Codierungen und Logiken von Gewalt im Nibelungenlied


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999
43 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Theoretischer Teil: Hintergrund, Zielstellungen und Voraussetzungen
1.1 Palimpsest – ’archaische‘ versus ’höfische‘ Logik
1.1.1 Fortschreitende Zivilisation – Norbert Elias‘ ”Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation“
1.1.2 Das Nibelungenlied als Ausdruck der nachträglichen Überschreibung eines ’archaischen‘ Stoffes in der Logik des höfischen Ritterideals
1.1.3 ’Archaisch‘ versus ’höfisch‘ – eine Opposition als Arbeitshypothese
1.2 Formen der Codierung von Gewalt im Nibelungenlied
1.2.1 Kriterien zur Analyse von Gewalt in einem literarischen Text: Bestimmung und Kategorisierung
1.2.2 ’Archaisch‘ versus ’höfisch‘: Zur Logik von Gewaltformen

2. Praktischer Teil: Analysen
2.1 Brautnachtbetrug (X., 631-683)
2.1.1 Komik und Gewalt – die erste Brautnacht
2.2 Etzels Tafel: Kindesmord und Saalkampf (XXXIII., 1951-2008)
2.2.1 ’Spiel mir das Lied vom Tod‘ – die Fiedlermetaphorik Volkers
2.3 Finale: Hagen und Kriemhild (IXXXX., 2353-2379)

3. Schlußbemerkungen

4. Literatur

Einleitung

Diese Arbeit schließt sich an das Referat zum Thema „Höfische Zivilisation und archaische Fremde – die Ambivalenz im Nibelungenlied“ an. Sie setzt sich zum Ziel, den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Formen der literarischen Codierung von Gewalt im Nibelungenlied und den ihnen zugrundeliegenden kulturellen Denkformen herauszuarbeiten. Dabei wird zu untersuchen sein, ob sich diese Denkformen in der - freilich sehr schematischen – Dichotomie von einer ’archaischen‘ gegenüber einer ’höfischen‘ Logik fassen lassen, und wenn ja, welche spezifischen Unterschiede die diesen Logiken folgenden Codierungen von Gewalt aufweisen. Diese Arbeit versteht sich damit als ein Prozeß der Analyse, der die Opposition von ”archaischer versus höfischer Gewaltcodierung“ zuallererst zu verifizieren hat, und nur wenn das gelungen ist, untersuchen kann.

Ich verstehe das Nibelungenlied als das Ergebnis einer kontinuierlichen Überschreibung eines Erzählstoffes (bzw. Liedes) in der kulturellen Logik der jeweiligen Erzähler. Die unserem Seminar zugrundeliegende kanonisierte Fassung dieses Stoffes weist nun deutliche Züge einer ’höfischen‘ Überschreibung auf, die der Schlüssel zu vielen Erzählphänomenen im Text sein könnte.

Der Opposition von ”archaischer versus höfischer Logik“ folgend, die wir im Referat entwickelt und an ausgewählten Textstellen nachgezeichnet haben, möchte ich eine unterschiedlichen Logiken folgende Codierung und Motivation von Gewalt herausarbeiten, die ein wesentlicher Bestandteil des ambivalenten, brüchigen, widersprüchlichen Textcharakters im Nibelungenlied zu sein scheint. Ich denke, das erschütternde Phänomen nicht integrierbarer, unaufhaltsam ausbrechender, exzessiver Gewalt im Text läßt sich u.a. aus und in der Kollision zweier unterschiedlicher Logiken erklären und darstellen. Die im Referat entwickelte Opposition leitet sich kulturhistorisch aus einem ’Prozeß einer fortschreitenden Zivilisation‘ her, wie ihn Norbert Elias (Über den Prozeß der Zivilisation) entworfen hat.

