Zusammenfassung:
Wenn schon über der Lyrikübersetzung im Allgemeinen das bekannte Verdikt des traduttore – traditore stets schwebt wie ein Damoklesschwert, so scheint die Schlimmeres verhindernde Haltekraft des zugehörigen Pferdehaars im Bereich der Spaßlyrik endgültig überfordert zu sein. Lassen sich die in der übrigen Lyrik zum Ausdruck gebrachten „großen Gefühle“ mit etwas Geschick und eventuellen idiomatisch naheliegenden Modifikationen in der Metrik und/oder Metaphorik grosso modo auch ästhetisch halbwegs befriedigend in die Zielsprache hinüberretten, so basiert die Komik mancher Spaßlyrikerzeugnisse häufig in der Vertextung einer zufällig lustigen Koinzidenz bestimmter Aussageelemente in der Ausgangssprache, für die sich in der Zielsprache womöglich definitiv kein adäquater Ausdruck findet (z.B. Heinz Erhardt: „Lasst uns den Abend genießen. Genossen – wir doch selten einen so schönen...“) oder denken wir an Jandels Gedicht „Ottos Mops kotzt“, bei dem sich wohl weniger die Frage stellt, wie es in eine bestimmte Sprache zu übersetzen sei als vielmehr die, in welcher der verbleibenden Sprachen der Welt sich dieses kleine Juwel der Nonsenslyrik überhaupt ohne Totalverlust seines komischen Gehalts wiedergeben lässt. Man könnte nun einfach den Schluss ziehen, diese Literaturuntergattung kategorisch aus dem Kanon potenzieller Übersetzungsgegenstände auszugrenzen, wenn dabei nicht allerhand an interkultureller Verständigung preisgegeben würde. Robert Gernhardt, selbst einer der bedeutendsten Vertreter der angesprochenen Zunft, hat deutlich gemacht, dass die nahezu sprichwörtliche Humorlosigkeit der Deutschen, zwar durch das weitgehende Fehlen komischer Werke im Bereich der großen Literaturgenres (Theater, Prosa) scheinbar bestätigt sei, dass dieser Eindruck aber durch eine in kaum einer Nachbarsprache erreichte, überbordende Spaßlyrikproduktion hinreichend konterkariert sei. Für eine differenziertere interkulturelle Kommunikation ergibt sich daraus die Aufgabe, zumindest exemplarisch Kostproben dieses unvermuteten deutschen Wesenszugs zu übermitteln. Da die angedeuteten Schwierigkeiten durch guten Willen allein nicht aus der Welt zu schaffen sind, scheint es uns angeraten, ein paar grundsätzliche Kriterien für Übersetzungstauglichkeit bzw. Untauglichkeit von Spaßlyriktexten herauszuarbeiten und dementsprechend auch den einen oder anderen Übersetzungsvorschlag zur Debatte zu stellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkungen
2. Zur Textauswahl und Anordnung
3. Die Fallstudien
3.1 Joachim Ringelnatz – “Die Schnupftabaksdose”
3.2 Robert Gernhardt – “Der Mördermarder”
3.3 Christian Morgenstern – “Das ästhetische Wiesel”
3.4 Heinz Erhardt – “Der Kabeljau”
4. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Herausforderungen bei der Übersetzung deutscher Spaßlyrik ins Spanische und entwickelt Kriterien für eine aussagekräftige Anthologiebildung, um diesen kulturell spezifischen Humor interkulturell zugänglich zu machen.
- Traduktologische Analyse komischer Lyrik
- Kriterien für Übersetzungstauglichkeit und -untauglichkeit
- Fallstudien bedeutender deutscher Spaßlyriker
- Strategien zum Umgang mit idiomatischen Besonderheiten
- Möglichkeiten der interkulturellen Kommunikation durch Lyrik
Auszug aus dem Buch
3.3 Christian Morgenstern – “Das ästhetische Wiesel”
Morgensterns ästhetisches Wiesel ist vielleicht das Paradebeispiel für ein extrem formbetontes Gedicht, man könnte fast sagen ein metalyrisches Werk, das sich selbst permanent auf die abstruseste Weise zum Reimen zwingt und dies letztlich auch als seinen eigentlichen Daseinszweck ausgibt – alles geschieht hier um des Reimes Willen! Diesem Kernanspruch des Originals zu genügen ist zunächst keine leichte Aufgabe.
