundert einzuordnen ist, wird anhand der laut Wagner-Egelhaafs herausragendsten autobiographischen Schrift seiner Zeit dargestellt, den 'Confessiones' des Aurelius Augustinus. Augustinus schildert seinen Lebenszusammenhang kontinuierlich und reflektiert immer wieder schreibend auf das eigene Ich.[31] Dies seien laut Wagner-Egelhaaf die gattungskonstitutiven Kriterien für Autobiographie. Folglich bezeichnet die Autobiographieforschung ein Werk als gattungsbildend, das mehr als 1400 Jahre vor dem erstmaligen Erscheinen des Gattungsbegriffs 'Autobiographie' entsteht. Dies ist weniger verwunderlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sich viele Werke, die nach Augustinus' 'Confessiones' erscheinen, an deren stilistischen und inhaltlichen Besonderheiten orientieren, wenn nicht sogar explizit darauf beziehen.

Die christliche Autobiographik sieht die Entwicklung des Ichs mit erfolgter Bekehrung als beendet an. Obwohl sich noch einige Reflexionen z.B. über Zeit und Gedächtnis anschließen, endet auch Augustinus eigentliche Autobiographie mit seiner erfolgten Bekehrung.[32]

Somit wird die autobiographische Schrift zu einem „Medium einer Differenz, die das Leben erst darstellbar macht, indem sie es von einem idealen Ziel- und Betrachtungsstandpunkt aus in eine kritische Distanz rückt.“[33] Der Autor schreibt auf seine Bekehrung hin und setzt alle Ereignisse in Beziehung zum Erfolg derselben. Laut Wagner-Egelhaaf wolle Augustinus seiner Autobiographie den Rahmen einer überindividuellen Lesbarkeit verleihen und nutze aus diesem Grund in Teilen seiner Arbeit ebenfalls die Mittel der Fiktion.[34]

Ein weiterer im Vergleich zur griechischen Biographik neuer Schwerpunkt der Reflexion über das eigene Ich ist bei Augustinus die Kritik an der Erinnerungsleistung:

Das Bild, das sich das Ich von sich macht, gründet sich einerseits auf die Funktion des Gedächtnisses, andererseits kann sich der Mensch in dem Maß, in dem das Gedächtnis unverfügbar bleibt, seiner selbst nicht vollständig bewusst werden [...].[35]

Zum ersten Mal tauchen reflexive Gedanken über die Begrenzung des eigenen Ichs in dieser Art auf.

Ob es im Mittelalter, also konventionell im Zeitraum von ca. 500 bis 1500, ein selbstreflexives autobiographisches Ich gab, ist strittig. Jacob Burckhardt zufolge könne erst seit der italienischen Renaissance von einer Selbstthematisierung des "modernen"[36] Individuums die Rede sein. Misch hingegen findet laut Wagner-Egelhaaf das Autobiographische in verschiedensten medialen Formen, z.B. in den Klage- und Ruhmesliedern der altgermanischen Dichtung, in den arabischen Kassiden, d.h. vorislamischen Gedichten, in der Hagiographie, in der Brief- und Beichtliteratur, in Grabinschriften usw. An dieser Stelle muss differenziert werden, ob es sich lediglich um biographische Fakten handelt oder Ausdrücke eines individuellen Ichs. Natürlich sind beispielsweise Geburts- und Sterbedaten individuell, dennoch haben sie keinen Einfluss auf die Konstitution spezieller Charaktereigenschaften. Wenn in dieser Arbeit von autobiographischen Schriften gesprochen wird, so sind nur solche gemeint, die diese Art von Information enthalten. Des Weiteren ist es wichtig, herauszuarbeiten, was unter Individualität verstanden wird. Die weitgefasste Definition individueller Elemente als charakterlich konstituierend greift auch für den Fall, dass sich ein Individuum – wie es in den mittelalterlichen Texten, die Misch untersuchte meist der Fall war – aus übergeordneten Bezügen wie der ständisch-feudalen Ordnung oder einer religiösen Bindung heraus definiert.[37] Hier wird Wagner-Egelhaafs Individualitätsbegriff widersprochen bzw. dieser erweitert, denn für sie ist die „Vorstellung von Individualität eine moderne [...] Setzung […].“[38] Natürlich ist der Individualitätsbegriff durch die Herausbildung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und deren thematischer Fokussierung seit der Aufklärungszeit und verstärkt Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder fokussiert worden, zuletzt in den 1960er bis 1980er Jahren. Trotzdem kann nicht abgestritten werden, dass die Menschen auch im Mittelalter über ein Ich-Bewusstsein verfügten und sich durchaus vom anderen zu unterscheiden wussten. Deshalb wird im Hinblick auf die Frage nach autobiographischem Textmaterial ein erweiterter Individualitätsbegriff bevorzugt.

Die Ich-Rede in mittelalterlichen Texten habe häufig eher aufführungsbezogene Sprecher-Funktion als dass sie in einem auktorialen autobiographischen Sinne zu verstehen wäre.[39] Aus diesem Grund würden die Figuren des mittelalterlichen Ichs und des ihm gegenübergestellten Dus für die Autorin lediglich ein innertextuelles und grammatisches Dasein führen.[40] Dieser Aussage muss widersprochen werden. Wenn sich das Sprecher-Ich nicht mit dem Figuren-Ich identifiziert, handelt es sich zwar um ein „Nebeneinander von biographischer Information und Fiktionalem“[41], wie Wagner-Egelhaaf selbst einräumt, aber eben um eine Kombination faktualer und fiktionaler Erzählweise und nicht um einen Ausschluss von Sprecher-Figur-Bezügen. Seit den Anfängen der Sprechakttheorie ist klar, dass Ich- und Du-Figuren nie rein innertextuelle Konstrukte sind, sondern dass v.a. in Gesellschaften wie der mittelalterlichen, in der eine vornehmlich mündliche Kultur herrschte, immer auch individuelle Implikationen in den Texten verankert werden. Auch wenn das Mittelalter sicherlich keine 'Hochzeit des Individualismus' war, gibt es eine Reihe von Textbeispielen, an denen sich klar herausarbeiten lässt, dass ihr Verfasser seine Individualität verankern konnte und wollte wie z.B. das sog. 'Paraklet'-Buch des scholastischen Philosophen Petrus Abaelard. Laut Graevenitz entwickelt Abaelard darin „ein differenziertes Ich-Konzept“[42], weil verschiedene Blickrichtungen auf ein und dasselbe Ich nebeneinander gestellt werden.[43] Identität wird hierbei aus der Perspektive der Differenz dargestellt.[44] Demnach entspricht der Inhalt dieses Werks nicht nur der weitgefassten Individualitätsdefinition sondern sogar Wagner-Egelhaafs engerem, 'modernem‘ Identitätsbegriff.

2.4 Die Frühe Neuzeit

Das Buch 'Die Kultur der Renaissance in Italien' von Jakob Burckhardt, das 1860 erschien, prägte laut Wagner-Egelhaaf das moderne Bild der Frühen Neuzeit.[45] Der zweite Abschnitt des Werks postuliert die Entwicklung des Individuums in der Renaissance. Burckhardt begründet die Herausbildung eines Verständnisses für Individualität mit der Änderung der diskursiven Bedingungen, d.h. „Das [sic] Individuum entsteht in dem Moment, in dem Begriff und Vorstellung von ihm vorhanden sind.“[46]

Burckhardt untersucht vor allem autobiographische Texte von Künstler- und Herrscherfiguren, da diese für ihn besonders begabte Individuen seien, in deren Lebensläufen die Individualität eine besondere Ausprägung erhalten könne. Wagner-Egelhaaf schreibt dazu, dass das ausgeprägte Individuum ebenso sehr eine Herrscher- wie eine Künstlernatur sei, weil es sich absolut setze und sich dadurch selbst zum Kunstwerk mache.[47] Wagner-Egelhaaf kehrt hier Ursache und Wirkung um, indem sie Herrscher- und Künstlernatur zur Voraussetzung für eine solche Individualität erklärt.

Der These, dass im Vergleich zum Mittelalter in der Frühen Neuzeit Künstler- und Herrscherbiographien verstärkt auftauchen, kann nicht widersprochen werden. Trotzdem wirken parallel zu dieser Entwicklung unterschiedliche mittelalterliche Traditionen fort. Zum einen ist dies die Sitte, Familien- und Rechnungsbücher zu verfassen, die ebenfalls autobiographische Elemente beinhalten. Zum anderen entstehen Texte mit autobiographischen Inhalten aus der christlichen Tradition der Beichtpraxis und Introspektion.[48] Außerdem kommt durch die humanistische Bewegung ein neues historisches Interesse an philosophischen und literarischen Texten wie den 'Confessiones' des Augustinus, hinzu, welches dazu führt, dass mittelalterliche und antike Traditionslinien autobiographischen Schreibens die neuzeitlichen Werke und ihre Rezeption beeinflussen. Was gelesen wird, bestimmt sich auch danach, was gelesen wurde, d.h. jede autobiographische Stilepoche birgt in sich zwei gegenläufige Bewegungen, das Alte und das Neue. Für die Neuzeit kann der aufkommende Gedanke an soziale Mobilität und die ausführliche Thematisierung der Bereiche 'Schule' und 'Erziehung' als spezifisch bezeichnet werden.[49]

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kommt es zu einer „autobiographische[n] Renaissance“[50] im pietistischen Kleinbürgertum. Aufgrund der „politisch-sozialen Begrenztheit“[51] der kleinbürgerlichen Lebensform, werden anstatt äußeren Sozialumständen die inneren Seelenzustände geschildert. Als Beispiel einer Autobiographie der Zeit liegt es nahe, die 1683-1686 verfasste Lebensgeschichte von Philipp Jakob Spencer, dem „eigentlichen Begründer des Pietismus“[52], anzuführen. Im Gegensatz zu den o.g. Berichten der Glaubensfindung kennt Spencers Leben seinen Schilderungen zufolge kein eindeutig bestimmbares Ziel. Auffällig ist, dass er sich selbst vehement kritisiert und anklagt.

