Predigtarbeit zu Lukas 9,57-62


Examensarbeit, 2013

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 ERSTE ASSOZIATIONEN

2 EXEGETISCHER ZUGANG
2.1 Übersetzung
2.2 Umfeld des Textes
2.3 Textanalyse
2.4 Resümee

3 SYSTEMATISCHE REFLEXION
3.1 Nachfolge bei Dietrich Bonhoeffer. Skizze einer historisch-systematischen Klärung
3.2 Die praktische Bedeutung der Hoffnung auf das Reich Gottes
3.3 Heimat und Exil oder: Herta Müller und die deutsche Geschichte

4 HOMILETISCHE SITUATION
4.1 Die gesellschaftliche Lage der Gegenwart
4.1.1 Strukturmerkmale, Gefahren und Perspektiven der ÅMultioptionsgesellschaft“
4.1.2 Vom Stress der Beschleunigung zum Stress der Entschleunigung
4.2 Die Gemeindesituation
4.3 Menschen in der Gemeinde und Imagination ihrer möglichen Rezeption des Predigttextes
4.3.1 Magdalena K
4.3.2 Lili H
4.3.3 Liane T
4.3.4 Ines H
4.3.5 Walter T

5 KONZEPTIONELLE ZUORDNUNG DER PREDIGT
5.1 Das Konzept der Predigt: Dramaturgische Homiletik
5.2 Die Durchführung des Predigtkonzeptes

6 PREDIGT

LITERATURVERZEICHNIS

1 Erste Assoziationen

Am Anfang steht Befangenheit, Skepsis, auch Scheu. Am Anfang steht das Wort. Das große Wort; der homiletisch überpräsente Theologe; die fingierte Überschrift in der Bibelausgabe: Nachfolge; Dietrich Bonhoeffer; Vom Ernst der Nachfolge. Ist das die Zange, aus der sich die Perikope herauszuwinden nicht mehr vermag? Ist ÅNachfolge“ der Skopus - welch Begriff! - der Perikope, und zwar nicht nur der grundsätzliche, sondern der einzige? Ist es noch möglich, autonome Assoziationen zu Lk 9,57-62 anzustellen, nachdem dieses Damoklesschwert einmal aufgehangen wurde? Was, wenn es ganz anders wäre? Wenn Lk 9,57-62 keinen Ort in der Passionszeit haben muß, wenn das Kreuz in den Text nur zu oft hineingelesen wird, weil es aus ihm selbst nicht schadlos gehoben werden kann? Was aber, wenn doch?

Zwei Lose drängen sich auf: Heimatlosigkeit; Rastlosigkeit. Stete Unstetigkeit ist das Los christlicher Existenz, die mehr in Abrahams Fremdlingsschaft im eigenen Lande denn in der homerischen Odyssee einen Gründungsmythos sieht. Und doch: Pilgerschaft in hoc saeculo ist kein christliches proprium - sie prägt Kultur, ja schafft sie erst, ist fons und movens jedes Nachdenkens über menschliches Sein. Wir haben hier keine bleibende Stadt, stattdessen harren wir in ungewisser Gewissheit und wissen nicht so recht, warum worauf. Aber wissen wollen wir.

Der zynische Grenzgänger zwischen Frankreich und Deutschland schreibt Wintermärchen und wird um den Schlaf gebracht, weil er um Zugehörigkeit ringt. Die feinsinnige Wanderin zwischen den Welten pilgert zwischen Heidelberg, New York und Jerusalem und verstummt nicht in ihrem Fragen nach den Bedingungen tätigen, aktiven Lebens. Der politisch inkorrekte Gerechtigkeitsmahner schreibt Eine Winterliche Reise an Flüsse wie die Donau und bleibt immer Österreicher und Slowene. Und je: Kein Ort. Nirgends. Heinrich Heine und Hannah Arendt, Peter Handke und Christa Wolf sind keine Füchse und sind keine Vögel, sind Menschensöhne und -töchter.

