In den letzten zwei Jahrzehnten sind in Istanbul zahlreiche geschlossene Siedlungen ‐gated communities‐ entstanden, in denen vorwiegend die gehobene Mittel‐ und Oberschicht lebt, Tendenz rasant steigend. Die Bewohner dieser umzäunten Nachbarschaften grenzen sich durch ihre Art des Wohnens, durch ihr Leben in einer eigenen privaten Stadt, durch den Ausschluss anderer Personen der Stadt, aus der städtischen Umgebung aus, und ziehen sich aus der Öffentlichkeit ins Private zurück. Gleichzeitig entsteht innerhalb der abgeschotteten privaten Lebensräume Orte der Öffentlichkeit, die die Grenze zwischen privat und öffentlich verschwimmen lässt.
Da sich durch diese Wohnform Teile der Stadt in das Private einhausen, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, in welchem Verhältnis der private und der öffentliche Raum zueinander stehen und ob sich dieses Verhältnis im Hinblick auf die geschlossenen Wohnkomplexe verändert. Es soll der Frage nachgegangen werden, ob und inwiefern diese Entwicklung dem Konzept der Urbanität mit ihren beiden Polen Öffentlichkeit und Privatheit gegenläufig ist und ob man daher von einer „Enturbanisierung“ sprechen kann, was am Beispiel der gated communities in Istanbul erfolgt. Hier soll das Augenmerk vor allem auf die Wohnkomplexe für die Mittel‐ und Oberschicht gelegt werden, da sich anhand dieser besonders deutlich die zu untersuchenden Pole Öffentlichkeit und Privatheit ablesen und ‐grenzen lassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1. Öffentlichkeit und Privatheit
2.2. Urbanität und Stadt
2.3. Gated communities
3. Gated communities in Istanbul
3.1. Kurze Entstehungsgeschichte und Merkmale
3.2. Soziale Exklusion und neue Vergemeinschaftung
4. Neue Strukturen der Stadt am Beispiel der gated communities
4.1. Privatheit und Öffentlichkeit in gated communities
4.2. Privatheit und Öffentlichkeit in der Stadt
4.3. Enturbanisiert sich die Stadt?
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von privatem und öffentlichem Raum am Beispiel geschlossener Wohnkomplexe (gated communities) in Istanbul, um zu analysieren, ob diese Wohnform zu einer "Enturbanisierung" der Stadt führt.
- Wandel des Verhältnisses von Öffentlichkeit und Privatheit
- Entwicklung und Merkmale von gated communities in Istanbul
- Soziologische Konzepte von Stadt und Urbanität
- Soziale Exklusion und Privatisierung öffentlicher Räume
Auszug aus dem Buch
3.2. Soziale Exklusion und neue Vergemeinschaftung
Die Bewohner von gated communities in Istanbul unterscheiden sich sehr stark voneinander, sie variieren sowohl in ihrer finanziellen Lage als auch in ihren Weltanschauungen und religiösen Ansichten. Da in dieser Arbeit der Fokus auf die säkulare Mittel- und Oberschicht gelegt wird, sollen lediglich die Merkmale dieser Bevölkerungsschicht dargestellt werden.
Der Soziologe Rifat N. Bali hat in dieser Schicht beispielsweise die Bewohner Kemer Countrys untersucht und dabei festgestellt, dass es sich um eine relativ homogene Gruppe handelt, die sich aus 33% Textilindustriellen, 17% Industriellen, 50% Ärzten, Anwälten und Top Managern internationaler Unternehmern zusammensetzt und sich durch einen eigenen Lebensstil präsentiert (vgl. Bali 1999: 118). Die gated communities sind für sie das neue Symbol der globalen Konsumkultur, mit dem es sich prahlen lässt. Was ihnen allen jedoch gemeinsam ist, ist das Bedürfnis „to escape the pollution of the city: air pollution, traffic pollution, noise pollution and, most impotrant, cultural [Herv. im Original] pollution.“ (vgl. Öncü 1997: 65)
Sie suchen in ihrer Nachbarschaft ein homogenes, sicheres und ordentliches Umfeld, das sie sowohl räumlich, als auch sozial von der heterogenen Bevölkerung der Großstadt Istanbul trennt (ebd.: 68). Diese neue Vergemeinschaftung und Abgrenzung zu anderen lässt sich beispielsweise auf der Internetseite von Kemer Country ablesen:
„Being from Kemer: The kids at Kemer Country are able to say “I’m from Kemer”. This answers to a basic need in mankind, notions of “belonging” and “civilized identity” offers the tranquillity of both being global and local in the globalizing world.“ (http://www.kemercountry.com/index.asp?content=life&lan=en)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Phänomen der gated communities in Istanbul ein und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich des Wandels des Verhältnisses von öffentlichem und privatem Raum.
2. Theoretischer Rahmen: Dieses Kapitel definiert die zentralen Begriffe Öffentlichkeit, Privatheit, Urbanität und Stadt auf Basis der Stadtsoziologie.
3. Gated communities in Istanbul: Es wird die Entstehungsgeschichte der geschlossenen Wohnanlagen in Istanbul skizziert und die soziologische Dynamik der Exklusion innerhalb dieser Siedlungen analysiert.
4. Neue Strukturen der Stadt am Beispiel der gated communities: Das Kapitel untersucht die räumlichen und funktionalen Verschiebungen zwischen privatem und öffentlichem Bereich und geht der Frage der "Enturbanisierung" nach.
5. Schlussbetrachtung: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Grenzen zwischen den Sphären verschwimmen, was Konsequenzen für das städtische Sozialgefüge hat.
Schlüsselwörter
Istanbul, Gated Communities, Öffentlichkeit, Privatheit, Urbanität, Stadtsoziologie, Soziale Exklusion, Enturbanisierung, Globalisierung, Privatisierung, Räumliche Segregation, Shrinking City, Wohnformen, Lebensstil, Stadtstruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Einfluss von geschlossenen Wohnkomplexen auf die Struktur der Stadt Istanbul und das Verhältnis zwischen privaten und öffentlichen Räumen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind Stadtsoziologie, die Privatisierung ehemals öffentlicher Räume, der Wandel von urbanen Lebensweisen und soziale Ausgrenzung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu untersuchen, ob die Zunahme von gated communities das Konzept der Urbanität schwächt und zu einer sogenannten "Enturbanisierung" führt.
Welche theoretischen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse soziologischer Ansätze, insbesondere von Hannah Arendt, Walter Siebel, Jan Wehrheim und Martina Löw.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen gelegt, gefolgt von einer empirisch informierten Analyse der Situation in Istanbul und einer kritischen Reflexion über die Verschiebung der Grenzen zwischen privat und öffentlich.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Privatheit, Öffentlichkeit, Gated Communities, Urbanität, soziale Exklusion und Enturbanisierung.
Wie definiert der Autor gated communities in Istanbul?
Es handelt sich um durch Mauern abgeschottete Wohnsiedlungen, die oft eigenes Sicherheitspersonal haben und in denen öffentliche Infrastrukturen wie Parks oder Schulen privatisiert und nur den Bewohnern zugänglich sind.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die klare Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum, die für das Verständnis von Urbanität notwendig ist, zunehmend verloren geht.
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- Anna-Lisa Esser (Author), 2013, Enturbanisiert sich die Stadt?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233353