Ethik der Public Relations am Beispiel der Golfkriegsberichterstattung der US-Medien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
38 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in die Thematik und kurze Einordnung der Arbeit

2. Ethik der Public Relations
2.1 Begriffsklärung: Public Relations
2.2 Kodizes der PR-Verbände
2.3 Problembereiche
2.4 Arten der Medienethik

3. Die Zensurmaßnahmen
3.1 Die Vorbereitungen zur „Zensurpolitik“
3.2 Die Reaktion der amerikanischen Medien auf die Maßnahmen
3.3 Die Funktionsweise der Zensur in den Pressepools
3.4 Die Berichterstattung aus Bagdad
3.5 Selbstzensur

4. Die PR-Kampagne
4.1 „Citizens for a free Kuwait“ und „Hill& Knowlton”
4.2 Die Brutkasten-Story
4.3 Die systematische Verteufelung des Irak und die Glorifizierung der USA
4.4 EXKURS: Die Golfkriegs-Videos von CNN

5. Die Rechtfertigung der Medien für ihr Verhalten

6. Schluss: Kritische Anmerkungen

7. Literatur- und Videoverzeichnis

1. Einführung in die Thematik und kurze Einordnung der Arbeit

In dieser Arbeit möchte ich auf die Rolle der Medien im Golfkonflikt eingehen und dabei besonders die PR-Maßnahmen der US-Regierung beleuchten. Es soll aufgezeigt werden wie es die US-Regierung schaffte die Medien für ihre PR-Zwecke zu instrumentalisieren, ein funktionierendes Zensursystem zu installieren, sowie die Funktionsweise dieses Systems. Dies alles diente einer Pro-amerikanischen und Contra-irakischen Berichterstattung, die der Kriegspolitik der USA dienen sollte. Unterstützt wurde die US-Regierung von der Public Relations-Agentur Hill und Knowlton (H&K), wie unter Punkt vier nachzulesen ist.

Es ist mit ihr Verdienst, dass einige Themen und Begriffe, die in engem Zusammenhang mit dem Golfkrieg stehen und fest mit seiner Berichterstattung verbunden sind, uns noch immer gut im Gedächtnis geblieben sind. So steht der Golfkrieg noch immer in dem Ruf, der erste Live-Krieg gewesen zu sein. Die Geschichte von den lasergesteuerten, „intelligenten“ Bomben mit denen „chirurgische“ Eingriffe vorgenommen wurden und die in jeder Nachrichtensendung vorgeführten Zielvideos aus dem Kopf dieser Waffen, prägen genauso die Erinnerung an diesen Krieg, wie das Wissen um die Zensur der Berichterstattung.

Für diese Themen habe ich als grundlegende Literatur neben Mac Arthur: „Die Schlacht der Lügen“[1] auch Ramsey Clark: „Wüstensturm: US-Kriegsverbrechen am Golf“[2] gewählt, da beide Autoren von einem Versagen der Medien in Bezug auf ihre Aufgabe unabhängig und kritisch zu berichten ausgehen, die Ursachen jedoch unterschiedlich beurteilen. Interessant in diesem Zu­sammenhang sind die unterschiedlichen Biographien der beiden Autoren.

Mac Arthur war Journalist bei verschiedenen amerikanischen Zeitungen, u.a. für die „New York Times“, das „Wall Street Journal“, die „Los Angeles Times“ und als stellvertretender Ressortleiter für Außenpolitik bei der Nachrichtenagentur United Press International. Danach wurde er Herausgeber des „Harper’s Magazine“. Man kann somit davon ausgehen, dass Mac Arthur einen gewissen Einblick in die Arbeitsweise der Medien hat und auch zur Zeit des Golfkriegs Zugriff auf die für die Presse verfügbaren Informationen.

