Yasmina Rezas "Drei Mal Leben" aus der Perspektive der Geschlechtertheorie von Judith Butler


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
27 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Gender Studies und die Realitätsreferenz des Dramentextes
2.1 Drama und Gender
2.2 Butlers Geschlechtertheorie
2.3 Konstruktion von Geschlecht
2.4 Performative Akte und Geschlechterkonstitution nach Judith Butler

3. Analyse des Dramas „Drei Mal Leben“ anhand spezieller Instrumentarien der Geschlechtertheorie
3.1 Vorstellung des Drama „Drei Mal Leben“ und dessen Figurenkonstellationen
3.2 Konstruktion oder Dekonstruktion von historisch veränderlichen Vorstellungen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“
3.3 Die Performativität und Theatralität des Theaterstückes „Drei Mal Leben“

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Yasmina Rezas Dramentext „Drei Mal Leben“ und dessen Theatralität aus der Perspektive der Geschlechtertheorie von Judith Butler

Einleitung:

„Yasmina Reza (geboren 1959) ist sicher die erfolgreichste französische Gegenwartsdramatikerin.“[1]

Das vorstehende Zitat weckt bereits das Interesse sich etwas genauer mit Ihren gegenwärtigen Werken auseinanderzusetzen. Zu Beginn meiner Hausarbeit möchte ich daher den Dramentext „Drei Mal Leben“, eine Übersetzung des französischen Originals „Trois versions de la vie“, vorstellen, auf dessen Realitätsbezug eingehen und auf die Geschlechtertheorie von Judith Butler überleiten.

Für das bessere Verständnis von Gender Studies werde ich dabei wichtige Begrifflichkeiten wie „Performativität“, „Konstruktion“, „Geschlechtsidentität“, „Intelligiblität“ und „Handlungsmacht“ mittels ausgesuchter Textpassagen darlegen und klären.

Im Hauptteil meiner Hausarbeit widme ich mich der Analyse des Theaterstückes „Drei Mal Leben“ mittels spezieller Instrumentarien der Geschlechtertheorie von Judith Butler widmen.

Im Speziellen geht es mir dabei um die Geschlechterkonstitution im Theaterstück aus der Perspektive der Geschlechtertheorie und die Performativität von „Drei Mal Leben“. Ich werde näher darauf eingehen, inwieweit sich Yasmina Rezas Dramentext, welcher für die Aufführung konzipiert wurde, nach den performativen Aspekten der Geschlechtertheorie von Judith Butler analysieren lässt. Inwiefern ist also eine Analyse der Geschlechterbilder des Stückes unter Berücksichtigung der Theorien zur Performativität des Geschlechts von Judith Butler möglich? Wie werden „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ im Stück konstituiert?

Weiterhin werde ich mich damit befassen, wie Reza geschlechtsspezifische und soziale Probleme in ihrem Theaterstück ausarbeitet und inwieweit von performativen Geschlechtern in „Drei Mal Leben“ gesprochen werden kann.

Im Schlussteil gehe ich zusammenfassend auf die Theatralität eingehen, die Rezas Theaterstück „Drei Mal Leben“ entwickelt.

2. Gender Studies und die Realitätsreferenz des Dramentextes

2.1 Drama und Gender:

Ähnlich wie die Gender- Forschung befasst sich auch das für die Aufführung konzipierte Drama mit der Repräsentation von Männlichkeit und Weiblichkeit und der Geschlechterkonstruktion durch performative Akte.

Die Begründer der Sprechakttheorie, John Langshaw Austin und John Searle, definieren performative Akte als sogenannte Sprechakte. Sprachliche Äußerungen, wie zum Beispiel Befehle oder Namensgebungungen, beschreiben demnach nicht nur Gegebenheiten, sondern vollziehen ebenso auch Handlungen, die nach der Sprechakttheorie als performative Akte bezeichnet werden. Performative Akte vollziehen nach Austin jene Handlung, die sie benennen und sind weder als wahr noch als falsch zu bezeichnen. Wenn man zum Beispiel sagt: „Ich versichere dir, dich besuchen zu kommen.“ , dann vollzieht der Sprecher mit dieser Äußerung bereits eine Handlung, die Handlung des Versprechens.[2]

Performative Akte geben an, wie eine Person sich in ihrem Handeln präsentiert und erteilen Aufschluss über dessen Geschlechtsidentität. Die Akte der Geschlechterkonstitution sind den performativen Akten im Theater sehr ähnlich und geben somit Anlass zur Analyse.

