Alterssicherung in fünf europäischen Ländern

Ein Vergleich der Alterssicherungssysteme in Deutschland, Dänemark, den Niederlanden, der Schweiz und Polen


Hausarbeit, 2012
38 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Vorwort und Fragestellung
1.2 Definition des Begriffes „Alterssicherung“

2 Länderprofile der Alterssicherungssysteme
2.1 Alterssicherung in Deutschland
2.1.1 Die erste Säule in Deutschland: die GRV als zentrales Element der Alterssicherung
2.1.2 Die zweite Säule in Deutschland: Freiwilligkeit der beruflichen Zusatzversorgung
2.1.3 Die dritte Säule in Deutschland: Aufwind durch Riester- und Rürupförderung
2.2 Alterssicherung in Dänemark
2.2.1 Die erste Säule in Dänemark: steuerfinanzierte Volksrente plus Zusatzinstrumente
2.2.2 Die zweite Säule in Dänemark: Lebensstandardsicherung durch Betriebsrenten
2.2.3 Die dritte Säule in Dänemark: private Vorsorge durch Kapital- und Ratenrenten
2.3 Alterssicherung in den Niederlanden
2.3.1 Die erste Säule in den Niederlanden: universelle AOW-Rente zur Existenzsicherung
2.3.2 Die zweite Säule in den Niederlanden: quasi-obligatorische Zusatzversorgung
2.3.3 Die dritte Säule in den Niederlanden: Förderung unter strengen Voraussetzungen
2.4 Alterssicherung in der Schweiz
2.4.1 Die erste Säule in der Schweiz: die Alters- und Hinterlassenenvorsorge (AHV)
2.4.2 Die zweite Säule in der Schweiz: Pflichtzusatzversorgung nach dem „BVG“
2.4.3 Die dritte Säule in der Schweiz: gebundene und freie Selbstvorsorge
2.5 Alterssicherung in Polen
2.5.1 Die erste Säule in Polen: umlagefinanzierte Rente mit Betonung des Äquivalenzprinzips
2.5.2 Die zweite Säule in Polen: obligatorische Vorsorge durch offene Alterssicherungsfonds
2.5.3 Die dritte Säule in Polen: betriebliche (PPE) und private Vorsorgeformen (IKE, IKZE)

3 Vergleich der einzelnen Säulen
3.1 Vergleich der ersten Säulen
3.2 Vergleich der zweiten Säulen
3.3 Vergleich der dritten Säulen

4 Fazit
4.1 Lösungsansätze für Deutschland

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Vorwort und Fragestellung

Die sprachkritische Aktion „Unwort des Jahres“ wählt aus eingereichten Vorschlägen jährlich ein besonders anstößiges, diskriminierendes oder in sonstiger Weise als unangemessen empfundenes Wort des aktuellen Sprachgebrauchs aus, welches sich daraufhin mit dem Titel des Unwortes des Jahres schmücken darf (vgl. Aktion „Unwort des Jahres“, 2011). 1996 fiel die Wahl auf den Begriff „Rentnerschwemme“, der eine polemisierende Beschreibung einer drohenden Überalterung der Bevölkerung zum Inhalt hat. 1998 trug sich die Wendung des „sozialverträglichen Ablebens“ in die populäre Liste der Unwörter ein (vgl. DER SPIEGEL, 2011). Hierbei handelt es sich ebenfalls um einen Ausdruck, der auf die wachsenden Probleme des Älterwerdens einer Gesellschaft abzielt und in zynischer Art und Weise auf Entlastungen für soziale Sicherungssysteme hinweist, die sich durch ein möglichst frühes Lebensende ergeben.

