Wielands "Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva": Anthropologie entlang metamorpher Fäden


Hausarbeit, 2013
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffe
2.1 Metamorphose
2.2 Anthropologie

3 Wielands Don Sylvio - Anthropologie entlang metamorphischer Fäden
3.1 Klotho: Leit-Metamorphose als Movens der Anthropologie
3.1.1 Lektüre als auslösendes Moment
3.1.2 Autobiographie als Ideengeberin - Mythos als Pate
3.2 Lachesis: Übergriff und Überfall - Zugriff und Zufall
3.2.1 Anthropologie als Netz aus Verwandlungsfäden
3.2.2 Zwei Gesichter der Erzeugungstechniken
3.3 Atropos: Wechsel der Perspektive
3.3.1 Vom Nicht-Ort zum Heil-Ort
3.3.2 Vernetzung der Anthropologie hinter Spiegelbildlichkeit

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit zum Kurs Literarische Anthropologie im 18. Jahrhundert wird im Roman Der Sieg der Natur über die Schwärmerey oder die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva, eine Geschichte worinn alles Wunderba­re natürlich zugeht[1] die Anthropologie untersucht, die mit Hilfe metamorphischer kunstvoll im Text eingewebter Fäden entfaltet wird. Um mit diesem Thema ein zusammenhängendes und darin umfassendes Bild zu erhalten, erscheint eine Vor­gehensweise im Sinn einer möglichst genauen Definition der Begriffe Metamor­phose und Anthropologie sinnvoll.

„Mit ihr [Metamorphose] werden bevorzugt Fragen der Identität, des Bezugs von Vergangenem und Neuem [...] behandelt. [2] “ Vor diesem Hintergrund eignen sich Metamorphosen für eine nähere Betrachtung im Kontext der literarischen Anthro­pologie [3] im 18. Jahrhundert, das in besonderem Maß von gravierenden Einschnit­ten in den verschiedensten Lebensbereichen geprägt ist und somit - wenn nicht realen - zumindest assoziativen Verbindungen zu wesenhaften Verwandlungen im Menschen eine tragende Rolle zukommen lässt. Als Beispiel sei der Aufschwung der Naturwissenschaften genannt, vor allem der Medizin. „Der Mensch ist weder Körper, noch Seele allein; er ist die Harmonie von beyden [...]“[4]. Mit diesem Zi­tat Ernst Platners (1744-1818) aus seinem Werk Anthropologie für Ärzte und Weltweise (1772) wird einem Paradigmenwechsel der Weg geebnet: Erstmals wird auch der Seelenzustand des Menschen als Objekt für empirische Studien be­trachtet, wodurch weitreichende Konsequenzen für den Stellenwert des Individu­ums sowie für gesellschaftliche, politische, soziale und philosophische Entwicklungen ausgelöst werden. Aber schon zuvor, in der ersten Hälfte des 18.

Jahrhunderts, ergibt sich mit Einflüssen aus England und Frankreich[5] eine eigen­tümliche Stimmung, die von einer großen, Leib und Seele umfassenden Spanne gekennzeichnet ist:

Das Überhandnehmen einer ganz äußerlichen, nur auf den Genuß gerichteten Weltanschauung trat vielmehr in ausgesprochenen Gegensatz zum deutschen Ernst und Verantwortungsgefühl und zu der deutschen Gründlichkeit [...].[6]

Im Hinblick auf Metamorphosen ist der im Jahr 1763 erschienene Don Sylvio von Christoph Martin Wieland (1733-1813) schon im autobiographischen Sinn für die Anthropologie bemerkenswert: Wieland selbst gelangt zur Zeit der Produktion des Romans über eine Metamorphose zur Orientierung an Shaftesbury, Fielding und Sterne und damit zur Hinwendung an den anthropologischen Roman.[7] Ziel ist es, ausgehend von konzisen Begriffen Metamorphose und Anthropologie zu untersuchen, worin konkret diese Hinwendung besteht. Inwieweit existiert ein Wechselverhältnis zwischen Verwandlungen und mit der ganzheitlichen Betrach­tung des Menschen zu gewinnenden Veränderungen in Seele und Körper? Wie werden zunächst baumelnde, flüchtige Verwandlungsfaden in einen anthropologi­schen Zusammenhang gewebt? Wie werden Immanuel Kants (1724-1804) be­rühmte Frage Was ist der Mensch? und die im Zuge der erst aufkeimenden Anthropologie ergänzte Welch ein Mensch bin ich? beantwortet? [8]

2 Begriffe

Um eine konkrete wissenschaftliche Untersuchung von Metamorphosen im Hin­blick auf die literarische Anthropologie des 18. Jahrhunderts vornehmen zu kön­nen, ist es zunächst erforderlich, die in diesem Umfeld zu verwendenden Begriffe Metamorphose und Anthropologie zu erläutern.

