Iwein, ein klassischer arthurischer Held?


Seminararbeit, 2009

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Iwein – eine Erec-Figur in neuen Gewändern?

2. Klassische Eigenschaften eines arthurischen Helden
2.1. Iwein und die ritterliche Tugend der genâde und milte
2.2. Iwein und die ritterliche Tugend der triuwe – Das Terminversäumnis
2.3. Iwein und die ritterliche Tugend der êre und kuenkeit
2.4. Iwein und die ritterliche Tugend der vrümekeit

3. „Vom Egoismus zum Altruismus“

4. Iwein – klassischer Artusritter oder neues Heldenkonzept?

5. Literaturverzeichnis

1. Iwein – eine Erec-Figur in neuen Gewändern?

Wer zuvor bereits Hartmanns Erec gelesen hat, wird sich auch in seinem zweiten klassischen Artusroman Iwein schnell zurechtfinden. Die mythisch-märchenhafte Welt geprägt von minne[1][2] und aventiure[3] nimmt den Leser sofort gefangen. Das Szenario Iweins erscheint vertraut. Auch in Hartmanns zweitem Roman müssen Bestien bekämpft, Ehren erworben, unschuldige Figuren gerettet und die Liebe einer Frau gewonnen werden. Parallel zum Erec versagt auch Iwein durch sein menschliches Verfehlen als Ritter, da er die versprochene Frist für seine Turnierreise nicht einhält und Laudine im Stich lässt. Handelt es sich bei Iwein also nur um eine Erec-Figur in neuen Gewändern? Eine bloße Fortsetzung eines bereits bestehenden Helden- und Charakterkonzepts unter neuem Namen? Bereits beim ersten Lesen des Iwein-Stoffs fallen einem Rezipienten gewisse Ungereimtheiten auf, die so gar nicht recht in das Raster eines klassischen arthurischen Helden passen wollen. So bekämpft Iwein auf skrupellose Weise nicht nur gefährliche Fabelwesen, sondern zeigt sich auch in der Episode mit Askalon, gegenüber einem gesellschaftlich gleichwertigem Gegner gnadenlos und tötet ihn. Anders, als man es von einem Ritter auf der Grundlage des christlichen Ethos erwarten könnte. Auch die konstante Figurenentwicklung, die sich im Erec vollzieht, indem der Protagonist seinen Makel, das verligen[4] überwindet und einen gesunden Ausgleich zwischen aventiure[5] und minne[6] findet, ist im Iwein auf diese Weise nicht wieder zu finden.

Deshalb soll in dieser Arbeit untersucht werden, in welchen Bereichen sich Iweins Verhalten mit dem eines klassischen arthurischen Helden deckt und beinahe wichtiger, in welchen es sich unterscheidet. Dabei soll auch überprüft werden, ob und in welcher Art sich der Charakter Iweins während des Romans verändert. Im Laufe dieser Arbeit wird immer wieder auch auf Hartmanns ersten Artusroman Erec zurückgegriffen werden, da die Figur des Erec im direkten Vergleich als Musterbeispiel eines arthurischen Helden gelten soll.

Auf dieser Grundlage soll dann entschieden werden, ob es sich bei Iwein um einen klassischen arthurischen Helden handelt, oder ob ein neues Bild eines Artusritters gezeichnet wird.

2. Klassische Eigenschaften eines arthurischen Ritters

2.1. Iwein und die ritterliche Tugend der genâde und milte

Iwein tritt zum ersten Mal beim Pfingsfest zu Karidol auf, das von König Artus veranstaltet wird. Als Kalogrenant preisgibt, dass er vor zehn Jahren in einer aventiure[7][8][9] versagt hat, will Iwein auf Grund seiner Verwandtschaft zu Kalogrenant dessen Ehre wiederherstellen und diese Herausforderung bestreiten.