Die Unwörter der Jahre 1996 und 1998 lassen darauf schließen, dass das Problem der sich verändernden Altersstrukturen bereits seit einigen Jahren im öffentlichen Bewusstsein verankert ist. Im Mittelpunkt der Diskussionen steht dabei die Angst vor einer Überlastung des Rentensystems durch die steigende Lebenserwartung bei gleichzeitig rückläufigen Geburtenzahlen. Die zeitlose Aktualität dieses Themas zeigt sich in verschiedenen aktuellen Meldungen der deutschen Presse. So liest man auf Focus Online folgende Schlagzeile: „In Deutschland tickt die Rentenbombe“ (FOCUS ONLINE, 2012). Auch Welt Online berichtet unter Verweis auf eine OECD-Studie: „Deutsches Rentensystem begünstigt Altersarmut“ (WELT ONLINE, 2012). Nicht nur, dass diese beiden Schlagzeilen dramatisch klingen. Vielmehr kann man den Eindruck gewinnen, gerade in Deutschland sei die Lage besonders alarmierend. Doch stimmt das?

In dieser Hausarbeit soll daher der Frage nachgegangen werden, wie sich das deutsche System der Alterssicherung im Vergleich zu anderen europäischen Alterssicherungssystemen darstellt. Wie ist die Altersversorgung in Dänemark, der Schweiz, Polen und den Niederlanden gestaltet? Wo gibt es Unterschiede zum deutschen Weg? Und vor allem: Welche dortigen Regelungen könnten Lösungs-ansätze zur Stabilisierung des deutschen Rentensystems bieten?

1.2 Definition des Begriffes „Alterssicherung“

Bevor im Folgenden ein Vergleich der Alterssicherungsstrategien in fünf Ländern Europas erarbeitet wird, ist zunächst eine Bestimmung des Begriffes „Alterssicherung“ nötig.

Das zentrale Motiv von Alterssicherungssystemen liegt in der „materiellen Absicherung der Betroffenen nach ihrem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben bzw. in ihrer zumindest grundlegenden Absicherung unabhängig vom Erwerbsleben“ (Schmid, 2002, S. 392). Ein System der Alters-sicherung hat somit die Aufgabe, die Bevölkerung im Alter in finanzieller Hinsicht abzusichern, um (in den meisten Fällen) den Einkommensverlust nach Ausscheiden aus dem Erwerbsleben zu kompensieren. Hierfür werden in der Regel monatliche Renten ausgezahlt.

Schulz-Nieswandt definiert die Alterssicherung darüber hinaus als „ein Mehr-Säulen-System der Haushaltseinkommenssicherung der nach-beruflichen Lebensphase“ (Schulz-Nieswandt, 2006, S. 186). Klassischerweise herrscht hier das Drei-Säulen-Modell vor, das auf einer staatlichen bzw. öffentlichen Rente (1. Säule), einer beruflichen Zusatzversorgung (2. Säule) und der individuellen Privatvorsorge (3. Säule) beruht. Dabei sollen die verschiedenen Teilbereiche ̶ sich gegenseitig stützend ̶ in ihrer Gesamtheit eine angemessene Versorgung im Alter gewährleisten und die Bei-behaltung des erreichten Lebensstandards ermöglichen (vgl. Döring, 2011, S. 197 und S. 211).

Die Ausformung und Gewichtung der Säulen untereinander sowie der Aufbau der einzelnen Teilbereiche unterscheidet sich jedoch von Land zu Land erheblich. Ziel des ersten Teils dieser Arbeit ist es daher, Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Alterssicherungssysteme aufzuzeigen, wobei das Drei-Säulen-Modell als Analyseinstrument fungieren wird. Es erfolgt dabei eine Konzentration auf diejenigen Eckpfeiler, die für das grundlegende Verständnis der Strukturen wichtig sind, da eine Detailtiefe den Umfang dieser Arbeit sprengen würde. Außerdem wird eine Beschränkung auf die Gewährung von finanziellen Leistungen im Alter vorgenommen, was dazu führt, dass gewisse Teilbereiche der Rentenversicherung (z.B. Hinterbliebenen- und Invaliden-renten, nicht-finanzielle Eingliederungsmaßnahmen) außen vor bleiben.

2 Länderprofile der Alterssicherungssysteme

Nachfolgend wird nun eine Analyse der Alterssicherungsstruktur in Deutschland sowie den europäischen Nachbarländern Dänemark, den Niederlanden, der Schweiz und Polen erfolgen.

2.1 Alterssicherung in Deutschland

Zu Beginn soll ein kurzer Überblick über den Aufbau des deutschen Alterssicherungssystems gegeben werden.