Auffällig im Bezug auf die sich verändernde Ich-Konstruktion im 18. Jahrhundert ist die Autobiographie Adam Bernds, in der ein neues Öffentlichkeitsbewusstsein nachgewiesen werden kann:

[…] im aufgenommenen Dialog mit dem Leser [Hervorhebung durch M.U.] wird deutlich, dass sich das Bewusstsein des autobiographischen Ichs im Blick der Öffentlichkeit konstruiert: das Ich wird sich in dem Maße seiner selbst bewusst, in dem es sich als dem Blick seiner Mitmenschen ausgesetzt imaginiert.[53]

Die der Rezeption zufolge bedeutendste Autobiographie des 18. Jahrhunderts trägt den Titel 'Confessions' und wurde von Jean-Jacques Rousseau verfasst. Schon durch den Titel ist eine Anknüpfung an Augustinus gegeben. Während allerdings nach Wagner-Egelhaaf inhaltlich die Wahrheit Gottes bei Augustinus zentraler Begriff ist, steht bei Rousseau die Wahrheit des Menschen, genauer, die Wahrheit des Menschen Rousseau im Mittelpunkt. Augustinus führt einen Dialog mit Gott, Rousseau mit dem Leser. Aus diesem Grund verändert sich auch die Bedeutung der Autobiographie für den Autobiographen. Während Augustinus versucht, seine Sprache rein und nur für Gott zu halten, schreibt Rousseau für die Nachwelt. Obwohl es auch sein Ziel ist, sich zu rechtfertigen, stellt sich Rousseau nich wie z.B. die antiken Autobiographen in ein möglichst gutes Licht. Im Gegenteil, er enthüllt seine kleinsten und größten Schwächen und entblättert sich vor dem Leser bis ins intimste Detail. Damit will er sich als einzigartig darstellen und er hofft, dass diese Einzigartigkeit von seiner Um- und Nachwelt anerkannt wird. Es geht nicht mehr darum, ob das Selbst als gut oder schlecht präsentiert wird, welcher sozialen Schicht es zugehört, wie seine Rolle innerhalb der Familie ist etc., sondern nur darum, was es besonders macht.

2.5 Die Zeit zwischen Ende des 18. und Mitte des 19. Jahrhunderts

Holdenried bezeichnet die Zeit zwischen 1770 und 1830 als "Blütezeit der Autobiographik"[54]. Einen Höhepunkt in der autobiographischen Werksgeschichte bildet Goethes autobiographische Selbstdarstellung 'Dichtung und Wahrheit'[55], welche eine „maßgebliche Vorbildfunktion“[56] hatte, auch wenn es Selbstbiographien gab, die sich damit kritisch oder parodistisch auseinandersetzten. An anderer Stelle jedoch unterstreicht Wagner-Egelhaaf, dass solche Kritiken sehr vereinzelt blieben, da der „Goethe-Kult“[57] in der Forschung laut ihrer Darstellung erst in den 1960er Jahren v.a. durch die Äußerungen Muschgs kritisiert wurde. Anstatt 'Dichtung und Wahrheit' als ein „Zeugnis der bedeutungsvollen Selbstgegenwärtigkeit eines mit sich identischen und zugleich über sich hinausweisenden Geistes“[58] zu sehen, verweist Muschg auf „Inkonsequenzen in Goethes Leben“[59] und redet über das Werk als „Versuch, das Unzusammenhängende und Heterogene zu einer identitätsbegründenden Einheit zusammenzuschließen.“[60] Ebenfalls wird durch Muschg angezweifelt, dass es sich bei Goethes Autobiographie um eine 'echte' im Sinne von faktisch wahrheitsgetreue und nicht fiktive Schilderung des Erlebten handelt. Vor allem die Sesenheimer Szenen geraten hier in den Verdacht, mehr Fiktion als Fakten zu enthalten. Wagner-Egelhaaf hingegen stimmt Hamburger zu, die die Autobiographie Goethes trotz der Sesenheimer Szenen als „echte Autobiographie“[61] bezeichnet und betont, dass diese Ausnahmeerscheinungen „nicht entscheidend“[62] für den Grad der Fingiertheit seien.

Diesen Diskussionen über Identität des dargestellten Ichs und Fingiertheitsgrad der Aufzeichnungen ist entgegenzustellen, dass Goethe sein Werk bewusst 'Dichtung und Wahrheit' nannte. So konstatiert Müller, dass 'Wahrheit' hier nicht mit faktischer Wirklichkeit gleichzusetzen sei, sondern einen „Wahrheitsgehalt von Lebensereignissen im Sinne einer ihnen zukommenden höheren Wahrheit.“[63] darstelle. Im Hinblick auf die fiktiven Elemente der Autobiographie stellt Müller deren Bedeutung für diese 'höhere Wahrheit' heraus: [64] „Um diese [höhere] Wahrheit zu erkennen, bedarf es der Dichtung, die das Einzelne in einen Zusammenhang rückt und deutet.“[65] Das bedeutet, erst durch die fiktiven Elemente können die Lebensereignisse so auf das Papier gebracht werden, dass sie die Wirklichkeit, so wie sie der jeweilige Autor erfahren hat, darstellen können. Die Fiktion ist damit ein Teil der Wahrheit. Dichtung und Wahrheit sind „unmittelbar aufeinander bezogen, sie ergänzen und bestimmen sich wechselseitig [...]“[66].

Es kommt natürlich immer darauf an wie der Autor – und auch der Rezipient – Wahrheit definieren: Für Augustinus oder Rousseau, in deren Reihe sich Goethe platziert,[67] stellten diese Begriffe Verschiedenes dar: Während die Wahrheit Gottes bei Augustinus von existentieller Bedeutung ist, um sich selbst in der Welt verorten zu können, ist es bei Rousseau die Wahrheit des eigenen Ichs, die unbedingt bis ins kleinste Detail hervorgebracht werden muss.

Die Wahrheit Goethes erschöpft sich nicht nur in Fakten, sondern misst sich am „geschichtlichen Wert“[68] des Lebens. Dem zugrunde liegt die Vorstellung, dass in einem individuellen Leben anlässlich bestimmter zu schildernder Ereignisse, Allgemeingültiges für das Menschenleben zum Ausdruck komme.[69] Diese Vorstellung hat mit dem Geschichtsverständnis des 19. Jahrhunderts zu tun: Das individuelle Leben wird als „Datum im Verlauf der Geschichte [ge]fasst und seinem geschichtlichen Wert entsprechend beurteilt.“[70] Wichtig ist hier anzumerken, dass es um einen teleologischen Historizitätsbegriff geht: „Die Konzepte von Bildung und Entwicklung [...] sind entelechisch verfasst, d.h. das zu bildende Individuum entwickelt sich auf ein bestimmtes Ziel hin, das es bereits in sich trägt.“[71] Damit empfange das Individuum von seiner geschichtlichen Zeit, werde gleichzeitig aber auch von ihr gebildet, so wie auch die historische Epoche durch besondere Individuen geprägt werde. Dieser Entwicklungsplan für das Individuum ist also – nach Goethes anthropologischem Verständnis –[72] abhängig von der Zeit, in die es hineingeboren wird.

2.6 Die Moderne

Wagner-Egelhaaf diagnostiziert der beginnenden Moderne[73] einen „Verbindlichkeitsverlust traditioneller Normen und Vorbilder“[74]. Wie bereits dargestellt, spiegelt die Autobiographik diesen Verlust schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer dann, wenn es um „Scheiternde Identitätsbildung und die Auflösung einer kontinuierlichen Entwicklung des eigenen Lebens ins Episodische“[75] geht. Der Identitätsbegriff orientiert sich hier an einer Vorstellung von ganzheitlichen und zusammenhängenden Mustern der Lebensbeschreibung, wie sie noch im 19. Jahrhundert vorherrschten.[76] Eine Identitätsbildung als gescheitert anzusehen, bloß weil der Autor die Identität des Erzählers hinterfragt und seinen Text so konstruiert, dass es Brüche, Leerstellen und Aporien gibt, ist hingegen nicht angebracht. Im Gegenteil, das Hinterfragen der eigenen Identität, das Sich-dem-Fragen-aussetzen und Die-Antwort-verweigern kann geradezu Kennzeichen einer differenzierteren Wahrnehmung des eigenen Selbst sein, die dazu befähigen kann, es schriftstellerisch umso realistischer darzustellen.