Menschenkinder sind Familienkinder, Zugehörigkeit braucht Zuhause, und Heimat soll kein Ort sein, sondern sie sei ein Gefühl, singt der Philosoph der Popkultur Herbert Grönemeyer. Abschiede von der Familie brechen die gefügte Biographie, die wir nicht schreiben. Die Fugenlosigkeit der sogenannten Keimzelle menschlichen Erwachsens in die Welt bleibt immer gegenwärtig, und wenn die Nähte reißen, hilft vielleicht der Blick nach vorn. Die Frage nach Herkunft und Eigentum ist natürlich eine konstruierte Frage, aber Vergänglichkeit läßt sich auch angesichts des Grabes nur fühlen, nicht verstehen.

Seelsorge auf der Straße: Was steht für Dich gerade an? Was tut Dir gut? Was hilft Dir wirklich, die Risse Deines Lebens zu fugen? Bedenke: Vorsicht ist geboten! Rücksicht ist die säkulare Primärtugend: Sie schafft salzsäulene Ätiologien im Alten Testament. Sie trennt Liebende und läßt Euridice für eine zweite Ewigkeit in der Unterwelt zurück. Es gilt, das Reich Gottes vorzusehen, sich vorzusehen vor rücksichtslosem Haben und Sein.

Und dann auch: Die Hände immer an den Pflug und den Blick immer auf das geöffnete E-MailPostfach geheftet. ‚Work-Life-Balance‘ ist vom Reich Gottes mitten unter uns gar nicht so stark verschieden, riecht nur nicht so sehr nach Antiquariat.

2 Exegetischer Zugang

2.1 Übersetzung

Lk 9,57-62: 57 Und als sie auf dem Weg waren, sprach jemand zu ihm: Ich werde mit Dir gehen, wohin Du nur gehst.

58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels haben Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wohin er sein Haupt lege.

59 Und er sprach zu einem Anderen: Geh mit mir! Der aber sprach: Herr, erlaube mir, zuvor zu gehen, meinen Vater zu begraben.

60 Da sprach er zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben; Du aber gehe und verkündige überall das Reich Gottes!

61 Da sagte aber auch ein Anderer: Ich werde mit Dir gehen, Herr. Zuvor aber erlaube mir, Abschied zu nehmen von meiner Familie.

62 Da sprach Jesus zu ihm: Niemand, der die Hand an den Pflug legt und hinter sich blickt, ist dem Reich Gottes nütze.

2.2 Umfeld des Textes

Nach herkömmlicher bibelkundlicher Gliederung des Lukasevangeliums findet die Perikope Lk 9,57-62 ihren makrokontextuellen Ort in der geschilderten Reise Jesu nach Jerusalem1 in Lk 9,51-19,272, nachdem Lukas Jesu Wirken in weitgehender Konformität mit seiner markinischen Vorlage in Galiläa (Lk 4,149,50) darstellt und bevor er Jesus selbst literarisch in Jerusalem verortet. In diesem ersten Teil des ÅReiseberichtes“3, an dessen zweiter Stelle die Perikope zu stehen kommt, verarbeitet Lukas nach allgemeiner exegetischer Einsicht nahezu ausschließlich Sondergut und ihm vorliegendes Material aus der sogenannten Logienquelle - er arbeitet also in auffälliger Unabhängigkeit und theologischer Eigenständigkeit ohne seine markinische Vorlage, die deutlich die anderen Abschnitte seines Evangeliums strukturieren. Die Sammlung einer Vielzahl von Perikopen, die Lukas sowohl schriftlich als auch mündlich zur Verfügung standen, ordnet er in diesem ÅReisebericht“ Jesu einander unter paränetischen und didaktischen Gesichtspunkten zu und ist bestrebt, eine systematische Einheit zu schaffen:4 ÅDer ‚Reisebericht‘ ist Rahmen für ort- und zeitlos überlieferte Perikopen meist lehrhaften Inhaltes, und zwar christologisch bestimmter Rahmen.“5 Dabei ist der ÅReisebericht“ als solcher weniger durch seinen itinerarischen Charakter geprägt,6 und es gibt begründeten Zweifel daran, Åob Lukas überhaupt eine klare Vorstellung vom Reiseweg von Galiläa nach Jerusalem besessen hat.“7 Der lk Redaktion der Einzelperikopen ist es nicht an der Abfassung einer biographisch detaillierten Reiseschilderung gelegen.8 Es ist vielmehr - so meint etwa Walter Grundmann in Anschluß an Hans Conzelmann - die passionschristologische Orientierung, die dem lukanischen ÅReisebericht“ seine theologische Färbung verleiht: ÅDas wird daran sichtbar, daß Lukas den Weg nach Jerusalem als ‚Gang zum Leiden‘ dargestellt hat“9, und zwar als einen solchen Leidensgang, der vom lk Jesus jederzeit im Bewußtsein seiner Passion, gewissermaßen coram cruce, begangen wird. Auch Wolfgang Wiefel sieht in der Passion eine grundlegende Linie der lk Gestaltung, die im ÅReisebericht“ noch verstärkt wird: ÅDie Ausrichtung auf die Passion - es gehen voraus die beiden Leidensankündigungen 9,22 und 9,44 - und deren Verständnis als Eingang in die messianische Herrlichkeit (24,26) bestimmen […] die Funktion des Reiseberichtes“10, die mithin auch schon im Bericht von Jesu Verklärung Lk 9,28-36 deutlich wird. Die in diesen Weg eingeschriebenen Lehrperikopen zeigen Jesus dabei nach Grundmann im Anschluß an Conzelmann und Johannes Schneider als ÅLehrer im Angesicht des Todes […]. Seine Lehre ist dementsprechend angesichts seines Todes gesprochen und durch seine Auferweckung von Gott bestätigt. Die ort- und zeitlose allgemeine Rahmung zeigt diese grundsätzlich-bleibende Bedeutung.“ Gegen eine zu enge passions- und messianisch-theologische Interpretation des ÅReiseberichtes“ als literarisch breit ausgearbeitete via crucis ist es aber ebenso denkbar - so Wiefel mit William C. Robinson gegen Conzelmann -, das Weg-Motiv als solches stärker in den theologischen Vordergrund zu rücken: Å‚For Luke is God’s revelation the revelation of a way‘“11.

