Gewerkschaften in Argentinien - Vom 'Rückgrat' des Peronismus zum 'Appendix' der Gesellschaft?


Seminararbeit, 2003
13 Seiten, Note: 2,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das argentinische Gewerkschaftssystem im historischen Wandel
2.1 Erste Entwicklungsphase
2.2 Peronismus – Die zentrale Rolle der Gewerkschaften
2.3 Antiperonismus im Zeichen der Militärregimes
2.4 Peronistische Episode und „Schmutziger Krieg“ der Militärs.
2.5 Präsident Alfonsín – Dauerkonflikt zwischen Staat und Gewerkschaften
2.6 Die Regierungszeit von Präsident Menem
2.6.1 Neue Rahmenbedingungen – Schwächung der Gewerkschaften.
2.6.2 Bruch des peronistischen Gewerkschaftssystems.
2.6.3 Wiedervereinigung und erneute Aufspaltung
2.6.4 Neue Protestformen

3. Aktuelle Entwicklungen – Zwischen Resignation und Neubeginn

4. Fazit

5. Literatur

Gewerkschaften in Argentinien

- Vom „Rückgrat“ des Peronismus zum „Appendix“ der Gesellschaft? -

1. Einleitung

Gewerkschaften sind Vereinigungen von abhängig Beschäftigten, welche die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Interessen ihrer Mitglieder im Beschäftigungsverhältnis und gegenüber der Politik vertreten. Dabei ist die Mitgliedschaft normalerweise freiwillig (Koalitionsfreiheit). Der Staat steht zu den Gewerkschaften in einem Spannungsverhältnis, dass sich in vier verschiedenen Formen bzw. Phasen äußert: Verbot, Duldung, Anerkennung und Förderung. Gewerkschaftssysteme weisen je nach Land, unterschiedliche Ausprägungen hinsichtlich der Zahl, Art und Größe (horizontale Dimension) und der Aufteilung der Entscheidungsmacht (vertikale Dimension) auf.[1]

Die klassische Arbeitsteilung zwischen den Verbänden, wie sie z. B. im Rahmen der Tarifautonomie in der Bundesrepublik besteht, hat in Argentinien nie wirklich funktioniert.

Die starke Politisierung der Verbände bewirkte, dass die Konfliktbewältigung über den Staat ausgetragen wurde. Diese Situation kann mit dem Begriff „Klassenkampf durch Mittelsmann“[2] beschrieben werden.

Die vorliegenden Studien über das argentinische Gewerkschaftssystem, lassen uns zu folgender These kommen:

Der inkorporatisierte Peronismus verhinderte lange eine innergewerkschaftliche Demokratisierung. Ihre starke Politisierung bedingte die Konfliktbewältigung über den Staat und verhinderte eine klassische Arbeitsteilung. Heute befinden sich die Gewerkschaften, aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen und des Wandels des Peronismus, in einer Identitätskrise und versuchen sich neu zu orientieren.

Im Folgenden werden wir diese These anhand einer historischen Analyse, von der postkolonialen Zeit über die peronistische Ära bis zur Gegenwart, zu belegen versuchen. Abschließend versuchen wir die aktuelle Lage zu beschreiben, sowie einige Entwicklungslinien aufzuzeigen. Dabei stützt sich diese Arbeit vor allem auf die Untersuchungen von Hartmut Grewe, Peter Birle und Héctor Palomino. Diese Wissenschaftler haben das argentinische Gewerkschaftssystem in der deutschen Politikforschung am ausführlichsten behandelt.

2. Das argentinische Gewerkschaftssystem im historischen Wandel

2.1 Erste Entwicklungsphase

Die Gewerkschaften traten in Argentinien ab Ende des 19. Jahrhunderts auf und waren hauptsächlich durch Einwanderer aus Südeuropa geprägt. Bis in die dreißiger Jahre wurden die Gewerkschaften jedoch durch den Staat unterdrückt. Erst ab den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, wurden die Gewerkschaften legalisiert und zu Stützen der peronistischen Herrschaft aufgebaut.[3]

2.2 Peronismus – Die zentrale Rolle der Gewerkschaften

Die argentinischen Arbeiter waren vor 1943 fast ausschließlich im landwirtschaftlichen Bereich tätig. Die Landarbeiter waren keineswegs sozial abgesichert. Im Zuge eines Industrialisierungs- und Urbanisierungsschubes stieg die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder damals drastisch von 350.000 (1943) auf knapp 4 Millionen (1948) an. Diese Masse an Mitgliedern bildete die spätere Machtbasis für Perón.

