Pflege mit therapeutischem Effekt

Ein Vergleich zwischen Validation und person-zentrierter Pflege und die Notwendigkeit der Sozialen Arbeit in der Altenhilfe


Bachelorarbeit, 2013

57 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Das Krankheitsbild der Demenz
1.1 Epidemiologie
1.2 Ätiologie
1.3 Diagnostik
1.4 Therapie und Intervention

2 Modell der Validation nach Feil für den Umgang mit verwirrten, sehr alten Menschen
2.1 Grundlegende Annahmen der Validation
2.2 Demenzverständnis nach FEIL
2.3 Verlauf der Demenz nach FEIL
2.3.1 Phase I - mangelhafte Orientierung
2.3.2 Phase II - Zeitverwirrtheit
2.3.3 Phase III - Sich wiederholende Bewegungen
2.3.4 Phase IV - Vegetieren
2.4 Ziele der Validation
2.5 Anforderungen an die Pflegekräfte
2.6 Methoden der Validation
2.6.1 Die drei Schritte der individuellen Validation
2.6.2 Validation in Gruppen

3 Modell der person-zentrierten Pflege nach KITWOOD für den Umgang mit dementiell ver­änderten Menschen
3.1 Grundlegende Annahmen der person-zentrierten Pflege
3.2 Demenzverständnis nach KITWOOD
3.3 Verlauf der Demenz nach KITWOOD
3.4 Ziele der person-zentrierten Pflege
3.5 Anforderungen an die Pflegekräfte
3.6 Methoden der person-zentrierten Pflege
3.6.1 Dementia Care Mapping
3.6.2 Positive Interaktionen

4 Vergleich von Validation und person-zentrierter Pflege
4.1 Die grundlegenden Annahmen
4.2 Das Demenzverständnis
4.3 Der Verlauf der Demenz
4.4 Die Ziele der Modelle
4.5 Die Anforderungen an die Pflegenden
4.6 Die Methoden
4.7 Zwischenbilanz

5 Relevanz des Arbeitsfeldes für die Soziale Arbeit
5.1 Demenz als Herausforderung für die Soziale Altenarbeit
5.2 Soziale Arbeit in stationären Altenpflegeeinrichtungen
5.2.1 Alltagsbegleitung, -betreuung und -gestaltung
5.2.2 Angehörigenarbeit
5.2.3 Arbeit mit Mitarbeitern und dem Team
5.2.4 Konzeptentwicklung
5.2.5 Öffentlichkeitsarbeit
5.2.6 Zwischenbilanz

6 Fazit und Ausblick

7 Quellenverzeichnis

Zur besseren Lesbarkeit verwende ich in meiner Arbeit das generische Maskulinum. Es sind also immer beide Geschlechter gemeint.

Einleitung

„Willst du nicht ein bisschen fernsehen?", frage ich. - „Was habe ich davon?" - „Na ja, Un­terhaltung." - „Ich möchte lieber heimgehen." - „Du bist zu Hause." - „Wo sind wir?" Ich nen­ne Straße und Hausnummer. „Na ja, aber viel bin ich hier nie gewesen." - „Du hast das Haus Ende der fünfziger Jahre gebaut, und seither wohnst du hier."

Er verzieht das Gesicht. Die Informationen, die er gerade erhalten hat, scheinen ihn nicht zu befriedigen. Er kratzt sich im Nacken: „Ich glaube es dir, aber mit Vorbehalt. Und jetzt will ich nach Hause."

Ich schaue ihn an. Obwohl er seine Verstörung zu verbergen versucht, ist ihm anzumerken, wie sehr ihm der Moment zu schaffen macht. Er ist voller Unruhe, Schweiß steht auf seiner Stirn. Der Anblick dieses kurz vor der Panik stehenden Menschen geht mir durch Mark und Bein.«1

Ein so ruhiger und einfühlsamer Umgang mit dementiell beeinträchtigten Menschen ist bei­spielhaft. Arno Geiger hat seinem dementen Vater ein ganzes Buch gewidmet, in welchem er seinen Alltag mit dem alten Mann mit klaren, leuchtenden Worten schildert. Eigentlich bräuchte es viel mehr Literatur dieser Art, welche uns vergessen lässt, dass die Demenz ein unheilbar ist. Bücher, welche die schönen, aufregenden und berührenden Momente schil­dern, welche sich durch einen positiven Umgang mit dementiell eingeschränkten Menschen ergeben.

