Watchmen. Versuch einer Charakterstudie zu den Figuren Rorschach, Ozymandias und Dr. Manhattan


Seminararbeit, 2010
18 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Comics – ein Medium für Kinder?

2. Rorschach – Weltanschauung in Schwarz-Weiß
2.1 Rorschachs Kindheit und sozialer Hintergrund
2.2 Die symbolhafte Namensgebung
2.3 Rorschach und Nite Owl – Der Ansatz einer sozialen Bindung

3. Ozymandias
3.1 Ozymandias frühe Ideologie
3.2 Ozymandias – Hülle für Genie und Wahnsinn

4. Dr. Manhattan
4.1 Dr. Manhattans Leben als Mensch
4.2 Vom Menschen zum Gott

5. Flache und runde Charaktere

6. Literaturverzeichnis

1. Comics – ein Medium für Kinder?

Die Meinungen zu Comics in der breiten Bevölkerung sind klar vorgefertigt und erfüllen in den meisten Fällen ein striktes Klischee. Als „kindisch“ und „seicht“ belächelt, bieten ausgewählte Comics fernab der Trivialliteratur komplexe Geschichten an, die auch Erwachsenen Unterhaltung bieten. Neben facettenreichen, vielsträngigen Handlungsverläufen tragen auch tiefgründige Charaktere zum Lesevergnügen bei. Die einfache Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere klassischer Comics wird später aufgebrochen und weicht einer vielschichtigen und zugleich menschlicheren Charakterkonzeption. Ein Beispiel für derartige Comicvertreter ist die hochdekorierte Graphic Novel „Watchmen“ von Alan Moore und Dave Gibbons. Jede der Hauptfiguren für sich stellt eine Persönlichkeit dar und bietet Raum für Interpretationen.

Im Rahmen dieser Arbeit sollen unter psychoanalytischen Gesichtspunkten die Wesenszüge der Figuren Rorschach, Ozymandias und Dr. Manhattan auf wissenschaftlicher Basis ergründet werden. Dabei wird auch die Figurenentwicklung – falls vorhanden – nachgezeichnet und unter kausalen Bedingungen nachvollzogen und begründet. Die Arbeit wird sich den drei oben genannten Charakteren einzeln widmen, Querbezüge sollen dabei aber nicht außer Acht gelassen werden. Diese Arbeit stellt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit, soll aber Denkanstöße und Ansatzpunkte für eigene Überlegungen bieten.

2. Rorschach – Weltanschauung in Schwarz-Weiß

2.1. Rorschachs Kindheit und sozialer Hintergrund

Rorschach ist die erste Person mit der der Rezipient in Watchmen vertraut gemacht wird. Der unter dem bürgerlichen Namen Walter Kovacs geborene Rorschach, ist in einem sozial schwachen Milieu aufgewachsen. Seine Mutter arbeitete als Prostituierte und schreckte auch nicht vor Gewalt gegen ihren Sohn zurück. Neben der teils körperlichen Misshandlung spielt auch mentaler Missbrauch eine tragende Rolle. So beschimpft Walters Mutter ihn als Kind unter anderem mit den Worten: „Du kleiner Scheisser! Weisst du, um wie viel Geld du mich gebracht hast, du Drecksbalg? Ich hätt auf die Anderen hören sollen! Hätt dich doch abtreiben lassen sollen!“.[1] Fehlende Geborgenheit und Nähe in der Kindheit mögen zu Walters späterem gestörten Sozialverhalten beigetragen haben. Als Ziel von Spott und Hänseleien – auch im Bezug auf die Berufsausübung seiner Mutter – staut er seine Wut immer weiter auf, bis sich diese in der Kindheit schließlich in einem Akt der Gewalt entlädt. Er verletzt einen Jungen schwer.[2] Diese reuelose Gewaltbereitschaft begleitet Walter auch als Erwachsener in der Rolle seines Alter Egos Rorschach. Es sei darauf hingewiesen, dass das Ziel dieser Gewalt aber nicht willkürlich gewählt ist, sondern eingebettet in sein Weltverständnis als aus seiner Sicht gerecht angesehen werden kann. Auf das eigentümliche Weltverständnis von Rorschach wird später noch genauer eingegangen.[3]

