AD(H)S – Gesellschaftsproblem oder Krankheit?


Seminararbeit, 2013
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Das Phänomen AD(H)S – Erklärungsansätze und Einflussfaktoren

2 Der gesellschaftliche Wandel und die Entwicklung der medikamentösen Behandlung von AD(H)S – Eine zeitgeschichtliche Perspektive

3 Zum Umgang mit AD(H)S heute

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Debatte um das Phänomen AD(H)S ist in unserer Gesellschaft nicht zu übersehen. Es mangelt kaum an Ratgebern, Reportagen etc. und nur wenige Eltern sind nicht in Kenntnis über dieses Thema. Unzählige Forschungen in diversen Disziplinen der Wissenschaft wurden unternommen, um Ursachen herauszufinden und Behandlungsmöglichkeiten abzuleiten. Doch der heutige Umgang mit AD(H)S in unserer Gesellschaft erweißt sich als problematisch. Die Zahl der mit Ritalin behandelten Kinder ist in Deutschland seit 1993 enorm gestiegen, schaut man sich den Erwerb methylphenidathaltiger Medikamente von Apotheken an (vgl. Liebrand, 2011, S. 32 f.), obwohl derzeit nicht einmal objektive Diagnoseverfahren existieren. So kommt die Frage auf, ob es sich überhaupt um eine Krankheit handeln kann oder ob nicht Probleme in der Gesellschaft zu diversen "abnormen" Verhaltensweisen führen. Daher haben sich zwei wesentliche Diskussionsstränge vor allem in der Öffentlichkeit etabliert. Ein medizinischer Ansatz, der die Ursache der Krankheit in einem Hirnstoffwechselproblem sieht und ein nicht-medizinischer Ansatz, der Probleme in der gesellschaftlichen Struktur als entscheidenden Faktor ansieht (vgl. ebd., S. 12). Um sich mit der Debatte über das Phänomen AD(H)S auseinandersetzen zu können, muss zunächst einmal ein vertiefendes Verständnis über das Erscheinungsbild aufgebracht werden. Dazu werden im ersten Kapitel die Symptome sowie die Erklärungsansätze und mögliche Ursachen beschrieben. Dabei erfolgt eine Abhandlung auf der medizinischen und der nicht-medizinischen Ebene. Um diese zwei Positionen besser zu verstehen und deren Zusammenwirken zu erfassen, wird im zweiten Kapitel eine zeitgeschichtliche Perspektive aufgezeigt. Hier geht es vor allem um den gesellschaftlichen Wandel in den Bereichen Bildung und Erziehung und die Entwicklung der medikamentösen Behandlung von AD(H)S. Im darauffolgenden Kapitel zum heutigen Umgang mit AD(H)S steht eine kritische Betrachtung der Diagnoseverfahren und Behandlungsmethoden im Mittelpunkt. Den Abschluss bildet eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse, die durch die vorliegende Arbeit gewonnen werden konnten.

1 Das Phänomen AD(H)S – Erklärungsansätze und Einflussfaktoren

AD(H)S bezeichnet eine Verhaltensstörung, bei der es den Betroffenen zum einen an Aufmerksamkeit und Konzentration mangelt und zum anderen ein unruhiges Verhalten beobachtbar ist. Kinder und Jugendliche leiden häufig unter ihren Auffälligkeiten, da sie sich im Alltag oft von ihren Mitmenschen stark unterscheiden und nicht selten sogar eine "Außenseiterposition" (Krause, 1995, S. 14) einnehmen.