Nichtsdestotrotz sind die Auflösungstendenzen in der Form und die Hinterfragung des Selbst wie Wagner-Egelhaaf schreibt „Ankündigungen jenes für die Moderne kennzeichnenden Krisenbewusstseins […].“[77] Unter dem Motto „Krise des Subjekts[78] subsumiert sie die Folgen von Sigmund Freuds psychoanalytischen Studien, d.h. das Eingeständnis, dass es in der menschlichen Psyche Triebe gibt, die nur schwer zu steuern sind und dass das Ich kein homogenes Selbst ist, sondern 'nur' Vermittlerinstanz zwischen diesen Trieben (dem Es) und deren Bewältigungsinstanz (dem Über-Ich). Des Weiteren kam es laut Wagner-Egelhaaf zu einer „Krise der Sprache[79]. Kennzeichnend für diese seien Hofmannsthals 'Chandos-Brief' aus dem Jahr 1902 und die 'Beiträge zu einer Kritik der Sprache' von Mauthner, die 1901/1902 erschienen. Hauptsächlich wird kritisiert, dass die Sprache unfähig sei, „die 'Wirklichkeit', das 'Eigentliche' erfassen und mitteilen zu können […].“[80] Im Bezug auf die Autobiographie des beginnenden 20. Jahrhunderts bedeute dies, dass oft nicht mehr erzählt, sondern vielmehr sprachliche Bilder komponiert werden würden.[81]

Eine „allgemeine Tendenz der sechziger Jahre“[82] des 20. Jahrhunderts sei der „Gedanke, dass die Kunstform der Literatur den politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen ferner stehe als der subjektive Erfahrungsbericht“[83]. Weil sich die Diskussionen der Intellektuellen in der Zeit der Spaltung Deutschlands, des Mauerbaus, der zunehmenden Amerikanisierung der BRD, des Vietnam-Kriegs, der Wirtschaftskrise Mitte der sechziger Jahre, der Großen Koalition und des latenten Generationenkonflikts, der sich in der Achtundsechziger-Bewegung verschärfte, meist um Politik und Gesellschaft drehten, hatte das Ästhetische, wie Wagner-Egelhaaf es ausdrückt, einen schlechten Stand.[84] Der 'Tod der Literatur' wurde von Hans Magnus Enzensberger verkündet und 'Authentizität' schien nur durch die dokumentarische Methode zu gewährleisten, in der auch viele Autobiographien der Zeit verfasst wurden.[85] Doch bald wurde Kritik am Dokumentarismus laut: Prinzipiell würden schon durch die Auswahl der Dokumente bzw. deren Kombination Eingriffe stattfinden, die den Wahrheitsgehalt beeinflussen könnten.

2.7 Die 1970er Jahre

In den siebziger Jahren prägten die Stichwörter 'Neue Subjektivität' bzw. 'neue Innerlichkeit' die literaturwissenschaftliche Debatte. Da die Hoffnungen der Achtundsechziger auf einen politischen Umschwung bzw. ein neues, freiheitlicheres Denken innerhalb der älteren Generation enttäuscht worden waren, und durch die Entwicklung der RAF, welche im 'deutschen Herbst' gipfelte, kam es unter den jungen Autoren zu einer Art Rückzug in die Innerlichkeit: „Der 'objektiven' Authentizität der sechziger Jahre trat nun eine 'subjektive' Authentizität gegenüber.“[86] Man richtete die Aufmerksamkeit auf das Ich, wendete sich aber nicht von der Politik ab, sondern integrierte politische Bekenntnisse in den privaten Bereich. Ein Leitbegriff dieser Jahre lautete 'Betroffenheit'.[87] Hierbei geht es darum, wie und von was das Subjekt betroffen ist bzw. wie sich das Subjekt aus eben dieser Betroffenheit heraus konstituiert und evtl. neu strukturiert. Das Schreiben wird dabei nicht mehr als reines Mittel zur Dokumentation, sondern als „unmittelbarer Ausdruck des Gefühlten“[88] verstanden, sodass man in der Literaturwissenschaft häufiger von 'autobiographischem Schreiben' als von 'Autobiographie' spricht.[89] Dadurch soll deutlich gemacht werden, dass es sich nicht mehr um eine Gattung mit festgeschriebenen Kennzeichen handelt, sondern um einen Vorgang, in dem das Ich seine Betroffenheit nicht nur schildert, sondern gleichsam verarbeitet.

Viele Texte fokussieren die Darstellung der Körperlichkeit und ihre Befreiung aus dem „repressiven Zugriff von Familie und Gesellschaft […].“[90] Dabei werden körperliche Erfahrungen in den Prozess der Authentizitätsbildung mit einbezogen. Es wird die Erkenntnis propagiert, dass die körperliche Entwicklung mit der seelischen korreliert. Somit passiere die Ich-Bildung nicht nur auf geistiger Ebene, sondern auch körperliche Erfahrungen, z.B. sexuelle, seien ebenfalls identitätsbildend. In den 1970er Jahren formieren sich feministische Tendenzen zu einer wissenschaftlichen Bewegung.[91]

Laut Wagner-Egelhaaf ist der Roman 'Kindheitsmuster', von Christa Wolf ebenfalls im Geiste der 1970er Jahre geschrieben. Die Hauptperson, Nelly, hätte aus zwei Gründen erfunden werden müssen: Zum einen, weil sich die Autorin bewusst sei, dass die Erinnerung immer schon verfälscht ist – sie spricht hier von 'subjektiver Authentizität' –, zum anderen, weil Nelly als Identifikationsfolie ein allgemeines Muster darstellen solle.[92] Bei der weiteren Beschreibung der 'Kindheitsmuster' legt Wagner-Egelhaaf den Fokus auf postmoderne Strukturelemente des Romans.

An späterer Stelle fragt sie kritisch danach, welche Funktion einer Autobiographie in der Postmoderne[93] noch zukommt, wenn alle autobiographischen Konventionen dekonstruiert sind und anerkannt ist, dass es kein authentisches Jenseits des autobiographischen Textes und kein dem Diskurs vorgängiges 'Leben' gibt.[94] Wagner-Egelhaaf gibt sich selbst eine Antwort, die für die Fokussierung in der Forschung seit den 1990er Jahren gelten solle und sollte: "das [sic] Moment des Autobiographischen [wird] zum Medium, nicht zum Ziel der Darstellung"[95]. Es geht Wagner-Egelhaaf um die Zeugenschaft der Autobiographen, deren 'Wert' nicht an der objektiven Rekonstruktion des Gewesenen zu messen wäre, stattdessen sollte das Mitteilungsverhältnis zwischen Erzähler und Leser im Vordergrund stehen. Die Autorin erteilt sowohl dem Dokumentarismus als auch dem Strukturalismus und dem Postmodernismus eine Absage zugunsten einer interdisziplinären Rezeptionsästhetik:

Und doch kann die Sprache die Schrecklichkeit der Erlebnisse nicht erfassen, nicht weil diese prinzipiell sprachjenseitig wäre, sondern weil sie der permanenten Umschrift, sowohl im Bewusstsein wie in der Arbeit des Unbewussten, unterliegt und sich nicht in einer stabilen Signifikant-Signifikat-Relation feststellen lässt.[96]

3 Jenny Aloni: 'Zypressen zerbrechen nicht':
Gültigkeit autobiographiegeschichtlicher Identitätskonzepte

Wenn sie von 'Schrecklichkeit' spricht, meint Wagner-Egelhaaf im Besonderen die Themenbereiche koloniale Unterdrückung und Holocaust. In 'Zypressen zerbrechen nicht' geht es um die Geschichte des jüdischen Mädchens H., das vor den Nazis flüchtet. Trotzdem ist das Werk nicht in erster Linie als Teil der sog. Holocaust-Literatur zu verstehen. „Die engste Verwendung des Begriffs 'H.' bezeichnet jene Texte, die zeitgleich mit der Verfolgung entstanden sind“[97]. Aloni hat ihre Tagebucheinträge z.T. in der Zeit des Holocaust verfasst und in der Forschungsliteratur wird behauptet, der Roman 'Zypressen zerbrechen nicht' sei aus den Tagebüchern entstanden[98]. Innerhalb dieser Arbeit wird bewiesen, dass der Roman sich zwar an einigen Passagen der Tagebücher orientiert, aber dennoch ein völlig selbstständiges, fiktionales Konstrukt darstellt. Er wurde im Winter 1959 geschrieben, also in deutlichem, zeitlichem Abstand von den Geschehnissen des Holocaust. Im engeren Sinne handelt es sich also nicht um Holocaust-Literatur.