2.2. Die symbolhafte Namensgebung

Bemerkenswert ist auch das Pseudonym, das Walter für sich wählt. Ähnlich wie bei den meisten anderen Charakteren aus der Reihe der Watchmen kommt dem tiefere Bedeutung zu. Um den Zusammenhang verstehen zu können, ist etwas Hintergrundwissen vonnöten. Vorbild für Walters Alter Ego bildet der Schweizer Psychiater Hermann Rorschach, der sich unter anderem mit der Psychoanalyse Freuds beschäftigte. In diesem Zusammenhang entwickelte er den sogenannten Rorschach-Test.[4] Mit Hilfe von symmetrischen Tintenklecksbildern kann ein psychisches Bild von Patienten erstellt werden, da diese aufgrund der Suggestion ihres Unterbewusstseins je nach Geistes- und Seelenzustand andere Bilder erkennen.[5] Im Rahmen dieser Arbeit soll diese kurze Einführung in die Thematik genügen. Die Wahl des Pseudonyms gründet sich aber nicht auf Bewunderung für diesen Psychiater und Wissenschaftler. Vielmehr spielt die schicksalhafte Begebenheit eine Rolle, in der Walter seine Maske erlangt. Diese erinnert frappierend an die Tintenklecksbilder, die auch in den Rorschach-Tests verwendet werden. In dieser Maske spiegelt sich Walters Weltanschauung wieder: „Schwarz und Weiß in Bewegung, die Form änderte sich… aber vermischte sich nicht. Wurde nie Grau. Sehr, sehr schön.“[6] Er selektiert die Welt systematisch in Gut und Böse. Grauzonen existieren für ihn nicht. Diese Sicht auf die Welt und das Leben behält Rorschach von Beginn bis zum Ende bei. Es findet also keine Figurenentwicklung statt. Der Charakter stagniert. Rorschach besteht so vehement auf seinen Ansichten, dass er dafür sogar in den Tod geht.[7]

Dies ist einer der wenigen Momente, in denen Rorschach Emotionen zeigt. Normalerweise ist sein Vorgehen sehr analytisch und sein Verhalten fast schon apathisch geprägt. Ersichtlich ist dies unter anderem, als er im Gefängnis sitzt und dies ohne jede ersichtliche Gefühlsregung hinnimmt. Auf zwei besondere Momente, in denen sich Rorschach doch zu Gefühlsregungen hinreißen lässt, soll hier kurz eingegangen werden, da diese viel über sein Selbstverständnis aussagen. Als Rorschach von der Polizei ergriffen und ihm seine Maske vom Gesicht gerissen wird, tobt er, dass sie ihm sein „Gesicht“[8] zurückgeben sollen. Die Wortwahl ist interessant und zugleich programmatisch. Rorschach spricht nicht von seiner Maske, sondern explizit von seinem Gesicht. Das zeigt, dass sein Leben als Walter Kovacs völlig in den Hintergrund gerückt und von der Präsenz Rorschachs verdrängt worden ist. Die Spaltung des Charakters, eine Chizophrenie in zwei unterschiedliche Persönlichkeiten ist nicht mehr gegeben. Rorschach hat die ursprüngliche Persönlichkeit in Form von Walter schlicht und einfach ersetzt. Dies gibt er auch selbst beim Psychologen zu, dass in einer bestimmten Situation „Kovacs […] seine Augen schloss“[9] und „Rorschach […] sie wieder öffnete“[10].

In diesem Zusammenhang greift er auch hart und skrupellos bei Verstößen gegen das Gesetz durch. Ironischerweise übt er damit Selbstjustiz aus, die strafbar ist. Genau genommen müsste sich Rorschach im Rahmen seiner Schwarz-Weiß-Weltanschauung selbst unter den Verbrechern einordnen.