Clark hingegen entstammt aus dem politischen Milieu und hat dadurch einen etwas anderen Zugang zu den Ereignissen. Er war bis 1968 stellvertretender Justizminister unter Lyndon B. Johnson, Unterhändler von Jimmy Carter in der US-Geiselaffäre im Iran. Anschließend betätigte er sich als Rechtsanwalt und Menschenrechtsaktivist.

Ein zusätzlicher Aspekt der vorliegenden Arbeit behandelt die ethischen Dimensionen dieser Zusammenhänge. Hier wird mich das Verhalten der Medien beschäftigen, denen nach dem Krieg immer wieder vorgeworfen wurde, nicht für freie Berichterstattung gekämpft zu haben, oder nur aus kommerziellen Interessen gehandelt zu haben. Aber nicht nur die Journalisten und Medienkonzerne müssen sich Kritik an ihrem unmoralischen Handeln gefallen lassen, auch die PR-Agentur Hill & Knowlton muß sich diesen Vorwurf gefallen lassen.

Als Hauptwerk habe ich zur Untersuchung des unethischen Handelns der Beteiligten die Textesammlung „Die ethischen Normen der Public Relations“ von Horst Avenarius herangezogen. Der Autor ist Vorsitzender des Deutschen Rates für Public Relations, bekannter PR-Autor und Praktiker.

Da das Thema sehr umfangreich ist, beschränke ich mich auf die amerikanischen Medien, da hier am deutlichsten der Einfluß der PR-Aktionen nachzuvollziehen ist. Zu den verschiedenen Bereichen werde ich nur exemplarische Geschehnisse anführen, obwohl sich sicherlich zu jedem Thema viele weitere wichtige Beispiele finden lassen. An den gegebenen Stellen und am Ende der Arbeit werde ich mit meiner Kritik bezüglich des ethischen Anspruchs des Handelns von Journalisten und Medienorganisationen einhaken.

2. Ethik der Public Relations

2.1 Allgemeines zu Public Relations

Heute ist PR in allen Bereichen der öffentlichen Kommunikation zu beobachten. Aber trotz des großen Einflusses auf unseren Alltag scheint es Defizite in der wissenschaftlichen PR-Forschung und Lehre zu geben, denn die meisten Werke sind für die Praxis ausgelegt und geben sich weniger mit, in ihren Augen, „unpraktischen“ ethischen Normen ab. Um sich dem Thema überhaupt nähern zu können, möchte ich erst einmal genauer definieren, was unter Public Relations zu verstehen ist. Bei meiner Lektüre mußte ich feststellen, daß es eine Vielzahl von Einzeldefinitionen gibt, die ein unterschiedliches Verständnis des PR-Begriffs widerspiegeln.

Deshalb möchte ich mich in dieser Arbeit an der „Superdefiniton“ von Harlow orientieren. Er faßt aus 472 PR-Definitionen, die am häufigsten vorkommenden und ihm am wichtigsten erscheinenden Bestandteile wie folgt zusammen:

„Public Relations ist eine unterscheidbare Management-Funktion, die dazu dient, wechselseitige Kommunikationsverbindungen, Akzeptanz und Kooperation zwischen einer Organisation und ihren Öffentlichkeiten herzustellen und aufrechtzuerhalten. Sie bezieht die Handhabung von Problemen und Streitfragen ein; sie unterstützt das Management im Bemühen, über die öffentliche Meinung informiert zu sein und auf sie zu reagieren; sie definiert die Verantwortung des Managements in ihrem Dienst gegenüber dem öffentlichen Interesse und verleiht ihm Nachdruck; sie unterstützt das Management, um mit dem Wandel Schritt halten zu können und ihn wirksam zu nutzen; sie dient als Frühwarnsystem, um Trends zu antizipieren; und sie verwendet Forschung sowie gesunde und ethische Kommunikationstechniken als ihre Hauptinstrumente.“[3]

