Die Attraktivität des Pflegeberufes in Deutschland und der Einfluss der Führungskräfte


Diplomarbeit, 2013
79 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Hinweis

1 Einleitung
1.1 Derzeitige Ausgangssituation der Pflege in Deutschland
1.2 Demographischer Wandel und wirtschaftlicher Kostendruck
1.3 Ursachen des Nachwuchskräftemangels
1.4 Attraktivität des Pflegeberufes in Deutschland – eine Utopie?

2 Historie des Pflegeberufes
2.1 Gründung und Etablierung der Pflege in Deutschland
2.2 Gründung und Etablierung der Pflege in den USA
2.3 Gründung und Etablierung der Pflege in der Schweiz
2.4 Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser drei Länder
2.5 Veränderungen für Deutschland mit Fokus auf die amerikanische Geschichte der Pflege

3 Akademisierung des Pflegeberufes
3.1 Entwicklungen der Studiengänge in der Pflege
3.2 Akademisierung im Ausland und was Deutschland noch lernen kann
3.3 Das deutsche Ausbildungssystem
3.4 Perspektiven für studierte Pflegekräfte

4 Attraktivität des Pflegeberufes
4.1 Pflege oder Medizin – eine Gegenüberstellung
4.2 Pflege im Schatten der Medizin
4.2.1 Pflegekräfte als Handlanger der Ärzte
4.2.2 Mehr Attraktivität durch bessere Bezahlung
4.2.3 Auswirkungen der DRGs
4.3 Die Rahmenbedingungen der Pflege

5 Die Rolle der Führungskräfte
5.1 Führung in der Pflege
5.2 Rollenkonflikte im Krankenhaus
5.3 Berufsstände Verwaltung, Pflege, Medizin
5.3.1 Führungskompetenzen des oberen Managements
5.3.2 Gesundheitsförderung durch Leitungskräfte

6 Zukunft der Pflege in Deutschland
6.1 Weitere Entwicklung des Pflegeberufes
6.1.1 Änderung des Rollenbildes der Pflegekraft
6.1.2 Änderung des Rollenbildes der Führungskraft in der Pflege
6.1.3 Der moderne Führungsstil
6.2 Politische Rahmenbedingungen
6.2.1 Zusammenschlüsse der Berufsverbände
6.2.2 Einführung einer Pflegekammer
6.2.3 Aufgaben einer Pflegekammer
6.3 Möglichkeiten der Arbeitgeber zur Attraktivitätssteigerung
6.4 Verantwortung der Arbeitgeber

7 Empfehlungen und Fazit
7.1 Einfluss der Pflegekräfte
7.2 Öffentlichkeitsarbeit für den Pflegeberuf

Literaturverzeichnis

Eigenständigkeitserklärung

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Anzahl der im Gesundheitswesen Tätigen (Angabe in 1000) – Quelle: gbe-bund.de

Abb. 2 Vollstationäre Fälle (einschl. Stundenfälle) je Vollkraft in Allgemeinkrankenhäusern. Veränderung gegenüber 1991. – Quelle: Statistisches Bundesamt; eigene Berechnung.

Abb. 3 Entwicklung Vollkräfte im Pflegedienst in allgemeinen Krankenhäusern 1995 bis 2010 in Prozent - Quelle: dip 2012: 15.

Abb. 4 Von den "Burgen" zu den "Flüssen" in der Klinik – Quelle: Töpfer, Großekatthöfer 2006: 119.

Abb. 5 Entwicklungspfade des Personalmanagements – Quelle: Achenbach 2003: 264.

Abb. 6 Pflegeausbildung in der EU. – Quelle: Hanika 2012: 697.

Abb. 7 Arbeitslos / gemeldete Arbeitsstellen Krankenpflege Dezember 2011 in Absolutangaben – Quelle: dip 2012: 20.

Hinweis

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit und der vereinfachten Beschreibung wird bei der Bezeichnung von Personen die männliche Schreibweise angewandt, wobei diese jeweils Personen weiblichen und männlichen Geschlechts bezeichnet.

1 Einleitung

Immer wieder ist in den Medien zu lesen, wie sehr der Pflegeberuf unter dem Mangel an Nachwuchskräften leidet (vgl. DBfK 2008; vgl. Focus Online 2013). Ein zentraler Aspekt für die Entstehung des Nachwuchskräftemangels ist der demographische Wandel, der dazu führt, dass es generell immer weniger Nachwuchs in unserer Gesellschaft gibt (vgl. BGW 2009: 8). Gleichzeitig steigt die Anzahl der pflegebedürftigen Menschen, die bereits jetzt schon an dem Mangel an Pflegekräften in stationären Pflegeeinrichtungen[1] leiden. Was hat diese Thematik mit der Fragestellung eines attraktiven Pflegeberufes gemein? – Grundsätzlich liegt die Vermutung nahe, dass ohne eine attraktive Ausgestaltung des Pflegeberufes eine Rekrutierung von jungen Personen, unmittelbar nach Beendigung ihrer Schullaufbahn, für die Tätigkeit in einem Pflegeberuf kaum möglich ist. Viele andere Berufsbranchen kämpfen ebenfalls um junge Nachwuchskräfte, sei es in der Industrie, im Handel oder in der Gastronomie (vgl. Handelsblatt 27.06.2011). Die Berufsgruppe der Pflege wird sich Nachwuchskräfte zukünftig mit anderen Branchen teilen müssen (vgl. Handelsblatt 27.06.2011). Um allerdings ein Ausbleiben des Nachwuchses in der Pflege zu vermeiden und eine Imageverbesserung des Pflegeberufes zu erzielen, müssen Lösungswege bzw. Verbesserungsmaßnahmen gefunden und auch umgesetzt werden. In diesem Zusammenhang stehen primär Personen in der Pflicht, die professionell in dieser Berufssparte tätig sind. Vor allem trifft dies jedoch auf Personen in Leitungspositionen und Repräsentanten zu.

