Ein Kulturredakteur der WELT beschrieb Christian Krachts jüngstes Werk als ein
komplexes „Rätselbuch, an dem man sich das Hirn wund denkt“. Auf der
Handlungsstruktur von Joseph Conrads Heart of Darkness erzählt Kracht eine
Geschichte, die es so nicht gegeben hat, er verwendet die Motive unzähliger
literarischer Vorbilder, verkehrt den Wertekatalog des westlichen
Moralverständnisses, wobei er all diese Elemente in Gestalt einer Was-wäre-wenn-Welt wieder neu zusammensetzt. Dem Schweizer Schriftsteller geht es dabei um
Denkgebäude im Umbruch.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Schöne verkehrte Alpenwelt
1.2 Ein dystopischer Roman?
1.3 Intertextuelle Verweise
1.4 Das Verfahren der ‚Verkehrung‘
2. Intertextuelle Verkehrungen - ‚Afrika‘ bei Kracht und Conrad
2.1. Das Afrika-Bild bei Conrad
2.2 Das Afrika-Bild bei Kracht
2.3 Wetter und Klima als Charakteristika
2.4 Afrika als imaginärer Fluchtort bei Kracht
2.5 Die Reise ins ‚Herz der Finsternis‘
2.6 Conrads und Krachts Figuren im Vergleich
2.6.1 Beziehungsstruktur in Heart of Darkness
2.6.2 Die Hauptfiguren bei Kracht
2.6.3 Parallelen zwischen Conrad und Kracht
2.7 Kulturelle Verkehrungen und kulturelle Regression
3. Verweise, Verkehrungen, Verwirrungen?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Verfahren der „Verkehrung“ in Christian Krachts Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten im direkten Vergleich mit Joseph Conrads Heart of Darkness, um die ästhetische Umgestaltung von Motiven und Strukturen zu analysieren.
- Analyse der Umarbeitungsstrategie von Conrads Heart of Darkness
- Untersuchung des Konzepts der „intertextuellen“ und „kulturellen Verkehrung“
- Vergleich der Landschaften als identitätsstiftende und symbolische Räume
- Analyse der Figurenkonstellationen sowie deren Abweichungen vom Original
- Diskussion über den posthumanistischen Gehalt und den Kulturverfall im Roman
Auszug aus dem Buch
2.1. Das Afrika-Bild bei Conrad
Um Schnittpunkte in diesem Kapitel zwischen „Ich werde hier sein“ und Heart of Darkness herauszustellen, widmet sich die Ausarbeitung zuerst den Beobachtungen zu Conrads Novelle. Dem Schauplatz von Heart of Darkness wird durch die Erzählung Marlows keine neutrale Bedeutung zugeschrieben. Joseph Conrads Novelle skizziert das pejorative Bild einer bedrohlichen Exotik, welche sich aus dem Motiv des undurchdringbaren Dschungels und den undefinierbaren Konturen des Dunstes und des Nebels zusammensetzt. Afrika wird als Schauplatz vorgestellt, der die menschlichen Züge des Kontinents in den Hintergrund drängt und ein metaphysisches Schlachtfeld „devoid of all recognizable humanity“ hinterlässt. Unter der Oberfläche einer Naturbeschreibung stilisiert Conrad eine mysteriöse Gefährlichkeit, die von der Wildnis des Dschungels ausgeht. Dabei ist zu beobachten, dass Marlows wahrgenommene Bedrohung umso intensiver wird, je mehr er sich dem Hauptquartier von Mr. Kurtz im ‚Herzen des Urwalds‘ nähert. Folgende Passage verdeutlicht das latente Gefahrenpotenzial, welches Marlow hinter den Schemen der Wildnis zu erkennen glaubt:
There it is before you— smiling, frowning, inviting, grand, mean, insipid, or savage, and always mute with an air of whispering, ‘Come and find out.’ This one was almost featureless, as if still in the making, with an aspect of monotonous grimness. The edge of a colossal jungle, so dark-green as to be almost black, fringed with white surf, ran straight, like a ruled line, far, far away along a blue sea whose glitter was blurred by a creeping mist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der literarischen „Verkehrung“ und Vorstellung des Romans als dystopische Alternativgeschichte.
2. Intertextuelle Verkehrungen - ‚Afrika‘ bei Kracht und Conrad: Detaillierter Vergleich der Landschaftssemantiken, Klimadarstellungen und Figurenkonstellationen beider Werke.
3. Verweise, Verkehrungen, Verwirrungen?: Abschließende Betrachtung der Ergebnisse und Diskussion über die literaturwissenschaftliche Einordnung von Krachts Werk.
Schlüsselwörter
Christian Kracht, Joseph Conrad, Heart of Darkness, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, Verkehrung, Intertextualität, Dystopie, Landschaftssemantik, Post-Humanismus, Kulturverfall, Postmoderne, Literaturvergleich, Erzählstruktur, Exotismus, Alternativgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die intertextuellen Bezüge und das spezifische Verfahren der „Verkehrung“, mit dem Christian Kracht Motive aus Joseph Conrads Heart of Darkness in seinem Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten neu interpretiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Umkehrung von Landschaften, die Analyse von Machtstrukturen im Kontext von Kolonialismus und Dystopie sowie die Darstellung von kulturellem und menschlichem Verfall.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es herauszuarbeiten, wie Kracht durch seine „Spiegelungstechnik“ und das Prinzip der „Verkehrung“ eine künstlerische Eigenständigkeit schafft, die über eine bloße Imitation der literarischen Vorlage hinausgeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die primär textnahe Interpretationen, motivische Gegenüberstellungen und die Einordnung in bestehende kulturwissenschaftliche Konzepte umfasst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich dem detaillierten Vergleich von Afrika-Bildern, der Funktion von Wetter und Klima, der Analyse der Figuren (wie dem Vergleich von Kurtz und Brazhinsky) sowie der subversiven Darstellung kultureller Artefakte im Roman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Verkehrung, Intertextualität, Post-Humanismus, Landschaftssemantik und Dystopie charakterisiert.
Inwiefern ist das „Réduit“ ein zentrales Element?
Das Réduit fungiert als symbolischer Gegenentwurf zum afrikanischen Dschungel bei Conrad und repräsentiert gleichzeitig das gescheiterte, menschenfeindliche System der Schweizer Sowjetrepublik.
Was bedeutet die „Steckdose“ an den Körpern der Protagonisten?
Die Steckdosen symbolisieren eine technisierte Post-Humanität und den Verlust der natürlichen Identität, was als Kritik an einem umfassenden Enthumanisierungsprozess der Moderne interpretiert wird.
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- David Fischer (Author), 2011, Das Leitprinzip der Verkehrung in Christian Krachts dystopischem Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233685