Formen und Funktionen synoptischer Kapitelüberschriften im englischen Roman des 18. Jahrhunderts


Magisterarbeit, 1997

71 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Kapitel: Einführung in die Problemstellung, Methodik, Zielsetzung und Forschungslage
1. Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
2. Theoretischer Referenzrahmen und methodische Vorüberlegungen
3. Forschungsbericht zu den Formen und Funktionen synoptischer Kapitelüberschriften

II. Kapitel: Typologien von Formen und Funktionen der Kapitelüberschriften im Roman
1. Literaturgeschichtliche und erzähltheoretische Einordnung der Kapitelüberschrift
1.1 Zu Ursprung und Entwicklung der Kapitelüberschrift
1.2 Relation zwischen synoptischer Kapitelüberschrift und Text: Bedeutung und Relevanzabschätzung für den Roman
2. Klassifikation verschiedener Erscheinungsformen der synoptischen Kapitelüberschrift
2.1 Dominant fiktionsbezogene Überschriften
2.2 Dominant rezeptionsbezogene Überschriften
2.3 Dominant metafiktionsbezogene Überschriften
3. Typologie rezeptionslenkender Funktionen der synoptischen Kapitelüberschrift
3.1 Informationsvergabe und Spannungsaufbau
3.2 Sympathie- und Antipathielenkung
3.3 Beeinflussung der Intensität der Rezeption
3.4 Aufforderung zur aktiven Mitarbeit am Produktionsprozeß
4. Relationen zwischen Formen und Funktionen von Kapitelüberschriften

III. Kapitel: Die Bedeutung der synoptischen Kapitelüberschriften in den Romanen Henry Fieldings
1. Einführung in die Textkonstitution und Rezeptionsästhetik der Romane Henry Fieldings
2. Joseph Andrews: Fiktion oder Authentizität? Kontrastive Wirklichkeitsvermittlung als Strukturprinzip der Überschriften
3. Jonathan Wild: Hyperbolische Sympathielenkung zur Potenzierung von Ironie
4. Tom Jones: Demonstrative Fiktionalität und explizite Aufforderungen zur individuellen Sinnkonfiguration
5. Amelia: Relevanzminderung der Synopse und Affektaktivierung des Rezipienten

IV. Kapitel: Zusammenfassung und Schlußbetrachtung der Ergebnisse
1. Diachrone Veränderungen im Gebrauch der Kapitelüberschriften in den Romanen Henry Fieldings
2. Relevanz der Untersuchung und Ergebnisse für die Fielding-Forschung und die Romananalyse

Literaturverzeichnis
1. Primärtexte
2. Sekundärliteratur
2.1 Sekundärliteratur zu Kapitelüberschriften und Titeln
2.2 Sekundärliteratur zu Henry Fielding
2.3 Weitere Sekundärliteratur

I. Kapitel: Einführung in die Problemstellung, Methodik, Zielsetzung und Forschungslage

1. Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im ersten Kapitel des zweiten Buchs von Joseph Andrews (im folgen­den abgekürzt als JA) erklärt Fielding Sinn und Nutzen der Einteilung eines Romans in Kapitel, sowie das Setzen von Überschriften und erläu­tert die traditionellen Funktionen dieser Konven­tionen: Kapitel und deren Überschriften erleichtern dem Leser die Orientie­rung und geben ihm Zeit zum Nachdenken, Pausieren und Reflektieren. Außerdem bietet die Über­schrift eines Kapitels dem Leser die Möglichkeit, das folgende Kapitel zu überspringen, falls die Vorinformationen nicht mit den Erwartungen oder dem Interesse des Lesers übereinstimmen. Fielding nennt also eine Reihe von Aufgaben, die die synoptische Kapitelüber­schrift, d.h. die inhalts­resümierende Überschrift, erfüllen kann.[2] Die Leistungen der Kapitel­überschrift, die auf mannigfaltige Weise auf den Leser und den Lese­prozeß einwirken können, sind damit jedoch nicht erschöpft.

Obwohl die romantheoretischen Überlegungen Fieldings in den Anfangskapi­teln jedes Buches von JA als Schlüssel zu seiner Romankonstitution fungieren und daher in der Sekundärliteratur einen wichtigen Analyseansatz für sein Werk bilden,[3] sind die Untersuchungen zu seinen Theorien über Kapiteleinteilung und Über­schriften defizitär. Fieldings Erläuterungen zu potentiellen Funktionen der Kapitelüberschrift be­friedig­ten offensichtlich das Erkenntnisinteresse der For­schung an weite­ren Auf­gaben und Leistungen dieses Gestaltungsmittels, da außer den vom Autor selbst genannten Kriterien bislang kaum Darstellungen der varian­tenrei­chen Kapitelüber­schrift vorhanden sind. Es überrascht daher nicht, daß auch die Beschäftigung mit Kapitelüberschriften im allge­meinen in der Lite­ratur- und Textwissenschaft eine untergeordnete Rolle spielt.

In der vorliegenden Arbeit soll daher das Phänomen der synoptischen Kapitelüberschrift systematisch an­hand einer deduktiven Analyse er­schlossen werden. Dazu zählt auch die Benennung der Unterschiede von Werktitel und Kapitelüberschrift, da während der Vorbereitung zu dieser Untersuchung fest­gestellt wurde, daß diese Phä­nomene in der Sekundärli­teratur oftmals undiffe­renziert oder synonym behandelt werden. Es hat sich jedoch gezeigt, daß bei der Betrachtung von Titeln und synopti­schen Überschriften terminologische, methodische und interpretatorische Diffe­renzierungen er­forderlich sind.

Aufgrund des Mangels an Untersuchungen zu generell konstitutiven Merk­ma­len von Kapitelüberschriften des Romans ist es notwendig, einen großen Teil der Überle­gungen formalen Aspekten und Kennzeichen der Über­schrift zu widmen. Es sollen allgemeine Raster von Formen und Grundfunktionen synop­tischer Kapitelüber­schriften erstellt werden, die dann als Analysekate­gorien für die exemplarische Untersuchung der Fiel­ding'schen Romane fungieren, aber auch auf andere Ro­mane mit Kapitel­überschriften appliziert werden kön­nen.

Ein weiteres Ziel der Arbeit besteht darin zu zeigen, daß das Wirkungs­poten­tial der Kapitelüberschrift weit über konventionelle Verständniswei­sen hinaus­ragt und sich vorrangig auf rezeptionsästhetischer Ebene mani­festiert. Die rezep­tionslenkenden Funktionen der Kapitel­überschriften syste­matisch zu erfassen gilt hier als eine Aufgabe, die darauf zielt, Bedin­gungen für das Verstandenwer­den, wie sie im fiktionalen Text gegeben sind, herauszuarbeiten.

