Das Dekameron von Giovanni Boccaccio ist ein Epochen schaffendes Werk mit unglaublich vielen Implikationen. Allein schon die Anzahl der Novellen, die darin erzählt werden, verwei-sen auf die Göttliche Komödie von Dante Alighieri, welche ebenfalls in hundert Gesängen das ganze Jenseits schildert. Dies ist allerdings bei weitem nicht der einzige intertextuelle Bezug, der das Dekameron herstellt. In der vorliegenden Arbeit mache ich es mir zur Aufgabe ein bisschen genauer auf diese Bezüge und gleichzeitig auf die innere Textstruktur selbst zu ach-ten. Im Dekameron gibt es eine Fülle verschiedener Textebenen. Ich werde versuchen diese Ebenen freizulegen, um ihre Beziehungen zueinander etwas klarer zu zeigen und somit die übergeordnete Aussage des Textes erkennbar zu machen. Im Wesentlichen handelt es sich um Interpretationsarbeit, welche gerade bei einem so vielschichtigen Werk viele mögliche Türen öffnen kann. Es sei mir also verziehen, wenn ich meiner Hauptstudienrichtung (Philologie) entsprechend, eher für sprachliche Aspekte offene Augen habe und unter Berücksichtigung des Umfangs dieser Arbeit nicht allen Aspekten mit letztem Nachdruck folgen kann.
Die fundamentale Frage ist: Wie bezieht Boccaccio durch das Dekameron Position zur Ge-schichte? Dieses Wie soll allerdings methodologisch verstanden werden. Es geht mir darum, wie durch die spezifische Textstruktur, dem Verbund von einem Rahmen und hundert Novel-len, eine Aussage über die damalige Zeit konstruiert wird. Daraus ergeben sich natürlich Fol-gefragen. Kann das Dekameron überhaupt als Geschichtsbuch gelesen werden? Was ist das Innovative daran? Wie ist die Rahmenerzählung zu lesen? Was können Novellen eigentlich darstellen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Rahmenerzählung
2.1 Historische Vorläufer und der Zweck von Rahmenerzählungen
2.2 Prätexte für die Rahmenerzählung des Dekamerons
2.3 Die Pest als Auslöser des gesamten Dekamerons
2.4 Die wichtigsten intertextuellen Bezüge des Rahmens
2.4.1 Der Titel
2.4.2 Der Erzähler
2.4.3 Consolatio Philosophiae vs. Dekameron
2.5 Die Gesellschaft der Rahmenerzählung im Dekameron
2.6 Die onesta brigata als Allegorie?
3. Die Novellen
3.1 Antike Poetik
3.1.1 Horaz` Ars poetica
3.1.2 Aristoteles` Poetik
3.2 Die neue Textgattung Novelle
3.3 Boccaccios Novellen
3.3.1 Die Falkennovelle
3.3.2 Funktion und Möglichkeiten einer Novelle?
4. Der Rahmen und die Novellen
4.1 Intertextueller Bezug von Rahmenerzählung und Novellen
4.2 Geschichtsschreibung versus Dekameron
5. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Dekameron von Giovanni Boccaccio im Hinblick auf seine Position zur Geschichte und seine spezifische Textstruktur. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie durch das Wechselspiel zwischen der Rahmenerzählung und den hundert Novellen eine Aussage über die damalige Zeit und das menschliche Handeln konstruiert wird, wobei Boccaccio als bewusster Schöpfer einer neuen literarischen Form betrachtet wird.
- Analyse der Funktion der Rahmenerzählung als ordnendes und sinnstiftendes Element.
- Untersuchung des intertextuellen Gefüges, insbesondere des Bezugs zu antiker Poetik und zur Consolatio Philosophiae.
- Interpretation der Bedeutung von Raumsemantik (z.B. locus amoenus) für die Entwicklung der Erzählgemeinschaft.
- Analyse der Novelle als Mittel zur Dekonstruktion überlieferter moralischer Vorstellungen und zur Etablierung neuer ethischer Werte wie der Cortesia.
- Erforschung des Verhältnisses von Literatur, Wahrheit und Geschichtsschreibung in der Renaissance.
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Die Falkennovelle
Es geht dabei um den Edelmann Federigo degli Alberighi, der um seiner verwitweten Herzensdame zu gefallen, sein ganzes Vermögen verprasst, so dass ihm nur ein edler Falke davon übrig bleibt. Der Sohn der Dame wird todkrank und sie möchte Frederigo um die Gabe des Falken bitten, um ihn ihrem Sohn als Aufmunterung zu schenken. Frederigo nichts ahnend, besitzt bei ihrem Besuch nichts mehr was er ihr als standesgemässe Speise vorsetzen könnte. Also brät er kurzerhand seinen geliebten Falken und reicht ihn der Dame zum Essen. Als die Dame dies erfährt, erkennt sie seine wahre Gesinnung, nimmt ihn zum Mann und macht ihn dadurch wieder reich.
