Der medizinische Fortschritt sichert Frühgeburten ab der 25. Schwangerschaftswoche ein Überleben und die Erfolge der Gentechnik rücken die Schaffung des Menschen nach Maß in erreichbare Nähe. Die Austauschbarkeit des unwerten und unzumutbaren Lebens, mit dem erwünschten und perfekten wird denkbar. Die Diskussion unter Theologen, Philosophen und Naturwissenschaftlern über "Wohl und Weh" dieser neuen Technologien bleibt hinter der Geschwindigkeit der wissenschaftlichen Entwicklung zurück. Die Politik reagiert, so scheint es, nur noch unter Sachzwang und im Nachhinein. Liegt die Verantwortung für menschliche Embryonen in den Händen von ehrgeizigen Wissenschaftlern, verunsicherten Ärzten und besorgten Eltern? Pränatale Untersuchungsmethoden erfreuen sich bei Eltern mittlerweile großer Beliebtheit. Mit der Entscheidungsmöglichkeit über "leben" oder "nichtleben" ergibt sich zwangsläufig eine Klassifizierung von "lebenswert", "zumutbar", "erwünscht". Die pränatale Diagnose dient nicht mehr der Behandlung des Menschen, sondern hat die Tötung des ungeborenen Lebens zur Folge, ein Novum in der Medizin, zumal sich für den behandelnden Arzt Konsequenzen ergeben, falls er Schädigungen, die eine Abtreibung rechtfertigen würden, nicht erkennt. Das Buch befasst sich mit der scheinbaren Unauflösbarkeit eines Konflikts im Spannungsfeld zwischen generellen ethischen Maximen und dem individuellen Fall und verlagert schließlich die Beurteilung dessen auf eine andere Sichtweise, die sich nicht mehr Fakten unterwirft, sondern der Sinnerfüllung des Seins.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Geschichte der Bewertung behinderten Lebens
2.1 Antike bis Nationalsozialismus
2.2 Moderne Gentechnik und der Griff nach dem Leben
3 Behinderung und Abtreibung
3.1 Vorgeburtliche Untersuchungen, Genetische Beratung
3.2 § 218 Strafgesetzbuch
3.3 Der Schutz von ungeborenem menschlichen Leben in anderen Ländern
3.4 Behinderung und ihre Vererbung
3.5 Beratung zum Schwangerschaftsabbruch
4 Ethische Grundaussagen
4.1 Die Diskussion über Ethik am Beispiel des Präferenzutilitarismus von Singer
4.2 Deonthologische Ethik
4.3 Beginn von „Menschsein“
4.4 Dammbruch
5 Ethische Folgerungen und die Bewertung behinderten Lebens
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert ethische Grundprobleme in der Behindertenpädagogik mit Fokus auf pränatale Diagnostik und Abtreibung. Ziel ist es, die moralische Debatte zwischen utilitaristischen und deontologischen Positionen im Kontext des ungeborenen Lebens kritisch zu beleuchten.
- Historische Entwicklung der Bewertung von Behinderung
- Ethische Bewertung der Pränataldiagnostik
- Diskurs um den Status von Embryo und Fötus
- Konflikt zwischen Selbstbestimmungsrecht der Mutter und Lebensrecht des Kindes
- Kritische Analyse des Präferenzutilitarismus
Auszug aus dem Buch
3 Behinderung und Abtreibung
Pränatale Untersuchungsmethoden erfreuen sich bei Eltern mittlerweile großer Beliebtheit. Den meisten von ihnen kann durch die Untersuchung eine Unsicherheit während der Schwangerschaft genommen werden. Bei 3-4% der Föten werden jedoch Auffälligkeiten festgestellt. (Antor/Bleidick 1998, S.35) Die vorgeburtliche Diagnostik kann lebensentscheidend für das Neugeborene sein, wenn aufgrund der Kenntnislage postnatal die rechten Maßnahmen ergriffen werden können. Allerdings kann die Diagnose auch auf einen irreparablen Zustand hinweisen.(vgl. Krone/Wisser 1994) Eltern, die zwar grundsätzlich „Ja“ zur Schwangerschaft sagen und sich ein Kind wünschen, ziehen möglicherweise einen Schwangerschaftsabbruch vor, wenn sie erfahren, dass ihr Kind krank oder behindert ist, bzw. wenn Erbkrankheiten im Erbgut potenziell vorhanden sind. Sie fühlen sich den zu erwartenden Problemen nicht gewachsen oder haben auch das „Ideal“ eines Kindes vor Augen, dem das kranke oder behinderte Kind nicht entspricht.
