Dawkins Memtheorie

Rezeption der Memtheorie von Michael Pye und Maurice Bloch im Vergleich


Hausarbeit, 2009

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. R. Dawkins- Meme, die neuen Replikatoren

3. M. Pye- Memes and Models in the Study of Religions

4. M. Bloch- a well-disposed social anthropologist’s problems with memes

5. Vergleich

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es gibt viele verschiedene Ansätze in der fachlichen Auseinandersetzung mit Kultur oder wie diese zu definieren ist. Abhängig vom jeweiligen Fach, wie beispielsweise Kulturwissenschaft, Anthropologie oder Sozialwissenschaft sind verschiedene Schwerpunkte und Verständnisse des Themas vorzufinden. Im Folgenden soll auf einen Ansatz, dem der Meme, näher eingegangen werden. Dieser ist aus evolutionsbiologischem, d.h. naturwissenschaftlichem Hintergrund entstanden. Um andere Sichtweisen mit einzubeziehen, wird auf die Rezeption innerhalb der Religionswissenschaft sowie der Anthropologie eingegangen. Dazu wird zunächst die Originaltheorie von Dawkins vorgestellt, dann deren Aufnahme bei Michael Pye und Maurice Bloch, um schlussendlich die beiden letztgenannten miteinander zu vergleichen.

2. R. Dawkins- Meme, die neuen Replikatoren

Richard Dawkins ist 1941 in Nairobi geboren, studierte in Oxford Biologie und ist seit 1970 Dozent für Zoologie an selbiger Universität. Bekannt ist er als Darwinist und Religionskritiker, vor allem durch seine Bücher „The Selfish Gen“ (1976) und „God Delusion“ (2007).[1]

Textgrundlage der folgenden Auseinandersetzung ist das elfte Kapitel des Buches „Das egoistische Gen“, welches 1976 unter dem Originaltitel „The Selfish Gen“ veröffentlicht wurde. Hier entfaltet Dawkins die Theorie der Selektion von Genen, bzw. der Konkurrenz einzelner Genabschnitte und Chromosomen. Er bezeichnet diese als egoistisch, da sie sich gegen andere Gene durchgesetzt haben, um überleben zu können. Letztlich sei der Mensch eine „Gen-Überlebensmaschine“[2].

Dawkins schreibt recht anschaulich und auch für den interessierten Laien verständlich, dennoch handelt es sich nicht um ein rein populärwissenschaftliches Werk. Bei der Darlegung der Memtheorie führt er immer wieder Vergleiche zu den bereits erklärten Genen an, oder wertet theoretische Darlegungen durch Beispiele und Bilder aus Natur und Alltag auf.

Er setzt in diesem Kapitel bei der Besonderheit des Menschen an, dieser sei unter anderen Lebewesen aufgrund der Kultur einzigartig. Hier findet sich schon der erste Vergleich zu seinen genetischen Ausführungen, etwa wenn er sagt, dass die kulturelle Übermittlung der genetischen Vererbung ähnlich ist, d.h. sie sei im Wesentlichen konservativ, habe aber das Potential zur Evolution. Diese Eingangsthese wird anhand eines Beispiels verdeutlicht. Menschen aus einem Sprachraum mit einer zeitlichen Distanz von mehreren Generationen können sich unter Umständen nicht verständigen, obwohl die einzelnen Glieder der Kette jeweils ein Vater-Sohn Verhältnis haben können. Sprache - und somit Kultur entwickelt sich auf nichtgenetische Weise.[3] Zudem führt Dawkins hier die Vogelgesangforschung von P.F. Jenkins an, aus welcher man eine „kulturelle Mutation“ ableiten könne, die Veränderung und gar Neuentstehung von Melodien zeige die Entwicklung kultureller Komponenten.[4]

Unter kultureller Evolution versteht Dawkins die Entwicklung und Veränderung von „Mode bei Kleidung und Kost, Zeremonien und Brauchtum, Kunst und Architektur, Ingenieurwesen und Technologie“[5]. Diese wirke zwar wie eine extrem schnelle genetische Evolution, habe in Wirklichkeit jedoch nichts mit dieser zu tun, auch wenn Gemeinsamkeiten, wie ein progressiver Verlauf und Entwicklunssprünge, zu erkennen seien.