Die Perikope ist mikrokontextuell gerahmt von der Eröffnungsperikope des ÅReiseberichtes“, Jesu Aussendung einiger Boten mit dem Auftrag der Bitte um Aufnahme in einem samaritanischen Dorf und die Verweigerung dieser Bitte in Lk 9,51-56 sowie der ‚universalen‘ Jüngeraussendung Lk 10,1-20. Nach Grundmann ist es das Motiv der beständigen Fremdlingschaft, das den ÅReisebericht“ in Lk 9,51ff. einleitet; die Stellung dieser Perikope von den ‚ungastlichen Samaritanern‘ Åam Anfang des Weges nach Jerusalem hat also grundsätzliche Bedeutung. Er [scil. Jesus] ist es, für den kein Raum da ist“12, nicht in Bethlehem (Lk 2,7), nicht in Nazareth (Lk 4,16-30) und nicht in der samaritanischen Umgebung. Ein zweites Moment kann dabei in der streng passionschristologischen Lesart des gesamten ÅReiseberichtes“ als entscheidender Wendepunkt in der Wahrnehmung Jesu als Messias etwa mit Ernst Josef gesehen werden: ÅHier geht es nicht um einen unangenehmen Zwischenfall, sondern um die Aufhellung der tieferen Ursachen des Kreuzestodes.“ In diese Richtung argumentiert auch François Bovon, der hier eine Geschichte sieht, die Åparabelartig die neue, tragische Ausrichtung dieser Bestimmung [sic. der leidende Messias zu werden, vgl. Apg 26,23] ankündigt.“13 Im Anschluss an Lk 9,57-62 findet sich die Verbindungslinie in der Aussendung weiterer ÅBoten“, die Schilderung der Aussendung der siebzig Jünger Lk 10,1-20. Das textimmanente Ziel dieser Perikope ist zunächst die ÅVorbereitung des Kommens Jesu“ in die vorausliegenden Orte; entsprechend einer theologischen Interpretation der Zahl 70 (resp. je nach

Lesart auch 72) wird darüber hinaus exegetisch übereinstimmend gefolgert, der lk Jesus fasse nun grundsätzlich und gegenüber der Aussendung der Zwölf Jünger in Lk 9,1ff. Ådie Völkerwelt ins Auge“14.

