Jenny Alonis Roman 'Zypressen zerbrechen nicht' wurde bisher in der Forschungsliteratur als extrem autobiographische Erzählung bezeichnet. Diese Arbeit fokussiert sowohl Faktualitätsmarker als auch fiktionale Bestandteile. Das Ergebnis ist ein klares überwiegen der Fiktionalität und entspricht damit einer völlig neuen Sichtweise auf das Werk der Autorin.
Bei der Herausarbeitung der Überschneidungen zwischen Leben und Schaffen der Autorin wurden ihre Tagebucheinträge aus der Zeit von 1939-1943 untersucht und mit bisher unveröffentlichtem Material gearbeitet.
Die Arbeit beginnt damit, Autobiographiekonzepte aus der Zeit des alten Ägyptens bis in die 1970er Jahre auf die Konstitution von Identität hin zu untersuchen. Die Identiätskonzepte werden dann mit der Charakterisierung der Hauptfigur im autobiographischen Roman verglichen. Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit besonderen Elementen der jüdischen Autobiographiegeschichte. Natürlich darf ein Überblick über bahnbrechende Konzepte der Autobiographieforschung nicht fehlen. Anschließend widmet sich die Autorin ausführlich der Interpretation des Romans. In intensiver Archivarbeit wurde ein Originalmanuskript von 'Zypressen zerbrechen nicht' mit dem Text der Werkausgabe verglichen. Unterschiede wurden nahezu vollständig herausgearbeitet. Ebenso gründlich wurden die Übereinstimmungen von Ereignissen, die im Tagebuch geschildert werden, mit Szenen aus dem Roman aufgedeckt. Abschließende konnte bewiesen werden, dass es sich bei dem Roman um ein stark fiktionales Konstrukt handelt, dessen künstlerischer Wert weit über eine bloße Zusammenstellung von Tagebucheinträgen hinausgeht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Autobiographiegeschichte: Identitätskonzeptionen von 3000 v. Chr. bis in die 1970er Jahre
2.1 Das Alte Ägypten
2.2 Die Antike
2.3 Die Zeit zwischen Antike und dem 18. Jahrhundert
2.4 Die Frühe Neuzeit
2.5 Die Zeit zwischen Ende des 18. und Mitte des 19. Jahrhunderts
2.6 Die Moderne
2.7 Die 1970er Jahre
3. Jenny Aloni: 'Zypressen zerbrechen nicht': Gültigkeit autobiographiegeschichtlicher Identitätskonzepte
3.1 Zeugenschaftsliteratur als ein Teil der Shoah-Literatur
3.2 Erinnerungskritik im Shoah-Diskurs
3.3 Rechtfertigung versus Erklärung
3.4 Reflexion versus Selbstkritik
3.5 Individualismus bei einer Romanfigur?
3.6 Die Rolle der Körperlichkeit
3.7 Geschichtlichkeit der Figur oder geschichtliche Rahmenhandlung?
3.8 Historische versus stilistische Moderne
3.9 Judentum ohne Religion?
4. Jüdische Autobiographie: Besondere Merkmale
4.1 Begriffsgeschichte: Von der 'Assimilation' zu 'transkulturellen Bereichen'
4.2 Auswirkungen verschiedener Traditionen
4.3 Auswirkungen von Diaspora und Exil
4.4 Erinnerung im jüdischen Kontext
4.5 Sonderstatus der jüdischen Autobiographie
5. Autobiographietheorie: G. Misch, G. Gusdorf, P. Lejeune und H. Heissenbüttel
5.1 Einteilung nach M. Holdenried
5.2 Frühe Autobiographietheorie: G. Misch
5.3 Mittlere Phase: G. Gusdorf
5.4 Aktuelle Phase: P. Lejeune und H. Heissenbüttel
6. Die Protagonistin: Veränderung der Figur im Laufe des Romans
6.1 Die Überfahrt (Abschnitt 1, S. 5-20)
6.2 Zum ersten Mal in der Stadt (Abschnitt 2, S. 20-28)
6.3 Wohnen bei Neomi Rose (Abschnitt 3, S. 28-33)
6.4 Die Universität (Abschnitt 4, S. 33-42)
6.5 [Beim Mittagstisch I (Abschnitt 5, S. 42-48)]
6.6 Arbeit in der Druckerei / Arbeit bei einer Abendgesellschaft (Abschnitt 6 , S. 48-56)
6.7 Beim Mittagstisch II / Gespräch mit Thomas Katz I (Abschnitt 7, S. 56-64)
6.8 Wohnen bei Lea (Abschnitt 8, S. 64-72)
6.9 [Einkauf mit Lea in der Altstadt (Abschnitt 9, S. 72-75)]
6.10 Die Studentenfeier (Abschnitt 10, S. 75-80)
6.11 Arbeit an der Universität (Abschnitt 11, S. 80-85)