2.3. Rorschach und Nite Owl – Der Ansatz einer sozialen Bindung

Nite Owl ist die einzige Figur mit der Rorschach zumindest ansatzweise eine soziale Beziehung eingeht. Sein mangelndes Sozialverhalten lässt sich sicher unter anderem auf seine Kindheit zurückführen. Zum anderen sieht Rorschach seine einzige Aufgabe und Daseinsberechtigung in der Verbrechensbekämpfung. Er legt also auch keinen Wert auf Bindungen, außer sie sind für ihn zweckmäßig wie im Falle der Gemeinschaft der Watchmen.[11]

Außerhalb dieses Verhaltensmusters steht die Interaktion mit Nite Owl, der ihm anscheinend sympathisch ist. Vor dem Keene Act arbeiteten beide als Team zusammen. Das sich Nite Owl nach der Durchsetzung des Keene Acts von der Verbrechensbekämpfung losgesagt hat, scheint ihm Rorschach übel zu nehmen. Als Nite Owl mit seinen floskelhaften Ausführungen „Ja, das waren gute Zeiten, Rorschach. Tolle Zeiten. Wo sind die nur geblieben?“[12] in Erinnerungen schwelgt, gibt Rorschach kurz und rabiat „Du hast aufgegeben“[13] zurück. Ihn dieser Aufgabe sieht Rorschach zum Teil auch seine eigenen Ideale verraten, für die er einsteht. Nichtsdestotrotz bessert sich das Verhältnis im Laufe der Geschichte wieder, obwohl die beiden Persönlichkeiten konträrer nicht sein könnten. Im Gegensatz zu Rorschachs kompromissloser und direkter Art, wirkt Nite Owl stets zurückhaltend, höflich und freundlich. Insgesamt trägt er sogar eher die Züge einer schüchternen und unsicheren Figur. Rorschach entwickelt im Laufe der Graphic Novel eine Art Fürsorglichkeit für Nite Owl, die sich unter anderem dadurch zeigt, dass er ihn über Dr. Manhattans Verschwinden informiert, indem er ihm die Sonntagszeitung auf sein Bett legt oder ihn davon abhält seinen Aggressionen über die Ermordung von Hollis Mason freien Lauf zu lassen.[14]

[...]


[1] Moore, Alan und Gibbons, Dave: Watchmen, Nettetal-Kaldenkirchen 1986/87, Kapitel VI S. 4.

[2] Vgl. Moore: Watchmen, Kapitel VI S.6 f.

[3] Vgl. Moore: Watchmen.

[4] Vgl. Bohm, Ewald: Der Rorschach-Test, Bern 1974, S. 13-19.

[5] Vgl. Klopfer, Bruno und Davidson, Helen Hiller: Das Rorschach-Verfahren. Eine Einführung, S. 9-12.

[6] Moore: Watchmen, Kapitel VI, S. 10.

[7] Vgl. Moore: Watchmen.

[8] Moore: Watchmen, Kapitel V, S. 28.

[9] Moore: Watchmen, Kapitel VI, S. 20.

[10] Moore: Watchmen, Kapitel VI, S. 20.

[11] Vgl. Moore: Watchmen.

[12] Moore: Watchmen, Kapitel I S. 13.

[13] Moore: Watchmen, Kapitel I S. 13.

[14] Vgl. Kukkonen, Karin: Neue Perspektiven auf die Superhelden, Marburg 2008, S. 74-77.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Watchmen. Versuch einer Charakterstudie zu den Figuren Rorschach, Ozymandias und Dr. Manhattan
Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V233212
ISBN (eBook)
9783656497752
ISBN (Buch)
9783656498728
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
watchmen, versuch, charakterstudie, figuren, rorschach, ozymandias, manhattan
Arbeit zitieren
Eymen Behrend (Autor), 2010, Watchmen. Versuch einer Charakterstudie zu den Figuren Rorschach, Ozymandias und Dr. Manhattan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233212

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