Fortuna in Los siete libros de la Diana - Göttin oder Teil der göttlichen Providentia?


Seminararbeit, 2002

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Der Schäferroman - Einleitung

II. Die Geschichte der Göttin Fortuna
II.1. Fortuna in der Antike
II.2. Fortuna im Mittelalter
II.3. Fortuna in der Renaissance

III. Fortuna in Los siete libros de la Diana

IV. Zusammenfassung

V. Literaturverzeichnis

I Der Schäferroman - Einleitung

Der Schäferroman als solcher blickt auf eine lange Tradition zurück, denn bereits die Antike kennt die Hirtendichtung und schon während des Hellenismus entstand der Hirten- bzw. Schäferroman, erhalten ist hier jedoch nur “Daphnis und Chloë“ von Longos.[1]

Im Zuge der Antikerezeption während der italienischen und französischen Renaissance wird auch die Hirtendichtung abermals zum Leben erweckt und gelangt so zu neuer Blüte.[2] Dabei steht die Schäferdichtung

in Wechselbeziehung zu der bis zum Beginn des 17. Jh.s

verbreiteten europäischen Mode der “Schäferei“ als aristokratisches

Gesellschaftsspiel [...]. Die literarische Hirtenwelt wird [...] immer mehr

zur manieristisch gestalteten konventionellen Fiktion, die [...]

Spielart eines schäferlich kostümierten höfischen Lebens und seiner

verfeinerten Sitten ist.“[3]

Am Ritterroman, insbesondere am “ Amadís“, orientiert, entsteht eine neue Form des Schäferromans, dessen Figuren, im Gegensatz zu den Protagonisten des Ritterromans und denen des hellenistischen Hirtenromans, ein weitestgehend ungefährliches Leben führen. Sie sehen sich nicht mit bedrohlichen Situationen konfrontiert und befinden sich in einem natürlich-harmonischen Umfeld. Die einzige Problematik, der sie sich stellen müssen, besteht in den Leiden der Liebe, wobei die unerwiderte Liebe das größte Unglück bedeutet.[4]

Da der Schäferroman sich, wie zuvor auch die Schäferdichtung, an ein adeliges Publikum richtete, blieb die überwiegend normierte Liebeshandlung dem höfischen Gesellschaftsideal unterworfen.[5]

Nichtsdestotrotz oder vielleicht auch gerade deswegen erreichte die Gattung eine äußerst hohe Breitenwirksamkeit und war insbesondere beim weiblichen Publikum derart populär, daß Fray Pedro Malón de Chaide spöttelte: “ ¿ Que ha de hacer la doncellita que apenas sabe andar, y ya trae una Diana en la faldriquera?[6]

Los siete libros de la Diana“ (1559), verfasst von Jorge de Montemayor, hatte für die gesamte Gattung des Schäferromans eine ebenso große Bedeutung, wie sie dem “ Amadís“ zuvor in Bezug auf den Ritterroman zugekommen war: beide Werke werden als gattungs- und modebildend bezeichnet.[7]

Die verstärkte Antikerezeption während der Renaissance habe ich bereits angeschnitten und auch die “ Diana“ weist die verschiedensten Bezüge zu jener Zeit auf. Montemayor flocht unter anderem diverse mythologische Figuren in sein Werk ein, so auch die Schicksalsmacht Fortuna.

Im Folgenden möchte ich nun der Frage nachgehen, welchen Stellenwert Fortuna einnimmt, d. h. ob sie tatsächlich den Status einer Göttin innehat, oder doch nur mehr Teil der göttlichen Providentia sein darf. Um dies genauer untersuchen zu können, erscheint es mir hilfreich, die Geschichte der Göttin Fortuna, beginnend in der Antike, gefolgt vom Mittelalter bis hin zur frühen Renaissance, zu beleuchten, denn die Veränderungen, die Fortuna während dieser Zeitspanne durchläuft, sind ebenso gravierend, wie aufschlußreich.

