Antiautoritäre Erziehung: Pädagogische Autorität in den Erziehungsformen der 70er-Jahre innerhalb der BRD


Hausarbeit, 2012
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Pädagogische Autorität und Antiautorität

3. Autorität und Erziehung
3.1. Autoritäre Erziehung
3.2. Antiautoritäre Erziehung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kein Terminus zieht sich durch die historischen sowie gegenwärtigen Diskussionen über Erziehung, Pädagogik und ähnlichen Feldern wie der Begriff Autorität und wird dabei zugleich so sehr kontrovers verwendet. Die alten Römer unterschieden zwischen auctoritas und potestas, also zwischen Autorität und Macht[1]. J. J. Rousseau postulierte 1762 für eine bestimmte Entwicklungsphase des Kindes die freie Entfaltung ohne Zwänge und regulierende Eingriffe der Erwachsenen[2]. Mit der aufkommenden Pädagogik vom Kinde aus, welche Rousseaus Ideen aufnahmen, eigen interpretierten und umzusetzen versuchten, entstand in den 20er-Jahren des 20. Jahrhundert die Internatsschule Summerhill in England, die auf das private und individuelle Glück der Kinder, Lust- und Triebbejahung, auch der sexuelle Triebbejahung und auf jeglichen Verzicht von Zwang und Macht seitens der Erwachsenen zielte[3]. Für die BRD entflammte in den späten 60er und den 70er-Jahren Fragen über Autorität und autoritäre Strukturen erneut, die ihren Ursprung in den Studentenbewegungen der 68er-Jahre fanden.

Antworten auf diese Fragen scheinen heute, neben anderen, die damalige und immer noch gültige Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts am 29.07.1968, dass ein Kind ebenfalls Träger von Grundrechten ist[4]. Sowie „ein ausgebautes, differenziertes fachlich strukturiertes System von Erziehungshilfen“[5] im Kontext der Entwicklung einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit nach dem achten Jugendbericht 1990[6] oder die Tendenz hin zu demokratischeren Erziehungspraktiken.

Antiautoritäre Erziehung, das Schlagwort jener Studentenbewegung, ist heute aus der Mode gekommen. Die Kinderläden, in denen eine solche Erziehung praktische Umsetzung finden sollte, sind gescheitert, aufgelöst und größtenteils aus der alltäglichen Diskussion verschwunden. Der Begriff Autorität hingegen ist aktuell wie eh und je. Häufig auch unter dem Deckmantel anderer Begrifflichkeiten wie Disziplin, Macht und Respekt, die doch alle das Eine zu meinen oder zu fordern scheinen: Gehorsam. Literatur, wie die Bestseller „Lob der Disziplin“[7] von Bernhard Bueb, dem ehemaligen Internatsleiter von Schloss Salem, „Die Mutter des Erfolgs“[8], von Amy Chua oder „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“[9] von Michael Winterhoff finden in der heutigen Gesellschaft Anklang und unterstreichen die Aktualität und Unsicherheit in heutigen Erziehungsfragen. Sie lassen den Klageruf nach mehr Disziplin, Respekt und Gehorsam, schlicht Autorität, wieder lauter erschallen. Der schlagartige Erfolg dieser Autoren drang durch bis zu wissenschaftlichen Kreisen, die ihrerseits mit Literaturwerken wie „Vom Missbrauch der Disziplin“[10] antworteten. Abgesehen von dem obigen genannten wissenschaftlichen Beitrag bleibt der –erst recht kritische- Leser dieser Bestseller mit zu mindestens der Frage zurück, wie Autorität den nun im konkreten auszusehen hat und was es tatsächlich bedeutet. Dies soll auch eine Frage dieser Arbeit hier sein: Was ist tatsächlich mit Autorität gemeint?

Darauf aufbauend möchte die Arbeit auch folgende Frage, im historischen Kontext, diskutieren: Wie findet Autorität in der Erziehung Gestalt?

Nützlich erscheint hier der Rückgriff auf die reichhaltigen Diskussionen zur antiautoritären Erziehung der 70er und 80er-Jahre in der BRD um diese Fragen zu erörtern. Im Näheren soll sich zunächst mit der pädagogischen Autorität befasst werden. Der Blick allgemein auf die Autorität, zu der inhaltlich nicht nur die Amtsautorität gehört, würde den Rahmen der Arbeit sprengen und wäre mit spezifischem Blick auf die Erziehungsstile jener Zeit zu weit geführt. Pädagogische Autorität soll also im wissenschaftlichen Diskurs der 70er und 80er-Jahre erklärt, beleuchtet, definiert und zusätzlich anhand vom Urvertrauen , verdeutlicht werden. Zusätzlich folgt eine Gegenüberstellung des Begriffs Antiautorität, bevor anschließend übergegangen werden kann auf die Gestalt der pädagogischen Autorität in Erziehungsstilen. Hierzu erscheinen mir der autoritäre Erziehungsstil, der zur damaligen Zeit heftiger Kritik ausgesetzt war, und der antiautoritäre Erziehungsstil, Slogan der 68er-Studentenbewegung, sowie Kinderläden und die Antwort auf den autoritär verstanden Stil, geeignet. Auf beide Erziehungsstile soll speziell im Hinblick der Autorität eingegangen werden und ihre Eigenarten, beziehungsweise Praktiken und theoretische Vorstellungen, herausgearbeitet werden.