Doch gerade dieser positive, förderliche Umgang geht in der professionellen Pflege von de­mentiell eingeschränkten Menschen oft verloren. Die Zeit drängt und hinter den anderen Tü­ren der Einrichtungen warten noch viele andere Pflegebedürftige auf ihre Mahlzeiten, Medi­kamente und nicht zuletzt aufZuwendung. Doch die straffen Zeitpläne, welche sowohl in sta­tionären Einrichtungen als auch in der ambulanten Pflege Standard sind, erlauben es den Pflegekräften oft nicht einen echten zwischenmenschlichen Kontakt zum Pflegebedürftigen herzustellen.

Hinzu kommt, dass für weite Teile der Bevölkerung die Demenz eine bösartige Krankheit ist, welche die Persönlichkeit der Betroffenen geradezu verschlingt und nichts als eine leere, geistlose Hülle zurück lässt. Menschsein bedeutet, in dergegenwärtigen Zeit, im vollen Besitz der kognitiven Fähigkeiten zu sein und diese kontrollieren zu können.

Demenz gilt als eine Erkrankung des Hirns und so stellt die Medizin die einzige Wissenschaft dar, welche es mit dieser Krankheit aufnehmen kann. Alle anderen sind machtlos, hilflos und nutzlos. Das medizinische Modell, welches die ganze Krankheit mit sämtlichen Auswirkungen auf Hirnleistungsstörungen reduziert, wird oft nicht hinterfragt sondern schweigend und resi­gnierend hingenommen. Der Fokus liegt auf der Medizin, der Diagnostik, der Früherkennung.

Doch was nützen all die Studien und Untersuchungen allein? Ist nicht viel mehr ein gesell­schaftliches Umdenken erforderlich? Das „Schreckgespenst" Demenz befindet sich doch schon sein vielen Jahren in unserer Mitte. Und noch immer werden Demente in schlechten Pflegeeinrichtungen ruhig gestellt und fast ausschließlich medikamentös behandelt. Doch ist gute Pflege, Interaktion und therapeutische Intervention nicht zu viel mehr in der Lage?

Laut der Generali Altersstudie 2013, bei der 4000 Menschen im Alter von 65 bis 85 Jahren befragt wurden, kreisen die Sorgen alter Menschen vor allem um die persönliche Autonomie. 78 % aller Befragten, fürchten sich vor der Pflegebedürftigkeit im Allgemeinen, 68 % vor ei­ner Demenzerkrankung im Speziellen. Damit liegen diese beiden Punkte deutlich an der Spit­ze des Sorgenkataloges.2 Wie angenehm kann ein Leben sein, bei dem sich die Gedanken täg­lich um das bevorstehende Alter und um die damit unvermeidlich einhergehende Angst vor einer dementiellen Erkrankung drehen müssen?

Die Diagnose Demenz, welchen Typs auch immer, stellt viele Betroffene und auch ihre Ange­hörigen auf eine harte Probe. Sie erfordert eine Umstrukturierung des Alltags und der famili­ären Beziehungen. Die Angehörigen eignen sich in Windeseile enorme rechtliche, medizini­sche und sozialpsychologische Kenntnisse an, welche trotz (oder vielleicht gerade auf Grund?) ihres Facettenreichtums die Wissenden an ihre Grenzen stoßen lassen.

Diese Bachelor-These soll einen Vergleich zwischen zwei populären Arten des Umgangs und der Pflege von Menschen mit Demenz bieten. Einen Vergleich zwischen der Validation nach

Naomi Feil (nicht zu verwechseln mit der daraus entstanden integrativen Validation nach Ni­cole RICHARD, welche die Validation nach FEIL so veränderte, dass sie in verschiedene ande­re therapeutische und pflegerische Konzepte integriert werden kann) und der person-zen- trierten Pflege nach Tom Kitwood.

Von welchen Punkten aus haben sie ihre Modelle entwickelt, welches Demenzverständnis lässt sich in ihren Werken finden, wie verläuft die Demenz ihrer Meinung nach, was erwarten sie von einem guten Pflegepersonal und wie sollen ihre Ansprüche methodisch umgesetzt werden?

