"Es war ein kurzer, dahin geworfener Satz und Giambattista Pastorello hätte ihn am liebsten nie gesagt. Doch dann war er hinaus und in der Welt. Er könne den Stürmer Patrick Mboma aus Kamerun nicht verpflichten, ließ der Präsident von Hellas Verona einen Reporter des Regionalfernsehens wissen, weil die Fans einen afrikanischen Spieler nicht akzeptieren würden." (11 Freunde, S.46)
Mit diesen Sätzen sprach der Präsident des Vereins aus der Serie B des italienischen Profifußballs im Jahr 2001 erstmals aus, was Beobachtern des italienischen Fußballs schon lange aufgefallen war. Nämlich dass durch die stark organisierte, häufig rassistische Anhängerschaft vieler italienischer Klubs massiven Einfluß auf die Transfertätigkeit und Vereinspolitik genommen wird. Von Pöbeleien und Übergriffen konnten schon zahlreiche namenhafte Spieler wie Paul Ince, Edgar Davids, Clarence Seedorf oder Lilian Thuram in der Vergangenheit berichten. Doch erst durch dieses öffentliche Statement wurde den Politikern und Fußballverbänden in ganz Europa das Ausmaß von fremdenfeindlichem Gedankengut in den Stadien vor Augen geführt.
Nach dem schrecklichen Höhepunkt um das Freundschaftsländerspiel Polen-Deutschland in Zwabze und den besorgniserregenden antisemitischen Entwicklungen in den späten 80er und frühen 90er Jahren, gelang es in Deutschland mit strengen Stadienordnungen ,-Kontrollen und -Verboten bei Partien im Profifußball, die fremdenfeindliche Stimmung ansatzweise aus den Arenen zu verbannen.
Doch auch mit neuen Gesetzen der Regierung und stärkeren Kontrollen durch den Fußballverband, konnten in Italien kaum Fortschritte bei der Bekämpfung des Rassismus in Fußballstadien gemacht werden. Obwohl es mehrfach Anlass gab die neuen Regularien und gravierenden Maßnahmen (welche über Geldstrafen für die jeweiligen Vereine hinausgehen); wie zum Beispiel 45-minütige Spielunterbrechung oder Spielabbruch und einhergehende 0:2 - Wertung der Partie, auszuführen; wurden sie bis heute nicht einmal angewandt.
Auch deshalb stehen die fanatischen Anhänger in der Nordkurve des römischen Erstligavereins SS Lazio, auch in heutigen Tagen noch mit zum Hitlergruß erhobenem Arm, wenn ihre Spieler auflaufen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur Kategorisierung von Fußballfans und deren Anfälligkeit für fremdenfeindliches und aggressives Verhalten
2.1 Kennzeichnung und Einteilung verschiedener Fangruppen
2.2 Formen von Fremdenfeindlichkeit & Aggression
2.3 fremdenfeindliches Fanverhalten im Fußball
3 sozialpsychologische Erklärungsansätze für dieses latent vorhandene feindliche Potential von Fußballfans
3.1 sozialpsychologische Ansätze
3.2 warum & wie beeinflussen diese Faktoren den Fan?
4 Resümee und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Hintergründe fremdenfeindlicher und aggressiver Tendenzen innerhalb der Fußballfankultur. Ziel ist es, unter Einbeziehung sozialpsychologischer Erklärungsmodelle die Entstehung und Aufrechterhaltung feindseliger Potenziale in Fanmilieus zu analysieren und Möglichkeiten der Prävention aufzuzeigen.