3.1 Zeugenschaftsliteratur als ein Teil der Shoah-Literatur

Kann 'Zypressen zerbrechen nicht' trotzdem als Zeugenschaftsliteratur gelesen werden? Das 'Metzler Lexikon Literatur' verweist unter dem Stichwort 'Zeugnisliteratur' direkt auf den Begriff 'Holocaust-Literatur'[99], welcher in seiner engsten Verwendung jene Texte bezeichnet, „die zeitgleich mit der Verfolgung entstanden sind“[100]. Jenny Aloni erfuhr die nationalsozialistischen Repressalien in Form von Beleidigungen und finanzieller Ausbeutung, körperlich wurde sie allerdings nie angegriffen. Es sei laut Kramer „ein Problem“[101] der Holocaust-Literatur, dass viele Verfolgte „die zentrale Szene der Shoah, die Vergasungen, nicht aus eigener Anschauung beschreiben konnten.“[102] Dazu passend referieren Bayer/Freiburg auf folgendes Diktum: „Eine tatsächliche Zeugenschaft kann […] immer nur von den wirklichen Opfern des Vernichtungsapparats vorgenommen werden.“[103] Jenny Aloni ist zwar nicht am eigenen Leib Zeugin der Vergasungen geworden, allerdings wurden ihre Eltern und ihre Schwester im KZ getötet, was sie indirekt ebenfalls zu einer Betroffenen macht. Es kann nicht Aufgabe einer Definition sein, Leid aufzuwiegen und nach Gewichtung zu unterscheiden. Deswegen wird eine zu enge Definition der Zeugenschaftsliteratur abgelehnt. Kramer geht damit konform, wenn er schreibt, dass weiter gefasst Holocaust-Literatur auch die Texte Verfolgter, die keine Augen-, sondern „nur“[104] Zeitzeugen waren, umspannt. „Der weiteste Begriff von 'H.' umfasst alle Texte, die sich auf die Shoah beziehen.“[105] Eine derart weite Definition wird wiederum dem Leid der Getöteten oder ihrer Angehörigen nicht gerecht. Es bleibt also im Einzelfall zu entscheiden, ob ein Roman der Zeugenschaftsliteratur zugeordnet werden sollte oder nicht. Jenny Aloni thematisiert an verschiedenen Stellen ihres Gesamtwerks, v.a. in den Tagebüchern, die „fundamental erlebte Differenz zwischen der Erfahrung des Überlebens und dem Schicksal der Ermordeten […]“[106] Diese Differenz äußert sich sowohl bei ihr als auch bei der Protagonistin des Romans 'Zypressen zerbrechen nicht' in Schuldgefühlen. Weil es sich bei dem Roman allerdings, wie an späterer Stelle genau erörtert wird, um ein fiktionales Konstrukt und nicht um einen primär autobiographischen Text handelt, wird von einer Subsumtion unter einen relativ engen Begriff von Zeugenschaft abgesehen. Die Einordnung unter diese Rubrik hat, das darf nicht vergessen werden, nichts mit der Bewertung der Grausamkeiten zu tun. Auch ein Roman, der nicht dem engen Begriff von Zeugenschaft entspricht, kann eindringlich vermitteln, wie grausam die Nationalsozialisten vorgingen und welch großes Leid dies zur Folge hatte.

Es bietet sich an, den Roman mit dem Terminus 'Shoah-Literatur' zu bezeichnen, da dieser ein weiteres Bedeutungsspektrum umfasst:

Unter dem Begriff 'Shoah-Literatur' werden so pauschal alle diejenigen Texte subsumiert, in denen die Verfolgungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten von den ersten Diskriminierungs-maßnahmen bis hin zum Lager- und Vernichtungssystem im engeren Sinn Gegenstand der Auseinandersetzung sind, aber auch solche Texte, in denen der Umgang mit dem Geschehen der Shoah und die Erinnerung daran einschließlich ihrer Spiegelung in den Traumata der Überlebenden und den kulturellen Einschreibungen der Shoah im Denken und Handeln der Nachgeborenen – Juden und Nicht-Juden in gleichem Maße – zur Diskussion stehen.[107]

In 'Zypressen zerbrechen nicht' geht es nicht primär um nationalsozialistische Verbrechen, sondern diese dienen eher als zeitgeschichtliche Hintergrundfolie, vor der die Figuren und Figurentypen agieren. Hauptbestandteil ist der Kampf der Protagonistin gegen ihre traumatischen Erinnerungen an die Grausamkeiten der Nationalsozialisten. Jenny Aloni wurde selbst nie tätlich angegriffen, bekam allerdings die Repressalien des Regimes und nationalsozialistisch motivierte Beleidigungen zu spüren. Somit kann 'Zypressen zerbrechen nicht' als Teil der Shoah-Literatur gelesen werden.

Aber ist der Roman auch in die Diskussion um Adornos Diktum, „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben“[108] sei „barbarisch“[109], einzureihen? In 'Zypressen zerbrechen nicht' geht es nicht primär um die Grausamkeiten des Nazi-Regimes, sondern darum, wie es eine traumatisierte junge Frau schafft, in einem für sie neuen Land Fuß zu fassen. Es gibt keinen einzigen direkten Bezug zu Auschwitz. Diesen Roman als Beispiel für Auschwitz-Literatur zu lesen, wäre verfehlt, da sich dieser Begriff und die damit zusammenhängende Diskussion um Adornos Thesen zunächst auf den „konkreten historisch-geographischen Ort, der zum Synonym für den industriellen Massenmord geworden ist“[110], beziehen. Es geht der Autorin nicht in erster Linie um die Wortfindung für nationalsozialistische Grausamkeiten,[111] aber sie muss sich vor allem an den Stellen, an denen sie Bezug auf Repressionen nimmt, trotzdem dem Problem einer angebrachten Formulierung stellen. Somit ist der Roman wie alle Shoah-Literatur unter Adornos Fragestellung les- und deutbar, eignet sich aber aufgrund der Themengewichtung nicht als Beispiel für Auschwitz-Literatur.

3.2 Erinnerungskritik im Shoah-Diskurs

Ein anderer Aspekt im Diskurs um die Holocaust-Literatur ist die Frage nach der Authentizität der Erinnerung.[112] Auch wenn Freiburg/Bayer dies andeuten, kann hier nicht erörtert werden, wer über den Holocaust schreiben darf, allerdings muss doch die Frage nach dem „Verhältnis von Erinnerung zur faktischen Wirklichkeit“[113] im Kontext der Traumabewältigung gestellt werden. Genau dieses Verhältnis wird in 'Zypressen zerbrechen nicht' thematisiert: Die Erinnerungen der Hauptperson sind eben nicht gestochen scharf und in Berichtform dargestellt, sondern sie verschleiern sich als 'Gespenster' und dunkle, verwirrende Bilder. Allerdings sind die niedergeschriebenen Erinnerungen in Form von Tagebucheinträgen der Autorin zugänglich und Teile des Romans wurden in Anlehnung an diese Tagebücher verfasst. Doch auch Tagebucheinträge bilden nicht die faktische Wirklichkeit ab.

Bei der Rekonstruktion von Erinnerung gibt es folgende Probleme, die Holdenried im Rückgriff auf Leiris Forschungen auflistet:[114]

1. Künstlichkeit: Erinnerung werde in ein Raster der Schrift eingebaut, das als 'Machwerk der Erinnerung' dem Schreiben insgesamt etwas Erkünsteltes verleihe.
2. Lückenhaftigkeit: Es können nie alle speziellen Aspekte einer Handlung oder eines Ereignisses erinnert werden.
3. Selektion: Bei der Erinnerung wirken Selektionsmechanismen, z.B. werden traumatische Erinnerungen oft verdrängt.
4. Zweifel an der Erfahrung: Durch die Selektion würden sich Zweifel an der Erfahrung selbst ergeben.
5. Unwahrheit und Einstellung: Die teilweise schon unwahre Erinnerung wird „noch ein weiteres Mal entstellt durch die gegenwärtige Perspektive […].“[115]
6. Zweifel an der Erinnerung und Rechtfertigungszwang: Der Erinnernde zweifelt an seiner Erinnerung und entstellt sie dadurch bzw. verändert die Erinnerung bewusst oder unbewusst aus Gründen der Selbstrechtfertigung. In der Psychologie nennt man dies 'selbstwertdienliche Wahrnehmung'.
7. Erinnerung als Erfindung: Die Chronologie stabilisiere die Erinnerungen in ihrer Abfolge. Sobald diese verlassen und frei assoziiert werde, könne der Autobiograph in Unsicherheit geraten.

Außerdem stelle sich Erinnerung immer erst dann ein, wenn sich bereits etwas in der Selbstwahrnehmung geändert habe, so dass es zu einer retrospektiven Umordnung und Neueinordnung von Erfahrenem komme.[116]

Aus der Erinnerung Geschriebenes ist also nie authentisch. Der literarische Transformations-prozess schwäche den kontingenten Charakter des Holocaust ab, verfälsche und verzerre ihn und sei somit nicht zu rechtfertigen.[117] Am deutlichsten würden die Nachteile der Literarisierungen im Bereich der Erzählprosa zutage treten. Vor allem bei den fiktional aufgearbeiteten Werken seien die grauenhaften Ereignisse des Holocaust nur noch schemenhaft zu erkennen.[118] Doch auch, wenn „die Schrecken der Judenvernichtung in der Literatur keineswegs 'angemessen' wiedergegeben werden können“[119], so wäre die Alternative, zu schweigen, „gefährlich“[120], weil dies von den folgenden Generationen missverstanden werden könnte und die Gefahr des Vergessens berge. Aus diesem Grund plädieren Bayer/Freiburg dafür, die Techniken literarischer Verzerrung als besondere Leistung der Literatur zu würdigen, weil durch diese z.B. bei ganz neuen Leserschichten Interesse für das Thema Holocaust geweckt werden könne.[121] In diesem Sinne sollte auch der Beitrag des Romans 'Zypressen zerbrechen nicht' zur Aufarbeitung der Grausamkeiten des Naszi-Regimes verstanden werden.

