Die prekäre Situation gehörloser Menschen im Alten- und Pflegeheim

Eine Analyse mithilfe der Isolationstheorie nach Jantzen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einführung

2 Methode der Literaturrecherche

3 Die Lebenswelt der gehörlosen Menschen
3.1 Wer ist gehörlos?
3.2 Die Gebärdensprache
3.3 Die Kultur der Gehörlosen

4 Gehörlosigkeit: Ein sozialer Prozess
4.1 Die Isolationstheorie nach Jantzen
4.2 Die drei wesentlichen isolierenden Bedingungen
4.2.1 Überstimulation
4.2.2 Widersprüchliche Informationen (double bind)
4.2.3 Sensorische Deprivation

5 Zusammenführung von Theorie und Praxis

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Bei gehörlosen älteren Menschen die in Pflege- und Altenheimen betreut werden, bleiben kommunikative Bedürfnisse meist unberücksichtigt. Dadurch steigt die Gefahr der sozialen Isolation und Vereinsamung, die bei den Betroffenen zu schweren psychischen Problemen führen kann. In der Hausarbeit wird dieser Prozess untersucht und es werden Vorschläge für Heimbetreiber und Pflegekräfte erarbeitet, um diesen Zustand zu verbessern. Grundlage für die Untersuchung ist die Isolationstheorie nach Jantzen.

1 Einführung

Der Bedarf an professioneller Pflege gewinnt in Deutschland immer mehr an Bedeutung. Durch die zunehmende Alterung der Bevölkerung und der damit einhergehenden Zunahme chronischer Krankheiten steigt das Lebensrisiko pflegebedürftig zu werden (Pick, 2004: 9). Seit der ersten Erhebung war auf Bundesebene durchgängig ein Anstieg bei der Zahl der Pflegebedürftigen zu beobachten: Sie betrug im Jahr 1999 ungefähr 2,02 Millionen und stieg auf 2,25 Millionen im Jahr 2007 an (Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2010: 21). Im Dezember 2011 waren 2,50 Millionen Menschen im Sinne des Sozialgesetzbuches XI (SGB XI) pflegebedürftig (Pfaff, 2013). Während die Zahl der pflegebedürftigen Menschen weiter ansteigen wird, sinkt die Zahl an informellem Pflegepotential. Aufgrund des demographischen Wandels steigt die Anzahl von älteren Menschen, die alleine leben. Durch diesen Trend, den Anstieg der Erwerbsquote von Frauen und durch die wachsende Mobilität gibt es immer weniger Pflegemöglichkeiten innerhalb der Familien (Kaul et al., 2009: 231). Mit dieser Entwicklung steigt der Versorgungsbedarf durch ambulante Pflegedienste und stationäre Pflegeeinrichtungen. So ist gegenüber 1999 die Zahl der in Heimen betreuten Pflegebedürftigen um rund 24 % (+ 136 000) und die Zahl der durch ambulante Dienste Versorgten um 21 % (+ 89 000) gestiegen, während die Pflege durch Angehörige um 1 % (+ 6 000) nur im geringen Maße zunahm. Durch diese Entwicklung sank auch der Anteil der in häuslicher Umgebung Versorgten von knapp 72 % im Jahr 1999 über 69 % (2003) auf rund 68 % im Jahr 2007 (Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2010: 22). Durch den demographischen Wandel wächst auch die Gruppe älterer und alter Menschen mit besonderem Unterstützungs- und Hilfebedarf: umgangssprachlich als „Menschen mit Behinderungen" bezeichnet. Sie haben es generell schwerer, ihr eigenes Leben zu meistern und das Alter stellt sie vor zusätzliche Herausforderungen. Den für die Sozialplanung zuständigen Behörden ist diese Entwicklung und die damit einhergehenden Anforderungen bewusst, aber nicht unbedingt in ihrem ganzen Ausmaß. Ebenso wenig sind die Anbieter im Bereich der Behinderten- und Altenhilfe auf die besonderen Bedürfnisse dieser wachsenden Generation vorbereitet. Somit stehen die Gesellschaft und die Anbieter von Altenpflege und Eingliederungshilfe vor besonderen Herausforderungen (Köhncke, 2009: 4). Speziell auf die Situation von gehörlosen Menschen sind Alten- und Pflegeeinrichtungen nicht adäquat vorbereitet. So stellt eine wissenschaftliche Untersuchung zur Situation gehörloser Menschen im Alter (SIGMA) fest, dass Altenheime, die nicht speziell auf die Bedingungen gehörloser Bewohner eingestellt sind, den kommunikativen und kulturellen Bedürfnissen gehörloser Menschen nicht gerecht werden. Insbesondere die unberücksichtigten kommunikativen Bedürfnisse sehen die befragten Mitarbeiter der Einrichtungen und die Experten als Problem, da dadurch die Gefahr der sozialen Isolation und Vereinsamung ansteigt, die bei den Betroffenen zu schweren psychischen Problemen führen kann (Kaul et al., 2009: 92).