Die Interpretation der Romane Fieldings soll an­schließend eine diachrone Veränderung des Gebrauchs von Formen und Funktionen der Kapitelüberschrif­ten herausstellen und so die These untermauern, daß Überschriften sich nicht in ihren Aufgaben als Ruhe­pause und Gedächt­nisstütze erschöpfen, sondern werk­spezifische Merkmale enthalten, die den Leser zu bestimmten Rezeptionshand­lungen motivieren können.

Im Zeitraum des 18. Jahrhunderts findet die Gattung Roman ihre volle Gestaltung und Prägung. Das Spektrum unterschiedlicher Erschei­nungs­formen von Überschriften in dieser Epoche ist sehr groß. Es ist deshalb im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, eine umfassende und lückenlose Darstellung von Entwicklungen der Kapitel­überschriften innerhalb der gesamten Epoche zu leisten. Die Berücksichti­gung eines einzelnen Autors erweist sich als sinnvoller. Mit den Werken Henry Fieldings kann das vollständige Romanwerk eines Autors untersucht werden, der all seine Romane in Bü­cher und Kapitel gliedert und diesen synoptische Kapi­tel­überschriften voransetzt. Zudem umfaßt der Zeit­raum seines literarischen Schaffens eine Periode, die den Über­gang von Aufklä­rung, bzw. Klassi­zismus, zu Empfindsamkeit bildet und deshalb eine diachrone Verän­derung der Romane bezüglich ihres Gebrauchs von Kapi­telüberschriften vermuten läßt. Ausgehend von einer textimma­nenten Analyse seiner Romane sollen Formen und Leistungen der Kapitel­überschriften schließ­lich im histori­schen und gattungs­spezifischen Kontext erfaßt werden. Weiterhin werden bestimmte Bedin­gun­gen ermittelt, denen die Überschrif­ten bezüglich der Gestal­tung des Gesamtwerks unter­liegen. Hauptziel der Arbeit ist es, kein weiteres Paradigma ei­ner epheme­ren textuellen Erschei­nung zu offerieren, sondern zu zeigen, daß Kapitel­überschriften gattungskonstituierende Phänomene sind, die die Rezeption eines Textes ebenso beeinflussen können wie konventionelle textuelle Gestaltungs­mittel.

Abschließend sei an dieser Stelle der terminologische Gebrauch erläu­tert. Der Terminus Titel verweist in der vorliegenden Arbeit stets auf die Benennung des epischen Gesamtwerks eines Autors. Ist das Werk in einzelne große Textab­schnitte gegliedert, so sind dies die Bücher oder Volumina. Die Volumina können durch typographische oder numerale Trennungen markiert werden, ihnen kann aber auch eine Überschrift vorangehen, die hier als Buchüber­schrift bezeichnet wird. Sind die Bücher in kleinere Textabschnitte, in Kapitel, untergliedert, so ist die primäre Vor­aussetzung für das Auftreten von Kapitel­über­schrif­ten gegeben. Diese können aus Zahlen, Mottos, Senten­zen, Einworttiteln oder Summaren bestehen, wo­bei letztere als synoptische Kapitelüber­schriften bezeichnet werden. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß sie aus mehr als einem Wort bestehen und per defini­tionem den Inhalt des ihnen folgenden Kapitels kurz resümieren.[4] Dieses Kapitel ist ihr Bezugstext oder Folgetext, da Überschrift und Kapitel in einer "syntagmatischen Beziehung" (Tschauder 1991: 295) zueinander stehen.[5] Da in der vorlie­genden Arbeit synoptische Kapitelüber­schriften im Zen­trum der Unter­su­chung stehen, wird diese ausführliche Bezeichnung nur dann gewählt, wenn eine Abgrenzung zu anderen Formen von Überschrif­ten erforderlich scheint, sonst beschränkt sich die Terminologie auf 'Überschrift' oder 'Kapitelüberschrift'.

2. Theoretischer Referenzrahmen und methodische Vorüberlegungen

Da es zu den Forschungsdesideraten dieser Arbeit zählt, die Relevanz der synoptischen Kapitelüberschrift für den Roman hervorzuheben, muß gezeigt werden, daß diese Form von Überschrift ein echter Teil des Gesamttextes und nicht bloß ein Gliederungsmittel ist. Um zu demonstrie­ren, daß ihr ein anderer Status als Titel, Inhaltsangabe oder Kapitelnu­me­rierung zukommt, werden Aspekte und Kriterien der Textlinguistik und der Erzähltheorie als theoreti­scher Referenzrahmen hinzugezogen.

Die Klassifizierung von Erscheinungsformen der Überschrift erfolgt nach inhaltsbezogenen Aspekten, wobei die Gliederung in Dominanzver­hältnisse des Tex­treferens auf Erkenntnissen der Narratologie und der Kommunikationstheo­rie basiert. Rezeptionsästhetische Einsichten bilden die Grundlage für eine Typo­logie der potentiell rezeptionslenkenden Funktionen der Kapitel­überschrift. Nach Link (1976: 38-43) gilt dies als der Bereich der Rezeptionsforschung, der nicht am realen Leser, sondern an einem fiktiven, impliziten Leser in­teressiert ist. Stierles Konzept (1975: 347) der formalen Rezeptionstheorie, deren Aufgabe er in der Formulie­rung eines Rezeptionspotentials sieht, das unabhän­gig von seiner partiku­lären Einlösung zu sehen ist, bildet außerdem eine adäquate Basis für die Erstellung der Funktionstypologie.

Aufgrund der uneinheitlichen Terminologie in der Re­zeptionsästhetik bezüg­lich der Mannigfaltigkeit von Le­serkonzepten ist es erforderlich, an dieser Stelle den Bezugsrahmen zu disambiguieren. Wilson (1981) liefert einen aufschlußrei­chen Überblick über die variantenrei­chen Konzepte von Leserfiguren und deren Positionen im Kommunikationsmodell. Er unterscheidet grundsätzlich zwischen einem "characterised fictive reader" und einem "intended fictive reader". Letzte­ren setzt er mit Isers (1972c) "implizitem Leser" gleich und stellt fest, daß jeder Text an einen impliziten Leser gerichtet ist, "whose attitudes and judgements demanded by the text, cannot be deduced from specific textual references, unless he is identical to the characte­rised reader" (Wilson 1981: 856). Ein fiktiver, charakterisierter Leser existiert nach Wilson jedoch nur in partikulä­ren Texten und manifestiert sich entweder durch direkte Charakteri­sierun­gen oder "by uncovering implicit assumptions" (ebd.).

