Politik im Fernsehformat: Die politische Berichterstattung im privaten Fernsehen am Beispiel der Hauptnachrichtensendung 'RTL Aktuell'


Magisterarbeit, 2004
156 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ausgangssituation
1.2 Wahl des Untersuchungsgegenstands
1.3 Fragestellungen und Untersuchungsaufbau
1.4 Strukturierung der Arbeit
1.5 Abgrenzung des Themas

2 Das Fernsehen als Medium der politischen Darstellung
2.1 Zum Begriff des Leitmediums
2.2 Fernsehen unter dem theoretischen Aspekt der Politikvermittlung
2.2.1 Normativer Bezugsrahmen nach Sarcinelli
2.2.2 Politikvermittlungsleistung privater Anbieter
2.3 Nutzungsverhalten und Sichtweisen zu Informationsangeboten
2.4 Bedeutung von Nachrichtensendungen

3 Äußere Einflüsse auf die Politikdarstellung in Fernsehnachrichten
3.1 Die Unterhaltungsfunktion des Fernsehens
3.1.1 Inhaltliche Schwerpunktsetzung in der Programmstruktur
3.1.2 Politische Information im Kontext von Unterhaltungsorientierung und Entpolitisierung
3.2 Berichterstattung unter dem Einfluß der medialen Inszenierung
3.2.1 Zum Verhältnis von Medien und Politik
3.2.2 Politische Adaption und Eigeninszenierung als Wechselwirkung zwischen Politik und Fernsehen
3.3 Fernsehnachrichten im Wettbewerb

4 Innere Bestimmungsfaktoren der Nachrichtenproduktion
4.1 Ereignis und Nachricht
4.1.1 Begriffsbestimmungen
4.1.2 Beziehungsmuster
4.2 Fernsehnachrichten als Produkt
4.2.1 Aufmerksamkeitsregeln und Medienlogik als Selektionskriterien
4.2.2 Theorien der Nachrichtenselektion
4.3 Nachrichtenwert und Nachrichtenfaktoren
4.3.1 Entwicklung der Nachrichtenwerttheorie
4.3.2 Operationalisierung von geeigneten Nachrichtenfaktoren
4.4 Kontext der Nachrichtenwiedergabe bei ‚RTL Aktuell‘
4.4.1 Darstellungsformen und Gestaltungselemente
4.4.2 Die Rolle der Nachrichtensprecher/Moderatoren
4.4.3 Präsentationsweise und Sendungsablauf

5 Überprüfung der theoretischen Befunde am Beispiel von ‚RTL Aktuell‘
5.1 Untersuchungsinstrumentarium
5.2 Methodisches Vorgehen
5.3. Sendeprotokoll ‚RTL Aktuell‘ vom 20.09.2002

6 Auswertung der exemplarischen Sendung
6.1 Formale Sendungsmerkmale
6.2 Inhaltliche Merkmale der politischen Berichterstattung

7 Politik im Fernsehformat: Zusammenfassung und Ausblick
7.1 Zusammenfassung der Befunde dieser Arbeit
7.2 Auswirkungen der fernsehspezifischen Berichterstattung
7.2.1 Boulevardisierung der Berichterstattung
7.2.2 Von der Politikdarstellung zur Politikherstellung
7.2.3 Wie entwickelt sich die politischen Berichterstattung?

8 Quellenverzeichnis
8.1 Literatur
8.2 Artikel und Internet-Veröffentlichungen
8.3 Statistiken und Untersuchungsberichte
8.4 TV-Materialien

Anhang

Erklärung zur Magisterarbeit

1 Einleitung

„Ich habe den Eindruck, daß das politische Interesse an ausführlicher Darstellung politisch relevanter Sachverhalte zurückgetreten ist und der Unterhaltungszweck der Darstellung politischer Sachverhalte immer mehr in den Vordergrund tritt.“[1]

Anläßlich einer Tagung der Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft im Februar 1997 beklagte der ehemalige CDU-Ministerpräsident Biedenkopf die Flüchtigkeit, mit der politische Themen in den Medien oft abgehandelt werden. Defizite in der journalistischen Aufbereitung sind seiner Meinung nach die Ursache dafür. Inwieweit Biedenkopf in seiner subjektiven Wahrnehmung richtig liegt, läßt sich nur schwer definitiv klären. Unbestritten gibt es aber einige Indizien und Fallbeispiele in der politischen Berichterstattung, an denen ein „Unterhaltungszweck der Darstellung“ , um im Sprachjargon zu bleiben, aufgezeigt werden kann. Diesen Schritt will diese Arbeit leisten und hat sich zu diesem Zweck am Beispiel des Mediums Fernsehen die Hauptnachrichtensendung ‚RTL Aktuell‘ als exemplarischen Untersuchungsgegenstand gewählt. In diesem Kontext wird hier davon ausgegangen, daß man terminologisch so etwas wie den Inhalt von der Erscheinungsform von Politik unterscheiden kann, auch wenn in der Praxis beides, wie im Weiteren aufgezeigt werden wird, nicht immer klar voneinander abzugrenzen ist.

1.1 Ausgangssituation

Politischer Erfolg ist an die Akkumulation von Wahrnehmungen gebunden. Die Wahrnehmung von Politik in unserer Gesellschaft erfolgt hauptsächlich durch die Massenmedien. Man könnte auch sagen, moderne Politik ist primär medienvermittelte Politik. Denn die Möglichkeiten zur Eigenerfahrung von Politik durch direkte Anschauung, sei es durch den Besuch einer Parteiveranstaltung oder Wahrnehmung einer Bürgersprechstunde, sind verhältnismäßig gering. Allenfalls läßt sich dies auf kommunaler oder regionaler Ebene bewerkstelligen, auf nationaler Ebene kaum mehr. Hier übernehmen die Massenmedien eine wichtige Vermittlerfunktion. Luhmann hat hierzu allgemein festgestellt: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“[2]

Auch wenn man die These Luhmanns nicht in ihrer Gesamtheit teilen muß, so ist doch die starke Stellung der Medien im allgemeinen und bezüglich der politischen Darstellung im speziellen unstrittig.

„Das politische Geschehen wird von der Bevölkerung […] wesentlich durch den Filter des Rundfunks wahrgenommen.“[3] Das Fernsehen trägt in erheblichem Maße zur Herausbildung von Einstellungen und Werten bei und übernimmt somit eine herausragende Funktion im politischen Kommunikationsprozeß. „Gerade für die politische Information kommt dem Fernsehen eine dominante Rolle zu.“[4]

Dabei hat das Fernsehen sich in seiner Struktur damit auch in seinen Programminhalten im Laufe der Jahre stetig verändert und weiterentwickelt. Bis in die achtziger Jahre hinein gab es praktisch nur öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten (was auch durch den Frequenzmangel bedingt war) mit einem mehr oder weniger konkret definierten Informationsauftrag. In den Nachrichtensendungen wurde ausführlich über das politische Geschehen berichtet, und zwar relativ unabhängig davon, ob sich das Thema oder Ereignis besonders zur visuellen Darstellung im Fernsehen eignete. Dazu bestand auch wenig Notwendigkeit; die öffentlichen Fernsehanstalten verfügten über ein Monopol – wer fernsehen wollte, mußte zusehen. Auch über Quantität und Qualität der Darstellung wurde vergleichsweise wenig diskutiert. ARD und ZDF verschaffte diese Stellung eine, auf die heutige Zeit bezogen, vergleichsweise große institutionelle Macht.

Das hat sich in den zurückliegenden Jahren grundlegend verändert. Basierend auf dem Rundfunkstaatsvertrag von 1987 wurden die Weichen für das duale Rundfunksystem gestellt, welches seitdem durch das Nebeneinander von öffentlich-rechtlichem, aus Gebühren finanziertem, und privatem, werbefinanziertem Rundfunk gekennzeichnet ist.[5] Die quantitative Vielfalt der Sender wurde durch diese Entwicklung verstärkt und schwächte insofern die Dominanz von ARD und ZDF. Die einstigen Monopolisten finden sich heute auf einem heiß umkämpften Fernsehmarkt wieder. Genauer gesagt auf zwei Märkten: dem Vertriebsmarkt und dem Werbemarkt.[6] Auf dem Vertriebsmarkt konkurrieren die Sender um die Aufmerksamkeit der Rezipienten – sprich Einschaltquoten. Auf dem Werbemarkt bieten die Anstalten eben diese Aufmerksamkeit ihrer Zuseher für Werbeeinschaltungen an und werden dafür mit Werbeeinnahmen bezahlt. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender buhlen so um die Gunst des Publikums, denn in Zeiten harter Konkurrenz und sinkender Erträge reichen die Rundfunkgebühren als alleinige Einnahmequelle nicht mehr aus. Und immer stetiger nimmt der Druck auf die Medienunternehmen, was Fernsehanstalten faktisch sind, zu, sich noch stärker oder alleinig an den Präferenzen ihrer Konsumenten, oftmals pauschal auch als ‚Massengeschmack‘ tituliert, zu orientieren.

Einen Hinweis darauf, wie diese Präferenzen aussehen, geben die Daten der kontinuierlichen Fernsehforschung. Sie vermeldete im Laufe der Jahre eine Verschiebung in den Marktanteilen, das heißt, in den durchschnittlichen Einschaltquoten, zugunsten privater Anbieter.[7] Die starke Erlebnis- und Unterhaltungsorientierung, durch die das privat-kommerzielle Fernsehen Zuschauer anlockt, spiegelt sich folgerichtig im Programm wider, und die entsprechenden Auswirkungen gehen auch am politischen Informationsangebot nicht vorbei. Denn auch Informationssendungen müssen sich sogenannten Quotenvorgaben stellen. Für die Sendungsmacher heißt dies, ihre Inhalte möglichst publikumsattraktiv zu gestalten. Reichweite, Unabhängigkeit und Geschwindigkeit in der massenmedialen Politikdarstellung haben sich mit dem Eintritt der Privaten erhöht. Verbunden mit der fortschreitenden Entwicklung und Ausdifferenzierung des elektronischen Mediums Fernsehen führt dies zu einer Tendenz der Live-Berichte und Echtzeit-Angebote und somit zu einer stark ereignis- und sensationsorientieren Berichterstattungspraxis. Meyer verdeutlicht dies mit einem auf den ersten Blick abstrakten erscheinenden Vergleich:

„[…] eines jedenfalls haben selbst [die] scheinbar so weit auseinander liegende Pole ‚Big Brother‘ und ‚Tagesschau‘ ganz sicher gemeinsam: Was als authentisch erscheint, ist meist durch und durch inszeniert.“[8]

1.2 Wahl des Untersuchungsgegenstands

Am Ausgangspunkt der Überlegungen steht die Annahme, daß sich ein privat-kommerzieller Fernsehsender durch die Art und Weise seiner Politikberichterstattung ein spezifisches Politikbild zeichnet.[9] Ursächlich dafür im harten Wettbewerb der Nachrichtensendungen untereinander ist vor allem das Bedienen der eigenen Zuschauerklientel sowie die vordergründig kommerzielle Programmausrichtung.[10] Drei Fixpunkte bilden so den Orientierungsrahmen für die Wahl des Untersuchungsgegenstands:

1. Nachrichtensendung: Die Entscheidung für eine Nachrichtensendung als Untersuchungsgegenstand und damit dem Vorzug gegenüber vergleichbaren Angeboten politischer Informationsvermittlung wurde getroffen, weil, wenn überhaupt, nur hier eine möglichst umfassende Wiedergabe der (tatsächlichen) politischen Geschehnisse, also der politischen Nachrichtenlage, erwartet werden darf. Diese Voraussetzung erfüllt in der Regel nur eine tägliche Nachrichtensendung. Bei den nicht täglich ausgestrahlte Sendungen mit politischen Inhalten handelt es sich in der Regel um keine Nachrichtensendungen, sondern um (Polit-)Magazine oder politische Talks. Diese Sendeformate haben von ihrem inneren Grundaufbau ein völlig anderes Wesen. Sie liefern in der Regel keine tagesaktuelle Berichterstattung. Das Einbringen solcher oder ähnlicher journalistischer Darstellungsformen in eine Nachrichtenanalyse würde jedoch das Gesamtergebnis verfälschen. Folgerichtig konzentriert sich diese Arbeit auf die wichtigste Nachrichtensendung eines Anbieters. In der quotenstärksten Sendezeit im Abendprogramm (Primetime) wird diese als Hauptnachrichtensendung oder auch Abendnachrichten bezeichnet.
2. Privater Programmanbieter: Die Untersuchung soll anhand einer Nachrichtensendung eines Privatsenders erfolgen, da überprüft werden soll, inwieweit im privat-kommerziellen Fernsehen exogene und endogene Faktoren Einfluß auf die politische Berichterstattung nehmen.