Außerdem könne die „narrativ präsentierte Geschichte eines jüdischen Einzelschicksals doch eindrucksvoller [wirken] als alle Kolumnen von Zahlen, Fakten und Daten.“[122] Die Gedanken und Gefühle der Hauptfigur nehmen in 'Zypressen zerbrechen nicht' einen sehr großen Teil der Erzählung ein. Dadurch wird dem Leser die Identifikation mit der Hauptfigur erleichtert. Der Rezipient fühlt mit der jungen Frau und evoziert Verständnis für die Herausforderungen, die sie in dem neuen Land bestreitet. Diese Probleme sind es, die für den Leser im Gegensatz zur Auschwitz-Thematik vielleicht sogar nachvollziehbar und nachfühlbar sind. Gleichzeitig wird immer wieder auf die traumatischen Erinnerungen Bezug genommen. Auch wenn der Leser die Grausamkeiten von Auschwitz nicht nachfühlen kann, so kann er sich nach der Lektüre des Romans vorstellen wie es ist, mit furchtbaren Erinnerungen leben zu müssen und in welchen Lebenssituationen sie einen wie beeinflussen. Ein solches Nachfühlen kann als Beitrag des Romans zur Verarbeitung der Shoah angesehen werden. Im Gegensatz dazu steht der unglaubliche und nicht nachfühlbare Schrecken von Auschwitz. Doch beides ist wichtig, das Nachfühlen und das Nicht-nachfühlen-können, denn das eine wäre ohne das andere nicht möglich.

3.3 Rechtfertigung versus Erklärung

Das nächste Identitätskonzept autobiographischen Schreibens, das nun in Bezug zu 'Zypressen zerbrechen nicht' gesetzt werden soll, ist das Moment des rechtfertigenden Schreibens. Wenn vor allem in Bezug auf die antike Autobiographie von einem 'Rechtfertigungsgestus' die Rede ist, wird damit das Bestreben des Autors, zweifelhafte Entscheidungen oder Taten für ein Publikum nachvollziehbar zu machen, bezeichnet. Ist 'Zypressen zerbrechen nicht' ebenfalls im Gestus der Rechtfertigung geschrieben? Es besteht ein großer Unterschied zwischen den Leitmotiven antiker Autobiographieschreiber, die sich meist für politische Entscheidungen oder persönliche Fehltritte zu rechtfertigen suchten und der Situation der Hauptfigur: H. hat Schuldgefühle, weil sie ihrer Meinung nach ihre Familie und Freunde in Deutschland zurückgelassen hat. H. macht sich deswegen Selbstvorwürfe und hinterfragt diese Entscheidung immer wieder äußerst kritisch. Damit rechtfertigt sie gerade nicht ihr Tun, sondern zweifelt ihre Handlungsweise an. Kontrastiv dazu wird im Roman der Umgang mit der Entscheidung, zum Militär zu gehen, dargestellt: Hier wird der Rechtfertigung der Pazifistin H. wiederholt Raum gegeben. Auch an anderer Stelle gibt die Autorin der Figur Gelegenheit, sich zu rechtfertigen: Der Umstand, dass H. Fräulein Rose nach dem Auszug aus deren Haus nicht besucht hat, wird mit ihrer Angst vor der Erinnerung an Deutschland erklärt. Doch genau hierin zeigt sich, dass es im Roman nicht primär darum geht, die Entscheidungen der Hauptfigur zu rechtfertigen, sondern darum, sie verständlich zu machen, ohne sie als richtig oder falsch darzustellen. Besonderes Augenmerk wird auf die psychische Verfassung der Protagonistin gelegt, der Schilderung ihrer Seelenzustände wird enorm viel Raum gegeben. Entscheidungen werden nicht in ein möglichst positives Licht gerückt, sondern es soll gezeigt werden, mit welchen (Entscheidungs-)Problemen eine junge, deutsche Frau im Jerusalem während der Zeit des zweiten Weltkrieges fertig werden muss. Aloni selbst reist aus zionistischen Beweggründen aus. Darin besteht einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Protagonistin und Autorin und deswegen werden die jeweiligen Entscheidungsmomente in den Tagebüchern – eine ausführliche Analyse folgt – und im Roman unterschiedlich begründet. Sowohl weil sich Beweggründe der Hauptfigur und der Autorin häufig unterscheiden als auch, weil dem Erklären der Vorzug vor dem Rechtfertigen gegeben wird, handelt es sich nicht um einen im Rechtfertigungsgestus geschriebenen autobiographischen Roman.

3.4 Reflexion versus Selbstkritik

Es geht Aloni ebenfalls nicht darum, ihren Einwanderungs- und Integrationsprozess möglichst positiv darzustellen, im Gegenteil, sie fokussiert sich auf die Probleme und Schwierigkeiten, die ihre Protagonistin im Gegensatz zu anderen Figuren hat. Ein Problem der Figur H. ist ihr Mangel an Reflexionsvermögen. Während es bei Augustinus z.B. die Erinnerungsleistung ist, die ausgeprägt reflektiert wird, finden sich innerhalb des Romans zunächst keine reflexiven Betrachtungen. Allerdings kann man H. als Figur beschreiben, die ihr Denken und Handeln vor allem am Anfang der Handlung fast permanent kritisiert. Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen Reflexion und Selbstkritik: Erstere stellt die Beweggründe für Handlungen und Entscheidungen objektiv nebeneinander und versucht, abzuwägen und zu vergleichen, letztere tadelt das Selbst für Entscheidungen und Gedanken. In diesem Sinne handelt und denkt H. zunächst nicht reflexiv. Im weiteren Verlauf des Romans entwickelt sich H. dahingehend, dass sie sich weniger selbst kritisiert, wie eine ausführliche Interpretation beweisen wird. Allerdings führt das noch nicht zur Reflexion, sondern zunächst zur Akzeptanz ihres Selbst und ihres Handelns. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass sie am Ende des Romans in der Lage ist, zu reflektieren, z.B. die Entscheidung, zum Militär zu gehen.

3.5 Individualismus bei einer Romanfigur?

Kann man, z.B. aufgrund dieser Entwicklung, bei der charakterlichen Gestaltung der Hauptfigur von Individualismus sprechen? H. ist eine Romanfigur und kein individueller Mensch. Allerdings wird auch der Mensch in der Autobiographie zur beschriebenen Figur. In 'Zypressen zerbrechen nicht' findet sich ein Portfolio aus verschiedenen Figuren und Figurentypen. Manche Figuren dienen nur dazu, eine bestimmte Einstellung einem bestimmten Thema gegenüber zu kommunizieren wie z.B. der Pfeifenraucher auf dem Schiff.[123] Andere Figuren werden in ihren Handlungen und Einstellungen ausführlicher beschrieben, beispielsweise Assaf. H.s Identität konstituiert sich aus den verschiedenen sozialen Rollen, die sie übernimmt: Sie ist eine junge Frau, deutsche Jüdin, Studentin, Immigrantin, Beziehungspartnerin in Freundschaften, Arbeiterin, Lehrerin, usw. Doch ist die Art und Weise wie sie diese Rollen einnimmt individuell? H.s Handlungsweise unterscheidet sich von ihren inneren Zuständen. Während sie als Arbeiterin couragiert versucht, für ihre Rechte und die anderer Arbeiter einzutreten und sich als Frau erfolgreich den Annäherungen eines Mitarbeiters widersetzt, es als Lehrerin schafft, aus einer 'Horde wilder Mädchen' eine Schulklasse zu machen und generell von anderen für selbstbewusst gehalten wird, wird sie innerlich von der Erinnerung an ihr Herkunftsland zerrissen. Sie hält sich für schwach und schuldig und hat zunächst große Schwierigkeiten, Beziehungen zu Menschen aufzubauen. Die Figur H. agiert also differenziert nach Innen- und Außenwelt und je nach Situation und sozialer Rolle. H. ist sich ihrer Probleme bewusst, thematisiert sie permanent in Selbstgesprächen und schafft es gegen Ende des Romans sogar, einige davon zu lösen. Auch wenn man bei einer Romanfigur nicht von persönlicher Individualität sprechen kann, ist die Protagonistin von 'Zypressen zerbrechen nicht' doch so vielschichtig ausgearbeitet, dass sich der Leser in die Figur einfühlen kann, als wäre sie eine reale Person. Doch gerade durch diesen Umstand wird die Grenze von H.s 'Individualität' ersichtlich: In dem Maße, in dem sich der Leser einfühlen kann, verliert H. an Individualität, denn das spezifisch Andere ist das Fremde, das Differente, das den Leser zunächst innehalten lassen würde. Immer dann, wenn Einfühlung möglich ist, fühlt der Leser mit etwas, das er von sich selbst kennt und projiziert seine eigenen Gefühle auf die Figur. So wird sich, wenn es um die Streichungen im Roman geht, ebenfalls zeigen, dass H. von ihrer Autorin als Identifikationsfolie für Neueinwanderer konstruiert wurde. Die Autorin hat also darauf geachtet, H. nicht zu viele individuelle Züge zu geben, damit die leserseitige Identifikation gewahrt bleibt.