2.1.1 Die erste Säule in Deutschland: die GRV als zentrales Element der Alterssicherung

In Deutschland (vgl. zu diesem Abschnitt u.a. BMAS, 2012a, S. 113ff., Schmid, 2002, S.111 und Boeckh/Huster/Benz, 2004, S. 301ff.) wird das Kernsystem der ersten Säule im Wesentlichen durch die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) gebildet, die bereits 1889 im Zuge der Bismarkschen Sozialgesetzgebung als Absicherung gegen Altersrisiken eingeführt wurde. Daneben zählen auch die Sondersysteme der Beamtenversorgung, die Alterssicherung der Landwirte und die berufs-ständischen Versorgungswerke zur ersten Säule. Die GRV basiert auf einer weitreichenden Ver-sicherungspflicht, die alle sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten, Auszubildene, Wehr- und Zivildienstleistende, Behinderte in anerkannten Werkstätten sowie Personen, die ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr absolvieren, erfasst. Auch für bestimmte Gruppen von Selbst-ständigen und Freiberuflern (z.B. Künstler[1], Handwerker) ist die gesetzliche Rentenversicherung obligatorisch. Wer selbstständig tätig ist, ohne pflichtversichert zu sein, kann unter bestimmten Voraussetzungen die Versicherungspflicht beantragen. In Zeiten der Kindererziehung und der Pflege von Angehörigen besteht ebenso eine Versicherungspflicht, wobei im ersten Fall der Bund und im zweiten Fall die Pflegekasse die Beiträge übernimmt. Arbeitslosengeld-I-Empfänger sind grund-sätzlich ebenfalls versicherungspflichtig, während diese Regelung für Arbeitslosengeld-II-Empfänger seit 2011 nicht mehr vorliegt. Für kurzfristig oder geringfügig Beschäftigte (sog. Mini-Jobber) ist die Rentenversicherung nicht obligatorisch, der Arbeitgeber zahlt jedoch einen Pauschal-beitrag. Neben der Pflichtmitgliedschaft ist eine freiwillige Einzahlung von Rentenbeiträgen möglich. Die weitreichende Pflichtregelung führt dazu, dass die GRV aktuell über 52 Mio. Versicherte zählt (DRVB, 2012) und damit weite Teile der Bevölkerung umfasst.

Die Verwaltungsorgane der GRV ̶ namentlich seit 2005 die „Deutsche Rentenversicherung Bund“, die Regionalträger der Deutschen Rentenversicherung und die „Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See“ ̶ sind finanziell und organisatorisch weitgehend selbstständige Körper-schaften des öffentlichen Rechts, die zwar der staatlichen Rechtsaufsicht unterstehen, sonst aller-dings als selbsverwaltet beschrieben werden können, da sie dem Staat nicht direkt untergeordnet sind.

