In fast 50 % aller deutschen Fernsehsendungen wird zumindest einmal Gewalt oder Bedrohung in irgend einer Form thematisiert (vgl. GROEBEL 1993: 62). Es gibt unzählbare Untersuchungen (weit über 5000) zum Thema „Nutzung und Wirkung von medialer Gewalt“. Die Wissenschaft hat bereits einiges untersucht: Die Rezeptionsunterschiede zwischen West und Ost, Jungen und Alten, Kabel-Sehern und Nicht-Kabel-Sehern, usw. Im Vergleich dazu gibt es aber nur wenige Untersuchungen über den Unterschied der Gewaltrezeption von Männern und Frauen, bzw. Jungen und Mädchen.
In der vorliegenden Hausarbeit beschäftige ich mich mit eben diesem Thema. In Bezugnahme auf relevante Ergebnisse dreier von mir ausgewählten Untersuchungen versuche ich hauptsächlich die folgenden Fragen zu beantworten: Wie wird Gewalt im Fernsehen von Frauen und Männern (Mädchen und Jungen) wahrgenommen? Welche Unterschiede zeigen sich zwischen den Geschlechtern? Gibt es typisch weibliche und typisch männliche Reaktionen?
In diesem Zusammenhang lehne ich zudem die Ansicht von einer monokausalen, linearen Wirkung von Fernsehgewalt ab. Ich nehme grundsätzlich an, dass Fernsehgewalt keine Wirkungen verursacht, sondern schon vorhandene Gefühle, Einstellungen und Verhaltensweisen mobilisiert (vgl. RÖSER 1995: 2).
Im Folgenden werde ich mich kurz mit dem Thema Geschlechterkonstruktion und den verschiedenartigen Denkweisen von Männer und Frauen befassen (Kap. 2), um dann daran anknüpfend die unterschiedlichen Genrevorlieben der beiden Geschlechter zu beleuchten (Kap. 3). Im vierten Kapitel der Arbeit zielt mein Interesse auf einige Ergebnisse der ausgewählten Studien, im Besonderen auf die geschlechtstypische Wahrnehmung von TV-Gewalt. Im Fazit (Kap. 5) werde ich die meine Aufzeichnungen zusammenfassen und einen Ausblick geben auf mögliche Änderungen des Fernsehprogramms zugunsten von Frauen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Männliches“ und „weibliches“ Denken
2.1 „doing gender”
2.2 „being gender”
3. Geschlechtsspezifische Vorlieben für TV-Inhalte
3.1 Frauen/Mädchen mögen Emotionen
3.2 Männer/Jungen mögen Action
3.3 Zwischenfazit
4. Geschlechtsspezifische Gewaltrezeption
4.1 Was ist (Fernseh-) Gewalt?
4.2 Angst und Ohnmacht vs. Spannung und Allmacht
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Rezeption von Fernsehgewalt und analysiert, wie sich unterschiedliche Denkweisen von Frauen und Männern in ihren Genrevorlieben und ihrer Verarbeitung medialer Gewaltdarstellungen widerspiegeln.
- Konstruktion von Geschlecht und "Doing Gender"
- Einfluss grundlegender Denkstrukturen auf TV-Präferenzen
- Geschlechtsspezifische Genrevorlieben bei Erwachsenen und Kindern
- Affektive Wirkungsunterschiede bei der Gewaltrezeption
- Analyse von Angst versus Allmacht bei der Mediennutzung
Auszug aus dem Buch
4.2 Angst und Ohnmacht vs. Spannung und Allmacht
Renate LUCA analysierte das Medienerleben von 47 weiblichen und männlichen Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren beim Rezipieren von Horrorvideos. Sie geht davon aus, dass das Erleben medialer Gewaltdarstellungen ein Faktor der subjektiven Lebenspraxis ist, welche wiederum Folge und Ausdruck kulturbedingter Existenz ist. Es kristallisieren sich persönliche „Erlebensmuster“ heraus, die sich vor allem im geschlechtsspezifisch geprägten Erleben medialer Gewalt finden lassen (vgl. Luca 1993: 10).
