Zerfall oder Wandel der Familie?

Die Betrachtung struktureller und familiärer Veränderungen in Deutschland, unter den Aspekten der Individualisierungsthese


Hausarbeit, 2010
22 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Modernisierung und funktionale Differenzierung in ihren Anfängen
2.1. Der strukturelle Aspekt
2.2. Der kulturelle Aspekt

3. Individualisierung
3.1. Drei Dimensionen der Individualisierung nach Ulrich Beck
3.2. Die erste Individualisierungsphase der Bundesrepublik Deutschland
3.3. Die zweite Individualisierungsphase der Bundesrepublik Deutschland

4. Risiken einer postmodernen Gesellschaft und die veränderte Lage

der Frau

5. Strukturelle Veränderungen der Familie
5.1. Heiratsentwicklung und Scheidungen
5.2. Die Entstehung neuer Lebensformen

6. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit Mitte der 80er Jahre ist in der einschlägigen soziologischen Literatur zunehmend von der Entstehung einer Risikogesellschaft (Beck 1986), dem Wandel familialer Strukturen (Kaufmann 1997) und einer Pluralisierung der Lebensformen (Huinink/Wagner 1998), die Rede. Gestiegene Scheidungsraten und gesunkene Heiratszahlen, sowie eine tendenziell strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber Familien und das hohe Armutsrisiko alleinerziehender Mütter, sind Teil jener gesellschaftlicher Veränderungen, die als Produkt einer fortschreitenden Modernisierung betrachten werden. Dabei scheint besonders der Arbeitsmarkt indirekt eine zweckrationale Haltung der Menschen zu fordern und soll deshalb den Dreh- und Angelpunkt gesellschaftlicher Individualisierung darstellen (Beck 1986, S.124- 130). Nach Ulrich Beck haben sich im Laufe der Moderne die Wahlmöglichkeiten und Chancen zur eigenen optimalen Lebensgestaltung - unabhängig von sozialer Herkunft und Schichtzugehörigkeit - deutlich erhöht. Diese Freiheit gestaltet sich jedoch ambivalent. Sie geht mit dem Verlust der Sicherheit und Stabilität privater Beziehungen einher. Das vergesellschaftete Individuum ist gezwungen die eigene Biographie aktiv so zu entwerfen, dass sich sein Lebenslauf optimiert (Beck/Beck- Gernsheim 1994, S. 12- 15). Es entstehen sogenannte „Patchwork“- Biographien, die aus verschiedenen Lebensphasen zusammengebastelt werden. Diese Sequenzen auf den Lebensrhythmus eines anderen Menschen abzustimmen, wird bei zunehmender Mobilitäts- und Aufwandserfordernis immer schwieriger, was nach Beck, in der gegenwärtig postmodernen Gesellschaft zu einem Wandel privater Beziehungen führt. Häufig wird der Zerfall der industriellen Kleinfamilie, also der stabilen Beziehung zwischen den in einem Haushalt lebenden Ehepartnern und ihren Kindern, proklamiert (Bertram 1997, S. 27). Aber kann durch den Verlust von Traditionen und Klassenbindungen wirklich eine generellen Bindungslosigkeit und eine Instabilität privater Beziehungen entstehen, so dass der moderne Mensch sein Leben tendenziell alleine verbringt? Oder produziert der fortschreitende soziale Wandel lediglich neue Plurale Lebensformen, welche die Individuen nach ihren eigenen subjektiven Bedürfnissen gestalten können?[1]

Die Beantwortung dieser Fragen beginnt mit der Aufarbeitung historischer, gesamtgesellschaftlicher Veränderungen in Deutschland, seit dem Zeitalter der Industrialisierung (2.). Der strukturelle Aspekt behandelt die funktionale Ausdifferenzierung des Systems und die damit verbundene Auflösung ständischer Grenzen (2.1.), welche zu einer Veränderung der sozialen Ordnung (2.2) mit zunehmender Individualisierung des Einzelnen und zu dem Übergang in die Moderne führte. Desweiteren wird die Individualisierungsthese nach Ulrich Beck in ihren drei Dimensionen behandelt (3.). Entlang dieses Ausgangspunktes können in der Bundesrepublik zwei Phasen der Individualisierung unterschieden werden (3.2. +3.3.). Im vierten Abschnitt werden die Risiken einer postmodernen Gesellschaft und die veränderte Lage der Frau behandelt (4.). Im fünften Kapitel werden der Wandel familialer Strukturen und das Auseinanderbrechen der Ehe als Institution entlang Becks Individualisierungsthese betrachtet. Hierzu werden Heiratsentwicklung, Scheidungsraten (5.1.) und die Verbreitung neuer Lebensformen (5.2.) in der Bundesrepublik der 70er und 80er Jahre herangezogen.