Neve Kâlogrenant,

ez richet von rehte mîn hant

swaz dir lasters ist geschehen.

ich will ouch varn den brunnen

und waz wunders dâ sî.[10]

Daraufhin begibt er sich zu der von Kalogrenant beschriebenen magischen Quelle. Nachdem Iwein den Stein begossen und so wissentlich ein Unwetter heraufbeschworen hat, das Flora und Fauna verwüstet, kommt Askalon, der Herr des Landes geritten, um dieses vor dem Störenfried zu schützen. Es sei noch mal herausgestellt, dass Iwein sich der Konsequenzen seiner Tat auf Grund der Erzählung Kalogrenants bewusst gewesen sein muss. Trotzdem begeht er mit dem Begießen des Steins Landfriedensbruch. Askalon vertritt demnach legitimes Recht.

Gemäß der arthurischen Konvention eines Ritters zeichnet sich Iwein im folgenden Kampf mit Askalon durch seine Kampfkraft und seinen Mut aus. Aber die Aussage wan ein dinc ich iu wol sage,/ daz ir deweder was ein zage,[11] zeigt, dass auch Iweins Kontrahent sich tapfer schlägt. Durch diese stilistische Erhöhung des Mutes Askalons wird in der Folge auch der Sieg Iweins über diesen glorifiziert und erhöht. Als Askalon von Iwein eine tödliche Wunde empfängt, flüchtet dieser in Richtung seiner Burg. Iwein aber verfolgt ihn und ersticht den Herrscher des Landes schließlich beim Burgeingang von hinten. Dies ist ein entscheidender Punkt des Romans, da von einem Ritter die Moral im Normalfall Gnade für den unterlegenen Kämpfer fordert. Hier unterscheidet sich das Bild Iweins in starkem Maße von dem eines Erec, der Iders oder Mabonagrin diese Gnade gewährt. Scheinbar verlässt Iwein hier den ritterlichen Pfad der Tugend. Doch darf er nicht voreilig verurteilt werden, da Askalon zuerst mit den ritterlichen Konventionen bricht. Ein Kämpfer ist nach dem Ehrenkodex der Ritter verpflichtet, bei einem Duell bis zum Tode zu kämpfen, oder sich dem überlegenen Streiter zu ergeben. Als Askalon, getrieben von der Todesangst die Flucht ergreift, setzt er diese ritterlichen Konventionen außer Kraft.

Und alser der tôtwunden

rehte het enpfunden,

dô twanc in des tôdes leit

mêre dan sîn zageheit

daz er kêrte und gap die vluht.[12]

Iwein sieht sich nun gezwungen, Askalon zu verfolgen und zu töten, da er sich vor dem Spott Keies fürchtet, wenn er ohne Beweis seines Triumphs zurückkehrt. Gemäß dem Glauben, dass Ruhm und Ehre nur aus öffentlichen Taten resultieren können, hätte die Alternative aus eigener Schande bestanden. Der viel zitierte Vers 1056 aus dem hervorgeht, dass Iwein Askalon âne zuht[13] verfolgt, ist wie Rudolf Voss richtig feststellt eine „modale adverbiale Bestimmung zu `jagen`, bezieht sich also unmittelbar nur auf die Art der Verfolgung; ob darüber hinaus mittelbar der Held moralisch belastet wird, ist – was vielfach übersehen wird – bereits eine Frage der Auslegung.[14]

Obwohl Iweins Tat nicht nach heutigen Maßstäben der Moral bewertet werden darf, ist trotzdem auffallend, dass Iwein keinen Gedanken an Gnade oder die Folgen seiner Handlung verschwendet. Stattdessen kreist in seinem Kopf immer wieder der Gedanke an seine eigene êre[15] und den möglichen Ehrverlust durch Keie. Ironischerweise wird aber durch diese Tat sein Leben gerettet. Hätte sich Iwein nicht nach vorne gebeugt, um Askalon den finalen Streich zu versetzen, so hätte ihn das herabfallende Burgtor erschlagen. Vielleicht kann in folgender Symbolik eventuell Tadel von Hartmann von Aue für Iweins Handeln verborgen sein. Das Tor durchschlägt das Pferd in der Mitte und schneidet die Schwertscheide und beide Sporen hinter der Ferse ab. Zum einen dient dies als dramaturgisches Element, um zu verdeutlichen, wie knapp Iwein dem Tode entgeht, zum anderen wird Iwein bei genauerer Betrachtung einiger seiner Insignien des Rittertums beraubt. Dies kann als Rüge von Hartmann von Aue ausgelegt werden, in der Iwein im übertragenen Sinne für sein Handeln die Ritterwürde abgesprochen wird.