Wie bei allen deutschen Sozialversicherungszweigen werden zur Finanzierung der Leistungen Beiträge eingezahlt, die sich nach der Höhe des Bruttolohns bemessen und jeweils zur Hälfte von Arbeitgeber und Arbeitnehmer geschultert werden. Seit Januar 2012 beträgt der GRV-Beitragssatz insgesamt 19,6 % des Bruttolohns. Die Beitragsbemessungsgrenze liegt 2012 bei 5.600 € (alte Bundesländer) bzw. 4.800 € (neue Bundesländer). Das bedeutet, dass für die Berechnung der Beiträge maximal die oben genannten Werte herangezogen werden, auch wenn ein höherer monatlicher Verdienst gegeben ist. Bei der Erbringung der Rentenzahlungen kommt das Umlage-verfahren nach dem sog. Generationenvertrag zum Einsatz, d.h. die jetzigen Erwerbstätigen kommen mit ihren laufenden Einzahlungen für die Renten der älteren Generationen auf. Eingezahlte Beiträge werden somit nicht etwa auf einem individuellen Konto angespart, sondern direkt wieder ausgezahlt. Dies dient unter anderem der Generationengerechtigkeit, da Rentner somit an wirtschaftlichen Wohlstandsentwicklungen teilhaben sollen. Finanzierungslücken werden ggf. durch Bundeszuschüsse gefüllt, Überschüsse werden zur Bildung einer sog. Nachhaltigkeits-rücklage zum Ausgleich von konjunkturellen Schwankungen verwendet. Voraussetzung für die Gewährung einer gesetzlichen Rente ist die Erfüllung von Mindestversicherungszeiten und das Erreichen bestimmter Altersgrenzen. Die Mindestversicherungszeit (sog. Wartezeit) beträgt bei der Regelaltersrente fünf Jahre. Die Altersrente wird im Allgemeinen erst nach Erreichen des Regeleintrittsalters, das in Deutschland derzeit von 65 auf 67 Jahre angehoben wird, ausgezahlt. Neben der klassischen Altersrente nach Erreichen der Regelaltersgrenze gewährt die GRV unter dem Vorliegen bestimmter Voraussetzungen auch Teil-, Hinterbliebenen- und Erwerbs-verminderungs- bzw. -unfähigkeitsrenten sowie besondere Renten für Frauen, langjährig Versicherte und schwerbehinderte Menschen, die ihrerseits zum Teil andere Bedingungen an den Antragssteller bezogen auf die Wartezeit und das Eintrittsalter stellen. Bei einer Verrentung vor Erreichen der Regelaltersgrenze sind i.d.R. Abschläge hinzunehmen. Ausnahmen liegen vor, wenn der Versicherte bestimmte Anforderungen erfüllen kann (z.B. die abschlagsfreie Altersrente ab 65 Jahren für schwerbehinderte Menschen mit Mindestversicherungsdauer von 35 Jahren).

Die Höhe der individuellen Rente richtet sich nach dem Äquivalenzprinzip, d.h. es ist entscheidend, wie lange und in welcher Höhe Beiträge vom jeweiligen Versicherten eingezahlt wurden. Dieser Faktor findet sich in den sog. Entgeltpunkten wieder, die multipliziert mit dem Rentenartfaktor und dem aktuellen Rentenwert, der derzeit 28,07 € (alte Bundesländer) bzw. 24,92 € (neue Bundesländer) beträgt (BMAS, 2012b) und jährlich in Anlehnung an die Lohnentwicklung angepasst wird, den monatlichen Rentenbetrag ergeben. Die durchschnittliche Rentenhöhe liegt derzeit bei der Altersrente bei 963 € (alte Bundesländer) bzw. 1010 € (neue Bundesländer) monatlich für männliche Rentenempfänger und 502 € (alte Bundesländer) bzw. 703 € (neue Bundesländer) monatlich für weibliche Rentenempfänger (DRVB, 2012). Von der Rente müssen Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung gezahlt werden. Bei der Besteuerung findet gerade eine Übergangsphase statt, nach der die Renten ab 2040 bei der Auszahlung voll versteuert werden müssen.

Die Beamtenversorgung als weiterer Zweig der ersten Säule alimentiert bestimmte Gruppen von Staatsbediensteten nach Ende der Dienstzeit mit Pensionsleistungen, die einen angemessenen Lebensunterhalt ermöglichen sollen. Die Höhe der Pension hängt vom letzten Bruttogehalt und der Anzahl der Dienstjahre ab. Die Höchstversorgung liegt aktuell bei 71,75 % des individuellen Bruttoendgehalts. Finanziert werden die Pensionsleistungen nicht durch Beiträge, sondern aus laufenden Steuereinnahmen. Eine Besonderheit der Beamtenversorgung ist darin zu sehen, dass sie für die Beamten nicht nur als erste Säule der Regelsicherung, sondern zusätzlich auch als zweite Säule der Zusatzsicherung angesehen werden muss. Man spricht hierbei von der „Bifunktionalität der Beamtenversorgung“ (BMGS, 2003, S. 123).

Die Alterssicherung der Landwirtschaft gewährt mit ihren Trägern, den landwirtschaftlichen Alterskassen, Renten an Landwirte, die grundsätzlich den Leistungen der GRV sehr ähnlich sind. Die Finanzierung erfolgt hier allerdings durch einen einkommensunabhängigen Einheitsbeitrag, der ggf. vom Bund bezuschusst wird. Letzter Bestandteil der ersten Säule sind die berufsständischen Versorgungswerke, die freiberuflichen Kammermitgliedern eine Rente gewähren, die sich wie bei der gesetzlichen Rentenversicherung nach individueller Beitragsdauer und Beitragshöhe bemisst.