3.6 Die Rolle der Körperlichkeit

Aus diesem Grund wird die Figur H. auch erst am Ende des Romans körperlich näher beschrieben, was z.B. Haar- und Augenfarbe betrifft. Körperlichkeit spielt in 'Zypressen zerbrechen nicht' nur eine untergeordnete Rolle. Ungewöhnlich ist, dass wichtige Figuren wie Assaf oder Lea äußerlich überhaupt nicht bzw. nur sehr oberflächlich beschrieben werden. Das Äußere der Protagonistin wird folgendermaßen dargestellt:

Eine junge Frau lächelte ihr entgegen. Ihr Haar war braun und glatt. Braun wie die Früchte der Kastanien. Aber Kastanien gab es hier nicht, nur drüben und in dem versinkenden Reich sich erinnernder Träume. Braun wie die dunklen Schoten des Brotfruchtbaumes war das Haar. Seine Strähnen hingen wie die Gerten der Trauerweide, wie die Zweige der hochstämmigen Eukalyptusbäume, verbesserte sie. Ihr Mund war gerundet wie die Hagebutte der Wildrose, wie die Sichelhülsen des scharfen roten Pfeffers. Unter der geraden Stirn ruhten die schilfgrünen Augen, träumten wie Papyruswedel in den Tümpeln der Sümpfe.[124]

H.s Äußeres wird mit Hilfe von Naturmetaphern beschrieben, um deutlich zu machen, dass sie sich am Ende des Romans mit dem neuen Land, in das sie eingewandert ist, identifiziert. Da die körperliche Beschreibung der Hauptfigur am Ende und nicht am Anfang des Buches lokalisiert ist, dient sie weder dazu, den Leser mit der Protagonistin bekannt zu machen noch ihre Individualität zu unterstreichen. Dies bestätigt sowohl die These, dass die Figur H. als Identifikationsfolie für Neueinwanderer angelegt ist als auch die geringe Bedeutung äußerlicher Merkmale bei den für die Handlung wichtigen Figuren.

Genauer beschrieben wird Neomi Rose, bei der H. für kurze Zeit wohnt.[125] Die beiden konträren Beschreibungen am Anfang und Ende des Romans dienen in diesem Fall dazu, die Verschlechterung von Roses körperlichem Zustand zu verdeutlichen. Auch Abschalom wird ausführlich beschrieben,[126] um darzustellen, wie die Hauptfigur zu ihm steht. So verhält es sich auch mit den Beschreibungen der übrigen Figuren: Sie werden alle aus H.s Sicht dargestellt und dienen damit nur dazu, H.s Gedanken und Handlungen zu spiegeln und nachvollziehbar zu machen.

Ähnlich verhält es sich mit der Darstellung von H.s körperlichen Zuständen. Sie spiegeln H.s psychische Konstitution wieder. Drei markante Stellen im Roman sollen zur exemplarischen Belegung dieser These herangezogen werden:

Am Anfang des Romans wird geschildert, wie H. in der Mittagshitze durch Jerusalem läuft, bis sie, dehydriert und erschöpft, nicht mehr weiter gehen kann.[127] Diese Szene macht deutlich, dass H. neu im Land ist und noch nicht weiß, wie man sich vor der Mittagshitze schützt. Außerdem wird ihre Neigung, in fast selbstverletzender Vehemenz über ihre körperlichen Grenzen hinauszugehen, dargestellt.

So verhält es sich auch bei einem Ausflug, den H. unternimmt, als sie schon einige Zeit im Land ist. Sie verliert ihren Schuh und läuft auf Socken weiter. Der steinige Untergrund verursacht ihr große Schmerzen, doch sie gestattet sich nicht, um eine Pause zu bitten: „Nur nicht anhalten, nur nicht schwach werden und ausruhen!“[128], befiehlt sie sich.

Nach dem Suizid ihrer Freundin Elisabeth und der versuchten Vergewaltigung durch Abschalom bricht H. körperlich und psychisch zusammen. Auffällig ist, dass außer Kraftlosigkeit und Wahrnehmungsproblemen keine körperlichen Symptome des Zusammenbruchs geschildert werden. Es geht wiederum vordergründig um die psychische Verfassung der Protagonistin und auf der Handlungsebene um die Hilfe, die sie durch ihre Freunde erfährt.

3.7 Geschichtlichkeit der Figur oder geschichtliche Rahmenhandlung?

Ein weiterer Punkt, der besonders in der goetheschen Autobiographie eine Rolle spielt, ist die Verortung des Selbst innerhalb der Geschichte bzw. der Einfluss der Historizität auf die Konstitution des Ichs. Bei Jenny Aloni sind es vor allem Umgebung und Figuren, die H.s Anpassungsprozess an die für sie neue Kultur illustrieren. Der Roman ist darauf hin konstruiert. In dieser Hinsicht redundante oder unnötige Informationen wurden gestrichen, wie der Vergleich mit älteren Fassungen des Romans und Alonis Tagebuch beweisen wird. Historische Bezüge werden nur dort eingesetzt, wo es nötig ist, um die Handlungsebene zu unterstützen, z.B. macht die Erwähnung des Vorstoßes von Hitlers Truppen in Afrika deutlich,[129] dass H. die angespannte politische Lage bewusst ist und dass sie sich Sorgen darüber macht. Davon ausgehend wird ihr Entschluss, zum Militär zu gehen, nachvollziehbarer. Rückblicke auf die Judenverfolgungen in Deutschland bleiben meist allgemein gehalten und offenbaren nicht, welchen spezifischen Repressionen die Protagonistin ausgesetzt war. Somit dient die geschichtliche Rahmenhandlung nicht dazu, ein Einzelschicksal innerhalb seiner Geschichtlichkeit zu verorten, sondern bildet den Hintergrund, mit dem die Erzählung funktioniert.

3.8 Historische versus stilistische Moderne

Auch wenn bisher signifikante Unterschiede zu 'klassischen' Identitätskonzeptionen im autobiographischen Schreiben herausgearbeitet wurden, handelt es sich bei 'Zypressen zerbrechen nicht' um keinen modernen Roman im literaturwissenschaftlichen Sinne,[130] auch wenn das Werk Ende 1959, also in der historischen Moderne, verfasst wurde.

Als Charakteristika des [modernen] autobiographischen Romans können vorläufig Uneindeutigkeit, rezeptions- und produktionsästhetische Vielschichtigkeit, identitätstheoretischer Entwurfscharakter und ästhetische Innovation genannt werden.[131]

'Zypressen zerbrechen nicht' erfüllt diese Kriterien nicht. Die Handlung ist einsträngig und die Motive der handelnden Personen werden deutlich erläutert. Ort und Zeit werden durch Faktualitätsmarker, wie geschichtliche Bezüge oder Beschreibungen realer geographischer Orte, verdeutlicht. Die Gedanken und Motive der Hauptperson werden so ausführlich geschildert, dass man bei der charakterlichen Ausarbeitung der Person H. nicht von einem Entwurf sprechen kann. Ex negativo wird an dieser Stelle nur darauf hingewiesen, dass es keine Erinnerungsreflexion, keine Dialoge mit dem Leser und auch keine Problematisierung des Subjektbegriffs, oder der Fähigkeit der Sprache, Schreckliches auszudrücken, gibt. Auch wird die Verbindlichkeit traditioneller Werte und Normen nicht aufgelöst. Somit finden sich keinerlei literaturwissenschaftlich moderne Merkmale. Das Werk diskutiert diese Probleme nicht, sondern ist selbst Zeugnis des Umgangs einer Betroffenen damit. Jenny Alonis Sprachgebrauch differenziert zwischen Naturschilderungen und Beschreibungen national-sozialistischer Grausamkeit. Während bei ersteren die Sprache eine fast lyrische ist, wird sie im Fall von letzteren sachlich und karg, korrelierend mit der Empathielosigkeit der nationalsozialistischen Verbrechen.

3.9 Judentum ohne Religion?

Viele Autoren der historischen Moderne wenden sich von der Religion ab. Auf die Frage, ob Jenny Aloni aus einem religiösen Elternhaus komme, antwortet die Autorin, „Nein, aus einem traditionellen. Anfangs war ich religiöser als meine Eltern, aber mit 17 Jahren habe ich nicht mehr an Gott geglaubt.“[132] Über ihr Verhältnis zu Israel sagt sie antithetisch: „Nur hier kann ich vergessen, daß ich Jüdin bin und doch voll Jüdin sein.“[133] Aus der Verbindung dieser zwei Zitate wird deutlich, dass Judentum für Jenny Aloni nicht unbedingt etwas mit Religiosität zu tun haben muss. Auch die jüdische Protagonistin des Romans 'Zypressen zerbrechen nicht' ist nicht religiös, wie an späterer Stelle noch ausführlich begründet wird. Der Roman kann somit nicht in die Reihe religiöser Autobiographik eingeordnet werden.

Ob 'Zypressen zerbrechen nicht' ein spezifisch jüdisches autobiographisches Produkt ist bzw. was 'spezifisch jüdisch' überhaupt bedeuten könnte, wird im Hinblick auf jüdische Autobiographiegeschichte im nächsten Punkt dieser Arbeit behandelt.

