Was henker soll ich machen
Daß ich ein Dichter werde?
Gedankenlose Prose,
In ungereimten Zeilen,
(...)
Von Trinken und von Küssen,
Von Küssen und von Trinken,
Und wieder Wein und Mägdchen,
Und wieder Kuß und Trinken,
(...)
Und nichts als Wein und Mägdchen,
Und nichts als Kuß und Trinken,
Und immer so gekindert,
Will ich halbschlafend schreiben,
Das heißen unsre Zeiten
Anakreontisch dichten
Dieser Ausschnitt aus einem Gedicht von Gotthelf Kästner stammt aus dem
Jahr 1755 und stellt die Parodie einer lyrischen Bewegung dar, die im 18.
Jahrhundert großen Anklang fand: Die Anakreontik.
In der folgenden Arbeit soll untersucht werden, was an der anakreontischen
Lyrik dran ist.
Wie kam es, daß bereits Zeitgenossen Parodien über sie schrieben?
Wieso wurde anakreontische Lyrik von der Literaturgeschichtsschreibung bis
weit ins 19. Jahrhundert hinein als ‚seicht und läppisch’ beschrieben?
Ist die anakreontische Lyrik eine Dichtung, die sich ‚halbschlafend schreiben’
läßt?
Oder handelt es sich um gesellschaftskritische Lyrik?
Oder womöglich um eine Gegenbewegung zum Pietismus?
Ist die Anakreontik eine verkannte Lyrik?
Um diesen Fragen nachzugehen, wird in der folgenden Arbeit zuerst die
Frage geklärt, was Anakreontik ist. Der zweite Schritt wird sein, die
Anakreontik in ihrer literaturhistorischen Einordnung zu sehen, mit einem
Schwerpunkt auf der Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts. Im
dritten Schritt wird untersucht, inwieweit die Anakreontik politisch, sprich
gesellschaftskritisch war, beziehungsweise inwieweit sie eine
Gegenbewegung zum Pietismus darstellt. Im letzten Kapitel werden einige
Gedichte in Hinblick auf die in den ersten Kapiteln vorgestellten Thesen hin
kurz untersucht und interpretiert.
In der Forschungsliteratur werden die Begriffe anakreontische Lyrik und
Rokokolyrik synonym verwendet, was auch in der folgenden Arbeit der Fall
ist.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1. DEFINITION ANAKREONTIK
2. LITERATURHISTORISCHE EINORDNUNG:
2.1 Die Bewertung des deutschen Rokoko in der Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts
2.1 Die beginnende Anerkennung der Rokokolyrik und ihre Renaissance
3. ANAKREONTIK – EINE POLITISCHE BEWEGUNG?
3.1 Anakreontische Lyrik als Gegenbewegung zum Pietismus
3.2 Anakreontische Lyrik als Gesellschaftskritik
4. GEDICHTINTERPRETATION
4.1 Johann Ludwig Gleim: Anakreon
4.2 Johann Peter Uz: An Chloen
4.3 Christian Felix Weisse: An die Muse
5. SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die anakreontische Lyrik des 18. Jahrhunderts und geht der zentralen Frage nach, ob es sich dabei um eine bloß seichte und läppische Dichtung handelt oder ob sie gesellschaftskritische Züge sowie das Potenzial einer Gegenbewegung zum Pietismus in sich trägt.
- Literarhistorische Einordnung der anakreontischen Lyrik und ihrer Rezeptionsgeschichte
- Analyse der anakreontischen Lyrik als potenzielle Gegenbewegung zum pietistischen Weltbild
- Untersuchung von Gesellschaftskritik in anakreontischen Gedichten
- Interpretation ausgewählter Werke von Gleim, Uz und Weisse
- Diskussion des anakreontischen Spielcharakters und der Fiktionalität
Auszug aus dem Buch
4.1 Johann Ludwig Gleim: Anakreon
Das Gedicht umfaßt 18 Zeilen und hat lediglich eine Strophe, die im Jambus geschrieben ist. Die Verse beginnen mit einem Auftakt und enden mit einer weibliche Kadenz. Jeder Vers hat drei Hebungen, der Endreim fällt weg. Diese äußere Form verleiht dem Gedicht einen liedhaften Charakter. Das gleiche gilt für den Refrain, der in den ersten 10 Versen jeweils im zweiten Vers auftaucht: „Und singt von Wein und Liebe“. Dieses regelmäßige Schema wird ab Vers 11 unterbrochen. Erst in Vers 16 taucht der Refrain wieder auf. Durch diese Wiederholungen liegt ein wichtiger Augenmerk auf dem Wort ‚singen’, das insgesamt sechsmal wiederholt wird. In den Versen 11 bis 15 werden die Themen der ersten neun Zeilen kunstvoll mit Hilfe der Alliteration variiert, wodurch das Gedicht eine Steigerung erfährt, die erst durch das Wiederholen des Refrains in Vers 16 beendet wird. Die letzten beiden Verse stellen die Pointe des Gedichts dar.