2.2 Kodizes der PR-Verbände

Anhand dieser Definition wird deutlich wie wenig zur Ethik der PR bei den einzelnen Autoren zu finden ist. Die Verbände wollen dieses Manko durch diverse ethische Kodizes zur PR ausgleichen, sie wollen damit auch PR-Berufe von den Berufen der Werbung und des Journalismus, aber auch gegenüber propagandistischen Tätigkeiten abgrenzen. Um ein positiveres Licht auf die PR-Berufe zu werfen, schicken sie sich an, die für ihre Mitglieder als verbindlich gesetzten sittlichen Normen zu kodifizieren, so dass – neben den berufsrelevanten Gesetzen und Verordnungen – spezifische Berufsbilder und besondere berufsethische Kodizes entstanden und ständig weiterentwickelt werden, da in der Gesellschaft ein steter Wertewandel stattfindet. Weltweit legen die Berufsorganisationen ihre und die normierten Selbstverständnisse ihrer Mitglieder in „Kodizes beruflichen Verhaltens“ und in „Ethik-Kodizes“ fest. Vorzugsweise sind es Definitionselemente wie Meinungsäußerungsfreiheit, Ethik, Moral und Vertrauen, um die herum die PR-Bestimmungen gelagert werden. Daneben finden rechtlich begründetet Normen sowie Hinweise auf Vertrauen Eingang in diese Kodizes.[4]

Rechtlich und moralische Verpflichtungen sowie Vertrauensschutz sind beispielsweise in den Grundsätzen der Deutschen Public Relations-Gesellschaft (DPRG) vom 10. Juli 1964 vertreten.[5] Ganz ähnlich die Kodizes anderer PR-Berufsorganisationen, freilich mit anderer Akzentsetzung.

So schreibt der „Code of Athens. International Code of Ethics for Public Relations“[6] der International Public Relation Association (IPRA) vom 11. Mai 1965 den Mitgliedern rechtliche, moralische und durch Vertrauen gestützte Sollensstandards vor. Er fußt auf der Charta der Vereinten Nationen.

Im Unterschied dazu enthält der „Code of Lisbon. European Code for Professional Conduct in Public Relations“[7] der Confédération Européenne des Relations Publiques (CERP) vom 16. April 1978 neben allgemeinen beruflichen Verpflichtungen eine Reihe konkreter Anweisungen für die Beziehungen, wie sie PR-Praktiker zu Klienten, zu Arbeitgebern, zu den Medien, zu konkurrierenden PR-Kollegen und zu den PR-Berufen unterhalten sollen. Er ist als eine Ergänzung zu den reinen Moralkodizes zu verstehen.

2.3 Problembereiche

Vorgestellt habe ich nur die in meinen Augen wichtigsten und für die Themenstellung relevanten Texte, ohne dabei näher auf die Problematiken des Product Placement oder der redaktionellen Werbung einzugehen, wie dies Avenarius tut.

Alle die oben genannten Kodizes, sind gekennzeichnet von dem Respekt für andere, die Wahrung ihrer Würde und die Anerkennung ihrer autonomen Rechte. Diese Kodizes sind notwendig geworden, um die Grenzen des verantwortbaren Eingriffs in anderer Leute Meinung aufzuzeigen. Gerade bei den relativ jungen Kommunikationsberufen ist es nötig geworden moralische Normen zu schaffen, da hier eine extrem geringe Berufsloyalität zu finden ist. Das liegt möglicherweise auch an der ungeregelten, nicht einheitlichen Ausbildung, die noch dazu selten moralische und ethische Grundlagen vermittelt. Statt dessen werden die nötigen Diskussionen über ethische Grundsätze als nachrangig und lästig empfunden. Entsprechend zwielichtig bleibt das Ansehen der PR in der Gesellschaft. Der Vorwurf der Öffentlichkeit, die PR würde Manipulation und gezielte Desinformation betreiben, bestätigt sich leider immer wieder anhand so trauriger Beispiele wie der amerikanischen Berichterstattung im Golfkrieg.