Diese Arbeit gliedert sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Zunächst wird darzustellen sein, von welchem kultur- und literaturgeschichtlichen Modell aus das Nibelungenlied untersucht werden soll. Danach folgen Überlegungen zu den Voraussetzungen einer Analyse der Gewaltcodierung in einem literarischen Text des Mittelalters. Im zweiten Teil dieser Arbeit sollen einzelne Textstellen genauer untersucht werden, um so die Plausibilität und Anwendbarkeit der zuvor dargestellten Modelle und Denkansätze zu prüfen.

1. Theoretischer Teil: Hintergrund, Zielstellungen und Voraussetzungen

Ich werde mich in dieser Arbeit auf ganz spezifische und ausgewählte Aspekte der Untersuchung konzentrieren müssen. Zu diesem Zweck bedarf es, denke ich, einer präzisen Erörterung der Hintergründe, Arbeitsvoraussetzungen und Zielstellungen meines Vorhabens. Ich begreife den Text als das Produkt ineinandergreifender Veränderungen auf der historischen, kulturellen und literarischen Ebene, der zu einer Einschreibung unterschiedlicher Denksysteme geführt hat (1.1). Um zu untersuchen, ob und wieweit sich diese Logiken auch in der literarischen Repräsentation von Gewalt auswirken, bedarf es einiger grundsätzlicher Überlegungen zu Möglichkeiten der Analyse literarischer Codierungen von Gewalt (1.2).

1.1 Palimpsest – ’archaische‘ versus ’höfische‘ Logik

Die Entstehung der wichtigsten Handschriften des Nibelungenliedes stammen aus der Zeit um 1200. Sie sind also in der Blütezeit der höfischen literarischen Kultur Mitteleuropas entstandene Kombinationen verschiedener, wesentlich älterer Überlieferungskreise und Erzählmotive. Wenn ich nun das Nibelungenlied in der Fassung des beginnenden 13. Jahrhunderts als ’Palimpsest‘ bezeichne, so interessieren mich hier weniger die genaue Stoffgeschichte und Quellenherkunft der Motive des Epos, sondern vielmehr sein eigentümlicher Charakter als Produkt einer literarischen ’Überschreibung‘: Das Epos kann man sich vorstellen als ein Pergament, auf dem die ursprünglichen Schriftzüge im Laufe der Überlieferung, der Nacherzählung, immer wieder überschrieben, ausradiert, neuformuliert wurden, so daß der um 1200 fixierte Status der Überlieferung noch die Spuren älterer Schriftzüge erkennen läßt, noch die Struktur der Vorläufertexte trägt, aber seine Oberfläche sich verändert hat. Mir geht es also um die immanente Untersuchung eines Textes, der sich in meinen Augen als literatur- und kulturgeschichtliches Palimpsest darstellt. Ich möchte die Brüchigkeit, die Ambivalenz und Widersprüchlichkeit dieses Epos aus der Überschreibung älterer Überlieferungen in der zeitgenössischen Erzähllogik des Verfassers (bzw. der Verfasser?) erklären, da ich in der Überblendung unterschiedlicher Denkformen (Logiken) eine maßgebliche Besonderheit dieses Textes, einen Grund für seine widersprüchliche und faszinierende Erscheinung sehe.

1.1.1 Fortschreitende Zivilisation – Norbert Elias‘ ”Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation“

Den kulturtheoretischen Hintergrund dieses Ansatzes bildet Norbert Elias‘ Modell einer ’fortschreitenden Zivilisation‘[1]. Ich nehme also ein soziogenetisches Modell gesellschaftlicher Transformationsprozesse auf und versuche, ein kulturelles (literarisches) Produkt in den Begriffen einer solchen Wandlung zu fassen. Ich gehe davon aus, daß sich in jedes kulturelle Zeugnis dominante Deutungs- und Verstehensmuster seiner Zeit einschreiben, daß aber gleichzeitig ältere Denkmuster der Stoffvorlagen strukturell erhalten bleiben und Spuren in der Bearbeitung hinterlassen.

