Literaturverfilmungen stellen, bereits seit kurz nach der Vorstellung der ersten „bewegten Bilder“ im Jahre 1895 durch die Brüder Lumiere, eine wichtige Schnittstelle zwischen dem Medium „Film“ und der literarischen Vorlage, dem „Buch“, dar. Gerade zu Beginn der Filmproduktion wurde vielfach auf bekannte Klassiker der Literatur zurückgegriffen.
Eine gelungene Literaturverfilmung zu schaffen ist ein herausforderndes und spannendes Unterfangen. So kann der Leser beim Lesen eines Romans seine Fantasie ohne Einschränkungen entfalten und den durch Wörter entstandenen Raum selbst gestalten. Doch versucht nun jemand diesen entstandenen Raum durch einen Film mit seinen eigenen Eindrücken und Bildern zu füllen, wird oft nicht jeder Leser damit zufriedengestellt. Noch wichtiger sind die handelnden, dargestellten Personen. Eine Atmosphäre „nur“ mit filmischen Mitteln so darzustellen wie man sie in einer literarischen Vorlage wahrnimmt, bedarf eines gewissen Geschicks. Sind im Roman beispielsweise die Gedanken und Sorgen einer Figur beschrieben, so muss dies in einem Film durch entsprechende Handlungen, Mimik oder Verhalten umgesetzt werden. Oftmals nimmt sich der Regisseur hierfür Freiheiten und Abänderungen heraus, um eine möglichst entsprechende Atmosphäre zu schaffen, wie er sie subjektiv beim Lesen des Romans wahrgenommen hat.
Diese Arbeit will dies am Beispiel der „Erschaffungsszene“ in Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ und anhand des Filmes „Frankenstein“ von James Whale untersuchen. Die Wahl fiel auf diese Verfilmung, da sie die erste populäre Tonverfilmung des Romans darstellt, die auf einem gleichnamigen Bühnenstück von Peggy Webling basiert.
Gerade in dieser Verfilmung gibt es starke, jedoch interessante Abweichungen von der literarischen Vorlage, da sich hier auf ausgewählte Handlungsstränge konzentriert wurde. Hierdurch könnten interessante Darstellungsweisen entstanden sein:
Erzählt der Film die Geschichte so, wie sie von Mary Shelley in ihrem Roman angelegt wurde? Ist es möglich durch die unterschiedlichen medialen Darstellungsformen eine übereinstimmende Atmosphäre hervorzurufen? Diese Arbeit untersucht die Fragen zur Schaffung der filmischen sowie der literarischen Atmosphäre.
Basis der Untersuchung stellen primär der Originaltext des Romans „Frankenstein or The Modern Prometheus“ von Mary Shelley von 1818 in Englischer Sprache und der Film „Frankenstein“ des Regisseurs James Whale von 1931 dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorstellung der Autorin und des Regisseurs
2.1 Mary Shelley
2.2 James Whale
3. Vergleich der unterschiedlichen Handlungsführungen und Analyse der Abweichungen
3.1 Kurze Inhaltsangabe des Romans
3.2 Handlungsverlauf des gewählten Filmausschnitts im Vergleich zum entsprechenden Kapitel im Roman
4. Mediale Analyse anhand des ausgewählten Kapitels des Romans und des ausgewählten Filmabschnitts
4.1 Analyse ausgewählter literarischer Mittel des ausgewählten Romanausschnitts
4.1.1 Die Gestaltung der Erzählsituation
4.1.2 Die Raumgestaltung
4.1.3 Die Handlungsführung
4.2 Analyse der Mittel bei der filmischen Umsetzung des ausgewählten Romanausschnitts
4.2.1 Die Analyse des Narrativen
4.2.2 Analyse des Visuellen
4.2.3 Analyse des Akustischen
5. Kritische Auseinandersetzung mit der filmischen Umsetzung der literarischen Vorlage
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht vergleichend die Darstellung der „Erschaffungsszene“ in Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ (1818) und der Verfilmung von James Whale (1931). Das Ziel ist es zu analysieren, wie die unterschiedlichen medialen Voraussetzungen – das geschriebene Wort versus die filmische Inszenierung – eingesetzt werden, um die spezifische Atmosphäre und Spannung dieses zentralen Wendepunkts zu erzeugen.
- Vergleich zwischen literarischer Vorlage und filmischer Adaption
- Analyse der medialen Gestaltungsmittel (Narrative, Visuelle und Akustische)
- Untersuchung der Atmosphärenerzeugung durch Sprache und Filmtechnik
- Kritische Bewertung der filmischen Umsetzung des Stoffes
Auszug aus dem Buch
4.2.2 Analyse des Visuellen
Als Film des Genres des Horrorfilms kommt die schwarz-weiße Farbgestaltung dem Film zugute, da durch das Fehlen von Farben eine düsterere und angsteinflößendere Atmosphäre geschaffen wird. Im Film findet sowohl die offene als auch die geschlossene Bildgestaltungsform Anwendung. Es werden verschiedene Kameraeinstellungsgrößen verwendete, um bestimmte Sachverhalte in Szene zu setzten. Dies war zu der damaligen Zeit (1931) eine noch nicht übliche Methode. Beispielsweise werden häufig Gesichtsausdrücke im Close-up gezeigt, wodurch die Gefühlsregungen der Charaktere deutlich wahrnehmbar sind.