Die vorhandenen Kodizes sind auch sehr wortreich, schwammig formuliert und für eventuelle Rügen schwierig anzuwenden. In Deutschland sind im PR-Bereich zwei Institutionen tätig, die die Einhaltung der Kodizes kontrollieren. Der Ehrenrat der DPRG schlichtet berufliche und persönliche Streitfälle zwischen Mitgliedern, während der PR-Rat der DRPR kommunikatives Fehlverhalten gegenüber Öffentlichkeiten ahndet. Denn die Präambel der DRPR-Statuten besagt, dass „alle in der Gesellschaft wirkenden Organisationen und Personen“[8] verpflichtet sind, sich bei Kontakten mir Presse oder Öffentlichkeiten an die ethischen Normen und Gesetze zu halten, die für jede Art Öffentlichkeitsarbeit gelten. Der PR-Rat hat die Aufgabe Urteile zu Beschwerden zu treffen, selbst Vorfälle heranzuziehen und zu behandeln, neue Richtlinien zu entwickeln und Grauzonen zu ermitteln und versuchen diese zu beseitigen.[9]

Problematisch ist dabei die Vielzahl von Kodizes, die zusätzlich noch so unpräzise formuliert sind, dass ein festnageln derjenigen, die gegen die Kodizes verstoßen haben, nur sehr schwer oder gar nicht möglich ist. Auch die geringen Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten stellen ein großes Problem dar. So ist die härteste Form der Strafe die öffentliche Rüge, da es sich bei den Kodizes nur um Normen, nicht aber um Gesetze handelt.

So ist zwar nicht mehr alles, was Erfolg verspricht erlaubt, aber in der Praxis halten sich die meisten PR-Berufler leider doch kaum an diese ethischen Normen.

2.4 Arten der Medienethik

Ethik von Medien und damit von PR, die die Medien nutzt und ohne diese nicht existieren würde, ist immer auf drei Ebenen zu unterscheiden. Der erste Bereich ist als einziger bislang hinreichend differenziert worden: die Instanz der Journalisten oder auch der Mitarbeiter von PR-Agenturen und ihre Selbstkontrolle. Medienethik bezieht sich hier insbesondere auf die Methoden der Beschaffung von Nachrichten, aber auch auf die Verbreitung bzw. die journalistische Meinungsmache, wie z.B. im Golfkrieg. Den Journalisten wird ethisches Handeln als Frage der persönlichen Moral abverlangt und deshalb auch Individualethik genannt. Die Berufsnormen finden sich in der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen (1948), im Art.5 Abs.1 des Grundgesetzes der BRD (1949) und im „Pressekodex“ des Deutschen Presserates (seit 1973) mit mittlerweile sechzehn Punkten.[10] In der Praxis sind diese Berufsnormen nicht immer brauchbar als Handlungsmaximen. Empirische Untersuchungen belegen, dass die Trennung von Nachricht und Meinung, eine der wichtigsten journalistischen Normen, in keinem Medium duchgängig sauber praktiziert wird.[11] Ein weiteres Problem in der Praxis ist die Nachrichtenselektion, wie es auch in der Forschung zum „Agenda-Setting“ thematisiert wird. Nachrichten werden laufend gemacht und lanciert, womit man sagen kann, dass die Medienwirklichkeit weitgehend inszeniert ist.

Der zweite Bereich ethischen Handelns bezieht sich auf die Macher und Medienorganisationen und wird Organisationsethik genannt, da nicht mehr der Einzelne verantwortlich ist. Hier zeigen sich Hierarchien und strukturelle Zwänge für die Individuen, es geht um den „Stil des Hauses“ oder um das ultimative Interesse einer Organisation, der sich alles andere unterzuordnen hat. Wie solche Strukturen in der Praxis wirken werden wir noch deutlich in der folgenden Arbeit erkennen.

