Die andalucismo-Debatte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einführung

1. Das Andalusische
1.1. Zur Entstehung des Andalusischen

2. Das Hispanoamerikanische
2.1. Consonantismo
2.2. Morfosyntaxis

3. Ein Vergleich des Inselspanischen und des Hispanoamerikanischen

4. Der Beginn der andalucismo -Debatte
4.1. Die Argumentation Ureñas

5. Das Wiederaufleben der andalucismo -Debatte

6 Neuere Entwicklungen

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

0. Einführung

Zwei Fragen beschäftigen die Philologen v.a. im Zusammenhang mit dem lateinamerikanischen Spanisch und dem Spanisch der Halbinsel:

1. Ist das Lateinamerikanische eine eigene Sprache oder entwickelt sich dazu?
2. Wie kommt es zu den teilweisen Übereinstimmungen zwischen dem andalusischen Dialekt und dem lateinamerikanischen Spanisch v.a. der tierras bajas ?

Die grundsätzliche Schwierigkeit einer dialektalen Einteilung umreißt Rosenblat sehr treffend: „La verdad es que todo individuo es hoy „plurilingüe“(1) und „Nadie vive confinado en su familia o en su taller. La vida colectiva de la actualidad, desde los sectores altos, a través de la escuela, la administración pública, las formas del trabajo y del comercio, los deplazamientos humanos, la propaganda política o comercial, la radio, la televisión, el cine, el periódico, la revista, etc., „corrompen“ la integridad del habla individual, y superponen a ella, en forma creciente, el habla de los demás sectores“(2)

Die erste Frage kann man mit Rosenblat in zwei Fragen aufteilen: „Primera si hay una unidad lingüística a la que puede llamarse „español de América“, o hay más bien una serie diferenciada de hablas nacionales o regionales. Segunda, si ese supuesto „español de América” es una modalidad armónica y coherente dentro del español general, o si presenta, por el contrario, una diferenciación estructural y mas tendencias centrífugas que le auguran una futura independencia”(3)

Diese Fragen sind immer mit der Angst vor einer Zersplitterung der Einheit der spanischen Sprache verbunden: „Al admitir la pluralidad de normas para el vasto mundo hispánico, surge en seguida la pregunta: ¿No hay en ello un peligro de desintegración? Siempre el temor, rondando la vida de nuestra lengua.“(4)

Um das “amerikanische Spanisch” mit dem andalusischen vergleichen zu können, muß man sicher eine gewisse Geschlossenheit des einen sowie des anderen Sprachgebiets voraussetzen. „Por « andalucismo» habrá que entender la aceptación de la existencia de algunos rasgos y fenómenos representativos compartidos entre América y Andalucía por filiación histórica de aquélla respecto a ésta.”(5)

Dabei führt E. Coserius Vorschlag einer „lengua ejemplar“ als Möglichkeit der Einheit einer Sprache klar zu einer panhispanischen Norm.

In diesem Sinne wurde im Juni 1963 beim Kongreß über die Gegenwart und Zukunft der spanischen Sprache unterstrichen: „La comisión considera que toda acción rectora del futuro de la lengua española tendiente a la deseable unificación de la lengua cultivada, debe hacerse con un absoluto respeto a las variedades nacionales tal como las usan los hablantes cultos, y teniendo en cuenta que la unidad idiomática no es incompatible con la pluridad de normas básicas, fonéticas y de otro tipo que caracterizan el habla ejemplar y prestigiosa de cada ámbito hispánico.“(6)

Da diese beiden Fragen untrennbar zusammenhängen, ist es interessant zu untersuchen, in wie weit Vertreter der andalucismo-Theorie auch für eine Geschlossenheit des hispanoamerikanischen Sprachraums und die einheitlichen kastilischen Normen plädieren und in wie weit Gegner der andalucismo-Theorie eine größere Differenziertheit oder sogar Unabhängigkeit feststellen.

Um diese Fragen zu beantworten möchte ich in Kapitel 1 die wesentlichen Eigenarten des Andalusischen noch einmal zusammenfassen, um sie in Kapitel 2 den Eigenarten des Hispanoamerikanischen gegenüberzustellen. In Kapitel 3 möchte ich mit Pedro Henríquez Ureña und Max L. Wagner die wesentlichen Thesen der 1. Phase der andalucismo -Theorie vorstellen, um in Kapitel 4 dem Wiederaufleben der Diskussion und in Kapitel 5 den neueren Tendenzen nachzugehen

1. Das Andalusische

Vier grundlegende Phänomene kennzeichnen das Andalusische im Bereich der Phonologie/Phonetik:

1. Aspiration bzw. Schwund des Silbenschluss-[-s] >|h|, oder |Æ| Aufhebung der Opposition |s|-|ø| zu Gunsten von |s| bzw. |ø| führt zu seseo bzw. ceceo; dieses Phänomen ist nicht gesamtandalusisch; in den Provinzen Huelva und Sevilla überwiegt die Unterscheidung beider Phoneme.
2. Schwund des intervokalischen [- d-]
3. Abschwächung der Opposition [l] – [r]
4. Abschwächung, meist Aufhebung der Opposition|l|-|y|, yeísmo

In der Morphologie/Syntax findet man kaum Veränderungen gegenüber dem Standardkastilisch, außer teilweisen Archaismen im indefinido-Paradigma und Unsicherheiten bei der Perfektbildung: in den Provinzen Huelva, Cádiz und Sevilla wird die 2. Person Plural durch die 3. Person Plural substituiert, und dequeísmo.