Obwohl Dawkins bekennender Darwinist ist, übt er Kritik an Theorien, in welchen biologische Vorteile als Grundlage kultureller Evolution angeführt werden und wendet sich somit gegen eine Rückführung auf die Gruppenselektion. Das Gen sei nicht die einzige Grundlage der Evolution, der Darwinismus allerdings auf andere Bereiche übertragbar, wobei das Gen als Vergleich bzw. Analogie verwendet werden könne. Gene sind Replikatoren, was sie zu etwas Besonderem mache.[6] Die Grundlage des Lebens ist das Überleben von sich replizierenden Einheiten, die in diesem Fall Gene sind, grundsätzlich aber auch etwas anderes sein können. Andere Replikatoren können aus einem neuen Urmeer, der „‘Suppe‘ der menschlichen Kultur“[7] stammen. Diesen neuen Replikator nennt Dawkins „Mem“, ein Neologismus, der dem Klang nach dem Wort Gen nachempfunden ist, aus dem Griechischen (mimsthai) stammt und „nachahmen“ bedeutet. Ebenso wäre es aus dem Lateinischen (memoria) oder Französischem (même) in der Bedeutung „Gedächtnis“ und „gleich“ abzuleiten. Als Beispiele von Memen werden „Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermode, die Art, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen“[8] genannt. Die Verbreitung der Meme erfolge im Mempool analog zu der der Gene im Genpool, mithilfe des Prozesses der Imitation. Dabei gebe es Memsprünge von Gehirn zu Gehirn, wie bei den Genen eine Übertragung der Spermien von Körper zu Körper Grundlage ist. So breite sich beispielsweise der Gedanke eines Wissenschaftlers von Gehirn zu Gehirn aus, da er diesen entweder in Gesprächen oder in Publikationen immer wieder äußert und so von anderen aufgenommen wird. Um Meme zu definieren gibt Dawkins ein Zitat seines Kollegen N.K. Humphrey wieder:

„... Meme ... als lebendige Strukturen verstanden werden, nicht nur im übertragenen sondern im technischen Sinne. Wenn jemand ein fruchtbares Mem in meinem Geist einpflanzt, so setzt er mir im wahrsten Sinne des Wortes einen Parasiten ins Gehirn und macht es auf genau die gleiche Weise zu einem Vehikel für die Verbreitung des Mems, wie ein Virus dies mit dem genetischen Mechanismus einer Wirtszelle tut... Und dies ist nicht einfach nur eine Redeweise- das Mem für, nehmen wir z.B. einmal an, ‚den Glauben nach dem Tod‘ ist tatsächlich physikalisch verwirklicht- Millionen von Malen besteht es als eine bestimmte Struktur in den menschlichen Nervensystemen auf der ganzen Welt‘.“[9]

Ein Beispiel hierfür ist für Dawkins die „Idee ‚Gott‘“[10]. Diese sei sehr alt, die genaue Herkunft unklar, wahrscheinlich bestehe sie aber aus mehreren unabhängigen Mutationen. Die Replikation habe durch das Wort, sowohl mündlich als auch schriftlich, stattgefunden. Den hohen Überlebenswert, also den Wert für ein Mem im Mempool erhielt sie durch die hohe psychische Anziehungskraft, vergleichbar mit der Placebo-Pille. Das bedeutet, dass Gott in der Gestalt eines Mems mit hohem Überlebenswert bzw. hoher Ansteckunsfähigkeit existiert.

Dawkins betont, dass die genetische Evolution nur eine mögliche, keinesfalls aber die einzige Art der Evolution ist. Die natürliche Auslese finde man auch bei den Memen, einige sind sehr kurzlebig und sterben wieder aus, andere halten sich extrem lang. Eigenschaften die zu einem hohen Überlebenswert führen sind, wie bei Genen auch, Langlebigkeit, Fruchtbarkeit und Wiedergabetreue. Eine geringe Langlebigkeit hatte beispielsweise der Pfennigabsatz, eine enorm hohe dagegen die religiösen Gesetze der Juden. Fruchtbarkeit sei aber ohnehin viel wichtiger als Langlebigkeit, weshalb es auch nicht bedeutend ist, dass das jüdische Gesetz eher eine Ausnahme darstellt.[11] Die Wiedergabetreue bzw. Kopiergenauigkeit scheine von den Genen abzuweichen, da diese partikelweise unter ständiger Mutation und Mischung wiedergegeben werden, die Meme aber in veränderter Gestalt. Allerdings sei dies nur ein Scheinwiderspruch, da auch bei den Genen nur der Eindruck einer Mischung entsteht. Tatsächlich bleiben die einzelnen Partikel bestehen, wie Dawkins am Beispiel der Mischung aus schwarz- und weißhäutigen Menschen demonstriert.[12]