Norbert Elias beschreibt den Prozeß einer zunehmenden Ausdifferenzierung und Verflechtung der sozialen Beziehungen innerhalb komplexer werdender Gesellschaften. Diese innere Ausdifferenzierung bringt das hierarchische Wachsen der gesellschaftlichen Strukturen ’nach oben‘, die Ausbildung immer höherer sozialer Integrationsebenen mit sich. Die zunehmende Komplexität der sozialen Beziehungen (Bindungen, Abhängigkeiten, Verpflichtungen) und Interaktionen erzwingt eine stärkere Selbstreglementierung des Individuums, eine Affektkontrolle des Einzelnen zugunsten der Einhaltung verbindlicher sozialer Interaktionskodizes. Eine solche Selbstreglementierung ermöglicht erst das Funktionieren komplexer Gesellschaften.

Im Zuge dieses Zivilisationsprozesses bilden sich Formen der gesellschaftlichen Integration von Affekten aus, wie z.B. Rituale, Feste, Turniere (Wettkämpfe), Aufführungen, etc. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sich der Einzelne in seinen Bedürfnissen zugunsten eines verbindlichen Wertekodex zurückstellt. Gleichzeitig eröffnen solche Formen die Möglichkeit der kontrollierten Entladung von Affekten, der Integration von Konfliktpotentialen, kurz der Sozialisierung des Individuums.

Wenn ich nun im folgenden bestimmte Verhaltensmuster im Nibelungenlied unter dem Gesichtspunkt einer solchen Zivilisierung betrachte, möchte ich betonen, daß ich nicht von einem Urzustand einer ”einfachen“, nicht-sozialen Gesellschaft ausgehe – schon allein der Begriff der Gesellschaft bezeichnet ja gerade Formen der Zivilisation, der Ver gesellschaft ung. Ich verstehe den Prozeß dieser Zivilisierung als ein von Beginn der Menschheit andauerndes Kontinuum, das nicht mit einem ”Fortschrittsbegriff“ gleichgesetzt werden darf[2]. Die Opposition von ’archaischer‘ und ’höfischer‘ Zivilisation darf also nicht als ein Gegenüber von ”sozial undifferenziert“ versus ”hochentwickelt“ verstanden werden, sondern es handelt sich bei dieser schematischen Setzung um unterschiedliche Ausprägungen sozialer Komplexität. Bevor ich beginne, diese Opposition näher zu erläutern, muß ich darauf hinweisen, daß es sich bei einer solch schematischen Aufgliederung eines Transformationsprozesses immer um eine unangemessene, sehr abstrakte Konstruktion handelt, deren Dichotomie sich im Laufe der Analysen auch immer wieder als nicht ausreichend für eine genaue Beschreibung oder gar Erklärung der Textphänomene erweisen wird. Im Bewußtsein dieses grundlegenden Mangels an historischer, soziologischer, kultureller Differenziertheit benutze ich dennoch die Arbeitsbegriffe von ’archaisch‘ und ’höfisch’ zur Beschreibung von Denk- und Deutungsmustern, die unterschiedlichen Zivilisationsebenen zugeordnet werden können.

1.1.2 Das Nibelungenlied als Ausdruck der nachträglichen Überschreibung eines ’archaischen‘ Stoffes in der Logik des höfischen Ritterideals

Ich möchte meine These vom Palimpsestcharakter des Nibelungenliedes durch die Beschreibung einiger Motive und Erzählfiguren stützen, die ich exemplarisch in die oben eröffnete Opposition einordne, um in 1.1.3 die Formulierung genauerer Arbeitsbegriffe von ’archaisch‘ und ’höfisch‘ zu ermöglichen. Ich nehme den Untersuchungsgegenstand mit diesen Begriffen sozusagen ”in die Zange“, indem ich außerhalb des Textes kulturtheoretisch die Existenz einer solchen Opposition postuliere und dann im Text durch Phänomene mein Postulat stütze, um so Aussagen über den Text als kulturelles Produkt der Überschreibung zu machen.