6.12 Wohnen im eigenen Mietzimmer / Arbeit als Tellerwäscherin (Abschnitt 12, S. 85-95)
6.13 Der Ausflug (Abschnitt 13, S. 95-100)
6.14 Besuch bei Abschalom I (Abschnitt 14, S. 100-108)
6.15 Die ehemalige Freundschaft mit Elisabeth (Abschnitt 15, S. 108-112)
6.16 [Besuch bei Abschalom II (Abschnitt 16, S. 112-118)]
6.17 Elisabeths Suizid / Die versuchte Vergewaltigung durch Abschalom (Abschnitt 17, S. 118-128)
6.18 Der Zusammenbruch / Die Genesung (Abschnitt 18, S. 128-133)
6.19 Das Unterrichten der verwahrlosten Kinder (Abschnitt 19, S. 133-136)
6.20 Zusammensein mit Freunden (Abschnitt 20, S. 136-139)
6.21 Werben für den Unterricht / Ausflug mit den Kindern (Abschnitt 21, S. 139-143)
6.22 Das Kriegsgeschehen rückt näher / Planungen für die Zukunft (Abschnitt 22, S. 143-145)
6.23 Gespräch mit Thomas Katz II (Abschnitt 23, S. 145-149)
6.24 Die Protagonistin meldet sich zum Militärdienst (Abschnitt 24, S. 149-153)
6.25 Besuch bei Neomi Rose / Zusammensein mit Freunden (Abschnitt 25, S. 153-159)
6.26 Gespräch mit Assaf (Abschnitt 26, S. 159-162)
6.27 Aufbruch (Abschnitt 27, S. 162)
7. Originalmanuskript versus Werkausgabe: Veränderungen und Streichungen
7.1 Originalmanuskript S. 1-1d versus Werkausgabe S. 5
7.2 Originalmanuskript S. 2-9 versus Werkausgabe S. 5-11
7.3 Originalmanuskript S. 9-12 versus Werkausgabe S. 11
7.4 Originalmanuskript S. 12-24 versus Werkausgabe S. 16-17
7.5 Originalmanuskript S. 25-47 versus Werkausgabe S. 36
7.6 Originalmanuskript S. 47-176c versus Werkausgabe S. 76-111
8. Protagonistin des Romans und Autorin der Tagebücher: Inhaltliche Unterschiede bzw. Überschneidungen
8.1 Auswirkungen und Probleme der Editierung
8.2 Tagebucheinträge aus dem Jahr 1939
8.3 Tagebucheinträge aus dem Jahr 1940
8.4 Tagebucheinträge aus dem Jahr 1941
8.5 Tagebucheinträge aus dem Jahr 1942
9. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Autobiographik in Jenny Alonis Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung ihres Romans 'Zypressen zerbrechen nicht'. Das primäre Ziel ist es, die Gültigkeit verschiedener autobiographischer Identitätskonzepte zu überprüfen und durch den Vergleich von Romanmanuskripten mit persönlichen Tagebucheinträgen nachzuweisen, dass der Roman trotz autobiographischer Elemente ein eigenständiges, fiktionales Konstrukt darstellt.
- Analyse historischer Ich-Konstruktionen in der Autobiographiegeschichte
- Untersuchung der fiktionalen vs. autobiographischen Anteile in 'Zypressen zerbrechen nicht'
- Diskussion des jüdischen Kontextes und des Konzepts der Shoah-Literatur
- Methodische Auseinandersetzung mit autobiographietheoretischen Ansätzen (u.a. Misch, Gusdorf, Lejeune)
- Vergleichende Analyse von Originalmanuskripten und Tagebuchaufzeichnungen
Auszug aus dem Buch
Die Rolle der Körperlichkeit
Aus diesem Grund wird die Figur H. auch erst am Ende des Romans körperlich näher beschrieben, was z.B. Haar- und Augenfarbe betrifft. Körperlichkeit spielt in 'Zypressen zerbrechen nicht' nur eine untergeordnete Rolle. Ungewöhnlich ist, dass wichtige Figuren wie Assaf oder Lea äußerlich überhaupt nicht bzw. nur sehr oberflächlich beschrieben werden. Das Äußere der Protagonistin wird folgendermaßen dargestellt:
Eine junge Frau lächelte ihr entgegen. Ihr Haar war braun und glatt. Braun wie die Früchte der Kastanien. Aber Kastanien gab es hier nicht, nur drüben und in dem versinkenden Reich sich erinnernder Träume. Braun wie die dunklen Schoten des Brotfruchtbaumes war das Haar. Seine Strähnen hingen wie die Gerten der Trauerweide, wie die Zweige der hochstämmigen Eukalyptusbäume, verbesserte sie. Ihr Mund war gerundet wie die Hagebutte der Wildrose, wie die Sichelhülsen des scharfen roten Pfeffers. Unter der geraden Stirn ruhten die schilfgrünen Augen, träumten wie Papyruswedel in den Tümpeln der Sümpfe.