2.1 Metamorphose

Der Begriff Metamorphose ist aus dem griechischen Wort metamorphosis abge­leitet und bedeutet Umgestaltung.[9] Dass mit diesem Wort allein keine eindeutige Definition ermöglicht wird, ist ein Grund für eine existierende Vielfalt an Auffas- sungen.[10] Meist nähert man sich einer Vorstellung über Metamorphose mit Hilfe des hermeneutischen Zirkelschlusses. Das bedeutet, ein bestimmtes Vorwissen zu nutzen, um dann in einem zweiten Schritt über weiterführende Recherche dieses zu revidieren, zu ändern oder zu erweitern, mit dem Ziel, ein tieferes Verständnis zu erhalten.[11] Für diese Arbeit nehmen wir auf diesem Weg die Umgestaltung als konkrete Anschauung denkbare Verwandlung zwischen den Existenzformen [12]

Mensch, Pflanze, Tier oder unbelebte Materie zum Ausgangspunkt. Da mit die­ser Definition Metamorphose auf die Änderung der äußeren Gestalt eingeschränkt wird und damit innere Entwicklungen von vornherein außer Acht gelassen wer­den, die doch so deutlich sein können, dass sie nicht klar von einer Verwandlung in eine andere Form zu trennen sind, wollen wir mit Metamorphose auch den Wechsel der Beschaffenheit bei gleich bleibender äußerer Gestalt in Betracht zie- hen.[13] Diese Auffassung kann auch eine imaginäre[14] Verwandlung beinhalten. Generell kann die Metamorphose nicht losgelöst von den Fragen nach dem Sub­jekt und Objekt der Verwandlung betrachtet werden. In unserem Fall wird auch die Richtung relevant sein.

Ovid (43 v. Chr. - 17 n. Chr.) hat Metamorphosen in Bücher der Verwandlung (Metamorphoseon libri) eindrucksvoll literarisch verarbeitet. Die 15 Bücher er­langen mit der Beschreibung der Entstehung und der Geschichte der Welt in Be­griffen der römischen und griechischen Mythologie auch aufgrund der künstleri­schen Darstellung inniger Verbundenheit des Menschen mit der Natur vorbildhaf- te Bedeutung.[15] Wie sehr schon oder gerade in dieser frühen Veröffentlichung mit Metamorphosen Anthropologie berührt wird, soll der folgende Ausschnitt aus ei­ner Einführung zu Ovids Metamorphoses veranschaulichen:

Der große Strom des Lebens trägt ihn mit, und er deutet sich, was er erfühlt und erkennt, nicht rechnend und abwägend und reflektierend, sondern in Bil­dern schauend und träumend, mit einer Art des Bewußtseins, die uns fremd geworden ist, und mit Organen, die unsere Kulturentwicklung hat verküm­mern lassen. [...]. Es sind Übergänge von einem „Ding“ zum andern mög­lich: die „Seelen“ können die Leiber und Formen tauschen - Metamorphose [16]

2.2 Anthropologie

Anthropologie setzt sich aus den griechischen Wörtern ánthropos (= Mensch) und logos (= Lehre) zusammen und kann somit als Lehre vom Menschen eine erste Vorstellung geben. [17] Entscheidend ist dabei die Betrachtung des Menschen als ein von Leib und Seele gleichermaßen geprägtes Wesen in der Abkehr von der Substanzentrennung nach René Descartes (1596-1650). Statt der Geschiedenheit von sinnlich Erfassbarem und auf Vernunft basierten Erkenntnissen steht die Ein- 18 heit von Körper und Geist (commercium mentis et corporis) im Vordergrund. [18] Differenzierte Betrachtungen existieren hinsichtlich der Ausgestaltung dieser ganzheitlichen Betrachtung des Menschen.[19] Die verschiedenen Ansätze zeigen, wie sehr sich Anthropologie verstärkt ab ca. 1770 etabliert. Für die Literatur als „organisierte^] Verbund von Fiktivem und Imaginärem“ [20] ist an der Anthropolo­gie gerade das Hervorkehren des Individuellen, Besonderen, Privaten, Traumhaf­ten, nicht Bewussten, kurz all dessen, was den einzelnen Menschen in seiner Selbstentwicklung ausmacht, von großer Bedeutung.[21]