II. Die Geschichte der Göttin Fortuna

II.1. Fortuna in der Antike

Seit alters her existiert im Bewußtsein der Menschen eine Schicksalsmacht, die als Ursache für alle unvorhergesehenen, wechselnden und als ungerecht empfundenen Ereignisse auf Erden galt.[8] Diese wurde von den Griechen Tyche, von den Römern Fortuna genannt. Ethymologisch betrachtet geht der Begriff Fortuna auf lat. fors (Zufall) zurück[9], die Vorstellung der Römer von Fortuna bzw. ihren Zuständigkeiten als Göttin sind jedoch relativ unklar.[10] Sie ist die Göttin des Überflusses, der Fruchtbarkeit, des Kindersegens, des glücklichen Gewinnes - ein Orakel für das einfache Volk und seine vielfältigen Sorgen. Über die frühesten Formen des Fortuna-Kultes ist man sich bislang jedoch nicht im Klaren, es ist aber anzunehmen, daß Fortuna zunächst als Erntegöttin fungierte und in enger Verbindung zur Geburtsgöttin, der Mater Matuta, stand; zudem war sie die Schutzgöttin beider Geschlechter.[11]

Den Fortuna-Kult führte allem Anschein nach König Servius Tullius, der auch den Tempel der Dea Fortuna auf dem rechten Tiberufer gestiftet haben soll, um die Wende des 5. Jh.s v. Chr. in Rom ein.[12] Weitere Fortuna-Heiligtümer befanden sich in Antium und Praeneste und sie waren jeweils mit einem Losorakel verbunden. Obwohl der römische Senat zunächst die Befragung des Fortuna-Orakels in Praeneste ablehnte, gelobte Consul P. Sempronius Tuditanus während der Auseinandersetzung mit Hannibal, der Fortuna Primigenia von Praeneste einen Tempel zu erbauen, der schließlich 194 v. Chr. auf dem Quirinal geweiht wurde.[13]

Damit stieg Fortuna unter der offiziellen Bezeichnung “Fortuna publica populi Romani Quirilium primigenia“ zur römischen Nationalgöttin auf.[14] Mittlerweile waren in ganz Rom Fortuna-Heiligtümer zu finden und die Glücksgöttin wurde entsprechend ihrer zahlreichen Zuordnungen spezifiziert und so z. B. als Fortuna muliebris (des Weibes), Fortuna virilis (des Mannes), Fortuna equestris (der Reiter) usf., aber auch als Fortuna mala oder bona , als Fortuna dubbia oder stabilis bezeichnet.[15] Sie ist nun die Schutzgöttin für Körperschaften und Familien, für Völker, Städte und Individuen, es gibt also die Fortuna publica uns die Fortuna privata . Man kann wohl behaupten, daß Fortuna in der römischen Vorstellung hauptsächlich als glückbringend galt, weswegen auch die Attribute, die sie mit sich führte, Symbole für Glück und Macht darstellen: Füllhorn ( cornu copiae ), Ähren und Fruchtmaß versinnbildlichen materiellen Wohlstand, das Ruder kennzeichnet Fortuna als Herrscherin, die das Schicksal wie ein Schiff lenkt und die Kugel symbolisiert sowohl ihre Allmacht als auch ihr wankelmütiges Wesen.[16] Im Zuge des religiösen Synkretismus während der römischen Kaiserzeit wandelt sich das Bild der lateinischen Fortuna: sie wird zur Fortuna Panthea, die sich, aufgegangen in der Flut der griechisch-hellenisch-ägyptischen Vorstellungen mit Isis vermischt, die, wie Fortuna, in enger Beziehung zur Schifffahrt und zum Mond steht.[17] Auch verbindet sich Fortuna mit dem Gott des Handels Merkur, um, gleich ihm, Glück bei Geschäften und auf See zu gewährleisten. In Kooperation mit Mars steht sie den Tüchtigen zur Seite und belohnt die virtus der Krieger mit dem Sieg.[18] All diese neugewonnenen Eigenschaften finden sich auch in diversen neuen Attributen wieder, z. B. trägt Fortuna die Krone der Isis, auch Flügel und Strahlenkranz werden ihr zugeschrieben, sie wird abgebildet mit dem Stab des Merkur, sowie mit Rad oder Schiffsbug.[19]

