In ihrem Werk „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“1, welches in seiner Erstausgabe bereits 1966 auf Englisch erschien, behandeln die beiden deutschsprachigen Autoren Peter L. Berger und Thomas Luckmann in drei Hauptkapiteln verschiedene Aspekte der Sinnwerdung von Realitäten für Individuen und sozialen Gruppen innerhalb einer Gesellschaft sowie für die Gesellschaft als Ganzes. Hierbei wird hauptsächlich ein Überblick über die Grundlagen von Wissen im Alltag und die Gesellschaft als objektive sowie als subjektive Wirklichkeit gegeben, wobei innerhalb der einzelnen Kapitel verschiedene Teilaspekte abgehandelt werden. So etwa im ersten der drei Hauptkapitel, den Grundlagen, die Thematik, die mit der Sprache bzw. dem daraus generierten Wissen und ihrer Verwendung in der Alltagswelt zu tun hat.2 Hierauf möchte ich in meiner Proseminararbeit näher eingehen: zunächst soll der Inhalt des relevanten Kapitels „Sprache und Wissen in der Alltagswelt“ kurz dargelegt werden, anschließend werde ich mittels verschiedener Thematiken, die direkt mit Sprache zusammenhängen, aus den beiden mehrsprachigen europäischen Ländern Schweiz und Belgien die unterschiedlichen subjektiven wie objektiven Auffassungen der jeweiligen Identitäten dortiger sozialer Kollektive zu ergründen suchen. Im schweizerischen Kontext wird dabei sukzessive auf die linguistische Prägung von Grundschülern in multilingualem Umfeld, durch Migrationsvorgänge hervorgerufene Bilingualität, Fremdarbeiter und deren linguale Assimilation oder Abgrenzung zur Aufnahmegesellschaft und die speziellen Problematiken einer polyglotten Nation überhaupt eingegangen. Was Belgien anbetrifft, so soll hier ebenfalls beispielhaft erläutert werden, wie sich die Sprachverschiebung von Einwanderern und deren Nachwuchs – also auch in Anbetracht des Generationenverhältnisses – auf die Sprecher selbst auswirkt; zunächst am Beispiel italienischer Immigranten in Wallonien, danach mittels eines kurzen Blickes auf junge Türken im Land. Abgerundet werden soll das Ganze noch durch die verschiedenen Identitätskonflikte frankophoner Jugendlicher in den Vereinigten Staaten und die diversen Arten, mit ihnen umzugehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zusammenfassung des Kapitels „Sprache und Wissen in der Alltagswelt“
3. Thematiken in der Schweiz
3.1. Grundschüler in Freiburg im Üechtland
3.2. Immigranten in Neuenburg
3.3. Linguistische Anpassung und Abgrenzung
3.4. Die Schweiz als viersprachiges Land
4. Thematiken in Belgien
4.1. Italienische Einwandererkinder in Wallonien
4.2. Junge Türken in Belgien
5. Kinder französischer Abstammung in den U.S.A.
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen Sprache, Integration und Identitätsbildung aus einer soziolinguistischen Perspektive. Ziel ist es, die theoretischen Ansätze von Berger und Luckmann zur gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit mit praktischen Fallbeispielen zu verknüpfen, um zu analysieren, wie Sprache Identität stiftet oder Konflikte hervorruft.
- Soziolinguistische Grundlagen der Wissenskonstruktion
- Sprachgebrauch, Diglossie und Akkulturation in der Schweiz
- Identitätskonflikte und Sprachverschiebung bei Migranten in Belgien
- Bikulturelle Identität bei frankophonen Jugendlichen in den U.S.A.
- Einfluss von Mehrsprachigkeit auf soziale Integration
Auszug aus dem Buch
3.3. Linguistische Anpassung und Abgrenzung
„Die Arbeitsimmigranten in einer hochspezialisierten Industriegesellschaft wie der Schweiz stehen in einem Spannungsfeld von Anpassung und Widerstand.“24 Diese Tatsache betrifft auch das (bewusste) Sprachverhalten: Migranten, logischerweise zumeist anderer Muttersprache als jene der Aufnahmegesellschaft, sehen selbst das neue Idiom als Barriere und nicht selten erfahren sie ihre eigene kulturelle Herkunft als im Kontext der Mehrheitsgesellschaft abgewertet, wodurch ein Gefühl der ‚Sprachlosigkeit’ und somit Hilflosigkeit in der Interessenvertretung gegenüber der Aufnahmegesellschaft entsteht.
Im Gegensatz dazu bildet sich allerdings auch eine Art kreatives Sprachpotenzial heraus, wenn es darum geht, sich im Alltag des Aufnahmelandes behaupten zu wollen, was allgemein als Fremdarbeitersprache bezeichnet wird.25 Sich anzupassen bedeutet den Versuch, die neue Sprache zu erlernen. Konträr hierzu kann es aber auch Formen des Widerstands geben, etwa wenn aus der – tatsächlichen oder gefühlten – Ablehnung der Einheimischen und der daraus resultierenden sozialen Ungleichheit heraus erst ein Bewusstsein der eigenen schützenswerten Identität und dann die Bestrebung, diese auch tatsächlich durch Abgrenzung zu erhalten, erwächst.