Besonders gut ist dies in 18:35 zu erkennen: Der Kameraausschnitt zeigt nur Frankensteins Gesicht, welches den Wahnsinn und die Besessenheit von seiner Idee widerspiegelt. Ebenso zu sehen in der Sequenz von 19:01-19:05, in der in kurzen Einstellungen nur die Gesichter der drei Besucher zu sehen sind, nachdem sie von Frankenstein gefragt worden sind, ob sie wirklich eintreten wollen. Bei dem Professor und Frankensteins Freund ist hier starke Entschlossenheit zu erkennen. Bei Elizabeth jedoch lässt sich erkennen, dass diese Entschlossenheit stark vermischt mit Furcht ist. Ein besonders bemerkenswertes Bild bzw. Kameraeinstellung des Filmes stellt die Close-up Einstellung auf die Hand des gerade erwachenden Monsters in 23:46 dar. Der Zuschauer ist hier sehr gespannt, ob das Experiment wohl geglückt ist. Auffällig ist hier, dass der Regisseur das Monster nicht etwa sofort hat hochschrecken lassen. Es wird deutlich mehr Spannung erzeugt durch die geringe Zuckung der Hand, die schon das Ausmaß des Horrors erahnen lässt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Literaturverfilmung und die spezifische Fragestellung des Vergleichs zwischen Roman und Film am Beispiel der Erschaffungsszene.
2. Vorstellung der Autorin und des Regisseurs: Biografischer Abriss zu Mary Shelley und James Whale sowie deren jeweilige Hintergründe im Kontext ihrer Schaffensphasen.
3. Vergleich der unterschiedlichen Handlungsführungen und Analyse der Abweichungen: Kurze Inhaltsangabe des Romans und Gegenüberstellung des gewählten Filmausschnitts mit dem literarischen Kapitel.
4. Mediale Analyse anhand des ausgewählten Kapitels des Romans und des ausgewählten Filmabschnitts: Detailuntersuchung der literarischen Mittel (Erzählsituation, Raum, Handlung) und der filmischen Mittel (Narrativ, Visuelles, Akustisches).
5. Kritische Auseinandersetzung mit der filmischen Umsetzung der literarischen Vorlage: Reflexion über die Adaption von Literatur in ein anderes Medium und die spezifische Wirkung der „Erschaffungsszene“.
6. Fazit: Zusammenfassende Erkenntnis, dass der Film das Monster visualisieren kann, was dem Roman vorenthalten bleibt, und dass Whale aus einer literarischen Randnotiz einen spektakulären Höhepunkt schuf.
Schlüsselwörter
Frankenstein, Mary Shelley, James Whale, Literaturverfilmung, Erschaffungsszene, Horrorfilm, Medienvergleich, Atmosphäre, Visuelle Gestaltung, Erzählsituation, Filmgeschichte, Klassiker, Moderne Prometheus, Adaptation, Inszenierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert und vergleicht die Erschaffungsszene von Frankensteins Kreatur in der Romanvorlage von Mary Shelley und der 1931 erschienenen Filmversion von James Whale.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum steht der Vergleich der medialen Umsetzung, insbesondere wie Atmosphäre und Spannung durch literarische Mittel gegenüber filmischen Stilmitteln erzeugt werden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll untersucht werden, ob der Film die im Roman angelegte Geschichte beibehält und ob beide Medien in der Lage sind, eine übereinstimmende Atmosphäre bei der Erschaffung der Kreatur zu evozieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Autorin nutzt eine medienvergleichende Analyse, bei der sowohl literaturwissenschaftliche Aspekte (Erzählperspektive, Raumgestaltung) als auch filmwissenschaftliche Kategorien (Kameraeinstellungen, Ton, visuelle Gestaltung) angewandt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte mediale Analyse, in der das fünfte Kapitel des Romans und der entsprechende Filmabschnitt (13:36 bis 24:16 Min.) systematisch hinsichtlich ihrer Gestaltungsmittel gegenübergestellt werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Literaturverfilmung, Horrorfilm-Genre, mediale Adaption, Atmosphärenerzeugung und Visualisierung von Literatur definieren.
Warum wurde gerade die Verfilmung von James Whale gewählt?
Diese Wahl fiel, da es sich um die erste populäre Tonverfilmung des Romans handelt, die als Referenzwerk für das Genre des Horrorfilms gilt.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Darstellung der Erschaffung?
Das Fazit lautet, dass der Film das, was der Roman nur sprachlich andeutet, durch visuelle Spektakularität und Geräuschkulissen auf einen spannungsgeladenen Höhepunkt treibt, der den Begriff „Frankenstein“ maßgeblich geprägt hat.
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- Nora Klutzny (Author), 2013, Analyse einer Literaturverfilmung: Frankenstein, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232930