RTL[11] ist quotentechnisch der erfolgreichste Programmanbieter der letzten Jahre in Deutschland. Der Luxemburger Senders ist seit 1993 Marktführer was den Zuschaueranteil betrifft.[12] Das heißt, es wurde als Auswahlkriterium der Sender gewählt, der am häufigsten eingeschaltet wird. Es ist allerdings nicht davon auszugehen, daß die Wertschätzung auf das gesamte RTL-Programmspektrum zutrifft, zumal politische Inhalte nur ein Angebot unter vielen darstellen und erfahrungsgemäß nicht zu den Beliebtesten gehören. Dennoch oder auch gerade deshalb muß berücksichtigt werden, daß die hohe Grundakzeptanz eines Senders auch die kritische Distanz zu seinen Informationssendungen nachhaltig beeinflussen könnte. Den konkreten praktischen Bezug findet diese Arbeit also in der Fokussierung auf die Hauptnachrichtensendung ‚RTL Aktuell‘. Für ‚RTL Aktuell‘ spricht zudem, daß es die meist gesehene Nachrichtensendung im privaten Fernsehen ist.[13]

1.3 Fragestellungen und Untersuchungsaufbau

In dieser Arbeit steht das Fernsehen als audiovisuelles Medium im Mittelpunkt. Es soll untersucht werden, inwieweit es durch seine spezifische Darstellungslogik auf die politische Berichterstattung innerhalb von ‚RTL Aktuell‘ Einfluß nimmt. Dabei sind Einwirkungen aus zwei Richtungen zu beachten. Zum einen die Einflüsse von außen, zum anderen die Einflüsse von innen, die internen Bestimmungsfaktoren der Nachrichtenproduktion.

Bei den äußeren Einflüssen handelt es sich um die Unterhaltungsfunktion des Fernsehens, die zunehmende (Eigen-)Inszenierung der Politik sowie die Konkurrenzsituation der Nachrichtensendungen untereinander. Die Bestimmungsfaktoren der Nachrichtenproduktion können dem synchron als innere Einflüsse angesehen werden. Dazu zählt vor allem die Nachrichtendarstellung anhand von fernsehspezifischen Arbeitskriterien, den sogenannten Nachrichtenfaktoren. Der Hintergrund dieser Betrachtung besteht darin, daß fernsehspezifische Aspekte die Komplexität politischer Zusammenhänge prägen, indem sie die Auswahl der Themen und ihre Reihenfolge festlegen.[14] In der konkreten exemplarischen Überprüfung am Beispiel einer Nachrichtensendung von ‚RTL Aktuell‘ stehen diese fernsehspezifischen Aspekte in Erscheinung der Nachrichtenfaktoren im Vordergrund.

Würde man zu dieser Arbeit eine Hypothese verfassen, würde sie sinngemäß lauten: Die politische Berichterstattung im privaten Fernsehen am Beispiel der Hauptnachrichtensendung ‚RTL Aktuell‘ ist geprägt durch äußere und innere Einflüsse und daher nicht frei in ihrer Darstellung. Insbesondere die Anwendung von Nachrichtenfaktoren führen zu einer Marginalisierung und Boulevardisierung der Berichterstattung. Erhärtet wird diese Vermutung durch einen zentralen Befund einer Untersuchung aus dem Jahre 1997, veröffentlicht in der Fachpublikation Media Perspektiven. Dort heißt es: „‘RTL Aktuell‘ ist die politikfernste [Nachrichtensendung].“[15]

Aus den bisherigen Ausführungen hervorgehend orientiert sich die gewünschte Erkenntnis dieser Arbeit an der Leitfrage, wie die Nachrichtensendung eines privaten Fernsehsenders, verdeutlicht in der exemplarischen Betrachtung an ‚RTL Aktuell‘, die von ihr aufgegriffenen politischen Ereignisse bzw. Themen darstellt. Der Verständlichkeit und besseren Operationalisierung wegen ist die Leitfrage nachfolgend aufgeschlüsselt in zwei Teilfragen und untergliederten Aspekten. Sie sollen primär einen Orientierungsrahmen vorgeben, der Auskunft darüber gibt, auf welche Fragen dieser Arbeit in ihren Kapiteln und Abschnitten eingehen bzw. welche erwünschten Erkenntnisse sie liefern soll. Die Vorgehensweise besteht also nicht darin, die Fragen im Einzelnen der Reihe nach abzuarbeiten.

- In welchem übergeordneten Kontext bewegt sich die Nachrichtenproduktion eines privaten Programmanbieters?
- Welche Einflüsse von außen wirken auf die Berichterstattung?
- Welche inneren Faktoren bestimmen die Nachrichtenproduktion?
- Muß politische Berichterstattung ähnlich attraktiv sein wie die sonstige Unterhaltungsorientierung im Programm eines Leitmediums – mit entsprechenden Konsequenzen für Präsentation, Aufbereitung und Dramaturgie, also der Darstellung des Ereignisses bzw. des Themas?
- Wie wirken sich die äußeren Einflüsse und inneren Faktoren am konkreten Beispiel von ‚RTL Aktuell‘ aus?
- In welcher Wertigkeit (Plazierung innerhalb der Sendung, Beitragslänge, etc.) werden die einzelnen Politikthemen behandelt?
- Inwieweit beeinflussen Nachrichtenfaktoren Inhalte und erzeugen so ein inszeniertes Nachrichtenprodukt, d.h., ein vorgefertigtes Bild von Politik?

‚RTL Aktuell‘ wird täglich im Zeitfenster um 18.45 Uhr ausgestrahlt. Das Datenmaterial zur Beantwortung insbesondere der letzten Teilfrage liefert die Auswertung der exemplarischen Sendung vom 20.09.2002, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurde. Als Bewertungsansatz für die gesammelte Datenlage dient eine Untersuchung auf inhaltsanalytischer Basis, orientiert an denen im weiteren Verlauf zu formulierenden Kriterien. Die Konzentration liegt dabei, dem Charakter des Mediums Fernsehen entsprechend, vor allem auf den visuellen und textlichen Bestandteilen der Sendungen.

Wichtig: Trotz eines exemplarisch-analytischen Teils stellt diese Ausarbeitung keine empirische Nachrichtenanalyse im strengeren Sinne dar. Vielmehr versucht sie in einem umfassenden Überblick zu belegen, welchen weitreichenden Hintergründen, Zusammenhängen und Einflüssen die politischen Fernsehberichterstattung unterliegt. So gesehen bilden die Kapitel zwei bis vier nicht alleinig eine theoretischen Vorarbeit für die exemplarische Betrachtung ab Kapitel fünf, sondern tragen durch die gewonnenen Ergebnisse bereits in maßgeblichem Umfang an den sich ergebenden Schlußfolgerungen bei. Insgesamt betrachtet bezieht diese Arbeit ihre Erkenntnisse also aus den Ausführungen diverser Wissenschaftler und Autoren, aus der exemplarischen Untersuchung sowie den aus beiden Teilen sich ergebenden Schlüssen.

1.4 Strukturierung der Arbeit

Im dem Einleitungsteil sich anschließenden zweiten Kapitel dieser Ausarbeitung wird eingangs der gesellschaftliche Bedeutungshintergrund des Mediums Fernsehen durch die ihm zentral zugeschriebenen Begriffe ‚Leitmedium‘ (2.1) und ‚Politikvermittlung‘ (2.2) charakterisiert und präzisiert. Unter Verwendung von öffentlich zugänglichem Datenmaterial aus der kontinuierlichen Fernsehforschung sowie publizierten Untersuchungsberichten soll das Fernsehen in Bezug auf seinen Stellenwert als Medium der politischen Informationsvermittlung eingeordnet werden. Das Nutzungsverhalten und die Sichtweisen der großen Rezipientengruppen (2.3) bilden die Basis hierfür. Die Fokussierung auf die grundsätzliche Bedeutung von Nachrichtensendungen für eine breite Öffentlichkeit (2.4) bildet die Überleitung zu dem Hauptgegenstand der Untersuchung.[16]

Mit dem nachfolgenden Kapitel beginnt die Beschäftigung mit den Determinanten der Programmleistung. Es stellt sich zunächst die Frage, welchen generellen Einflüssen die Politikdarstellung in den Fernsehnachrichten unterliegt. In der Vergangenheit haben sich verschiedene Autoren mit dieser Frage beschäftigt. Ihnen ging es primär nicht nur darum, die Faktoren zu benennen, sondern diese auch zu strukturieren. Dabei wurden leicht differierende Begrifflichkeiten verwendet, die letztendlich jedoch das Gleiche meinen.

Östgaard schlägt eine Unterteilung in endogene ( „factors inherent in the news process“ )[17] und exogene Faktoren (politische und ökonomische Einflüsse) vor. Dem ähnlich differenzieren Kleppinger bzw. Flegel/Chaffee in intrinsische und extrinsische Faktoren.[18] Auch wenn auf der Mikroebene unterschiedliche Benennungen vorliegen, so sind sich die Autoren in der prinzipiellen Betrachtung einig. Daher wird dieser Unterteilung hier gefolgt. Im Rahmen einer Ausdifferenzierung wird eine getrennte Behandlung vorgenommen.

So sind die im dritten Kapitel formulierten Einflüsse synchron den exogenen bzw. extrinsischen Faktoren. Beispielhaft für einen exogenen Faktor ist die keineswegs passive Rolle der Politik in der Berichterstattung. Mediale Eigeninszenierungen sowie das Anpassen an die spezifischen Fernsehgesetzmäßigkeiten stehen dabei im Vordergrund. Aber auch der Wandel des Fernsehen hin zu einem Unterhaltungsmedium, in dem häufiger nach Zerstreuung und Entspannung als nach politischen Informationen gesucht wird, ist ein wesentlicher exogener Faktor. Nicht zuletzt nimmt auch die stetige Konkurrenzsituation verschiedener Nachrichtensendungen untereinander und die daraus resultierende Wettbewerbssituation Einfluß auf die Anbieter. Die drei wesentlichen Einflüsse, die von außerhalb auf das Medium einwirken, sind also

- die Unterhaltungsfunktion (3.1)
- die medialen Anpassungs- und (Eigen-)Inszenierungsprozesse der Politik im Verhältnis zu den Medien (3.2)
- die Wettbewerbssituation mit konkurrierenden Nachrichtensendungen (3.3)

Eine Ausführung dieser Aspekte ist deshalb von Relevanz, da die wachsenden Steuerungsversuche durch die Politik für das Fernsehen bzw. die zunehmende Beeinflussung der politischen Berichterstattung durch die Unterhaltungslogik des Mediums nicht ohne Konsequenzen für die Darstellung von Politik im Fernsehen bleiben (können).