Die vorliegende Arbeit schließt sich dieser Diffe­renzierung an, jedoch muß eine Einschränkung hinsicht­lich Wilsons Ausführung zur Fiktionalität von "characterised" und "intended reader" gemacht werden. Wilson gewährt beiden Leserkonzepten den Status der Fiktionalität, dies wider­spricht jedoch Nün­nings (1989: 25-40) intersubjektiv nachvollziehbarer Dar­stellung des Kommuni­ka­tionsmodells. Ihmzufolge ist allein der charak­terisierte Leser ein fiktiver Bestandteil des inneren Kommunika­tions­sy­stems, während der implizite oder intendierte Leser als abstrakter Empfän­ger des Werkganzen ein hypothetisches Konstrukt darstellt, das auf einer höheren Abstraktionsebene des Textes anzu­siedeln ist. Es wurde bereits festgestellt, daß die vorliegende Arbeit sich nicht mit tatsächlichen Reak­tionen empirisch faßbarer Leser beschäftigt, sondern potentielle Rezep­tionsweisen realer Leser aufzeigt. Je größer die Identifikation eines realen Lesers mit dem fiktiven, charakterisierten Adressaten ist, desto größer ist demnach auch die Wirkung rezeptionslenkender Strategien.

Die Arbeit gliedert sich gemäß ihrer Zielsetzung in vier Teile: Zunächst erfolgt ein historischer Überblick über die Entstehung und Entwick­lung der synopti­schen Kapitelüberschrift, der sich aufgrund des Defizits in der bisherigen Forschung besonders auf den englischen Roman des 18. Jahrhunderts konzen­triert.

Zum Hintergrundwissen über Anwendung und Nutzen der Kapitel­überschrift gehört auch eine erzähl- und texttheoretische Einordnung. Diese soll erste Ein­blicke darüber geben, bis zu welchem Grad die synopti­sche Kapitelüberschrift relevant für den Gesamttext ist und inwiefern sie von anderen Textphänomenen wie Titel oder Inhaltsangabe abgegrenzt werden muß.

Anschließend wird eine erste Typologie von Erschei­nungsformen der synop­tischen Kapitelüberschrift er­stellt, deren Kriterien in Hinblick auf die Applika­bilität und Nützlichkeit für die zu untersuchenden Romane gewählt werden. Mit Hilfe der gewonnenen Typen soll die Beobachtung einer diachronen Verände­rung im Gebrauch von Überschriften erleichtert wer­den.

In einer zweiten Typologie soll das Wirkungspotential von Kapitel­überschrif­ten hinsichtlich ihres Einflus­ses auf die Rezeptionslenkung innerhalb eines Romans ermittelt werden. Dieser deskriptive Teil schließt mit einer Relationsab­schätzung von Formen und Funktionen der Überschrift. Hier soll erarbeitet werden, ob diese in binärer Opposition zueinander stehen, sich wechselseitig bedingen, oder ob graduelle Skalierungen die Beziehungen zwischen Formen und Funktionen von Kapitelüberschriften bestimmen. Die Typo­logien von Erscheinungsformen und Funktionen werden möglichst allgemein formuliert, um Analy­sekategorien für alle narrativen Texte mit Kapitelüberschriften bereit­zustellen. Daher wird auf Beispiele im deskriptiven Teil der Arbeit weitgehend verzichtet.

Exemplifiziert wird der theoretische Teil dann an­hand der fünf Romane Henry Fieldings. Beson­derheiten und diachrone Veränderun­gen von Formen und Funktionen der synoptischen Kapitelüberschrift können so paradigmatisch herausgearbeitet werden. Es wird das Ziel verfolgt zu zeigen, daß die Leistungen dieses Phänomens weit über konventionelle Auf­gaben hinaus­reichen. Desweite­ren soll demonstriert werden, daß die synoptische Kapitelüber­schrift integrativer Bestandteil der Handlung sowie der erzäh­lerischen Vermitt­lung ist. Somit unter­liegt sie be­stimmten Veränderungen in Form und Funktion, die wiederum von der jeweiligen Erzählsituation, Wirkungsin­tention, sowie außertextuellen Rahmenbedingungen der Romane abhängig sind. Um diese Annahmen zu bele­gen, ist es erforder­lich, die Ein­zelanalysen in den Gesamtkon­text der Werke zu stellen und die Romane wiederum in Rela­tion zu ihrer litera­turhistorischen Situation zu fassen. Somit sollen über die Analyse der synopti­schen Kapitel­über­schriften interpretatorisch nutzbare Ergebnisse für das Romanwerk Fiel­dings und den Roman im 18. Jahr­hundert geliefert werden.

3. Forschungsbericht zu den Formen und Funktionen synoptischer

Kapitelüberschriften

Das Phänomen der synoptischen Kapitelüberschrift ist in der Forschung bislang mehr als stiefmütterlich behandelt worden. Punktuelle Beschäftigungen mit diesem Gestaltungsmittel sind vorwiegend in narratologi­schen Studien zu finden, die an passender Stelle in der vorliegenden Arbeit verwertet werden. Speziell zu den Überschriften in Fieldings Romanen liegt keine umfassende Untersuchung vor. Deshalb kann hier nur ein kurzer Überblick darüber gegeben werden, was bisher generell zur Analyse von Überschriften geleistet wurde. Obgleich neuere literatur- und textwissenschaftliche Untersuchungen erkennen, daß Über­schriften nicht nur aus dem Grund der Übersichtlich­keit und Ordnung von den Autoren eingesetzt werden, sondern auch textimma­nente und rezep­tionsästhetische Aufgaben erfüllen können, belaufen sich die bisherigen Forschungsarbeiten zu Grundfunktionen und Formen von Kapitel­über­schriften auf eine relativ spärliche Anzahl.

Für den deutschen Roman hat Wieckenberg (1969) die bislang aufschluß­reichste und ausführlichste Studie geliefert. Er beschränkt sich allerdings auf die Darstellung der historischen Entwicklung der Überschrift bis zum Ende des Barockzeitalters und auf eine knappe formale Typologie. Seine Fest­stellung, daß es bis zum Erschei­nen seiner Studie an einer größeren Unter­suchung des Kapi­telüberschriftenge­brauchs ganz fehlt (ebd.: 9), gilt auch noch zum heutigen Zeit­punkt. Seinem Aufruf zu einer umfassenderen Beschäftigung mit dem Phäno­men der Kapi­tel­überschrift ist bislang nur Schnitzler (1983) in ihrer Untersu­chung der Über­schriften im französi­schen Roman des 19. Jahrhunderts gefolgt. Dort wird zum ersten Mal auch der Versuch unternommen, ein systematisches Raster von Funktio­nen zu erstellen, das dann auf andere Nationalliteraturen angewendet werden kann. Da in ihrer Arbeit allerdings die Grundfunktionen induktiv aus Ein­zelanalysen erschlossen werden, ist es denkbar, daß funktionale Leistungen von Überschriften, die nicht in den untersuchten Romanen ausge­schöpft werden, nicht berücksichtigt wurden. Dem Wirkungspoten­tial von Kapitel­über­schriften könnten so Grenzen gesetzt worden sein, die in anderen Werken durch­brochen werden. Außer diesen epochen­spezifischen Untersuchun­gen ist bislang nur eine Arbeit bekannt (Lohmann 1990), die sich mit dem Gebrauch der Kapitelüberschriften eines einzelnen Autors - Jean Paul - befaßt, aber allgemein­gültige Kriterien oder Mo­delle außer Acht läßt. Ayrenschmalz (1962: 200-213) hat in seiner Studie zum Abenteuer­roman eine Typolo­gie von Kapitelüber­schrif­ten erstellt, die aber auf­grund einer mangelnden Differenzie­rung von Formen und Funktio­nen oberfläch­lich und unsystematisch angelegt ist.

