Der anomische Selbstmord nach Émile Durkheim

Anhand dreier aktueller Beispiele


Hausarbeit, 2009

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der anomische Selbstmord nach Émile Durkheim
2.1. Ökonomisch bedingt
2.2. Nicht-ökonomisch bedingt

3. Drei aktuelle Beispiele
3.1. Adolf Merckle
3.2. Thierry Magon de La Villehuchet
3.3. Patrick Rocca

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der französische Soziologe Émile Durkheim (1858-1917) befasste sich in seinem zunächst 1897 in Frankreich erschienen Werk „Le suicide“[1] (dt.: Der Selbstmord) mit den Ursachen des Suizids als sozialem Phänomen, einer Tatsache, die für ihn in einer Gesellschaft völlig normal schien bzw. nicht unnormal in dem Sinne, als dass jenes Phänomen nicht allein auf der Individualebene, sozusagen als psychisches, sondern vielmehr makrosoziologisch zu untersuchen sei.[2] Für Durkheim ist ein Selbstmord „jede[r] Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte.“[3] Zusätzlich fielen seine Studien bezüglich des Selbstmordes in eine Zeit, in der er die moderne Gesellschaft in einem Zustand der moralischen Krise, also ungenügender sozialer Ordnung, wähnte, was hinsichtlich seiner Ursachenforschung der verschiedenen sozialen Hauptgründe für Selbsttötungen zu einer Klassifizierung führte, wonach drei Typen zu unterscheiden seien: altruistisch, egoistisch und anomisch.[4]

Mit diesem Letzten will ich mich während dieser Hausarbeit näher befassen, da eine gewisse Tagesaktualität dieser Durkheimschen These im Zuge der internationalen Finanzkrise, deren Auswirkungen seit gut drei Monaten bis zum heutigen Tage und wohl darüber hinaus spürbar sind und sein werden, nicht von der Hand zu weisen ist. Hierzu werde ich zuerst einmal den anomischen Selbstmord nach Durkheim hinsichtlich ökonomischer wie – der Vollständigkeit halber, wenn auch im Zusammenhang mit den weiteren Ausführungen in dieser Arbeit vernachlässigbarer – nicht-ökonomischer Auslöser darlegen, bevor ich anhand dreier zeitgenössischer in- sowie ausländischer Beispiele, welche im jeweiligen Land stark medial dokumentiert wurden und somit gut nachvollziehbar sind, versuchen werde, die Theorie Durkheims auf die Praxis bzw. die Realität des Hier und Jetzt zu übertragen. Hierbei handelt es sich um den Deutschen Adolf Merckle, den Franzosen Thierry Magon de La Villehuchet und den Iren Patrick Rocca, alle drei von den derzeitigen Wirren der internationalen Finanzwelt betroffen.

Da es sich wie bereits erwähnt um zeitgenössische Fallbeispiele handelt, habe ich den Großteil meiner Sekundärliteratur diversen angesehenen europäischen Qualitätstageszeitungen bzw. deren jeweiliger Internetausgabe entnommen.

2. Der anomische Selbstmord nach Émile Durkheim

„Die Gesellschaft ist jedoch nicht nur ein Gegenstand, der mehr oder weniger stark Denken und Handeln der Individuen beansprucht. Sie ist auch eine Macht, die sie bestimmt. Zwischen der Art und Weise, wie sie diese Funktion ausübt, und der sozialen Selbstmordrate besteht ein Zusammenhang.“[5]