Es gibt alleine in dieser einzelnen Novelle drei Textebenen. Fiammetta kommentiert ganz zu Beginn ihre Novelle kurz: „[...], sondern damit ihr auch daraus entnehmt, wie ihr eure Gunstbezeigungen da, wo es sich geziemt, von selbst gewähren solltet, statt euch vom Glücke leiten zu lassen, welches nicht nach verständiger Wahl, sondern wie es sich eben trifft, in den meisten Fällen ohne jedes rechte Mass seine Gaben zu verleihen pflegt.“
Das menschliche Verhalten kann im entscheidenden Augenblick über den Ausgang des weiteren Verlaufs entscheiden. Es ist nicht Fortuna alleine überlassen, ob man im Leben das Glück findet oder nicht, sondern wenn man wie Frederigo sich etwas sehnlichst wünscht, so besteht entgegen aller Logik die Möglichkeit, dass am Schluss das Erträumte eintreffen wird. Die Novelle steht symbolisch für das veränderte Lebensgefühl am Rande der beginnenden Neuzeit. Man kann sein eigenes Schicksal mitbestimmen. Der Schlüsselmoment der Novelle ist als Frederigo „senza più pensare“ dem Falken den Kopf umdreht und ihn der Dame zum Verzehr vorsetzt. In diesem Augenblick wird seine innerste Gesinnung offenbart.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Werk Boccaccios ein, formuliert die zentrale Fragestellung zur Positionierung gegenüber der Geschichte und erläutert die dreiteilige methodische Vorgehensweise der Arbeit.
2. Die Rahmenerzählung: Dieses Kapitel untersucht die historischen Wurzeln und Zwecke von Rahmenerzählungen sowie die spezifischen intertextuellen Bezüge, die Boccaccios Rahmen konstituieren.
3. Die Novellen: Hier wird analysiert, wie Boccaccio antike poetische Vorgaben von Horaz und Aristoteles in der neuen Gattung der Novelle adaptiert und mit eigenen künstlerischen Mitteln transformiert.
4. Der Rahmen und die Novellen: Dieses Kapitel führt beide Elemente zusammen, um die übergeordnete Aussage über die Bedeutung von Poesie im Vergleich zu Philosophie und Geschichtsschreibung zu verdeutlichen.
5. Schlusswort: Das Schlusswort fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und betont die Rolle des Dekamerons als bahnbrechendes Werk, das durch die Kunst der Sprache neue Wahrheiten erschafft.
Schlüsselwörter
Giovanni Boccaccio, Dekameron, Rahmenerzählung, Novelle, Renaissance, Poetik, Consolatio Philosophiae, Intertextualität, Cortesia, Geschichtsbild, Literaturtheorie, humanistische Gesinnung, Sprache, Wahrheit, Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Dekameron von Giovanni Boccaccio als ein epochenschaffendes Werk, das durch seine komplexe Struktur – bestehend aus einer Rahmenerzählung und hundert Novellen – neue Wege der Lebensbewältigung und Wahrheitsfindung jenseits traditioneller kirchlicher Dogmen aufzeigt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören das Verhältnis von Literatur zu Philosophie und Theologie, die Bedeutung von antiken Erzählmustern, die Dekonstruktion mittelalterlicher Tugendvorstellungen sowie die Rolle des Einzelnen bei der Gestaltung des eigenen Schicksals.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu ergründen, wie Boccaccio mittels der spezifischen Textstruktur des Dekamerons eine Position zur Geschichte bezieht und ob das Werk als ein Beitrag zur Konstruktion von Realität durch Poesie verstanden werden kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer philologischen und strukturanalytischen Untersuchung. Sie vergleicht die Textstruktur des Dekamerons mit antiken Poetiken (Horaz, Aristoteles) und setzt sie in Beziehung zu zeitgenössischen philosophischen Texten wie der Consolatio Philosophiae von Boethius.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Rahmens, die Analyse der antiken Poetik und deren Anwendung auf die neue Gattung der Novelle sowie die abschließende Zusammenführung von Rahmen und Novellen, um die sozialkritische und metaphysische Dimension des Werkes offenzulegen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Poetik, Rahmenerzählung, Cortesia, Dekonstruktion, Sprachmacht und die spezifische Bedeutung von Boccaccios Novellentechnik charakterisiert.
Warum spielt die Pest eine so zentrale Rolle in der Argumentation?
Die Pest dient als textinterne Motivation, die bestehende weltliche und göttliche Ordnungen aushebelt. Sie zwingt die Charaktere und den Leser dazu, neue moralische Grundlagen zu suchen, da die traditionelle christliche Ethik angesichts des massiven Sterbens ihre Evidenz verliert.
Welche Bedeutung hat die Figur des Dioneo für das Gesamtwerk?
Dioneo wird als Personifikation der cupiditas (Begierde) interpretiert. Er ist ein zentraler Gegenpart zur ratio (Vernunft) und ermöglicht es Boccaccio, die festgefahrenen moralischen Normen seiner Zeit zu hinterfragen und die Bedeutung des individuellen Handelns und Empfindens hervorzuheben.
- Citar trabajo
- Bachelor Sandro Tschuor (Autor), 2011, Das Dekameron oder die Macht der Poesie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233695