Stanzel (1995: 58-66) weist in seiner Analyse der Erzählsituationen und der Mittelbarkeit des Erzählens auf den textuellen Status von Überschriften hin und gliedert sie in die von Weinrich (1971) geprägten Kate­gorien "erzählende" und "besprechende" Texte. Er kon­zentriert sich als erster auf die Darstellung der synoptischen Kapitelüberschrift, der er mit einer eng gefaßten Definition jedoch kaum Raum für rezeptionslenkende Funktionen läßt.[6]

Die Stellung der Überschrift bezüglich ihrer Zugehö­rigkeit zum Haupt­text und der Modus ihrer erzähleri­schen Vermittlung sind Aspekte, mit denen sich die For­schung hauptsächlich beschäftigt. Die Unklarheiten und Uneinigkeiten darüber, ob die Kapitelüberschrift zum Ganzen des Werks oder getrennt davon betrachtet werden muß, sind sicherlich ein Grund dafür, warum zur rezeptions­lenkenden Funktion derselben bislang wenig gesagt wurde.[7] Problematisch bei der textlinguistischen Determi­nation der Kapitelüberschrift ist die uneinheit­liche Terminologie in den bisherigen Forschungsarbeiten zu diesem Thema.

Harweg (1984: 78-90) subsumiert in seiner Darstel­lung von Aufgaben der Initialsätze des Romans sowohl Werktitel als auch Kapitelüberschrift unter dem Begriff "Überschrift" und berücksichtigt nicht die not­wendigen Abgrenzungskri­terien für diese - nicht nur in funktionaler Hin­sicht - divergierenden Phänomene. Ein Problem ergibt sich auch aus der Tatsa­che, daß er be­müht ist, strukturelle Unterschiede zwischen den Titeln fiktionaler und nichtfiktionaler Texte heraus­zuarbeiten. Er wählt den Terminus "Überschrift", da kurzen, nichtfiktionalen Texten der com­munis opinio nach keine Titel, sondern Überschriften vorange­hen. Die Betrach­tung des Untertitels eines Romans bringt ihn dann aber dazu, die Termino­logie über­gangslos zu wechseln, da ihm selbst die Bezeichnung "Unterüber­schrift" (ebd.: 87) nicht beschreibungsadäquat erscheint. So verstärkt sich der Eindruck einer grobmaschigen, undiffe­renzierten Darstellungsweise.

Tschauder (1991: 310ff.) übernimmt teilweise Harwegs unge­naue Termino­logie. Er bezieht sich auf die synoptische Kapitelüberschrift mit dem Terminus "Kurztext" und sieht in einem Roman einen hierarchischen Aufbau aus Überschrift, Kurztext und Haupttext. Die vorliegende Arbeit wird jedoch zeigen, daß die synoptische Überschrift dem 'Haupttext' nicht übergeordnet ist, sondern sich auf der gleichen, textuellen Ebene befindet. Mit der Differen­zierung von syntagmatischer und paradig­mati­scher Rezeption des fiktiona­len und nichtfiktionalen Werktitels liefert Tschauder allerdings einen wich­tigen Aspekt der Rezeptionssteuerung von Titel und Über­schrift, der auch in der vorliegen­den Arbeit berücksichtigt wird.

Im allgemeinen sieht die Textwissenschaft die Kapi­telüberschrift als ein per Konvention eingebürgertes Delimitationsmerkmal, das als Anfangs- und Schlußsi­gnal dient, so z.B. Plett (1975: 84), der der Überschrift nicht mehr als eine pragmatische Funktion einräumt. Landwehr (1975: 135) geht einen Schritt weiter und sieht in der Überschrift ("Sekundärkodierung") eine Er­leichterung der Informationsaufnahme für den Leser, defi­niert sie jedoch eher als Rahmen­bedingung für wei­tere rezeptionssteu­ernde Maßnahmen und nicht als rezep­tionslenkendes Mittel sui gene­ris.

Auch die Narratologie vollzieht nicht immer die er­forderliche Trennung von Titel und Überschrift. Ähnliche terminologische Bezeichnungen sind fast immer ein Hinweis darauf, daß auch Form, Inhalt und Funktion die­ser Phänomene äquivalent behandelt werden. So bezeich­net z.B. Genette (1987: 287) in seiner Untersuchung von Paratexten Kapitelüberschriften als thematische, deskriptive Zwischentitel und liefert sonst keine Ergebnisse zu potentiellen Funktionen derselben.[8]

Im Hinblick auf die Relation zwischen Überschrift und Text geben auch einige der zahlreichen Arbeiten, die sich ausschließlich mit der Funktion des Titels befassen, über die Funktion der Überschrift Auf­schluß, da mutatis mutandis Analogien aufgezeigt werden können. Darun­ter sind die Arbeiten von Wulff (1979) und Rothe (1986) hervor­zuheben. Letzterer rückt Aspekte des Ti­tels als polyfunktionales Sprach­zeichen ins Zentrum seiner Arbeit und untersucht Funktionen, die in Schnitzlers Studie vertieft werden. Wulff hingegen konzen­triert sich auf die Darstel­lung semiotischer Funktionen des Titels. Er geht nicht nur auf potentielle Wirkungen ein, sondern stellt auch Ergeb­nisse empirischer Rezeptionsfor­schung in seiner Arbeit vor. Die Textualität von Titeln unter­sucht Nord (1989) in ihrer systematischen, aber wenig tiefgründigen Ana­lyse, in der lediglich die von de Beau­grande/Dressler (1981: 3-13) aufge­stellten Textualitäts­kriterien abge­fragt werden. Auch ihre Prüfung der kommuni­kativen Funktionen des Titels geht nicht über einen Vergleich mit den Funktionen des Sprachzei­chens des Bühler'schen Organonmodells hinaus.[9]

Da die Studien, die sich mit Form und Wirksamkeit des Titels beschäf­tigen, auf eine mittlerweile kaum vollständig zu erfassende Zahl ange­wachsen sind,[10] überrascht es um so mehr, daß die Kapitelüberschrift bislang in der Literatur­wissenschaft so wenig Beach­tung fand. Historische Überblicke über die Entste­hung und Entwicklung von Kapitelüberschriften sind ebenfalls in überschauba­rer Anzahl vorhanden, speziell für den eng­li­schen Roman ist keine Geschichte des Gebrauchs von Überschriften bekannt. Dies ist um so verwunderlicher, da Autoren wie Fielding, Swift oder Sterne zwar nicht zu den Begründern der synoptischen Kapitelüber­schrift zählen, diese aber geprägt und in ihren funktio­nalen Möglichkeiten genutzt haben wie kaum ein anderer Au­tor. Der historische Umriß in der vorliegenden Arbeit kann sich daher nur auf die wenigen Arbeiten stützen, die dieses Thema allgemein behandeln,[11] und Schlüsse aus dem begrenz­ten Umfang an Romanen ziehen, die ein­gesehen werden konnten.