Die vorliegende Arbeit beleuchtet die Entstehungsgeschichte der Pflege und die hiermit verbundene (Un-)Attraktivität des Pflegeberufes in Deutschland sowie vergleichsweise in anderen potentiell interessierenden Ländern. Darüber hinaus werden Lösungsansätze zur Verbesserung des Berufsbildes herausgearbeitet. Die zentrale These, die dieser Arbeit zugrunde liegt ist, dass durch eine Attraktivitätssteigerung des pflegerischen Berufsbildes die Nachwuchsrekrutierung im pflegerischen Sektor positiv beeinflusst werden kann.

Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, dass durch bestimmte Maßnahmen der Führungskräfte innerhalb der pflegerischen Berufsgruppe die Attraktivität des Pflegeberufes positiv beeinflussbar ist und somit langfristig gesehen zu einer Senkung des Fachkräftemangels und einer Qualitätsverbesserung der Patientenversorgung beigetragen werden kann. Darüber hinaus werden in dieser Arbeit die Herangehensweise sowie die erforderliche Methodik zur Umsetzung der Maßnahmen abgebildet. Insbesondere aufgrund des demographischen Wandels, der zunehmenden Pflegebedürftigkeit sowie der sinkenden Geburtenraten, sollte von allen Beteiligten eine Attraktivitätssteigerung des Pflegeberufes angestrebt werden (vgl. Abschnitt 1.1).

1.1 Derzeitige Ausgangssituation der Pflege in Deutschland

Bereits heutzutage kann davon ausgegangen werden, dass in Deutschland wesentlich mehr pflegebedürftige Personen als aktuell berufstätige Pflegekräfte vorhanden sind (vgl. Fricke 2013: 1). Der Mangel an Pflege- und Pflegefachkräften ist schon längst in aller Munde. So schreibt „Die Schwester Der Pfleger“ über einen seit 60 Jahren anhaltenden Pflegenotstand in der Bundesrepublik Deutschland (vgl. Jacobs 2012; vgl. BGW 2009: 10). Auch die Arbeitsverdichtung bzw. die Arbeitsbelastung in der Pflege ist in den vergangenen Jahren aufgrund von Mittelknappheit und aufgrund des demographischen Wandels erheblich angestiegen (vgl. Marckmann 2005: 179 ff.). Der Pflegekräftemangel ist im Grunde genommen ein bis dato bundesweit ungelöstes Problem. Es finden sich sehr viele Fachartikel zu diesem Thema und ebenso auch sehr viele Kongresse, auf denen sich Fachexperten zu Themen wie bspw. Personalmangel in der Pflege und Versorgungsproblematik von Pflegebedürftigen austauschen (vgl. Fricke 2013: 1). Die langersehnte Umsetzung von effektiven Maßnahmen, wie z.B. die Etablierung einer Pflegekammer oder die Einrichtung einer Pflegegewerkschaft, blieb bisher aus (s.a. Abschnitt 6.2.1). Obwohl Pflege die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen darstellt, konnte sie sich bislang nicht richtig gegenüber den anderen Berufsgruppen positionieren (vgl. Sperl 1996: 12). Im Vergleich zur Pflege hat sich zum Beispiel die Ärzteschaft im Jahr 2005 mit ihrer eigenen Gewerkschaft, dem Marburger Bund, sehr vorbildlich organisiert (vgl. Newscode 2011). Offensichtlich muss die Berufsgruppe der Pflege noch reifen, erwachsener werden und vor allen Dingen mutiger (vgl. Fricke 2013: 1). Zudem müsste die Pflege ihre eigene Machtposition realisieren und hieraus Potential schöpfen (vgl. Tagesspiegel 2011).

1.2 Demographischer Wandel und wirtschaftlicher Kostendruck

Mit den Begrifflichkeiten Pflegenotstand und Nachwuchsmangel in der Pflege wird häufig der demographische Wandel assoziiert. Der demographische Wandel wird dadurch verursacht, dass die Anzahl der Pflegebedürftigen einerseits zunimmt und andererseits die Geburtenrate in Deutschland kontinuierlich abnimmt (vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2010: 5). Diesen strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen steht bereits heute eine große Personengruppe von pflegebedürftigen Menschen gegenüber. Aktuell sind insgesamt 2,5 Millionen Bundesbürger im Sinne des SGB XI pflegebedürftig, wovon 1,76 Millionen Pflegebedürftige im häuslichen Umfeld und 743000 Menschen in stationären Altenpflegeeinrichtungen vollstationär betreut und versorgt werden (vgl. Statistisches Bundesamt 2013: 5). Im Vergleich zu den Vorjahren ist in diesem Zusammenhang eine steigende Tendenz zu verzeichnen (vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2010: 12). Vergleicht man die aktuellen Zahlen mit denen aus dem Jahr 1999, so ist die Zahl der zu Versorgenden in den Heimen um 32,0 % gestiegen. Im ambulanten Bereich stieg die Zahl der Pflegebedürftigen um 38,8 % (vgl. Statistisches Bundesamt 2013: 7). Auf Basis dieser Daten kann davon ausgegangen werden, dass gleichzeitig auch der Bedarf an Nachwuchspflegekräften gestiegen ist. Insgesamt waren im Jahre 2011 von den 4,9 Millionen Beschäftigten im Gesundheitswesen 2,8 Millionen Menschen in einem Pflegeberuf tätig (vgl. Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2013). So lässt sich anhand entsprechender statistischer Daten erkennen, dass die Anzahl der Beschäftigten im Gesundheitswesen in den letzten 11 Jahren um 805.000 Beschäftigte gestiegen ist (vgl. Abb. 1). Ebenso ist auch die Anzahl der in der Pflege Tätigen um 560.000 Beschäftigte gestiegen (vgl. Abb. 1). Die Vermutung liegt nahe, dass dies mit dem steigenden Bedarf an Pflegekräften zusammenhängt. Demnach sind mit 2,8 Millionen in der Pflege beschäftigten Menschen, mehr Pflegende vorhanden als pflegebedürftige Menschen zu versorgen sind.