In diesem Kontext wird das Thema bzw. das Ereignis, über das berichtet wird, nicht als äußerer Einflußfaktor in dem gleichen Zusammenhang betrachtet, wie dies für die anderen thematisierten Einflüsse gilt. Unbestritten wirkt ein Ereignis bzw. ein Thema von außen auf das Nachrichtenangebot ein, indem es sich beispielsweise durch seine Wichtigkeit aufdrängt. Allerdings ist selbst dann die Art der Darstellung des Ereignisses bzw. des Themas als Nachricht (darum geht es in dieser Arbeit) vielmehr als das durch die äußeren und inneren Einflüsse der Nachrichtenproduktion entstandene Resultat der Berichterstattung zu sehen.

Darüber hinaus muß bedacht werden, daß alles, was Nachrichtensendungen in jeglicher Weise vermelden, als Information, also als Nachricht oder Meldung zu betrachten ist. Verbreitet eine Nachrichtensendung keinerlei Informationen, so ist sie keine Nachrichtensendung mehr. Folglich gibt es keine Nachrichtensendung ohne Nachricht – die Nachricht ist somit eine Konstante. Dies gilt nicht in gleichem Maße für die Einflußfaktoren, gleichgültig ob es sich um äußere oder innere Einflußfaktoren handelt. Sie sind abhängig von gesellschaftlichen und temporären Veränderungen und damit variabel.

Die unmittelbaren Bestimmungsfaktoren, die in stärkerem Maße für das für das Produkt ‚Nachrichtensendung‘ verantwortlich sind, werden im vierten Kapitel thematisiert. Es handelt sich hierbei den Definitionen folgend um die endogenen bzw. intrinsischen Faktoren, die innerhalb des Mediums Fernsehen angesiedelt sind. Im Einzelnen sind dies

- die Auswahl- und Darstellungsmechanismen anhand der fernsehspezifischen Arbeitskriterien, den Nachrichtenfaktoren (4.2 sowie 4.3)
- die telegene Präsentation mit ihren Darstellungsformen und Gestaltungselementen (4.4)

Das Verhältnis von äußeren und inneren Faktoren kann am treffendsten folgendermaßen charakterisiert werden: Die inneren Bestimmungsfaktoren verarbeiten die von außen kommenden Einflüsse anhand der Nachrichtenfaktoren, die eine Art fernsehspezifisches Muster vorgeben.

In diesem Kontext setzt sich dieses Kapitel daher auch zu Beginn mit dem grundlegenden Verhältnis von Ereignis und Nachricht (4.1) auseinander.

Das fünfte Kapitel bereitet die Analyse der konkreten ‚RTL Aktuell‘-Ausgabe vom 20.09.2002 vor, indem es die spezifischen Aspekte zur Anwendung eines geeigneten Untersuchungsinstrumentarium erläutert (5.1), die genauen formalen und inhaltlichen Merkmale der Betrachtung festlegt (5.2) sowie das Sendeprotokoll der exemplarisch zu betrachtenden Sendung (5.3) vorlegt.

Das sechste Kapitel wertet die Daten des Sendeprotokolls auf ihre formalen Merkmale hin aus (6.1). Die Analyse der inhaltlichen Merkmale der Politikberichterstattung erfolgt anhand einer tabellarischen Auflistung (6.2). Anschließend werden die gewonnenen Befunde strukturiert dargestellt und unter Überschriften thematisch zusammengefaßt.

Zu Beginn des abschließenden siebenten Kapitels erfolgt eine Zusammenfassung aller bisherigen Ergebnisse dieser Arbeit (7.1). Die Bewertung dieser Erkenntnisse unter den Gesichtspunkten einer zunehmenden Boulevardisierung sowie das Zeihen weitgehenderer Schlüsse und Auswirkungen für die Darstellung von Politik im Fernsehen über die vorliegenden Erkenntnisse hinaus ist Bestandteil des letzten Abschnittes (7.2) dieser Arbeit.

1.5 Abgrenzung des Themas

Mit Blick auf die Fragestellung ist es notwendig zu definieren, was genau in die Betrachtung eingeht und was unberücksichtigt bleiben muß. Denn in allen Nachrichtensendungen, insbesondere in ‚RTL Aktuell‘, werden nicht ausschließlich politische Themen zu Meldungen verarbeitet. Ganz im Gegenteil: In jüngster Zeit nehmen Katastrophenmeldungen nicht nur innerhalb des Nachrichtenangebots zu, sondern werden auch verstärkt zum Thema von Extra- und Sondersendungen im Anschluß an die eigentlichen Nachrichten.[19] Woran dies liegt, ob schlicht eine Zunahme an Unglücken und Naturkatastrophen stattfindet und/oder ein genereller Bedeutungsverlust der Politik eingetreten ist, läßt sich im Rahmen dieser Arbeit nicht überprüfen. Eindeutig ist jedoch, daß dies zu Lasten von politischen Themen geschieht.

Dennoch ist der Versuch einer Beschränkung auf rein politische Themen als Untersuchungsgegenstand nicht so eindeutig möglich, wie man es vermuten könnte. Die Problematik besteht darin, daß schwer zu definieren ist, wo in einer Nachricht politische Bezüge aufhören und andere Themenbereiche anfangen. In dieser Arbeit wird Politik als Überbegriff verwendet. Inhaltlich vereint er:

- die Entscheidungen von politischen Akteuren (Personen / Parteien / Verbände)
- das Geschehen innerhalb bzw. zwischen den politischen Parteien
- das öffentliche (mediale) Auftreten von Personen

Mit der Fokussierung und Einordnung von Nachrichten auf vier traditionelle Politikfelder (Deutsche Innenpolitik, Deutsche Außenpolitik, Transnationale Politik sowie Innenpolitik anderer Staaten) soll zudem der Versuch einer thematischen Eingrenzung vorgenommen werden. Es ist zu erwarten, daß während des Betrachtungszeitraums vor allem die Geschehnisse im Zusammenhang mit der Bundestagswahl die Berichterstattung wesentlich beeinflussen werden.

Die Einordnung dieser Arbeit in ein konkretes wissenschaftliches Forschungs- oder Teilgebiet innerhalb der Medienwissenschaft ist nicht unmittelbar möglich. Am ehesten kommt dafür die Nachrichtenforschung, eine vergleichsweise noch junge Disziplin, in Frage. Studien zur Nachrichtenproduktion bilden neben den Untersuchungen zu Rezeption und Wirkung von Nachrichten und der Erforschung von Nachrichteninhalten die drei wesentlichen Standbeine der Nachrichtenforschung. Auch wenn zur Vermittlung von Hintergründen auch Daten aus der kontinuierlichen Fernsehforschung, die vor allem Auskünfte über das Nutzungsverhalten und Einstellungen von Zuschauern geben, herangezogen werden, ist die Frage nach der Wirkung von Nachrichten nicht primärer Gegenstand der hiesigen Betrachtung. Im ihrem Kern befaßt sich diese Arbeit mit den an bestimmten Kriterien orientierten Nachrichteninhalten und läßt dazu auch ebenso Aspekte der Nachrichtenproduktion in die Untersuchung mit einfließen. Dadurch ergibt sich unausweichlich ein Betrachtungswinkel, der oftmals die Motive und Sichtweisen der Nachrichtenmacher, also des Senders oder der Sendung, in besonderem Maße hervorhebt.[20]

In dieser Ausarbeitung werden die Inhalte politischer Nachrichtenbeiträge nur auf ihre Darstellungsformen und Präsentationsweisen hin untersucht. Eine möglicherweise damit einher gehende oder gesondert auftretende ideologische oder politische Tendenz innerhalb der Berichterstattung ist nicht Bestandteil der Arbeit.

Anmerkungen zur Arbeit :

Im Verweis auf vorherige oder nachfolgende Ausführungen wird hier von Kapiteln und Abschnitten gesprochen. ‚Kapitel‘ meint die großen Themenblöcke, ‚Abschnitte‘ bezieht sich auf die Aufgliederung, also die Unterpunkte, innerhalb der Kapitel. Im Rahmen einer inhaltlichen Vertiefung einer Thematik wird zuweilen innerhalb eines Abschnittes auch noch weiter in ‚Unterabschnitte‘ untergliedert.

In diese Arbeit werden Informationen aus insgesamt fünf verschiedenen Medien (Literatur, Zeitschrift, Zeitung, Fernsehen und Internet) eingebracht und verarbeitet. In den Fußnoten wird auf eine vertiefende Textstelle oder Informationsquelle, deren Urspring nicht zitiert wird, mit ‚Vgl.‘ verwiesen. Der Autor wird dabei sowohl im Text als auch in der Fußnote erwähnt. Ist der Autor im Primärtext als Urheber nicht gekennzeichnet, so erfolgt der Verweis auf seinen Namen innerhalb der Fußnote mit ‚Siehe‘. Fehlen im Zusammenhang mit der Quellenangabe eines Zitats die dazugehörigen Seitenzahlen in der Fußnote, so liegt dies daran, daß das entsprechende Zitat aus dem Internet entnommen wurde, in dem der Aufbau nicht der Untergliederung in Seitenzahlen unterliegt.

Audiovisuelle Nachrichten stellen einen überaus komplexen Untersuchungsgegenstand dar. Daraus ergeben sich verschiedene Schwierigkeiten und Anforderungen. So ist es im Hinblick auf die exemplarische Überprüfung unerläßlich, die Merkmale der Untersuchung im Vorfeld zu operationalisieren. In dieser Herangehensweise besteht möglicherweise ein methodisches Problem, welches jedoch alle Erhebungen diesen Schemas aufweisen und das nicht vollkommen befriedigend zu lösen ist.

Im Rahmen der theoretischen wie auch exemplarischen Betrachtung ist es in Einzelfällen nötig, vorliegende Befunde mit Bedacht ein Stück weit zu verallgemeinern bzw. zu übertragen, um Aussagen über die vorliegenden Erkenntnisse hinaus tätigen zu können. Dies ist jedoch ohnehin nicht das primäre Ziel dieser Arbeit (wäre es dies, würde der Untersuchungsansatz anders gewählt – statt der exemplarischen Betrachtung einer Sendung beispielsweise eine streng empirische Analyse umfangreich gesammelten Datenmaterials mehrerer Tage oder Wochen), die sich bewußt einen umfassenden Überblick der Hintergründe und Zusammenhänge der politischen Fernsehberichterstattung konzentriert und die konkreten äußeren und inneren Einflüsse auf die Nachrichtenproduktion erfassen möchte.