Am meisten fehlen Beiträge zu der letzten Ebene, der Ethik der Mediennutzung. Dazu findet sich meist nur Material zur Medienpädagogik bei Kindern und Jugendlichen. Sie soll nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden, wird aber im folgenden keine Rolle mehr spielen.

In der folgenden Arbeit soll nun versucht werden diesen theoretischen Hintergrund auf die Golfkriegsberichterstattung der US-amerikanischen Medien anzuwenden.

3. Die Zensurmaßnahmen

Zunächst ein kurzer Überblick über die Eckdaten des Golfkonflikts.

Am 2. August 1990 marschierten irakische Truppen in Kuwait ein und besetzten das Land. Am 29.11.1990 stellte die UNO in ihrer Resolution 678 ein Ultimatum an den Irak, seine Truppen bis zum 15.01.1991 aus Kuwait zurückzuziehen, andernfalls würde der Einsatz militärischer Mittel autorisiert. Da der Irak den Forderungen nicht nachkam, begannen die USA am 17.01.1991 (Bagdader Ortszeit) mit Luftangriffen auf den Irak. Am 23.02.1991 begann dann der Bodenangriff. Drei Tage später kündigte das irakische Radio den Rückzug an. Am 28.02.1991 vereinbarten der Irak und die USA einen Waffenstillstand.

Mac Arthur unterteilt die Strategie der US- Regierung, die Presse in ihrem Sinn zu führen, in zwei Maßnahmenbereiche: Das sind zum einen die gezielte Zurückhaltung bzw. Blockade von Informationen, also „klassische Zensurmaßnahmen”. Zum anderen der genau durchgeplante Einsatz von Medien, im Sinn einer PR-Kampagne, mit dem Ziel die öffentliche Meinung in die erwünschte Richtung zu lenken.

3.1. Die Vorbereitungen zur „Zensurpolitik“

Zu dem Zeitpunkt des Einmarsches der irakischen Truppen in Kuwait (bzw. kurz danach) bestanden, bzw. entstanden einige Grundlagen, auf denen die Zensurpolitik der USA während des Krieges aufbaute.

1984 war die sogenannte Sidle-Kommission ins Leben gerufen worden,[12] deren Aufgabe es war, Empfehlungen und Grundlagen für die Zusammenarbeit des Militärs mit der Presse zu erarbeiten. Diese stützen sich auf die Erfahrungen, die man mit der Berichterstattung in Vietnam und in Grenada gemacht hatte.[13] Zu den wichtigsten Empfehlungen gehörte unter anderem die Schaffung von Pressepools, die Ausbildung qualifizierten Personals als Begleitung von Korrespondenten und die Aufstellung von der Presse freiwillig akzeptierter Grundregeln und Festschreibung des Zugangs der Medien zum Kampfgebiet.[14]

Im August 1990 wurde der Annex Foxtrott entworfen. Dies ist ein zehnseitiges Manuskript, das zunächst der Geheimhaltung unterlag.[15] Es stützte sich auf die Entscheidung hoher Regierungsvertreter, den Informationsfluss so zu steuern, dass die politischen Ziele der Operation gefördert und die in Vietnam erkannten Fehler vermieden würden.

Außerdem existierte der National Media Pool, der von der Invasion von Grenada übriggeblieben war, die acht Jahre zuvor stattgefunden hatte. Er war geschaffen worden, da es gegen die Nach­richtensperre, die während der ersten beiden Tage gegolten hatte, Proteste gab.

Die amerikanische Regierung ergriff vor Beginn des Krieges noch weitere Maßnahmen, um die Energien der Medien zu binden und ihnen die Berichterstattung zu erschweren.