Mit der Entscheidungsmöglichkeit über „leben“ oder „nichtleben“ ergibt sich zwangsläufig eine Klassifizierung von lebenswert, zumutbar, erwünscht. Obwohl die Einführung von Pränataldiagnostik als Routineuntersuchung sowohl medizinisch, finanziell und ethisch nicht unumstritten ist, hat man „sich daran gewöhnt, wie man sich schon an so manches gewöhnt hat, ohne daß man sich grundsätzlich damit auseinandersetzt, nach welchen Kriterien wer entscheiden soll, welches Leben ´lebenswert` und welches ´lebensunwert` ist.“ (Denger 1994, S. 49)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die philosophische Definition von Ethik ein und stellt die Problematik des menschlichen Handelns im Kontext des medizinischen Fortschritts dar.
2 Die Geschichte der Bewertung behinderten Lebens: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der Wahrnehmung behinderter Menschen von der Antike bis zum Sozialdarwinismus und der Moderne nach.
3 Behinderung und Abtreibung: Das Kapitel erläutert aktuelle pränatale Untersuchungsmethoden, den rechtlichen Rahmen des § 218 StGB und die internationale Situation beim Schutz des ungeborenen Lebens.
4 Ethische Grundaussagen: Hier werden zentrale ethische Ansätze wie der Präferenzutilitarismus von Peter Singer und die deontologische Ethik gegenübergestellt und kritisch analysiert.
5 Ethische Folgerungen und die Bewertung behinderten Lebens: Das Fazit fasst die ethischen Implikationen zusammen und hinterfragt den Begriff des „sinnerfüllten Lebens“ abseits utilitaristischer Logik.
Schlüsselwörter
Ethik, Behindertenpädagogik, Pränataldiagnostik, Abtreibung, Schwangerschaftsabbruch, Menschenwürde, Utilitarismus, Deontologie, Präimplantationsdiagnostik, Embryonenschutz, Leben, Embryo, Fötus, Selbstbestimmung, Stammzellenforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht ethische Dilemmata, die durch moderne medizinische Verfahren wie die pränatale Diagnostik in der Behindertenpädagogik entstehen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die zentralen Themen sind der Schutz ungeborenen Lebens, die Bewertung von Behinderung in der Geschichte und die Anwendung verschiedener ethischer Begründungsmodelle.
Was ist das primäre Ziel?
Das Ziel ist es, einen Überblick über den aktuellen Stand ethischer Grundfragen während der Schwangerschaft zu bieten und die Argumentationslinien zur Abtreibung zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt einen diskursiven Ansatz, bei dem sie philosophische und ethische Positionen (Utilitarismus vs. Deontologie) auf Basis der Fachliteratur gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert pränatale Methoden, gesetzliche Regelungen, die moralische Argumentation von Peter Singer sowie den ethischen Begriff des „Dammbruchs“.
Was charakterisiert die Arbeit?
Die Arbeit zeichnet sich durch die Verknüpfung von medizinethischen Fragestellungen mit behindertenpädagogischen Grundsätzen und der Suche nach einem sinnerfüllten Lebensbegriff aus.
Wie unterscheidet Singer zwischen einem Mitglied der Spezies Mensch und einer „Person“?
Singer definiert „Person“ über Kriterien wie Selbstbewusstsein und Autonomie, wodurch für ihn nicht jedes menschliche Individuum automatisch eine „Person“ mit vollem Lebensrecht ist.
Warum wird im Dokument der Begriff „Dammbruch“ kritisch diskutiert?
Der Dammbruch beschreibt die Gefahr, dass durch den moralisch fragwürdigen Umgang mit dem Embryo und die Selektion behinderten Lebens der allgemeine Respekt vor der Menschenwürde langfristig erodiert.
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- Maria Weininger (Author), 2004, Ethische Grundprobleme in der Behindertenpädagogik am Beispiel von pränataler Diagnostik und Abtreibung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23443