Als Pendant zum Kampf mit Askalon lässt sich die Auseinandersetzung mit dem Grafen Aliers interpretieren beide Szenen ähneln sich auf frappierende Weise.

Dô daz niht langer tohte,

dô muoser ouch entwîchen,

und vlôch dô werlîchen

gegen einer sîner veste

die er dâ nâhen weste.

dâ er zuo dem hûse vlôch,

dâ was der burcberc sô hôch,

beidiu sô stechel und sô lanc,

daz in sunder sînen danc

her Îwein ergâhte an dem tor;

dâ vienc er in vor

und nam des sîne sicherheit daz er gevangen wider reit

in in der vrouwen gewalt.[16]

Wie auch Askalon entschließt sich Aliers im Augenblick der Niederlage zur Flucht in eine benachbarte Burg und wird dort am Burgtor von Iwein gestellt. Iweins Reaktion fällt dieses Mal aber anders aus als bei Askalon. Er gewährt Aliers die genâde[17] und verschont ihn. Hat sich Iwein also charakterlich im Laufe des Romans gewandelt? Dies trifft nur zum Teil zu. Iwein gewährt zwar die Gnade, die von einem klassischen arthurischen Ritter erwartet wird, jedoch befindet er sich nicht in einer Zwangslage wie bei Askalon, da er den Grafen Aliers noch vor dem Tor abfangen kann. Ihm ist es also im Gegensatz zur Situation mit Askalon möglich, Gnade ohne der Gefahr des eigenen Ehrverlusts gewähren zu können.

Noch in einer weiteren Situation muss sich Iwein für oder gegen den Tod eines Gegners entscheiden. Beim Kampf gegen die tiuvels knehte[18] schlägt sich Iwein gewohnt tapfer und triumphiert schließlich über seine Widersacher. Während der eine Teufelsritter von seinem Löwen zerfleischt wird, muss sich ihm der andere in sin genâde geben[19]. Überraschenderweise lässt Iwein auch diesen Gegner am Leben und dies obwohl bereits der Name Teufelsritter ihn als bösartige Kreatur dämonisiert. Adversativ zu seinem Löwen besitzt Iwein überhaupt die Fähigkeit Milde walten zu lassen. Er grenzt sich hier von der animalischen Welt ab, die der Löwe verkörpert und dessen Teil er im Zustand seines Wahnsinns selbst war. Eine endgültige Rückkehr in die höfischen Verhaltensweisen wird vollzogen. Prinzipiell müsste Iwein dem Teufelsritter keine Barmherzigkeit gewähren, da der als rise[20] beschriebene Gegner nicht Teil der höfischen Gesellschaft ist. Gerade hier zeigt sich in Iweins Verhalten eine gewisse Veränderung und Erweiterung des Ethos-Gefühls, die konträr zur Askalon-Episode als charakterliche Vervollkommnung im Bezug auf die Tugend der genâde[21] zu sehen ist, die als vornehme und herausragende Eigenschaft für Ritter von Hartmann von Aue postuliert wird.[22]