2 Das Fernsehen als Medium der politischen Darstellung

2.1 Zum Begriff des Leitmediums

„Der bisher in der Medienforschung benutzte Terminus ‚Leitmedium‘ ist eine Beschönigung für eine dominierende Institution, die auch qualitativ die Öffentlichkeit verändert hat.“[21]

Im Zusammenhang mit dem Fernsehen wird von einer Vielzahl von Autoren immer wieder pauschal der Begriff des Leitmediums verwendet. Eine einheitliche Definition dafür liegt schon deshalb nicht vor, weil die dafür angelegten Kriterien wenig klar sind. Es drängt sich der Verdacht auf, daß möglicherweise die Ansicht vorherrscht, eine eindeutige Definition sei für das Fernsehen gar nicht nötig, da seine herausragende Stellung auch ohne größere Untermauerung unstrittig sei. So wird ohne weitere Begründung im wissenschaftlichen Sprachgebrauch etwas undifferenziert das Fernsehen oftmals als ein Medium bezeichnet, dem sowohl Einfluß auf die Gesellschaft als auch auf andere Medien beigemessen wird. Eine vielfach vertretene Charakterisierung des Fernsehens bringt Tenscher vor. Für ihn „[…] profitiert das Bildmedium Fernsehen gegenüber anderen Massenmedien von seiner […] visualisierenden Präsentationsweise.“[22]

Damit liegt er im Kontext der gängigen Meinungen, die bewegten Bildern eine starke, weil einprägsame Wirkung zuschreiben. Fernsehen wirkt danach nicht zuletzt deshalb authentisch und glaubwürdig, da man scheinbar alles mit eigenen Augen sieht. In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Fernsehen gravierend von konkurrierenden Medien wie Zeitungen/Zeitschriften oder Hörfunk. Als Bedingung für ein ‚Leitmedium‘ reicht dies freilich nicht. Diese Arbeit baut auf dem Fernsehen in seiner Funktion als ein, im Vergleich zu anderen, übergeordnetes Medium auf, denn es ist das Medium, indem sich die politische Akteure primär präsentieren und öffentlich kommunizieren.

Wie erwähnt wird verschiedentlich, in Anspielung auf die große Relevanz des Fernsehens, die Bezeichnung ‚Leitmedium‘ verwendet, ohne dies näher zu erläutern. Wilke kritisiert dies:

„Wenn von Leitmedien gesprochen wird, so geschieht dies vielfach ohne daß deutlich gemacht wird, auf welchen [...] Dimensionen diese Charakterisierung jeweils beruht. Das hat auch damit zu tun, daß es bisher nur vereinzelte empirische Untersuchungen zur Wirkung von Leitmedien gibt.“[23]

Laut Wilke sind mehrere Kriterien und Merkmale ausschlaggebend, um von einem ‘Leitmedium’ zu sprechen.[24] Für das Fernsehen als ‘Leitmedium’ spricht vor allem, daß es
- sich durch eine starke Verbreitung bzw. Reichweite auszeichnet
- als Prestigemedium in der Öffentlichkeit einen herausragenden Stellenwert genießt
- von gesellschaftlichen Entscheidungsträgern, Eliten und Journalisten (als Multiplikatoren von Meinungen) genutzt wird
- sich inhaltlich durch das frühzeitige Aufgreifen von Themen sowie formal durch eine besondere Aufmachung bzw. Gestaltung hervorhebt

Ohne allzusehr vom Wesentlichen abzuweichen, sollen aus dieser Auflistung die drei erstgenannten Punkte im Ansatz kurz erörtert werden.

Eine aktuelle Betrachtung der SWR Medienforschung belegt, daß fernsehen im Jahre 2002 die mit Abstand beliebteste Freizeitbeschäftigung ist.[25] Eine ARD/ZDF-Online-Studie aus dem Jahr 2001, welche die tägliche Nutzungsdauer von verschiedenen Medien miteinander vergleicht, besagt, daß unter diesen das Fernsehen das am häufigsten genutzte Medium ist.[26] Mit der Häufigkeit der Nutzung ist ebenfalls die Dauer im Verlauf der letzten Jahre stetig angestiegen: von 186 Minuten durchschnittlich im Jahre 1995 bis auf 205 Minuten im Jahre 2001.[27] Auch am Zuwachs der gemeldeten Fernsehgeräte läßt sich eine zunehmende Verbreitung und damit Relevanz des Mediums Fernsehen erkennen. Nach einer Berechnung des Statistischen Bundesamtes waren 2001 über 35 Millionen Geräte registriert.[28] Das Fernsehen ist das Medium, mit dem man heute aufwächst und alt wird, also in seiner Nutzung alle Altersstufen abdeckt.[29] Innerhalb keiner Altersgruppe ist eine signifikanter Nutzungsabfall erkennbar. Auffällig dabei ist die steigende Sehdauer mit zunehmendem Alter. Die genannten Zahlen sollen hier beispielhaft stehen für weitere Daten, die im einzelnen aber nicht aufgeführt werden.[30] Zusammenfassend läßt die Fernsehforschung die Erkenntnis zu, daß vor allem das Privatfernsehen einen weiter ansteigenden Fernsehkonsum bedingt.[31] Das Fernsehen gewinnt somit durch seine Ausbreitung eher noch weiter, als ohnehin schon vorhanden, an Bedeutung hinzu. Es kann zweifelsfrei festhalten werden, daß das Fernsehen faktisch ein Medium ist, welches sich durch eine starke Verbreitung bzw. Reichweite auszeichnet. Damit ist ein Kriterium nach Wilke für ein ‘Leitmedium’ erfüllt.

Fernsehen hat sich in Deutschland also etabliert, was nicht nur die zuvor zitierten Untersuchungswerte verdeutlichen. Aus medienperspektivischer Sicht betrachtet leben wir gegenwärtig im Fernsehzeitalter. Es deutet sich an, daß das Fernsehen tatsächlich ein Prestigemedium mit einem in der Öffentlichkeit herausragenden Stellenwert darstellt, wie es ein weiteres Kriterium nach Wilke besagt.[32]

Über die Nutzung des Fernsehens von gesellschaftlichen Entscheidungsträgern, Eliten und Journalisten gibt es nur wenige Untersuchungen. Ein Grund dafür liegt in der Schwierigkeit, hierzu Daten zu erheben. Als empirisch eindeutig belegt sieht Schulz es an, daß Informationen aus den Massenmedien oft unmittelbar relevant für politische Entscheidungen sind.[33] Die verstärkte Nutzung eines Leitmediums durch Journalisten ergibt sich nach Wilke schon dadurch, daß diese

„[…] qua Profession intensiv andere Medien zur eigenen Unterrichtung heranziehen, auch solche, deren politische Richtung sie sich selbst nicht zu eigen machen.“[34]

Geht man davon aus, daß sich über die Nutzungsdaten eine Korrelation des TV-Konsum der benannten Entscheidungsträger und Eliten mit ihrem abgeschlossenen Bildungsstand herstellen läßt, erhält man zudem ein weiteres Indiz. Höhere Bildungsabschlüsse liegen in der Sehdauer zwar unterhalb der Durchschnittswerte der Gesamtbevölkerung, weichen aber nicht signifikant ab.[35] Sehr wohl sind Unterschiede erkennbar in den Programmpräferenzen. Höher gebildete Zuschauer bevorzugen öffentlich rechtliche Programme gegenüber der Präferenz von Zuschauern mit niedrigerem Bildungsabschluß für private Programmanbieter.[36] Ähnlich verhält es sich mit der Interessenlage. Mit steigendem Politikinteresse wächst die Zahl der genutzten öffentlich-rechtlichen Medienangebote, die Nutzung der Privaten dagegen nicht.[37]

Folgt man diesen Kurzausführungen, so kann man die drei erstgenannten Kriterien eines Leitmediums zumindest in ihren Grundzügen als erfüllt betrachten. Eine tiefergehende Überprüfung würde den Rahmen an dieser Stelle bei weitem sprengen. Zudem sollte in diesem Abschnitt nicht der definitive Beweis nach Wilke erbracht, sondern vielmehr aufgezeigt werden, an welchem Rahmen sich eine Beurteilung eines Leitmediums orientieren kann. Von deutlich relevanterem Interesse für diese Arbeit sind jene Aspekte, welche ein Thema durch eine besondere Aufmachung bzw. Gestaltung hervorheben. Sie sind als letztgenanntes Kriterium nach Wilke in der Auflistung geführt und werden an dieser Stelle nicht weiter erörtert, da sie als zentrale Bestandteile dieser Arbeit nachfolgend ohnehin breiten Raum einnehmen werden.

2.2 Fernsehen unter dem theoretischen Aspekt der Politikvermittlung

„[Die] Bedeutung des Fernsehens als Vermittler politischer Information ist insgesamt sehr groß […]: Über 90 Prozent der Deutschen sehen nach eigenem Bekunden täglich oder fast täglich Nachrichten im Fernsehen […].“[38]

Dieser Abschnitt erörtert die Frage, inwieweit das gezeigte fernsehspezifische Politikbild in den privat-kommerziellen Fernsehnachrichten dem klassischen Verständnis des Begriffs der Politikvermittlung entsprecht. Um eine Antwort darauf zu finden, ist eine Klärung der Bedeutung von Politikvermittlung von Nöten. Einen Vorschlag liefert der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, Schneider. Für ihn bedeutet Vermittlung

„[…] ‘dem Gegenstand eine Form zu geben, die die Situation des Adressaten bereits voraussetzt und berücksichtigt‘. Vermitteln heiße nicht ‚nur hoffen und wollen, daß der Zuschauer etwas versteht. Es heißt wissen, weshalb er versteht und weshalb nicht...‘.“[39]

Es stellt sich die Frage, wie das Fernsehen die verschiedenen Situationen der Adressaten kennen bzw. sie im Rahmen einer pauschalen Vermittlung berücksichtigen soll? Ein derartiger Anspruch würde klar über die Funktion von Nachrichtensendungen hinausgehen. Zudem senden die zuschauerstärksten Vollanbieter am allgemeinen Abstraktionsniveau und Massengeschmack orientierte Inhalte, die kaum individuelle Bedürfnisse erfüllen können.

Das Beispiel Schneiders zeigt, daß in der nicht eindeutigen Verwendung des Begriffes Politikvermittlung eine grundlegende Problematik des Verständnisses inne liegt. Politikvermittlung ist zu einem geläufigen und viel gebrauchten Terminus geworden, der inhaltlich viele, je nach Anwendung und Intention auch gegenläufige Aspekte vereint.[40] Bereits in den achtziger Jahren wurde der Versuch unternommen, zu beschreiben, wie Politikvermittlung aussehen könnte. Bruns/Marcinkowski weisen darauf hin, daß „es keine allgemein akzeptierten Kriterien für die richtige Politikvermittlung“[41] gibt, da sich verschiedene Autoren von verschiedenen Seiten dem Terminus nähern.[42] Dennoch muß der Versuch unternommen werden, einen verbindlichen Qualitätsmaßstab auszumachen. Primär kann eine Annäherung über die Offenlegung der inhaltlichen Anforderungen an den Begriff Politikvermittlung erfolgen. Den hiesigen Bezugsrahmen hierzu bildet die Betrachtung nach Sarcinelli. Zum einen, weil darauf auch von Medien- und Politikwissenschaftlern häufig verwiesen wird, zum anderen weil die von Sarcinelli angelegten Kriterien nicht starr sind, sondern eher als Maßstäbe im Sinne einer Empfehlung angesehen werden können.[43]

2.2.1 Normativer Bezugsrahmen nach Sarcinelli

Sarcinelli folgend sind es vor allem vier Maßstäbe, an denen sich Politikvermittlung messen läßt:

- Zugangspluralität und –offenheit: Der Zugang zum Informations- und Kommunikationssystem darf in der Demokratie nicht exklusiv sein. Politikvermittlung in der Mediengesellschaft muß sich deshalb aus einer Vielzahl von Quellen speisen.
- Richtungspolitische Pluralität: Durch die Vielfalt von Informationsmöglichkeiten muß Politikvermittlung die Pluralität politischer Richtungstendenzen zum Ausdruck bringen.
- Pluralität von Komplexitätsgraden: Durch ein differenziertes Angebot mit unterschiedlichen Komplexitätsgraden muß Politikvermittlung verschiedene Adressatengruppen und Teilöffentlichkeiten erreichen können.
- Kommunikative Rückkopplung: Schließlich darf Politikvermittlung keine einseitig gerichtete Elite-Bürger-Kommunikation sein. Vielmehr muß sie auch offen sein für Interessenvermittlung vom Bürger zur politischen Führung.