2. Modernisierung und funktionale Differenzierung in ihren Anfängen

2.1. Der strukturelle Aspekt

Seit Beginn der industriellen Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts, unterliegt die westliche Gesellschaft den Prozessen der Modernisierung. Seitdem veränderte sich die gesamtgesellschaftliche Struktur im Laufe der Zeit. Aus der ständisch organisierten Agrargesellschaft wurde eine in Klassen differenzierte Industrie- und Arbeitergesellschaft, welche sich heute über den Dienstleistungs- und Bildungssektor als Postindustrielle Gemeinschaft definieren lässt (Hradil 2006, S.16f). Modernisierung beschreibt einen langfristigen sozialen Wandel. Aus makroperspektivischer Sicht, ist die horizontale Differenzierung des gesamten Systems in verschiedene Teilbereiche, eines ihrer zentralen Produkte. Im Zuge der Industrialisierung wurden den Elementen des sozialen Systems je nach Funktion ihre bestimmten Aufgabenbereiche zugewiesen. Dieser Prozess erklärte sich vor allem durch seine fortschreitende Kontinuität, seine Unumkehrbarkeit und durch die strukturelle Abhängigkeit aller Untersysteme zueinander. Gerade die Verschränkung der Funktionsleistungen machten zwar vertikale Steuerungs- oder Organisationsinstanzen überflüssig, ließen es jedoch gleichzeitig anfälliger für interne Störungen werden (Neusüss 1997,S.18ff). Durch die Entstehung neuer Technologien, Arbeitsteilung, Spezialisierung und der Ausdifferenzierung von Märkten, Organisationen und des öffentlichen Sektors, konnte die Leistungseffizienz des gesamten Systems optimiert werden (Fuchs- Heinritz u.a. 2007, S.137). Als Folge der Ausgliederung gesellschaftlicher Teilbereiche lösten sich auch die ständisch vorgegebenen Grenzen, welche jeden Mensch an seine, durch Geburt festgesetzte Schicht, fesselte. Das Individuum, somit aus seinem ursprünglichen Milieu ausgeklammert, wurde zum Mitglied einer inklusiven Klassengemeinschaft.[2] Es verlor jeden Anspruch auf die ursprüngliche schichtspezifische Systemintegration. Die kategorische Zuordnung in Bürgertum oder Proletariat erfolgte über den Besitz an Produktionsmitteln bzw. über die existenzsichernde Notwendigkeit der Lohnarbeit (Habermas 1996, S.441f). Arbeit und Bildung waren somit nicht länger ausschließlich in der Familie angesiedelt, der staatliche Verwaltungsapparat befand sich zunehmend in der Hand des Volkes und die Wirtschaftsbereiche regulierten sich über Angebot und Nachfrage durch Konkurrenzmechanismen (Hradil 2006: 21).[3] Neue Institutionen und Organisationen bildeten sich heraus. Dem strukturell- funktionalistischen Ansatz folgend, sollen sie im optimalen, ausgereiften Falle auf der Mesoebene die Vermittlungs- und Integrationsaufgabe, zwischen Individuum (Mirko ebene) und dem System (Makroebene)übernehmen, um die gesamte Gesellschaft tendenziell an die sozialen Gebilde heran zu führen (Tyrell 1990,S. 150). Dabei dienten sie in erster Linie der Selbsterhaltung der Systemstruktur, indem sie die sozialen Rollen und Beziehungen der Individuen, sowie ihre materiellen Austauschbeziehungen ordnen, Machtpositionen besetzen und leistungsbezogene Belohnungen verteilen sollten. Aber sie drangen teilweise auch in den privaten Bereich der menschlichen Lebensgestaltung ein, in dem sie die ideologiestiftende Funktion der traditionalen Glaubensvorschriften übernahmen. Institutionen repräsentierten so den Sinnzusammenhang des sozialen Systems und konnten - oft ganz subtil - als Instinktersatz zur Stabilisierung menschlichen Verhaltens dienen (Scherger 2007, S.26f, 53).

