Netzwerke: Japan und Korea im Vergleich

Wandel der Arbeitsgesellschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

48 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Theorie der Netzwerke
2.1 Die Formen der Netzwerkanalyse
2.2 Die Theorie der Netzwerke - soziologische Aspekte
2.2.1 Entstehung und Entwicklung der Netzwerkforschung
2.2.2 Der Netzwerkbegriff, wichtige Merkmale und Ebenen
2.2.3 Netzwerke - eine systemtheoretische Perspektive
2.2.4 Das Soziale Netzwerk
2.2.5 Unternehmensnetzwerke

3 Japan
3.1 Die japanische Gesellschaft
3.1.1 Sozio-kulturelle Strukturen
3.1.1.1 Nippoismus - Shintoismus
3.1.1.2 Die konfuzianische Ethik
3.1.1.3 Die Clan-Mentalitat
3.1.2 Die Integration des japanischen Unternehmens in die Gesellschaft
3.2 Das japanische Unternehmen
3.2.1 Das Ideal des Familienunternehmens
3.2.2 Die Entwicklung der kaishain
3.2.3 Wichtige Werte im Unternehmen
3.2.4 Die Philosophie des kaizen
3.3 Die japanische Netzwerkstruktur

4 Korea
4.1 Die Gesellschaft Sudkoreas
4.1.1 Konfuzianismus
4.1.2 Die Wirtschaftsethik des Konfuzianismus
4.1.3 Familiarismus
4.2 Netzwerke in Korea
4.2.1 Die Chaebol
4.2.1.1 Entstehungsgeschichte
4.2.1.2 Die Rolle des Staates

5 Ergebnisse des Vergleichs

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Vergleich von Netzwerken, insbesonderer der in Sudkorea und Japan, ist Gegenstand dieser Arbeit. Dabei sollen die Struktur, die Grunde fur ihr Entstehen und die Intention bzw. das Interesse fur ihr Entstehen erlautert werden. Wo konnen Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufgedeckt werden. Die Beantwortung dieser Frage bzw. Aufgabe setzt sich aus mehreren Teilaspekten zusammen. Dies sind:

1. die gesellschaftlichen Hintergrunde;
2. der Einfluss des Konfuzianismus bzw. anderer Religionen;
3. die Unternehmensstruktur bzw. -mentalitat;
4. der Einfluss bzw. Stellenwert der Familie, sowohl in der Gesellschaft als auch in der Unternehmensfuhrung; und
5. die Rolle bzw. der Einfluss des Staates.

Bevor jedoch die Analyse beider Lander im Einzelnen erfolgen kann, ist es wichtig einige theoretische Grundlage zu benennen und zu erlautern. Dies erfolgt im ersten Kapitel der Arbeit. Dabei werden zunachst die Formen der Netzwerkanalyse dargestellt und anschlie- Bend wird auf die Theorie der Netzwerke eingegangen.

In den Kapiteln zwei (Japan) und drei (Korea) ergeht dann eine ausfuhrliche Darstellung der Gesellschaft und ihren Strukturen und der Netzwerk(e)(-entwicklung).

Das vierte Kapitel beschaftigt sich mit einigen Punkte, welche Unterschiede zwischen Japan und Korea aufzeigen. Hier werden insbesondere die Punkte Netzwerke, Familie, Konfuzianismus und Unternehmen und Familie behandelt.

AbschlieBend wird im Fazit nochmals ein Gesamtbild der Ergebnisse vermittelt.

2 Zur Theorie der Netzwerke

Eine eher soziologische Definition des Begriffs ,Netzwerk“ ist: „network, ist ein Graph aus einer endlichen Menge Knoten, der durch Kanten zwischen diesen (evtl. auch mit Ausgangs- als Endknoten, „Schleifen“) zusammenhangt".[1]

Diese Definition lasst sich sowohl auf soziale als auch auf wirtschaftliche Netzwerke ubertragen, da sie sehr allgemein formuliert ist. In den nachstehenden Abschnitten wer- den zuerst vier Formen der Netzwerkanalyse dargestellt. Anschliefiend wird die Theorie der Netzwerke erlautert, dies erfolgt aus der soziologischen Perspektive, der Punkt der ,,Unternehmensnetzwerke“ geht dabei auch auf okonomische Teilaspekte ein, wobei auch hier die Soziologie eine Rolle spielt. Es ist demnach ein Punkt, welcher aus der Sicht der Wirtschaftssoziologie betrachtet wird.