Zielsetzung der Arbeit

Die Hausarbeit beleuchtet die spezielle Situation gehörloser Bewohner im Alten- und Pflegeheim. Insbesondere die isolierenden Bedingungen gehörloser Menschen werden in der vorliegenden Arbeit mit Hilfe der Isolationstheorie nach Jantzen aufgezeigt. Des Weiteren werden die wichtigsten Maßnahmen abgeleitet, die Alten- und Pflegeheimbetreiber sowie Pflegekräfte ergreifen können, um die Situation gehörloser Bewohner zu verbessern.

Aufbau der Arbeit

Nach der Einleitung wird das methodische Vorgehen zu der Erstellung dieser Hausarbeit beschrieben. Anschließend erfolgt ein Einblick in die Lebenswelt gehörloser Menschen. Es wird dargestellt, welche Personengruppe als gehörlos bezeichnet wird, welche Bedeutung die Gebärdensprache für sie darstellt und welche besondere Rolle die Gehörlosenkultur in deren Leben einnimmt. Das dritte Kapitel beschreibt den sozialen Prozess der Gehörlosigkeit mit Hilfe der Isolationstheorie nach Jantzen. In dem Kapitel wird die Theorie kurz erläutert sowie die drei wesentlichen isolierenden Bedingungen beschrieben. Im Anschluss werden Maßnahmen für die praktische Arbeit mit gehörlosen älteren Menschen im Alten- und Pflegeheim erläutert. Das darauffolgende Kapitel setzt ein Fazit.

2 Methode der Literaturrecherche

Der Schwerpunkt der Literaturrecherche lag auf der Suche nach Fachbüchern und Zeitschriftenartikel die sich mit gehörlosen Menschen, sozialer Isolation und der Isolationstheorie nach Jantzen beschäftigen. Über die Datenbank „CareLit“ und dem Online-Katalog (OPAC) der Fachhochschule Frankfurt am Main wurden mit den Stichwörtern „gehörlos“ und „Gehörlosigkeit“ relevante Treffer erzielt. Zusätzlich erfolgte eine Onlinerecherche über die Suchmaschine "Google" sowie auf den Seiten von Gehörlosenverbänden und auf Informationsportalen für Gehörlose (z.B. www.taubenschlag.de). Außerdem wurde in der deutschen Nationalbibliothek nach deutschsprachigen Veröffentlichungen zum Thema gehörlose Menschen/ Gehörlosigkeit, soziale Isolation und materialistische Behindertenpädagogik gesucht.

3 Die Lebenswelt der gehörlosen Menschen

Um den gehörlosen Menschen im Alten- und Pflegeheim adäquat zu begleiten und zu unterstützen, ist es erforderlich, die Lebenswelt gehörloser Menschen genauer zu betrachten. Neben medizinischen Aspekten müssen im wesentlichen sprachliche und psychosoziale Merkmale berücksichtigt werden.