Die zwei ausgewählten Arten der Pflege, welche in dieser Arbeit verglichen werden, befassen sich vor allem mit den Persönlichkeitsstörungen der dementiell veränderten Klienten. KIT­WOOD und FEIL haben ihre eigenen Theorien - weg von einem rein medizinischen Modell - entwickelt, um die Entstehung der Demenz zu erklären. Darauf aufbauend entwarfen die bei­den zwei verschiedene Modelle, angefüllt mit Prinzipien und Methoden, welche es den Pfle­genden erleichtern sollen einen kommunikativen und förderlichen Umgang mit dementiell beeinträchtigen Menschen zu pflegen.

Abschließend stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten sich durch Validation und person­zentrierte Pflege der Sozialen Arbeit eröffnen und welche Tätigkeitsfelder in diesem Kontext besser erschlossen werden müssen.

1 Das Krankheitsbild der Demenz

1.1 Epidemiologie

Der Begriff Demenz, abgeleitet vom lateinischen Wort „Demens", und bedeutet wörtlich übersetzt in etwa soviel wie „abnehmender verstand" oder „ohne Geist". Ist man im Internet auf der Suche nach einer gültigen Definition, so stolpert man unter anderem über Worte wie „Verblödung" oder „Schwachsinn".3

Die deutsche Alzheimer Gesellschaft definiert Demenz als eine „[...] erworbene Beeinträchti­gung der geistigen Leistungsfähigkeit, die Gedächtnis, Sprache, Orientierung und Urteilsver­mögen einschränkt und so schwerwiegend ist, dass die Betroffenen schließlich nicht mehr zu einer selbstständigen Lebensführung in der Lage sind."4

Als häufigste Ursachen der Demenzen werden hier die Alzheimer-Erkrankung und die Schädi­gung der Blutgefäße im Gehirn angeführt. Die Krankheit ist mein irreversibel und verkürzt die verbleibende Lebensdauer. Zudem steigt die Prävalenzrate (die Häufigkeit des Krankenbe­standes in der Bevölkerung) mit zunehmendem Alter steil an. So sind zwei Drittel der demen- tiell Erkrankten älter als 80 Jahre.5

Die Inzidenz (die Rate der jährlichen neuen Demenzdiagonsen) ist aufgrund der Aufwendig­keit dieser Art von Studien momentan nicht so ausführlich untersucht wie die Prävalenz der Demenz. Jährlich erhalten ungefähr 1,5 bis 1,6 % der Generation über 65 Jahre in Deutsch­land die Diagnose „Demenz".6

Man schätzt, dass in Deutschland momentan circa 1,4 Millionen Menschen mit Demenz le­ben und rechnet mit 300.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Das würde bei gleichbleibender Prävalenzrate bedeuten, dass sich die Zahl der Erkrankten bis ins Jahr 2030 mehr als verdop­pelt.7

1.2 Ätiologie

Demenz ist der Oberbegriff für ein heterogenes und komplexes Krankheitsbild, welches dementsprechend in vielen verschiedenen Formen ausgeprägt ist. Auf Grund dessen ist es fast unmöglich allgemeine Ursachen für Demenzen festzulegen, da für nahezu jeden Erkrank­ten unterschiedliche Einflussfaktoren zu einem von Persönlichkeit und Umfeld geprägtem Krankheitsbild führen. Dieses Kapitel nur kurz die Ursachen der Demenz umreißen und auf die damit einhergehenden Persönlichkeitsveränderungen der dementiell Erkrankten einge­hen, da alles andere den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

Zu den häufigsten Demenzen zählen die Alzheimer Demenz (50-60% aller Demenzen) und die vaskuläre Demenz (umfasst 10-20% aller Demenzen).8

Einfach beschrieben sind durch Alzheimer, Blutgefäßerkrankungen oder andere mechani­sche, toxische oder infektiöse Ursachen Nervenzellen und Nervenverbindungen im Hirn zer­stört worden, die durch Zellneubildung nicht ersetzt werden, sodass die neurologischen Pro­zesse im Gehirn nicht mehr wie gewohnt ablaufen können.9

BUIJSSEN spricht in seinem Buch „Senile Demenz" von zwei Gesetzen der Demenz.

Das erste Gesetz ist das der gestörten Einprägung.10

Um die Funktionsstörungen des Hirns zu verstehen, welche mit der Demenz einher gehen, ist es notwendig zuerst einen Blick auf die Informationsverarbeitung eines normal arbeitenden Gehirn zu werfen.