2.1 Die Formen der Netzwerkanalyse

Nach Perkmann[2]konnen vier Ansatze der Netzwerkanalyse unterschieden werden, dies sind[3]:

1. der formale Netzwerkansatz - versteht die Netzwerkanalyse primar als Methode zur Bestimmung von Beziehungsstrukturen zwischen Einheiten und Akteuren; im Zentrum steht die exakte Abbildung von internen Netzwerkstrukturen[4]; kritisch ist, dass dieser Ansatz auf einer deskriptiven Ebene verbleibt, so dass keine Beruck- sichtigung der gesellschaftlichen Dynamik erfolgt;

2. die Transaktionskostentheorie - ist der Kern der Neuen Institutionellen Okonomie, „im Mittelpunkt steht die Frage nach der Wahl der effizientesten Organisationsform des Austausches von Gutern und Diensten zwischen den Individuen[5]; Netzwerke stellen (aus Transaktionskosten-Minimierungs-Kalkulen) rational handelnder Ak- teure resultierende effizienteste Organisationsform dar und werden als hybride Or- ganisationsformen zwischen Markt und Hierarchie verstanden; allerdings bleiben die nicht-okonomischen sozialen Voraussetzungen okonomischer Institutionen und Netzwerke unterbelichtet;

3. die qualitative Netzwerkanalyse - resultiert aus dem Defizit der Transaktionskos- tentheorie; „wesentlich ist die Einbettung okonomischer Transaktionen in soziale Beziehungen“[6]; somit stehen die Kontextbeziehungen (Vertrauen, Normen, Werte, die „social embeddeness“) im Mittelpunkt[7]; Netzwerke werden daher (unter sozio- okonomischen Bedingungen bzw. unter dem Aspekt der Innovation) als leistungs- starke Organisationsformen angesehen;

4. die Politikforschung - beschaftigt sich mit dem Problem der Politikproduktion in Hinsicht auf optimale Wohlstandseffekte; Netzwerke werden in Hinblick auf ih- re Leistungsfahigkeit fur die Politikproduktion thematisiert, bei der auch steue- rungstheoretische Fragen wichtig sind; „Netzwerke gelten vor dem Hintergrund zu- nehmender Ausdifferenzierung und Komplexitat (Begriffserlauterung siehe Kapitel 2.2.3)von Gesellschaft ebenfalls als eine problemadaquate zukunftige Organisati- onsform, als Alternative zum Markt und zur Hierarchie“[8]

2.2 Die Theorie der Netzwerke - soziologische Aspekte

In diesem Abschnitt werden zunachst die Entwicklungsstadien der soziologischen Netz- werkforschung kurz dargestellt. Anschliefiend erfolgt die Erlauterung des Netzwerkbe- griffs, der entsprechenden Merkmale und der dazugehorigen Netzwerkebenen. Des Weite- ren werden die Netzwerke und ihre Strukturen aus der Sicht der Systentheorie betrachtet.

2.2.1 Entstehung und Entwicklung der Netzwerkforschung

Die Analyse von sozialen Netzwerken hat ihren Ursprung in der britischen Social An­thropology. „Es erforscht die Einbettung von Akteuren in Beziehungsgeflechte unter- schiedlichen Inhalts und unterschiedlicher Form und versucht, die Konsequenzen dieser Netzwerke fur das Handeln der Akteure wie auch die Entwicklung der Netzwerke selbst herauszuarbeiten.“[9]Sie entstand in den funfziger Jahren als eine Erganzung bzw. Gegen- bewegung zum Strukturfunktionalismus. Das Interesse des Strukturfunktionalismus lag auf dem standartisierten und verfestigten Rollenverhalten von sozialen Gruppen, insbe- sondere auf Verwandtschaftsbeziehungen.[10]