II. Kapitel: Typologien von Formen und Funktionen der Kapitelüberschriften im Roman

1. Literaturgeschichtliche und erzähltheoretische Einordnung der Kapitelüberschrift

1.1 Zu Ursprung und Entwicklung der Kapitelüberschrift

In der Forschung herrscht ein Konsens über das Da­tieren der Erster­schei­nung der Kapitelüberschrift ins 4. Jahrhundert v. Chr..[12] Sie ent­sprangen den lemmata, d.h. den als Überleitung dienenden Inhalts­anga­ben en­zyklopädischer Werke, die im Laufe der Zeit vom Text getrennt und so zu äußerlich sichtbaren Kapitelüber­schriften wurden.[13] Als Orien­tierungshilfe für den Leser waren sie dafür verantwortlich, ihm die Suche bestimm­ter Themen oder Textstellen zu erleichtern und somit Zeit und Aufwand zu sparen, was angesichts des Um­fangs dieser Werke von gravierender Bedeutung war.[14] Die gesamte wissensvermit­telnde Literatur des Mit­telalters und der Antike wies Gliederungen in Bücher und Kapitel auf und verwendete die Angaben des Inhaltsverzeichnisses wieder als Kapitelüberschriften.[15] In der Spätantike existierte bereits eine festgesetzte Terminologie für die verschiedenen Teile eines Buches: das Gesamtwerk war das opus oder liber; die einzelnen Bücher innerhalb des Gesamtwerks nannte man libri oder volumina; die Kapitel waren capitula oder tituli; deren Überschrif­ten wurden ebenfalls als tituli be­zeichnet und das Inhalts­verzeichnis als capitula­tio oder titulatio.[16]

Mit der Erfindung des Buchdrucks erlebte die Kapi­telüberschrift dann eine Blütezeit, da sie zusammen mit der Inhaltsangabe und dem Titel des Werks einen Anreiz zum Kaufen darstellte.[17] Im 15. und 16. Jahrhundert blieben die Über­schriften ihrer inhaltsresümierenden Funktion verhaftet. Fast ausschließlich bedienten sie sich stereotyper Einleitungsformeln, die den summari­schen Cha­rakter der Überschrift indizierten. Aspekte wie Spannungserzeugung oder Evo­zierung von Neugier waren irrele­vant, die Vorwegnahme des Gesche­hens war konstituierend für die Romanstruk­tur.[18] Da­durch ermöglichten sie eine paradig­matische Rezep­tion, d.h. es genügte, die Kapitelüberschriften eines Romans zu lesen, um einen relativ lückenlosen Überlick über Fi­guren und Handlung zu erhalten.

In der Zeit bis zum 19. Jahrhundert änderten die Überschriften ihren Charak­ter vor allem dadurch, daß sie immer kürzer wurden und schließlich nur noch aus einem Wort bestanden. Außerdem war es nicht mehr selbst­verständlich, daß Summare oder Teilsummare auch tatsächlich einlösten, was sie zu Beginn des Kapi­tels ankündigten.[19] Der moderne Roman verzichtet völlig auf eine Teilung des Gesamttextes und nimmt dem Er­scheinen der Kapitelüberschrift dadurch ihre Grundvor­aussetzung. Kapitel und Kapitelüberschriften treten al­lenfalls dort auf, wo sie als "parodistisch-überspitztes Mittel oder in bewußt archaisierender Manier" (Ayrenschmalz 1962: 210) gebraucht werden.

In England ist das Erscheinen der synoptischen Kapi­telüberschrift am Ende des 17. Jahrhunderts in Roma­nen, die den spanischen Schelmen­­roman zum Vorbild nahmen, erstmalig zu beobachten.[20] Das folgende Schau­bild bietet einen systematischen Überblick über den Gebrauch der synoptischen Kapitelüber­schrift im engli­schen Roman des 18. Jahrhun­derts.[21]

Auftreten von synoptischen Kapitelüberschriften im englischen Roman von 1660-1800*

* Es wurden insgesamt 187 Inhaltsverzeichnisse englischer Romane eingesehen. Für die Deka­den von 1700-1710, 1710-1720 und 1730-1740 sind die Angaben aufgrund nur geringen Mate­rials unsicher.

Beim Einblick in die Romane wurde eine eindeutige Relation zwischen Genre und Gebrauch von Kapitelüber­schriften festgestellt. Es konnte z.B. kein Brief- oder Tagebuchroman gefunden werden, der sich dieser An­kündigungen bedient. Synoptische Kapitelüberschriften waren vorwie­gend in Romanen zu finden, die der Gattung des pikaresken Abenteuer­romans angehören.[22] Eine weitere Ver­bindung konnte zwischen dem Er­scheinen der Kapitel­überschrift und der Art der Erzählsituation beobachtet werden. Von weni­gen Ausnahmen abgesehen,[23] scheint die synoptische Kapitelüber­schrift an die Existenz einer ausgestalteten, vermittelnden Erzählinstanz gebunden zu sein.

Diese Interdependenzen sind aufgrund der unter­schiedlichen Wirklich­keits­darstellungen der Subgattun­gen des Romans plausibel. Romane in Form des Briefes oder der Autobiographie sind durch kontinuierliche Fak­tizitätspostulate und Authentizitätsbeglaubigungen ge­kennzeichnet. Die erzählerische Vermittlung in der er­sten Person Singular ist konstitutiver Bestandteil die­ser Authentisie­rungsstrategien. Allein die Einteilung der Werke in Kapitel hätte den Wahr­heitsanspruch die­ser Gattungen durch­kreuzt, da sie einen Eingriff in das Werk darstellt, der die Fiktionalität desselben betont.