Im Durchschnitt trug die erste Säule im Jahr 2007 65 % zum Einkommen der Bevölkerung über 65 Jahren bei (BMAS, 2008, S. 16). Dies zeigt, welch große Bedeutung die GRV nach wie vor in ihrer Lohnersatzfunktion für die Aufrechterhaltung des Lebensstandards älterer Menschen hat.

2.1.2 Die zweite Säule in Deutschland: Freiwilligkeit der beruflichen Zusatzversorgung

Die zweite Säule (vgl. zum diesem Absatz: Ehrentraut, 2006, S. 31ff. und S. 79ff.) besteht in Deutschland aus betrieblichen Zusatzversorgungen und den Zusatzversorgungen im öffentlichen Dienst (ZÖD). Letztere werden auf der Grundlage von Tarifvereinbarungen von den Versorgungs-anstalten der Gebietskörperschaften erbracht. Freiwillig gewährte Betriebsrenten haben in Deutsch-land schon vor dem Entstehen der gesetzlichen Rentenversicherung bestanden und dienen zum einen der Mitarbeiterbindung bzw. -gewinnung, zeigen andererseits aber auch das soziale Bewusst-sein der Arbeitgeber.

Die Organisation der Betriebsvorsorgesysteme kann auf unterschiedlichen Wegen erfolgen, z.B. betriebsintern per Direktzusage des Arbeitgebers an den Arbeitnehmer oder betriebsextern per Einzahlung von Beiträgen in eine Pensionskasse oder Abschluss einer Direktversicherung. Die Finanzierung der betrieblichen Zusatzleistungen kann alleine durch den Arbeitgeber erbracht werden, der hierbei einen gewissen Betrag zusätzlich zum Arbeitsentgelt für die Altersvorsorge der Beschäftigten zurücklegt. Verbreitet ist heutzutage gerade wegen wirtschaftlicher Turbulenzen allerdings die seit 2002 bestehende und gesetzlich garantierte Möglichkeit der Finanzierung durch den Arbeitnehmer selbst in Form der Entgeltumwandlung, bei der ein Teil des Lohns zugunsten von betrieblichen Altersvorsorgemaßnahmen umgewandelt wird. Daneben können die Leistungen selbstverständlich auch durch eine Mischbeteiligung von Arbeitnehmer und Arbeitgeber finanziert werden. Der Staat fördert die betriebliche Zusatzversorgung durch Steuer- und Sozialabgaben-vorteile und die Möglichkeit der Riesterförderung. Vorteil der betrieblichen Rente im Vergleich zur privaten Vorsorge ist die Einbeziehung des Arbeitgebers mit Beiträgen bzw. mit Verwaltungs-erleichterungen, während der Nachteil darin besteht, dass die Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Anlageformen durch mögliche Bestimmungen des Arbeitgebers eingeschränkt ist. Der Beginn des Rentenbezuges der betrieblichen Leistungssysteme muss nicht mit der Aufgabe der Berufstätigkeit einhergehen, allerdings wurde das Mindesteintrittsalter auf 62 Jahre (Maasch, 2011) erhöht.

Verglichen mit anderen Ländern, die in dieser Hausarbeit untersucht werden, spielt die betriebliche Säule in Deutschland eine eher untergeordnete Rolle. So hatten 2007 nur ca. 64 % aller Arbeit-nehmer Aussicht auf eine Betriebsrente (BMAS, 2008, S.19). Betrachtet man die Gewichtung der Alterssicherungssysteme, so haben berufliche Altersversorgungen und die Zusatzversorgung im öffentlichen Dienst 2007 zusammen nur 9 % der Gesamtleistungen erbracht (BMAS, 2008, S. 80).