Die Begrunder der Netzwerkanalyse waren J.A. Barnes, A.L. Epstein und J.C. Mitchell. Weitere Anregungen kamen von M. Gluckmann und V.W. Turner. Sie arbeiteten in den vierziger bis sechziger Jahren im Rhodes - Livingstone Institut in Nord-Rhodesien (heuti- ges Sambia). Einige Mitglieder wurden in den funfziger und sechziger Jahren nach Man­chester gerufen. Dort wurde das Netzwerk als „Manchester-Schule“ institutionalisiert.[11]

Die Netzwerkanalyse setzte dort an, wo der Strukturfunktionalismus keine Ergebnisse hervorbrachte. Nicht nur Verwandtschaftsbeziehungen pragen das soziale Leben, son- dern auch ethnische und regionale Zugehorigkeiten, Beziehungen unter Arbeitskollegen, Nachbarschaft, Bekanntschaft und/oder Freizeitkontakte bilden ebenso wichtige Kompo- nenten.[12]Somit erkannten „Mitchell, Epstein und ihre Mitarbeiter, dass sie das schwach strukturierte, flexible Verhalten von Akteuren in ihre Untersuchungen aufnehmen muss- ten, wenn sie ihren Forschungsgegenstand adaquat abbilden wollten.“[13]Es wurde ver- sucht „aus den formalen Merkmalen des Netzwerkes das Handeln der Akteure zu erkla- ren“[14].

In den sechziger Jahren wandten sich die britischen Ethnologen vom Strukturfunktiona­lismus ab und dem franzosischen Strukturalismus zu. Die Netzwerkanalyse wurde mit dem alteren Paradigma des Strukturfunktionalismus assoziert und somit auch aus der bri­tischen Ethnologie verdrangt. Allerdings erhielt sie in den siebziger und achtziger Jahren einen neuen Antrieb durch die amerikanische Ethnologie. Dort knupft auch die heutige Netzwerkforschung an.[15]

Wie schon erwahnt, basiert die heutige Netzwerkforschung auf den Weiterentwicklun- gen in der amerikanischen Ethnologie, demnach lasst sich die Analyse von Netzwerken wiefolgt darstellen[16]:

1. wird sie als allgemeiner Forschungsrahmen zur Strukturanalyse von fluchtigen und verfestigten Beziehungen in Sozialsystemen interpretiert;

2. bilden formale Analysen den wichtigsten Teil (es handelt sich dabei nicht um ad hoc Entwicklungen), diese empirisch reicheren Modelle wurden zusammen von Ethno­logen und Mathematikern entwickelt, ein Beispiel ist das UNICET Programm;

3. lassen sich zwei empirische Schwerpunkte der heutigen Netzwerkforschung nen- nen:

(a) die Erfassung komplexer und diffuser Sozialstrukturen - „Dies sind Netzwer- ke, die durch Verschachtelung oder Uberlappung mehrerer Beziehungen in der Menge der Akteure charakterisiert sind.“[17];

(b) die Mikro - Makro - Verflechtungen - „Hier geht es um die Art und Weise wie lokale Einheiten in ubergeordnete regionale und nationale Einheiten sowie Weltsysteme eingebunden sind.“[18]

Somit vertritt die heutige Netzwerkforschung einen breiten strukturellen Forschungsan- satz, welcher sich mit Fragen der Sozial-, Wirtschafts-, politischen und Stadtethnologie befasst.[19]

2.2.2 Der Netzwerkbegriff, wichtige Merkmale und Ebenen

In dieser Passage werden einige Defintionen bzw. Auffassungen zum Begriff Netzwerk vorgestellt, des Weiteren werden wichtige Merkmale und die Ebenen eines Netzwerkes benannt und erlautert.

Es existieren mehrere Netzwerkbegriffe, zu dem genannten (Kapitel 2) werden nachste- hend weitere Definitionen aufgefuhrt.