Als am 2. August der Irak in Kuwait einfiel, war kein einziger ausländischer Journalist in Saudi-Arabien. In Saudi-Arabien wurden die Medien scharf kontrolliert, es bestand keine Pressefreiheit. Da es aber nun für die Medien von großem Interesse war, in Saudi-Arabien präsent zu sein, bemühte man sich intensiv um Visa. Am 10. August besuchten Barbara Cohen von CBS, Timothy Russert von NBC, George Watson von ABC und Bill Headline von CNN dem saudischen Prinz Bandar Bin Sultan Bin Abdul Aziz, den saudischen Botschafter in Amerika, um Visa für Presseleute zu erbitten. Der amerikanische Verteidigungsminister Dick Cheney hatte erklärt, dass die USA von Saudi-Arabien keine weiteren Visa verlangen könnten. Die US-Regierung wollte lediglich einen begrenzten Pool von sieben Fernsehleuten, fünf Vertreter von Nachrichtenagenturen, zwei Zeitungsleuten, zwei Vertreter von Nachrichtenmagazinen und einen Rundfunkvertreter nach Dharan in Saudi-Arabien verlegen. Dieser Pool sollte nach dem Rotationsprinzip mit Vertretern der verschiedenen Medienorganisationen besetzt werden. Die US-Regierung ließ die Journalisten wissen, daß sie sich selbst um weitere Visa bei der saudischen Regierung kümmern müssten.

Saudis und Pentagon schoben sich von da an gegenseitig die Verantwortung dafür zu, dass nur so wenige Visa ausgestellt worden waren. Mac Arthur nennt die Situation, die die Pressevertreter zu Bittstellern machte, den Eröffnungszug einer großangelegten Strategie der US-Regierung, eine zweite Front gegen die Medien zu errichten.[16] Um im Poolsystem Ausweispapiere für Saudi-Arabien zu erhalten, mußten die Reporter ein Grundregeldokument unterschreiben. Dieses beinhaltete im Prinzip den Verzicht, Ernstzunehmendes über den militärischen Aufbau zu berichten, inoffizielle Interviews z.B. waren verboten. Das Poolsystem erschwerte die Berichterstattung nicht durch die Möglichkeit, den Zugang zu Informationen zu regeln und zu beschränken, sondern die Presseleute wurden zu Bittstellern gemacht, zum einen um Poolzugang, zum anderen um Visa. Außerdem wurden die Medien, auf Grund begrenzter Zugangsmöglichkeiten zu Informationen, gegeneinander ausgespielt.

Im folgenden möchte ich zusammenfassend einige der Richtlinien aufführen, denen sich die Poolreporter bei ihrer Berichterstattung zu unterwerfen hatten.[17] Die Reporter mussten immer bei ihrer Militäreskorte bleiben. Die offizielle Begründung dazu lautete, dass dies aus Sicherheitsgründen nötig sei. Informationen über Tote waren besonders sensibel zu behandeln, mit dem Argument, daß die Angehörigen nicht zuerst über die Medien vom Tod eines Verwandten erfahren sollten. Im Kampfgebiet waren generell nur Mitglieder des Central Command (CENTCOM) Medien Pools gestattet. Das Pool Material sollte vor der Veröffentlichung überprüft werden, ob es ”sensibles” Material beinhaltete, das die Sicherheit von amerikanischen oder Koalitionstruppen gefährden könnte. Dies bedeutet, dass in diesen Richtlinien Zensur festgeschrieben stand[18], was eindeutig entgegen den Bestimmungen der Menschenrechtserklärung von 1948 ist, in der das Recht auf freie Meinungsäußerung festgeschrieben steht.

[...]


[1] Mac Arthur, John R.: Die Schlacht der Lügen. München (dtv) 1993

[2] Clark, Ramsey: Wüstensturm. US- Kriegsverbrechen am Golf. Göttingen (Lamuv) 1995

[3] Harlow, Rex F.: Building a Public Relations Definiton. In: Public Relations Review 2 (1976),

Heft 2 (S.34-42); in der Übersetzung von M. Rühl

[4] Alle in dieser Arbeit genannten Kodizes sind in vollständiger Version abgedruckt in Avenarius, Horst: Die ethischen Normen der Public Relations; aus Platzgründen werden die Inhalte hier nur in geraffter Version wiedergegeben.