Mit Don Sylvio befinden wir uns allerdings kurz vor dieser Zeit. In den Wieland bekannten Werken Anfangsgründe aller schönen Wissenschaften (1748) von Georg Friedrich Meier (1718-1777) und Aesthetica (1750-1758) von Alexander Gottlieb Baumgarten (1714-1762) klingen aber Hinweise auf Subjektivität und Individualität an, die in die Richtung einer Gleichwertigkeit von sinnlicher Wahr­nehmung einerseits und Erkenntnis auf Basis der Vernunft andererseits zeigen. Im Rahmen dieser Arbeit soll insbesondere der Aspekt des gerade verlagerten Schwerpunktes zwischen den Polen Vernunft und Sinnlichkeit beleuchtet werden.

3 Wielands Don Sylvio - Anthropologie entlang metamorphischer Fäden

Im Folgenden soll mit der Frage, inwiefern Metamorphosen in Wielands Roman Don Sylvio zwischen cartesianischem Rationalismus auf der einen Uferseite und der Anthropologie sowie der damit verbundenen Aufwertung der Sinnlichkeit auf der anderen ein Brückenschlag gelingt, Substantialität gewonnen werden.

3.1 Klotho: Leit-Metamorphose als Movens der Anthropologie

3.1.1 Lektüre als auslösendes Moment

In Don Sylvio ist zunächst eine vordergründige Ferne zu einem anthropologischen Diskurs festzustellen. Die an der Schwelle zwischen Frühaufklärung und Emp­findsamkeit noch übliche Trennung von Vernunft und Sinnlichkeit scheint auf­recht erhalten zu sein, um moralische Ansprüche nicht zu gefährden. Ganz zu schweigen wäre danach von einem Spiel, das „das Phantastische im Realen“ [22] platziert, wie es in Metamorphosen oft zum Ausdruck kommt. In der Tat werden Metamorphosen in weite Entfernung vom Autor, der sich nur als ein Herausgeber des Don Sylvio ausgibt und zudem vor einer Veröffentlichung die Fürsprache ei­nes „angesehenen Geistlichen [...] und [...] eines der gelehrtesten und frömmsten Priester in unsrer ganzen Revier“ [23] eingeholt hat, sowie von direkter Verknüpfung natürlicher und übernatürlicher, in weiterem Sinn somit auch vernünftiger und sinnlich zu erfahrender Ereignisse gesetzt.

Wieland findet dennoch einen Weg, Metamorphosen in einer die Wirklichkeit der erzählten Welt insistierenden Weise in den literarischen Text einzubringen. Blickt man nämlich hinter die Romanwelt des schönen Scheins, so ist schnell eine zen­trale Verwandlung auszumachen, die als solche kaum wahrzunehmen ist, weil die verwandelte Figur an der Oberfläche, das heißt im Kontext des als real erschei­nenden Fiktiven, unverändert bleibt, aber in den tieferen Schichten an Kontur ge­winnt. Es handelt sich dabei um die Verwandlung des Don Sylvio in eine Grenzgestalt, in ein être mixte[24], das in seiner Wirklichkeit genauso wie in einer Märchenwelt oder in der mit Vernunft gewonnenen Erkenntnis genauso wie in der Erfahrung über die Sinne beheimatet ist. Eine gesteigerte Einbildungskraft gibt Einblick in Don Sylvios plötzlich zweigeteiltes Wesen:

Solchergestalt schob sich die poetische und bezauberte Welt in seinem Kopf an die Stelle der würklichen, und [...] die Zauberer und Feen waren in seinem System eben so gewiß die Beweger der Natur, als es die Schwehre, [...] und andere natürliche Ursachen in dem System eines heutigen Weltweisen sind [25]