,Netzwerke gelten allgemein als Beziehungsgeflechte von Personen und Systemen, in de- nen Austauschprozesse vollzogen werden.“[20]

„Unter einem „Netzwerku ist eine Menge an Akteuren zu verstehen, die untereinander durch Beziehungen verbunden sind. Individuen, Haushalte, Familie, Zweckverbande, an- dere soziale Gruppen, lokale oder regionale Einheiten bilden typischerweise die Akteure ethnologischer Netzwerkanalysen. Charakteristische Beziehungen in der Menge dieser Akteure sind u.a. Verwandtschaft, Freundschaft, Informationsaustausch, Arbeitsleistun- gen, Transaktion materieller Ressourcen, politische Hilfeleistungen und Machtausubung, Unterstutzung in Krisensituationen.“[21]

„Osterloh und Weibel (2001, S. 88f.) bestimmenNetzwerke als sogenannte „Ressourcen- interdependenzen“. Sie entstehen durch die gemeinsame Nutzung knapper Ressourcen, deren Besitzrechte unklar definiert sind. Daraus ergeben sich Steuerungsbedarfe in Bezug auf die gemeinsame Schaffung eines Ressourcenpools und dessen Nutzung. Netzwerke laufen dabei Gefahr das Thema „Ressourcen“ nicht ausreichend bewaltigen zu konnen.“[22]

Institutionalisierte Netzwerke (Kooperationsverbunde, welche gemeinsame Ziele und so- mit auch eine innere Ordnung besitzen und uber eine zeitlich begrenzte Kontinuitat ver- fugen[23]) sind altuistisch angelegt und erbringen gemeinwohlorientierte Leistungen. Des Weiteren werden ihnen essentielle Eigenschaften zugeschrieben.

Dabei handelt es sich um folgende Netzwerkmerkmale:

1. „Zielg ale Kooperation und Komplementaritat - Die Kooperation verlauf zielori- entiert und ist gekennzeichnet durch komplementaren (arbeitsteiligen/interdiszipli- naren) funktionalen Ressourceneinsatz. Gemeinsame Zielgerichtetheit, Kooperati­on, Aushandeln und Konsensorientierung sowie Interessenausgleich spielen eine zentrale Rolle.

8. Ressourcen - Netzwerke stellen Ressourcenbundel dar, um Ressourcen fur eine Or­ganisation, fur spezifische Adressaten oder ein Gemeinwesen zu produzieren. Das setzt voraus, dass sich Netzwerke einen eigenen Ressourcenpool schaffen, den es dann zu verteilen gilt. Mit Ressourcenbundelung ist die Erwartung an Synergieef- fekten verbunden.

9. Beziehungsorientierungen - Sympathie, personliche Kooperationsfahigkeit, Ver- trauen, Transparenz, direkte Kommunikation und Konfliktfahigkeit spielen in Netzwerken eine zentrale Rolle, ebenso Diskurskultur, horizontale Interaktion, geteilte Verantwortung, Integration und Identitat mit dem Netzwerk.

10. Kommunikation - Zentrales Medium fur das Funktionieren von Netzwerken ist Kommunikation.

11. Wissen - Der Zugriff auf unterschiedliches Erfahrungs- und Fachwissen der Akteu- re, wie uberhaupt Wissensspeicherung spielt eine wichtige Rolle.

12. Zeit - Netzwerke haben einen zeitokonomischen Anspruch. Durch direkte Kom­munikation und direkten Zugriff auf Know-how, durch Verzicht auf burokratische Entscheidungswege und durch Entscheidungskompetenzen sollen Problemlosun- gen auf zugigem Wege zustande kommen.

13. Personality - Die personale Komponente , d.h. die Personen des Netzwerkakteurs spielt eine zentrale Rolle, weil uber die jeweiligen Akteure Informationen, Know­how und Kontakte in das Netzwerk eingebracht werden und etwaige Netzwerkam- bivalenzen ausbalanciert werden mussen.