Im lexikalischen Bereich war der wichtigste Impulsgeber die Sprache und Kultur der gitanos. Diese nutzten den Freiraum der durch die reconquista eroberten Gebiete im 15. Jahrhundert und liessen sich dabei hauptsächlich in der Levante und in Andalusien nieder. Die Einordnung des Andalusichen als ein geschlossener Sekundärdialekt des Spanischen ist aufgrund der großen geographischen Varianz nicht möglich.(1)

1.1. Zur Entstehung des Andalusischen

Heute weist das español atlántico nur noch ein einziges Phonem, das |ç| aus den mittelalterlichen 4 Phonemen |z|:|s| und |ç|:|ss| auf. „En suma, al aldo de los ceceosos por lengua estropajose, existían ceceosos <por gracia>, como Fray Iñigo y los galanes a quienes el fraile lindo imitaba;ello no es de chocar pues sabemos que por entonces era muy común cierto çeçeo que prestaba <buena y singular gracia> al hablar, acrescentando el esplendor de la voz, çeçeo no sólo bueno para galanes, sino apreciado en obispos predicadores.“(2)

In die Debatte der andalucismo-Theorie hinein greift die Frage, wann, insbesondere die Phänomene des ceceo und seseo, in ihrer heutigen Form ausgeprägt wurden und wann sie das erste mal in Amerika auftraten. Deswegen bezeichnet Guitarte den seseo auch als „el caballo de batalla de la teoría andalucista”(1), da er den Einfluss des Andalusischen dadurch als erwiesen ansieht.

Tatsächlich aber scheint mir diese Frage sehr umstritten zu sein. Amado Alonso, einer der Hauptgegner der andalucismo -Theorie hat die endgültige Ausprägung des Andalusischen ans Ende des 19. Jahrhunderts verlegt. Frago Gracia, ein Vertreter der andalucistas, stellt eine genauso „schlampige“ Aussprache in Nueva España wie auch in Andalusien in Quellen von den Jesuiten Pedro Murillo Velarde von 1752 fest .(2) Hierbei geht es explizit um seseo und yeísmo. Erstmalig findet Frago Gracia die Benutzung des seseo in einer Quelle von Obispo Piedrahita von 1688. Trotz dieses späten Auftauchens ist Frago Gracia davon überzeigt, dass das amerikanische Spanisch vom Andalusischen abstammt und versteht nicht, dass über diesen Punkt weiterhin diskutiert wird.(3)

Dieses späte Auftauchen des seseo in Amerika könnte einerseits auf eine parallele Entwicklung hindeuten, jedoch andererseits bedeuten, dass das Phänomen nach seiner endgültigen Ausprägung in Andalusien mit den Auswanderern der folgenden Jahrhunderte nach Amerika kam.

Catalán hat sich mit der Sprachentwicklung Andalusiens beschäftigt. “En suma:Podemos afirmar que en el s. XV se hallaba tan generalizada en el habla común del reino de Sevilla la pérdida del originario carácter africado de |ç| y |z|, que la |ç| se asemejaba peligrosamente a la |ss| y la |z| la |s|, dando lugar a una creciente tendencia a identificar estos fonemas en una pareja única de dorso-dentales fricativas, sorda y sonora.”(4)

Catalán spricht jedoch weder von einem ausgeprägten ceceo noch von einem seseo. Interessant ist auch die Frage, wie die Forscher vom Andalusischen Phänomen (seseo - und ceceo -sprachige Gebiete) ausgehend den hispanoamerikanischen seseo (fast ausschliesslich) erklären.

Beim yeísmo sieht die Forschungslage ähnlich aus. Schon 1971 wendet sich Guitarte gegen die Auffassungen Lapesas und Alonsos, die eine Existenz für Anfang bzw. Ende des 17. Jahrhunderts bescheinigen und findet Beweise, die den yeísmo bereits im 16. Jahrhundert ansiedeln. Zusätzlich stellt er im Werk des Caviedes fest, dass der yeísmo „no se intenta caracterizar este rasgo fonético en cuanto a una clase social sino con referencia a un sector de la sociedad colonial definido por un lugar de nacimiento..“(5) Diesen sehr wichtigen Hinweis Guitartes auf die soziale Verteilung der sprachlichen Phänomene in Südamerika im Unterschied zum Mutterland sollte man im Auge behalten. Er geht soweit : „que el yeísmo distinguía a los limeños de los españoles establecidos en la Ciudad de los Reyes.“(6)

Alonso hatte 1951 für einen späteren Beginn des yeísmo plädiert. Dafür spricht vor allem das Argument, dass er in den klassischen Grammatiken zwischen 1517 und 1651 keine Erwähnung findet. So kommt Alonso zu dem Schluß, dass „Andalucía ha sido probablemente la primera en cumplir el yeísmo dentro de España, pero el yeísmo de las otras regiones no es extensión del andaluz.“(1)Was Alonso natürlich als Beweis für seine polygenetische Theorie wertet.