Inhaltlich wird beim Leser bereits beim Titel „Anakreon“ die Erwartung an eine Beschreibung desselbigen geweckt, der prompt entsprochen wird. Anakreon wird vorgestellt, jener Dichter aus der Antike, der das Vorbild der Rokokodichter war. Er wird als „Lehrer“ (V. 1) bezeichnet, der Ich-Erzähler als „Schüler“ (V. 18). Anakreons Tätigkeiten bestehen nicht aus lehren im akademischen Sinn. Im Gegenteil. Er trinkt, er singt, er paart sich, er spielt, er lacht, er krönt sich selbst. Seine Schule ist die Schule des Lebens, einem Teil des Lebens, dem Teil der Unterhaltung und des Amüsements. Auffallend dabei ist, daß die Taten Anakreons aktiv beschrieben werden. Er weiß, wovon er singt.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung stellt die anakreontische Bewegung vor, skizziert die Forschungsproblematik und legt die Zielsetzung sowie die methodische Vorgehensweise der Arbeit dar.
1. DEFINITION ANAKREONTIK: Dieses Kapitel erläutert den Begriff der Anakreontik als Strömung des Rokoko, die sich am antiken Vorbild Anakreon orientiert.
2. LITERATURHISTORISCHE EINORDNUNG: Das Kapitel befasst sich mit der literaturgeschichtlichen Bewertung der anakreontischen Dichtung, insbesondere durch das 19. Jahrhundert, und zeigt den Wandel hin zur späteren Renaissance des Begriffs auf.
3. ANAKREONTIK – EINE POLITISCHE BEWEGUNG?: Hier wird untersucht, inwieweit die Anakreontik als aktive oder passive Gegenbewegung zum Pietismus sowie als Form der Gesellschaftskritik verstanden werden kann.
4. GEDICHTINTERPRETATION: In diesem Kapitel erfolgt eine detaillierte Form- und Inhaltsanalyse ausgewählter Gedichte von Johann Ludwig Gleim, Johann Peter Uz und Christian Felix Weisse.
5. SCHLUSSBETRACHTUNG: Die Schlussbetrachtung resümiert die Ergebnisse der Untersuchung und bestätigt den gehaltvollen Charakter der Anakreontik im Kontext ihrer Zeit.
Schlüsselwörter
Anakreontik, Rokoko, Lyrik, Pietismus, Gesellschaftskritik, Johann Ludwig Gleim, Johann Peter Uz, Christian Felix Weisse, Locus Amoenus, 18. Jahrhundert, Literaturgeschichte, Gedichtinterpretation, Fiktionalität, Geselligkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit widmet sich der anakreontischen Lyrik des 18. Jahrhunderts und hinterfragt deren traditionell geringe Wertschätzung als vermeintlich "seichte" Dichtung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die literarhistorische Einordnung des Rokoko, der Gegensatz zum pietistischen Weltbild, die gesellschaftskritischen Aspekte der Texte sowie die Analyse ausgewählter anakreontischer Gedichte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die anakreontische Lyrik tiefergehende rhetorische und inhaltliche Dimensionen besitzt, als es die Literaturkritik des 19. Jahrhunderts annahm.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf der Auswertung von Primärtexten und einschlägiger Sekundärliteratur zur anakreontischen Dichtung basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Einordnung des Rokoko, die Untersuchung des Konflikts mit dem Pietismus, die Analyse von Gesellschaftskritik sowie die konkrete Interpretation von Gedichten bedeutender Anakreontiker.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Anakreontik, Rokoko, Pietismus, Gesellschaftskritik und literarische Fiktion charakterisieren.
Wie bewertet die Arbeit den Vorwurf der "Französelei"?
Die Arbeit beleuchtet diesen Vorwurf als ein historisch bedingtes Ressentiment gegen die französische Inspiration der deutschen Dichter, das im Kontext der damaligen Zeit und der deutsch-französischen Spannungen zu sehen ist.
Welche Rolle spielt der Locus Amoenus in den Analysen?
Der Locus Amoenus fungiert als ein literarischer Topos – ein fiktiver "lieblicher Ort" –, der in den untersuchten Gedichten als Gegenentwurf zur Realität, zur Stadt und zu gesellschaftlichen Zwängen dient.
- Quote paper
- Sabine Sikorski (Author), 2003, Anakreontik - die verkannte Lyrik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23373