2.2. Der kulturelle Aspekt

Die frühe Industriegesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts definierte sich über die beginnende Verschmelzung von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, mit dem Ziel der Bekämpfung eines evidenten Mangels bzw. der Anhäufung von Reichtum und des Wachstums von Wohlstand (Beck 1986,S.27). Durch die zunehmende Universalisierung bestimmter Werte und Normen, wie beispielsweise Kapital, Arbeit und Demokratie veränderte sich die Grundlage menschlicher Lebensgestaltung. Die soziale Ordnung, entwickelte sich langsam zu einem Modell, bei dem Geschlechterrollen, die bürgerliche Kleinfamilie und Klassen eng miteinander verschachtelt waren (Beck 1991,S.41).[4] Religiöse Weltbilder wurden zersetzt, alte Herrschaftsordnungen unterlagen einem Machtwechsel und manche habitualisierte Verhaltensvorschriften verloren jene Legitimation der eine Institution bedarf, um gesamtgesellschaftliche Anerkennung zu erlangen (Huinink/Wagner 1998,S. 86). Die Auflösung starrer soziale Bindungen an Lehnsherr und Adel, sowie die nachlassende Kontrolle durch die Enge der „Dorfgemeinschaft“, auf Grund einer zunehmenden Landflucht, gaben den Menschen einerseits mehr Freiraum, erzwangen aber andererseits auch gleichzeitig ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Durch die Bestimmungen der Lohnarbeit war der Einzelne dazu gezwungen sich ökonomisch von der Familie, sowie den alten nachbarschaftlichen und beruflichen Netzwerken zu lösen und sich zunehmend um seine eigenen Belange zu kümmern (Hennig 2006, S.133- 135). Hier setzt nun das ein, was Ulrich Beck als Individualisierungsprozess beschreibt, die kontinuierliche Vergesellschaftung des Menschen. Die fortschreitende Ausdifferenzierung des Individuums in neue, soziale Kategorien jenseits von Klasse und Schicht (Beck1994,S.45).

[...]


[1] Lebensformen beziehen sich auf den Familienstand und der Klassifikation privater Haushaltstypen (Nicht eheliche Lebensgemeinschaften; Ein- Personen- Haushalten, Eltern- Kind- Gemeinschaften; etc.). Sie beschreiben also die Struktur privater, sozialer Beziehungen zwischen den Menschen. Wenn von Pluralen Lebensformen gesprochen wird, so ist die vielfältige Ausgestaltung von heterogenen Haushaltstypen bzw. Familienformen gemeint (Huinink/Wagner1998, S.88).

[2] Milieu bezeichnet die gesamte äußere und soziale Umwelt des Menschen, welche durch bestimmte ökonomische und politische Bedingungen, oder der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppierungen seine Entwicklung und somit sein Verhalten bestimmt (Hradil 2006, S. 261).

[3] Die Familie war der Ort zur Erfüllung familialer Leistungen. Eine ihrer zentralen Aufgaben dient der Identitätsbildung, so dass sich der Alltag über familieninternes Handeln definieren ließ (Lüscher 1990, S.16).

[4] Die bürgerliche Kleinfamilie entsprach dem ideologischen Modell einer ehelichen Gemeinschaft, von Vater, Mutter und Kind(ern), bei dem der Mann als Versorger einer Erwerbstätigkeit nachging und sich die Rolle der Frau auf die der Mutter und der Hausfrau beschränkte. Diese Form der Normalfamilie, war in den Anfängen der Moderne der oberen Schicht vorbehalten, da im Proletariat meistens Mann und Frau arbeiten mussten, um ihre Existenz zu sichern. Erst in den 20er Jahren etablierte sich - mit wachsendem Wohlstand - das Modell in der breiten Masse (Kaufmann 1997, S.8f).

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Details

Titel
Zerfall oder Wandel der Familie?
Untertitel
Die Betrachtung struktureller und familiärer Veränderungen in Deutschland, unter den Aspekten der Individualisierungsthese
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Seminar
Note
1,2
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V232996
ISBN (eBook)
9783656499176
ISBN (Buch)
9783656499862
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zerfall, wandel, familie, betrachtung, veränderungen, deutschland, aspekten, individualisierungsthese
Arbeit zitieren
Laura Straka (Autor), 2010, Zerfall oder Wandel der Familie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232996

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