Wichtig hierbei ist der Begriff der Glottophagie, was soviel wie das bis zu vollständige Absorbieren einer Sprache durch eine andere bezeichnet.26 Im Zusammenhang moderner westlicher Arbeitsemigranten stellt dies das Verhältnis von ‚herrschender’ (also beispielsweise Deutsch in der Deutschschweiz) und ‚beherrschter’ (etwa Griechisch) Sprache dar, wobei das ethnische Selbstverständnis der Fremdarbeiter dazu führt, dass sie je nach Situation entweder absichtlich vermehrt auf ihre Muttersprache zurückgreifen oder in Anlehnung daran ein stark von der jeweiligen Herkunftssprache gefärbtes Deutsch verwenden.27 Die Sprache des Gastlandes wird also willentlich ethnisch markiert und so gleichfalls zur willentlichen Distanzierung von ihm benutzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die soziolinguistische Thematik ein und erläutert die Zielsetzung, Identitätskonflikte in mehrsprachigen Regionen anhand theoretischer Grundlagen zu untersuchen.
2. Zusammenfassung des Kapitels „Sprache und Wissen in der Alltagswelt“: Es werden die zentralen Thesen von Berger und Luckmann zur Objektivation von Wissen durch Sprache und deren Bedeutung für die soziale Wirklichkeit dargelegt.
3. Thematiken in der Schweiz: Dieses Kapitel behandelt die Auswirkungen von Diglossie und Mehrsprachigkeit auf die soziale Identität und Integration von Migranten in Schweizer Städten.
4. Thematiken in Belgien: Hier wird die sprachliche Integration von italienischen Immigranten und jungen Türken untersucht, wobei soziale Faktoren und Herkunft eine wichtige Rolle spielen.
5. Kinder französischer Abstammung in den U.S.A.: Die Studie analysiert das Identitätsgefühl und das sprachliche Verhalten von franko-amerikanischen Jugendlichen im Spannungsfeld zweier Kulturen.
6. Schluss: Der Verfasser resümiert die Bedeutung der Sprache für Identitätsbildung und fordert eine stärker soziolinguistisch fundierte Forschung, die über rein kognitive Ansätze hinausgeht.
Schlüsselwörter
Sprache, Integration, Identität, Soziolinguistik, Diglossie, Wissenssoziologie, Objektivation, Akkulturation, Migranten, Sprachverschiebung, Bikulturalität, Fremdarbeitersprache, Identitätskonflikt, Schweiz, Belgien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Proseminararbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen Sprache, Integration und der Bildung von Identität aus einer soziolinguistischen Perspektive.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Sprachsituation in der Schweiz, in Belgien sowie auf frankophone Jugendliche in den USA unter Einbeziehung soziologischer Theorien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu analysieren, wie Sprachwahl und sprachliche Anpassungsprozesse subjektive Wirklichkeitsmodelle und soziale Identität von Individuen beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretisch fundierte Analyse, die bestehende Literatur und Fallstudien (u.a. von Berger/Luckmann, Lüdi/Py, Manço) heranzieht und diese miteinander vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Wissenssoziologie und eine darauffolgende Anwendung auf diverse europäische und nordamerikanische Fallbeispiele zur Migration.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem die „gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“, Diglossie, Glottophagie, Assimilation und der Identitätskonflikt.
Was besagt die Theorie von Berger und Luckmann in Bezug auf Sprache?
Sprache wird als ein System aus vokalen Zeichen verstanden, das soziale Tatsachen objektiviert und damit erst eine gemeinsame Wirklichkeit in der Alltagswelt ermöglicht.
Welche Rolle spielt die Diglossie in der Schweizer Fallstudie?
Die Diglossie erschwert teilweise die Kommunikation zwischen den Bevölkerungsgruppen und beeinflusst die Integration, da sie Identitätsgrenzen schafft und das Verständnis der Hochsprache erschweren kann.
Wie unterscheidet sich die Integration junger Türken in Belgien von der der Marokkaner?
Junge Türken profitieren laut der Arbeit von einer höheren identifikatorischen Einheitlichkeit innerhalb ihrer Gemeinschaft, während Marokkaner eine größere sprachliche Vielfalt und unterschiedliche Integrationsstrategien aufweisen.
Was ist das zentrale Fazit des Autors?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Sprache einen massiven Einfluss auf die soziale Ebene hat und dass rein kognitive Theorien um soziolinguistische Beobachtungen erweitert werden müssen, um heutige Migrationsgesellschaften zu verstehen.
- Arbeit zitieren
- Harry Körner (Autor:in), 2008, Sprache, Integration und Identität. Eine soziolinguistische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232771