Ich behaupte, daß das Nibelungenlied eine adaptation courtoise ist, also eine Höfisierung eines älteren Überlieferungsstoffes. So finden sich Erzählmotive, die eindeutig dem höfischen Kontext entstammen: Der Falkentraum Kriemhilds (Str. 13-17) ist ein beliebtes Motiv aus der Minnedichtung, die Schilderung prächtiger höfischer Feste (z.B. Str. 29ff) mit den ’Kleiderszenen‘ finden sich im Kontext höfischer Literatur, die Darstellung ritterlicher Kämpfe, sei es auf Turnieren oder im Kampf gegen die Sachsen und Dänen (Str. 139ff) folgen deutlich Mustern höfischer Erzählungstrategien. Es ist eine nicht unerhebliche Beobachtung, daß das Erzähltempo in den Passagen, die ich als ’höfisch’ einordnen würde, systematisch wahrnehmbar langsamer ist als dort, wo die Erzählung aus dem höfischen Idealdiskurs heraustritt. So nimmt beispielsweise die Ankunft Gunthers und seines Gefolges auf Îsenstein mit der Inszenierung eindeutig dem höfischen Hierarchiekontext zuzuordnender gestischer Zeichen, mit der ausgiebigen Beschreibung ihrer Kleider und Ausrüstung ganze 16 Strophen in Anspruch (Str. 389-405), während der eigentliche Kern der Islandfahrt, nämlich der betrügerische Wettkampf mit Brünhild (Str. 428-467), rasant schnell erzählt wird, allerdings ebenfalls immer wieder unterbrochen von detaillierten Beschreibungen von Brünhilds Kleidung, derer Pracht und Wert sie als eine höfische Würdenträgerin charakterisieren soll (hier also wieder der Bezug auf einen ‘höfischen’ Diskursbereich). Der Unterschied im Erzähltempo wird auch besonders deutlich, wenn man die Schilderungen ritterlicher Zweikämpfe mit denen blutigen Gemetzels am Etzelhof vergleicht.

Jenseits einer einfachen Zuordnung einzelner Stellen als ’archaisch‘ oder ’höfisch‘ (was ebenso stereotyp als falsch wäre) behaupte ich, daß sich das Phänomen des wechselnden Erzähltempos in unterschiedlichen Diskursreferenzen von zweierlei Perspektive erklären läßt:

- Zum einen bildet sich, literaturtheoretisch argumentiert, die Erzählform der höfischen Literatur in ihrer Weitschweifigkeit und ”Beschreibungslust“ dort im Text ab, wo eben Diskurse der höfischen Gesellschaft aufgenommen und eingearbeitet wurden, bzw. wo der überlieferte Stoff in höfischen Deutungsmustern erscheint, gerade weil ja die Diskurse der höfischen Kultur sich hier in dem ihnen eigenen Erzählgestus äußern.
- Zum zweiten, kulturtheoretisch argumentiert, wage ich zu vermuten, daß in komplexeren sozialen Geflechten die Wirklichkeit auch weniger direkt, sondern stärker über Sprache vermittelt erfahren wird. Ein sozusagen ikonischer Ausdruck dessen wäre dann auch im spezifischen Erzählgestus höfischer Literatur im Unterschied zu z.B. dem der Heldendichtung zu sehen.

1.1.3 ’Archaisch‘ versus ’höfisch‘ – eine Opposition als Arbeitshypothese

Die im Referat eröffnete Hypothese von der Opposition einer ’archaischen‘ gegenüber einer ’höfischen‘ Logik bezieht und stützt sich demnach auf zwei Ebenen:

Zum ersten ziehe ich als kulturtheoretischen Hintergrund einer solchen Unterscheidung die oben ausgeführten Überlegungen zu einer ’fortschreitenden Zivilisation‘[3] heran, die sich auf der Textebene in der Art und Weise der Darstellung und Deutung sozialer Beziehungen und Interaktionen äußert.