Auf den ersten Blick scheint diese Aussage allerdings nicht mit den rückläufigen Zahlen an Pflegekräften übereinzustimmen, insbesondere den Nachwuchsmangel betreffend. Die Ursache der stark gestiegenen Anzahl an Beschäftigten im Gesundheitswesen liegt allerdings insbesondere darin begründet, dass in den letzten Jahren Umwandlungen von Voll- in Teilzeitbeschäftigungen durchgeführt wurden (vgl. Simon 2011: 238; vgl. dip 2012: 14; vgl. Schroeter 2006: 63). Hierbei ist die Anzahl an Pflegekräften in stationären Altenpflegeeinrichtungen stark angestiegen, während die Anzahl der Pflegekräfte in Krankenhäusern rückläufig ist. Die Anzahl der Vollbeschäftigten insgesamt ist ebenfalls rückläufig (vgl. Simon 2011: 238).

Abb. 1 Anzahl der im Gesundheitswesen Tätigen (Angabe in 1000)[2] – Quelle: gbe-bund.de

Ein wesentlicher Faktor für den Personalabbau im Pflegebereich der Krankenhäuser ist der steigende Kostendruck in den bundesdeutschen Krankenhäusern. So sind die Personalkosten im pflegerischen Bereich der Krankenhäuser im Zeitraum von 2002 bis 2010 um 5,86 % gestiegen. Innerhalb des gleichen Zeitraums ist ein Anstieg der Personalkosten im ärztlichen Bereich um 52,47 % zu verzeichnen (vgl. dip 2012: 13 f.). Es ergibt sich somit eine Differenz von 46,61 %. Die Ärzteschaft begründet diesen deutlichen Anstieg der Personalkosten mit „einer Leistungssteigerung und einer notwendigen Anpassung an die europäischen Arbeitszeitrichtlinien (…)“ (dip 2012: 13). Im Jahre 2010 haben sich die Ausgaben im ärztlichen Bereich in Höhe von 13.390.817 € den Ausgaben des pflegerischen Dienstes in Höhe von 13.879.315 € fast angeglichen (vgl. dip 2012: 14). Während die Anzahl der Vollbeschäftigten im ärztlichen Dienst innerhalb der letzten 15 Jahre um 31,82 % stieg, sank sie im pflegerischen Bereich, bezogen auf den gleichen Zeitraum, um 13,20 %. Zeitgleich stieg die Zahl der zu versorgenden Patienten in den Krankenhäusern insgesamt um 11,82 % an (vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2010: 7). Schlussfolgernd ist somit von einer gestiegenen Arbeitsbelastung innerhalb des pflegerischen Sektors auszugehen. Eine Entlastung auf Seiten des pflegerischen Personals ist bisher ausgeblieben (vgl. dip 2012: 15). Die oberhalb angeführten Daten deuten darauf hin, dass die Unterschiede zwischen der pflegerischen und ärztlichen Berufsgruppe stetig wachsen, zumal die Einführung der DRGs im Jahre 2004 dies noch verschärft hat (vgl. dip 2012: 16; vgl. Simon 2007: 64; s.a. Abschnitt 4.2.3).

Vor dem Hintergrund der Systematik des DRG-Systems kann die ärztliche Berufsgruppe aus ökonomischer Sicht als primärer Leistungserbringer bzw. wertschöpfender Faktor gesehen werden. Pflegerische Leistungen spielen im DRG-System hingegen eine untergeordnete Rolle, da pflegerische Leistungen dort bislang unzureichend abgebildet sind. Da die durch Krankenhäuser erwirtschafteten Erlöse nunmehr kaum durch eine Leistungsveränderung hinsichtlich pflegerischer Intervention beeinflussbar sind, besteht aus ökonomischer Sicht der Anreiz, in diesem Bereich Personalkosten durch Stellenabbau zu reduzieren (vgl. Kußmaul, Vater 2011: 34 f.). Ein Stellenabbau in der Pflege war allerdings bereits vor Etablierung des DRG-Systems zu verzeichnen (vgl. Isfort, Weidner 2009: 81). Aufgrund dieser Entwicklung ist es wenig verwunderlich, dass die Arbeitsbelastung im pflegerischen Sektor in der Vergangenheit deutlich angestiegen ist und vermutlich auch weiterhin zunimmt (vgl. Simon 2007: 82 f.).