„ Geschlecht gilt als Performance, als Darstellung, als Maskerade.“[3]

Das Theater spielt folglich eine bedeutende Rolle als Repräsentationssystem von Geschlechtlichkeit und das scheinbare Ineinandergreifen von Realität und Abbild.

„Das Drama als plurimediales Medium (vgl. Pfister 1982, S. 24f.) kombiniert“ (…) „akustische mit visuellen Momenten und stellt Körper leibhaftig auf die Bühne.“[4]

Das Drama bildet somit die Gesamtheit von verbalen und nonverbalen Codes, in welcher der Raum, die Handlung, die Figuren und deren Mimik, Gestik und Körperhaltung die Möglichkeit für die Anschauung von Geschlechtlichkeit eröffnen. Das Ineinandergreifen von Schauspiel und Realität kann sowohl der weiblichen als auch der männlichen Identität zugeschrieben werden. Ebenso wie das Theater Realitätsabbildungen liefert, so zeigen beispielsweise Frauen ein Abbild, das sich mimetisch zum weiblichen und zum männlichen Geschlecht verhält. Das theatralische Drama wirkt also mimetisch, in dem es Realitäten nachahmt und durch die Abbildungen Neues hervorruft. Eine „Frau“ zu sein bedeutet, dass man sich an die gesellschaftlichen Sanktionen und Vorschriften anpasst. Dies geschieht nach Judith Butler, die als Begründerin der Gender Studies bekannt wurde, nicht freiwillig, sondern ist die Voraussetzung für die Lebensfähigkeit der Subjekte.

„Die Bühne eröffnet einen geschlechtlich codierten, performativen Raum, in dem Körper durch Kostüm und Rolle generiert und so die Konstitutionsbedingungen von Geschlecht überdacht werden können.“[5]

Dementsprechend kann auf der Theaterbühne also ein Mann als Frau fungieren sowie eine Frau als Mann, da die Geschlechtlichkeit auf der Bühne stets als Maskerade wirkt.

Die vorgestellten Geschichten im Drama stellen immer weibliche oder männliche Geschlechter dar, so auch in Yasmina Rezas Theaterstück „Drei Mal Leben“.

Yasmina Reza versteckte sich lange Zeit hinter männlichen Charakteren, um ihres Erachtens mehr Freiheiten beim Schreiben zu genießen. Erst mit der Zeit beginnt sie mehr über Frauen zu schreiben. Einen Namen machte sie sich insbesondere durch ihre Theaterstücke „Kunst“ (1994) und „Drei Mal Leben“ (2000).

„Für mich ist Schreiben eine Erforschung des Menschlichen, ein Erschließen des Unbekannten. Das Schreiben erlaubt mir, andere Leben zu leben“.[6]

Das Theaterstück „Drei Mal Leben“ hält als Abbild der Wirklichkeit viel Diskussionsstoff bereit, was die Analyse von Geschlechtlichkeit betrifft. Um das Drama mittels bestimmter Aspekte der Geschlechtertheorie Judith Butlers analysieren zu können, lege ich zum besseren Verständnis im Anschluss Butlers Geschlechtertheorie ansatzweise dar.

2.2 Butlers Geschlechtertheorie:

Judith Butler hat in der gegenwärtigen feministischen Theorie für viel Furore gesorgt und ist bezüglich ihrer Geschlechtertheorie sehr umstritten. Sie wird als Begründerin der „Queer Theory“ gesehen und wird als typisch „postmoderne Autorin“ deklariert. Mit der Veröffentlichung ihres ersten Werkes 1991 „Das Unbehagen der Geschlechter“, eine Übersetzung des englischsprachigen Werkes „Gender Trouble“, wurden Butlers Thesen stark diskutiert und kritisiert. In Hinblick auf diese Thematik kam es zu vielerlei Diskussionen bezüglich Butlers Theorie, dass das biologische Geschlecht durch kulturelle Denkweisen konstituiert und diskursiv hervorgerufen würde.[7]