14. Umweltabhangigkeit - Netzwerke sind in Bezug auf ihre Aufgaben und Resourcen- zufuhr von ihrer Umwelt abhangig.“[24]

Des Weiteren existieren vier Netzwerkebenen, welche nachstehend aufgefuhrt werden:

1. die fachliche Ebene - Herausbildung interner und externer Netzwerke von Profes- sionellen (Bsp.: Netzwerke innerhalb eines Wohlfahrtsverbandes bzw. verbands- ubergreifende Netzwerke); das Ziel ist die Erarbeitung von Konzepten und Pro- blemlosungen durch gemeinsame Nutzung von Informationen und Wissensbasen;

2. die Organisationsebene - diese Ebene bezieht sich auf multiprofessionelle Binnen- netzwerke; die Netzwerke entstehen innerhalb der Organisation und arbeiten ziel- gerichtet an Aufgaben; die Akteure gehoren zu unterschiedlichen Bereichen der Or­ganisation, sind aber unter einem Dach versammelt und orientiren sich am gleichen Leitbild und an der allgemeinen Zielsetzung;

3. die Gemeinwesenebene - diese betrachtet bereichsubergreifende Netzwerke, wel- che eine hohe Komplementaritat aufweisen; das Ziel ist Kooperationsverbunde zu bilden, welche gemeinsam Probleme und Bedarfe bearbeiten, um die Nutzung ver- schiedener Kompetenzen und Wissensbasen und die Abstimmung von gemeinsa- men Aktivitaten zu ermoglichen; die Akteure sind, aufgrund der hohen Differenz, dazu aufgefordert sich auf gemeinsame Ziele und Vorgehensweisen zu verstandi- gen;

4. die politische Ebene - in diesem Fall handelt es sich bei Arbeitskreisen und Gremi- en um Netzwerke; zum einen sind die Adressaten mit ihren Anliegen vertreten und zum anderen geht es um die Vertretung berufspolitischer Interessen der Professio- nellen, sowie um die Interessenvertretung dem Tragerverband und den Kostentra- gern gegenuber.[25]

2.2.3 Netzwerke - eine systemtheoretische Perspektive

In der Soziologie liegt ein Netzwerkansatz vor, welcher als eine „universelle“ Metho- de zur formalen Analyse von Sozialstrukturen beschrieben werden kann.[26]„Handelnde beziehen sich danach in ihrem Handeln stets auf konkrete andere Handelnde und tre- ten auf diese Weise immer schon in soziale Beziehungen zueinander, die ihr Handeln „einbetten“.“[27]Demnach beschreiben Netzwerke die „Struktur der Einbettung des Han- delns in soziale Beziehungen und damit soziale Strukturen“[28]. Somit konnen Netzwer­ke aber auch nicht ganzlich von anderen Formen sozialer Strukturbildung (Organisatio- nen/Interaktionen) unterschieden werden.[29]

Die Betrachtung von Netzwerken aus einer systemtheoretischen Sicht ist allerdings auch moglich. In diesem Fall erfolgt die Konkretisierung der Problematik von sozialstrukturel- len Entwicklungen auf der Ebene der Gesellschaftstheorie. Dies bedeutet, dass sich die Klarung im Kontext der modernen, funktional differenzierten Gesellschaftstheorie voll- zieht. Dies wiederum impliziert, dass die Betzwerkbildung Strukturen funktionaler Diffe- renzierung erfordert.[30]

Der Ansatz, dass Netzwerke sich uber reflexive Kombination von Adressen[31]herausbil- den, kann durch den sozialtheoretischen Netzwerkansatz erschlossen werden. Diese re­flexive Herstellung von Netzwerken setzt jedoch die „Freigabe sozialer Beziehungen aus durchgreifenden gesellschaftlichen Konditionierungen (und damit Bedingungen funktio­naler Differenzierung) voraus“[32]. Diese Konditionierungen basieren „auf der sinnlogi- schen Ausdifferenzierung und Automatisierung gesellschaftlicher Teilbereiche“[33](siehe die „differenztheoretische Tradition von Marx uber Weber und Parson zu Luhmann“[34]).