Jungen und Mädchen können von medialer Gewalt gleichermaßen verunsichert werden, so LUCA. Sie unterscheiden sich jedoch in der Ausprägung ihrer Unsicherheiten. Jungen verwandeln ihre Unsicherheit, aufgrund der sozialen Angebote, die ihnen zur Verfügung stehen, in männliche Überlegenheit. Sie identifizieren sich meistens mit keiner der dargestellten Personen; eher noch mit den Tätern als mit den Opfern. Die medialen Bilder verstärken bei der Mehrheit von ihnen Allmachtsphantasien (vgl. ebd.: 95f, 214).
Mädchen reagieren öfter mit Angst als Jungen. Sie haben konkrete Angst vor physischer männlicher Gewalt. Einerseits identifizieren sie sich emotional mit den Opfern, die meist von Frauen dargestellt werden, aber andererseits haben sie Mitleid und Verständnis für den Täter. Die Erlebnisqualitäten der Mädchen reichen von latenten Gefühlen der Machtlosigkeit bis hin zur absoluten Ohnmacht (vgl. ebd.)
Mädchen und Jungen erleben die medialen Bilder von Gewalt entsprechend ihrer Geschlechtsrolle: Mädchen mit Empathie und Angstphantasien, Jungen mit Distanz und Allmachtsphantasien. „Die geschlechtsspezifischen Klischees werden nicht als solche erkannt, sondern durch die geschlechtsspezifische Rezeption noch verstärkt. Jungen gelingt es eher, sich von dem Film zu distanzieren, Mädchen lassen sich emotional auf den Film ein“ (ebd.: 97).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz des Themas Fernsehgewalt ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Wahrnehmung und Reaktion.
2. „Männliches“ und „weibliches“ Denken: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Ansätze „doing gender“ und „being gender“, um die soziokulturellen und biologischen Ursachen für unterschiedliche Denkweisen zu beleuchten.
3. Geschlechtsspezifische Vorlieben für TV-Inhalte: Das Kapitel analysiert, warum Frauen emotionale Inhalte bevorzugen, während Männer verstärkt actionreiche Formate konsumieren.
4. Geschlechtsspezifische Gewaltrezeption: Hier werden die unterschiedlichen affektiven Reaktionen untersucht, wobei die Spannweite von Angst und Ohnmacht bei Frauen bis hin zu Allmachtsphantasien bei Männern reicht.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und schlägt vor, dem Fernsehprogramm mehr souveräne, nicht-klischeehafte Frauenfiguren entgegenzusetzen.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Fachliteratur und Studien.
Schlüsselwörter
Geschlechtsspezifische Rezeption, Fernsehgewalt, Doing Gender, Mediensozialisation, Genrevorlieben, Medienwirkung, Affektive Reaktionen, Angstgefühle, Allmachtsphantasien, Identifikation, Geschlechterrollen, Mediale Gewalt, Unterhaltungsmedien, Geschlechtsunterschiede.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie sich Männer und Frauen in der Wahrnehmung und Rezeption von Gewalt im Fernsehen unterscheiden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Geschlechterkonstruktion, den unterschiedlichen Vorlieben für TV-Genres und der verschiedenen affektiven Verarbeitung von Gewaltszenen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Fernsehnutzung aufzuklären und zu klären, ob es typisch weibliche oder männliche Reaktionen auf mediale Gewalt gibt.
Welche wissenschaftlichen Methoden wurden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und der Auswertung von drei einschlägigen empirischen Studien zum Mediennutzungsverhalten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert erst theoretisch das Geschlechterdenken, dann die Genrevorlieben und schließlich die spezifische Rezeption von Gewalt in Spielfilmen und Cartoons.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Geschlechtsspezifische Rezeption, Fernsehgewalt, Doing Gender, Medienwirkung und Identifikation.
Warum reagieren Frauen häufiger mit Angst auf Fernsehgewalt?
Studien zeigen, dass Frauen sich stärker mit den Opfern identifizieren, die häufig weiblich dargestellt sind, was Gefühle von Ohnmacht und persönlicher Bedrohung auslöst.
Wie gehen Jungen mit medialer Gewalt um?
Jungen nutzen mediale Gewaltdarstellungen häufiger, um eigene Unsicherheiten in ein Gefühl von Allmacht und männlicher Überlegenheit zu transformieren.
- Quote paper
- Janine Tuma (Author), 2004, Geschlechtsspezifische Rezeption von Mediengewalt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23597