2.1.3 Die dritte Säule in Deutschland: Aufwind durch Riester- und Rürupförderung

Die individuelle Altersvorsorge (vgl. hierzu Ehrentraut, 2006, S. 34ff. und Boeckh, 2004, S. 317f.) erhielt in Deutschland einen starken Aufwind durch das Altersvermögensgesetz, das im Januar 2002 in Kraft getreten ist und die Einführung einer staatlichen Zulagenförderung von kapitalgedeckten privaten Altersvorsorgeanlagen bedeutete. Das Ziel der zusätzlichen Privatvorsorge ist es, Versorgungslücken der ersten Säule zu schließen, die wegen der demografischen Entwicklung verstärkt befürchtet werden. Im Rahmen der sog. Riesterförderung gewährt der Staat unter bestimmten Voraussetzungen Zulagen beim Abschluss privater Rentenversicherungen oder anderer zertifizierter Kapitalmarktprodukte für die Altersvorsorge. Die Zulagen setzen sich aus einer Grundzulage und Kinderzulagen zusammen, wodurch insbesondere Familien bezuschusst werden. Neben der Zulage ist auch die Möglichkeit des Sonderausgabenabzugs für das förderungsfähige Produkt in der Steuererklärung gegeben. Förderungsberechtigt sind grundsätzlich alle Pflicht-mitglieder der GRV, Beamte, Pflichtmitglieder der Altersversorgung der Landwirte, Empfänger von Amtsbezügen und Bezieher von Erwerbsminderungsrenten. Freiwillig Versicherten, Beziehern von Sozialhilfe und nicht-versicherten Selbstständigen steht die Förderung dagegen nicht zu. Voraussetzung für das Beziehen der vollen staatlichen Zulage ist die Einzahlung eines festgelegten Mindesteigenbetrages. Außerdem darf die Auszahlung der Riesterrente bei ab 2012 abgeschlossenen Verträgen erst mit 62 Jahren beginnen (Maasch, 2011). Im Juni 2008 wurde die Riesterförderung durch das Eigenheimrentengesetz auf privates, selbst genutztes Wohneigentum ausgeweitet. Seitdem ist eine Entnahme des angesparten Kapitals z.B. für den Hausbau möglich. Im Gegensatz zum Umlageverfahren der GRV kommt bei der Privatvorsorge das Kapitaldeckungs-prinzip zur Anwendung, bei dem während der Einzahlungsphase vom jeweiligen Sparer ein Kapital-stock aufgebaut wird, welcher anschließend in der Auszahlungsphase abgetragen wird. Statt einer Finanzierung durch laufende Beiträge spart man hier also ein individuelles Guthaben an. Bis zum Jahr 2012 wurden bereits mehr als 15 Mio. Riester-Veträge abgeschlossen (BMAS, 2012c). Dies zeigt, dass die staatliche Förderung enorme Auswirkungen hat. Neben der Riesterrente gibt es eine andere mit Freibeträgen geförderte Vorsorgeform für alle Steuerpflichtigen, die sog. Rürup-Rente, die insbesondere für Selbstständige interessant ist, die keinen Anspruch auf Riesterförderung haben.

Andere Möglichkeiten des privaten Sparens (Aktien, Versicherungen, Anlagen etc.) können je nach individueller Absicht natürlich auch als Altersvorsorge aufgefasst werden. Darauf soll hier und im Weiteren allerdings nicht näher eingegangen werden, da eine mögliche staatliche Förderung (z.B. durch Freibeträge) hierbei nicht an den Zweck der Altersvorsorge gebunden ist.

2.2 Alterssicherung in Dänemark

Im Folgenden wird der Aufbau des dänischen Alterssicherungssystem geschildert, das auf einer Vielzahl von Instrumenten beruht, die zusammen genommen eine umfassende Absicherung im Alter ermöglichen sollen. Die Zuordnung zu den drei Säulen gelingt hier nicht so eindeutig wie in Deutschland (vgl. zum Absatz Dänemark: Schmid, 2002, S. 125ff., Stöger, 2011, S. 10ff. und MISSOC, 2012).