Schematisch könnte man den Einprägungsmechanismus, welcher von BUIJSSEN (1994) auf Seite 5 ff. beschrieben wird, so darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dem dementieil veränderten Gehirn ist es aus verschiedenen neurologischen Gründen nicht mehr möglich neu gewonnene Informationen vom Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis zu transportieren. Das hat zur Folge, dass dem Erkranktem zeitliche und örtliche Orientierung verloren geht, er sich ständig in seinen Erzählungen wiederholt, keine Erinnerungen an jün­gere Ereignisse oder Personen hat und außerdem nichts Neues mehr dazulernen kann. In verschiedenen Situationen ist er in der Lage seine Beeinträchtigungen zu bemerken, was ihn in Verlegenheit bringt und zu Existenzangst und Frustration führen kann.11

Um diese unangenehmen Momente zu umgehen, ziehen dementiell beeinträchtige Men­schen sich zunehmend aus dem Sozialleben zurück, zeigen keine Initiative mehr, leugnen
oder streiten ihre Defizite ab und geben die alltäglichen Aufgaben, welche sie nicht mehr be­wältigen können an andere ab, ohne ihre Einschränkungen zugeben zu wollen. Hinzu kom­men oft übermäßiger Konsum, Aggressivität, Misstrauen und körperliche Unruhe.12

Das zweite Gesetz, welches BUIJSSEN herausstellt, ist das Gesetz des Gedächtnisabbaus.

Auch die im Langzeitgedächtnis gespeicherten Informationen gehen im Krankheitsverlauf verloren - begonnen mit der Zeit des Ausbruchs der Demenz, hin zu den vorvergangenen Jahren. Durch das besonders intensive Erleben in der Kindheit bleiben diese Informationen dem dementiell beeinträchtigen Menschen am längsten erhalten.13 WEBER und LEHRNER un­terscheiden zudem zwischen episodischem und semantischem Gedächtnis. Das episodische Gedächtnis speichert Informationen zur Biografie und alles, was damit zusammenhängt. Im semantischen Gedächtnis findet sich theoretisches Wissen und die Sprache. Da die dort „ge­lagerten" Informationen nicht emotionsbesetzt wie die im episodischem Gedächtnis sind, ge­hen diese eher verloren. Das zeigt sich zum Beispiel durch Sprachfunktionsstörungen, welche im Krankheitsverlauf relativ früh auftreten.14

Der Gedächtnisabbau hat zur Folge, dass instrumentelle Fertigkeiten verloren gehen, Ereig­nisse verschiedener Lebensabschnitte vergessen werden, die Fähigkeit für sich selbst zu sor­gen verschwindet und die dementiell beeinträchtigen Personen desorientiert hinsichtlich be­kannter Personen sein können. Dazu kommen Wortfindungsschwierigkeiten, derAbbau intel­lektueller Fähigkeiten sowie Persönlichkeitsveränderungen.15

Zu den Persönlichkeitsstörungen, welche aus den Hirnleistungsstörungen einer Demenz re­sultieren, zählen paranoide Störungen, vor allem wenn der Betroffene vorher schon ängstli­che Züge zeigte, die Abnahme der Gewissenhaftigkeit, der Motivation neue Erfahrungen zu machen, sowie der Extraversion und Soziabilität. Außerdem erhöht sich der Neurotizismus­wert.16

Zu weiteren Veränderungen der Persönlichkeit gehören vor allem die reduzierte Initiative, das Aufgeben von Hobbys, Rigidität, Affektinkontinenz, verminderte Rücksicht auf andere so­wie sexuelles „Fehlverhalten". Das Durchsetzungsvermögen und die Aktivität sinken und das Handeln des dementieil Erkrankten ist passiver, zwanghafter und weniger spontan als vor­her.17

1.3 Diagnostik

Nach FÖRSTL in „Demenzen in Theorie und Praxis" (2001) lassen sich Demenz durch rationel­le und apparative Diagnostik, sowie durch neuropsychologische Untersuchungen diagnosti­zieren und kategorisieren. Dieses Kapitel umreißt kurz diese drei verschiedenen Möglichkei­ten, welche bei einer guten Diagnostik alle genutzt werden.