Wieder ist es ein glücklicher Umstand, dass mit hurón – guijarrón – chaparrón eine semantisch-formal nahe Entsprechung zu Wiesel – Kiesel – Bachgeriesel den Einstieg erleichtert. Im weiteren Verlauf ist allerdings allerhand an Sprachverbiegung notwendig um dem Diskursverlauf des Originals in inhaltlicher und formaler Hinsicht nahezukommen. Mit nur einer metrischen Abweichung (Vers 8 und 9) erwies sich die Aufgabe als machbar. Die kleinen lexikosemantischen Inkronguenzen erachten wir als notwendige Opfer für den Gesamteindruck des gequält erzwungenen Reimgedichts.
Geht man davon aus, dass der gesamte lyrische Diskurs nur dazu diente sich in dieser Weise selbst zu thematisieren, wäre damit dann immerhin ein Kernanliegen des Gedichts zielsprachlich reproduziert worden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkungen: Einführung in die Problematik der Übersetzung von Spaßlyrik, die aufgrund ihrer starken Bindung an idiomatische Bedingungen oft als unübersetzbar gilt.
2. Zur Textauswahl und Anordnung: Erläuterung der methodischen Vorgehensweise bei den Fallstudien, wobei die Anordnung nach übersetzungstechnischen Schwierigkeitsgraden erfolgt.
3. Die Fallstudien: Praktische Analyse und Übersetzung von Werken der Autoren Ringelnatz, Gernhardt, Morgenstern und Erhardt hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit ins Spanische.
4. Schlussfolgerungen: Zusammenfassende Bewertung, dass Spaßlyrikübertragungen als „erster Spatenstich“ für eine authentischere interkulturelle Mentalitätsvermittlung möglich und sinnvoll sind.
Schlüsselwörter
Spaßlyrik, Übersetzungswissenschaft, Interkulturelle Kommunikation, Lyrikübersetzung, Deutsch-Spanisch, Joachim Ringelnatz, Robert Gernhardt, Christian Morgenstern, Heinz Erhardt, Humor, Äquivalenz, Textauswahl, Anthologie, Nonsenslyrik, Übersetzungskriterien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Herausforderung, deutschen lyrischen Humor (Spaßlyrik) in die spanische Sprache zu übersetzen, ohne dessen komischen Gehalt vollständig zu verlieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Möglichkeiten der interkulturellen Kommunikation, die Grenzen der Übersetzbarkeit von komischer Lyrik und die Entwicklung von Kriterien zur Textauswahl für Anthologien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass auch sprachlich stark gebundene Spaßlyrik durch gezielte übersetzerische Strategien (wie „traición con arte“) interkulturell vermittelt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine traduktologische Analyse anhand von vier Fallstudien durchgeführt, wobei die Texte in aufsteigender Schwierigkeit nach ihrer übersetzungstechnischen Komplexität geordnet und analysiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden konkrete Gedichte von Ringelnatz, Gernhardt, Morgenstern und Erhardt analysiert, um spezifische Probleme bei der Übersetzung von Metrik, Reim und Komik aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Spaßlyrik, Übersetzungswissenschaft, Humor, Interkulturelle Kommunikation und Äquivalenz stehen im Mittelpunkt der Analyse.
Warum stellt gerade die Spaßlyrik eine besondere Herausforderung dar?
Da Spaßlyrik oft auf einer zufälligen, sprachspezifischen Koinzidenz von Ausdruckselementen basiert, drohen Form oder Inhalt beim Versuch einer Übersetzung verloren zu gehen.
Wie geht der Autor mit der Schwierigkeit des "Kabeljau" von Heinz Erhardt um?
Der Autor experimentiert mit einer Übersetzung ins Katalanische als „Brückensprache“, um dem hispanophonen Leser ein affineres Klangerlebnis zu ermöglichen, als es das unverständliche Original erlauben würde.
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- Doktor Kurt Rüdinger (Author), 2013, Die Übersetzung deutscher Spasslyrik ins Spanische, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233045