Abbildung 2 verdeutlicht die deutliche Belastungssteigerung pro Vollkraft in Allgemeinkrankenhäusern innerhalb der letzten Jahre. So waren es im Jahr 2005, verglichen mit dem Ausgangsjahr 1991, bereits 22,0% mehr vollstationäre Fälle, die pro Vollkraft im Pflegedienst versorgt wurden. Im ärztlichen Dienst hingegen war während des Erfassungszeitraums keine deutliche Zunahme der Fallversorgung je Vollkraft zu verzeichnen. Ab dem Jahr 2003 kann auf Basis der vorliegenden Daten sogar von einem Rückgang der Fallversorgung je Vollkraft und somit der Arbeitsbelastung im ärztlichen Sektor ausgegangen werden. Es liegt auf der Hand, dass durch zunehmende Arbeitsbelastung die Attraktivität des Berufsbildes der Pflege sinkt.

Abb. 2 Vollstationäre Fälle (einschl. Stundenfälle) je Vollkraft in Allgemeinkrankenhäusern. Veränderung gegenüber 1991. – Quelle: Statistisches Bundesamt; eigene Berechnung.[3]

Eine weitere Konsequenz des zu Beginn dieses Abschnittes bereits angeführten Phänomens des demographischen Wandels ist, dass dieser auch Auswirkungen auf das Alter der Erwerbstätigen in der Pflege hat. Das durchschnittliche Alter der Pflegekräfte insgesamt weist einen deutlichen Anstieg auf, was die Vermutung nahelegt, dass diese Personengruppe der älteren Pflegenden den steigenden Belastungen im beruflichen Alltag nicht mehr dauerhaft und langfristig standhalten kann (vgl. Frerichs 2009: 58). Es ist davon auszugehen, dass nicht nur aufgrund des starken Geburtenrückgangs in Deutschland Nachwuchskräfte in der Pflege ausbleiben werden, sondern aufgrund dieser Veränderungen der Altersstruktur innerhalb der pflegerischen Berufsgruppe viele Pflegekräfte wegen Arbeitsunfähigkeiten frühzeitig aus dem Pflegeberuf ausscheiden werden (vgl. Frerichs 2009: 58 f.).

1.3 Ursachen des Nachwuchskräftemangels

Zukünftig werden immer mehr potentielle Bewerber für Pflegeberufe aufgrund des Geburtenrückgangs, aber vor allen Dingen auch aufgrund schlechter werdender Arbeitsbedingungen in diesem Beruf ausbleiben (vgl. Simon 2011: 246). Deutlich wird der Nachwuchsmangel auch an der Abnahme der zu besetzenden Ausbildungsplätze (vgl. dip 2002: 26). Ebenso ist die Anzahl an Bewerbungen auf offene Stellen deutlich zurückgegangen (vgl. dip 2002: 19).

Auch wenn in den letzten zehn Jahren sowohl die Anzahl der Gesundheits- und Kinderkrankenpflegenden um 1.528 als auch die der Gesundheits- und Krankenpflegenden um 34.463 angestiegen ist, müssen die Krankenhäuser heute umso mehr Nachwuchspersonal aus allen Bereichen anwerben (vgl. dip 2012: 19). Hierbei ist allerdings zu beachten, die „Zahl[en] der arbeitslos gemeldeten Pflegefachkräfte und die Zahl[en] der als offen gemeldeten Stellen in den jeweiligen Bundesländern“ gegenüberzustellen (dip 2012: 19). Bei einer Sichtung dieser Daten wird deutlich, dass in allen Bundesländern bis auf Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Berlin, deutlich weniger arbeitslos gemeldete Pflegefachkräfte als offene Stellen zu verzeichnen sind (vgl. Abb. 7). Demnach kann davon ausgegangen werden, dass die Krankenhäuser allein aufgrund dieses Faktors zukünftig deutliche Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen haben werden.

Um einen wichtigen Aspekt der Entstehung des Nachwuchsmangels herauszuarbeiten, erscheint es sinnvoll, den Zeitpunkt der Berufsauswahl von jungen Schülern näher zu betrachten. Bezieht man sich auf eine Studie der Universität Bremen, so beginnt die Auswahl eines Berufes zum Ende der Schulzeit hin mit der Beratung und Begleitung von Eltern, Lehrern, Freunden und Berufsberatern (vgl. Universität Bremen 2010: 5; 28; 34). In diesem Zusammenhang gehört der Pflegeberuf aufgrund seines Images eher zu den „Out-Berufen“ (vgl. Universität Bremen 2010: 18 ff., Herv. d. Verf.). Insbesondere der Beruf der Altenpflege wird neben den Berufen des Sektors „Müll und Reinigung“ sowie den Verwaltungsberufen zu den „Out-Berufen“ gezählt. Hierbei ist der Vergleich zwischen den befragten Schülern und deren Eltern hinsichtlich der Einschätzung des Altenpflegeberufes interessant. Während seitens der Eltern der Altenpflegeberuf für ihr Kind eher als ungeeignet eingeschätzt wurde, lehnten die Kinder einen Eintritt in diese Berufssparte weitaus weniger ab (vgl. Universität Bremen 2010: 20). Generell ist festzuhalten, dass Berufe, „die mit Tod zu tun haben“ oder mit „Dreck und Blut“ assoziiert werden, häufig auf Ablehnung stoßen (Universität Bremen 2010: 19). Hierbei wird der Beruf der Krankenpflege mit den Berufen des Fleischers und mit Tätigkeiten im Lagerbereich verglichen, da diese Berufe mit einer oftmals schweren körperlichen Belastung einhergehen (vgl. Universität Bremen 2010: 19). Der Studie zufolge können sich besonders Jungen nicht für den Pflegeberuf begeistern. Im Gegensatz hierzu zeigen Mädchen häufiger eine Affinität gegenüber einem sozialen Beruf (vgl. Universität Bremen 2010: 24; 26). Diese Problematik kann als zusätzlich erschwerender Faktor für die Rekrutierung junger Nachwuchskräfte innerhalb des Pflegesektors gesehen werden, da Jungen bereits vor Beendigung ihrer Schullaufbahn aus dem Kreis potentieller Nachwuchskräfte herausfallen (vgl. Landenberger et al. 2005: 69).