Wirkliche Tiefe und Komplexität gewinnt Fortuna aber erst aus der Verbindung mit der griechischen Göttin Tyche, mit der sie während des Hellenismus zu einer festen Einheit verschmilzt. Im griech. bedeutet Tyche “die aus der Ferne sicher Treffende“, die unabänderliche Macht blinden Zufalls und anders als der Fortunas, lag ihr Ursprung nicht im Volksglauben, sondern in der Literatur, weswegen Tyche zunächst keine kultische Verehrung zuteil wurde.[20] Nur sehr allmählich avancierte sie zur Schicksalsgöttin, der man in Tempeln huldigte, bzw. die man zu beschwichtigen suchte, da sie im Gegensatz zu Fortuna durchaus nicht dem Bild der wohlwollenden Göttin entspricht, sondern eher als eine unberechenbare, blind agierende Kraft betrachtet wird.[21] Im Laufe der Zeit verloren die alten Götter zusehends an Glaubwürdigkeit und Tyche-Fortuna gewann gleichermaßen an Einfluss[22], was wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, daß sie permanent in Erscheinung trat und zuverlässig ihren Aufgaben nachkam. Sie wurde zur Lieblingsgestalt der Bevölkerung, die im Schicksalsglauben Halt zu finden hoffte und sich der Illusion hingab, jeder Widerstand gegen die Göttin währe ohnehin zwecklos, was wiederum Dichter und Philosophen dazu bewog, über den Umgang mit der Schicksalsgöttin zu reflektieren.[23] Schon Sophokles und Euripides wiesen in der griechischen Tragödie darauf hin, daß es von höchster Wichtigkeit sei, daß ein vom Schicksal Getroffener sich zwar mit selbigem abfinden müsse, dies aber in Würde tun solle und auf göttliche Hilfe rechnen könne, wenn er zu handeln bereit sei.[24] Es stellt sich also schon früh die Frage, wie mit Tyche-Fortuna umzugehen, bzw. wie sie zu bezwingen sei. Sapientia, prudentia und virtus können helfen, das Schicksal zu meistern, was äußerst deutlich werden läßt, daß Fortuna durch ihre Verbindung mit Tyche alles Wohlwollende verloren hat. Ihr Wesen ist nun nicht nur als unzuverlässig, sondern sogar als gefährlich zu bezeichnen, woraus sich auch eine Änderung bzw. Ergänzung ihrer Attribute ergibt. Vor allem die Blindheit, die ihre Unberechenbarkeit versinnbildlicht, ist zu jenen zu rechnen.[25]

Ich habe bereits angeschnitten, daß es seit dieser gravierenden Wesensveränderung der Fortuna nötig geworden war, Strategien zu ersinnen, die helfen sollten, Fortunas Schlägen zu entgehen oder ihnen zumindest angemessen zu begegnen. Sophokles und Euripides sind in diesem Zusammenhang erwähnt worden. Auch Aristoteles hat sich zu diesem Thema geäußert. Er unterscheidet zunächst zwischen Tyche (Fortuna) und Automaton (casus), wobei Tyche das Element des zufällig Erfahrenen im menschlichen Bereich meint, Automaton hingegen scheinbar Akzidentielles im animalischen Bereich.[26] Zum Wirkungskreis Fortunas (Tyches) gehören äußerliche Güter, z. B. edle Herkunft, Reichtum, Macht, Schönheit, sowie Glück und Unglück. Im Gegensatz dazu stehen geistig-seelische Güter, die wahres Glück bedeuten und auf die Fortuna keinerlei Einfluss ausübt.[27] Tyche, bzw. Fortuna, kann nicht auf die Entscheidungen des Menschen einwirken, da ihr der seelische Bereich vollkommen verschlossen ist, was wiederum dem Menschen die freie Entscheidung über sein Handeln ermöglicht, ihn damit aber gleichermaßen auch für sein Tun verantwortlich macht.[28] Dies wird nicht unwesentlich sein, wenn es um die Frage der Stellung der Fortuna in Montemayors “ Los siete libros de la Diana“ gehen wird. Da es Aristoteles um die Glückseligkeit (Endaimonia) des Menschen zu tun ist, thematisiert er aber nicht nur den Umgang mit Fortunas negativen Eigenschaften, sondern wirft zudem die Frage auf, ob Fortuna zur Endaimonia des Menschen etwas beitragen kann. Dies wird zwar verneint, nichtsdestotrotz ist Aristoteles Realist genug, Glück nicht ausschließlich über den Seelenzustand zu definieren[29] :