Die rationelle Diagnostik unterteilt sich in Syndromdiagnose und Differentialdiagnosik.

Die Syndromdiagnose stellt dem potentiell dementiell Erkranktem und seinem Umfeld drei Fragen. Hat die Leistungsfähigkeit im Vergleich zu früher nachgelassen? Merkt der Klient sich weniger als vorher und hat er öfter Schwierigkeiten die richtigen Worte zu finden? Wird min­destens eine der Fragen mit „ja" beantwortet, so besteht der Verdacht auf eine dementielle Erkrankung. Der diagnostizierende Arzt hat die Aufgabe Minderbegabungen, leichte kognitive Beeinträchtigungen, reine Gedächtnisstörungen und Depressionen auszuschließen. Dies ge­lingt ihm durch Auswertung der Selbst- und Fremdeinschätzung, sowie durch Bezug auf neu­ropsychologische Tests, welche die vorherigen Wahrnehmungen objektivieren sollen.18

Die Differentialdiagnostik befasst sich mit dem Krankheitsverlauf, welcher Indizien (keine Be­weise) für die Kategorisierung der Demenz liefert. Außerdem werden Symptommuster, wie neuropsychologische Defizite, Störungen von Affekt und Verhalten und neurologische Sym­ptomatiken untersucht. Mit einem Blick auf somatische und psychische Vorerkrankungen und aktuelle Komorbidität (Angst, Depression, Halluzinationen etc.) werden behandelbare Haupt- und Mitursachen für die Demenz erforscht.19

In der apparativen Diagnostik kommen die bildgebenden Verfahren zum Einsatz. Mit ihr wer­den klinische Verdachtsdiagnosen erleichtert und die Differentialdiagnostik eingegrenzt. Po­tentiell reversible dementielle Erkrankungen oder depressive Pseudodemenzen können so schneller diagnostiziert und somit medikamentös und therapeutisch behandelt werden. Zu den bildgebenden Verfahren zählen zum Beispiel die Computertomographie oder die Magne­tresonanztomographie - um nur zwei Möglichkeiten zu nennen. Hinzu kommen noch ver­schiedene biochemische Laboruntersuchungen, welche ebenfalls zur apparativen Diagnostik zählen.20

Bei den neuropsychologischen Untersuchungen werden affektive und kognitive (Dys-)Funkio- nen der Patienten untersucht, sodass (differential-)diagnostische Fragen leichter beantwortet werden können. Hierzu zählen psychometrische Tests, Fragebögen, Anamnese und Verhal­tensbeobachtungen. Somit können kognitive Defizite früh erkannt, quantifiziert und kogniti­ve Leistungseinbußen in ihrem Verlauf betrachtet werden.21

1.4 Therapie und Intervention

Die Therapie und Intervention der Demenz lässt sich in nichtmedikamentöse und medizi­nisch-medikamentöse Behandlung unterteilen, wobei letztere in dieser Arbeit nicht von In­teresse sein soll.

Zu den nichtmedikamentösen Behandlungsmethoden zählen kognitive Verfahren und psy­chosoziale Interventionen.22

Kognitives Training wird vor allem bei Erkrankten mit einer leichten Demenz angewendet. Ihre Aufmerksamkeits- und Merkfähigkeit soll gesteigert werden um dadurch die Selbststän­digkeit der betroffenen Personen in den ersten Jahren der Erkrankung aufrecht zu erhalten. Kognitives Training umfasst Konzentrationsübungen, multidimensionales Training, Gedächt­nishilfen und die Arbeit mit interaktiven Computerprogrammen. Leicht dementiell Beein­trächtigte finden durch kognitives Training vor allem Erleichterung im Alltag, wenn die Übun­gen Bezug zu ihrem direkten Lebensumfeld und ihrer individuellen Biografie aufweisen. Fin­det die Vermittlung von Wissensinhalten durch eine wichtige Bezugsperson statt, so ist das Training meist effektiver.23

Realitätsorientierungstraining wird meist in Pflegeheimen und gerontopsychiatrischen Zen­tren angewendet. Räumliche und zeitliche Orientierungspunkte sind leicht erkennbar gestal­tet, Hinweistafeln werden sichtbar an Türen und Wänden angebracht und das Verhalten der Betreuungspersonen soll den Menschen mit Demenz Struktur in ihrem Lebensalltag geben. Außerdem finden regelmäßig Gruppentreffen statt, in welchen die Bewohner über Tagess­truktur, Personen, Ort und Zeit informiert und orientiert werden. Dadurch wird erreicht, dass das Orientierungswissen wächst, aber auch die Interaktion und Kommunikation wird durch das Realitätsorientierungstraining gesteigert.24