Im Jahre 1946 wurde Juan Domingo Perón durch das Militär als Präsident eingesetzt. Schon bevor er Präsident wurde, war er in der Position als Arbeitssekretär, Ansprechpartner für die Gewerkschaften. Dies, sowie die Schwächung der Gewerkschaftsführung, erleichterte es ihm den direkten Zugang zu der Massenbasis zu erreichen.[4] Der Peronismus stellte sich als eine Mischung aus Populismus und Korporatismus, d. h. Einbindung von Interessensgruppen in den Staat, dar.[5]

Die erfolgreiche Importsubstitutionsstrategie in den vierziger Jahren, ermöglichte die Expansion der öffentlichen Verwaltung. Dadurch entwickelten sich die staatlichen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen zum größten Wirtschaftssektor und gleichzeitig zu einer Bastion der Gewerkschaften.[6]

Den Gewerkschaften gewährte Perón einen bevorzugten Zugang zum Staat, aber wenig politische Rechte. Seine Regierung agierte autoritär- repressiv, erfuhr jedoch gesellschaftliche Akzeptanz durch eine Politik der Umverteilung zugunsten der Arbeiter. Im Einzelnen bedeutete dies, die Integration der Arbeiter durch Lohnerhöhungen und bezahlten Urlaub, sowie die erstmalige Einführung einer sozialen Absicherung.[7] Hinzu kam eine spezifische Regelung der Arbeitsbedingungen durch die Arbeitsgerichte. Diese Regelung war das wichtigste Mittel der Gewerkschaften, um politisch Einfluss auf den Staat zu nehmen. Dieses „political bargaining“ verhinderte die Entstehung des in westlichen Demokratien üblichen „collective bargaining“. Das heißt, es wurde kein staatsfreier Raum, zur rechtlich verbindlichen Regelung der Arbeitsbedingungen durch die Tarifpartner (Tarifautonomie)[8], gewährt. Einer einzigen Repräsentativgewerkschaft pro Industriezweig wurde das Verhandlungsmonopol mit dem Staat zugesprochen („personería gremial“). Die Verwaltung der staatlichen Sozialversicherungseinrichtungen („obras sociales“) durch die Gewerkschaften ließen klientelistische Beziehungsmuster zwischen Gewerkschaften und ihren Mitgliedern entstehen. Die Pflichtmitgliedschaft und die von ihnen einbehaltenen gesetzlichen Sozialabgaben führten zu einer enormen Stärkung der Gewerkschaften. Jedoch brachte dies auch Kontrolle und finanzielle Abhängigkeit vom Staat mit sich. Daraus entwickelte sich eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen ihnen und der Regierung.7 Man könnte von einer Art „Gleichschaltung“ der Gewerkschaften mit dem peronistischen Staat und einer daraus folgenden, sehr lang anhaltenden Identifikation und Loyalität mit Perón bis zum Ende des 20. Jahrhunderts sprechen.[9]

2.3 Antiperonismus im Zeichen der Militärregimes

Bis zum Sturz Peróns (1955) durch einen Militärputsch hatten sich die Gewerkschaften zu einem großen politischen Machtfaktor entwickelt. Dies war auf ihren hohen Organisationsgrad, sowie das Mobilisierungs- und Konfliktpotential zurückzuführen. Von 1955 bis zur Rückkehr Peróns 1973 stellten sie die stärkste, oppositionelle Kraft dar. Diese Machtposition wurde noch durch das Verbot der peronistischen Partei durch das Militärregime gefestigt. Der Dachverband der Gewerkschaften CGT („Confederación Generál del Trabajo“) funktionierte in dieser Zeit als eine Art Parteiersatz und wurde zum Teil von Perón aus dem Exil gesteuert. Dabei sollte man beachten, dass das Weiterbestehen des Peronismus in Argentinien auch in der staatlichen Unterdrückung der peronistischen Partei begründet liegt. Die Militärmachthaber bewirkten also in dieser Periode genau das Gegenteil ihrer Absicht und gleichzeitig auch eine Radikalisierung der Arbeiterschaft.[10]

[...]


[1] Vgl. Nohlen, Dieter: 173.

[2] Vgl. Birle, Peter: 153.

[3] Vgl. Birle, Peter: 154.; Grewe, Hartmut (1994): 198.

[4] Vgl. Grewe, Hartmut (1996): 49f..

[5] Vgl. Grewe, Hartmut (1996): 41.

[6] Vgl. Grewe, Hartmut (1996): 46 ff..

[7] Vgl. Grewe, Hartmut (1996): 50 ff..

[8] Vgl. Nohlen, Dieter: 510.

[9] Vgl. Grewe, Hartmut (1996): 47.

[10] Vgl. Grewe, Hartmut (1996): 54 ff..

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Gewerkschaften in Argentinien - Vom 'Rückgrat' des Peronismus zum 'Appendix' der Gesellschaft?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Das politische System Argentiniens
Note
2,3
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V23391
ISBN (eBook)
9783638265225
ISBN (Buch)
9783638913447
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewerkschaften, Argentinien, Rückgrat, Peronismus, Appendix, Gesellschaft, Proseminar, System, Argentiniens
Arbeit zitieren
Anonym, 2003, Gewerkschaften in Argentinien - Vom 'Rückgrat' des Peronismus zum 'Appendix' der Gesellschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23391

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