Zum zweiten verweist diese Opposition auf unterschiedliche Modi literarischer Darstellung (Motivik, Bezüge, Erzählgestus, etc.), deren Zuordnung als ’höfisch‘ wir in der Parallele zu typischen Werken höfischer Literatur, z.B. der Artus- oder Minnedichtung ansetzen. Die Zuordnung als ’archaisch‘ erfolgt dann sozusagen ex negativo: Solche Erzählmotive, Deutungsmuster, etc., die nicht in den höfischen Diskurskontext einzuordnen sind, müssen in Bezug auf das erstere, kulturtheoretische Kriterium auf ihre Plausibilität als zum Bereich des ’Archaischen‘ gehörend untersucht werden.

Im Verlauf der Analyse wird sich, so hoffe ich, die Anwendung dieser Begriffe als weniger statisch praktizieren lassen, als es hier zunächst erscheint. Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, daß es sich hier um eine betont schematische Setzung handelt, vermittels derer die Ambivalenzen des Textes untersucht werden sollen.

Da ich mich in dieser Arbeit auf die Logik der Codierung von Gewalt konzentrieren möchte, verweise ich für eine genauere Beschreibung der Merkmale ’archaisch‘ und ’höfisch‘ auf 1.2.2, wo die ’Logik von Gewaltformen‘ genauer erörtert werden soll.

1.2 Formen der Codierung von Gewalt im Nibelungenlied

Was meint ”Codierung“ von Gewalt? Ich möchte dazu einige Vorüberlegungen anstellen, die sich teilweise auch an Hartmut Böhmes Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung ”Codierung von Gewalt“[4] orientieren.

(i) Codierung von Gewalt meint die Vermittlung/ Repräsentation von Gewalterfahrung(en) in Medien der Kommunikation, von der Sprache bis zur Zahl. Diese Repräsentation kann (möglicherweise) ihrerseits schon eine Erscheinungsform von Gewalt genannt werden.
(ii) Das Nibelungenlied beinhaltet Formen der Codierung von Gewalt, und zwar im sprachlichen Code der Literatur, des Epos. Insofern finden wir in der Darstellung und Inszenierung von Gewalt Codierungen/ Repräsentationen von Gewalterfahrung – ob authentisch oder nicht ist hier zunächst unerheblich – vor. Interessant ist für mich nun einerseits, wie die Repräsentationen von Gewalt auf zeitgenössische (also ’höfische‘ im Unterschied zu ’archaischen‘) Deutungsmuster Bezug nimmt, andererseits aber auch, welche Unterschiede in der sozialen Dynamik dieser Gewaltrepräsentationen festzustellen sind.
(iii) Es gilt zu untersuchen, ob – und wenn, wie weit – die Codierungen von Gewalt unterschiedlichen Logiken in der Opposition von ’archaisch‘ und ’höfisch‘ zugeordnet werden können. Wenn das zutreffen sollte, interessiert natürlich besonders die Differenz eben dieser Repräsentationsmuster und ihre Aussagekraft für die unterschiedlichen Denkmuster, denen sie folgen.
(iv) Bei der Untersuchung der Codierung von Gewalt interessieren Mechanismen ihrer Darstellung (Inszenierung), ihrer Motivation (oder eben auch des Fehlens derselben), ihrer Integrationsmöglichkeiten und –grenzen, ihrer sozialen Dynamik, ... und der Wertungen, die im Text erscheinen. Es gilt also, ein Bündel von Merkmalen/ Kriterien herauszuarbeiten, die der Beschreibung der spezifischen Repräsentationsformen von Gewalt dienen.
(v) Außerdem müssen die Besonderheiten literarischer Codierung beachtet und untersucht werden.

1.2.1 Kriterien zur Analyse von Gewalt in einem literarischen Text: Bestimmung und Kategorisierung

Zunächst ein Wort zum Wort ’Gewalt‘: Systematisch gesehen bezeichnet Gewalt die Verletzung der Integrität eines Individuums, und zwar aus der Sicht des Täters. Für das Opfer besteht Gewalt nur als die Erfahrung von potentieller oder faktischer Verletzung. Dies kann auf geistiger (psychologischer, emotionaler, etc.), sozialer (Drohung, Beschränkung von Handlungsalternativen, Isolation, Stigmatisierung, Ausstoß, etc.) und physischer Ebene (Fixierung, Verletzung, Tötung, etc.) geschehen. Dabei fasse ich all diese Spielarten von Gewalt als Verletzungen[5] des ’Körpers‘ auf, ich verstehe also hier das Individuum als eine Totalität aus physischer, psychischer und sozialer Erscheinung. Schon hier wird augenfällig, daß beinahe jegliche soziale Interaktion auf Formen der Gewaltanwendung beruht.