2.2.1 Die erste Säule in Dänemark: steuerfinanzierte Volksrente plus Zusatzinstrumente

Dänemarks erste Alterssicherungssäule besteht aus:

- der sog. Volksrente („Folkepension“) als Kernelement der ersten Säule
- der Arbeitsmarkt-Zusatzrente (ATP)
- und dem besonderen Rentensparsystem (SP)

Die Basissicherung, die zur Verhinderung von Altersarmut dienen soll, erfolgt durch eine universelle staatliche Volksrente, die nicht durch Versicherungsbeiträge, sondern durch Steuern im Umlageverfahren finanziert wird. Hierzu wird der sog. Volksrentenbeitrag in Höhe von 3,5 % des zu versteuernden Einkommens genutzt, der von jedem Steuerpflichtigen aufzubringen ist. Diese Grundsicherung steht allen Einwohnern mit dänischer Staatsangehörigkeit zu, sofern sie mindestens drei Jahre in Dänemark gelebt haben. Ausländer müssen mindestens zehn Jahre in Dänemark gelebt haben, fünf davon unmittelbar vor Renteneintritt. Die Höhe der Folkepension hängt von der Wohndauer ab; die vollständige Volksrente wird gewährt, wenn die jeweilige Person bis zum Renteneintrittsalter 40 Jahre in Dänemark gelebt hat.

Das dänische Renteneintrittsalter wird gerade angehoben, ab 2025 liegt es bei 67 Jahren. Eine Frühverrentung ist nicht möglich. Hinsichtlich der Eintrittsaltersregelung wählt Dänemark einen besonderen Weg: Gesetzlich festgeschrieben wird alle fünf Jahre eine Überprüfung der Lebens-erwartung durchgeführt und gegebenenfalls das Renteneintrittsalter, welches formell an die Lebens-erwartungsentwicklung gekoppelt ist, durch mathematische Berechnungen erhöht. Die Anpassung findet dabei so statt, dass die Rentenbezugsdauer im Durchschnitt konstant bei 14,5 Jahren liegen soll (vgl. SVR, 2011, S. 195).

Gewisse Anteile der Volksrente sind bedürftigkeitsabhängig, d.h. dass Rentner, die ein Einkommen aus anderen Quellen haben, ggf. Abschläge hinnehmen müssen. Bestandteile der Folkepension sind die Grundrente, die um Erwerbseinkünfte des Rentners gekürzt wird und bei 40-jährigem Wohnsitz in Dänemark 68.556 DKK[2] pro Jahr beträgt sowie die Rentenzulage, die um Einkünfte des Rentners und seines Ehepartners reduziert wird und bei alleinstehenden Rentnern, die 40 Jahre lang in Dänemark gelebt haben, 71.196 DKK jährlich beträgt. Lebt man weniger als 40 Jahre in Dänemark, so kürzt sich der volle Betrag um jeweils ein Vierzigstel pro fehlendem Jahr. Die gesetzliche Mindestrente liegt bei einem Vierzigstel des Grundbetrags. Die Volksrente ist steuerpflichtig, Sozialabgaben müssen nicht gezahlt werden.

Neben der Grundsicherung durch die Volksrente gibt es als gesetzlichen Zusatz die sog. Arbeitsmarkt-Zusatzrente (ATP). Pflichtversichert sind hierbei unselbstständige Erwerbstätige, die über 16 Jahre alt sind und mindestens neun Stunden pro Woche arbeiten sowie Bezieher von Sozialleistungen. Auch eine freiwillige Versicherung in dem ATP-System ist unter bestimmten Bedingungen möglich. Die Finanzierung der Zusatzrente erfolgt im Kapitaldeckungsverfahren durch Beiträge, die zu einem Drittel vom Arbeitnehmer und zu zwei Dritteln vom Arbeitgeber aufgebracht werden. Die Höhe der Beiträge ist nicht einkommens-, sondern arbeitszeitabhängig. So haben Vollzeitkräfte höhere Einzahlungen zu leisten als Teilzeitbeschäftigte. Die Rentenhöhe bemisst sich nach der Beitragshöhe und -dauer sowie der Verzinsung des angelegten Kapitals. Eine Mindestversicherungszeit ist nicht vorgeschrieben. Die Mindestleistung der ATP-Rente liegt bei 2.500 DKK, die Höchstleistung bei 24.300 DKK pro Jahr. Sozialabgaben müssen nicht gezahlt werden, allerdings sind die Bezüge zu versteuern.

