Japan und die Türkei. Der Modernisierungsprozess im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Die Situation im 19. Jahrhundert

2. Gemeinsame Beweggründe

3. Der Modernisierungsprozess
3.1. Japan
3.1.1. Die „Schwarzen Schiffe“
3.1.2. Die Meiji -Restauration
3.1.3. Von der Taishô -Ära zum souveränen Japan
3.2. Die Türkei
3.2.1. Die Tanzimat -Ära
3.2.2. Das nahende Ende
3.2.3. Atatürk und die Türkische Demokratie

4. Vergleiche
4.1. Die Industrialisierung
4.2. Die Religion
4.3. Das Bildungswesen

5. Fazit

6. Anhang: Japanisch-Türkische Beziehungen

Quellenverzeichnis

Vorwort

Japan und die Türkei.

Dies sind zwei Nationen, deren Namen man selten zusammen erblicken kann. Sei es auf Grund der geographischen oder der historischen Distanz, Kontakte scheint es auf dem ersten Blick selten gegeben zu haben.

Diese schriftliche Ausarbeitung soll das Thema der Modernisierung in Japan und in der Türkei angehen und vergleichende Bewertungen ziehen. Dabei soll das Problem der Verwestlichung angegangen werden und die Fragestellung, ob durch den Modernisierungsprozess eine außereuropäische Gesellschaft entstehen konnte.

Um dieser Absicht nachkommen zu können, werde ich zuerst einen historischen Einblick in die Modernisierungsprozesse beider Länder geben, um ein deutlicheres und genaues Bild machen zu können. Nach der Erreichung dieses Zieles werde ich drei gemeinsame Punkte der Modernisierung von Japan und der Türkei, die ich für die wichtigsten halte, herausarbeiten und an Hand der oben genannten Kriterien vergleichen und bewerten.

Abschließend werde ich ein Fazit aus all dem ziehen und zu einem Ergebnis kommen.[1]

1. Die Situation im 19. Jahrhundert

Japan befand sich in diesem Jahrhundert am Ende der Edo-jidai (1600-1868), in welcher das Land vom Tokugawa-Shogunat regiert wurde. Als oberster Lehnsherr des gesamten Kriegerstandes regierte der Shôgun Japan wie einen hierarchisch aufgebauten Militärstaat. Seine Regierung, das bakufu, hielt auch die Territorialfürsten, die Daimyô, unter strenger Kontrolle. Japan wurde in Territorialgebiete aufgeteilt, welche von den Daimyô kontrolliert wurden. Der Tennô war nur von symbolischer Bedeutung, da die kaiserliche Familie von der Machtausübung ausgeschlossen wurde. Als religiöses Oberhaupt des Shintoismus lebte er in Kyôtô, weitgehend beschränkt auf zeremonielle Funktionen.

Japan befand sich fast 200 Jahre lang in der Abschottungspolitik, der sakoku-jidai. Da der zu große Einfluss christlicher Missionare aus dem Westen, vor allem auf einzelne mächtige Daimyô, Befürchtungen aufkommen ließ, wurde der Kontakt zu den westlichen Ländern abgebrochen. Es wurde nur noch Handel mit Holländern auf der künstlichen Insel Deshima im Hafen von Nagasaki betrieben.

Das konfuzianisch inspirierte Ständesystem teilte die Bevölkerung in vier Kasten: Krieger, Bauern, Handwerker und Kaufleute, die auch Shinôkoshô genannt werden. Anfangs nahmen die Samurai den höchsten Rang in der Gesellschaft ein, während die Kaufleute die niedrigste Position innehatten. Jedoch fand mit der Zeit eine gesellschaftliche Gewichtsverschiebung von den Samurai auf die Kaufleute statt. Die chônin -Kultur, die Kultur der einfachen Bevölkerung, gedieh und Japan erlebte eine kulturelle Glanzzeit in Frieden und wachsendem Wohlstand.

Aber in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts geriet die Finanzlage der Tokugawa -Regierung in eine missliche Lage und die Steuerlasten für die Landbevölkerung wurden immer drückender. Zusätzliche Probleme bildeten die Inflation, Naturkatastrophen und Bauernaufstände.

Die jetzige Türkei war in diesem Jahrhundert Teil des Osmanischen Reiches (1299-1922), welches sich von Westasien über Nordafrika bis nach Osteuropa erstreckte. Das im Jahre 1453 eroberte Konstantinopel, das heutige Istanbul, bildete den Hauptsitz des Sultans. Anfang des 19. Jahrhunderts begann das Osmanische Reich viele Gebiete an Russland und an die westlichen Länder zu verlieren. Somit ist die heutige Türkei das, was vom Osmanischen Reich übrig geblieben ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Regiert wurde das Reich von einer Herrscherklasse, welche wiederum aus vier Unterklassen besteht: Aus der Sultan- Familie (Sarayhalkı), der Kriegerkaste (Seyfiye), die aus ausgebildeten Schwertkämpfern bestand, den Akademikern (Ilmiye) und den Bürokraten (Kalemiye). Die Bevölkerung bestand vorwiegend aus Bauern, Handwerkern und Kaufleuten (Reâyâ).[2]

Auf Grund der enormen regionalen Ausbreitung des Reiches bestand die Bevölkerung neben den Türken (30%)[3] aus den unterschiedlichsten Völkern wie z.B. Griechen, Slawen, Bosniern, Albanern, Rumänen, Juden, Armeniern, Arabern und Persern. Auch die verschiedenen Religionen waren weit verbreitet und wurden praktiziert.