Im „psychophysischen Wechselspiel als Metamorphose“[26] betritt Don Sylvio ne­ben dem ,System eines heutigen Weltweisen‘, zu dem er erzogen wurde [27], ein neues, Sinnlichkeit ansprechendes ,System‘. „Zwischen konkreter Leiblichkeit und abstrakter Geistigkeit ist die Metamorphose der Welt des Fühlens zugeord­net.[28] “ Ein unmittelbarer Zusammenhang zur Anthropologie besteht darin, dass die ,abstrakte Geistigkeit’ im Eingedenken der aus der Lektüre märchenhafter Ge­schichten gewachsenen Welt besteht („[...], sich eben solche Abentheuer zu wün­schen wie diejenige, deren Erzählung ihm in den Mährchen so viel Vergnügen machte. [29] “ ), die Don Sylvios Wirklichkeit travestiert, ihn aus den Fängen der ge­radlinigen ,alten‘ Bahn befreit [30], ihn ,ver-rückt’, mittels der Metamorphose seinen Körper steuert und eine individuelle sowie experimentelle Geschichte in Gang setzt und hält.

Was mit der Lektüre entsteht, folgt dabei einem allgemeinen Muster, das die drei Phasen Abkehr von der Realität, Verwandlung der Wirklichkeit durch die gelese­ne Schöpfung in einen reale und phantastische Erfahrungen vermischenden Traum sowie das Erwachen aus diesem Traum durchläuft. [31] In den ersten beiden für die- ses Kapitel relevanten Phasen treten Einsamkeit [32] und Sehnsucht zur Metamor­phose zusammen. Als verwandelte Person, also bereits im Stadium der wirren Synthese von fiktiver Wirklichkeit und Imagination, beginnt und rechtfertigt Don Sylvio seinen in Abenteuer führenden Weg:

Es ist nicht in meiner Macht, erwiederte die Fee, eine Bezauberung aufzulö­sen, [...]. Dieses Abentheuer ist für dich aufgehoben. [...], und suche den blauen Sommer-Vogel so lange, bis du ihn findest [33]

Diese im Traum empfangene und in die Tat umgesetzte Suche nach dem blauen Sommervogel geschieht nicht nur aus „Liebe zu einer idealischen Princeßin“[34], sondern auch - wie wir später verlässlich erfahren - aus dem Wunsch heraus, sich von wohl situierter Einsamkeit zu entfernen („bestimmen mich in kurzem, diese müßige Landlebens-Art zu verlassen, und auf dem Wege ritterlicher Abentheuer ein anständiges Glück zu suchen.“ [35] ). Die radikale Besinnung auf seine Selbst­entwicklung, auf seinen eigenen Weg wird „gerade durch den metamorphen Pro­zess offensichtlich“[36] und die Suche ist darin vergleichbar mit der nach der ganzen Naturwahrheit, von der später Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) in seinem im Jahr 1782 posthum veröffentlichten Werk Confessions spricht („Ich will vor mei­nesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen [...].“ [37] ). ,Aller Wahrheit der Natur’ entspricht die „zweyfache Art von Würklichkeit“[38], die Don Sylvio einerseits auf Schmetterlingssuche [39] einen blauen Sommervogel verfolgen und ihn dabei ein kostbares Halsband, an dem ein Miniaturbild eines schönen