An dieser Stelle können bereits Hypothesen für die Ursache des Verschwin­dens der Kapitelüberschrift gebildet werden. Der "Tod des epischen Erzählers" (Kayser 1954/1968: 24) im modernen Roman kann den 'Tod der Kapitelüber­schrift' bedingt haben. Hinsichtlich einer Definition der synoptischen Kapitel­überschrift können folgende Zusätze gemacht werden: Grundbedingung für das Auftreten der Kapitelüberschrift ist die Einteilung des Werkes in Kapitel. Desweiteren kann man ex nega­tivo bestimmen, daß das Auftreten der Kapitel­über­schrift in Briefromanen, Tagebuchromanen oder fiktiven Autobiographien - ganz allge­mein in allen Romanen, denen ein Wirklichkeitsanspruch inhärent ist - unwahr­schein­lich ist. Diese Feststellung korreliert mit der Annahme, daß jede Erzäh­lung, die durch eine explizit auftretende Erzählinstanz vermittelt wird, eine weitere Grundbedingung für das Auftreten der Überschrift bereitstellt.[24]

1.2 Relation zwischen synoptischer Kapitelüberschrift und Text:

Bedeutung und Relevanzabschätzung für den Roman

Im Überblick über die Forschungslage zur Kapitel­überschrift wurde bereits die defizitäre Differenzie­rung von Titel und Kapitelüberschrift fest­gestellt.[25] Zu­sammen mit Textelementen wie Inhaltsverzeichnis, Gattungsbezeichnung, Vor- oder Nachwort wird das Phä­nomen der Kapi­telüberschrift häufig als textexterner Bestandteil behandelt, der dem Bereich der Literatur­produktion angehört, also von einem Verfasser oder Heraus­geber gesetzt wird und dem Binnentext hierar­chisch übergeordnet ist. Das heuristische Prinzip dieser Arbeit basiert jedoch auf einer grundlegenden Trennung von Werktitel und synoptischer Kapitelüber­schrift hin­sichtlich ihrer Positionen im "gesellschaftlichen Hand­lungsbereich LITERATUR" (Schmidt 1980).[26] Zu dieser Ausgangshypothese führt zunächst ein Ver­gleich der Primärfunktionen von Titeln und Überschriften und de­ren Bedingungen.

Formen und Wirkungen von Titeln sind seit der Entstehung von Litera­tur Gegenstände literaturwissenschaftlicher Untersuchungen, da Titel den ersten Kontakt zum potentiellen Käufer des Buches herstellen und die Werbefunktion für alle Beteiligten der Literaturproduktion eminent wichtig ist.[27] Der Wirkungs­bereich des Titels befindet sich jedoch im Gegensatz zu dem der Kapitelüber­schrift außerhalb des Handlungskontex­tes des Werks, weshalb der Erfüllungs­modus seines Funktionspotentials voll­kommen anderen Bedingungen unter­liegt.[28]

Gemeinsamkeiten von Titel und Überschrift bestehen in der Erzeugung von Erwartungen und der Stimulation zur Lektüre, Unterschiede in ihrer Kontextde­termina­tion.[29] Die Werbefunktion der Kapitelüberschrift ist der des Werktitels hierarisch untergeordnet. Letzterer muß den potentiellen Rezipienten erst dazu animieren, das Buch in die Hand zu nehmen und durchzublättern (nicht zuletzt dazu, das Buch dann zu kaufen), bevor die Kapi­telüberschrift dazu beitragen kann, die Attraktivität des Werks anzupreisen. Zweifellos kann der se­manti­sche Gehalt des Titels nach der Lektüre des Romans andere Realisierungen durch den Leser erfah­ren,[30] die Primärfunktion des Titels steht jedoch immer außerhalb des werkinter­nen Kontextes.

Nichtsdestotrotz werden Kapitelüberschrift und Werktitel häufig in syno­nyme literaturtheoretische Kategorien eingeordnet. Unter textwissen­schaft­lichen Arbeiten ist ein Konsens über die Zuordnung der Über­schrift zu der Gruppe der Metatexte festzustel­len,[31] während neuere, narratolo­gisch fundierte Arbei­ten Titel und Überschriften als Paratexte bezeich­nen.[32] Eine kurze Betrach­tung der zentralen Argumente in der literatur­wissenschaftlichen Diskussion soll verdeutli­chen, daß die synopti­sche Kapitelüberschrift eine Son­derstellung inner­halb des Phänomens 'Überschrift' ein­nimmt und weder zur Kategorie der Metatexte noch der Paratexte eindeutig zuzuordnen ist.

Metatexte machen per definitionem Aussagen über einen Text innerhalb des­selben. Genette sieht Metatextualität als "die als 'Kommentar' apostro­phierte Beziehung zwischen einem Text und einem anderen, der sich mit ihm auseinan­dersetzt" (1982/1993: 13). In jedem Fall können metatextu­elle Beschreibungen oder Kommentare paradigmatisch, d.h. unabhängig vom Text, den sie bezeich­nen oder kommentieren, gelesen und semanti­siert werden. Subsumiert man nun Werktitel, Inhaltsverzeich­nis, Pro- oder Epilog unter metatextuelle Erscheinun­gen, so trifft dies zweifellos zu; insbesondere bei Titeln und Inhaltsverzeichnis­sen wird die paradigma­tische Rezeption zur notwendigen Bedingung. Synopti­sche Kapitelüber­schriften unterliegen jedoch nicht der Kondition, einen unbe­kannten, nicht präsup­ponierten Kontext referieren zu müssen und enthal­ten daher häufig Pro­nomina, Deiktika o.ä., "die etwas Abwesendes, wenngleich Bekanntes darstellen" (Wulff 1979: 288f). In diesem Fall wird eine paradigmati­sche Rezep­tion zur Aporie für den Leser, der den Sinn dieser Überschriften nur im Kontext ihrer Bezugstexte entschlüsseln kann.

Wolf (1993: 262) macht die zutreffende Feststel­lung, daß Formen von Über­schriften existieren, die me­tafiktionale Funktionen übernehmen können. Zu die­sen zählt er Paratexte, die nicht "histoire -zentriert" sind, also das Verhältnis von Literatur und Realität thematisieren. Die vorlie­gende Arbeit schließt sich dieser Beobachtung an, aus diesem Grund wird in der Typologie der Erschei­nungs­formen der synoptischen Kapitelüber­schrift die dominant metafiktionsbe­zogene Überschrift aufge­führt. Problema­tisch an Wolfs Untersuchung ist jedoch, daß er Paratexte nur hinsichtlich ihrer illusionstö­renden oder -affimie­renden Wirkung unter­sucht und so letztendlich zu dem Ergebnis kommt, daß Paratexte

"zwar als wirkungsäs­thetisch potentiell interessante Teile eines narrativen Textes bei der Beurtei­lung der Illusionsbildung wie ihrer Störung zu beachten sind, aber, da sie sich eigentlich meist nur typographisch klar als solche bestimmen lassen, in systematischer Hinsicht (selbst als metafiktional funktionalisierte) nicht als konstituierende Elemente eines eigenen Charakte­risti­kums illusionsstö­render Narrativik angesehen werden können" (ebd.: 265).