Nach Luhmann geraten die Individuen mit der sinnlogischen Ausdiffrenzierung der Ge- sellschaft in einen „Inklusionssog von Funktionssystemen“[35]und werden dann durch Or- ganisationen/Interaktionen selektiv konditioniert. Somit ist eine funktionale Differenzie- rung nur moglich, wenn die Individuen eine Position auf der Grundlage der Freisetzung aus standischen Bindungen einnehmen und unter eingeschrankten Merkmalen an den aus- differenzierten Kontexten der Kommunikation (partielle Inklusion) teilnehmen.[36]Dar- aus folgt wiederum, dass in modernen Gesellschaften, aufgrund von Systemkontexten, entschieden wird unter welchen Kriterien Individuen zu Adressaten fur Kommunikation werden und wann fur sie die Inklusion bzw. die Exklusion im Kommunikationsverlauf einsetzt.[37]

„Die Schaltstelle, an der sich netzwerk- und systemtheoretische Beschreibungen deutlich trennen, bildet also die Frage, ob die soziale/gesellschaftliche Teilnahme von Individuen primar uber sozialstrukturelle Positionen und Bindungen (Netzwerk) oder primar uber kommunikative Sinnbezuge (Systeme) geregelt ist.“[38]

Somit lasst sich feststellen, dass die sozialtheoretische Netzwerktheorie auf dem Primat der sozialen Adressen beruht, hingegen die Systentheorie auf dem Primat der sachlichen Problemstellungen.[39]Beide Theorien mussen sich hier allerdings nicht trennen, da die Einsicht, dass Netzwerke dem Primat der Adressen folgen in der Systemtheorie ange- schlossen werden kann. Dieser Primat der Adressen gilt dann lediglich fur Netzwerke und nicht fur die Funktions- und Organisationssysteme in modernen Gesellschaften.[40]

„Soweit die Struktur der modernen Gesellschaft primar auf funktionaler Differenzierung beruht, sind Netzwerkbildungen [...] Formen sekundarer Systembildung. Netzwerkbil- dungen setzen an Beobachtungen der Kombinierbarkeit von Adressen an und konstitu- ieren sich unter dem Gesichtspunkt der uber Adressen zuganglich werdenden Optionen und Moglichkeiten. Die Komplementaritat von System und Netzwerk weist bereits dar- auf hin, dass das treibende Motiv der Netzwerkbildung in den Potentialen zu sehen ist, die mit der Verknupfung von heterogenen, in unterschiedlichen Sinn- und Systemkontexten generierten Moglichkeiten verbunden sind und zugaglich werden konnen.“[41]

Des Weiteren konnen sowohl das Netzwerkmanagement als auch die -steuerung einer sys- temtheoretischen Sicht unterzogen werden. Zunachst sind die Begrifflichkeiten zu klaren, unter Netzwerkmanagement und -steuerung versteht man:

1. Netzwerkmanagement - „richtet sich auf die zielgerichtete Organisation und Steue­rung von Kooperationsverbunden im Kontext ihrer Umwelteingebundenheit; da- mit gehen Fragen der Selektion der Partner, von Ressourcenmanagment, Struktur- und Prozessmanagment, Beziehungs-, Konflikt-, Kontrakt- und Wissensmanage- ment einher; ebenso Fragen nach der Evaluation und Weiterentwicklung des Netz- werkes“[42];

2. Netzwerksteuerung (dieser Begriff ist prozessorientiert) - „meint in diesem Sin- ne die Steuerung interorganisationaler Netzwerke, behalt aber auch die Steuerung einzelner, in das Netzwerk eingebundener Organisationen im Blick; die zentrale Steuerungsaufgabe besteht darin die Ziele, Umweltbedingungen, Akteurshandlun- gen/Gruppendynamiken, Ressourcen, strukturelle Vorgehensweisen so aufeinander abzustimmen, dass das Netzwerk funktioniert und brauchbare Ergebnisse entwi- ckelt werden“[43].

Weiterhin lasst sich feststellen, dass institutionalisierte Netzwerke autopoietische Syste- me[44]sind.[45]Aufgrund dieser Struktur sind sie offen (auf die Umwelt hin angelegt) und bezuglich der inneren Organisationsweise hin geschlossen. Der Austausch zwischen dem Netzwerk und der Umwelt wird somit durch die Organisationsweise des Systems festge- legt. Daraus folgt wiederum, dass es sich bei Netzwerken um selbstreferenzielle[46]Ein- heiten handelt. Entsprechend nimmt die Umwelt Einfluss auf die internen Prozesse, die Verarbeitung der externen Beeinflussungen folgt den Logiken des Systems. Daher kommt Luhmann zu dem Schluss, dass die Systeme einer Selbststeuerung aufgrund der Auto- poiesis unterliegen. Somit ist „Netzwerksteuerung ein Balanceakt zwischen Selbst- und Fremdsteuerung“[47].