Mädchens befestigt ist, finden[40] sowie ihn andererseits wenig später in diesem zu­fälligen Aufeinandertreffen der beiden Ereignisse eine Verwandlung der im Mini­aturbild sichtbar gewordenen Prinzessin in den Schmetterling wahrnehmen lässt.[41] Die zentrale Metamorphose Don Sylvios zieht weitere Verwandlungen nach sich. Dieses Vexierspiel führt in den Kern der Anthropologie, denn um es zu verstehen, muss es erst entwirrt werden, und gerade darin gewinnt es an Zielgerichtetheit und Intensität, die in einer Kollision zwischen Sinnlichkeit und Vernunft, in Verzweif­lung, gipfelt[42]. Dies ist in medizinischem Sinn insofern interessant, als spätestens hier Don Sylvios Verwandlung als der Beginn einer , Krankheitsgeschichte’, als Einlieferung des Ich in eine hybride Anstalt, aufgefasst werden kann. Symptome der Krankheit sind nicht nur an der medizinischen Ausdrucksweise, die der Erzäh- 1er zeitweise annimmt, wie „Fieber“[43], „schwindlichtes Gehirn“[44] oder „Disposi­tion“[45] zu erkennen, sondern vor allem daran, dass Don Sylvio seine Wirklichkeit in die Imagination, seine Vergangenheit in die Gegenwart holt, und sich zwischen Zeiten und Welten einen Mikrokosmos aufbaut, als Einheit von Bestimmtem oder Gegebenem und in Verwandlungen samt nebulösem Beiwerk Verhülltem. In die­sem Zustand können folgerichtig konkrete räumliche und zeitliche Angaben von keiner großen Wichtigkeit sein. Vage Erwähnungen wie „[...] in eine ihm ganz unbekannte Gegend verirrt [.. .]“[46] [48] sowie „[...] seine irrende Reise fort, und ruhete von Zeit zu Zeit [...] [47] “ werden später im Prozess der ,Hei1ung’ Don Sylvios von konkreteren ersetzt („[...] von morgens sechs Uhr bis um die Zeit, da die Gesell­schaft sich in einem kleinen Garten-Saal zum Frühstück versammlete [...]“ oder „in dem Walde, der an den Parc von Rosalva gränzt“[49] ). Innerhalb Don Sylvios durch seine Metamorphose vergegenständlichte Vorstellungswelt kann Wieland der Sinnlichkeit die Aufwertung zukommen lassen, die er ihr außerhalb des Mi­krokosmos’ versagt. Dort ist das durch Erziehung entstandene Weltbild, hier aber Don Sylvios starrer anthropologischer Blick, der die Absicht, „dem Menschen einen Ausschnitt der Welt als eigenen Raum vertraut zu machen“[50], in sich trägt. Don Sylvios innere Welt ist gerade in ihrem im „Regulativ der Wahrscheinlichkeit“[51] experimentellen Charakter inmitten einer negierten äußeren Welt. Dies wird besonders begreiflich, wenn mittels des gleichen Wortschatzes aus der Erwartungshaltung der Wirklichkeit vortäuschenden Fiktion in Don Sylvios imaginärer Welt entgegengesetzt priorisiert wird:

[...]


[1] Im Folgenden wird die Kurzbezeichnung Don Sylvio verwendet.

[2] Dorothea Lauterbach: Das befreite und das gefangene Selbst. Zwei Grundfunktionen der Meta­morphose in Erzähltexten der Moderne. In: Fortgesetzte Metamorphosen. Ovid und die ästhetische Moderne. Hg. v. Manfred Schmeling / Monika Schmitz-Emans. Würzburg: Königshausen & Neumann 2010, S. 47.

[3] Dieser Begriff benennt das Themengebiet der Literaturwissenschaft, das sich aus anthropologi­schen Fragestellungen ergibt (Vgl. Jürgen Schläger: Art. Literarische Anthropologie. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Hg. v. Ansgar Nünning: 4. Aufl. Stuttgart: J.B. Metzler 2008, S. 427). Damit einher geht die Auffassung von Literatur als eine Form der Erkenntnis des Menschen (Vgl. Wolfgang Riedel: Art. Literarische Anthropologie. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hg. v. Harald Fricke. Berlin - New York: De Gruyter 2007, S. 432). Detail­lierte Informationen werden in Kapitel 2.2. gegeben.

[4] Ernst Platner: Vorrede. In: Ders.: Anthropologie für Aerzte und Weltweise. Leipzig: Olms 1772, S. IV.

[5] Z. B. John Locke (1632-1704): An Essay Concerning Humane Understanding (1690); Anthony Ashley-Cooper, 3rd Earl of Shaftesbury (1671-1713): An Inquiry concerning Virtue, or Merit (1709); Denis Diderot (1713-1784): Pensées sur l’interprétation de la nature (1754); Henry Field­ing (1707-1754): The History of Tom Jones, a Foundling (1749); Laurence Sterne (1713-1768): The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman (1759) (Vgl. Kindlers Literatur-Lexikon. Hg. v. Heinz Ludwig Arnold. Stuttgart: J.B. Metzler 2009. URL: http://ub -parma.fernuni-hagen.d e:80/F/HMPNLRF7IHG6C63QH9K9V6SJFAQ8K937TNLP26X1UFIJPCRJGF-09809?func=serv ice&doc_library=FUH01&doc_number=000739200&line_number=0006&func_code=WEB-FUL L&service_type=MEDIA (29.06.2013)

[6] Curt Gebauer: Geistige Strömungen und Sittlichkeit im 18. Jahrhundert. Berlin: Volksverband der Bücherfreunde 1906, S. 38.