2.2. Iwein und die ritterliche Tugend der triuwe – Das Terminversäumnis

Essentieller Bestandteil eines jeden klassischen Artusromans ist eine Katastrophe nach dem Initialteil, die auf menschlichem Versagen des Protagonisten begründet ist und die eigentliche Handlung zur Überwindung dieser Schwäche und zum Widergewinn der Ehre auslöst. Bei Iwein liegt der Ursprung seiner Verfehlung in der Fristsetzung, die er durch Laudine erhält. Gawein warnt Iwein davor, sich um einer Frau willen zu verligen[24] und so seine Ehre einzubüßen, wie es auch Erec ergangen ist. Iwein bringt seine Frau durch eine Art Blanko-Versprechen dazu, ein Jahr ausziehen zu dürfen, um zusammen mit Gawein Turniere zu bestreiten. Diese Frist von einem Jahr ist nicht zufällig gewählt. Sollte ein Ritter in das Land Laudines kommen, um es zu erobern, so kann diese Herausforderung um genau ein Jahr aufgeschoben werden. Laudine weist Iwein noch einmal stark darauf hin,

daz unser êre und unser lant

vil gar ûf der wâge lît,

ir enkumt uns wider enzît,

daz ez uns wol geschaden mac.[25]

Sowohl Laudines Ehre als auch ihr Land hängen von Iweins Versprechen ab, rechtzeitig zurückzukehren. Im folgenden Jahr glänzt Iwein und Gawein mit ritterlicher Tapferkeit bei den Turnieren. Gaweins Rat sollte Iwein aber zum Verhängnis werden, denn er vertreibt ihm die Zeit so kurzweilig, daz er der jârzal vergaz/ und sîn gelübede versaz,/ und daz ander jâr gevienc/ und vaste in den ougest gienc.[26] Leichtsinnig und gedankenlos setzt er so Frau und Land aufs Spiel und verstößt gegen sein Versprechen, das er in Form eines rechtlichen Eides gegeben hat und damit auch gegen das ritterliche Ideal der triuwe[27], das er damit eingegangen ist. Gemäß eines klassischen Artusromans stellt diese Passage den Dreh- und Angelpunkt des Romans dar. Der Verstoß gegen die triuwe[28] kann nicht als Verstoß gegen das Konzept eines klassischen Artusritters gesehen werden, sondern ist als Verfehlung des Ritters nötiger Bestandteil des Romans, ähnlich wie es im Erec das verligen[29] des Helden ist. Erst dadurch wird der zweite Aventiurezyklus in Gang gesetzt.

[...]


[1] Bei dieser Seminararbeit wird die neue Rechtschreibung verwendet.

[2] Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 140.

[3] Lexer, Mittehochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 8.

[4] Hartmann von Aue, Iwein, S. 52.

[5] Lexer, Mittehochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 8.

[6] Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 140.

[7] Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 61.

[8] Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 139.

[9] Lexer, Mittehochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 8.

[10] Hartmann von Aue, Iwein, S. 17.

[11] Hartmann von Aue, Iwein, S. 21.

[12] Hartmann von Aue, Iwein, S. 21.

[13] Hartmann von Aue, Iwein, S. 21.

[14] Vgl. Voss, Die Artusepik Hartmanns von Aues, S. 31.

[15] Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 44.

[16] Hartmann von Aue, Iwein, S. 69.

[17] Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 61.

[18] Hartmann von Aue, Iwein, S.115.

[19] Hartmann von Aue, Iwein, S. 123.

[20] Hartmann von Aue, Iwein, S.121.

[21] Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 61.

[22] Vgl. Speckner, Dichtung und Wahrheit im Mittelalter, S. 119.

[23] Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S.231.

[24] Hartmann von Aue, Iwein, S. 52.

[25] Hartmann von Aue, Iwein, S. 55.

[26] Hartmann von Aue, Iwein, S. 57.

[27] Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S.231.

[28] Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S.231.

[29] Hartmann von Aue, Iwein, S. 52.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Iwein, ein klassischer arthurischer Held?
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V233425
ISBN (eBook)
9783656496724
ISBN (Buch)
9783656504870
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
iwein, held
Arbeit zitieren
Stefan Besenhard (Autor), 2009, Iwein, ein klassischer arthurischer Held?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233425

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