Biographische Therapien helfen die Erinnerungen der dementiell beeinträchtigen Personen zu stützen, den Verlust der persönlichen Identität zu verhindern und die eigene Biografie am Leben zu erhalten. Fotos, Musik oder Bücher regen das Erinnerungsvermögen an und erleich­tern es dem Patienten auf die eigene Biografie zurück zu blicken.25

Psychosoziale Interventionen eignen sich vor allem zur Therapie von anderen psychischen Er­krankungen, welche mit der Demenz einher gehen. Dazu zählen zum Beispiel depressive Ver­stimmungen, psychotische Störungen, Agitiertheit und aggressives Verhalten. Die Therapie erfolgt durch Umgebungsstrukturierung, milleutherapeutische und multimodale Interventio­nen.26

Zur Pflege mit therapeutischem Effekt zählt die Validation und die person-zentrierte Pflege. Im Folgenden werden Validation nach FEIL und person-zentrierte Pflege nach KITWOOD ein­zeln unter bestimmten Gesichtspunkten näher betrachtet und anschließend miteinander ver­glichen.

2 Modell der Validation nach Feil für den Umgang mit ver­wirrten, sehr alten Menschen

2.1 Grundlegende Annahmen der Validation

»Ich suche das Gestern um das Durcheinander in meinen Gedanken zu entwirren.«27

Grundlegend stützen sich die Methoden und Prinzipien der Validation nach FEIL auf ERIK- SONs Theorie der Lebensabschnitte. ERIKSON schreibt, dass es in jedem Lebensabschnitt ei­nes Menschen eine bestimmte Lebensaufgabe gibt, welche es zu vollenden gilt.

In der Phase des Säuglingsalters lernt der Mensch Vertrauen zu fassen. Ein Baby lebt ständig in der Gegenwart und ist nicht in der Lage Vergangenheit oder Zukunft wahrzunehmen. Wird es allein gelassen, so fühlt es seine momentanen Bedürfnisse stärker und wird unruhig, fängt an zu weinen. Kommt die Mutter immer wieder zu ihrem unruhigen oder weinenden Kind zurück, so kann dieses lernen, dass es liebenswert ist, dass es nicht verlassen und nicht zu­rückgestoßen wird. Ist es dem Kind in dieser Phase nicht möglich Vertrauen zu fassen, so ist der Grundstein für eigenverantwortliches Denken und Handeln nicht gelegt worden und die weitere Entwicklung wird sich schwierig gestalten.28

In der frühen Kindheit lernt der Mensch Dinge zu beherrschen und Regeln einzuhalten. Grundlage dafür ist das Vertrauen, welches er im Säuglingsalter aufgebaut hat. Das braucht er um Dinge immer wieder zu probieren, bis sie funktionieren.29

Im Spielalter entdeckt das Kind die vorhandenen Möglichkeiten und schöpft sie aus. Es kann spielerisch Bedürfnisse und Gefühle ausdrücken, Frustrationen verarbeiten und neu erwor­bene Fähigkeiten ausprobieren. Halten die Eltern ihr Kind immer wieder dazu an, alles ord­nungsgemäß zu erledigen und ermahnen oder bestrafen sie es ständig, wenn es einen Fehler macht, so hat es keine Möglichkeit aus seinen Misserfolgen selbst etwas zu lernen. Das kann zu zwanghafter Selbstkontrolle bis hin zur Angst vor Gefühlsäußerungen führen.30

Der Spaß am Lernen und die Arbeitsmoral entwickeln sich im Schulalter. Das Kind sucht sich in der realen oder in der fiktiven Welt Vorbilder, empfindet Lernen und Arbeiten als Genuss. Muss es andauernd Kritik ertragen und wird nicht gelobt kann es keine Zufriedenheit empfin­den. Das Kind leidet unter dem Gefühl der Unfähigkeit, welches ihm vermittelt wird. Der Mensch wird aufGrund dessen entweder übertrieben ehrgeizig (das führt dazu, dass er seine persönlichen Ziele nie erreichen wird und nicht mit dieser Niederlage umgehen kann) oder aber er gibt auf (er gibt sich mit der Gewissheit zufrieden, nie gut genug zu sein und unter­nimmt nie einen Versuch den Erwartungen anderer zu genügen, oder sich selbst Ziele zu set­zen).31