Abschließend kann man wohl feststellen, dass vor einer endgültigen Beendigung der Diskussion über den Ursprung des yeímo und des seseo noch weitere Studien fehlen, die v.a. in ihrer Auswertung nicht dazu benutzt werden, für oder gegen den andalucismo zu argumentieren.

2. Das Hispanoamerikanische

„Dentro de la dialectología hispanoamericana los fenómenos mejor estudiados son aquellos que se refieren a la pronunciación de las consonantes, y a ellos dedicamos mayor espacio.“(2)

2.1. Consonantismo

Alle hispanoamerikanischen Sprecher können zu den seseo -Sprechern gezählt werden. In einigen Gebieten Perus (Zamora Vicente, 1967) kommt es nicht zur völligen Aufhebung der Opposition |q|-|s| und man unterscheidet, z.B. zwischen [dóqempúnto] (las doce) und [dósempúnto] (las dos), aber Zamora unterstreicht, dass sich das auf einige wenige Vokabeln beschränke.(3)

In El Salvador und Puerto Rico haben Canfield und Navarro Tomás ceceo -Gebiete registriert, allerdings ist dieses Phänomen in Andalusien wesentlich stärker ausgeprägt.

In Tabelle 1 ist die Verteilung der Phänomene des Lleísmo/Yeísmo und Zeísmo, sowie der anderen phonetischen Besonderheiten in den einzelnen Regionen Südamerikas dargestellt.

Ohne auf die Einzelheiten weiter einzugehen, sei besonders auf die abweichende Aussprache des |r| und des |s|, von |b, d, g, |, sowie von |x| und |h| hingewiesen.(4)

In Bezug auf die Frage der consonantes posnucleares kann man zwei große Dialektgruppen unterscheiden. Zamora Munné und M. Guitart wenden sich gegen die Einteilung in “dialectos de consonantismo débil“ und „dialectos de consonantismo fuerte“ aufgrund der fehlenden Untersuchungen über den Grad der Artikulationsanstrengung. „No se sabe, por ejemplo, si la variante aspirada de |s| es siempre más débil que la variante sonora [z] de los dialectos de consonantismo ‘fuerte’ o si la nasal alveolar de final de locución es más fuerte o más débil que la velar que numerosos hablantes prefieren en la misma posición“(5)

Darum schlagen sie eine Unterscheidung nach einem phonologischen Kriterium anstelle des fonetischen vor. „Proponemos que se denomine dialectos de consonantismo posnuclear radical o simplemente dialectos radicales a aquellos en que la distancia entre lo fonemático y lo fonético puede ser relativamente grande, y dialectos de consonantismo posnuclear conservador a aquellos en que dicha distancia es relativamente menor.(Zamora Munné, Guitart, 107)

Tabelle 1 *nach Juan C. Zamora Munné, Jorge M. Guitart, 145

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


(1)Rosenblat, el criterio de correción lingüistíca, 8

(2)ebd., 9

(3)Rosenblat, El castellano de España y el castellano de América, 35

(4)Rosenblat, el critero de correción lingüística, 25

(5)Fernández-Sevilla, 231

(6)Rosenblat, El criterio de correción lingüística, 25

(1)vgl. Thesenpapier Jens Schmiedel im Dialektologieseminar bei Prof. H.-D. Paufler

(2)Catalan, ceceo, 314

(1)Guitarte, polemica, 46

(2)vgl. Frago Gracia, 17

(3)ebd.

(4)Catalán, çeçeo, 328

(5)Guitarte, notas, 189

(6)ebd.

(1)nach Fernandez-Sevilla, 240/241

(2)Juan C. Zamora Munné, Jorge M. Guitart, Dialectología Hispanoamericana, 89

(3)dies., 90

(4)dies. ausführlich 89-106

(5)dies. 106/107

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die andalucismo-Debatte
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Romanistik-Institut)
Veranstaltung
Dialekte und Dialektologie in Spanien und Spanischamerika
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
23
Katalognummer
V23545
ISBN (eBook)
9783638266499
ISBN (Buch)
9783638842389
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit ist eine grundlegende Einführung in das Thema der Herkunft des lateinamerikanischen Spanisch und des Einflusses des Inselspanischen auf das lateinamerikanische Spanisch und die fachliche Diskussion des 20. Jahrhunderts mit ihren Hauptargumenten. Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Dialekte, Dialektologie, Spanien, Spanischamerika
Arbeit zitieren
Daniela Hendel (Autor), 2000, Die andalucismo-Debatte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23545

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