2.3 Textanalyse

Da die Perikope in Mt 8,18-21 eine Parallele hat, ist weitgehend unumstrittener Forschungskonsens, daß sich Lukas auf eine Vorlage der sogenannten Logienquelle bezieht, die auch Matthäus vorgelegen habe. Im Unterschied zu Mt reiht Lk die Perikope durch die Motive des Wanderns und des Weges in V. 57 deutlicher in seinen ÅReisebericht“ und fügt ferner auch den dritten Dialogteil VV. 61f., inspiriert durch die beiden vorangegangen und auch von Mt verarbeiteten Dialoge, ein. Eine tiefergreifend bedeutende Parallele haben die beiden Logien Jesu über die Motive der ‚Füchse‘ und der ‚Toten‘ jedoch v.a. in EvThom 86 und 87. Vor allem letzterer ‚Spruch Jesu‘ rekurriert womöglich auf die nicht mehr zu rekonstruierende Åursprünglich nicht dialogische Form von Q“15. Dies ist insofern bedeutsam, als der Spruch aus EvThom 87 - ÅJesus sagt: Beklagenswert ist der Leib, der von einem Leib abhängt, und beklagenswert ist die Seele, die von diesen beiden abhängt“16 - wohl weder primär Antwort auf eine Anrede sein noch überhaupt zur Nachfolge aufrufen will.17 Erst in ihrem lk Kontext hebt sich die Perikope über diese theologische Neugewichtung prinzipiell von der ihr vorausgehenden ab (deren Fokus liegt Bovon zufolge auf der Verbindung von Christologie und Ekklesiologie). Diese Abhebung geschieht dabei jedoch nicht, ohne daß die lk Redakion eine semantische Verbindung herstellt: Å[W]ährend die vorausgehenden Verse durch das Thema der Aussendung (die Jünger, welche vorausgehen) bestimmt waren, ist es hier das der Nachfolge (die Jünger, welche nachfolgen), um das die Reflexion kreist.“18 ‚Nachfolge‘ ist in Anlehnung der Übersetzung des Verbes akolouqw/mit Åfolgen“19 in der Lesart Bovons das Kernthema der Perikope.20

Die Verse 57f. unterstreichen zunächst durch die Worte poreuomeņwn und en th| odw| Ådas Unterwegsseins des Meisters mit seinen Jüngern“21, währenddessen Jesus einem Menschen begegnet, der ihm knapp und euphorisch Gefolgschaft zusagt. Jesu darauffolgende sprichwortartige Ausführung über die Habitate der Füchse und Vögel dient dazu, dem Akolyten in spe die existentielle Bedeutung seines Vorhabens vor Augen zu führen, so wie dieses Thema im LkEv auch andernorts anklingt; François Bovon etwa denkt Åan Petrus, der ein gleiches Versprechen wagte (22,33), ohne es halten zu können (22,34.5462).“22 Indem der lk Jesus sich selbst als ÅMenschensohn“ mit Tieren vergleicht, unterstreicht Lukas Bovon zufolge auch die Notwendigkeit, einzusehen, daß unter Umständen dieses Los der materiellen oder menschlichen Schutzlosigkeit auch das eines jeden Christen werden kann: ÅMit Beharrlichkeit Nachfolge zu leisten, bedeutet, jede Zuflucht zu verlieren - die Sicherheit einer Wohnung, den Schutz einer Mutter.

Nachfolge zu leisten, heißt, die Geborgenheit der Kindheit zu verlassen“ - so das Åunausgesprochene[ ] Verständnis des Lukas“23. ÅMenschensohn“ muß hierbei nicht notwendig als christologischer Titel verstanden werden; vielmehr meint er Åzunächst den Unterschied vom Menschen zum Tier.“24 Dabei steht zunächst die Armut und Rastlosigkeit Jesu selbst im Vordergrund, wie Walter Grundmann mit Adolf Schlatter betont: Å[M]it thn kefalhn kliņein [ist] der Moment beschrieben […], in dem er beim Bedürfnis nach Ruhe nicht besitzt, was ihm den ruhigen Schlaf gewährt. In diesem Wort erscheint Jesus als ‚der gänzlich Arme und rastlos Wirkende‘, der deshalb der Wandernde sein muß.“25 Erst in einem zweiten Schritt überträgt sich die Bedeutung der eigenen Existenz Jesu auf die mancher - nicht aller!26 ihm nachfolgenden Menschen, wenn die ÅMenschensohn“-Bezeichnung von einer christologischen zu einer gemein-anthropologischen wird. Die Dringlichkeit, mit der der lk Jesus hier dementsprechend dem Kandidaten den Bruch mit tragenden emotionalen Bindungen abverlangt, ist dabei auf der zwischenmenschlichen Ebene zunächst Ausdruck Åbildhafter und übertriebener Art […], biblischer und orientalischer Tradition folgend“. Es ist vor allem ein seelsorgliches Anliegen, das Jesus hier bewegt: In dem Hinweis auf die notwendigen Unstetigkeiten des Lebens schwingt die Aufforderung der Annahme der Lebensbrüche mit, damit vermeintliche menschliche Sicherheiten in der Zuwendung zu Jesus in das Verlassen auf den Schutz durch Gott allein transformiert werden können: Å[D]amit diese Substitution möglich wird, ist es nötig, Brüche und Verzichtsleistungen, welche die schmerzhaftesten Stellen der Existenz berühren, anzunehmen.“ - allein, Å[d]er enthusiastische Kandidat hat sich noch nicht dem Schock der notwendigen Destabilisierung ausgesetzt.“27