Der Sultan des Osmanischen Reiches war auch gleichzeitig der Kalif, der Nachfolger des islamischen Propheten Muhammed, und somit das Oberhaupt der gesamten islamischen Welt.

Im 19. Jahrhundert befand sich das Osmanische Reich in einer schwierigen Situation. Die innere Schwächung und der erwachende Nationalismus der christlichen Minderheiten führten im Weiteren der osmanischen Geschichte zu Aufständen, Terrorakten und Unabhängigkeitskriegen vor allem auf dem Balkan. Hinzu kamen der Staatsbankrott von 1875 und die Übernahme der Finanzverwaltung durch die Großmächte. Dieses Jahrhundert wird als das Jahrhundert des Tanzimat, der Erneuerung, bezeichnet, worauf im späteren Kapitel detailliert eingegangen wird.

2. Gemeinsame Beweggründe

Japan und die Türkei scheinen im Hinblick auf die Situation des 19. Jahrhunderts nicht viel gemeinsam zu haben. Zwei vollkommen unterschiedliche Positionen fallen auf:

Japan, eine homogene, abgeschlossene, kleine Nation am östlichen Rande Asiens mit klar strukturierten Rollenverteilungen innerhalb der Gesellschaft unter der Regierung eines Shogunats.

Die Türkei, Teil des drei Kontinente bewohnenden Osmanischen Reiches mit einer multikulturellen und -religiösen Gesellschaft unter der Regierung des Sultans und unter einer starken Bedrohung von allen Seiten.

Aber eine Gemeinsamkeit haben diese Länder. In beiden Fällen konnte die Modernisierung nur durch eine Verwestlichung zu Stande gebracht werden. Das Ziel dabei war es, dem Westen ebenbürtig gegenübertreten zu können ohne dasselbe Schicksal wie die kolonialisierten Länder zu erleiden. Und ungefähr zur selben Zeit haben beide mit der Verwestlichung begonnen, worauf ich in den folgenden Kapiteln näher eingehen werde.

3. Der Modernisierungsprozess

Um im späteren Verlauf besser verständlichere Vergleiche zwischen beiden Ländern ziehen zu können, wende ich mich nun dem Modernisierungsprozess zu. Zuerst werde ich detailliert auf Japan eingehen und anschließend die Türkei genau untersuchen, um eine bestimmte Wissensbasis zu schaffen, auf welcher dann die nötigen Vergleichsprozeduren problemlos ablaufen können.

Japan

Die „Schwarzen Schiffe“

Am 8. Juli 1853 landete der amerikanische Kommodore Matthew C. Perry mit drei Kriegsschiffen unter seinem Kommando in der Nähe von Tôkyô.[4] Durch seine Ankunft geriet der Shôgun unter extremen Druck, da vor allem auch die Daimyô der Öffnung des Landes ausgesprochen negativ gegenüber standen. Das Shogunat kapitulierte vor dem militärischen Druck und erlaubte die Landung.

Zum ersten Mal wurde den Japanern die technische Überlegenheit des Westens und somit die eigene Entwicklungslücke bewusst, die als eine Folge der Abschottung des Landes nach außen hin galt. Aufstände zwischen traditionell shogunatsfeindlichen Daimyô aus dem Westen und der allgemeinen Opposition der so genannten Tennô- Partei aus Hofadel und weiteren Daimyô brachen aus. Die unausweichliche Öffnung Japans wurde durchgeführt und im Jahre 1858 der Handelsvertrag von Kanagawa unterzeichnet, welchem wenig später für Japan nachteilige Verträge mit den europäischen Ländern folgten.

In dieser Endphase der Edo-Zeit, die auch als Bakumatsu -Zeit bezeichnet wird, läuteten ein paar Faktoren neben dieser Bedrohung von außen, wie z.B. die Entwicklung großer Städte, die Entstehung von Großhandel und Geldwirtschaft und die Auflösung der Ständeordnung, das Ende der Tokugawa -Herrschaft ein. Am 9. November 1867 gab der letzte Shôgun Tokugawa Yoshinobo den Wunsch bekannt die ganze Regierungsgewalt dem Tennô zurückzugeben. Die Zeit der feudalen Daimyô -Herrschaft wurde dadurch, dass auch die Daimyô die Kaiserherrschaft im darauf folgenden Jahr anerkannten, abgeschafft und der Tennô symbolisch wieder an die Spitze des Staates gestellt.