2. Pädagogische Autorität und Antiautorität

Die Grundlage zu der Entstehung von Autorität, aus dem lateinischen Wort auctoritas hergeleitet, ist einem Menschen dann gegeben, wenn persönliche Qualitäten seines menschlichen Daseins im sozialen Miteinander als Überlegenheit deutlich werden. Solche Qualitäten drücken sich durch eigene Werte oder Sachverhalte aus, die das individuelle Dasein charakterisieren. Überlegene Qualitäten schaffen, nach Walter Hammel, den Ausgangspunkt für eine Autoritätsbeziehung, machen alleine einen Menschen aber noch nicht zu einem Inhaber von Autorität. Denn diese ist keine Eigenschaft oder Eigentum. „Autorität kann niemals nur aus einer Person verwirklicht werden“[11], sondern muss eine zwischenmenschliche Beziehung voraussetzen. T. Auchter bezeichnet im Kontext dessen Autorität als „ein immer neuer personaler Erwerb, indem einer dem anderen Vertrauen schenkt – und damit Anerkennung gewährt“[12].

Zwei Grundlagenaspekte werden hier genannt die zusammen nötig sind zur Entstehung eines vor allem pädagogischen beziehungsweise erzieherischen Autoritätsverhältnisses. Erstens, mindestens eine weitere Person A, welche die Qualitäten der anderen Person beziehungsweise Personengruppe - oder auch Institution - B, auf Basis gemeinsamer Tatsachen welcher Art auch immer, als Überlegen anerkennt. Ob diese tatsächlich überlegen sind, gar existieren oder vorher einer Prüfung unterzogen wurden oder nicht, spielt dabei keineswegs stets eine Rolle. Zweitens, das Vertrauen in die Person B, das gewünschte Aktionen aus ihren anerkannten und überlegenen Qualitäten heraus zutage treten und das diese Person B die Qualitäten der Person A bereichert und fördert. Aber auch der Autoritätsträger, Person B, kann dem Autoritätsempfangendem, Person A, zukünftig größere Qualitäten zutrauen[13]. Der Autoritätsträger wirkt in diesem speziellen Verhältnis „in förderlicher Weise orientierend und regulierend“[14] auf den Autoritätsempfangenden ein. Nebenher beeinflusst diese Autoritätsbeziehung die Fähigkeit zur Selbstständigkeit der Autoritätsempfangenden.

Im Streben Einiger nach dem Erlernen der Fähigkeiten zur Selbstständigkeit beziehungsweise Autonomie, innerhalb der eigenen erfahrenen sozialen Umwelt und Gesellschaft, ist ein unmündiger Mensch, der von sich aus alleine nicht in der Lage dazu wäre, auf erzieherische Autorität angewiesen. Dies geht mit dem schrittweisen Abbau der Autorität einher und dem schrittweisen Aufbau von Selbstständigkeit, sowie der Zusprechung von Freiheit des Unmündigen sich kritisch mit der Autorität auseinanderzusetzen und sie gelegentlich hinterfragen zu dürfen. Letztendlich ist es das Ziel die erzieherische Autorität in der „Selbstverantwortung des jungen Menschen aufzuheben“[15].

K. Erlinghagen gibt, durch seine Erläuterung des Urvertrauens im Kind, ein bildhaftes Beispiel für eine Autoritätsbeziehung an die Hand. Das neugeborene Kind ist zwingend auf existenzielle Hilfe seitens seiner Umwelt angewiesen. Es erfährt, dass die Eltern ihm gegenüber in Aktion treten und beginnt das Vertrauen darin aufzubauen das weitere Aktionen ihm zukünftig helfen werden, lebensnotwendige Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen.

„Das Urvertrauen kann nur aus der grundlegenden Gewißheit kommen, daß bestimmte zwischenmenschliche Aktionen mit Sicherheit und einer gewissen Regelmäßigkeit wiederkehren“[16].

Das Kind erfährt die Eltern durch diese zwischenmenschlichen Aktionen als überlegen, da sie Bedürfnisse und Wünsche des Kindes erfüllen können, welches es selbst noch nicht vollbringen kann. Somit wird, auf Grundlage des Urvertrauens, eine Autoritätsbeziehung geschaffen. Dabei sollte es das Ziel dieser zwischenmenschlichen Aktionen sein, die erzieherische Autorität „im Verlauf des Entwicklungsprozesses immer mehr überflüssig [zu] machen“[17].