In der Adoleszenz löst sich der Teenager von den bisherigen familiären Bindungen und be­ginnt zu rebellieren. Er beginnt einen Kampf gegen die Eltern um sich von ihnen trennen und zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln zu können. Die Auflehnung gegen das El­ternhaus wird durch eine sichere Bindung in der Kindheit ermöglicht. Mit ihr kann der Teena­ger seinen eigenen Wert erkennen, für die eigene Identität kämpfen und schließlich seinen eigenen Weg gehen. Bei unsicherer Bindung wird die Rebellion jedoch riskant. Ist der Teena­ger sich der Liebe seiner Eltern nicht sicher, so kapituliert er und schlägt die ihm vorgezeich­neten Wege ein. Er wird nicht erfahren, was er selbst will und seine Identität wird von der Außenwelt bestimmt sein.32

Im frühen Erwachsenenalter ist nach erfolgreicher Bewältigung der vorangegangenen Le­bensaufgaben die eigene Identität stark genug Verletzungen zu überstehen. Die Sehnsucht nach Liebe, Intimität und Beziehung bestärken den Menschen sich gegenüber anderer zu öff­nen und eine intime Beziehung mit einem Partner einzugehen. Bei Nichterfüllung vorange­gangener Lebensaufgaben hindert die frühkindliche Angst allein gelassen zu werden den Be­troffenen daran sich auf andere einzulassen.33

Die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen, mit Verlusten und Veränderungen fertig zu wer­den zählen zu den Lebensaufgaben des mittleren Alters.

[...]


1 Geiger 2011, S. 12 f.

2 vgl. Generali Zukunftsfonds 2012, S. 255

3 vgl. URL 1

4 vgl. URL 2, S. 1

5 vgl. URL 2, S. 1 ff.

6 vgl. Wetzstein2005, S.53

7 vgl. URL 2, S. 1 ff.

8 vgl. Buijssen 1994, S. 3

9 vgl. Thiele 2001, S. 131

10 vgl. Buijssen 1994, S. 5

11 vgl. Buijssen 1994, S. 9 ff.

12 vgl. Buijssen 1994, S. 9 ff.

13 vgl. Buijssen 1994, S. 15 f.

14 vgl. Weber, Lehrner, S. 893

15 vgl. Buijssen 1994, S. 18

16 vgl. Bronisch 2003, S. 479

17 vgl. ebenda

18 vgl. Förstl, Calabrese 2001, S. 221 ff.

19 vgl. Förstl, Calabrese 2001, S. 224 ff.

20 vgl. Riemenschneider, Bertram 2001, S. 257 ff.

21 vgl. Theml, Jahn 2001, S. 275 ff.

22 vgl. Haupt 2003, S. 188 ff.

23 vgl. Haupt 2003, S. 189 f.

24 vgl. Haupt 2003, S. 191

25 vgl. ebenda

26 vgl. Haupt 2003, S. 192 ff.

27 Feil, de Klerk-Rubin 2010, S. 43

28 vgl. Feil 2010, S. 27

29 vgl. ebenda

30 vgl. Feil 2010, S. 28

31 vgl. Feil 2010, S. 28

32 vgl. Feil 2010, S. 29

33 vgl. Feil 2010, S. 29f.

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Pflege mit therapeutischem Effekt
Untertitel
Ein Vergleich zwischen Validation und person-zentrierter Pflege und die Notwendigkeit der Sozialen Arbeit in der Altenhilfe
Hochschule
Hochschule Neubrandenburg  (Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
57
Katalognummer
V233105
ISBN (eBook)
9783656498100
ISBN (Buch)
9783656499985
Dateigröße
863 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kitwood, Pflege, Demenz, Senioren, Soziale Arbeit, Feil, person-zentrierte Pflege, Validation, stationäre Altenhilfe, Sozialarbeiter, Altenpflege
Arbeit zitieren
Maria Steglich (Autor), 2013, Pflege mit therapeutischem Effekt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233105

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