[7] Vgl. Jutta Heinz: Wieland - Handbuch Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler 2008, S. 129-131.

[8] Vgl. Helmut Pfotenhauer: Literarische Anthropologie. Zur Geschichte der Selbstbiographie. Hg. von FernUniversität in Hagen, Fakultät Kultur- und Sozialwissenschaften. 2013, S. 20. 4

[9] Vgl. Andreas Dorschel: Verwandlung. Mythologische Ansichten, technologische Absichten. Göt­tingen: V&R unipress 2009, S. 9.

[10] Vgl. Christian Zgoll: Phänomenologie der Metamorphose. Tübingen: Narr 2004, S. 23

[11] Vgl. Rüdiger Ahrens: Art. Hermeneutik. In: Metzler Lexikon [Anm. 3], S. 282.

[12] Vgl. Zgoll [Anm. 10], S. 280.

[13] Vgl. ebd. S. 145.

[14] Das Imaginäre und das Fiktive muss in Beziehung zum Realen gesehen werden. Dabei ist Erste- res spontan, willkürlich und wird nicht durch sich selbst, sondern ,von außen‘ in Bewegung ge­bracht, während Letzteres all das negiert und dadurch intentionalen Charakter erhält, dass es Wirklichkeit mit bestimmter Zweckverfolgung wiederholt (Vgl. Wolfgang Iser: Das Fiktive und das Imaginäre. Perspektiven literarischer Anthropologie. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1993 (= stw 1101), S. 15, 20-21, 47, 377).

[15] Vgl. Hermann Breitenbach: Einführung. In: Ovid: Metamorphoses Verwandlungen. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1982 (=9180), S. 10-11.

[16] Ebd., S. 10-11.

[17] Vgl. Johann Georg Walch: Art. Anthropologie. In: Ders.: Philosophisches Lexikon. Leipzig: Gleditchen 1726, S. 106-107.

[18] Vgl. Alexander Kosenina: Literarische Anthropologie. Die Neuentdeckung des Menschen. Ber­lin: Akademie Verlag 2008, S. 13-15. Vgl. Pfotenhauer [Anm. 8], S. 9, 11-12.

[19] Platner legt sein Augenmerk auf die Korrelation von Körper und Geist und zieht dabei die Selbsterfahrung als messbare Größe ins Kalkül (Vgl. Platner [Anm. 4], S. XVI-XVII, XXVI). Im­manuel Kant (1724-1804) sieht in seiner Arbeit Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798) Anthropologie als eine den Menschen bei seiner Entwicklung zu einem vernünftigen Wesen unter­stützende Hilfswissenschaft an (Vgl. Immanuel Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Stuttgart: Reclam 1983 (= Reclams Universal-Bibliothek 7541), S. 29). Dagegen setzt Johann Gottfried Herder (1774-1803) in seiner Abhandlung Vom Erkennen und Empfinden der menschli­chen Seele (1778) den individuellen Menschen über das Vernunftwesen (Vgl. Johann Gottfried Herder: Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele. In: Werke in zehn Bänden, Bd. 4: Schriften zu Philosophie, Literatur, Kunst und Altertum 1774-1787. Hg. v. Jürgen Brummack / Martin Bollacher. Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag 1994, S. 339-340, 365).

[20] Iser [Anm. 14], S. 15.

[21] Vgl. Kosenina [Anm. 18], S. 20, 70. Vgl. Pfotenhauer [Anm. 8], S. 19. Vgl. Monika Schmitz- Emans: Poetiken der Verwandlung. Innsbruck: Studienverlag 2008, S. 45-46.

[22] Dorschel [Anm. 9], S. 10.

[23] Christoph Martin Wieland: Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva. Hg. v. Sven-Aage Jorgensen. Stuttgart: Reclam 2001 (= Reclams Universal-Bibliothek 18163), S. 11. 7

[24] Vgl. Charles Bonnet: Systemtheorie und Philosophie organisierter Körper. In: Ostwalds Klassi­ker der exakten Wissenschaften. Bd. 297. Frankfurt/Main: Deutsch 2005, S.73.

[25] Wieland [Anm. 23], S. 24.

[26] Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts. Mün­chen: Fink 1999, S. 268.

[27] Vgl. Wieland [Anm. 23], S. 21-22.