Autorität, so schließt auch Erlinghagen, ist also etwas Naturgegebenes und Elementares, in jeder Beziehung Vorkommendes zwischen unter- und überlegenden menschlichen Daseinsarten, in seinem Beispiel alleine durch das Erwachsensein der Eltern[18].

Schließlich muss die pädagogische Autorität, für ein besseres Verständnis, abgegrenzt werden zu autoritären Verhaltensweisen , oder generell dem Adjektiv: Autoritär. Letzteres zielt lediglich auf die Machtkonservierung der überlegenen Person. Solche Personen, die sich gerne auf die eigene Autorität berufen und sich ihrer Grundlagen zunutze macht, verwendet Mittel wie Gewalt, Zwang oder Strafe um den Untergebenen in Abhängigkeit zu halten. Erzieherische Autorität hingegen arbeitet gegen diese Abhängigkeit. Ihr Ziel ist es die Hierarchie, begründet in den unterschiedlich stark ausgeprägten sachlichen oder werteorientierten Qualitäten aus der ja erst schließlich die Basis für eine Autoritätsbeziehung erwächst, mithilfe von Emanzipation in Freiheit und Autonomie aufzuheben[19].

Antidemokratisch, Antichrist, Antisemitismus, Antifaschismus oder Antiautorität. Reiht man das Letztgenannte in diese Aufzählung ein, wird die Bedeutung, genauer eine bestimmte Haltung der Antiautorität, scheinbar deutlich. Anti, aus dem griechischen für entgegen, gegen oder gegenüber, versteht sich im heutigen deutschen Sprachgebrauch als eine kämpferische, feindliche, polemische, intolerante und gewaltsame Einstellung gegen eine bestimmte Ausrichtung. R. Masthoff führt dazu weiter aus:

„Wer eine Anti-Haltung eingenommen hat, wird schwerlich die Bereitschaft aufbringen, sich in einen Dialog mit anderen Positionen, in den Argumentationszusammenhang des Gegenübers einzulassen, Reflexion eventuell kritisch zu überprüfen, Begründungen nachzuvollziehen“[20].

Anti-Ausrichtungen beinhalten also eine radikale Absage ihrer eingeschworenen Gegner während der gleichzeitigen sachlichen Nichtauseinandersetzung mit deren Inhalten.

Häufig stützen sich die eher emotionalen Argumente von Anti-Ausrichtungen auf Halbwissen oder Halbwahrheiten über ihre Gegner und der Antiautorität fällt diese Eigenschaft ebenfalls zu Lasten: Unüberlegt setzt Sie autoritäres Verhalten mit Autorität gleich und nimmt an das Letzteres dasselbe meint wie Ersteres.

Konkret möchte also Antiautorität

„sich allgemein gegen autoritäre, und das heißt irrationale, nicht begründete und auch nicht begründbare, illegitime und somit abzuschaffende Herrschaftsbeziehungen – vor allem von Menschen über Menschen“[21].

[...]


[1] Vgl. Bönner, 1971, S.14f. und vgl. Erlinghagen, 1973, S.23f. und S.18ff.

[2] Vgl. Schmid, 1975, S.29f.

[3] Vgl. Neill, Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung, 1988.

[4] Vgl. Peschel-Gutzeit, 2007.

[5] Thiersch, 2001, S.213.

[6] Vgl. Achter Jugendbericht, 1990.

[7] Bueb, Lob der Disziplin, 2007.

[8] Chua, Die Mutter des Erfolgs, 2011.

[9] Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden, 2008.

[10] Brumlik, Vom Missbrauch der Disziplin, 2007.

[11] Hammel, 1973, S.11.

[12] Auchter, 1973, S.132.

[13] Vgl. Hammel, 1973, S.18ff.

[14] Weber, 1974, S.236 und vgl. S.184ff.

[15] Hammel, 1973, S.39 und vgl. S.30ff. und vgl. Auchter, 1973, S.134.

[16] Erlinghagen, 1973, S.64.

[17] Auchter, 1973, S.135.

[18] Vgl. Erlinghagen, 1973, S.64ff.

[19] Vgl. Weber, 1974, S.237f. und vgl. Hammel, 1973, S.51ff.

[20] Masthoff, 1981, S.31.

[21] Masthoff, 1981, S.25.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Antiautoritäre Erziehung: Pädagogische Autorität in den Erziehungsformen der 70er-Jahre innerhalb der BRD
Hochschule
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel  (Fakultät Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Erziehung und Bildung
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V233123
ISBN (eBook)
9783656502869
ISBN (Buch)
9783656503903
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
antiautoritäre, erziehung, pädagogische, autorität, erziehungsformen
Arbeit zitieren
Michael Ramon Jung (Autor), 2012, Antiautoritäre Erziehung: Pädagogische Autorität in den Erziehungsformen der 70er-Jahre innerhalb der BRD, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233123

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