Abschliefiend lasst sich feststellen, dass „systemisches Netzwerkmanagement und syste- mische Steuerung auf die Entwicklung supportstarker institutionalisierter Netzwerke, un­ter Berucksichtigung der Selbstorganisation und Autopoiesis von Netzwerken, wie auch der Faktoren Komplexitat[48] und Kontingenz[49]“ zielen.[50]

Letzlich bleiben die vier zentralen Aufgaben des Netzwerkmanagement bzw. der -steuerung zu nennen:

1. muss es geeignete Rahmenbedingungen schaffen, welche die Netzwerkarbeit mog- lich machen (Ressourcen, klare Aufgaben/Ziele, geeignete Strukturen, Ablaufe und Regeln);

2. gibt es dem Netzwerk und seinen Mitgliedern Unterstutzung durch Deutungsange- bote in Bezug auf die gruppendynamischen Prozesse, bezuglich vorhandener Pro- bleme und Bewaltigungsmoglichkeiten;

3. gibt es Hilfe bezuglich Kohasion, Vertrauensbildung und Kooperation; und

4. ist das Netzwerk mit Hilfe geeigneter Instrumente bei den Problemlosungen, den Aufgabenbewaltigungen und der Weiterentwicklung zu unterstutzen.[51]

Des systemtheoretische Ansatz der Netzwerktheorie spielt in der Praxis der Okonomie eine besonders wichtige Rolle.

2.2.4 Das Soziale Netzwerk

Die Definition von Sozialen Netzwerken lautet im Lexikon zur Soziologie wie folgt: „social network, das Modell eines Netzwerks, dessen Knoten soziale Aktoren (Personen, Grup- pen) und dessen gerichtete Kanten die Verhaltnisse der Aktoren zueinander abbilden. Zur Vereinfachung werden oft unbestimmte Relationen als symmetrische (dargestellt durch ungerichtete Kanten) unterstellt. Seine Analyse befasst sich mit der Netzwerkdichte, der Aktorerreichbarkeit (reachability), der Mehrwertigkeit (multiplexity) von Verhaltnissen u.a.m. und wird bei grofieren Netzwerken (Matrixdarstellung geboten) rasch kompliziert (Grofirechner vonnoten). Die gegenseitige Beeinflussung zwischen dem Aktor und sei- nem s.n. N. wurde vor allem in der Stadtethnologie und -soziologie untersucht.“[52]

[...]