- Kategorisierung und Differenzierung verschiedener Fußball-Fangruppen
- Erscheinungsformen von Fremdenfeindlichkeit und Aggression in Stadien
- Sozialpsychologische Ursachen für feindliches Fanverhalten (Frustrations-Aggressions-Hypothese, soziale Identität)
- Identitätsfindung und Wirksamkeitserleben bei jugendlichen Fußballfans
- Ansätze und Beispiele für antirassistische Faninitiativen
Auszug aus dem Buch
3.1 sozialpsychologische Ansätze
1939 veröffentliche die so genannte Yale-Gruppe (Dollard, Doob, Miller, Mowrer & Sears) ein Buch mit dem Titel Frustration und Aggression, dessen zentrale Annahme, die Frustrations-Aggressions-Hypothese, jahrzehntelang Kern der Forschung auf diesem Gebiet war. Unter Frustration wird der Zustand gemeint, der durch das Nichterreichen eines Ziels zustande kommt; unter Aggression eine Handlung, die darauf abzielt ein anderes Lebewesen zu verletzen. (siehe 2.2)
„Frustration führt immer zu irgendeiner Form von Aggression und Aggression ist immer eine Folge von Frustration.“ (Stroebe, S. 356)
Aggression richtet sich jedoch nicht immer gegen den tatsächlichen Urheber einer Frustration, sondern kann unterschiedliche Formen annehmen. Durch zielgerichtetes Ausleben des Aggressionsdrangs kommt es zum Abbau aggressiver Energie. Man spricht in diesem Zusammenhang deshalb auch von Katharsis. Aggressives Verhalten kann durch klassisches Konditionieren, instrumentelles Lernen oder durch Modelllernen erlernt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit im Fußball ein, illustriert durch aktuelle Fallbeispiele und die zunehmende Brisanz in den europäischen Stadien.
2 Zur Kategorisierung von Fußballfans und deren Anfälligkeit für fremdenfeindliches und aggressives Verhalten: Das Kapitel differenziert zwischen verschiedenen Fangruppen wie Kuttenfans, Ultras und Hooligans und beleuchtet deren spezifische Anfälligkeit für diskriminierendes und gewalttätiges Verhalten.
3 sozialpsychologische Erklärungsansätze für dieses latent vorhandene feindliche Potential von Fußballfans: Hier werden theoretische Modelle wie die Frustrations-Aggressions-Hypothese und die Theorie der sozialen Identität herangezogen, um zu erklären, wie Gruppenprozesse und Identitätsfindung zu aggressivem Verhalten beitragen.
4 Resümee und Ausblick: Das Fazit unterstreicht, dass die Bekämpfung von Rassismus ein kontinuierlicher Prozess ist, der über reine Repression hinausgeht und insbesondere durch präventive Arbeit und Faninitiativen gestaltet werden muss.
Schlüsselwörter
Fußballfans, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Aggression, Sozialpsychologie, Frustrations-Aggressions-Hypothese, Soziale Identität, Gruppenverhalten, Deindividuation, Jugendkultur, Fanprojekte, Prävention, Stadion, Identitätsfindung, Wirksamkeitserleben
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Phänomen fremdenfeindlicher und aggressiver Verhaltensweisen unter Fußballfans und versucht, diese durch soziologische und psychologische Ansätze zu erklären.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Differenzierung von Fangruppen, die Analyse von Gewalt- und Fremdenfeindlichkeitsformen sowie die Untersuchung sozialpsychologischer Mechanismen in Gruppen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Ergründung der Hintergründe, warum und wie es zu fremdenfeindlichem Potenzial und aggressivem Verhalten in Fußballstadien kommt, sowie die Darstellung von Möglichkeiten zur Gegensteuerung.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse, die sozialpsychologische Konzepte und Modelle (z.B. Frustrations-Aggressions-Hypothese, soziale Identität) auf das spezifische Umfeld der Fankultur überträgt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Kategorisierung von Fans, die psychologische Fundierung der Aggressionsentstehung und die Analyse der einflussnehmenden Faktoren auf das Verhalten der Fans.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Fußballfans, Rassismus, Gruppenverhalten, soziale Identität, Aggression und Fanprojekte.
Welche Rolle spielt die Gruppenidentität bei Fußballfans?
Die Arbeit verdeutlicht, dass die Abgrenzung zu einer "Feindgruppe" essenziell für die Identitätsbildung der Fans ist, was das Risiko für Ausgrenzung und Aggression signifikant erhöht.
Wie wirken sich moderne Fanprojekte auf das Problem aus?
Fanprojekte dienen laut Autor als wichtige präventive Maßnahme, um Jugendliche durch Bildung und aktive Beteiligung für politische Zusammenhänge zu sensibilisieren und Gegenstrategien zum Rassismus zu entwickeln.
- Quote paper
- Johannes Wiesner (Author), 2004, Fußballfans - Latenz zu fremdenfeindlichem und aggressivem Verhalten?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23324