4 Jüdische Autobiographie: Besondere Merkmale

4.1 Begriffsgeschichte:
Von der 'Assimilation' zu 'transkulturellen Bereichen'

Haber weist dem Begriff der 'Assimilation' in der jüdischen Geschichte eine „zentrale Bedeutung“[134] zu und belegt dies durch Zitate aus dem jüdischen Lexikon[135] und dem Zsido Lexikon[136], wonach die Juden diesem Prozess stärker, als andere Völker, ausgesetzt seien, wenn sie in dem jeweiligen Land eine Minderheit bilden würden. Der Autor zitiert Arthur Ruppin mit den Worten „Vor unseren Augen bröckelt Stein um Stein aus dem einst so fest gefugten Bau der Judenheit.“[137] Ruppin, Verfasser des Standardwerkes 'Die Juden der Gegenwart', beschäftigt sich darin ausgiebig mit den Faktoren, die die Assimilation begünstigen würden und weist den gemeinsamen Schulbesuch von Juden und Christen als gefährlichsten Beschleuniger der Assimilation aus. Für Ruppin ist demzufolge Assimilation etwas Negatives, während der Begriff noch im ausgehenden 19. Jahrhundert positiv, als „Ergänzung zur Emanzipation der Juden“[138] verstanden werde und die „soziale und kulturelle Integration der Juden in die Mehrheitsgesellschaft“[139] bezeichne. Negativ konnotiert werde der Begriff nach Haber erst mit der Auseinandersetzung zwischen Zionisten und jüdischen Antizionisten um die Perspektiven einer christlich-jüdischen Koexistenz[140]. Haber stellt referierend auf Volkov Nachteile bei der Verwendung des Begriffs heraus: Er sei verwirrend, analytisch unsauber und verschleiere die Wechselwirkungen zwischen komplizierten Prozessen bzw. bezeichne sowohl einen Prozess als auch dessen Ergebnis, sei also daher nicht trennscharf und genau genug.[141] Als Alternativmodell präsentiert Haber den Begriff 'Akkulturation', der hier weitgehend auf folgender Definition von Strauss beruht:

[Akkulturation ist] ein kulturgeschichtliches und kulturanthropologisches Konzept, das die Begegnung von Elementen verschiedener Kulturen und ihre Synthesis zu einer neuen Einheit in einem unstabilen Gleichgewicht von verschiedener Dauer bedeutet.[142]

Für Haber stellt dies eine „starke Verkürzung der gängigen Akkulturationstheorien“[143] dar. Tatsächlich wird heute nicht mehr von Akkulturation gesprochen, da dieser Begriff „ethnozentrisch, politisch mit kolonialistischen Herrschaftsansprüchen beladen war und den Kontakt zweier Kulturen nur in eine Richtung erfasste.“[144] Wildmann weist auf die Argumentation hin, „dass sich ein deutsch-jüdisches Selbstverständnis ständig neu bildet, dass es fragmentiert und zusammengesetzt ist“[145]. Für ihn stehen deutsche Juden im 19. und 20. Jahrhundert gleichzeitig innerhalb und außerhalb verschiedener sozialer Gruppierungen und politischer Zugehörigkeiten.[146] Aus diesem Grund ist es besser von 'transkulturellen Bereichen' zu sprechen. Transkulturation definiert sich laut Morales Saravia dadurch, dass einige Kulturträger ihre eigenen Komponenten verlassen (Dekulturation) und die anderer Kulturen übernehmen (Assimilation). Dabei werden allerdings neue, bis dahin nicht bestehende Elemente kreiert (Neukulturation). Indem man von 'Bereichen' transkultureller Aktivität spricht, erfasst man ebenfalls die dem Vorgang eigenen, sich ständig in Bewegung befindlichen Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen Kulturträgern. Das Modell darf allerdings nicht als rein synthetisierend aufgefasst werden, da auch eine Neukulturation Marginalisierungen oft nicht aufheben bzw. sogar noch verstärken kann.[147]

[...]


[1] Gilmore, Leigh: The limits of autobiography. Trauma and testimony. London, 2001, S. 148.

[2] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet.

[3] Die Kinder- und Jugend-Alijah war eine jüdische Organisation, die versuchte, möglichst viele Kinder und Jugendliche in der Zeit des Nationalsozialismus aus dem Deutschen Reich vor allem nach Palästina in Sicherheit zu bringen. Der aus der Bibel stammende Ausdruck 'Alijah' bedeutet Aufstieg und bezeichnet die jüdischen Immigrationswellen nach Palästina bzw. nach Israel. Man spricht hier nicht von Emigration sondern von Immigration, um zu betonen, dass es um die Heimkehr in das ‚gelobte Land‘ geht.

[4] Gottschalk, Cornelia; Müller-Salget, Klaus: Interview mit Jenny Aloni in Ganei Yehuda am 29.03.1988. In: Steinecke, Hartmut (Hg.): Jenny Aloni. Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Berichte / Gedichte in Prosa / Hörspiele / Gespräche. Paderborn, 1997, S. 135. Dieses Buch ist Band 10 der Werkausgabe und wird im Folgenden mit GW 10 bezeichnet.

[5] Jenny Aloni, geb. Rosenbaum, heiratet 1948 Esra Aloni. Da sie als Schriftstellerin unter dem Namen Aloni bekannt wurde, wird dieser Name durchgehend verwendet.

[6] McEntyre, Marilyn Chandler: A healing Art. Regeneration through autobiography. New York, 1990, S. 5.

[7] Brunner, Jerome; Weisser, Susan: The Invention of Self: Autobiography and its Forms. In: Olson, David; Torrance Nancy: Literacy and Orality. Cambride, 1991, S. 129-148, hier S. 136.

[8] Die Schreibweise eines Wortes mit 'ß', bzw. 'ss' wird in den Zitaten so belassen wie sie sich in der Quelle vorfindet.

[9] Im Folgenden wird die Figur wegen dieser doppelten Benennung nur 'H.' genannt.

[10] Eine Zusammenfassung der wichtigsten Thesen findet sich jeweils am Ende eines Kapitels. Wo dies Redundanz bedeuten würde, wird im Analysetext mit Fettdruck gearbeitet. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird der Fettdruck aus den Originalzitaten entfernt. Diese Stellen werden dafür mit dem Hinweis [Hervorhebung im Original] versehen. Hervorhebungen mit verschiedenen Arten von Anführungszeichen werden einheitlich gestaltet.

[11] Goldschmidt, Georges Arthur: Der bestrafte Narziss. Zürich, 1994, S. 16.

[12] In einem Brief vom 18.01.1990 an den Stiftungsrat für den Friedenspreis beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels unterstützt Friedrich Kienecker den Vorschlag Jenny Alonis durch Frau Ilse Daub. Hier S. 2.

[13] Brief Kienecker, 1990, S. 3.

[14] Ebd.

[15] Da sich die einzelnen Perioden der Autobiographiegeschichte manchmal nicht mit den geschichtlichen Epochen decken, wird bei den Überschriften begrifflich variiert.

[16] Vgl. Wagner-Egelhaaf, Martina: Autobiographie. 2. Aufl. Stuttgart, 2005, S. 105. Wagner-Egelhaaf bezieht sich auf Georg Mischs mehrbändiges Werk 'Geschichte der Autobiographie'.

[17] Vgl. Ebd., S. 106 f.

[18] Vgl. Holdenried, Michaela: Autobiographie. Stuttgart, 2000, S.19 f.

[19] In Kapitel 3 wird untersucht, inwieweit die in den folgenden Kapiteln herausgearbeiteten Identitätskonzepte im Roman umgesetzt werden. Nicht alle erwähnten Konzepte sind in Bezug auf das Korpus anwendbar, diejenigen, die sich für eine Analyse anbieten, werden hier durch Fettdruck hervorgehoben.

[20] Vgl. Wagner-Egelhaaf, 2005, S. 107.

[21] Vgl. Ebd., S. 106.

[22] Vgl. Ebd., S. 109.

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] Vgl. Ebd.

[26] Ebd., S. 108.

[27] Ebd.

[28] Vgl. Ebd., S. 111.

[29] Ebd., S. 110.

[30] Vgl. Holdenried, 2000, S. 19 f.

[31] Vgl. Wagner-Egelhaaf, 2005, S. 112.

[32] Vgl. Ebd., S. 113.

[33] Ebd., S. 114.

[34] Vgl. Ebd., S. 117.

[35] Ebd.

[36] Ebd. S. 118. Der Begriff 'modern' kennzeichnet hier nicht eine strenge historische Datierung, sondern bezieht sich auf Inhalte, die literaturtheoretisch als 'modern' angesehen werden.

[37] Vgl. Ebd., S. 119.

[38] Ebd.

[39] Vgl. Ebd., S. 119 f.

[40] Vgl. Ebd., S. 120.

[41] Ebd., S. 119.

[42] Ebd., S. 121.

[43] Vgl. Ebd., S. 123.

[44] Vgl. Ebd., S. 126.

[45] Die Frühe Neuzeit beginnt konventionell im Spätmittelalter, also in der Zeit zwischen Mitte des 13. bis Ende des 15. Jahrhunderts, und endet im Übergang zwischen 18. und 19. Jahrhundert. Der Begriff 'Renaissance' wird für die Kunstepoche der beginnenden Neuzeit verwendet.

[46] Wagner-Egelhaaf, 2005, S. 133.

[47] Vgl. Ebd., S. 137.

[48] Vgl. Ebd., S. 134.

[49] Vgl. Ebd., S. 135.

[50] Ebd., S. 145.

[51] Ebd.

[52] Ebd.

[53] Ebd., S. 154.

[54] Holdenried, 2000, S. 71.

[55] Ursprünglicher Titel lautet 'Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit'.

[56] Wagner-Egelhaaf, 2005, S. 174.

[57] Ebd.

[58] Ebd., S. 167.

[59] Ebd.

[60] Ebd.

[61] Hamburger, Käte: Die Logik der Dichtung. Frankfurt / Berlin / Wien, 1980, S. 288.

[62] Ebd.

[63] Wagner-Egelhaaf, 2005, S. 168.