[1] Fuchs-Heinritz u. a. (1994), S. 463

[2] Hellmeru.a. (1999), S. 55

[3] Vgl. Hellmer u. a. (1999), S. 55-56

[4] Vgl. u.a. Pappi (1987), zit. nach Hellmer u. a. (1999), S. 55

[5] Hellmeru.a. (1999), S. 55

[6] Hellmeru.a. (1999), S. 56

[7] Vgl. Granovetter (1985), zit. nach Hellmer u. a. (1999), S. 56

[8] Hellmeru.a. (1999), S. 56

[9] Schweizer (1988), S. VII

[10] Vgl. Schweizer (1988), S. 5

[11] Vgl. Webner (1984), zit. nach Schweizer (1988), S. 6

[12] Vgl. Schweizer (1988), S. 6

[13] Mitchell (1969), zit. nach Schweizer (1988), S. 6

[14] Schweizer (1988), S. 7

[15] Vgl. Schweizer (1988), S. 9

[16] Vgl. Schweizer (1988), S. 9-11

[17] Harary und Batell (1981), zit. nach Schweizer (1988), S. 10

[18] Schweizer (1988), S. 11

[19] Vgl. Schweizer (1988), S. 11

[20] Miller (2005), S. 107

[21] Schweizer (1988), S. 1

[22] Schweizer (1988), S. 108

[23]Vgl. Faulstich (2002), zit. nach Miller (2005), S. 108

[24]Miller (2005), S. 109

[25] Vgl. Miller (2005), S. 110

[26] Vgl. Trezzini (1998), zit. nach Bommes u. Tacke (2006), S. 39

[27] Granovetter (1985), zit. nach Bommes u. Tacke (2006), S. 39

[28] Bommes u. Tacke (2006), S. 39

[29] Vgl. Bommes u. Tacke (2006), S. 39

[30] Vgl. Bommes u. Tacke (2006), S. 40

[31] „Eine soziale Adresse ist ein in der Kommunikation fur Kommunikation erzeugtes Zurechnungsarte- fakt, ein mehr oder weniger ausgearbeitetes Profil aus Eigenschaften und Verhaltensweisen, mit dem personalisierte Andere in der Kommunikation identifiziert und ausgestattet werden und mit dem die Kommunikation als Unterstellung operiert.“; Vgl. Luhmann (1995b); Fuchs (1997), zit. nach Bommes u. Tacke (2006), S. 43-44

[32] Bommes u. Tacke (2006), S. 41

[33] Bommes u. Tacke (2006), S. 41

[34] Bommes u. Tacke (2006), S. 41

[35] Luhmann (1997), zit. nach Bommes u. Tacke (2006), S. 41

[36] Vgl. Bommes u. Tacke (2006), S. 41-42

[37] Vgl. Bommes u. Tacke (2006), S. 42

[38] Bommes u. Tacke (2006), S. 42

[39] Vgl. Bommes u. Tacke (2006), S. 42

[40] Vgl. Bommes u. Tacke (2006), S. 42

[41] Bommes u. Tacke (2006), S. 43

[42] Miller (2005), S. 111

[43] Sydow und Windeler (2001a), zit. nach Miller (2005), S. 111

[44] „Ein autopoietisches System erzeugt selbst die Elemente, aus denen es besteht, durch Verknupfung zwischen den Elementen, aus denen es besteht.“; Krause (2001), S. 25

[45] Vgl. Miller (2005), S. 111

[46] Systeme, „die nach ihren eigenen internen Logiken operieren, und gleichzeitig die Moglichkeit haben, sich selbst zu beobachten und interne Elemente neu zu arrangieren und zu erganzen.“; Miller (2005), S. 112

[47] Vgl. Luhmann (1997), Bd. 1, zit. nach Miller (2005), S. 112

[48] „[...] als Gesamtheit der sinnhaften Möglichkeiten des Erlebens und des Handelns bestimmt (Sinn), dann als systemselektive Gesamtheit möglicher Ereignisse als Element spezifiziert und abschließend durchgängig folgendermaßen definiert: Komplex ist eine solche systemselektive Menge von Elementen, bei der nicht mehr jedes Element mit jedem anderen Element verknüpfbar wird. [...]“; Krause (2001), S. 157

[49] „Negation von Notwendigkeit und Unmöglichkeit. Der Begriff von K. bezeichnet nicht die Einheit der Differenz von Wirklichkeit und Möglichem, sondern nur die von Möglichkeit und Unmöglichkeit des Wirklichen. Er generalisiert auf sinnhafte Möglichkeiten des Erlebens und Handelns hin und distanziert dabei von Wirklichem als nur bestimmt Möglichem. [...]“; Krause (2001), S. 160

[50] Vgl. Miller (2005), S. 112

[51] Vgl. Miller (2005), S. 112

[52] Fuchs-Heinritz u. a. (1994), S. 463

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Details

Titel
Netzwerke: Japan und Korea im Vergleich
Untertitel
Wandel der Arbeitsgesellschaft
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Soziologie)
Veranstaltung
Wandel der Arbeitsgesellschaft
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
48
Katalognummer
V232776
ISBN (eBook)
9783656497868
ISBN (Buch)
9783656497998
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
netzwerke, japan, korea, vergleich, wandel, arbeitsgesellschaft
Arbeit zitieren
Adeline Funke (Autor), 2005, Netzwerke: Japan und Korea im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232776

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