H.s Äußeres wird mit Hilfe von Naturmetaphern beschrieben, um deutlich zu machen, dass sie sich am Ende des Romans mit dem neuen Land, in das sie eingewandert ist, identifiziert. Da die körperliche Beschreibung der Hauptfigur am Ende und nicht am Anfang des Buches lokalisiert ist, dient sie weder dazu, den Leser mit der Protagonistin bekannt zu machen noch ihre Individualität zu unterstreichen. Dies bestätigt sowohl die These, dass die Figur H. als Identifikationsfolie für Neueinwanderer angelegt ist als auch die geringe Bedeutung äußerlicher Merkmale bei den für die Handlung wichtigen Figuren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problemstellung ein und erläutert die methodische Vorgehensweise, bei der die autobiographischen Elemente des Romans 'Zypressen zerbrechen nicht' analysiert werden.
2 Autobiographiegeschichte: Identitätskonzeptionen von 3000 v. Chr. bis in die 1970er Jahre: Dieses Kapitel bietet einen diachronen Überblick über die Entwicklung autobiographischer Identitätskonzepte von der Antike bis zur Postmoderne.
3 Jenny Aloni: 'Zypressen zerbrechen nicht': Gültigkeit autobiographiegeschichtlicher Identitätskonzepte: Hier wird der Roman von Jenny Aloni vor dem Hintergrund existierender Identitätsmodelle auf seine autobiographische Relevanz hin untersucht.
4 Jüdische Autobiographie: Besondere Merkmale: Dieses Kapitel erörtert die spezifischen Merkmale jüdischer Autobiographik, insbesondere im Kontext von Assimilation, Akkulturation und dem Erbe von Diaspora und Exil.
5 Autobiographietheorie: G. Misch, G. Gusdorf, P. Lejeune und H. Heissenbüttel: Die theoretischen Ansätze bedeutender Autobiographieforscher werden hier vorgestellt und auf ihre Anwendbarkeit für die Untersuchung von Alonis Werk geprüft.
6 Die Protagonistin: Veränderung der Figur im Laufe des Romans: Eine detaillierte Analyse der Entwicklung der Hauptfigur H. entlang der einzelnen Romanabschnitte bildet den Kern dieses Kapitels.
7 Originalmanuskript versus Werkausgabe: Veränderungen und Streichungen: Durch den Vergleich der Originalfassung mit späteren Ausgaben werden gezielte Bearbeitungsprozesse und deren Wirkung auf den Fiktionalitätsgrad des Textes beleuchtet.
8 Protagonistin des Romans und Autorin der Tagebücher: Inhaltliche Unterschiede bzw. Überschneidungen: Dieser Teil widmet sich dem Vergleich des Romans mit den authentischen Tagebuchaufzeichnungen der Autorin.
9 Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass der Roman als fiktionales Konstrukt und nicht als primär autobiographisches Werk einzustufen ist.
Schlüsselwörter
Jenny Aloni, Zypressen zerbrechen nicht, Autobiographie, Identitätskonzepte, Shoah-Literatur, Fiktionalität, Zeitgeschichte, Jüdische Autobiographie, Erinnerungskritik, Romananalyse, Protagonistin, Tagebuch, Holocaust, Exil, Identitätsbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Masterarbeit untersucht, inwieweit Jenny Alonis Roman 'Zypressen zerbrechen nicht' als autobiographisches Werk verstanden werden kann und welche Identitätskonzepte darin eine Rolle spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Autobiographie, die jüdische Identität, den Holocaust-Diskurs sowie die literaturwissenschaftliche Analyse von Fiktionalität in autobiographischen Texten.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Hauptziel besteht darin zu klären, ob der Roman 'Zypressen zerbrechen nicht' ein autobiographisches Dokument darstellt oder als ein völlig selbstständiges, fiktionales Konstrukt zu betrachten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit folgt einer hermeneutischen Methodik und bezieht rezeptionsästhetische sowie literaturhistorische Analysen mit ein, um den Text im Kontext zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Rahmen zur Autobiographiegeschichte, eine detaillierte Figurenanalyse der Protagonistin und einen Vergleich des Romans mit Alonis Tagebuchaufzeichnungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Autobiographie, Jüdische Identität, Shoah-Literatur, Fiktionalität, Identitätskonzepte und Zeitgeschichte charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Protagonistin H. von der Autorin Jenny Aloni?
Die Untersuchung zeigt, dass H. als fiktionale Identifikationsfolie konzipiert ist, während die Autorin Aloni als reale Person politisch aktiver war und andere Motive für ihr Schreiben und ihre Handlungen besaß.
Welche Bedeutung haben die Tagebucheinträge für die Interpretation des Romans?
Die Tagebucheinträge dienen in der Arbeit als Kompositionsvorlage und Erinnerungshilfe, wobei die Analyse zeigt, dass der Roman zwar auf diesen basiert, sie jedoch stark transformiert und stilistisch gestaltet wurden.
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- Manuela Unger (Autor:in), 2013, Autobiographisches Schreiben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232619