Die Dialogstruktur des zweiten Teils der Perikope VV. 59f. ist dagegen eine umgekehrte: Jesus beruft einen anderen Menschen, und dieser richtet eine Bitte an ihn, die abgelehnt wird. Auch der Nachfolgebegriff erfährt eine neue Beleuchtung, indem er hier ÅAufbruch“ (apelqwņ) bezeichnet und missionarisch konnotiert ist - missionarisch insofern, als das dia- in diaggeļlw Ådie Verbreitung der Botschaft in alle Richtungen“28 anzeigt: der Botschaft der basileia tou/qeou/als deutlich zu erkennendem lk Redaktionsmotiv. Darüber hinaus bedarf in diesem Abschnitt allerdings vor allem die in jeder Hinsicht legitime Bitte um die Bestattung des Vaters, die von Jesus abgewiesen wird, gesonderter Aufmerksamkeit: Daß den Eltern die Begleitung bis an deren Grab zusteht, ist für jüdische und griechische Rezipienten dieses Textes nicht nur ein ethischer, sondern ein ausdrücklich religiöser Imperativ, dessen Überwindung von Seiten Jesu notwendig Irritation hervorrufen musste.29 Der zweite Kandidat ist schon auf dem Weg zur Bestattung seines Vaters, darauf verweist apelqoņti, und er kommt damit einer Pflicht nach, die sogar Leviten und Priestern - sonst ja gehalten, sich vom ‚Unreinen‘ fern zu halten - zu erfüllen hatten und dafür eigens vom Studium der Thora entbunden wurden.30 Jesu Radikalität überrascht auch noch in einer anderen Hinsicht: Die Wendung Ådie Toten“ führt neben dem wörtlichen noch einen übertragenen Sinn,

und es ist sehr wahrscheinlich, daß Lukas bewußt doppeldeutig auch auf allegorisch ÅTote“ (etwa, aber nicht nur, i.S. von ‚Sünder‘ und ‚Heiden‘) verweist; das legt etwa der Gebrauch der gleichen Wendung im Gleichnis ÅVom verlorenen Sohn“, dessen Weggang vom Vater als dessen Tod begriffen wurde, in Lk 15,24.32 nahe.

Es lassen sich ausgehend von diesen Beobachtungen zwei Schlußfolgerungen ziehen: Einerseits korrespondiert der geforderte Bruch mit dem Vater mit der Forderung, die in V. 58 begegnete, dem Verzicht auf materiellen mütterlichen Schutz, um radikal in Gottes Zuflucht leben zu können: ÅDie Pflicht höher als die Liebe zu Gott zu stellen, auch wenn sie noch so religiös geprägt ist, bedeutet, sich an die Toten zu halten, bedeutet, zu sterben.“31 Dabei zeigt der lk Jesus dem verzweifelten Aspiranten zugleich einen Ausweg: Durch das wiederholte Verb apeŗcomai Ågehen“ wird zweierlei Gang einander gegenüber gestellt: Der Gang zum Friedhof in V. 59 und der Gang zur Verkündigung des Reiches Gottes in V. 60 dieser ist es, den der lk Jesus seinen Jüngern vorschlägt, Åwenn sie leben wollen“32. Wolfgang Wiefel formuliert diese diametrale Transformation sehr präzise mit den Worten: ÅAn die Stelle der Totenklage, die zum Totengeleit gehört, soll die Botschaft von der Gottesherrschaft, die Lebensherrschaft ist, treten“. Andererseits ist anzunehmen, daß die Radikalität des lk Jesus darüber hinaus auch eschatologische Konnotationen hat und grundsätzlich seine messianische Vollmacht unterstreicht, sogar die Thora aufheben zu können (etwa auch ein Vergleich mit Mt 10,34-39, bes. V. 37 bietet sich hier an): ÅWer so spricht und dabei alle Ordnungen für den Gerufenen aufhebt, weiß um Leben, das nicht unter der Gewalt des Todes steht.“33

Der dritte lk-redaktionelle Dialogteil VV. 61f. erweitert noch das Spektrum der Bindungen über die Eltern hinaus Åauf den Bereich von Ehe, Familie, Gesellschaft“34, und zwar durch die akkusativische Wendung toij eij ton oikoņ mou mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich auf Menschen und nicht auf Gegenstände bezogen.35 Der lk Jesus weist die Bitte des dritten Kandidaten - wieder ist Jesus, wie schon in VV. 57f., der Angesprochene - Abschied von seiner Familie zu nehmen, erneut ab: Es gibt Åeine Art von Abschied (apotaxasqai) […], die, weit entfernt davon, einen Bruch oder Schmerz zu bedeuten, die Beziehung aufrechterhält, und sei es auch nur in der Form von Sehnsucht.“36 Diese nicht radikal vollzogen werden wollende Abschiedsgeste kritisiert der lk Jesus in der gleichen Intention wie in den vorausgegangenen Versen. Dabei ist auffällig, daß der lk Jesus nicht direkt auf die Bitte des dritten Kandidaten eingeht: Kein Wort für oder wider den grundsätzlichen Erhalt familiärer Beziehung fällt! Er bedient sich bei seiner Antwort vielmehr einer generalisierenden weisheitlichen Sentenz, die - obschon sie stark an die Abschiedsszene Elischas von seinem Hause in 1Kön 19,19ff. erinnert - doch eine andere Stoßrichtung hat: Den Blick zurück zu richten und vergangene Arbeit mit dem Pflug nachzuarbeiten, verstellt den Blick nach vorn und hindert den Menschen, auf sein Ziel fokussiert zu bleiben.37 Das Motiv ist der biblischen Literatur bekannt und wird häufig kritisiert; vor allem zwei Momente israelitischer Geschichte und Mythologie sind in einem ähnlichen Duktus formuliert: Gen 19,17.26, Lots Frau, die im Moment der Rückschau zur Salzsäule erstarrt, und Ex 16,3, die Kritik am Murren der Israeliten in

melancholischer Rückschau auf die ‚Fleischtöpfe‘ Ägyptens. Kritisiert wird der Mangel an Glauben und Vertrauen Åhinsichtlich des ungesicherten Erhofften“ zugunsten des Åverläßlich[] Bekannte[n]“38. In der an Alfred Loysi angelehnten Interpretation François Bovons will auch der lk Jesus nichts anderes sagen: euqetoj, geeignet, nütze, brauchbar für das Reich Gottes39 zu sein, bedeutet Fokussierung auf das Reich Gottes allein.40 Aber auch eine homiletische Interpretation ist, mit Wolfgang Wiefel im Anschluß an Gerhard Schneider, hier nicht auszuschließen: In V. 62 sei Åweniger an eine Qualifikation zum Eintritt in das Reich Gottes als an die Tauglichkeit zur Reichspredigt gedacht.“41