[5] Vgl. Avenarius, Horst: Die ethischen Normen der Public Relations, S.44

[6] Vgl. Avenarius, Horst: Die ethischen Normen der Public Relations, S.29

[7] Vgl. Avenarius, Horst: Die ethischen Normen der Public Relations, S.32

[8] Vgl. Avenarius, Horst: Die ethischen Normen der Public Relations, S.228

[9] Vgl. Avenarius, Horst: Die ethischen Normen der Public Relations, S.23

[10] Nachzulesen in Avenarius, Horst: Die ethischen Normen der Public Relations, S.79ff

[11] Vgl. Faulstich, Werner: Grundwissen Medien, S.87

[12] sie wurde geführt von Major General Winant Sidle und setze sich aus fünf ehemaligen Pressevertretern zusammen; Vgl.: Thomas, Volker: Die Rolle der Medien. In: Zehrer, Hartmut (Hrsg.): Der Golfkonflikt. Dokumentation, Analyse und Bewertung aus militärischer Sicht. Bonn (Mittler) 1992; S.415-429; S. 429

[13] d.h. man wollte zum einen der Gefahr vorbeugen, daß eine völlig unzensierte Medienberichterstattung einen Umschwung in der öffentlichen Meinung bewirken könnte, zum anderen regierte man damit auf die Proteste, die es nach der Verhängung einer strikten Nachrichtensperre bei der Invasion Grenadas gab; Vgl. Thomas, Volker: Die Rolle der Medien ; S.42

[14] Vgl.: Thomas, Volker: Die Rolle der Medien; S. 416

[15] das bedeutet, daß es, zumindest zu Beginn, den Pressevertretern, als diese auf die Zensurmaßnahmen vorbereitet wurden, noch nicht bekannt war

[16] Vgl.: Mac Arthur: Die Schlacht der Lügen; S.11-15

[17] aus „Guidelines for News Media“: abgedruckt als Anlage zu Kapitel 16 (S. 533) In: Thomas, Volker: Die Rolle der Medien. In: In: Zehrer, Hartmut (Hrsg.): Der Golfkonflikt. Dokumentation, Analyse und Bewertung aus militärischer Sicht, Bonn (Mittler) 1992; S.415-429

[18] Als letzter Satz steht in den Richtlinien:„Material will be examined solely for its conformance to the attached ground rules, not for its potential to express criticism or cause embarrassment“. Diese Aussage soll wohl beruhigen und Kritik an der ankündigten Zensur entgegenwirken

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Ethik der Public Relations am Beispiel der Golfkriegsberichterstattung der US-Medien
Hochschule
Universität Siegen  (Medien-Planung, -Entwicklung und -Beratung)
Veranstaltung
Modelle ethischer Urteilsbildung
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
38
Katalognummer
V23454
ISBN (eBook)
9783638265751
ISBN (Buch)
9783640203024
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Darstellung der Rolle der Medien im Golfkonflikt, dabei wird besonders auf die PR-Maßnahmen der US-Regierung eingegangen. Es wird aufgezeigt wie es die US-Regierung schaffte die Medien für ihre PR-Zwecke zu instrumentalisieren, ein funktionierendes Zensursystem zu installieren, sowie die Funktionsweise dieses Systems. Dies alles diente einer Pro-amerikanischen und Contra-irakischen Berichterstattung, die der Kriegspolitik der USA dienen sollte.
Schlagworte
Ethik, Public, Relations, Beispiel, Golfkriegsberichterstattung, US-Medien, Modelle, Urteilsbildung
Arbeit zitieren
Kerstin Tille (Autor), 2000, Ethik der Public Relations am Beispiel der Golfkriegsberichterstattung der US-Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23454

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ethik der Public Relations am Beispiel der Golfkriegsberichterstattung der US-Medien


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden