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Codierungen und Logiken von Gewalt im Nibelungenlied

Title: Codierungen und Logiken von Gewalt im Nibelungenlied

Term Paper (Advanced seminar) , 1999 , 43 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Michael Obenaus (Author)

German Studies - Older German Literature, Medieval Studies
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Summary Excerpt Details

Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Formen der literarischen Codierung von Gewalt im Nibelungenlied und den ihnen zugrundeliegenden kulturellen Denkformen herauszuarbeiten. Dabei wird zu untersuchen sein, ob sich diese Denkformen in der – freilich sehr schematischen – Dichotomie einer ’archaischen‘ gegenüber einer ’höfischen‘ Logik fassen lassen, und wenn ja, welche spezifischen Unterschiede die diesen Logiken folgenden Codierungen von Gewalt aufweisen. Diese Arbeit versteht sich damit als ein Prozess der Analyse, der die heuristische These von ”archaischer versus höfischer Gewaltcodierung“ im Nibelungenlied zuallererst zu verifizieren hat, und nur wenn das gelungen ist, untersuchen kann.
Ich verstehe das Nibelungenlied als das Ergebnis einer kontinuierlichen Überschreibung eines Erzählstoffes (bzw. Liedes) in der kulturellen Logik der jeweiligen Erzähler. Die dieser Arbeit zugrundeliegende kanonisierte Fassung dieses Stoffes weist nun deutliche Züge einer ’höfischen‘ Überschreibung auf, die der Schlüssel zu vielen Erzählphänomenen im Text sein könnte.
Der Opposition von ”archaischer versus höfischer Logik“ folgend möchte ich in diesem Text eine unterschiedlichen Logiken folgende Codierung und Motivation von Gewalt herausarbeiten, die ein wesentlicher Bestandteil des ambivalenten, brüchigen, widersprüchlichen Textcharakters im Nibelungenlied zu sein scheint. Ich denke, das erschütternde Phänomen nicht integrierbarer, unaufhaltsam ausbrechender, exzessiver Gewalt im Text lässt sich u.a. aus und in der Kollision zweier unterschiedlicher Logiken erklären und darstellen. Die im Referat entwickelte Opposition leitet sich kulturhistorisch aus einem ’Prozess einer fortschreitenden Zivilisation‘ her, wie ihn Norbert Elias entworfen hat.
Diese Arbeit gliedert sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Zunächst wird darzustellen sein, von welchem kultur- und literaturgeschichtlichen Modell aus das Nibelungenlied untersucht werden soll. Danach folgen Überlegungen zu den Voraussetzungen einer Analyse der Gewaltcodierung in einem literarischen Text des Mittelalters. Im zweiten Teil dieser Arbeit sollen einzelne Textstellen genauer untersucht werden, um so die Plausibilität und Anwendbarkeit der zuvor dargestellten Modelle und Denkansätze zu prüfen.



Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Theoretischer Teil: Hintergrund, Zielstellungen und Voraussetzungen

1.1 Palimpsest – ’archaische‘ versus ’höfische‘ Logik

1.1.1 Fortschreitende Zivilisation – Norbert Elias‘ ”Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation“

1.1.2 Das Nibelungenlied als Ausdruck der nachträglichen Überschreibung eines ’archaischen‘ Stoffes in der Logik des höfischen Ritterideals

1.1.3 ’Archaisch‘ versus ’höfisch‘ – eine Opposition als Arbeitshypothese

1.2 Formen der Codierung von Gewalt im Nibelungenlied

1.2.1 Kriterien zur Analyse von Gewalt in einem literarischen Text: Bestimmung und Kategorisierung

1.2.2 ’Archaisch‘ versus ’höfisch‘: Zur Logik von Gewaltformen

2. Praktischer Teil: Analysen

2.1 Brautnachtbetrug (X., 631-683)

2.1.1 Komik und Gewalt – die erste Brautnacht

2.2 Etzels Tafel: Kindesmord und Saalkampf (XXXIII., 1951-2008)

2.2.1 ’Spiel mir das Lied vom Tod‘ – die Fiedlermetaphorik Volkers

2.3 Finale: Hagen und Kriemhild (IXXXX., 2353-2379)

3. Schlußbemerkungen

4. Literatur

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Formen der literarischen Codierung von Gewalt im Nibelungenlied und den ihnen zugrundeliegenden kulturellen Denkformen. Dabei wird analysiert, inwieweit sich diese Denkformen als Opposition zwischen einer "archaischen" und einer "höfischen" Logik begreifen lassen und wie diese im Prozess der literarischen Überschreibung das Epos prägen.

  • Analyse der Gewaltcodierung als kulturhistorischer Prozess
  • Untersuchung der Dichotomie "archaisch" versus "höfisch"
  • Studie zur ästhetischen und sozialen Funktion von Gewalt in literarischen Texten
  • Interpretation von spezifischen Schlüsselszenen (Brautnacht, Etzels Tafel, Finale)
  • Vergleich von Gewaltinszenierungen mit zeitgenössischen und theoretischen Konzepten (Norbert Elias, Wolfgang Sofsky)

Auszug aus dem Buch

2.1 Brautnachtbetrug (X., 631-683)

Ich möchte meiner ersten Analyse die These voranstellen, welche ich dann im einzelnen in der Untersuchung zu belegen versuche: Ich behaupte, daß sich in der Darstellung und Motivation der unterschiedlichen Ebenen der Betrugshandlungen (Standeslüge, Wettkampfbetrug auf Îsenstein, Brautnachtbetrug) unterschiedliche Begründungszusammenhänge dieser Handlungen erweisen, die grob zu zwei verschiedenen kulturellen Denkmustern zugeordnet werden können. Ich habe diese Opposition wiederum ’archaisch versus höfisch‘ im oben ausgeführten Sinne genannt und werde versuchen, diese Begriffe nun in der Analyse des Brautnachtbetrugs zu konkretisieren.

Ich habe diesen Teil des Betrugskomplexes ausgewählt, weil sich hier die unterschiedlichen Begründungsdiskurse besonders komplex ineinander verschränkt darstellen, indem die Ausübung physischer Gewalt direktes Mittel sozialer Konfliktlösung ist und damit die jeweiligen Codierungen von Gewalt einen starken Verweischarakter auf die ihnen zugrundeliegenden kulturellen Logiken haben.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage zum Zusammenhang von Gewaltcodierung und kulturellen Logiken im Nibelungenlied.

1. Theoretischer Teil: Hintergrund, Zielstellungen und Voraussetzungen: Theoretische Grundlegung durch das Modell von Norbert Elias und die Definition der Begriffe "archaisch" und "höfisch".

1.1 Palimpsest – ’archaische‘ versus ’höfische‘ Logik: Analyse des Nibelungenliedes als Produkt kontinuierlicher Überschreibungen verschiedener Überlieferungsschichten.

1.1.1 Fortschreitende Zivilisation – Norbert Elias‘ ”Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation“: Erläuterung des soziogenetischen Modells zur gesellschaftlichen Affektkontrolle und Zivilisierung.

1.1.2 Das Nibelungenlied als Ausdruck der nachträglichen Überschreibung eines ’archaischen‘ Stoffes in der Logik des höfischen Ritterideals: Untersuchung der Überlagerung alter Stoffe mit höfischen Idealen.

1.1.3 ’Archaisch‘ versus ’höfisch‘ – eine Opposition als Arbeitshypothese: Etablierung der zentralen Arbeitsbegriffe für die weitere Textanalyse.

1.2 Formen der Codierung von Gewalt im Nibelungenlied: Systematische Vorüberlegungen zur Repräsentation von Gewalt in mittelalterlicher Literatur.

1.2.1 Kriterien zur Analyse von Gewalt in einem literarischen Text: Bestimmung und Kategorisierung: Definition des Gewaltbegriffs und der Analysekriterien für den praktischen Teil.

1.2.2 ’Archaisch‘ versus ’höfisch‘: Zur Logik von Gewaltformen: Typologisierung von Gewaltlogiken in archaischen und höfischen Kontexten.

2. Praktischer Teil: Analysen: Anwendung der theoretischen Modelle auf ausgewählte Schlüsselszenen des Epos.

2.1 Brautnachtbetrug (X., 631-683): Untersuchung des Konflikts zwischen physischer Kraft und höfischer Minne.

2.1.1 Komik und Gewalt – die erste Brautnacht: Analyse der komischen Inszenierung von Gewalt zur Distanzierung vom Unbeherrschbaren.

2.2 Etzels Tafel: Kindesmord und Saalkampf (XXXIII., 1951-2008): Analyse der Eskalation und der sozialen Dynamik des Kampfs.

2.2.1 ’Spiel mir das Lied vom Tod‘ – die Fiedlermetaphorik Volkers: Deutung der Ästhetisierung von Gewalt durch Fiedlermetaphorik.

2.3 Finale: Hagen und Kriemhild (IXXXX., 2353-2379): Analyse der finalen Gewalteskalation und deren Einordnung in moralisch-normative Diskurse.

3. Schlußbemerkungen: Zusammenfassende Betrachtung der Gewalt als treibende Kraft und deren Integration in höfische Deutungsschemata.

4. Literatur: Verzeichnis der herangezogenen Forschungsliteratur.

Schlüsselwörter

Nibelungenlied, Gewaltcodierung, höfische Zivilisation, archaische Logik, Norbert Elias, Gewaltinszenierung, Brautnachtbetrug, Palimpsest, Mittelalter, soziale Dynamik, Ästhetisierung, Minne, Literaturtheorie.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, wie Gewalt im Nibelungenlied literarisch dargestellt und durch kulturelle Deutungsmuster codiert wird.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Themenfelder umfassen die literarische Gewaltanalyse, mittelalterliche Zivilisationsprozesse, höfische Ideologien und die Ambivalenz des Epos durch verschiedene Überlieferungsschichten.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Ziel ist es, die "archaischen" und "höfischen" Logiken hinter den Gewaltdarstellungen zu verifizieren und zu zeigen, wie das Epos diese Diskurse integriert oder an ihnen scheitert.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird ein kulturtheoretischer Ansatz gewählt, der Konzepte von Norbert Elias, Wolfgang Sofsky und Gadi Algazi nutzt, um literarische Texte als historisches Produkt zu lesen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert drei spezifische Komplexe: den Brautnachtbetrug, den Saalkampf an Etzels Tafel und das finale Aufeinandertreffen von Hagen und Kriemhild.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit lässt sich vor allem durch Begriffe wie Gewaltcodierung, höfische Zivilisation, Palimpsest-Charakter und archaische versus höfische Logik charakterisieren.

Wie erklärt die Arbeit die Komik in der ersten Brautnacht?

Die Komik wird als eine Form der Ästhetisierung von Gewalt interpretiert, die beim Publikum eine Distanz zum Unbeherrschbaren schafft und soziale Gemeinschaft stiftet.

Welche Rolle spielt die Fiedlermetaphorik Volkers?

Sie dient als Beispiel für eine ästhetische Codierung von Gewalt, welche die negative Konnotation physischer Gewalt durch Kunst und Distanzbildung legitimiert.

Warum endet das Epos mit der Hinrichtung Kriemhilds?

Die Hinrichtung wird als Versuch einer Restitution der höfischen Ordnung gelesen, wobei Kriemhilds Tat als Verstoß gegen normativ-didaktische Geschlechterdiskurse sanktioniert wird.

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Details

Title
Codierungen und Logiken von Gewalt im Nibelungenlied
College
Humboldt-University of Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Course
Nibelungenlied und Kudrun
Grade
1,0
Author
Michael Obenaus (Author)
Publication Year
1999
Pages
43
Catalog Number
V23529
ISBN (eBook)
9783638266345
ISBN (Book)
9783638727624
Language
German
Tags
Codierungen Logiken Gewalt Nibelungenlied Kudrun
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Michael Obenaus (Author), 1999, Codierungen und Logiken von Gewalt im Nibelungenlied, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23529
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