Festzuhalten ist, dass die Meinung der Eltern entscheidenden Einfluss auf die Berufsauswahl ihrer Kinder ausübt. So würden „71,5% der Schüler/innen .. [die] Vorschläge ihrer Eltern zur Wahl eines Berufes annehmen“ (Universität Bremen 2010: 34). Somit fällt insbesondere ins Gewicht, dass nur 4,4 % der Eltern ihren Kindern eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger sowie nur 1,5 % eine Ausbildung als Altenpfleger empfehlen würden (vgl. Universität Bremen 2010: 33).

Dieser Punkt ist als ein ursächlicher Faktor des Nachwuchsmangels zu sehen. Um hier langfristig gesehen entsprechende Veränderungen herbeiführen zu können, muss in den Elternhäusern, bei den Berufsberatern in den Arbeitsagenturen sowie den Lehrkräften der öffentlichen Schulen angesetzt werden. Die öffentliche Wahrnehmung des Pflegeberufes scheint sich derzeit primär auf negative Aspekte zu beschränken. Dies spiegelt auch in der Berichterstattung innerhalb der bundesdeutschen Medien wieder, die sich in den letzten Jahren hinsichtlich der pflegerischen Berufsgruppe primär auf die Darstellung von öffentlichkeitswirksamen Skandalen konzentrierte (vgl. Grender 2012).

1.4 Attraktivität des Pflegeberufes in Deutschland –
eine Utopie?

Wie in Abschnitt 1.3 herausgearbeitet, hat der pflegerische Beruf aus Sicht potentieller Nachwuchskräfte ein vergleichsweise schlechtes Image und wird aufgrund der stark fokussierten vermeintlich negativen Seiten des Pflegeberufes mit Berufen wie dem des Fleischers oder Lagerarbeiters verglichen. Die Universität Bremen empfiehlt deshalb, anhand der erhobenen Daten aus 2010, die Altenpflege bspw. als einen Beruf zu sehen, in dem „auch kreative Neigungen und Interessen von Pflegekräften realisiert werden könnten“ (Universität Bremen 2010: 27). Zu erwähnen sind aber auch die mittlerweile zahlreichen Qualifizierungsmöglichkeiten, wie bspw. die bereits heutzutage in mannigfaltiger Form vorhandenen Studiengänge innerhalb des Berufszweiges Pflege (vgl. Universität Bremen 2010: 27). Eine Verbesserung des Berufsbildes der Pflege ist also durchaus möglich. Es ist nur eine Frage der gewählten Perspektive – eine Sichtweise auf die positiven Seiten dieses Berufsbildes würde helfen.

In den nachfolgenden Kapiteln wird analysiert, wie das oberhalb erwähnte Image in Deutschland entstehen konnte und inwiefern diesbezügliche Unterschiede im Vergleich zu anderen Ländern vorhanden sind.

2 Historie des Pflegeberufes

Im Allgemeinen ist anzunehmen, dass vielen Mitarbeitern des Gesundheitswesens, und innerhalb dieser Personengruppe vor allem Mitarbeitern aus ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen, bekannt sein sollte, dass in einigen anderen Ländern bessere berufliche Konditionen für sowohl Pflegekräfte als auch für Ärzte vorhanden sind. Viele in das Ausland emigrierte Pflegekräfte oder auch Ärzte berichten nicht allzu selten von besserer Bezahlung, weniger Überstunden und höherem gesellschaftlichem Ansehen. Ein wichtiger Faktor für die anders gewichtete Anerkennung des Pflegeberufes im Ausland ist die im Vergleich zu Deutschland unterschiedliche Zugangsvoraussetzung zum Pflegeberuf. Während hierzulande lediglich der Schulabschluss der 10. Klasse als generelle Zugangsvoraussetzung definiert ist, sind in vielen anderen Ländern deutlich höhere Voraussetzungen vorhanden (vgl. Abb. 6). Das negative Image der Pflege in Deutschland hat seinen Ursprung also nicht nur, wie eingangs erwähnt, in der selektiven Wahrnehmung von negativen Aspekten des Pflegeberufes, sondern auch in politisch bestimmten Rahmenbedingungen. Um das negative Image von Pflegeberufen in Deutschland verstehen zu können, muss die Entstehungsgeschichte dieses Berufsbildes analysiert werden (vgl. Lauber 2012: 27).

Die Entstehungsgeschichte der Pflege hat ihren Ursprung im Zeitalter der Antike (vgl. Lauber 2012: 25; 28). In der Antike entstanden „Worte wie Anatomie, Psychologie, Ethik und Technik“ (Lauber 2012: 28). Die Begrifflichkeiten der Pflege und der Heilkunde etablierten sich in erster Linie im antiken Griechenland und im römischen Reich (vgl. Lauber 2012: 28). Allerdings dauerte es noch bis 700 v. Chr. bis ein Verständnis dafür entwickelt wurde, dass Krankheit von Gesundheit unterschieden werden kann (vgl. Lauber 2012: 29).