[64] Wagner-Egelhaaf bezieht sich auf: Müller, Klaus-Detlef: Autobiographie und Roman. Studien zur literarischen Autobiographie der Goethezeit. Tübingen, 1976.

[65] Wagner-Egelhaaf, 2005, S. 168. Wagner-Egelhaaf weist hier nicht die genaue Zitatstelle bei Müller aus.

[66] Ebd. Wagner-Egelhaaf deutet hier Müller, Zitatstelle ebenfalls nicht ausgewiesen.

[67] Vgl. Ebd.: "[...] mit dessen [der Wahrheitsbegriff] Hervorhebung Goethe durchaus an seine Vorgänger Augustinus und Rousseau anschließt. Tatsächlich hat Goethe im Hinblick auf 'Dichtung und Wahrheit' auch von seinen 'Konfessionen' oder seinen 'Bekenntnissen' gesprochen.“

[68] Ebd., S. 169.

[69] Vgl. Ebd.

[70] Ebd.

[71] Ebd., S. 171.

[72] Vgl. Ebd.

[73] Was den Beginn der Moderne angeht, gibt es in den verschiedenen Wissenschaften unterschiedliche Konzepte. In dieser Arbeit wird ein Modernebegriff bevorzugt, der sich an stilistischen Kriterien orientiert, also der, der Ästhetischen Moderne, die etwa mit dem 19. Jahrhundert beginnt. Weil sich die autobiographiegeschichtlichen Perioden und die literatur- und kunstgeschichtlichen Epochen zuweilen nicht decken, kommt es zu einer zeitlichen Überschneidung zwischen Punkt 2.5 und 2.6 dieser Arbeit.

[74] Wagner-Egelhaaf, 2005, S. 187.

[75] Ebd.

[76] Vgl. Ebd., S. 166 ff., S. 187.

[77] Ebd., S. 187.

[78] Ebd.

[79] Ebd.

[80] Ebd.

[81] Vgl. Ebd., S. 189.

[82] Ebd., S. 195.

[83] Ebd., S. 196.

[84] Vgl. Ebd., S. 195.

[85] Vgl. Ebd.

[86] Ebd.

[87] Vgl. Ebd.

[88] Ebd.

[89] Vgl. Ebd.

[90] Ebd.

[91] Auf den spezifischen Einfluss des Feminismus auf die Autobiographieforschung wird an dieser Stelle nicht eingegangen, da bei der Korpusanalyse andere methodische Zugänge gewählt wurden.

[92] Vgl. Ebd., S. 201.

[93] Da es in der wissenschaftlichen Debatte umstritten ist, der Postmoderne, was ihren Beginn betrifft, bestimmte Jahreszahlen zuzuordnen, weil es sich mehr um eine Denkrichtung als um eine historische Epoche handele, wird in dieser Arbeit ebenfalls von einem solchen Vorgehen abgesehen.

[94] Vgl. Ebd., S. 208.

[95] Ebd.

[96] Ebd., S. 209.

[97] Kramer, Sven: Holocaust-Literatur. In: Burdorf, Dieter; Fasbender, Christopf; Moenninghoff, Burkhard; (Hg.): Metzler Lexikon Literatur. Stuttgart / Weimar, 2007, S. 324.

[98] Vgl. z.B. Freese, Peter: Paderborner Universitätsreden. Das Jenny Aloni Archiv der Universität Paderborn. Die Schenkung des Nachlasses 1996. Mit Texten von Jenny und Esra Aloni. Paderborn,1996, S. 31.

[99] Vgl. Burdorf, 2007, S. 842.

[100] Ebd., S. 324 f.

[101] Ebd., S. 324.

[102] Ebd.

[103] Bayer, Gerd; Freiburg, Rudolf (Hg.): Literatur und Holocaust. Würzburg, 2009, S. 9.

[104] Burdorf, 2007, S. 324.

[105] Ebd.

[106] Ebd.

[107] Eke, Norbert Otta; Steinecke, Hartmut: Shoah in der deutschsprachigen Literatur. Berlin, 2006, S. 14.

[108] Adorno, Theodor W.: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft. Frankfurt am Main, 1976, S. 30 f.

[109] Ebd., S. 30 f. Adorno selbst schränkte später diese Aussagen ein, die als „rhetorischer Schlag“ (Vgl. Lindner, Burkhardt: Was heißt ‚Nach Auschwitz‘? In: Braese, Stephan u.a.: Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust, Frankfurt am Main, 1998, S. 284) gegen die von Schuld-Verdrängung begleitete Re-Konstruktion Nachkriegsdeutschlands als Kultur-Nation kalkuliert waren.

[110] Eke, 2006, S. 13.

[111] Gespräch mit Hartmut Steinecke am 27.11.2012.

[112] Vgl. Bayer, 2009, S. 9.

[113] Ebd.

[114] Vgl. Holdenried, 1991, S. 231–234. Holdenried bezieht sich auf: Leiris, Michel: Die Spielregel. München, 1985.

Eigene Interpretationen werden in der folgenden Auflistung im Indikativ geschildert, um sie von Holdenrieds Äußerungen abzuheben.

[115] Leiris, 1985, S. 38.

[116] Vgl. Holdenried, 1991, S. 233.

[117] Vgl. Bayer, 2009, S. 14. Bayer referiert hier auf Kritiker wie Lawrence L. Langer oder James E. Young.

[118] Vgl. Ebd., S. 16. Bayer/Freiburg referieren hier auf die Position der Kritiker einer Literarisierung des Holocaust. Die eigene Meinung der Autoren weicht hiervon ab, wie vor allem auf den Seiten 20 f. deutlich wird.

[119] Ebd., S. 20.

[120] Ebd.

[121] Vgl. Ebd., S. 21.

[122] Ebd.

[123] Steinecke, Hartmut (Hg.): Aloni, Jenny: Zypressen zerbrechen nicht. Paderborn , 1990, S. 5 f. Das Buch ist Band 2 der Werkausgabe und wird im Folgenden als GW 2 bezeichnet. Im Zuge der Charakteranalyse der Hauptfigur wird diese Szene noch ausführlich untersucht.

[124] GW 2, S. 162.

[125] Vgl. Ebd., S. 28, S. 155.

[126] Vgl. Ebd., S. 103, S. 117 f.

[127] Vgl. Ebd., S. 25.

[128] Ebd., S. 98.

[129] Vgl. Ebd., S. 143.

[130] Vgl. Gespräch mit Hartmut Steinecke am 27.11.2012.

[131] Holdenried, Michaela: Im Spiegel ein anderer. Erfahrungskrise und Subjektdiskurs im modernen autobiographischen Roman. Heidelberg, 1991, S. 207.

[132] GW 10, S. 136.

[133] Steinecke, Hartmut (Hg.): Jenny Aloni: „Ich möchte auf Dauer in keinem anderen Land leben“ Ein israelisches Lesebuch 1939-1993. Paderborn, 2000, S. 7.

[134] Haber, Peter; Petry, Erik; Wildmann, Daniel (Hg.): Jüdische Identität und Nation. Fallbeispiele aus Mitteleuropa. Jüdische Moderne 3. Köln, 2006, S. 123.

[135] Vgl. Kohn, Hans: Assimilation. In: Herlitz, Georg; Kirschner, Bruno (Hg.): Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens. Frankfurt am Main, 1987 (1. Auflage 1927).

[136] Vgl. Seitmann, Rezsö: Assimiläcio. In: Ujvöri, Peter: Zsido Lexikon. Budapest 1987 (1. Auflage 1924).

[137] Ruppin, Arthur: Die Juden der Gegenwart. Eine sozialwissenschaftliche Studie. Köln / Leipzig, 1911, S.3 (1. Auflage 1904).

[138] Haber, 2006, S. 125.

[139] Ebd.

[140] Vgl. Ebd.

[141] Vgl. Volkov, Shulamit: Antisemitismus als kultureller Code. München, 2000, S. 132.

[142] Strauss, Herbert A.: Akkulturation als Schicksal. Einleitende Bemerkungen zum Verhältnis von Juden und Umwelt. In: Ders.; Hoffmann, Christian (Hg.): Juden und Judentum in der Literatur. München, 1985, S.9.

[143] Haber, 2006, S. 126.

[144] Morales Saravia, José: Transkulturation. In: Nünning, Ansgar (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart / Weimar, 2008, S. 726.

[145] Wildmann, Daniel: Körpergeschichte und deutsch-jüdische Geschichte. In: Haber, 2006, S. 131.

[146] Vgl. Ebd.

[147] Vgl. Morales Saravia, 2008, S. 726.

Ende der Leseprobe aus 129 Seiten

Details

Titel
Autobiographisches Schreiben?
Untertitel
Zur Poetologie von Jenny Alonis Roman 'Zypressen zerbrechen nicht'
Hochschule
Universität Augsburg  (Philologisch-Historische Fakultät)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
129
Katalognummer
V232619
ISBN (eBook)
9783656495017
ISBN (Buch)
9783656495291
Dateigröße
9809 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Autobiographie, Autobiographik, Roman, autobiographischer Roman, Epik, Jenny Aloni, Aloni, Autobiographiegeschichte, Identität, Identitätskonzepte, Interpretation, Juden, jüdisch, Emigration, Immigration, Palästina, Jerusalem, Israel, Zypressen, zerbrechen, Rosenbaum
Arbeit zitieren
Manuela Unger (Autor), 2013, Autobiographisches Schreiben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232619

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