Die Meiji-Restauration

Von der Ankunft Perrys bis zur Restauration der Kaiserherrschaft im Jahre 1868 verliefen die Jahre sehr chaotisch. Die politische Landschaft machte eine radikale Veränderung durch. Japan wandelte sich von einem isolierten, feudal strukturierten Staat in eine konstitutionelle Monarchie und zum führenden Industrieland Asiens.

Als der Tennô Mutsuhito (1867-1912) an die Macht kam, nahm er den Namen Meiji an, was „erleuchtete Regierung“ bedeutet, trotzdem blieb er in den Händen einer machtbewussten kleinen Elite. Die kaiserliche Residenz wurde dauerhaft nach Edo verlegt, das zugleich Regierungssitz wurde und den neuen Namen Tôkyô („östliche Hauptstadt“) erhielt.

Nach diesem ersten Schritt wurde ein Ziel ins Visier genommen: Den Einfluss der „weißen Eindringlinge“ auszuschalten. Die Angst vor einer starken Abhängigkeit und Kontrolle ließ neue Reformen entstehen. Die Unterlegenheit der Japaner gegenüber dem Westen machte die Notwendigkeit dieser deutlich.

Der Westen fungierte als leuchtendes Vorbild, allen voran die Vereinigten und die europäischen Staaten. Die USA waren hilfreich für die Landwirtschaft, den Postdienst, das Bildungssystem und als Ratgeber des Außenministeriums. Die Briten halfen bei der Eisenbahn, dem Telegrafenwesen und der Kriegsmarine. Frankreich war dem Militär und dem Justizwesen ein großes Vorbild und Preußen dem Verfassungssystem, der Verwaltung, der medizinischen Ausbildung und der Organisation der Universitäten.[5]

Folgende Veränderungen wurden vollzogen:

- 1868 wurde der Buddhismus verdrängt und die reinjapanische Religion, der Shintoismus, zur Staatsreligion erklärt
- Die Klassenunterschiede wurden gesetzlich abgeschafft
- 1871 wurde das Lehenssystem formell aufgelöst
- Japan wurde anstelle der Territorialherrschaften in Präfekturen aufgeteilt
- Den Daimyô wurden neue wichtige Positionen in der neuen, zentral organisierten staatlichen Verwaltung gegeben
- 1872 wurde die Schulpflicht eingeführt
- Im selben Jahr wurde die Samuraikaste durch ein kaiserliches Dekret aufgelöst
- 1873 wurde ein neues Steuersystem, die allgemeine Wehrpflicht, eine neue Währung und der gregorianische Kalender eingeführt

Gleichzeitig fand eine rasante Industrialisierung statt, die durch mehr als 3000 ausländische Berater unterstützt wurde.[6] Die westliche Technik wurde mit japanisch-gesellschaftlichen Normen verbunden und somit wurde Japan wirtschaftlich, gesellschaftlich und militärisch neu organisiert. Es entstand eine duale Wirtschaftsstruktur. Es kamen Klein- und Kleinstbetriebe neben großen Industrie- und Handelskonzernen zustande. 1889 trat die neue Verfassung in Kraft, die der preußisch-deutschen Verfassung von 1871 nachgebildet worden war. „Die Verkündung der autoritären Meiji-Verfassung (1889) und des konfuzianisch beeinflussten kaiserlichen Reskriptes zur Erziehung (1890) ergab die Kombination, welche den neuen Staat formen sollte, in dem moderne Regierungstechnologie, von der viel von Deutschland übernommen war, auf eine Grundlage traditioneller, nationalzentrierter Institutionen und Werte aufgebaut wurde.“[7]

[...]


[1] Türkische und englische Quellen, die ich zur Vorbereitung dieser schriftlichen Ausarbeitung verwendet habe, werde ich bei der Übernahme von Textstellen persönlich übersetzen.

[2] Ihsanoğlu, E. (1999). Osmanlı Devleti Tarihi-2.Cilt, Istanbul: Feza Gazetecilik A. Ş., S. 444 ff

[3] Kazancıgil, Ali and Özbudun, Ergun (1981). Atatürk-Founder of a Modern State, London: C.Hurst&Company, S. 224

[4] www.wcurrlin.de/links/basiswissen_japan.htm (25.08.2006)

[5] www.webwerkstatt.de/westzen.htm (25.08.2006)

[6] Polyglott, ApaGuide (2003). Japan, München: Langenscheidt KG, S.40

[7] www.schroedel.de/pdf/978-3-507-36858-3-2-l.pdf#search=%22Japan%20Modernisierung%22 (25.08.2006)

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Japan und die Türkei. Der Modernisierungsprozess im Vergleich
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Modernes Japan)
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V233153
ISBN (eBook)
9783656494287
ISBN (Buch)
9783656494065
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
japan, türkei, modernisierungsprozess, vergleich
Arbeit zitieren
M.A. Cigdem Gedik (Autor), 2006, Japan und die Türkei. Der Modernisierungsprozess im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233153

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