Folgt man diesen Ansichten und wendet sie auf das Fernsehen an, müssen sich Nachrichtensendungen als die klassische Sendeform der Politikvermittlung also durch genannte Grundeigenschaften auszeichnen.

Die Zugangspluralität ist beim Fernsehen eindeutig gegeben. Dafür sprechen nicht zuletzt die Zahlen der Fernseh-Nutzungsforschung. Für Merten ist das Fernsehen das „[…] leistungsfähigste Medium für Politikvermittlung“ .[44] Marcinkowski sieht die besondere Qualität des Mediums Fernsehen in seiner flächendeckenden Verbreitung und damit einzigartigen Reichweite. Diese Eigenschaft des Fernsehens ist in seinen Augen gleichzeitig ein Ausschlußkriterium für andere gesellschaftliche Institutionen wie Vereine, Verbände oder politische Parteien, eine Politikvermittlungsleistung erbringen zu können.[45]

Weniger eindeutig ist der Befund bezüglich der richtungspolitischen Pluralität. Dazu gibt es sicherlich eine Vielzahl von Meinungen und Thesen, abhängig vom persönlichen und politischen Hintergrund. In Deutschland erfolgt die politische Einflußnahme im Fernsehen längst nicht so massiv wie in anderen Demokratien Europas, beispielsweise wie in Italien unter Berlusconi, der als Medienbesitzer und Staatspräsident in Personalunion fungiert. Am Beispiel des ZDF, nur einem unter unzähligen dieser Art, wird jedoch auch hierzulande zumindest eine Zweideutigkeit der Situation erkennbar. Fakt ist, daß im Rundfunkstaatsvertrag das Gebot der Staatsferne festgeschrieben ist.[46] Zumindest vordergründig scheint dies im Programm auch gegeben. Keine größere Sendeanstalt kann es sich im Hinblick auf ihre Glaubwürdigkeit erlauben, offen für eine Partei oder einen Kandidaten Position zu beziehen und sich so dem Vorwurf auszusetzen, sich instrumentalisieren zu lassen. Fakt ist aber auch, daß die gleichen Parteien, deren Politik im Fernsehen kommentiert wird, in den Landesmedienanstalten und in den Aufsichtsgremien öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten vertreten sind. Dabei erfolgt die Einflußnahme zum Teil sehr direkt nach parteipolitischem Kalkül. Dafür gibt es mehrere Indizien und Belege und zeigte sich beispielsweise erst kürzlich im ZDF-Fernsehrat, als sich die Parteien und ihre vertretenen Freundeskreise über Monate hinweg nicht auf einen neuen Intendanten einigen konnten.[47] Zum Ende der Debatte kam es zu öffentlichen Forderungen, der Fernsehrat müsse entpolitisiert werden.[48] Viel direkter und mitunter doch verworrener liegen die Fakten bei den privaten Rundfunksendern. Die Beteiligungen von Privatunternehmen, am Beispiel RTL sind dies CTL-UFA (87Prozent), WAZ (11Prozent) und Deutsche Bank (2Prozent),[49] lassen keinen unmittelbaren Rückschluß auf parteipolitische Bindungen oder Präferenzen zu. Jedoch kann nicht von vollkommen unpolitisch ablaufenden Beteiligungen ausgegangen werden.[50] Dieses Beispiel ist damit längst noch nicht vollständig und soll auch nicht weiter thematisiert werden. Es zeigt aber bereits im Kurzen die verschiedenen Aspekte dieses Kriteriums. Um ein nur annähernd differenziertes Bild hinsichtlich der richtungspolitischen Plurale zeichnen zu können, wäre eine gesonderte Bearbeitung hinreichend notwendig, die vor allem die politischen Informationsangebote (insbesondere die Nachrichtensendungen) auf ihre politischen Aussagen hin untersucht. Damit wäre jedoch noch immer keine abschließende Bewertung möglich, denn es bleibt offen, welches politische Bild außerhalb der speziellen Programmformen, beispielsweise in Spielfilmen oder Unterhaltungsshows vermittelt wird.

Interessanter für diese Arbeit ist hingegen der Maßstab der Pluralität von Komplexitätsgraden. Bei der Nachrichtensendung ‚RTL Aktuell‘ handelt es sich zweifelsfrei um ein Angebot der Politikvermittlung mit einem eigenen, senderspezifischen Komplexitätsgrad. In diesem Sinne ist als Ergebnis der exemplarischen Betrachtung zu erwarten, daß sich ‚RTL Aktuell’ selbst eher nicht durch eine hohe Pluralität verschiedenartiger Komplexitätsgrade auszeichnen wird. Vielmehr muß die Funktion dieser Nachrichtensendung im Gesamtgefüge betrachtet werden, als eine bestimmte Sende- und Vermittlungsform von politischen Nachrichten, die auf ein bestimmtes Nutzungspublikum zielt. Diesen Komplexitätsgrad gilt es im weiteren zu beleuchten. Inwieweit das Kriterium damit zumindest bezüglich der Politikvermittlung durch Fernsehnachrichten im Gesamten erfüllt ist, könnte nur ein Vergleich zwischen unterschiedlichen Nachrichtensendungen öffentlich-rechtlicher und privat-kommerzieller TV-Anbieter beleuchten. Dies ist jedoch nicht Bestandteil und Hintergrund der Themenstellung.

Bezüglich der kommunikativen Rückkopplung läßt sich festhalten, daß das Fernsehen an sich ursprünglich nicht als interaktives Medium angelegt wurde. Die Haupttätigkeit des Konsumenten bleibt bis heute die passive Nutzung. Gleichwohl haben sich in den letzten Jahren immer verstärkt Tendenzen herausgebildet, die den Zuschauer partizipieren lassen. Vor allem die Einführung und Ausbreitung des Internets übt diesbezüglich eine wichtige Erweiterungsfunktion aus. Auch das Telefon wird als traditionelles Beteiligungsmedium genutzt. Allerdings tritt die Zuschauerbeteiligung vor allem auf Unterhaltungsebene auf. Im Rahmen politischer Informationssendungen ist sie eher selten und innerhalb von Nachrichten praktisch nicht existent. Gegenwärtig stellt sich das Fernsehen in seiner Erscheinungsform eher als ein einseitig gerichtetes Medium der Elite-Bürger-Kommunikation dar.

Ob sich Fernsehnachrichten als Medium zur Politikvermittlung eignet, läßt sich nicht abschließend sagen, auch wenn die angelegten Kriterien zumindest teilweise erfüllt werden. Somit kann dem Fernsehen ansatzweise eine potentielle Politikvermittlungsleistung attestiert werden. Allerdings verdient, wie angedeutet, eine endgültige Bewertung eine umfangreichere und möglicherweise vergleichende Auseinandersetzung insbesondere mit den Kriterien der richtungspolitischen Pluralität sowie der Pluralität von Komplexitätsgraden.

2.2.2 Politikvermittlungsleistung privater Anbieter

Unabhängig des normativen Bezugsrahmens muß laut Jarren die besondere Rolle der Medien im Gesamtgefüge berücksichtigt werden.[51] Während die meisten Akteure wie Parteien, Gewerkschaften, Kirchen oder Verbände bestimmte Interessen und Ziele in Staat und Gesellschaft verfolgen, fungieren die Medien im Idealfall eher als Vermittler dieser Interessen ohne eigene ideologische Linie. Jedoch hat sich laut Jarren insbesondere für das Privatfernsehen, das keine Rundfunkgebühren bezieht, immer stärker die Notwendigkeit aufgedrängt, sich aus seiner neutralen Position zu entkoppeln (sofern sie jemals neutral bezeichnet werden konnte) und sich eigenständig als Wirtschaftsunternehmen zu positionieren. Noch weitaus stärker als die öffentlich-rechtlichen Programme muß das privat-kommerzielle Fernsehen auf die Konkurrenzsituation am Markt und das weitverbreitete ‚Zapping‘-Verhalten der Zuseher reagieren.

„Die beobachtbare Werbemarkt- und Publikumsorientierung konfligiert mit der Orientierung auf politische Akteure, deren Vermittlungsbedarf an Themen und mit der Notwendigkeit, daß Mediennutzer nicht nur als Rezipienten (oder gar als ‚Kunden‘), sondern eben auch als Bürger anzusehen und zu informieren sind.“[52]

Auch private Anbieter verfolgen also ein Eigeninteresse, das sich auf den Erfolg am Markt richtet und somit von der reinen Vermittlungsfunktion differieren kann. Sie verstehen sich weniger als Werkzeuge oder Vermittler, sondern als Dienstleister gegenüber einem breiten Fernsehpublikum und übernehmen insoweit eine eigenständige Vermittlungsrolle mit entsprechenden Folgen, die von Marcinkowski folgendermaßen beschrieben werden: „Themenselektion, -aufbereitung und –darstellung verändern sich (‚Serviceorientierung‘, ‚Boulevardisierung‘, ‚Infotainment‘).“[53]

Des weiteren äußert er generelle Bedenken an den potentiellen Politikvermittlungsfähigkeiten der Privatsender.[54] Es sei zu hinterfragen, ob als Konsequenz der verstärkten Quotenorientierung, sowie der damit verbundenen Massenattraktivität, eine Politikvermittlungsleistung überhaupt möglich sein könne. Marcinkowski stellt die These auf, daß eher eine Marginalisierung politischer Inhalte bis hin zu einer weitgehenden Entpolitisierung der Programme zu erwarten sei, würde man Privatfernsehen mit der Politikvermittlung betrauen.

„In den verbleibenden Restbeständen an Informationsleistungen würden harte Nachrichten und kritische Berichterstattung zunehmend von Softnews und Infotainment verdrängt, und die Zuschauer würden durch das Überangebot an leichter Programmware zu einem regelrechten Unterhaltungsslalom verleitet, der die Berührung mit medialer Politikvermittlung immer perfekter zu vermeiden helfe.“[55]

Unbestritten gewinnen in der Politikvermittlung Anbieter Formen mit unterhaltendem Charakter an Bedeutung. Inwieweit die Grenzen zwischen Informations- und Unterhaltungsprogrammen in der Darstellungsweise privater Fernsehnachrichten verwischen können, zeigt diese Arbeit am Beispiel von am Beispiel von ‚RTL Aktuell‘ auf. Gerade die beiden von Marcinkowski benannten Aspekte des ‚Infotainment‘ und der ‚Boulevardisierung‘ bilden dabei wichtige Bezugsgrößen.

