Identität und Differenz: Zum Menschenbild und zur Pädagogik Theodor Ballauffs


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2013

18 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Ballauffs pädagogisches System

2. Ballauffs philosophische Begründung der Pädagogik
2.1 Ballauffs philosophische Begründung
2.2. «Dasein» und «Sorge» bei Ballauff
2.3. «Sein zum Tode» bei Ballauff
2.4 Die Bedeutung der Zeit bei Ballauff

3. Literatur

1. Ballauffs pädagogisches System

Theodor Ballauffs Werk zeichnet sich ganz anders als die seelenanatomische Arbeit Bollnows durch einen ausgeprägten Hang zur Abstraktion und zum System aus. Dahinter scheint sich eine tiefe Skepsis gegen alle konkret-leibliche Daseinsrealität zu verbergen, zumal gegen jeden Versuch, daraus noch ein Wesen des Menschen hervorgehen zu lassen. Das zeigt sich bereits deutlich am trockenen Kalkül seiner «Systematischen Pädagogik», das sich aus einem kaum überschaubaren Gewirr aus «Fundamentalthesen», «prinzipiellen Theoremen», «pädagogischen Maßgaben» und «Maßnahmen» zusammensetzt. Dabei steht aller Aufwand an Begriffen einem vergleichsweise kompakten Anliegen gegenüber. Immer geht es Ballauff darum zu zeigen, welche Wege der pädagogischen Anthropologie nach Heidegger noch offen stehen, oder kurz, zu sagen, wie denn der Mensch sich zum «Hirten des Seins» wandeln könne. Ballauff geht zu diesem Zweck statt von den Stimmungen - die den frühen Heidegger beschäftigt hatten - ausdrücklich vom Denken aus, das er als Platzhalter für die verlorene Menschlichkeit einsetzt:

“Dieses Denken ist also gar nicht eines Menschen Eigentum, vielmehr macht es durch sein Ereignis diesen zu einem denkenden Wesen, zu einem Menschen. “[1]

Gemeint ist also hier nicht ein Be-denken innerweltlicher Zusammenhänge, sondern jene fundamentale Erfahrung, die das Dasein als solches, und d. h. als «Entschlossenheit» erschließt. Allerdings: im alltäglichen Leben ist das Denken nicht schon vor es selbst gebracht, es erfährt sich im Gegenteil immer schon “in der pathetischen Eingenommenheit von Welt”,[2] es ist immer schon “bei der Sache” und verliert sich an sie. Die erste Forderung, die Ballauff daher an den Menschen qua Denken stellt, ist die nach einer Asketik des Denkens, dies aber

“nicht im Sinne der Übung, sondern der Enthaltung und Befreiung von Intention und Aktion, von dem Aus-Sein auf etwas und dem Behandeln von etwas zu einem intendierten Zweck. Das « Bei-der-Sache-Sein » wandelt sich zu ihrer Erschlossenheit als Gedanke.”[3]

Ballauff variiert hier das antike Modell der Erziehung als «periagogé»,[4] indem er die Läuterung eines vor-eingenommenen Denkens zu einem bewusst offenständigen Verhalten als Richtziel der Erziehung deklariert. Daraus leitet er die zentrale Verpflichtung zur «selbstlosen Verantwortung der Wahrheit» ab, die die zehnte Fundamentalthese einfordert:

“Allem der erhellende und vollbringende Gedanke zu werden in selbstloser Rede, in selbstloser Tat und selbstlosem Werk - das umschreibt Menschlichkeit.”[5]

Wir sollten also, um noch eine andere Formulierung aufzugreifen, “Sprecher, Anwalt und Mittler alles dessen ... sein, was wir nicht sind”,[6] um uns derart als unserer Menschlichkeit würdig zu erweisen. Das Ziel der Pädagogik ist ein selbstloses Denken. „Bildung ist also selbstlose Bildung im Zeichen eines Anderen, das von sich her Bedeutung hat. Letztlich zeigt sich hier eine Rückkehr zum kosmologsichen Denken eines Anderen als Maßstab der Bildung.[7]