2.1 Gründung und Etablierung der Pflege in
Deutschland

Mit der Legalisierung und der entsprechenden Ausbreitung des Christentums im Mittelalter wuchs auch das Verständnis für die Versorgung von Kranken. Bei der Versorgung von Kranken ging es derzeit primär um einen Akt der Nächstenliebe. Hieraus erwuchs auch der Begriff der Caritas, womit so viel wie die christliche Nächstenliebe gemeint ist, „die die Pflege am Nächsten als Dienst an Gott ansieht“ (Lauber 2012: 28; vgl. Schwarz 2009: 77). Ebenso gingen mit der Ausbreitung des Christentums auch Klosterbauten und die Versorgung von chronisch Kranken und Armen durch Ordensleute, also Mönchen und Nonnen, einher (vgl. Lauber 2012: 32 f.). Im Allgemeinen wurde im Mittelalter von der sogenannten Klostermedizin gesprochen, obwohl neben den in der Pflege tätigen Ordensleuten bereits die Heilberufe der „Hebammen, Bader und Chirurgen“ etabliert waren (Lauber 2012: 34). Ärzte waren hingegen nicht an der direkten Versorgung von Kranken beteiligt, sie wurden aber als Berater hinzugezogen (vgl. Lauber 2012: 34).

Besonders markant war zu Beginn des Mittelalters die Ordensregel von Benedikt von Nursia, der einen eigenen Orden gründete. So lautete die Grundlage zur Ausführung von Medizin und Pflege, sich zu „Armut, Demut und Ehelosigkeit, Gehorsam gegenüber dem Abt und vor allem unter dem Leitspruch „Ora et labora“ (Bete und arbeite) zu praktischer Tätigkeit zum Nutzen des Klosters“ zu verpflichten (Lauber 2012: 32). Eine Grundsatzregel der Aufopferung, die bis heute anhält (vgl. Kleinevers 2004: 70). Auch Grundsätze von Hildegard von Bingen wie „Pflege das Leben, wo du es triffst“ sprachen dem Berufsbild der Pflege eher Nächstenliebe zu (Lauber 2012: 34). Darüber hinaus ist von einer sogenannten „Liebestätigkeit“ die Rede (Kelm 2008: 24; s.a. Abschnitt 4.2.2). Für dieses Berufsbild der Liebestätigkeit sorgte vor allen Dingen die Kirche (vgl. Schwarz 2009: 79). In erster Linie galt es, sich dem Beruf der Pflege aufopferungsvoll hinzugeben und diesen als Berufung zu verstehen (vgl. Schwarz 2009: 82; vgl. Bögemann-Großheim 2011: 9). So waren 11- bis 18-Stunden-Dienste pro Tag üblich. Ebenso war auch ein Verzicht auf Freizeit gewöhnlich, denn Urlaub und arbeitsfreie Tage waren bis in das 19. Jahrhundert gänzlich unbekannt (vgl. Bischoff-Wanner 2000: 28).

Ab dem 19. Jahrhundert etablierte sich der Pflegeberuf immer mehr zu einem Frauenberuf (vgl. Bischoff-Wanner 2000: 17; vgl. Bürki 2008: 113 ff.). Diese Tatsache knüpfte sich an das Rollenbild der Frau sowohl des 19. Jahrhunderts als auch des 21. Jahrhunderts, denn „[d]ie Frau verkörperte Dienen, Opfertum, Emotionalität, Selbstlosigkeit und Gehorsam“ (Schwarz 2009: 78). Für die Frauen des 19. Jahrhunderts war es von großer Bedeutung, dass sie einen Beruf ausüben konnten, der ihrer „weiblichen Natur“ entsprach (Schwarz 2009: 78). Das grundsätzliche feminine Rollenbild hat sich bis heute scheinbar nicht verändert (vgl. Landenberger et al. 2005: 68). Der Pflegeberuf gilt auch heute noch als einer der größten weiblichen Berufsgruppen in der Bundesrepublik Deutschland (vgl. Schwarz 2009: 76).

Der Pflegeberuf zählte im 19. Jahrhundert zu den sogenannten „stummen [Berufs-]Gruppen“. Mit dieser Begrifflichkeit ist gemeint, dass es sich um aufopferungsvolle Pflegekräfte und insbesondere um solche weiblichen Geschlechts gehandelt haben muss, die sich gegen „schlechte“ Arbeitsbedingungen nicht gewehrt haben bzw. wehren konnten (vgl. Bischoff-Wanner 2000: 17[4] ; 30; vgl. Schwarz 2009: 82). Obwohl es Berufsgruppen wie Ärzte oder gar Verbandsfunktionäre gab, die diese schlechten Arbeitsbedingungen in der Pflege wahrnahmen und auch zum Ausdruck brachten, wehrten sich die „Krankenschwestern“ gegen eine mögliche Gleichstellung mit den Proletariern[5] und gegen einen möglichen Verfall der pflegerischen Ideologie (vgl. Bischoff-Wanner 2000: 31 f.; vgl. Schwarz 2009: 82).

Geringe Bezahlung, diskussionswürdige Arbeitsbedingungen, Arbeitslosigkeit und undefinierte Tätigkeitsfelder prägten die Pflege bis in den 1. Weltkrieg hinein (vgl. Lauber 2012: 55). Es sollte noch viele Jahrzehnte dauern, bis aus einem Beruf des Dienens eine Dienstleistung werden sollte (vgl. Schwarz 2009: 82 f.; vgl. Robert Bosch Stiftung 1996: 19). So veränderte sich erst während des Bestehens der Weimarer Republik das Berufsbild der Pflege, was mit „Tarifverträge[n], Unfallversicherung[en] und Arbeitszeitregelung[en]“ einherging (Schwarz 2009: 83).

Auch während und nach dem 2. Weltkrieg blieben das verinnerlichte Ideal des Dienens sowie die untergeordnete Rolle dem Arzt gegenüber nicht aus (vgl. Lauber 2012: 55; vgl. Schwarz 2009: 84).

Aus dem ursprünglich christlichen Leitbild wurde erst dann ein Beruf der Selbstverwirklichung mit professionellem Anspruch, als in den 50er Jahren die ersten Pflegekonzepte mit einem patientenorientierten Ansatz aus den USA die Pflege in Deutschland stark beeinflusst hatten (vgl. Schwarz 2009: 84). Obwohl sich die Pflege in den USA erst im späten Mittelalter etablierte, waren die amerikanischen Pflegekräfte am Anfang des 20. Jahrhunderts hinsichtlich ihres pflegerischen Leitbildes offensichtlich fortschrittlicher als hierzulande (vgl. Abschnitt 2.2). Die Pflege entwickelte sich durch den amerikanischen Einfluss immer mehr zu einer ganzheitlichen, am Patienten orientierten Dienstleistung, die auch durch Liliane Juchli[6] in den 80er-Jahren wesentlich mitgeprägt wurde (vgl. Schwarz 2009: 84 ff.).

Eine Akademisierung der Pflege in Deutschland setzte erst zwischen 1989 und 1994 in Hessen ein, allerdings nicht in erster Linie um des gesellschaftlichen Ansehens der Pflege willen, sondern um den Pflegenotstand zu dämpfen (vgl. Grewe, Stahl 2008: 109; vgl. Kapitel 3).

2.2 Gründung und Etablierung der Pflege in den USA

Die Pflege in Nordamerika (ab 1776 USA) etablierte sich erst im 17. Jahrhundert, nachdem europäische Siedler dort Einzug hielten und die ersten Kolonien gegründet wurden (vgl. Judd et al. 2010: 8). So zählten zu den Immigranten deutsche aber auch britische Siedler, welche die europäischen Werte und Ansichten der Pflege zur damaligen Zeit mit nach Amerika brachten und dort im Laufe der Zeit weiterentwickelten (vgl. Judd et al. 2010: 12). Arme und Kranke sind in Armen- oder Pesthäusern untergebracht worden, um sie von der Öffentlichkeit fernzuhalten (vgl. Judd et al 2010: 8). Der Dreißigjährige Krieg sorgte allerdings dafür, dass viele klösterliche Einrichtungen für Arme und Kranke geschlossen werden mussten, so dass in der Folge viele ungelernte Pflegekräfte die Versorgung der Kranken übernahmen. Hier erfolgte auch die Entwicklung des Pflegeberufes zu einem Frauenberuf[7]. Eine formgemäße Schulung der Pflegekräfte gab es zu jener Zeit nicht und auch das einst christliche Leitbild verschwand in Bälde (vgl. Judd et al 2010: 13 f.). Die ungelernten Pflegekräfte nutzten Kranke häufig zu ihrem eigenen Vorteil aus. Sie ließen sich für den „Liebesdienst“ bezahlen, bestahlen die Patienten oder versorgten die Patienten für ein paar alkoholische Getränke (vgl. Judd et al. 2010: 14). Dabei hatte die Rolle der Pflegekraft eigentlich immer etwas Mütterliches an sich, so dass sich daraus die englische Bezeichnung „Nurse“[8] entwickelte (vgl. Basford, Slevin 2003: 106).

Besonders glich die amerikanische Pflege jene der Briten (vgl. Judd et al. 2010: 14; vgl. Sarnecky 1999: 2 f.). Noch vor dem 19. Jahrhundert wurden zwei Krankenhäuser in britischem Stil errichtet, die nicht nur den verwundeten Soldaten, sondern auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden und mit ungeschultem Personal bestückt waren: Das Pennsylvania Hospital in Philadelphia und das New York Hospital im Bundesstaat New York (vgl. Judd et al. 2010: 15 ff.). Die Auswahl dieser Standorte lässt deutlich werden, dass die europäischen Einwanderer über den Atlantik kamen und sich zunächst an der Ostküste von Amerika niederließen. Richtig zum Einsatz kamen die Pflegenden schließlich während des Unabhängigkeitskrieges von 1775 (vgl. Judd et al. 2010: 16; vgl. Sarnecky 1999: 4). George Washington, der spätere erste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, beauftragte sämtliche Pflegekräfte, sowohl die ungelernten als auch die selbsternannten, mit der Versorgung der verwundeten Soldaten. 1781 endete der Krieg und die Pflegenden kehrten wieder zurück zu ihren Familien ohne eine mögliche Fortsetzung ihrer Tätigkeit oder einer eventuellen Schulung zur professionellen Pflegekraft (vgl. Judd et al. 2010: 16; vgl. D’Antonio 2010: 10).

Die ersten Unterrichtskurse begannen auf Initiative von Joseph Warrington, einem Absolventen der Universität von Pennsylvania, der im Jahre 1839 einen Krankenpflegeverein (Nurse Society of Philadelphia) gründete, um Hebammen auszubilden (vgl. D’Antonio 2010: 10 f.).

In den darauffolgenden Jahren wurden immer mehr Bücher über Medizin und Pflege geschrieben, wie bspw. The Principles and Practice of Nursing, A Guide to the Inexperience und Principles and Practices, wo unter anderem auch beschrieben wird, dass nicht die Pflegekraft, sondern der jeweilige Arzt über die Handlungen der Pflegekraft entscheidet (vgl. D’Antonio 2010: 11; vgl. Andrist et al. 2006: 25). Pflegekräfte waren hier überwiegend weiblich und die Ärzte meist männlich. Zur damaligen Zeit waren viele Ärzte daran interessiert, möglichst viele Frauen im Fach Pflege zu unterrichten. Zu dieser Personengruppe zählten auch viele Ärztinnen (vgl. D’Antonio 2010: 11 f.). Jedoch waren Ärztinnen unter den Männern nicht in vollem Umfang akzeptiert, denn sie trugen nicht die vermeintlichen Eigenschaften eines Mannes wie bspw. „long experience, and the firmness, the nerve, and even the physical strength [of a man]“ (D’Antonio 2010: 13). Eine Ärztin namens Ann Preston sorgte allerdings dafür, dass Pflegekräften sowohl aus den Krankenhäusern als auch aus dem häuslichen Sektor die gleichen Unterrichtsinhalte vermittelt wurden. Darüber hinaus setzte sie sich dafür ein, dass keine Unterschiede zwischen den jeweiligen Gesellschaftsklassen durch ihre männlichen Kollegen gemacht wurden (vgl. D’Antonio 2010: 13).

Männliche Pflegekräfte hingegen waren unter den Frauen genauso wenig akzeptiert wie die weiblichen Ärzte unter den Männern. So wurden sie meist in den Krankenhäusern als ungelernte Pflegekräfte eingesetzt, was hauptsächlich an den weit verbreiteten Idealen von Florence Nightingale[9] lag (vgl. Andrist et al. 2006: 10). Die männlichen Pflegekräfte waren zuständig für „[the] care for insane and violent patients, alcoholics, and men with genitourinary diseases“ (Andrist et al. 2006: 10).

[...]


[1] Im Rahmen dieser Arbeit bezeichnet die Begrifflichkeit der stationären Pflegeeinrichtungen sowohl stationäre Altenpflegeeinrichtungen als auch Krankenhäuser.

[2] Die Tabelle wurde am10.02.2013 17:19Uhr unter www.gbe-bund.de erstellt. Online in Internet: „URL: http://www.gbe-bund.de/oowa921-install/servlet/oowa/aw92/

dboowasys921.xwdevkit/xwd_init?gbe.isgbetol/

xs_start_neu/&p_aid=i&p_aid=3925136&nummer=85&p_sprache=D&p_indsp=-&p_aid=13374021 [Stand: 10.02.2013].

[3] Simon 2007: 83

[4] Zit. n. Fritschi 1990: 16

[5] Definition Proletarier: „dauernd und erblich ins Lohnverhältnis gebundene Arbeiter“ (Briefs 1980: 223).

[6] Liliane Juchli war eine Ordensschwester aus der Schweiz, die „keine eigene Pflegetheorie entwickelt[e]“ (Hein 2007: 6). Ihr Pflegemodell basiert auf den Modellen von Roper und Henderson, welche Juchli lediglich „um ihre persönliche, religiös-christliche Sichtweise erweitert[e]“ (Budnik 2005: 13). Sie trug jedoch im Wesentlichen dazu bei, dass die amerikanischen Pflegekonzepte, die eine patientenorientierte Ausrichtung hatten, in Deutschland verbreitet werden konnten (vgl. Hein 2007: 6).

[7] Die Wahrnehmung des Pflegeberufs als ein Frauenberuf begann direkt nach dem Dreißigjährigen Krieg von 1618 – 1648, nachdem viele klösterliche Einrichtungen, die für die Versorgung von Kranken vorgesehen waren, zerstört bzw. geschlossen wurden. Daraus resultierte auch ein Rückgang männlicher Pflegender (meistens Mönche). Übrig blieben Ordensgemeinschaften, die nur für Nonnen zugänglich waren. Seit dieser Zeit waren es hauptsächlich Frauen, die sich um die Armen und Kranken kümmerten. Die Akzeptanz von Männern in der Pflege nahm kontinuierlich ab (vgl. Judd et al. 2010: 13, 16 f.). Wichtig zu erwähnen ist allerdings auch, dass Frauen in Deutschland bis 1899 „weder .. zum Abitur noch zum Universitätsstudium zugelassen waren“ (Bürki 2008: 39).

[8] In Amerika stammte die Bezeichnung „Nurse“ vom lateinischen Wort „Nutrix“ ab, das im Englischen so viel bedeutet wie „ein Kind füttern“(engl. to nourish) ab (vgl. Frey, Cooper 1996: 123; vgl. Basavanthappa 2004: 1).

[9] Florence Nightingale ist die Gründerin der modernen Pflege. Sie erkannte Mitte des 19. Jahrhunderts die Notwendigkeit einer entsprechenden Schulung der Pflegekräfte, um die Qualität der Patientenversorgung zu erhöhen. Nightingale war die erste Verfechterin der Pflege für eine eigene Profession (vgl. Young et al. 2007: 6).

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Die Attraktivität des Pflegeberufes in Deutschland und der Einfluss der Führungskräfte
Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
79
Katalognummer
V232965
ISBN (eBook)
9783656488835
ISBN (Buch)
9783656491064
Dateigröße
2112 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
attraktivität, pflegeberufes, deutschland, einfluss, führungskräfte
Arbeit zitieren
Annemarie Fajardo (Autor), 2013, Die Attraktivität des Pflegeberufes in Deutschland und der Einfluss der Führungskräfte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232965

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