Die Bezeichnung AD(H)S bündelt im deutschsprachigen Raum drei spezifische Gruppen mit jeweils unterschiedlichen Symptomen (vgl. Skrodzki, Mertens, 2000, S. 8). Diese Kategorisierung entstammt dem "Diagnoseschema der International Classification of Deseases (ICD-10) und dem US-amerikanischen Klassifikationssystem Diagnostic and Statistical Manual (DSM)" (Liebrand, 2011, S. 29). Demnach gibt es Kinder und Jugendliche mit einer hyperkinetischen Störung (HKS). Diese sind die meiste Zeit in Bewegung; sie rennen, zappeln, klettern und stören durch ihr unruhiges Verhalten[1]. Bei dieser Verhaltensauffälligkeit ist eine ausgeprägte Hyperaktivitätsstörung vorhanden. Zum anderen gibt Personen mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS). Diese zeigen oft ein abwesendes Verhalten, "träumen ständig vor sich hin [und] erscheinen vergesslich" (Skrodzki, Mertens, 2000, S. 8 ). Eine dritte Gruppe zeigt eine Kombination aus den beiden genannten Typen (vgl. ebd.) und man spricht von Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Die Kinder sind sehr aktiv und unruhig, aber teilweise auch verträumt und abwesend. Bei AD(H)S sind daher drei Symptome grundlegend: "Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität"[2]. Damit einhergehend bestehen weitere Probleme im Sozial- und Lernverhalten sowie ein Mangel an Selbstwertgefühl (vgl. Dieplinger, 2003, S. 46). Es steht außer Frage, dass die Betroffenen Kinder und Jugendlichen mit solchen Problemen nicht sich selbst überlassen werden dürfen, sondern der Hilfe ihrer Umwelt bedürfen. Allerdings stellt sich genau an diesem Punkt die Frage nach den Ursachen dieser Symptome und den abzuleitenden bestmöglichst geeigneten Interventions- und – bei (noch) nicht Betroffenen – Präventionsmaßnahmen im Sinne des Kindes bzw. des Jugendlichen. Um dies zu klären gibt es zwei wesentliche Positionen in der Debatte um die Natur des AD(H)S. Demnach ergeben sich je nach Ausrichtung ebenfalls unterschiedliche Ursachen und Determinanten, die eine Rolle bei der Entstehung spielen. Geht man dem medizinischen Ansatz nach, so wären genetische und organische Faktoren zu nennen. Genetisch bedingt können "Stoffwechselstörungen" (ebd., S. 54) zugrunde liegen, wobei ein geringer Serotoninwert bei einem gleichzeitig erhöhten Wert an Dopamintransporter bei AD(H)S-Betroffenen nachweislich ist (vgl. ebd.). Eine enge Verbindung gibt es zu den organischen Determinanten. Es wird davon ausgegangen, dass "Fehlerregungen des Zentralnervensystems" (ebd., S. 55) wesentliche Ursache sind und das "geburtsbedingte Problemfaktoren" (ebd.) weitere Gründe für das Entstehen von AD(H)S sein können. Vor allem die Stoffwechselproblematik erhält in Medizin und Öffentlichkeit die meiste Beachtung und soll daher in den nachfolgenden Ausführungen dieser Arbeit im Zentrum der medizinischen Position stehen.