2.4 Resümee

Ausgehend von der Beobachtung, daß Lukas redaktionell ihm vorliegendes Sondergut und mündliches Material aus der sogenannten Logienquelle zu einem lehrhaft orientierten ÅReisebericht“ zusammenstellte, ist die Annahme einer passionstheologischen Ausrichtung der Perikope Lk 9,57-62 nicht zwingend geboten, wenngleich auch der gesamte ÅReisebericht“ der Zielführung auf Jesu Passion in Jerusalem dient. Die vorliegende Perikope ordnet sich vielmehr um drei zueinander in enger Beziehung stehende Motive: des Nachfolgens Jesu als Grundmoment christlicher Orientierung; der Rastlosigkeit als constituens dieser Nachfolge; und der Verkündigung des Gottesreiches als grenzüberwindende homiletische Aufforderung. Dabei ist das Bindeglied dieser drei Motive stets die Annahme des Menschen als eines in Beziehung Stehenden und sich als Beziehungswesen Vorfindlichen. Der Reflexion dieser anthropologischen Annahme dienen Jesu Ausführungen in primärer Hinsicht, was resümierend mit einigen wenigen Schlaglichtern zusammengefaßt werden soll: Als ÅMenschensohn“ ist er selbst der rastlos Wandernde und damit Beispiel für die ihm nachfolgenden Menschensöhne und -töchter. Dieser Aspekt wird schon durch die mikrokontextuelle Rahmung (Verweigerung der Herberge Lk 9,51-56; universelle Aussendung der Nachfolgenden Lk 10,1-20) hervorgehoben. Nachfolge bedeutet in diesem Sinne vor allem, in der Ruhelosigkeit menschlicher Existenz die eigene Sicherheit und Sicherung nicht in menschlich Vergänglichem und gesellschaftlich Vorfindlichem zu suchen, sondern in gottvertrauender und -suchender Lebenswanderung der Sicherheit jenseits materieller und menschlicher Sicherheiten entgegenzugehen der Sicherheit Gottes, oder, in lk-redaktioneller Terminologie, dem ‚Reich Gottes‘. Darüber hinaus bedingt diese neue Ausrichtung der Lebensblickrichtung dabei die Konsequenz der Verkündigung, der Mitteilung einer neuen Wirklichkeit, der basileia tou/qeou; und gemäß lk Theologie (vgl. nur Lk 17,20f.) zieht Jesu Aufforderung diese Konsequenz notwendig nach sich: Wer eine Ahnung davon bekommt, daß die Zukunft Gottes, auf die er in der Nachfolge Jesu zugeht, lebensweltverändernd wirkt, orientiert sich besser nicht mehr an der Vergangenheit - in seinem eigenen Interesse. Pointierter: Jesu Aufforderung zur Nachfolge ist weniger Zwang als Versprechen einer neuen Wirklichkeit.

[...]


1 Vgl. für die makrokontextuelle Einordnung des Textumfeldes nur Schnelle, Einleitung, 289f.

2 Der Beginn ist dabei deutlich zu sehen in Lk 9,51.

3 Gemeinhin wird der ÅReisebericht“ selbst noch einmal in drei Glieder zerlegt, deren erstes sich von 9,51-13,21 erstreckt und besonders in 9,51-10,42 Jesus auf der Wanderung nach Jerusalem zeigt, bevor lehrhafte Schwerpunkte in 11,1-13,21 deutlich werden; vgl. dazu nur Wiefel, Lukas, 188.

4 Schon Karl Ludwig Schmidt wies darauf hin, daß diese systematisierende Tendenz für den liturgischen Gebrauch recht früh aufgebrochen wurde: Å[D]ie Aufmerksamkeit auf die Einzelperikope [hat] bei der kirchlichen Benutzung des Evangeliums dazu geführt, knappe Perikopeneinleitungen zu schaffen, die gottesdienstlich brauchbar sind. Auf diese Weise ist die Verknüpfung durch Lukas wieder aufgelöst worden“; Grundmann, Lukas, 198. Vgl. dazu auch Ernst, Lukas, 243: ÅVielleicht zeigt sich in der nach-ntl Tendenz zur Isolierung der einzelnen Perikopen eine inhärente Uneinheitlichkeit, die nur mühsam überdeckt worden ist.“

5 Grundmann, Lukas, 199. 4

6 Die expliziten Verweise auf eine Reise zählen zusammengenommen kaum mehr als ein Dutzend Stellen, vgl. nur aaO., 198f.

7 AaO., 199.

8 Vgl. dazu Ernst, Lukas, 243: ÅDer Reiseweg ist kein biographischer Bericht, sondern ein theologisches Postulat der lk Red.“

9 Grundmann, Lukas, 199.

10 Wiefel, Lukas, 186.

11 W.C. Robinson, Theological Context for Interpreting Luke’s Travel Narrative, JBL 79, 1960, 20, zitiert nach Wiefel, Lukas, 188.