Die typographische Exteriorität scheint im allgemei­nen ein ausreichen­des Kriterium zur Klassifikation der Überschriften als textexterne Ele­mente zu sein. Genette definiert Paratexte als "'zone indécise' entre la dedans et le dehors" (1987: 8) und äußert sich darüber hinaus nicht weiter zu Abgrenzungs- und Definitionskriterien. Stoltz (1990) nimmt eine kriti­sche Gegenposition zu dieser Einordnung ein und argumentiert, daß jeder, der einen Titel liest, sich schon innerhalb des Textraumes befindet, da Titel und alle weiteren paratextuellen Er­scheinungsformen vom Text untrennbar seien. Wiederum kann hier das Argu­ment der paradigmatischen Rezeption eine Antwort auf beide Positionen geben. Zunächst muß nochmals heraus­gestellt werden, daß Titel oder Gat­tungsetikette sehr wohl getrennt vom Text existieren können und beispielsweise in der Wer­bung so gezielt eingesetzt werden. Auch die Kapitelüberschrift, wenn sie als Übersicht schaffendes, gliederndes Mittel eingesetzt wird, muß unabhängig vom Text ihre Funk­tion erfüllen können.

Die synoptische Kapitelüberschrift läßt sich jedoch weder den Meta- noch den Paratexten eindeutig und aus­schließlich zuordnen. Ihr Funk­tionspotential liegt nicht darin, dem Rezipienten als Surrogat für Klappen­text oder Inhaltsan­gabe zu dienen. Um diese These zu untermauern, ist ein Rückgriff auf die zu Be­ginn erfolgte Behauptung, die synoptische Kapi­telüber­schrift gehöre zum Bereich der Literaturvermittlung und nicht der Literaturproduktion, erforderlich.

Stanzel (1995: 58ff.) definiert die synoptische Kapi­telüberschrift durch Satz­länge, Präsensgebrauch und fehlende Hinweise auf die Mittelbarkeit des Erzäh­lens. Der Terminus "Satzlänge" ist per se ein sehr vages und unzureichendes Definitionskriterium. Ein grammatikali­scher Satz besteht mindestens aus Subjekt und Verb, kann also im Extremfall äußerst kurz sein. Folgendes Beispiel zeigt, daß auch die weiteren Kriterien nicht immer eindeutig zu bestimmen sind:

Mr Wild with unprecedented generosity visits his friend Heartfree and the ungrate­ful reception he met with (Jonathan Wild, im folgenden abgekürzt als JW, III, 10).[33]

Diese Überschrift besteht aus einem Hauptsatz und einer unvollständigen Satz­konstruktion. Der Hauptsatz enthält ein Verb im Präsens, das keine Mittelbarkeit des Erzählens signalisiert. Dieser Teil der Überschrift wäre nach Stanzels Defi­nition also der Gruppe synopti­scher Kapitelüberschrif­ten zuzuorden. Die Mittel­barkeit des Erzählens kommt jedoch in der attri­butiven Kon­struktion "with unprecedented generosity" explizit zum Aus­druck. Es ist also eine Instanz vor­handen, die evaluative und sympathie­len­kende Kommentare zum Charakter Wilds und der Art seines Besuches liefert und die Überschrift als erzählenden Text klassifiziert. Die elliptische Konstruktion im zweiten Teil der Überschrift suggeriert zudem die Abwe­senheit eines Mittelbarkeit gestalten­den Verbs ("Relating the ungrateful reception...") und indiziert so ebenfalls den erzählen­den Charakter der Kapitel­überschrift. Eine Kopplung von besprechenden und erzäh­lenden Elementen dieser Art ist häufig in Fieldings Überschriften auszuma­chen:

Allworthy visits old Nightingale; with a strange discovery that he made on that occa­sion (Tom Jones, im folgenden abgekürzt als TJ, XVIII, 3).

Mrs Deborah is introduced into the parish with a simile. A short account of Jenny Jones, with the difficulties and discouragements which may attend young women in the pursuit of learning (TJ, I, 6).

Zumindest in Hinblick auf die Analyse der Fielding'schen Ro­mane ist eine Ausweitung von Stanzels Definition der synoptischen Kapitelüberschrift erfor­derlich. Zunächst geht die vorlie­gende Arbeit davon aus, daß Verben und For­mulierungen, die die Mittel­barkeit des Erzählens signa­lisieren, den synopti­schen Charakter der Über­schrift nicht zwangsläufig ausschließen. Sie werden hier als stereo­type und etablierte Konvention betrach­tet, der Fielding insofern schon auszu­weichen versucht, indem er in einem Großteil der Überschriften völlig auf Verben oder präpositionale Konstruktionen verzichtet, die explizit auf einen Erzählvorgang hinweisen.

Vielmehr wird die synoptische Kapitelüberschrift im Sinne von Stanzels Definition als eine Art 'Urform' und als paratextuelles Element betrachtet. Im Laufe der Geschichte gewinnt diese Überschrift an erzäh­lendem Charakter und nimmt nicht mehr die Funktion von Paratextualtität wahr. Konstitutiv für die synoptische Kapitel­überschrift im englischen Roman des 18. Jahrhunderts ist der Bezug zum Inhalt des Romans, also eine immer präsente referentielle Funk­tion. Generalisierungen, Sentenzen, Sinnsprüche und Mottos werden hier nicht zur Kategorie synoptischer Kapitelüber­schriften gezählt, da ihr Bezug zur text­internen Kom­munika­tionsebene zu weit entfernt ist. Sie bilden eine Son­der­gruppe von Über­schriften, die zu untersuchen im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden kann, aber lohnendes Material für weitere Arbeiten darstellt.[34] Die Möglichkeit der paradigmatischen Rezeption ist ein wei­teres Charakteristi­kum der 'Urform' der synopti­schen Überschrift und aller Phänomene, die als Pa­ratexte bezeichnet werden können. Je schwie­riger dieser Vorgang wird, desto mehr entfernt sich die synoptische Kapi­telüberschrift also von ihrer traditionellen Form und Funktion und über­nimmt andere Aufgaben, die im Zentrum dieser Untersuchung stehen werden.

Festzuhalten ist: Die synoptische Kapitelüberschrift im Roman des 18. Jahr­hunderts ist ein integrativer Be­standteil des narrativen Textes mit einer vermit­telnden Erzählinstanz, die auf die Rezeptionsweise des Textes je nach Grad ihrer Ausgestaltetheit aktiv einwirken kann. Sie kann sowohl metafiktionale, als auch paratex­tuelle Funktionen übernehmen, ist jedoch keiner der bei­den Kategorien ausschließlich zuzuordnen.

Im anwendungsbezogenen Teil dieser Arbeit wird sich zeigen, daß das rezeptionssteuernde Potential der Kapitelüberschriften nicht nur in der

Erfüllung subsidi­ärer Aufgaben liegt, sondern daß Kapitelüberschriften und

[...]


[1] Henry Fielding, Joseph Andrews, II,1, 123f.

[2] Vgl. zur Definition von Synopse und synoptischer Überschrift Stanzel (1995: 40-66) und Kapitel II, 1.2 dieser Arbeit.