„Butler zielt darauf, die sex/gender-Unterscheidung in gender aufzulösen: »sex« selber sieht sie als gender-Konstrukt, hervorgebracht durch Diskurse. Auch die Körperlichkeit ist hier demnach nichts, was Männer und Frauen materiell unterscheidet, sondern die »Fiktion« materieller Substanzen komme erst durch den bedeutungskonstituierenden, diskursiv gesteuerten und steuernden Blick in die Welt.“[8]

Die Materialisierung der Körper ist nach Butler an eine kulturspezifische Wahrnehmung gebunden und schließt somit ein natürliches Geschlecht im metaphysischen Sinne aus. Diese These Butlers widerspricht moderner erkenntnistheoretischer Grundlagen. Die Kategorie „Frau“ als Subjekt des Feminismus wird nach Butler in Frage gestellt, weil es für sie keine natürlich biologischen Grundlagen enthält und in Folge dessen als machtvoll produzierte Kategorie gesehen werden muss.[9]

Mit ihrem Buch „Das Unbehagen der Geschlechter" schlägt sie eine allgemeine Richtung des Feminismus ein, welche eine Differenzierung von Frau zu Frau und innerhalb der einzelnen Frau vornimmt und in welcher der Frau sowohl weibliche als auch männliche Eigenschaften zugeschrieben werden können. Butler kritisiert, dass die feministische Forschung Frauen als Gruppe mit gleichen Eigenschaften und Vorlieben festlegt und somit kulturelle, klassenspezifische und ethnische Unterschiede unter den Frauen ausklammert. Die feministische Forschung hat nach Butler hier eine falsche Auffassung von einem binären („zweiteiligem“) System der Geschlechtlichkeit, worin der Mann oder die Frau mittels ihrer Geschlechtsrolle, Geschlechtsidentität und anhand ihrer sexuellen Orientierung kategorisiert werden. Butlers Kritik richtet sich des weiteren auch gegen die Angleichung der Frau an den Mann, die sogenannte Gleichheitsposition. In ihrem Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ befasst sich Butler diesbezüglich mit der Französin Simone de Beauvoir (1908-1986), die als Begründerin der Gleichheitsposition gilt. Diese Position, die mit der neuen Frauenbewegung in den 70er Jahren begann, umfasst die Forderung nach Gleichheit der Geschlechter. Es stellt sich insoweit die Frage nach der genauen Konstruktion der Geschlechter nach Butler.

[...]


[1] Baasner, Frank: Frankreich Jahrbuch 2006. Politik und Kommunikation. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; S. 284.

[2] vgl. Culler, Jonathan: Literaturtheorie. Eine kurze Einführung. Stuttgart: Reclam Verlag 2002. S. 149.

[3] Schößler, Franziska: Einführung in die Gender Studies. Berlin: Akademie Verlag 2008; S. 167.

[4] Schößler, Franziska: Einführung in die Gender Studies. Berlin: Akademie Verlag 2008; S. 167.

[5] Schößler, Franziska: Einführung in die Gender Studies. Berlin: Akademie Verlag 2008; S. 168.

[6] Akerman, Chantal; Bukowski, Oliver; Dobbrow, Dirk; Dorst, Tankred; Reza, Yasmina; Walser, Martin: Spectaculum 62 – Moderne Theaterstücke. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1996; S. 272.

[7] vgl. Landweer, Hilge/ Rumpf, Mechthild: Kritik der Kategorie Geschlecht. In: Feministische Studien 11. Jg. Nr. 2 (1993); S. 4

[8] Landweer, Hilge/ Rumpf, Mechthild: Kritik der Kategorie Geschlecht. In: Feministische Studien 11. Jg. Nr. 2 (1993);Einleitung.

[9] vgl. Stanislawa, Paulus: Identität ausser Kontrolle. Handlungsfähigkeit und Identitätspolitik jenseits des autonomen Subjekts. Hamburg: 2001; S. 56-58.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Yasmina Rezas "Drei Mal Leben" aus der Perspektive der Geschlechtertheorie von Judith Butler
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Grundkurs: Einführung in die Literaturtheorie
Note
1,8
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V233476
ISBN (eBook)
9783656504597
ISBN (Buch)
9783656504863
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
yasmina, rezas, dramentext, drei, leben, theatralität, perspektive, geschlechtertheorie, judith, butler
Arbeit zitieren
Dana Michaelis (Autor), 2010, Yasmina Rezas "Drei Mal Leben" aus der Perspektive der Geschlechtertheorie von Judith Butler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233476

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