Wenn ich aber nun von Formen der Codierung von Gewalt[6] im Nibelungenlied spreche, so wäre es ein schier endloses Unterfangen, alle Formen von Gewalt auf all diesen Ebenen zu analysieren. Daher erscheint es mir sinnvoll, hier systematische Beschränkungen des Gewaltbegriffs vorzunehmen:

Zu Fragen der psychologischen Gewalt in einem solchen mittelalterlichen Text kann man, denke ich, nur weitgehend spekulativ argumentieren, da ja gerade die Dimension des Psychologischen in der Konstitution und Begründung dieser Texte fehlt. Zumindest, so behaupte ich, spielte die psychologische Begründung von Gewalt keine oder nur eine minimale Rolle für den Verfasser des Nibelungenliedes, so daß diese Ebene für eine Untersuchung der Logiken der Gewalt keinen Aufschluß bietet.

Die Ebenen von physischer und sozialer Gewalt (Verletzung) erscheinen mir in mittelalterlichen Texten wiederum extrem stark miteinander verbunden. So erscheint eine soziale Verletzung unter bestimmten Voraussetzungen beinahe notwendig auch eine physische Verletzung nach sich zu ziehen, wobei hier die soziale Existenz zum großen Teil aus ihren Materialisierungen (ihren Statussymbolen: Krone, Ring, Schwert, Kleidung, etc.) zu bestehen scheint. Pointiert gesagt: Die soziale Entkleidung einer Figur bedeutet auch immer ihre ”textile“ Entkleidung, und vice versa. Ich möchte mich in den folgenden Untersuchungen auf die ”soziale Logik physischer Gewalt“ konzentrieren, da ich glaube, daß gerade der enge Zusammenhang von sozialer und physischer Erscheinung, besonders dort, wo diese Logik nicht zu funktionieren scheint, wo es ’Brüche‘ gibt, interessant für ’Überschreibungen‘ (im o.g. Sinne) im Text sein kann.

Phänomene des Auftretens von ’Gewalt‘ im Text kann man unter verschiedenen Aspekten untersuchen:

In der Einordnung oder Absetzung von Gewaltrepräsentationen in/ von literarischen Mustern und Traditionen der Inszenierung von Gewalt können literarische Diskurszusammenhänge erkennbar gemacht werden, auf die ein Text Bezug nimmt. Eine solche Bezugnahme beschränkt sich m.E. nicht auf eine bloße Übernahme von Darstellungsformen, sondern verknüpft auch immer die eigene Codierung von Gewalt mit den Werte-, Vorstellungs- und Normkodizes der Referenzsysteme. Sehr deutlich wird diese Komplexität der Referenz, wenn man vom Bezug auf ’Repräsentationsformen‘ von Gewalt in literarischen Kontexten spricht.

Die Motivation der Gewalt spielt eine zentrale Rolle für ihre Deutungsmöglichkeiten: Ist das Auftreten von Gewalt im Text überhaupt begründet oder nicht, und wenn ja, erfolgt die Motivation direkt oder indirekt, auf welche Wertevorstellungen wird dabei referiert, welche unterschiedlichen Positionen werden besetzt, u.a.

Weiterhin kann die Analyse von expliziten bzw. impliziten Wertungen von Gewalt aufschlußreich sein: Solche Wertungen können sich in direkten Kommentaren des Erzählers äußern, sie können in der Figurencharakterisierung enthalten sein, oder auch durch Sanktionen, Handlungen oder Wertungen anderer Figuren zum Ausdruck kommen. Dabei ist immer nach dem jeweiligen Stellenwert solcher Indize für die Bedeutung der Wertung innerhalb eines Denksystems zu fragen.