12 Grundmann, Lukas, 201.

13 Bovon, Lukas, 24.

14 Beide Zitate: Grundmann, Lukas, 207.

15 Bovon, Lukas, 33.

16 Übersetzung nach Bovon, ebd.

17 Vgl. insgesamt ebd.

18 AaO., 31.

19 Seiner ursprünglichen Bedeutung nach meint akolouqw/ zunächst lediglich Åhinterhergehen“, Ånachkommen“. Erst in seiner übertragenen Bedeutung bezeichnet es Nachfolge i.S. von Åjem. als Jünger nachfolgen“, vgl. Bauer, Wörterbuch, 61f.

20 Bovon geht sogar in systematisch-theologischer Hinsicht noch einen Schritt weiter, wenn er fragt: ÅWenn die christliche Identität in ihrem Wesentlichen durch das eine Verb akolouqw, ‚folgen‘, definiert wird, müssen wir uns fragen, was dieses Verb im Zusammenhang des evangelischen Glaubens bedeutet.“; ebd. Es ist hier nicht der Ort, der Angemessenheit einer Suggestion weder der christlichen Identität noch ihres Wesentlichen nachzugehen noch zu erkunden, wer diese Definitionsvorgabe leistet; es sei nur der Hinweis gestattet, daß die Gefahr einer vereinnahmenden Konstruktion besteht, so anregend diese Frage auch sein mag.

21 Bovon, Lukas, 34.

22 Ebd.

23 AaO., 35.

24 Wiefel, Lukas, 193.

25 Grundmann, Lukas, 204. Vgl. dazu Schlatter, Das Evangelium des Matthäus, 286.

26 So etwa Günther Bornkamm: ÅJesus richtet diese Forderung nicht an alle. Andere läßt er in ihrem Lebenskreis zurück, ohne sie aus Heimat, Beruf und Familie zu lösen. Sie werden darum nicht als die Unentschlossenen und Halben getadelt und von der Gottesherrschaft ausgeschlossen. Nirgends wird die Jüngerschaft in diesem Sinne exklusiv gegen sie abgegrenzt“; Jesus von Nazareth, 127f.

27 Bovon, Lukas, 35.

28 AaO., 35.

29 Daß es sich hierbei um ein authentisches Jesuswort handelt, ist in der neueren Exegese nahezu unbestritten; vgl. nur Grundmann, Lukas, 205.

30 Vgl. Wiefel, Lukas, 193. Zahlreiche antike Beispiele auch aus hellenistischer Umgebung finden sich bei Martin Hengel, Nachfolge und Charisma, BZNW 34, Berlin 1968, 10.

31 Bovon, Lukas, 36.

32 Ebd.

33 Grundmann, Lukas, 205.

34 Bovon, Lukas, 36.

35 Vgl. ebd., Anm. 28.

36 AaO., 37.

37 Vgl. ebd. 8

38 Ebd.

39 Eine wichtige textkritische Beobachtung problematisiert diese Übersetzungsvariante Åfür das Reich Gottes“: Bietet der Text der 28. Auflage des Novum Testamentum Graece allein die prädikatslose Bestimmung euqetoj estin th/|basileia tou/qeou, so lassen sich noch zwei differente Lesarten finden: Der textkritisch recht wertvolle Papyrus 75 liest mit anderen Zeugen en th basileia, Åim Reich“; eine weitere Lesart eij thn basileian Åin das Reich“ wird bezeugt durch den Codex Alexandrinus und eine Mehrzahl an Majuskeln. Ausgehend davon, daß die Qualität der Zeugen, die den textus lesen, demgegenüber allerdings deutlich höher zu veranschlagen wäre, wird hier auch in Anlehnung an die Regeln Ålectio difficilior vel brevior potior“ mit dem textus gegangen.

40 Vgl. Bovon, Lukas, 37f. und Anm. 38.

41 Wiefel, Lukas, 194. Ähnlich auch Grundmann, Lukas, 206. 9

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Predigtarbeit zu Lukas 9,57-62
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Praktische Theologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
29
Katalognummer
V233245
ISBN (eBook)
9783656502401
ISBN (Buch)
9783656503422
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Orientiert an der Dramaturgischen Homiletik.
Schlagworte
predigtarbeit, lukas
Arbeit zitieren
Ferenc Herzig (Autor), 2013, Predigtarbeit zu Lukas 9,57-62, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233245

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