Ferner gibt es im Rahmen der ersten Säule ein weiteres gesetzliches Instrument, das sog. besonderes Rentensparsystem (SP), in das jeder Erwerbstätige und Sozialleistungsbezieher automatisch (und somit verpflichtend) monatlich ein Prozent des Bruttoentgelts einzahlt. Die Auszahlung erfolgt als ausschließliche Altersleistung entweder (bei kleineren Summen) in Form einer Einmalzahlung oder als Rente nach Erreichen der Regelsaltersgrenze über einen Zeitraum von 10 Jahren. Auch die Rente aus dem SP-System ist steuerpflichtig. Zur Zeit ist dieses Instrument allerdings ausgesetzt (vgl. OECD, 2010, S. 178).

2.2.2 Die zweite Säule in Dänemark: Lebensstandardsicherung durch Betriebsrenten

Die betriebliche Alterssicherung spielt heutzutage eine enorm wichtige Rolle im dänischen Alterssicherungssystem. Nahezu 80 % aller Beschäftigten profitieren von betrieblichen Versor-gungsmaßnahmen (OECD, 2010, S. 144f.), was zeigt, dass diese Zusatzversorgung in Dänemark nahezu selbstverständlich ist. Die betriebliche Altersrente dient der Lebensstandardsicherung über das Niveau der staatlichen Grundsicherungsmechanismen hinaus. Betriebsrenten kommen entweder durch Tarifverträge branchenweit oder durch individuelle Vereinbarungen des Arbeitnehmers mit dem Arbeitgeber zustande. Grundsätzlich werden die Leistungen der betrieblichen Altersversorgung durch entgeltabhängige Beiträge in Höhe von 9 - 15 % des Bruttolohns finanziert, die in der Regel zu zwei Dritteln vom Arbeitgeber und zu einem Drittel vom Arbeitnehmer übernommen werden. Die einzelnen Vereinbarungen können sich jedoch wegen der branchen- oder firmenspezifischen Bedingungen voneinander unterscheiden. Die Beiträge werden in staatlich überwachte Kapitalfonds eingezahlt. Folglich richtet sich die Höhe der gewährten Renten nach den eingezahlten Beiträgen und dem Anlageerfolg der Fonds.

2.2.3 Die dritte Säule in Dänemark: private Vorsorge durch Kapital- und Ratenrenten

Wie in Deutschland ist es in Dänemark möglich, individuell durch Einzahlungen in Rentenkassen oder durch den Abschluss von Rentenverträgen private Vorsorge zu betreiben (vgl. zu diesem Ab-satz: Workindenmark, o. J.). Bei der Finanzierung kommt das Kapitaldeckungsverfahren zur Anwendung. Man unterscheidet überlicherweise zwischen der Kapitalrente („Kapitalpension“), bei der ein Einmalbetrag ausgezahlt wird und der Ratenrente („Ratepension“), bei der eine Auszahlung in Raten über mehrere Jahre verteilt erfolgt. Die private Vorsorge wird durch Freibeträge von bis zu 44.500 DKK im Jahr staatlich gefördert.

[...]


[1] Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf die explizite Nennung beider Geschlechter verzichtet; falls nicht ausdrücklich erwähnt sind immer beide Geschlechter gemeint.

[2] Anmerkung: 1 DKK entspricht 0,1342 € (Stand: 19.08.2012)

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Details

Titel
Alterssicherung in fünf europäischen Ländern
Untertitel
Ein Vergleich der Alterssicherungssysteme in Deutschland, Dänemark, den Niederlanden, der Schweiz und Polen
Hochschule
Hochschule Bremen
Veranstaltung
Europarecht
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
38
Katalognummer
V233686
ISBN (eBook)
9783656508205
ISBN (Buch)
9783656508014
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alterssicherung, Rente, Sozialpolitik, Europa, Polen, Deutschland, Dänemark, Niederlande, Schweiz, Demographie, Rentensystem
Arbeit zitieren
Kevin Demale (Autor), 2012, Alterssicherung in fünf europäischen Ländern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233686

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