3.1 Wer ist gehörlos?

Die medizinische Sicht von Gehörlosigkeit bezieht sich vor allem auf die Art und Schwere des Hörverlustes. Somit ist Gehörlosigkeit keine gesonderte Hörstörung, sondern beruht auf einem hochgradigen Schalempfindungsschaden. Mit anderen Worten: Die sensorische oder neurale Schwerhörigkeit bedeutet im ausgeprägtesten Fall eine praktische Taubheit oder Gehörlosigkeit. Diese extremste Form, bei der keinerlei Hörreste mehr vorhanden sind, ist jedoch sehr selten und tritt nur dann auf, wenn der Hörnerv oder das primäre Hörzentrum stark geschädigt ist (Leonhardt, 2002: 50). Aus der Sicht der Hörgeschädigtenpädagogik ist ein Mensch gehörlos, wenn bereits im frühen Kindesalter (prä-, peri- oder postnatal) vor Abschluss des Lautspracherwerbs eine so schwere Schädigung des Gehörs vorliegt, dass seine Funktionstüchtigkeit hochgradig bis total beeinträchtigt ist (Leonhardt, 2002: 77). Infolgedessen kann die Lautsprache nicht natürlich auf auditiv-imitativem Weg entwickelt werden. Dennoch sind auch Gehörlose in der Lage die Lautsprache zu erwerben um dadurch lautsprachlich unter Ausnützung des Absehens zu kommunizieren. Die dominierende Rolle bei der Sprachauffassung Gehörloser hat dabei der visuelle Bereich, der vom auditiven Bereich unterstützt wird (Leonhardt, 2002: 77). Der Begriff Gehörlosigkeit wird jedoch auch – dies insbesondere von den Betroffenen selbst – als Kultur verstanden und bezieht sich auf die Gehörlosengemeinschaft, mit der sich jemand identifiziert. Diese Gruppe umschließt Menschen mit durchaus verschieden stark ausgeprägten Hörverlusten und ist charakterisiert durch die Verwendung der Gebärdensprache (Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.).

3.2 Die Gebärdensprache

Die Gebärdensprache ist eine eigenständige, visuell wahrnehmbare Sprache, die insbesondere von gehörlosen und stark schwerhörigen Menschen genutzt wird, um miteinander zu kommunizieren. Sie besteht aus kombinierten Zeichen (Gebärden), die überwiegend mit den Händen, in Verbindung mit Mimik und Mundbild (lautlos gesprochene Wörter oder Silben) und zudem über die Körperhaltung gebildet wird. Gebärdensprachen sind als eigenständige und vollwertige Sprachen anerkannt. Jedes Land hat seine eigene nationale Gebärdensprache. Sie verfügen über eine eigene Grammatik, die sich von der Lautsprache der gut Hörenden des jeweiligen Landes grundlegend unterscheiden. Daher lässt sich Gebärdensprache nicht Wort für Wort in Lautsprache übersetzen. In Deutschland wird die Deutsche Gebärdensprache (DGS) genutzt (Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.). Sie ist mit dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) seit 2002 offiziell als vollwertige Sprache anerkannt. So lautet der § 6 BGG:

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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die prekäre Situation gehörloser Menschen im Alten- und Pflegeheim
Untertitel
Eine Analyse mithilfe der Isolationstheorie nach Jantzen
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V232834
ISBN (eBook)
9783656501954
ISBN (Buch)
9783656502005
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Isolation, isolierende Bedingungen, Jantzen, Isolationstheorie nach Jantzen, Pflegeheim, Altenheim, Altenpflege, Gehörlos, Taub, Vereinsamung
Arbeit zitieren
Christian Schneider (Autor), 2013, Die prekäre Situation gehörloser Menschen im Alten- und Pflegeheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232834

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