Die Möglichkeiten und Grenzen einer Integration von Gewalt in bestimmte soziale, rechtliche, ... Systeme gibt Auskunft über die Logik, der diese Gewalt im Einklang bzw. Unterschied zu den Integrationssystemen folgt. Auch hier können Wertungen implizit enthalten sein.

Ebenso gilt es, nach Grundmustern der Gewaltinszenierung zu fragen: Diese können literarischer (s.o.), sozialer oder kultureller Art sein, d.h. die ihnen zugrundeliegenden Muster (Dynamik, Mechanik, Sequenzierung, etc.) werden im Kontext jener Klassifizierungen erörtert und so als mehrdimensionale Darstellungen beschrieben.

Schließlich dürfen die grundsätzlichen und die gattungsspezifischen Besonderheiten literarischer Codierung von Gewalt nicht außer acht gelassen werden.

Ich werde meinen Analysen diese sechs Kategorien der Betrachtung des Phänomens Gewalt zugrunde legen. Die detaillierten Klassifikationen und ihre Quellen sollen im Laufe der Untersuchungen, wo sie relevant sind, genannt und erläutert werden. Es sei mir erlaubt, aus Platzgründen auf eine systematische Gesamtdarstellung derselben zu verzichten.

1.2.2 ’Archaisch‘ versus ’höfisch‘: Zur Logik von Gewaltformen

Die Hintergründe und Voraussetzungen sowohl der Opposition ’archaisch versus höfisch‘ als auch des zugrundeliegenden Gewaltbegriffs sind nun soweit dargestellt, daß mir eine systematische Verknüpfung derselben zu einer ’Typologie‘ der Logik von Gewaltformen möglich erscheint. Der Schematik der Opposition und der Systematik der Gewaltaspekte geschuldet ist eine sehr holzschnittartige Vereinfachung und Typisierung der Gewaltformen, die auch nur als ein vorläufiges Instrumentarium der Untersuchungen dienen sollen, im Laufe der Analysen aber noch sehr viel differenzierter erscheinen werden.

[...]


[1] Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation. Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Bd. II, 1939

[2] Wenn man es ganz genau nimmt, kann man auch schon in sozialen Formationen von Tieren ähnliche Merkmale entdecken. In jedem Falle ist es aber ein Merkmal der Spezies ’Mensch‘, ausschließlich innerhalb mehr oder minder komplexer sozialer Strukturen zu existieren und sie beständig zu reproduzieren.

[3] Ich nehme den Begriff von Elias hier in seiner transformatorischen Komponente auf, ohne aber ’fortschreitend‘ mit einem ”Fortschrittsgedanken“ zu konnotieren.

[4] Ringvorlesung im Rahmen des Graduiertenkollegs ”Codierung von Gewalt im medialen Wandel“ an der HU Berlin; am 21.06.99 Hartmut Böhme: ”Gewalt. Reflexionen im Anschluß an Zygmunt Bauman und Wolfgang Sofsky“

[5] Genau im Dualismus der Perspektiven von ’Gewalt‘ und ’Verletzung‘, der in dieser Formulierung zu Ausdruck kommt, möchte ich die Untersuchungen verankern.

[6] Im folgenden soll der Einfachheit halber nur von ”Gewalt“ gesprochen werden, auch wenn der o.g. Dualismus mitgedacht werden muß. Nur an Stellen, wo die Unterscheidung von ’Gewalt‘ und ’Verletzung‘ eine Relevanz für die Analyse hat, soll dies explizit unterschieden werden.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Codierungen und Logiken von Gewalt im Nibelungenlied
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Veranstaltung
Nibelungenlied und Kudrun
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
43
Katalognummer
V23529
ISBN (eBook)
9783638266345
ISBN (Buch)
9783638727624
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Codierungen, Logiken, Gewalt, Nibelungenlied, Kudrun
Arbeit zitieren
Michael Obenaus (Autor), 1999, Codierungen und Logiken von Gewalt im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23529

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