2.3 Nutzungsverhalten und Sichtweisen zu Informationsangeboten

„Allein das Fernsehen erreicht sein Publikum fast völlig im Freizeitbereich. Das hat weitreichende Konsequenzen für die Nutzungsintensität und Informationsaufnahme wie –verarbeitung. Aufmerksamkeitszuwendung und Selektionsverhalten der Rezipienten unterschieden sich beim Fernsehen fundamental von allen anderen Medien, die für die Vermittlung politischer Informationen in Betracht kommen.“[56]

Diese Einschätzung von Pöhls wird auch von anderen Experten geteilt.[57] Demnach verarbeiten Rezipienten nicht alle ihnen zur Verfügung stehenden Informationen. Die Wahrscheinlichkeit, daß eine Information verstanden und für die spätere Urteilsbildung herangezogen wird, hängt von den Merkmalen der Botschaft ab. Auffällige, emotionale und lebhafte Informationen werden besser behalten und zur Urteilsbildung herangezogen. Den psychologischen Verarbeitungsvorgang beschreibt Schicha folgendermaßen:

„Rezipienten verkürzen und vereinfachen Probleme und Sachverhalte. Sie überführen Einzelheiten der repräsentativen Meldungen schon während der Informationsaufnahme in allgemeine semantische Kategorien. […] Die daraus abgeleiteten Schemata reduzieren die Komplexität der Welt auf ein erträgliches Maß und erlauben es, neue Informationen schnell mit bestehenden Informationen in einer einfachen und regelhaften Verallgemeinerung zu verknüpfen.“[58]

Eine Hinweis darauf, wie die intellektuelle Verarbeitung von Fernsehnachrichten unter qualitativen Gesichtspunkten beurteilt werden kann, liefert Ruhrmann mit seiner Arbeit.[59] In einer Studie zur TV-Nachrichtenrezeption wurden Fernsehzuschauer unmittelbar nach Beendigung der beiden Nachrichtensendungen ‚ZDF-heute‘ und ‚Tagesschau’ befragt. Seine Untersuchungen bezogen sich dabei nicht allein auf das Erinnerungsvermögen von komprimiert vorgetragenen Einzelnachrichten, sondern auf die Fähigkeit zur Wiedergabe ganzer Sendungsinhalte.

Durchschnittlich nur maximal 25 Prozent der Inhalte konnten vom Zuschauer anhand von Vorlagen wiedergegeben werden. Wiederum nur ein Teil dieser Erinnerung konnte auch durch Erzählungen verbalisiert werden. Von den Nachrichten, die wiedergegeben werden konnten, hatte die Mehrzahl konfliktreiche, negative und folgenreiche Inhalte.[60] Ruhrmann konnte aufzeigen, daß die Fähigkeit zum Verstehen und Wiedergeben im engen Zusammenhang mit Hintergrundwissen, Schulbildung, politischen Interesse und Mediennutzungsgewohnheiten des Zuschauers steht.[61]

Damit bestätigt Ruhrmann indirekt die Ausführungen Schichas betreffend der Reduktion von Informationen sowie des Überführen und Einordnen in Kategorien. Diese Ergebnisse sind von übergeordnetem Interesse, da die Medienforschung dem Fernehen gegenüber anderen Medien unlängst eine Hauptfunktion in der politischen Informationsvermittlung zugeschrieben hat. Im Rahmen der Langzeitstudie zur Mediennutzung und Medienbewertung 1995 wurde die Reichweite politischer Informationsangebote verschiedener Medien miteinander verglichen. Das Fernsehen zeigt sich hier gegenüber dem Hörfunk und vor allem den Tageszeitungen überlegen. Die Bedeutung konnte inzwischen noch weiter zunehmen. Einer repräsentativen Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach zufolge steht es auch aktuell bei den Bundesbürgern als Informationsquelle an erster Stelle. Für 73 Prozent ist das Fernsehen der häufigste Nachrichtenträger.[62] Das heißt, politische Informationsangebote werden am ehesten im TV wahrgenommen.[63]

Nachfolgende Angaben liefern einen zusammenfassenden Kurzüberblick über die aktuellen Forschungserkenntnisse zur Mediennutzung.[64] Dies ist insofern aufschlußreich, weil ein großer Privatanbieter wie RTL sein Programm ganz natürlich an der Erwartungshaltung seines Zielpublikums anpaßt. Denn, wie bereits angesprochen, gelten auch für politische Informationsprogramme die Marktgesetze des privat-kommerziellen Fernsehen. Man muß sogar sagen für dieses Programmsegment in besonderem Maße. Über ein glaubwürdiges Informationsprogramm im allgemeinen und eine erfolgreiche Nachrichtensendung im speziellen kann ein Sender beträchtlich an Reputation gewinnen. RTL preist denn auch ‚RTL Aktuell‘ als „Flaggschiff“ sowie als „feste Institution in der schnellebigen TV-Landschaft“ an.[65]

Die Nutzungsvorlieben der Zuschauer kann als eine Art Richtschnur für die inhaltliche Ausgestaltung betrachtet werden. Dabei muß innerhalb einer Analyse zwischen privatem und öffentlich-rechtlichem Publikum differenziert und die elementaren Unterschiede im Programm kenntlich gemacht werden. Zu beachten ist, daß die auf dieser Ebene vorgestellten Befunde über die Anteile an der Gesamtnutzung nicht bedeuten, daß alle Zuseher ihre Nutzung entsprechend aufteilen. Vielmehr können durchaus unterschiedliche Reaktionen des gleichen Fernsehpublikums auf verschiedene Informationsangebote zugrunde liegen. Theoretisch sind also zumindest zwei Reaktionsmuster denkbar: Zuschauer schalten überwiegend entweder öffentlich-rechtliche oder private Programme ein. Oder aber die Zuschauer stellen sich eine bestimmte Mischung aus öffentlich-rechtlichen oder privaten Informationsprogrammen zusammen und zeigen somit ein duales Nutzungsverhalten. Bezogen auf die politischen Informationsprogramme zeigen sich signifikante Unterschiede vor allem im Vergleich der Zuschauernutzung und -bewertung. Öffentlich-rechtliche Zuseher unterscheiden sich gegenüber Sehern privater Sender in ihrem Nutzungsverhalten.

„Das Publikum öffentlich-rechtlicher Programme nutzt das politische Informationsangebot an einem durchschnittlichen Tag nicht nur häufiger als das Publikum privater Programme, es nutzt auch ein qualitativ anders strukturiertes Angebot. Die beiden Publikumsgruppen unterschieden sich […] sehr deutlich im Umfang ihrer Rezeption ausführlicher Nachrichten, die vom Publikum des Privatfernsehens nur gut jeder zweite […] nutzt, vom Publikum öffentlich-rechtlicher Programme hingegen mindestens 70 Prozent.“[66]

Teilt man die befragten Zuschauergruppen gesondert nach ihrem Interessen an Politik ein (stark – mittel – schwach), so erhält man Ergebnisse analog des getroffenen Zitates. Zuseher mit starkem politischem Interesse sehen zu 62 Prozent das öffentlich-rechtliche Programm gegenüber 47 Prozent Anhängern des privat-kommerziellen Rundfunks. Gegenteilig verhält es sich beim Publikum mit schwachem Interessen an Politik. Hier bevorzugen noch 48 Prozent das öffentlich-rechtliche Angebot. Die Mehrheit von 56 Prozent schaltet eher das Privatfernsehen ein.[67] Die unterschiedlichen Profile der Zuschauer werden auch sichtbar, wenn man sie nicht nur anhand der Nutzung, also Einschaltquoten mißt, sondern sie die Programmformen des dualen System ebenfalls bewerten läßt. Erneut bestätigt sich dabei eine Korrelation zwischen der Senderbindung und dem politischen Interesse des Fernsehzuschauers. Darschin/Frank merken begleitend zur Erhebung über die ‚Tendenzen im Zuschauerverhalten‘ aus dem Jahr 1996 an, daß das politisch interessierte TV-Publikum eine „ausgeprägtere Vorliebe für die öffentlich-rechtlichen Sender“[68] hat. Diese Grundtendenz ist auch heute noch gegeben. In der aktualisierten Studie von 2002 mit gleichem Titel kommen Darschin/Gerhard zu dem Schluß, daß die Akzeptanz öffentlich-rechtlicher Anstalten unverändert vom politischen Interesse ihrer Zuschauer abhängt.

„Wer sich für Politik interessiert, hält auch im Jahr 2001 die öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme in besonderem Maße für unverzichtbar […]. Je politischer die Fernsehzuschauer, desto größer ist auch die emotionale Bindung an die öffentlich-rechtlichen Sender, je unpolitischer sie sind, desto höher ist die Akzeptanz von RTL, SAT.1 und ProSieben. […] Während das Publikumsurteil über die Privatsender von deren Unterhaltungs- und Entspannungsfunktion bestimmt wird, gelten die öffentlich-rechtlichen Programme als Informationssender […].“[69]

Im Rahmen der Studie zur Massenkommunikation wurde außerdem aufgezeigt, daß Zuschauer des Privatfernsehens zu gut einem Drittel keinen Gebrauch von einem politischer Informationsangebot machten. Die Hauptursache vermutet Pöttker in der Angebotsvielfalt, bedingt durch die Vielzahl privater Sender.

„Je breiter die Programmpalette, desto verlockender scheint es zu sein, politische Informationssendungen zu umgehen und sich mit Hilfe der Fernbedienung im Unterhaltungsslalom durch den Fernsehabend zu schlängeln.“[70]

Es gibt aber auch noch eine weiteren relevanten Grund, weshalb die privaten Informationsangebote weniger frequentiert sind. Wie hinlänglich bekannt führen Unzufriedenheit und Politikverdrossenheit zu einer Abnahme politischen Interesses. In einer Untersuchung der ARD-Medienkommission aus dem Jahr 2001 konnten für den Verlauf über zwölf Monate signifikante Unterschiede zwischen den Stammsehern der ‚Tagesschau‘ und den regelmäßigen Zuschauern von ‚RTL Aktuell‘ sowohl hinsichtlich der Einschätzung der wirtschaftlichen Lage als auch der Zufriedenheit mit der Bundesregierung nachgewiesen werden.[71] Danach beurteilen die ‚RTL Aktuell‘-Nutzer die wirtschaftliche Situation in Deutschland deutlich schlechter als die wesentlich optimistischer eingestellten ‚Tagesschau‘-Seher.[72] Ähnlich verhält es sich bei der Zufriedenheit mit der rot-grünen Regierung. Die Zuschauer der ‚Tagesschau‘ sind im Erhebungszeitraum mit der Arbeit der Bundesregierung zufriedener als die eindeutig skeptischeren ‚RTL Aktuell‘-Seher.[73] Insgesamt kann festgehalten werden, daß nach vorliegenden Forschungsergebnissen die privat-kommerziellen Sender nicht nur seltener über Politik, sondern auch knapper, einseitiger und negativer berichten als ihre öffentlich-rechtliche Konkurrenz.[74] Die politisch Interessierten Zuseher wenden sich insbesondere ARD und ZDF zu, die Uninteressierten findet man eher bei den unterhaltungsorientierten Privatsendern.

Aus den Ausführungen dieses Abschnitts lassen sich also zwei Schlüsse ziehen.