2.1. Ökonomisch bedingt

Der Autor weist zunächst auf etliche empirische Beispiele seiner Zeit hin, bei welchen ein dynamischer Wandel im Sinne wirtschaftlicher Krisen innerhalb einer Gesellschaft stattfand, worauf sich die Zahl der Freitode merklich binnen kurzer Phasen steigerte. So führt er unter anderem Krisensituationen wie die Wiener Finanzkrise 1873/’74 mit einem Anstieg von 51 Prozent binnen zwei Jahren oder den Pariser Börsenkrach zu Beginn des Jahres 1882, im Zuge dessen innerhalb eines Vierteljahres eine Steigerungsrate von 59 Prozent zu verzeichnen war, an. Daraufhin stellt Durkheim die Frage in den Raum, ob die Menschen, sofern es schwieriger zu bewältigen geworden sei, leichter auf ihr Leben verzichten und was daraus für Perioden wirtschaftlicher Prosperität zu folgern wäre.[6] Hier jedoch führt er wiederum erstaunliche empirische Ergebnisse an, wonach in verschiedenen Staaten in Zeiten ökonomischen Aufschwungs ebenso deutlich ein Anwachsen der Suizidraten beobachtbar war: 1850 herrschte in Preußen ein historisches Tief bezüglich des Getreidepreises vor, was nach obiger Vermutung zunächst auf sinkende Selbstmordzahlen schließen lassen müsste. Jedoch stieg die Anzahl derer, die sich das Leben nahmen, in einer Spanne von vier Jahren um 17 Prozent; ähnliche Beobachtungen stellte man wenig später in Bayern an. Als Paris 1878 zur Weltausstellung lud, wuchs die Selbstmordrate um 8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr an (und davon 86 Prozent allein im ersten halben Jahr), obwohl mit einer Weltausstellung in der Regel infrastrukturelle und – bedingt vor allem durch die zahlreichen Besucher aus aller Welt – für sehr viele Bereiche einer Stadt finanzielle Verbesserungen bzw. Mittel einhergehen.[7] Neben zahlreichen weiteren Beispielen dieser Art führt Durkheim den Vergleich zwischen armen und reichen Gebieten an; so fand er in Irland und im italienischen Kalabrien, welche damals relativ arm waren, verhältnismäßig weniger Selbstmorde vor als etwa in Frankreich, wo er in einer Auflistung verschiedener Départements feststellte, dass die Suizide höher waren, je mehr Einwohner von ihren Zinsen leben konnten.[8]

Die Zusammenhänge für all dies sieht Durkheim in der Gesellschaft, welcher normalerweise eine das Individuum regulierende Funktion obliegt: da der Mensch nur überleben kann, wenn sich seine Bedürfnisse und Mittel im Einklang befinden, folgt daraus, dass eben jene individuellen Bedürfnisse und Mittel einer externen Abstimmung zu unterliegen haben, da diese sonst nicht effektiv von Statten gehen könne. Der Gesellschaft kommt nun als laut Émile Durkheim einziger von allen Individuen anerkannter übergeordneter Instanz unumgänglicher Weise diese Rolle des Regulierens zu. Diese Instanz muss nun dafür sorgen, dass der grundsätzlich nimmersatte Mensch von außen her in seinen Bedürfnissen gemäßigt wird, da diese ansonsten stets potenzielle Quellen der Qual darstellen; genauso verhält es sich, wenn der Mensch in seinem Tun keinen Sinn sieht oder immerzu scheitert. In beiden Fällen hängt er nicht mehr stark an seinem Dasein.[9]

Üblicherweise wird das zuvorst in Gestalt allgemein gültiger Normen und Moralvorstellungen, im Laufe der Zeit erwachsen und nach denen sich das Individuum in seiner Lebensgestaltung idealer Weise richtet, bewerkstelligt, wodurch auch kleinere Rückschläge verkraftbar bleiben.[10] Diese Normen und Moralvorstellungen sind jedoch ein Stück weit situationsgebunden, und auf der anderen Seite muss der Einzelne selbst auch davon überzeugt sein, die adäquate Position innezuhaben, daher braucht es neben Normen und Werten noch eine andere Reglementierung, wobei zu bedenken ist, dass der Geburtsstand von früher einer relativen Anfangsgleichheit gewichen ist, es allerdings immer noch Unterschiede in ererbten finanziellen und vor allem persönlichen Möglichkeiten wie Intelligenz, Mut, Begabungen usw. gebe. Dies erfordert laut Durkheim eine „moralische Disziplin“[11], welche allen von der Gesellschaft auferlegt ist mit dem Ziel, die Ausgangspositionen individuell zu akzeptieren.

[...]


[1] Durkheim, Émile: Der Selbstmord. Neuwied am Rhein 1973

[2] Vgl. Münch, Richard: Soziologische Theorie 1 (= Soziologische Theorie, Bd. 1). Frankfurt/Main 2002, S. 75

[3] Zit. n. ebd.

[4] Vgl. ebd., S. 74f.

[5] Durkheim, Selbstmord, 1973, S. 273

[6] Vgl. ebd., 1973, S. 273f.

[7] Vgl. ebd., 1973, S. 274ff.

[8] Vgl. ebd., S. 278

[9] Vgl. ebd., S. 279ff.

[10] Vgl. ebd., S. 285

[11] Ebd., S. 286

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der anomische Selbstmord nach Émile Durkheim
Untertitel
Anhand dreier aktueller Beispiele
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V232764
ISBN (eBook)
9783656495956
ISBN (Buch)
9783656496199
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbstmord, durkheim, anhand, beispiele
Arbeit zitieren
Harry Körner (Autor), 2009, Der anomische Selbstmord nach Émile Durkheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232764

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