Die meisten Menschen halten ein glückliches auch für ein vom

Glück begünstigtes Leben, oder eines, das Glück beinhaltet und

vielleicht haben sie recht, denn ohne äußere Vorteile kann das

Leben nicht glücklich sein, und damit stehen sie unter Fortunas

Kontrolle.[30]

[...]


[1] Metzler Literaturlexikon, Stichwörter zur Weltliteratur, Hg. G. Schweikle/I. Schweikle, Stuttgart, 1984, 387

[2] Metzler Literaturlexikon,1984, 387

[3] Metzler Literaturlexikon,1984, 387

[4] Spanische Literaturgeschichte, Hg. H.-J. Neuschäfer, Stuttgart, 1997, 127-128

[5] Metzler Literaturlexikon,1984, 388

[6] J. C. Nieto, El Renacimiento y la otra España, Visión cultural socioespiritual, Genève, 1997, 553

[7] Spanische Literaturgeschichte, 1997, 127

[8] E. Meyer-Landrut, Fortuna in Dantes “Divina Commedia“ aus der Sicht der frühen Kommentatoren, Rheinfelden, 1987, 1

[9] Meyer-Landrut, 1987, 1

[10] S. Perowne, Römische Mythologie, Wiesbaden, 1969, 126

[11] Meyer-Landrut, 1987, 2

[12] Meyer-Landrut, 1987, 2

[13] Meyer-Landrut, 1987, 3

[14] Meyer-Landrut, 1987, 3

[15] Meyer-Landrut, 1987, 3

[16] Holländer, “Die Kugel der Fortuna“, in: Das Mittelalter, Perspektiven mediävistischer Forschung, 1, 1996, Heft 1, 149-167, 153

[17] Meyer-Landrut, 1987, 4

[18] Meyer-Landrut, 1987, 4

[19] Meyer-Landrut, 1987, 4

[20] Meyer-Landrut, 1987, 5

[21] Meyer-Landrut, 1987, 5

[22] Meyer-Landrut, 1987, 8

[23] Meyer-Landrut, 1987, 9

[24] Meyer-Landrut, 1987, 9

[25] Meyer-Landrut, 1987, 11

[26] J. O. Fichte, “Providentia-Fatum-Fortuna“ in: Das Mittelalter, Perspektiven mediävistischer Forschung, 1, 1996, Heft 1, 5-20, 7

[27] Fichte, 1996, 7

[28] Fichte, 1996, 7

[29] Fichte, 1996, 7

[30] Fichte, 1996, 7

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Fortuna in Los siete libros de la Diana - Göttin oder Teil der göttlichen Providentia?
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Der Schäferroman in der spanischen Renaissance
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V23311
ISBN (eBook)
9783638264556
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit gibt auch für Nicht-Hispanisten eine sehr gute Einführung die Schicksalsgöttin Fortuna und ihre Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte betreffend.
Schlagworte
Fortuna, Diana, Göttin, Teil, Providentia, Schäferroman, Renaissance
Arbeit zitieren
Nadin Meyer (Autor:in), 2002, Fortuna in Los siete libros de la Diana - Göttin oder Teil der göttlichen Providentia?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23311

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