1. Die Art der Darstellung von politischen Geschehnissen und Themen beeinflußt die Beurteilung und damit auch das Interesse an Politik. Ein negativer Zusammenhang dieser Korrelation ergibt sich explizit für die Informationsprogramme der privat-kommerziellen Anbieter.
2. Besonders bei den Privaten stehen politische Inhalte im Fernsehen in direkter Konkurrenz zu Unterhaltungsprogrammen. Die Verbindung von politischer Information und Unterhaltung wird daher nochmals in einem eigenen Abschnitt aufgegriffen. Für die Themenstellung dieser Arbeit ist dies von Relevanz, weil festzustellen ist, inwieweit eine verstärkte Unterhaltungsorientierung insbesondere innerhalb des privaten Fernsehens, vorliegt und welchen Einfluß sie auf die Art der Darstellung nimmt, die wiederum, siehe 1., die Beurteilung beeinflußt.

2.4 Bedeutung von Nachrichtensendungen

„Fernsehnachrichten sind effektive soziale und politische Faktoren, ‚Steuerungsinstrumente‘, in ihnen kristallisiert sich, an ihnen mißt sich gewissermaßen das Ideal demokratischer Öffentlichkeit […].“[75]

Ebenso wie Kübler in angeführtem Zitat spricht auch Meyer den Fernsehnachrichten eine elementare Bedeutung zu. Für ihn spiegeln sich im Anspruch an eine demokratische Öffentlichkeit drei Funktionen wieder, zu denen Nachrichten ihren Beitrag leisten (können): die Transparenzfunktion, die Validierungsfunktion sowie die Orientierungsfunktion.[76]

Die Transparenzfunktion besagt, daß jeder die Chance haben muß die Politik und die auf sie bezogenen Prozesse in der Gesellschaft zu verstehen. Die Validierungsfunktion ist eine Bewertungsfunktion, die ausdrückt, daß jeder eine eigene Position zu Themen und Meinungen entwickeln und beziehen können muß. Die Orientierungsfunktion will erreichen, daß sich in einem öffentlichen Raum Informationen und Argumente so begegnen können, daß sie zu einer begründeten öffentlichen Meinung führen, an denen sich der Einzelne und auch die Politik orientieren kann. Meyer räumt aber gleichermaßen ein, daß es fraglich ist, ob „im Infotainment-Zeitalter eine solche demokratische Funktion überhaupt noch möglich“ ist.[77]

Da in der Realität für Pöttker Isoliertheit und Geschlossenheit der gegebene Zustand ist, muß Öffentlichkeit hergestellt werden, um die angesprochenen Funktionen überhaupt erfüllen zu können.[78] Hier sieht er den Nachrichtenjournalismus gefordert, dessen konstitutive Aufgabe es sei, für die Herstellung von Öffentlichkeit zu sorgen und diese aufrecht zu erhalten. Dem steht Nohlen kritischer gegenüber. Er verweist auf die Klagen, daß zunehmend eine ‚hergestellte‘ Öffentlichkeit den öffentlichen Diskurs ersetzte, sich auf kommerziell agierende Medien richten würde und durch mediale Einwirkung die ‚normale‘ Öffentlichkeit zu überformen drohe.[79] Allerdings leitet die Vorstellung, es gäbe lediglich eine einzige Öffentlichkeit, zu falschen Rückschlüssen bei beiden Autoren. Pluralistische Demokratien erzeugen eine Vielzahl von Teilöffentlichkeiten.

Fernsehnachrichten sind das am stärksten beachtete Informationsangebot und damit für eine Vielzahl von Menschen die primäre Quelle aktueller politischer Vermittlung. Tenscher bezeichnet die Nachrichten als „[…] Prototyp der politischen Informationsvermittlung im Fernsehen.“[80]

Ihre Veranstalter stehen gewissermaßen in einer öffentlichen Verantwortung. Angelehnt an diese vielfältigen Funktionen definiert Wulff-Nienhüser, die beiden Ziele von Nachrichtensendungen müsse es seien, die wichtigsten Ereignisse des Tages bringen zu wollen und zudem zu versuchen, die Wirklichkeit so genau wie möglich abzubilden um sie dem Rezipienten nahezubringen.[81] Zur Erfüllung dieser Ziele stehen den Nachrichtensendungen ein relativ breites Spektrum an Stilmitteln zur Darstellung und Gestaltung der Informationen zur Verfügung.[82]

Fernsehnachrichten werden von den Rezipienten mit einem hohen Vorschuß an Glaubwürdigkeit und Vertrauen bedacht. Schmitz zufolge liegt dies an den neutralen Informationen, die das Publikum glaubt von den Fernsehnachrichten zu erhalten.[83]

Kübler sieht diese Neutralität gepaart mit Vollständigkeit und Verständlichkeit als eine notwendige Verpflichtung der Nachrichtensendungen an, die es dem Bürger ermöglichen sollen, sich ein eigenständiges Urteil zu bilden und an der demokratischen Entscheidungsfindung teilzunehmen.[84]

Gegen die Erfüllung dieses Ideals spricht die Tatsache, daß alle großen Nachrichtensendungen ein sehr breites Publikum ansprechen. Deshalb wird der inhaltliche Anspruch oft auf die minimalen, elementaren Informationsbedürfnisse beschränkt. Hinzu kommt die Verknappung aus zeitlichen Gründen, was einer umfassenden Urteilsbildung ebenfalls eher entgegen spricht. „Nachrichten [sind] zu kurz […], um die Komplexität von Politik im Industriezeitalter richtig einschätzen zu können.“[85]

Mit der Verknappung ist bereits einer der wesentlichen Faktoren der Nachrichtenbestimmung benannt worden. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit diesem Faktor erfolgt im weiteren Verlauf dieser Arbeit und zeigt auf, daß in diesem Abschnitt vorgebrachte Aspekte wie Vollständigkeit in der Realität der Nachrichtengestaltung von ‚RTL Aktuell‘ keine Rolle spielen. Nicht ausschließlich, aber auch vor diesem Hintergrund wendet sich Hättich gegen zu hohe Erwartungen an das Fernsehen. Er sieht die Fernsehnachrichten einer oftmals unsachgemäßen Kritik ausgesetzt. In seiner Beurteilung stellt sich nicht allein Frage, ob Nachrichten bestimmten Normen entsprechen, sondern welche Funktionen sie grundsätzlich ausfüllen können. Hättich schlägt vor, Nachrichtensendungen auf ihre Informationsfunktion, soziale Vermittlungsfunktion sowie Kritikfunktion zu beleuchten, um angemessenen über sie urteilen zu können.[86]

Bis in die achtziger Jahre hinein galt Politik in den Nachrichtensendungen als der prominenteste Gegenstand. Heute muß hier möglicherweise schwerpunktmäßig zwischen privat-kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Anbietern unterschieden werden.[87] Nichtpolitische Ereignisse und Geschehnisse, vor allem aber Naturkatastrophen und Unfälle bestimmten immer mehr den Nachrichtenalltag. Nichtsdestotrotz befindet sich die anfangs diesen Abschnitts getroffenen Deklaration von Fernsehnachrichten als politische „Steuerungsinstrumente“ im Kontext gängig vertretender Meinungen. Denn unbestritten ist, daß Fernsehnachrichten politische Prozesse beeinflussen können. Sie können Geschehnisse in ihren zeitlichen Dimensionen verlangsamen oder beschleunigen oder in qualitativer Hinsicht inhaltlich verändern. Schmitz liefert ein anschauliches Beispiel:

„Der Watergate-Skandal wurde nicht dann ‚real‘, als New York Times und Washington Post ihre Storys darüber veröffentlichten, sondern erst, als die beiden Blätter in den Fernsehnachrichten zitiert wurden.“[88]

Dies gilt insbesondere für die Hauptnachrichtensendungen am Abend. Ihre besondere Stellung innerhalb des Nachrichtenangebots hebt Pöhls hervor:

„Im Rahmen der politischen Berichterstattung kommt insbesondere den abendlichen Hauptnachrichten ein zentraler Stellenwert zu, da sie die größte Reichweite besitzen und täglich zur selben Zeit ausgestrahlt werden und somit einen hohen Wert hinsichtlich der Vorhersehbarkeit und Einplanung für die Nutzung seitens der Bürger haben.“[89]

Für Pöttker beruht die hohe Akzeptanz der Hauptnachrichtensendungen weniger auf einem Informationsbedürfnis, sondern vor allem auf „ritualisierte Nutzungsgewohnheiten“[90] am Abend. Die Abendnachrichten bilden die Spitze des Informationsangebots und stellen so oftmals das Aushängeschild oder Markenzeichen eines Senders dar. Besonders die ‚Tagesschau‘, die älteste und renommierteste aller klassischen Nachrichtensendungen, gilt als Vorreiter in Sachen Kompetenz und Seriosität.[91]

Unlängst ist der Nachrichtensektor als Profilierungsmöglichkeit und Mittel der Konkurrenz entdeckt und genutzt worden. Bruns/Marcinkowski bezeichnen die Nachrichten als „[…] einen wichtigen ‚Kampfplatz‘ im Wettbewerb der Fernsehveranstalter um Einschaltquoten.“[92]

Mitunter kann daher der Eindruck entstehen, durch das Einbauen von Nachrichtenformaten in die Hauptsendezeit am Abend wollen insbesondere Privatsender sich Seriosität und Glaubwürdigkeit aneignen. RTL-Geschäftsführer Zeiler betont: „Wir sehen die politische Berichterstattung insgesamt selbstverständlich als Aufgabe für einen großen Sender wie RTL.“[93]

[...]


[1] In: Chill/Meyn 1998, S. 50

[2] Mit dieser für ihn zentralen Aussage beginnt Luhmann sein Buch ‚Die Realität der Massenmedien‘. In: Luhmann 1996, S. 9

[3] In: Pöttker 1991, S. 98

[4] In: Schmitz 1995, S. 176

[5] Diese Trennung ist inzwischen nicht mehr so strikt wie früher. Auch die meisten öffentlich-rechtlichen Sender finanzieren sich zumindest teilweise über Werbeeinnahmen.

[6] Siehe Altmeppen 1996, S. 268 f.

[7] Hintergründe zur Erhebung der Sender-Marktanteile in Deutschland sind zu finden auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) [http://www.agf.de], einem Zusammenschluß von ARD, ProSiebenSat.1 Media, RTL und ZDF zur gemeinsamen Fernsehzuschauerforschung in Deutschland.

[8] In: Meyer 2001, S. 11

[9] Siehe Jarren 1998, S. 89

[10] Vgl. mit den Ausführen in ‚2.3 Nutzungsverhalten und Sichtweisen zu Informationsangeboten‘.

[11] RTL ist ein Kürzel und steht als solches für ‚Radio Television Luxemburg‘.

[12] Die Marktführerschaft drückt den höchsten Sehzeitanteil des eigenen Programms am gesamten Fernsehkonsum zum Meßzeitpunkt aus. Bei RTL waren dies im Jahr 2001 durchschnittlich 26 Min./Tag. In den zwischenzeitlich erhobenen Daten zum Monats- oder Halbjahresende liegen mitunter auch andere Sender an der Spitze der Erhebung. Mit Ausnahme von 1998 lag RTL im Zeitraum von 1994 bis 2001 am Jahresende immer vor einem der beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten. Vgl. „Entwicklung der TV-Marktanteile 1990 – 2001, Zuschauer gesamt“, in: IP-Deutschland [http://www.ip-deutschland.de/pages/422.html]

[13] Hinter der 'Tagesschau' und der 'heue'-Sendung ist ‚RTL Aktuell‘ die am dritthäufigsten eingeschaltete Hauptnachrichtensendung insgesamt. Darauf wird nochmals in Abschnitt ‚3.3 Fernsehnachrichten im Wettbewerb‘ gesondert hingewiesen.