Eine nicht-medizinische Erklärung sieht schlechte soziale Bedingungen der Heranwachsenden und Probleme im Gesellschaftssystem als ursächliche Faktoren an (vgl. Liebrand, 2011, S. 12). Insbesondere werden hier Erziehungsprobleme im Elternhaus, fehlende Qualifikationen pädagogischer Fachkräfte, ungünstige Bedingungen für eine kindgerechte Entwicklunglungsgrundlage sowie problematische Situationen in den institutionellen Einrichtungen genannt[3] . Wirft man einen Blick auf den Trend in der demographischen Entwicklung, fällt auf, dass das Elternhaus der Kinder immer mehr aus Alleinerziehenden besteht (vgl. Satistisches Bundesamt, 2006, S. 130 ff.). Mit Sicherheit gestaltet sich die Erziehung und Versorgung eines Kindes als alleinstehender Elternteil nicht einfacher. So können ein Mangel an Zeit, aufgrund alleiniger Bewältung von Alltagstätigkeiten oder auch das Fehlen einer männlichen Bezugsperson die Situation des Heranwachsenden im Elternhaus erschweren. Kinder "konstruieren" (Liebrand, 2011, S. 16) sich während ihrer Entwicklung erst selbst und ihr (soziales) Umfeld spielt dabei eine große Rolle (vgl. ebd.). Verhaltensauffälligkeiten relativieren sich, wenn man bedenkt, dass sich diese Phasen "in höchst verschiedenartigen Realisierungsformen psychischer Funktionen, auch in solchen, die sich unter Umständen als gesellschaftlich nicht normadäquat erweisen", darstellen (ebd., S. 79). Damit ist es nicht fern zu sagen, dass in dem Trend der alleinerziehenden Haushalte ein Potenzial für zunehmende Verhaltensauffälligkeiten liegt. Eine wichtige Rolle kommt ebenfalls dem Erziehungsstil der Eltern zu. Dieser kann sich entscheidend als Einflussfaktor auf AD(H)S auswirken (vgl. Dieplinger, 2003, S. 88). Am wichtigesten zeigt sich dabei das Ausmaß an Strukturiertheit im Alltag und damit auch in der Erziehung (vgl. ebd., S. 86 f.). Kinder, die hyperaktiv und unruhig sind, benötigen umso mehr "genaue Vorgaben, strukturierte Abläufe, beibehalten von Konsequenzen, Autorität und Zuwendung" (ebd., S. 87). Gelingt dies nicht oder nur unzureichend, sind Eltern zunehmend mit tyrannischen, aufsässigen Verhalten konfrontiert und die Kinder können sich gleichfalls keine Strukturen aneignen, was jedoch wichtig für die Alltags- und Lebensbewältigung ist (vgl. ebd., S. 87 f.). Zudem gibt es noch weitere bedeutende Faktoren, die AD(H)S beeinflussen und die von den Eltern weitestgehend mitbestimmt werden können. Positiv wirken sich bspw. sportliche Aktivitäten mit Mitmenschen, eine verständnisvolle Umgangsweise der Bezugspersonen sowie eine zuckerreduzierte, gesunde Ernährung (vgl., S. 89 ff.) aus. Außerdem können sich Aspekte der familiären Situation im Allgmeinen, wie die Qualität der Beziehungen der Familienmitglieder untereinander oder die zeitliche Eingebundenheit oder Belastung der Elternteile durch die Arbeitstätigkeit auf das Verhalten der Kinder auswirken (vgl. ebd., S. 86). Infolge hoher beruflicher Beanspruchung der Eltern werden dann die Heranwachsenden "mit den Bedürfnissen der Eltern überfordert und umgekehrt" (ebd.). Zu den genannten Einflussfaktoren im Elternhaus finden sich weitere Aspekte im institutionellen Bereich. Hier bestehen Probleme in den Betreuungs- und Bildungseinrichtungen, die auch in öffentlichen Diskursen ständig Beachtung finden. Vor allem wird über den Personalschlüssel – also das Verhältnis von Gruppengröße pro Fachpersonal – debattiert. Diese Relation hat sich bis heute nur gering verbessert[4], wohingegen die Anforderungen in unserer Gesellschaft gestiegen sind (s. Kapitel 2). Zum einen kommen damit Zuwendung und Auseinandersetzung mit dem Einzelnen zu kurz und zum anderen werden aufgewecktere, aktivere Kinder schneller zum Problem für Lehrkräfte bzw. Erzieher. Allerdings ist es gerade für diese (hyper)aktiven Kinder wichtig, einen verständnisvollen, pädagogisch hochwertigen Umgang der Bezugspersonen zu erfahren. Leidet die Qualität der Bertreuung durch das Fachpersonal wegen Mangels an Zeit und den zu erfüllenden Maßstäben des Bildungssystems, kann mit Besonderheiten und Individualität der Kinder immer weniger professionell umgegangen werden. Die Spirale eines störenden Kindes setzt sich fort und Verhaltensauffälligkeiten werden nicht weniger.

[...]


[1] vgl. http://www.adhs-lebenswelt.de/eltern/bibliothek/Was-ist-ADHS.aspx

[2] ebd.

[3] vgl. Hurrelmann 2008, Roggensack 2006, Stiehler 2007, Winterhoff 2009 In: Liebrand, 2011, S. 12

[4] vgl. KMK, 2002, S. 97 sowie Statistisches Bundesamt, 2010, S. 9

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
AD(H)S – Gesellschaftsproblem oder Krankheit?
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Pädagogik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V233361
ISBN (eBook)
9783656500247
ISBN (Buch)
9783656500520
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Alles in allem eine sehr gute Arbeit."
Schlagworte
Philosophie, Ethik, AD(H)S, Bildung, Gesellschaftsproblem, Erziehung
Arbeit zitieren
Tina Böhm (Autor), 2013, AD(H)S – Gesellschaftsproblem oder Krankheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233361

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