[28] Clemens Heselhaus: Metamorphose-Dichtungen und Metamorphose-Anschauungen. In: Euphorion 47. Hg. v. Wolfgang Adam. Heidelberg: Winter 1953, S. 122

[29] Wieland [Anm. 23], S. 30.

[30] Vgl. Florian Görner: Das Regulativ der Wahrscheinlichkeit. Zur Funktion literarischer Fiktiona- lität im 18. Jahrhundert. Dissertation. Universität Köln. 2011, S. 208 8

[31] Vgl. Thomas Koebner: Lektüre in freier Landschaft. Zur Theorie des Leseverhaltens im 18. Jahrhundert. In: Leser und Lesen im 18. Jahrhundert. Colloquium der Arbeitsstelle 18. Jahrhundert Gesamthochschule Wuppertal. Heidelberg: Winter 1977, S. 44-45.

[32] Aufgrund der Diversität von Einsamkeit ist es angebracht, dem hier verwendeten Begriff anhand der Defizite von Ereignissen, Tätigkeiten und Erfülltheit eine Vorstellung zu geben (Vgl. Mark­Georg Dehrmann: Produktive Einsamkeit. Studien zu Gottfried Arnold, Shaftesbury, J.G. Zim­mermann, J.H. Obereit und Wieland. Hannover: Wehrhahn 2002, S. 135-136).

[33] Wieland [Anm. 23], S. 57.

[34] Ebd., S. 30.

[35] Ebd., S. 77.

[36] Lauterbach [Anm. 2], S. 47.

[37] Jean-Jacques Rousseau: Bekenntnisse. Frankfurt/Main, Leipzig: Insel 1985, S. 37.

[38] Wieland [Anm. 23], S. 64.

[39] Die Betätigung als Naturforscher an sich zeugt schon von anthropologischem Interesse (vgl. Kosenina [Anm. 18], S. 15; vgl. Dehrmann [Anm. 32], S. 136). 9

[40] Vgl. Wieland [Anm. 23], S. 36.

[41] Vgl. ebd., S. 55. Diese Schmetterlingsverwandlung vom „Aus-der-Haut-Fahren“ (Schmitz- Emans [Anm. 21], S. 22) zum ,In-die-Haut-Schlüpfen‘ (Vgl. Wieland [Anm. 23], S. 437) könnte als Metapher der Metamorphose des Don Sylvio in anthropologischer Hinsicht weiter aufschluss­reich sein, kann aber im Rahmen dieser Arbeit nicht vertieft werden.

[42] Vgl. Wieland [Anm. 23], S. 236-237.

[43] Ebd., S. 40, 96, 101, 231.

[44] Ebd. S. 25.

[45] Ebd., S. 23, 65. Vgl. auch Dehrmann [Anm. 32], S. 136.

[46] Wieland [Anm. 23], S. 37.

[47] Ebd., S. 221.

[48] Ebd., S. 270.

[49] Ebd., S. 435.

[50] Michael Neumann: Metamorphosen der Sage. Eine literaturanthropologische Skizze. In: Heuristiken der Literaturwissenschaft. Disziplinexterne Perspektiven auf Literatur. Hg. v. Uta Klein / Katja Mellmann / Steffanie Metzger. Paderborn: Mentis 2006, S. 203.

[51] Görner [Anm. 30], S. 154.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Wielands "Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva": Anthropologie entlang metamorpher Fäden
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur)
Veranstaltung
Literarische Anthropologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
28
Katalognummer
V232652
ISBN (eBook)
9783656493785
ISBN (Buch)
9783656493709
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die schriftliche Hausarbeit zeigt, dass sich der Verfasser sehr gründlich in den thematischen Horizont der Themenstellung eingearbeitet hat. [...] Insgesamt liegt eine sehr sensible Textanalyse vor, die für den Roman Wielands herausarbeitet, dass er die Anregungen der neuen Anthropologie aufnimmt, aber tradierte Gattungskonventionen auf dem Weg zu einem "anthropologischen Roman" noch nicht vollständig zu überschreiten gewillt ist. Im Rahmen der Prüfung zum Modul "Literarische Anthropologie" liegt eine sehr gute Leistung vor.
Schlagworte
wielands, abenteuer, sylvio, rosalva, anthropologie, fäden
Arbeit zitieren
Frank Tichy (Autor), 2013, Wielands "Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva": Anthropologie entlang metamorpher Fäden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232652

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