[14] Siehe Schicha 1999

[15] In: Krüger 1997, S. 256

[16] In Klammern sind die jeweiligen Abschnitte der inhaltlichen Erörterungen genannt.

[17] In: Schulz 1997, S. 57

[18] Intrinsisch bedeutet, die Nachrichtenfaktoren sind im Prozeß der Nachrichtenproduktion selbst angelegt. Extrinsisch sind dagegen Einflüsse, die von außen kommen und daher für die Nachrichtenproduktion im Vergleich zu den intrinsischen Faktoren weniger wesentlich sind. Siehe Schulz 1997, S. 57 f.

[19] Bestes Beispiel sind die über einen langen Zeitraum ausgestrahlten täglichen Sondersendungen zur Hochwasserkatastrophe in Ostdeutschland.

[20] Dies wird jedoch nicht als Schwäche dieser Arbeit verstanden. Es soll an dieser Stelle lediglich zur Präzisierung und zur Vermeidung von eventuellen Unklarheiten erwähnt werden.

[21] In: Schmitz 1995, S. 169

[22] In: Tenscher 1998, S. 187

[23] In: Wilke 1999, S. 302

[24] Vgl. Wilke 1999, S. 302 f.

[25] 90,2 Prozent der befragten Personen sehen ein- oder mehrmals wöchentlich fern. Dahinter stehen mit ‚Zeitungen lesen‘ und ‚Radio hören‘ weitere, mit Mediennutzung verbundene, Tätigkeiten. Die erste nicht-mediale Aktivität folgt weit abgeschlagen mit 35,7 Prozent Sport treiben. Vgl. „Mediennutzung und Freizeitbeschäftigung 2002“, in: Medien Basisdaten [http://www.ard.de/ ard_intern/mediendaten/index.phtml?4_2].

[26] Die durchschnittliche Nutzungsdauer für das Fernsehen beträgt 205 Minuten, knapp vor dem Hörfunk mit 204 Minuten. Vgl. „Mediennutzung in Deutschland 2001“, in: DATEN OASE. Die BR-/BRW-Medienforschung [http://www.br-online.de/br-intern/medienforschung/md_allgemein/ mednutz.html].

[27] Erfaßt sind hier alle Zuschauer ab 14 Jahren. Vgl. „Entwicklung der Sehdauer, BRD gesamt 1995 bis 2001“, in: DATEN OASE. Die BR-/BRW-Medienforschung [http://www.br-online.de/br-intern/medienforschung/md_fs/fs_entwicklung.html].

[28] Vgl. „Angemeldete Hörfunk- und Fernsehgeräte in der BRD“, in: Medien Basisdaten [http://www.ard.de/ ard_intern/mediendaten/index.phtml?8_2].

[29] Vgl. „Zeitbudget für audiovisuelle Medien“, in: Medien Basisdaten [http://www.ard.de/ ard_intern/mediendaten/index.phtml?4_1] sowie „Sehdauer pro Tag in Deutschland West und Ost“, in: Medien Basisdaten [http://www.ard.de/ ard_intern/mediendaten/index.phtml?5_3].

[30] Vertieft werden können diese Erhebungen auf den jeweiligen Online-Seiten. Siehe auch unter ‚Daten und Statistiken‘ im Quellenverzeichnis.

[31] Siehe Kiefer 1998, S. 34

[32] Weitere Indizien, die ebenfalls eindeutig auf das Fernsehen als Prestigemedium hindeuten, liefern die Abschnitte ‚2.3 Nutzungsverhalten und Sichtweisen zu Informationsangeboten‘ sowie ‚2.4 Bedeutung von Nachrichtensendungen‘. Da die Daten und Ausführungen an dortiger Stelle sinnerschließender plaziert sind, sollen sie hier nicht nochmals aufgeführt werden.

[33] Vgl. Schulz 1997, S. 235 f.

[34] In: Wilke 1999, S. 303

[35] Am Beispiel der Erhebung über die „Reichweite des Fernsehens 1985, 1990 und 1995“ ergibt sich eine Differenz von durchschnittlich 5 Prozent. Siehe Kiefer 1998, S. 23

[36] Siehe Kiefer 1998, S. 23

[37] Siehe Wiedemann 2002, S. 255

[38] In: Gleich 1998, S. 54

[39] In: Teichert 1977, S. 57

[40] Zum Begriff der Politikvermittlung siehe Sarcinelli 1998, S. 11 f.

[41] In: Bruns/Marcinkowski 1997, S. 26

[42] Nach Marcinkowski gibt es mindestens zwei Herangehensweisen an den Begriff: Eine eher normative nach Sarcinelli sowie eine empirisch-analytische. Siehe Marcinkowski 1998, S. 166 f.

[43] Vgl. Sarcinelli 1998, S. 12 f.

[44] In: Merten 2002

[45] Vgl. Marcinkowski 1998, S. 167 f.

[46] Siehe „ZDF-Staatsvertrag (ZDF-StV) - Stand 10/2000“.

[47] Der ‚Spiegel‘ bezeichnete die Vorgänge ihrer Absurdität wegen als „Intendanten-Stadel“. Siehe ‚Spiegel-Online‘ vom 5.11.2001

[48] Siehe „Völlig absurde Vorstellung“. In: ‚Focus‘ 4/2002, S. 148 f.

[49] Angaben zur RTL-Beteiligung [http://www.tv-quoten.de/Sender-Infos/f_rtl/body_f_rtl.html].

[50] Das Nachrichtenmagazin ‚Focus‘ stuft beispielsweise die WAZ-Gruppe als SPD nah ein (siehe ‚Focus‘ Nr.25/2002, S. 174). Diese Ansicht muß jedoch keineswegs als verbindlich angesehen werden und würde in einer Beurteilung aus anderem Blickwinkel möglicherweise ganz anders ausfallen.

[51] Vgl. Jarren 2001, S. 16

[52] In: Jarren 2001, S. 16

[53] In: Jarren 2001, S. 16

[54] Vgl. Marcinkowski 1998, S. 169 f.

[55] In: Marcinkowski 1998, S. 170

[56] In: Pöhls 1989, S. 37

[57] Siehe z.B. Schicha 1999

[58] In: Schicha 1999

[59] Vgl. Ruhrmann 1994, S. 248 f.

[60] Erkenntnisse wie diese bestärken die verantwortlichen Nachrichtenredakteure, in ihrer Darstellung verstärkt auf Nachrichtenfaktoren wie Emotionalisierung/Dramatisierung und Konfliktbetonung zu setzten. Dies wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch aufgezeigt werden.

[61] Vgl. Ruhrmann 1994, S. 255

[62] Siehe „Zeitung gewinnt an Bedeutung“. In: ‚Darmstädter Echo‘ Nr. 158/2002 vom 10.08.2002, S. 2

[63] Die herausragende Stellung des Fernsehens und der daraus resultierende Prestigegewinn können als Indizien für ein ‚Prestigemedium‘, wie es in Abschnitt 2.1 thematisiert wurde, gelten.

[64] Ein Teil des Datenmaterials, auf welches hier verwiesen wird, stammt noch aus den neunziger Jahren. Das hat zwei maßgebliche Gründe: Zum einem werden bestimmte Erhebungen nicht jährlich, sondern in einem größerem Turnus durchgeführt. Zum anderen sind die aktuellsten Untersuchungen nicht immer schon veröffentlicht bzw. stehen der Öffentlichkeit generell nicht zur Verfügung. Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Der wohl ausschlaggebende besteht darin, daß die meisten Studien privatwirtschaftlich finanziert sind und somit unter Verschluß bleiben, schon alleine um Konkurrenten keine wertvollen Informationen zu liefern. Wo möglich wurde mit Erhebungen aus neuster Zeit gearbeitet.

[65] In: „Das Flaggschiff: RTL Aktuell“.

[66] In: Kiefer 1998, S. 29

[67] Siehe Kiefer 1998, S. 23

[68] In: Darschin/Frank 1998, S. 47

[69] In: Darschin/Gerhard 2002, S. 154

[70] In: Pöttker 1991, S. 102

[71] Siehe Wiedemann 2002, 255 f.

[72] Die Abweichungen bezogen auf die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage liegen über das Jahr verteilt im Mittelwert bei 12 Prozent.

[73] Für die Beurteilung über die Bundesregierung liegt die Differenz bei 9 Prozent (Mittelwert für das Jahr).

[74] Siehe Brettschneider 2002, S. 264

[75] In: Kübler 1979, S. 252

[76] Vgl. Meyer 2001, S. 14 f.

[77] In: Meyer 2001, S. 15

[78] Vgl. Pöttker 1999, S. 219 f.

[79] Vgl. Nohlen 2001, S. 339

[80] In: Tenscher 1998, S. 195

[81] Vgl. Wulff-Nienhüser 1982, S. 16

[82] Die einzelnen Darstellungsformen und Gestaltungselemente werden in Abschnitt ‚4.4 Kontext der Nachrichtenwiedergabe bei ‚RTL Aktuell‘‘ ausführlich vorgestellt.

[83] Siehe Schmitz 1995, S. 176

[84] Es ist kritisch anzumerken, daß wenn überhaupt Vollständigkeit, Objektivität und Verständlichkeit nur durch den täglichen und vor allem vergleichenden Konsum mehrerer Nachrichtensendungen zu erlangen sind. Vgl. Kübler 1979, S. 250

[85] In: Pöhls 1989, S. 36

[86] Vgl. Hättich 1973, S. 240 f.

[87] Siehe Abschnitt ‚3.3 Fernsehnachrichten im Wettbewerb‘.

[88] In: Schmitz 1995, S. 175. Hier findet sich ein neuerlicher Hinweis auf das Fernsehen als ‚Prestigemedium‘.

[89] In: Pöhls 1989, S. 37 f.

[90] In: Pöttker 1991, S. 102

[91] Dies wurde in mehreren Untersuchen unabhängig voneinander wiederholt bestätigt. Siehe zum Beispiel Wiedemann 2002.

[92] Vgl. Bruns/Marcinkowski 1997, S. 13

[93] Vgl. „RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler auf der Programm-PK“.

Ende der Leseprobe aus 156 Seiten

Details

Titel
Politik im Fernsehformat: Die politische Berichterstattung im privaten Fernsehen am Beispiel der Hauptnachrichtensendung 'RTL Aktuell'
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1.7
Autor
Jahr
2004
Seiten
156
Katalognummer
V23619
ISBN (eBook)
9783638267083
ISBN (Buch)
9783638736534
Dateigröße
1131 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Magisterarbeit im Fach Politikwissenschaft, die jedoch von der Fragestellung stark in den Bereich Medienwissenschaft / Journalismus tendiert
Schlagworte
Politik, Fernsehformat, Berichterstattung, Fernsehen, Beispiel, Hauptnachrichtensendung, Aktuell
Arbeit zitieren
Jörg Machcek (Autor), 2004, Politik im Fernsehformat: Die politische Berichterstattung im privaten Fernsehen am Beispiel der Hauptnachrichtensendung 'RTL Aktuell', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23619

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