[3] Fast jede Studie zur Erzähltheorie und Romanstruktur von JA nimmt Fieldings Einleitungskapitel als Ausgangspunkt für weitere narratologische Analysen. Ausschließlich mit diesen Kapiteln befaßt sich Chibka (1990). Vgl. dazu auch Kaplan (1973), der die Einleitungskapitel von TJ ins Zentrum seiner Betrachtung stellt.

[4] Dies entspricht der traditionellen Form der Synopse. Bei näherer Betrachtung der Formenvielfalt der synoptischen Kapitelüberschrift werden sich Abweichungen dieser Definition feststellen lassen, so z.B. der Bezug auf ein vorhergehendes Kapitel.

[5] Der von Hellwig (1984: 1) offerierte Terminus "Ko-Text" erweist sich nicht als beschreibungsadäquat, da er suggeriert, daß der Inhalt des Kapitels dem der Überschriften untergeordnet ist. Die vorliegende Arbeit geht jedoch von keinem hierarchischen Verhältnis dieser Textelemente aus.

[6] Vgl. dazu Kapitel II, 1.2 dieser Arbeit.

[7] Dies betrifft insbesondere die Kapitelüberschrift im Roman. In anderen Gattungen dagegen ist der rezeptionsästhetische Aspekt der Überschrift bereits in verschiedenen Arbeiten untersucht worden, vgl. z.B. zur Lyrik Kuhnen (1953) und Scheuermann (1982), zum Drama Bekes (1979).

[8] Zu Genettes Einordnung der Überschrift als paratextuelles Element vgl. auch Kapitel II, 1.2 dieser Arbeit.

[9] Vgl. Bühler (1965: 24-33).

[10] Volkmann weist in seiner literaturgeschichtlichen Untersuchung des deutschen Romantitels auf Titel-Poetiken hin, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen (1954: 1147).

[11] Dazu zählen: Palmer (1989), Mutschmann (1911) und wiederum die Arbeiten von Rothe (1986.), Schnitzler (1983) und Wieckenberg (1969.). Bibliographische Hinweise zu neusten Titel-Studien sind in Schnitzler (1983) und Genette (1988) zu finden.

[12] Vgl. Friderici (1911: 58), Mutschmann (1911), Wieckenberg (1969: 28) und Palmer (1989: 45).

[13] Vgl. Friderici (ebd.: 37).

[14] Vgl. Palmer (ebd.: 50).

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. ebd.: 53.

[17] Vgl. Wieckenberg (1969: 42; 47).

[18] Vgl. ebd.: 58.

[19] Vgl. Schnitzler (1983: 13).

[20] Der Picaro-Roman gilt als die erste Gattung, die synoptische Kapitelüberschriften verwendete, wobei Tarr (1969) gezeigt hat, daß nicht Lazarillo de Tormes (1554) als Maßstab gesetzt werden kann, da die Überschriften erst nachträglich vom Verfasser hinzugefügt wurden, sondern Cervantes' Don Quixote (1605) der erste Roman ist, der diese Form von Überschrift dezidiert einsetzt.

[21] Anstoß zu diesem Schaubild gab Schnitzlers Tabelle der Kapitelüberschriften des französischen Romans im 19. Jahrhundert (1983: 264).

[22] Vgl. dazu auch Miller, der Kapiteleinteilung und Überschriften als "althergebrachte Mittel des Schelmenromans" bezeichnet und feststellt, daß der roman sentimental diese Zäsuren weitgehend vermeidet (1968: 72).

[23] Vgl. z.B. Tobias Smolletts Roman Roderick Random (1748), in dem ein Ich-Erzähler das Geschehen vermittelt und diese Erzählsituation auch in den Kapitelüberschriften beibehalten wird.

[24] Zu dem gleichen Ergebnis kommt auch Schnitzler für den französischen Roman (1983: 11f.).

[25] Vgl. dazu z.B. Kuhnen (1953), der die gleiche Beobachtung macht. Er begründet die Notwendigkeit terminologischer Differenzierungen mit der Konvention, daß Überschriften in sich abgeschlossener Werke i.d.R. "Titel" genannt werden, Kapitel jedoch nicht autonom und kontextunabhängig gelesen werden und daher "Überschriften" tragen. Inkonsequenterweise wählt er dann für seine Analyse des Gedichttitels die Bezeichnung "Gedichtüberschrift" und läßt seine Differenzierungskriterien damit unsicher und implausibel erscheinen.

[26] Für andere Formen von Überschriften wie Numeraltitel, Motto oder Einwortüberschrift mögen die gleichen Parameter zur Bestimmung von Textsorte, Funktion und Rezeptionsbeein­flussung gelten wie für den Werktitel oder die Gattungsbezeichnung, diese Typen sind jedoch nicht Gegenstand der Untersuchung.

[27] Dies hat der Titel fiktionaler Texte aller Gattungen mit dem Titel nichtfiktionaler Texte gemein. Vgl. dazu auch Meyer (1987: 140): "Der Titel hat Werbefunktion; er preist eine Ware an, darin besteht seine Funktion."

[28] Vgl. Schnitzler (1983: 1-14).

[29] Vgl. Rothe (1986: 27).

[30] Vgl. dazu Hoek: "Le sens réel d'un titre n'apparaît qu'après la lecture du texte; souvent l'impression qu'on avait précédement d'un titre est complètement changé après la lecture." (1973: 3), sowie Kessler/Pilz (1990: 348), die darauf hinweisen, daß Titel literarischer Texte nicht nur voraus- sondern auch rückwirken können, da manche Titel erst nach dem Lesen des Folgetextes ver­ständlich werden.

[31] Vgl. Hellwig (1984: 16), Nord (1989: 519) und Kühn (1992: 624).

[32] Genette inauguriert diesen Terminus in Palimpseste (1982/1993) und trennt dort Paratexte und Metatexte als verschiedene Formen von Transtextualität. Punktuell aufgegriffen wird das Phänomen des paratextuellen Elements in den Arbeiten von Stoltz (1990), Wolf (1993: 260-265) und Nünning (1995c: 153-172; 225f.).

[33] Im Verlauf dieser Arbeit beschränken sich die Angaben zu Zitaten der Kapitelüberschriften aus Fieldings Romanen auf Verweise zu Buch- und Kapitelnummer, um die Nachvollziehbar­keit beim Gebrauch anderer Werkausgaben zu erleichtern.

[34] Segermann hat diese Aufgabe am Beispiel französischer Gedichte der Romantik bereits übernommen (1977).

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Formen und Funktionen synoptischer Kapitelüberschriften im englischen Roman des 18. Jahrhunderts
Hochschule
Universität zu Köln  (Phil.Fak.)
Note
1,3
Autor
Jahr
1997
Seiten
71
Katalognummer
V236
ISBN (eBook)
9783638101806
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Formen, Funktionen, Kapitelüberschriften, Roman, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Astrid Leszinski (Autor), 1997, Formen und Funktionen synoptischer Kapitelüberschriften im englischen Roman des 18. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/236

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