Ein weiterer Analogieschluss ist der vom Genkomplex, welcher aus mehreren genetischen Einheiten besteht, zum Memkomplex. Dieser bestehe auch aus einzelnen Memen, die sich zusammenschließen. Dabei sei die Grenzziehung zwischen einem Mem und einem Memkomplex zwar schwierig aber doch möglich. So könne man schon bei einer einzelnen Phrase aus der Neunten Symphonie von einem Mem sprechen, wenn diese charakteristisch und einprägsam ist. Ein Gedankenmem ist somit „eine von einem Gehirn auf ein anderes übertragbare Einheit“[13]. Wenn in einem Gedankenkomplex Unterschiede existieren, dann sind diese nicht Teil des Mems, als Mem kann man nur die Gedanken bezeichnen die von allen geteilt werden, sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner. Es besteht auch die Möglichkeit, dass mehrere Meme gekoppelt sind, dann wären diese zu einem Mem zusammengefasst.

Dawkins stellt sich Meme als aktive Handlungsträger vor, wobei er betont, dass es sich hier um eine Metapher handelt. Es bestehe eine Memkonkurrenz, jedes möchte überleben, in diesem Sinne könne man von Eigenschaften wie eigennützig oder rücksichtslos im Bezug auf Meme sprechen. Die Rivalität der Meme bestehe hauptsächlich um Zeit, denn das menschliche Gehirn kann nur eine Sache oder wenige gleichzeitig tun. Ebenso geht er von einem ko-adaptierten Satz sich gegenseitig unterstützender Meme aus. So habe sich beispielsweise das Mem der Idee des Höllenfeuers mit dem Gott-Mem verknüpft.[14] Ebenso verhält es sich mit dem Glaubens-Mem, wobei Glaube blindes Vertrauen sei, welches sich skrupellos ausbreite.

Dawkins sieht ein wechselseitiges Verhältnis zwischen Memen und Genen. Sie können sich einerseits gegenseitig verstärken, was relativ naheliegend ist, sie können aber auch ein Gegensatzpaar bilden. Hier wird als Beispiel das Zölibat angeführt, welches rein genetisch betrachtet hinderlich ist, da die Gene an der Vermehrung bzw. ihrem Überleben als ihr eigentliches Ziel gehindert werden. Für die Meme kann es aber unter Umständen von Vorteil sein, gerade was deren Überleben betrifft, da sich das Gott-Mem weiter ausbreiten kann, wenn der Priester durch fehlende familiäre Verpflichtungen mehr Zeit und Energie zur Verkündigung hat.[15] Meme streben die Unsterblichkeit an und sind auch der effektivste Weg für den Menschen Unsterblichkeit zu erlangen, da man die Gene direkt nur wenigen Generationen mitgeben kann, eine gute Idee oder Theorie hält sich aber weitaus länger.

[...]


[1] http://www.simonyi.ox.ac.uk/dawkins/WorldOfDawkins-archive/Dawkins/Biography/bio.shtml, Stand: 13.10.08.

[2] Vgl. R. Dawkins, Das egoistische Gen, Heidelberg/ Berlin/ Oxford 21994, S. 90ff..

[3] Vgl. R. Dawkins, Das egoistische Gen, Heidelberg/ Berlin/ Oxford 21994, S. 304.

[4] Vgl. ebd., S. 305.

[5] Ebd., S. 306.

[6] Vgl. Ebd., S. 307.

[7] Ebd., S. 308.

[8] R. Dawkins, Das egoistische Gen, Heidelberg/ Berlin/ Oxford 21994, S. 309.

[9] Ebd., S. 309.

[10] Ebd., S. 310.

[11] R. Dawkins, Das egoistische Gen, Heidelberg/ Berlin/ Oxford 21994, S. 312.

[12] Ebd., S. 313.

[13] Ebd., S. 314.

[14] Ebd., S. 317.

[15] R. Dawkins, Das egoistische Gen, Heidelberg/ Berlin/ Oxford 21994, S. 319.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Dawkins Memtheorie
Untertitel
Rezeption der Memtheorie von Michael Pye und Maurice Bloch im Vergleich
Hochschule
Universität Bayreuth  (Kulturwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl für Religionswissenschaft I)
Veranstaltung
Einführung in die kulturwissenschaftliche Religionsforschung II
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V232944
ISBN (eBook)
9783656489566
ISBN (Buch)
9783656490258
Dateigröße
745 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dawkins, memtheorie, rezeption, michael, maurice, bloch, vergleich
Arbeit zitieren
M.Phil Lydia Einenkel (Autor), 2009, Dawkins Memtheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232944

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Titel: Dawkins Memtheorie



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