Wir kennen dieses Motiv aus dem erzieherischen Werk Bollnows. Und doch hatte der es weder - wie Ballauff - mit dem beschwörenden Pathos des Religionsstifters vorgetragen noch ihm einen systematischen Rang als Axiom der Erziehungswissenschaft zugewiesen. Auch verstand Bollnow seine Kampagne für die «neue Geborgenheit» durchaus als eine Form des ethischen Engagements. Ganz anders dagegen Ballauff, der nicht als Ethiker, sondern als Ontologe der Pädagogik verstanden sein wollte. Aus dem unerschütterlichen Maß des «wesentlichen Denkens» ließen sich - so Ballauff - eben nicht Werte, sondern allein «Maßgaben» ableiten. Unter diesem Titel stellt Ballauff daher auch das konkrete Programm seiner Pädagogik der Selbstlosigkeit vor und gibt darüber hinaus einen Dekalog von zehn «prinzipiellen Theoremen» aus. Dazu zählen - in Schlagworten zusammengefasst - neben der «Sachgemäßheit», verstanden als «Maßgeblichkeit des sachlichen Zusammenhangs»[8], die «Bildsamkeit», die «Angemessenheit», die «Freiheit» und die «Sozialität».

Der Sprachgebrauch erinnert frappant an die Diktion Walter Hammels, der Jahre später wie Ballauff für eine «Pädagogik der Seinsentsprechung» eintrat, der er mit Begriffen wie «Sachlichkeit», «Verantwortung», «Gelassenheit» und «Engagement» ein inhaltliches Profil zu geben suchte. Was darunter zu verstehen ist, verdient aber weder Erläuterung noch Kommentar. Allem Anschein nach ist das Argument, das Heideggers «Brief über den Humanismus» und noch seine Altersrede über die «Gelassenheit» ihre Überzeugungskraft gegeben hatte, im Gebrauch seiner späten Anhängerschaft zur Schablone altbekannter Reizwörter verkommen.Theodor Ballauff inspirierte es immerhin noch zu einer «Asketik des Denkens», die durch ihre Einfachheit und Konsequenz besticht, und in der Tat wird man ihm konzedieren müssen, dass eine sich verbreitende Kultur der «Selbstlosigkeit» und «Gelassenheit» sich als wirksamstes Serum gegen einen sinn-los gewordenen Zivilisationsbetrieb erweisen könnte. Nur wird man gegen die Arrogation eines a-moralischen Ethos der «Sachgemäßheit» berechtigte Einwände anzumelden haben. Was Ballauff etwa als Auftrag der «sachlichen Freigabe» definiert, fällt hinter den aufklärerischen Anspruch radikaler Ideologiekritik zurück und bleibt notwendig illusionär:

“Ein jedes als es selbst zu denken, es freizugeben in seine unversehrte Anwesenheit - diese Formulierungen umschreiben den Anspruch, ein jedes ohne Teleologie und Theologie, ohne Ideologie und Analogie zu bedenken.”[9]

[...]


[1] T. Ballauff, Systematische Pädagogik, Heidelberg 1970, S. 57

[2] A.a.O., S. 14

[3] Ebd.

[4] Vgl. P. Sloterdijk, Nicht gerettet – Versuche nach Heidegger, a.a.O., S. 62: „Platons Revolution heißt Umdrehung oder Herumführung der Seele – griechisch: periagogé. Sie impliziert nichts geringeres als die Gesamtumdrehung der Lebensfahrtrichtung. Wer sich an Platons Höhlengleichnis erinnert, weiß, wie das gemeint ist.

[5] T. Ballauff, Systematische Pädagogik, a.a.O., S. 14

[6] A.a.O., S. 12

[7] W. Lippitz, Bildung und Alterität, Lexikon der Erziehungswissenschaft

[8] T. Ballauff, Systematische Pädagogik, a.a.O., S. 91

[9] A.a.O., S. 97

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Identität und Differenz: Zum Menschenbild und zur Pädagogik Theodor Ballauffs
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V233060
ISBN (eBook)
9783656502609
ISBN (Buch)
9783656504047
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
identität, differenz, menschenbild, pädagogik, theodor, ballauffs
Arbeit zitieren
Dr. Jörg Johannes Lechner (Autor), 2013, Identität und Differenz: Zum Menschenbild und zur Pädagogik Theodor Ballauffs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233060

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